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Der Aufstieg von Atlantis

Adesso

"Es gibt nun mal Bereiche im Leben, da sind Tod und Überleben so nah beieinander, sind so eng miteinander verflochten, dass althergebrachte Konzepte wie Freiheit oder Willenskraft, schlecht oder gut, neu überdacht werden müssen. Es bedarf des Mutes sie nicht als absolut zu betrachten." (Fabio Cantelli, SanPo, Doku-Serie über das Drogentherapiezentrum San Patrignano) 

 

14.06.2021

"Umgeben von Menschen, die sich alle für schön halten ohne sich wichtig zu nehmen. Ein oberflächlicher Eindruck, der jedoch seinesgleichen sucht. Wie gelangte ich an diesen Ort? Es war Sonntag und ich blätterte im `Leopard`, bereit einzuschlafen und am nächsten Wochenende in einer südlicheren Stadt aufzuwachen. Aber es ist Montag. Kein Feiertag. Über mir ein azurblauer Himmel, der Ruhe ausstrahlt. Um mich herum das Gezwitscher eines Cafes. Niemand trägt Schutzanzüge, ich sollte mich wundern, atme nur erleichtert auf. Lockup der Seele." 

 

13.06.2021

Dass sich nun alle nur erdenklichen Unternehmen auf das Thema Nachhaltigkeit und Klimaneutralität stürzen hat einen einfachen Grund - da gibt es jede Menge zu holen. Man wittert das große, staatlich subventionierte Geschäft, schwindelerregende Preise für neue Produkte, riesige Gewinnspannen, unermessliche Margen. Die Rettung des Planeten mag die Mission sein, sie weist aber auch dem Kapitalismus den Weg in ein goldenes Zeitalter. Wie üblich werden die Kosten (Investitionen) in Form von Förderprogrammen sozialisiert, bleiben die Gewinne privat. Nach und nach werden die Arbeitgeber entdecken, dass Homeoffice und dezentrales Arbeiten wirkungsvolle Prophylaxe vor lästigen Interessenvertretungen und gewerkschaftlicher Organisation sind. Es wird sich vieles ändern nur damit alles so bleibt wie es ist.  

 

12.06.2021

`Scheiße` lautet Annalenas Resümee ihrer Parteitagsrede. Wahrhaftig werden Politiker dann, wenn sie denken das Mikrofon sei ausgeschaltet. Frenetischer Beifall soll übertönen, dass die Kanzlidatin bei jedem Vorlesewettbewerb einer Grundschule mit dieser Rede durchgefallen wäre. Ob es denn zur Ablösung der sozialen Marktwirtschaft durch eine sozialökologische Marktwirtschaft kommt wird der Markt zeigen. Das jedenfalls ist sicher.

 

11.06.2021

Sand. Wasser. Alles was der Kind Gebliebene braucht. Italien gewinnt das Eröffnungsspiel der EM 3:0 und feiert es wie einen Tag der nationalen Befreiung. Man steht (im) Abseits. Zu viel Nähe.

 

10.06.2021

Robin Alexander setzt sich bei Maybrit Illner mit der Qualität der deutschen Corona-Politik auseinander. Neben ihm im Bildhintergrund impft die Antenne eines Fernsehturms den Himmel, von dem Jens Spahn das Blaue herunterlügt. Karl Lauterbach rechtfertigt die lockdowns durch die Signalwirkung deren Ankündigung. Wenn - wie er sagt - das Vertrauen der Bevölkerung in die Kompetenz und Glaubwürdigkeit von Experten und Entscheidern der Impuls der Verhaltensmodifikation der Bevölkerung war: wozu bedurfte es der Maßnahme dann? Dass diese den Effekt der Warnungen verstärkt haben bleibt eine steile Hypothese. Die Frage, ob der psychologische Effekt einer angekündigten Maßnahme genügender Sachgrund für die Vornahme von Restriktionen und Freiheitsbeschränkungen ist steht ungefragt und unbeantwortet im öffentlich-rechtlichen Raum.

Am Flughafen gibt man sich wenig Mühe zu überprüfen, ob die geforderte Online-Einreiseerklärung für Italien erfolgt ist. Man wirft beim Sicherheitscheck einen flüchtigen Blick auf die handschriftlich ausgefüllten Einreiseformulare. Danach dürfen sich die Fluggäste in einem nicht durchlüfteten Stauraum tummeln, wo sie darauf warten zum Flieger geleitet zu werden. Könnte der Virus lachen würde er sich gar nicht mehr einkriegen. 

 

09.06.2021

Der lange Winterschlaf der Vernunft endet mit einen Spatel an der Hirnhaut. Der Verfasser - negativ bis in die Haarspitzen - flieht und fliegt. Sommerpause.

 

08.06.2021

Helmut Kohl hielt Wort als er den Ostdeutschen blühende Landschaften versprach. Er verriet ihnen nur nicht, was ihnen blüht (die Blumen des Bösen). 

Im Internet werden Impftermine an den Meistbietenden verhökert. Das eigentlich Erstaunliche sind die Spottpreise. Zwischen 20 und 50 Euro für einen Termin. Niedrige Preise als verdeckte Todessehnsucht.

Jens Spahn zu kritisieren ist immer eine gute Idee. Dennoch: die derzeitige Maskenaffäre um die Ausgabe nicht hundertprozentig den technischen Normen entsprechende Masken ist ein Popanz. Es ist noch nicht lange her, da galten Stofffetzen als kommod.   

Wie schön, dass es in dieser Zeit der Unsicherheit und des Wandels Konstanten gibt, auf die Verlass ist. Die Fraktionen der Regierungsparteien konnten sich nicht darauf verständigen Kinderrechte ins Grundgesetz aufzunehmen. Das wäre in Anbetracht der Vielzahl der von der Pandemie besonders schwer betroffenen Kinder auch fatal gewesen: man stelle sich vor die bürgerliche Mitte müsste sich nun auch noch mit gestärkten Rechten für frustrierte, deprimierte, suizidgefährdete und fettleibige Rotzblagen auseinandersetzen.

Was sagt es über eine Demokratie aus, wenn nicht Inhalte gewählt werden sondern starke (oder stark erscheinende) Personen? Dass man sich im Grunde damit begnügen möchte zu wählen, welchen autoritären Charakter man bevorzugt. 

 

 

07.06.2021

Es ist zu begrüßen, dass die AfD in Sachsen-Anhalt in die Schranken gewiesen wurde. Bedenklich ist, dass diese Schranken bürgerliche Schranken sind. Sarah Wagenknecht ist zuzustimmen, wenn sie als Grund für das Machtvakuum am linken Spektrum beklagt, dass die Themen der Linken ein wohlhabendes, urbanes Establishment ansprechen, aber an den Sorgen und Ängsten der Verlierer gesellschaftlicher und ökonomischer Transformationsprozessen vorbeigehen, deren primäre Anliegen nicht Gendersternchen und Identitätsprobleme, sondern Teuerungsrate, Jobsicherheit und Angst vor Altersarmut sind - Themen, die der bürgerlichen Mitte egal sind und bei Linken und Sozialdemokraten zumindest keine hervorragende Priorität haben. Die Gräben in der Gesellschaft sind nicht nur in Deutschland Gräben zwischen links und rechts, sondern zwischen Gutsituierten und Prekären quer durch die Weltanschauungen. Der Drang zur Mitte ist eben nicht nur der Abgrenzung gegenüber der AfD geschuldet, sondern auch der Abkehr vom leidigen Thema Armut und Prekariat. Es ist ein egoistischer Impuls, der wenig mit gesellschaftlichen Zusammenhalt zu tun hat sondern Ausdruck des Desinteresses daran ist. Die bürgerliche Mitte möchte gern unter sich sein. Da stören die Linken ebenso wie die Faschisten. 

Eine Ursache für das Abweichen der Wahlergebnisse von den Prognosen liegt - wie bei der Abweichung der Inzidenzen von den Prognosen - in den Prognosen. Sie wirken verhaltensändernd in Richtung Gefahrenprävention.

Auftritt der AfD bei der Bundespressekonferenz - der übliche Vorwurf der voreingenommenen Medien. Ja, wer unabhängig ist, darf durchaus voreingenommen sein. So etwas nennt man eine Meinung haben. 

 

06.06.2021

"Ohne emotionale Beteiligung folgst Du einer Reportage zum Thema Impfpflicht gegen die Strahlenkrankheit. Horrorshow von entstellten Patienten auf Intensivstationen und zu Tode erschöpften Pflegern. Von apathischen, glatzköpfigen Grundschülern. Statistiken zur Schrumpfung der Wirtschaft, Überlastung des Gesundheitssystems und Suiziden von Gastwirten. Ob Krisensituationen nicht wie Kriegssituationen von der Bevölkerung fordern, Risiken für Leib und Leben in Kauf zu nehmen zum Schutz des Großen Ganzen fragt der österreichische Gesundheitsminister und es klingt wie ein Besch(l)uss."  

 

05.06.2021

Du schreibst als gäbe es kein Morgen. Und genau so fühlt es sich auch an. Immer einen Tag zurück hinter dem eigentlichen Leben. Ein Esel hinter der Mohrrübe, gefangen in einem ewigen Noch Nicht. Nur Geduld, nichts weiter. Du fragst Dich, wozu noch eine Zeile schreiben, wenn alles zur Vorhölle der Zukunft schon von Bo Burnham in `Inside` gesagt wurde. Comedy von der Intensivstation ohne Personal und Aussicht auf Besserung.  

Dieser irritierte Gesichtsausdruck des Apothekers, bei dem Du `Eine Packung Long Covid XXL mit Erdbeeraroma` bestellst. Köstlich. 

Jede Öffnung ändert nichts mehr am Zustand der Isolation, der so unwiderruflich verinnerlicht wurde, dass er unabhängig von den äußeren Begebenheiten anhält. Egal wie oft man sich freitestet. 

Jahresringe unter den Augen. Täglich einer mehr. Wanderungen vorbei an Militärfriedhöfen wo einst Bäume waren. Grabmale die wie Makrochips aussehen. Kahlschlag, Lichtungen, Sturzbäche, Innenleben ohne Dickicht.

 

04.06.2021

Der nächste Schritt zur kontaktlosen Gesellschaft: `Gates entwickelt Labor-Muttermilch`. Die Babynahrung aus menschlichen Zellen habe annährend die gleichen immunstärkenden Eigenschaften wie Muttermilch (Oliver Stöwing in der WAZ von morgen). Dieser Entwicklungsschritt fügt sich logisch in die Agenda des Microsoft-Gründers, die man als systematische Sterilisierung sozialer und kultureller Interaktion bezeichnen kann. Kontaktloser Kontakt, dezentrale Kommunikation ohne Begegnung, nun schließlich das Stillen ohne physischen Kontakt. Die Pandemie kam wie gerufen, um einen Prozess zu forcieren, der den Menschen behandelt wie ein einzelverpacktes Produkt, das von seinen Artgenossen isoliert agiert und selbst in Situationen, in denen er von anderen Menschen umgeben ist von ihnen absieht und abwesend mit Abwesenden verkehrt. Zudem wird der Mensch zunehmend zu einem Rohstoff (`menschliche Zellen`), dessen Verwertung und Recycling es erlaubt den Verbrauch anderer natürlicher Ressourcen zu reduzieren - Jacques Attali hat in seinem Buch `Die kannibalische Ordnung` bereits eine derartige Entwicklung der kapitalistischen Verwertungslogik skizziert, in der der Mensch sich selbst verzehrt. Damals konnte er noch nicht wissen, dass dereinst das Dogma von der Nachhaltigkeit und Energieeffizienz diesen Trend verstärkt. Gesellschaftspolitisch und ökonomisch nimmt die Vision einer Welt Kontur an, die an `Soylent Green` erinnert - die Masse Mensch als Rohstoff, organisiert und gelagert in zu Menschenställen umfunktionierten Städten, physische Nähe, sinnliche Erfahrung und Erleben einer intakten Natur als Privileg für diejenigen, die es sich leisten können. Nothing New under the sun.    

 

03.06.2021

Warum Diana Kinnert CDU-Mitglied ist weiß sie nur selbst. Dass `Kontaktbeschränkungen` verordnet wird, wo es nur um Sterilität geht (also die Reduzierung des Infektionsrisikos bei Kontakten) sieht sie als Baustein einer zunehmenden Vereinsamung von Menschen, der die durch Digitalisierung vorangetriebene Selbstisolation von Menschen in ihrer Blase verstärkt. Digitalisierung und Kontaktvermeidung schränken nicht nur die Möglichkeit und Fähigkeit zur Intimität ein, sie beeinträchtigen auch Gemeinsinn und soziales Handeln. Der Kulturwandel hin zu mehr Privatheit und Abschottung wird politische und soziale Konsequenzen haben. Eine Gesellschaft, die durch zunehmende Distanz zwischen den Menschen bestimmt ist verliert an sozialer Kompetenz und büßt die Möglichkeit zur Teilhabe an politischen Prozessen ein. Wenn sich Diana Kinnert bei Markus Lanz zum Thema Einsamkeit der `Generation Lost` äußert - also einer jungen Generation von Menschen, die mit der Digitalisierung sozialisiert und von der Erfahrung der Beschränkungen des sozialen und kulturellen Lebens geprägt sind - dann verbunden mit der Befürchtung des demokratischen Substanzverlustes. Wenn Menschen die Dimension des gemeinsamen Handelns abhanden kommt werden sie (gemäß dem Prinzip Teile und Herrsche) zu einer passiven Masse, die bequem zu steuern, zu regulieren und zu beherrschen ist. 

Die Zukunft kann auch sehr katholisch werden. Singles und Familien ohne Kinder finanziell mehr zu belasten sei gerecht, schließlich hätten sie durch ihre Kinderlosigkeit auch weniger Kosten. Also: In Zeiten des sozialen Abstandes gilt das alte katholische Prinzip der Lustfeindlichkeit - Sex nur noch aus Fortpflanzungsgründen und wenn dann zur Vermeidung von Aerosolvermischung a tergo. Besser noch: Sex ganz bleiben lassen und Befruchtung nur noch künstlich. Digitalisierung und Distanz stehen im Dienste einer neue Prüderie, ebenso wie Pornographie, die Sexualität auf die virtuelle Ebene verlagert, wo Berührungen nicht stattfinden. Love is in the Aerosol. Unbedingt vermeiden. 

 

02.06.2021

`War der Shutdown unnötig?` fragt ein Beitrag von Oliver Klein (zdf heute, 01.06.2021) und weiter: `Eine neue Studie sorgt für Zündstoff: Forscher der Uni München halten den Effekt der Corona-Maßnahmen für überschätzt.` Wenn das Zündstoff ist, so ist er feucht. Die Weichen sind gestellt, auch in Zukunft werden lockdowns das Rezept der Wahl sein, sobald die Inzidenzen steigen. Ergebnisse von Studien, die die Wirksamkeit der lockdowns in Frage stellen werden mit dem Verweis abgetan, es handele sich um einzelne Studien in der Vielzahl von wöchentlich 200 Studien zum Thema Corona - als erwiese sich die Validität wissenschaftlicher Studien an ihrer Übereinstimmung mit Mehrheitsmeinungen. Einzugestehen, dass auch mit weniger lockdown und mehr Freizügigkeit die Entwicklung des Infektionsgeschehens vergleichbar gewesen wäre käme politischem Seppuku gleich. Zudem ist einzuräumen, dass die Entwicklung des R-Wertes auch nach Auffassung der Münchner Wissenschaftler sehr wohl mit den Maßnahmen in Zusammenhang steht - allerdings nicht mir ihrer Durchführung, sondern mit ihrer Ankündigung (gemäß dem Satz des Schachmeisters Tartakower: `Die Drohung ist stärker als ihre Ausführung`). Der R-Wert sank jeweils nach Ankündigung, aber vor Inkrafttreten der Maßnahmen. Soll dieser Steuerungsmechanismus auch in Zukunft verfangen muss man die Maßnahmen durchführen, sonst verlieren deren Ankündigungen ihre Wirksamkeit. Ob die Durchführung von Freiheitsbeschränkungen verfassungsgerecht begründet werden kann mit der Wirksamkeit ihrer Ankündigung ist unstrittig - kann sie nicht. Dementsprechend wird man weiter darauf pochen, ein abflauendes Infektionsgeschehen sei auf die Durchführung der Maßnahmen zurückzuführen.

Jens Spahn kündigt heute im  ZDF/ARD-MoMa an, dass bei der Prävention weiterer Infektionswellen ähnlich verfahren wird wie im letzten Sommer: Man müsse mehr und eher reden. Von Handeln war keine Rede. Zudem entkorkte er, welche Zielgruppe die Familienfreunde von der Union im Blick haben, wenn es um das Schultern steigender Kosten (nicht nur) in der Pflege geht - die Kinderlosen. Schließlich hätte die nicht den Kostenfaktor Kindererziehung. Es wurde aber auch Zeit, dass der Verstoß gegen das Gebot `seid fruchtbar und mehret Euch` sanktioniert wird, man darf die Kinderkriege, pardon, das Kinderkriegen doch nicht Kommunisten und Islamisten überlassen. 

Die Wolken eines endlosen Winters verziehen sich und offenbaren den Kahlschlag in den Wäldern und der sozialen Landschaft. Lichtungen wohin man blickt, bis hin zur Stirn des Gesundheitsministers. Die Zahl der Privatinsolvenzen steigt ebenso sprunghaft wie der Prozentsatz derer, die unter die Armutsgrenze fallen. Den Tafeln gehen die Lebensmittel aus, die dank Inflation, steigender Energiepreise und Lieferengpässen für viele kaum noch erschwinglich sind. Selbstverständlich werden auch Mieten, Heizkosten und Benzinkosten steigen. Das ist ein Anfang - in einem wohlhabenden Land. Deutschland freut sich angesichts heranziehender globaler Stürme über Biergärten, die öffnen. 

 

01.06.2021

Wenn die Wahl in Sachsen-Anhalt die Berichterstattung dominiert gibt es heute nichts Erwähnenswertes. Eigene Befindlichkeiten treten in den Vordergrund. Wohin bloß verschwindet all das gelebte Leben?

 

31.05.2021

Er mag sich nicht an den Anblick der Passanten mit der weißen Schnauze gewöhnen. Erinnert ihn an einen Filmklassiker. Planet der Maulaffen.

Abrechnungsbetrug in den Testcentern. Kein großer Aufreger. Routinemäßiger Versuch von Anne Will, daraus ein Politdrama zu basteln, scheitert an Christan Lindner, der sich der CDU in Gestalt von Jens Spahn als Koalapartner anbiedert. Wenn die Regierung schnell und pragmatisch, mithin unternehmerisch handele, sei das halt notwendiger Weise mir Regelungslücken verbunden, die Spielraum für kriminelles Handeln lassen. Janosch Dahmen von den Grünen sieht das eigentliche Debakel nicht in der Abrechnung von nicht durchgeführten Tests, sondern in der mangelnden medizinischen Qualitätskontrolle. Wenn z.B. in Berlin mehrere 10000 Tests alle negativ ausfallen, sei das statistisch ein Ding der Unmöglichkeit. So richtig regt das in der Runde keinen auf, es gelingt nicht, den Testbetrug zum Aufhänger für eine Confrontation-Show zu entwickeln, man gewinnt als Zuschauer den Eindruck eines schelmischen Übereinkommens der Gäste, das Ganze für nicht so schlimm zu erachten, weil das Schlimmste noch bevorsteht. Die großen Krisen kommen noch. Die wahren Zumutungen stehen noch bevor. Die Inflation wird jetzt schon spürbar. Die Energiepreise werden weiter steigen. Der Kampf um die Rettung des Planeten wird viele Opfer und Entbehrungen fordern. Da sei den Pfiffigen ein bisschen Plünderung gestattet - noch schnell das Chaos nutzen um mitzunehmen was geht, bevor es nichts mehr zu holen gibt. Froh über die kriminelle Energie der Testcenterbetreiber sind auch die Bürger - denn wer abends ausgehen will möchte gefälligst negativ getestet werden, ob infiziert oder nicht. 

Erkenntnisgetriebene Menschen sind dazu verdammt, überall Unwahrheit zu wittern. Die Nebenwirkung dieser Getriebenheit ist die Fixierung auf Quellen, die der herrschenden Meinung widersprechen. Dass sie der herrschenden Meinung widersprechen sagt nichts über ihre Objektivität, ebenso wenig ist die herrschende Meinung unrichtig nur weil sie die herrschende Meinung ist. Ein mir bekannter Physiker sammelt seit Jahrzehnten nicht nur eifrig Fakten, die bestätigen, dass die herrschende Meinung zum Klimawandel und zur Pandemie Lug und Trug ist, sondern auch Aussagen, die belegen, dass die deutsche Regierung korrupt und insbesondere Angela Merkel etwa so lupenrein demokratisch gesinnt ist wie Wladimir Putin. Wohin er sieht Schlamperei und Lüge, die er mit kindlicher Begeisterung aufdeckt. Er fasst das Handeln der Regierung mit den Worten zusammen: Alles verfassungswidrig, so als sei die Verfassung nicht nur heilig wie die Bibel sondern auch noch unschuldig und rein. Indem er verneint, dass es sich um eine Verschwörung handelt - steht ja alles in "The Great Reset" - erklärt er die Bevölkerung für besonders schafsgläubig. Die ist so blöd, dass man sich noch nicht einmal verschwören muss. Damit es etwas zu entdecken gibt und man Pionier sein kann, müssen alle anderen etwas übersehen oder sogar verleugnen. Die Begeisterung mit der er Lügengebäude einreißt hat etwas Ansteckendes, passend zum pandämlichen Zeitalter. Zugleich ist sein Furor melodramatisch: Aber sicher machen die Windmühlen Wind. Bei allen Unterschieden der Systeme sind sich staatstragende Akteure allüberall in einer Sache einig - dass die Ausübung von Macht notwendig ist. Es ist aller Ehren Wert die Ungereimtheiten und Unaufrichtigkeiten im Reden und Handeln von Regierungsakteuren aufzudecken, solange jedoch die Notwendigkeit von institutioneller Macht und persönlicher Autorität als gesellschaftliches Regulativ akzeptiert ist, werden selbst Revolutionen immer wieder Strukturen und Menschen hervorbringen, die auf die besseren Argumente verzichten - weil sie es können und man es ihnen gestattet. Zu dieser Logikaskese passt denn auch, das zusätzlich nicht zusätzlich bedeutet.      

 

 

30.05.2021

"Während das Meer glatt wie ein Spiegel ist - der Meeresspiegel eben - schlagen die Dekrete des Gesundheitsministeriums hohe Wellen. Die Regierung hat beschlossen, dass die Touristen, die seit dieser Woche wieder ins Land dürfen, die ersten sind, die man mit dem viralen Wirkstoff gegen die Strahlenkrankheiten impft. Die Polizeipräsenz an den Stränden ist massiv. Eine Kette von Carabinieri bildet einen Wall entlang der Strandpromenade um Übergriffe zorniger Einwohner zu unterbinden. Die Touristen werden durch Spaliere von bewaffneten Beamten zum Strand geleitet wie Fußballfans der gegnerischen Mannschaft bei einem Derby. Statt Strandverkäufern patrouillieren Ordnungskräfte in absurd dunklen Uniformen zwischen den Liegestühlen und Sonnenschirmen. Sie stören das Bild des makellosen Strandes wie eine lebendig gewordene Ölpest. Das alles trübt das Vergnügen der Badegäste erkennbar nicht, die ausgelassen im Wasser plantschen, ihre Kinder im Sand vergraben oder Fußball mit bunten Bällen spielen. Ich wäre jetzt gerne nicht hier, sehne mich nach Wäldern, nach der Kühle von Stauseen, die umgeben sind von grünen Hügeln, deren Flanken Bäche herabkaskadieren. Ich empfinde die Ungeduld von jemandem, der eine Lieferung erwartet, die längst überfällig ist."

 

29.05.2021

"Es ist windstill in München. Zu Deiner eigenen Überraschung findest Du Dich nicht in Deinem bleiverkleideten Atombunker genannt Appartement wieder, sondern an den Isarwiesen. Du siehst Surfern beim Training zu für Turns auf Meeren, die sie vermutlich nie zu sehen bekommen. So wie Du beteiligen sie sich nicht an dem halsbrecherischen Hauen und Stechen um das Serum, das die Eltern und Kinder gegeneinander aufhetzt und in Massenkeilereien zwischen Impfhooligans vor Injektionszentren und Arztpraxen kulminiert. Die Intensivstationen ächzen unter der Last der Strahlenpatienten und Opfer von Stichwunden und stumpfer Gewaltanwendung. Die Regierung ermutigt zur Teilnahme am Fightclub um den Strahlenschutz, den die Kontaminierung mit einem potenziell tödlichen Virus bietet. Überall in den Medien und auf den Werbedisplays rund um den Stachus sind wird dazu aufgefordert die Ärmel hochzukrempeln. Die Wirtschaft lahmt, während die Inflation galoppiert. Hier an den Isarwiesen ist es friedlich wie in einem impressionistischen Gemälde. Die Spaziergänger strahlen, aber nicht radioaktiv. Bei Windstille sinken die Werte und diejenigen, die sich nicht vor den Arztpraxen und Zentren drängeln, nutzen die Gelegenheit um ihre Bleikammern zu verlassen und frische Luft zu schnappen. Die übermütigen Surfer halten sich ohnehin für unsterblich. Einer spricht Dich an, als er aus dem Wasser kommt, glitschig wie ein Fisch. Es ist keine Er, sondern eine Sie, rotblonde Haare, das Gesicht ein Himmel voller Sommersprossen, das Dich aus zwei wasserblauen Universen mit leichten Silberblick anlächelt: `Mir geht es wie Dir. Jedes Wochenende verschlägt es mich etwas weiter gen Süden. Du kannst den Mund wieder zumachen.` Bevor Du verdattert antworten kannst hat sie kehrt gemacht, ihr Bord unter dem Arm wie einen gigantischen Wetzstein. Zum ersten Mal seit unzähligen Wochenenden verspürst Du so etwas wie Optimismus." 

 

28.05.2021

Hilft eine Kreuzimpfung gegen Katholizismus?

Nicht zu Hundert Prozent. Frank-Walter Steinmeier bewirbt sich für ein zweites Pontifikat. 

Sein hehrer Anspruch Brücken zu bauen, die Spaltungen der Gesellschaft überwinden, geht von der Voraussetzung aus, es existiere ein gesellschaftlicher Zusammenhalt. Da in Massengesellschaften der Beitrag des Einzelnen zu deren Gestaltung lediglich in homöopathischer Dosis zur Geltung kommt, sind auch die Wechselwirkungen ihrer Elementarteilchen namens Individuen schwach: es sei denn, man verstärkt sie zu einem gesellschaftlichen Einstein-Bose-Kondensat, das sich wie ein makroskopischer Quantenzustand verhält - ein Aggregatszustand eines Systems ununterscheidbarer Teilchen. Das Heraufbeschwören gemeinsamer Verantwortung, Solidarität und Achtsamkeit hat in Zeiten der Pandemie Konjunktur und der Bundespräsident fördert diese Konjunktur des Gemeinsinns durch pastorales Pathos. Tatsächlich geht es dabei weniger um Sinnstiftung als um ein teleologisches `social engineering`: Das Funktionieren des Gesellschaftssystems und von dessen Teilsystemen steht zur Disposition, wenn sich zur Ohnmacht der Einzelnen existenzielle Ängste und Frustrationen aufaddieren, die drohen zu Bewegungen zu avancieren. Während so den Einzelnen Lasten und Verantwortungen auferlegt werden, die als mitmenschliche Haltung eingefordert und zudem als gelebte Freiheit angeboten werden (wie zum Beispiel die Entscheidungsfreiheit von Eltern und Jugendlichen darüber, ob geimpft wird oder nicht) sind Großorganisationen zunehmend jedweder moralischer oder ethischer Verpflichtung enthoben, grade weil sie sich entlang der Lieferketten über nationale und kulturelle Grenzen hinweg und ob der schieren Menge der in ihnen organisierten Menschen darauf zurückziehen können, nicht um jeden Missbrauch in ihren eigenen Reihen wissen zu können (die Herde ist zu groß, um jedes schwarze Schaf zu finden). Während demnach die Befreiung von Verantwortung umso absoluter ist, je übermächtiger die Organisation ist, wird die Last der Verantwortung für das ohnmächtige Individuum umso größer. Der Bundespräsident will weiter dafür arbeiten, dass die Bürger seines Landes diese Bürde tragen und als ihre Freiheit in Verantwortung gutheißen. Wir wünschen ihm dabei wenig Erfolg. 

 

27.05.2021

Robin Alexander zitiert bei Markus Lanz Niklas Luhmann: `Politische Macht sei die Fähigkeit soziale Gruppen zu etwas zu zwingen was sie nicht wollen.` Will man gleichzeitig Macht legitimieren und den freien Willen des Menschen als hohes Gut einer freiheitlichen (nicht etwa freien) Gesellschaft hervorheben, so empfiehlt es sich, von `Freiheit in Verantwortung` zu reden. Diese besteht darin, sich entgegen dem eigenen Widerwillen zu verhalten, ohne die politische Macht zu hässlichen Zwangsmaßnahmen zu veranlassen, die schlecht mit der in Interviews gerne gezeigten Pose der Frömmigkeit harmonieren, deren markantes äußeres Zeichen die vor dem Bauch gefalteten Hände sind. Was den Einzelnen betrifft, der in der Regel nicht Ziel der politischen Machtausübung ist, so darf der seinem `freien Willen` durchaus frönen, solange die Wirkung seines Willens und Wollens das konforme Verhalten der sozialen Gruppe nicht (zu sehr) stört. Dem beugen in einer demokratisch verfassten Gesellschaft das Mehrheitswahlprinzip und der Gruppendruck der in Verantwortung freien Bürger vor. 

Herr Alexander nahm das Ergebnis der heutigen Ministerpräsidentenkonferenz in Sachen Impfung für Kinder vorweg: Kinder haben keine Wahl (d.h. sie bringen keine Wählerstimmen). Entsprechend lächerlich das `Angebot` für Kinder: Kinder über 12 dürfen sich ab 07. Juni um einem Impftermin bemühen. Man kann sich denken, wo sie sich grade angesichts der - entgegen Jens Spahns vollmundigen Ankündigungen, man müsse demnächst aufgrund eines Serum-Tsunamis geradezu um Impfwillige betteln - nach wie vor knappen Impfstoffe werden anstellen müssen: am Ende der Wartezimmerschlange.

Fazit aus 14 Monaten Pilgerwegen durch verwüstete Wälder und Medienlandschaften: Ich muss hier weg. Noch bevor Lanz und Co in Sommerpause gehen.

In meinem Impfarm schmerzt die Proteinbombe von AstraZeneca. Ich interpretiere das als (Ent-)Fernweh.

 

 

26.05.2021

`The Great Reset`: in Deutschland gestattet man es den Rechten, den Querdenkern und Alice Weidel diese Initiative des Weltwirtschaftsforums zu einer sozialistischen Weltverschwörung hochzujazzen. Politiker aller anderen Parteien nehmen den Begriff `Great Reset` nicht in den Mund - dieses beharrliche Verschweigen und Vermeiden spielt jedoch denjenigen in die Hände, die von `Globalisten` und einer gezielten Überfremdung raunen. Ein rechter Mythos, in dem ein starkes antisemitisches Echo mitschwingt. Das schmallippige Schweigen der demokratischen Parteien zum `Great Reset` überlässt den unsozialen Nationalisten ohne Not das Feld. Dabei lohnt schon alleine wegen der Zielsetzung eine Befassung mit dem `Reset`-Konzept, das auf Deutsch von Manfred Schwab und Thierry Malleret in dem Buch `COVID 19 - Der Große Umbruch` vorgestellt wird: `Die Autoren erwarten, dass es nach der COVID-19-Pandemie zu einer Umverteilung von oben nach unten kommt, "von den Reichen zu den Armen und vom Kapital zur Arbeit". Außerdem werde Corona "wahrscheinlich den Tod des Neoliberalismus einleiten" (...) Zum ersten Mal seit der Ära des Thatcherismus hätten die Regierungen wieder die Oberhand.` (Wikipedia) Das klingt so schlecht nicht sollte man meinen - zumindest aus Sicht der Sozialdemokraten, der Grünen und der Linken. Dennoch: kein Wort aus dieser Richtung - auch nicht von der Union und der FDP - zu diesem Konzept, das übrigens so neu nicht ist und schon vor der Pandemie verfasst wurde. Diese defensive Haltung gleicht einem unglaubwürdigen Dementi und bestätigt die Verschwörer. Warum diese Mauertaktik? Ein Grund: Das Thema `Abbau von sozialer Ungerechtigkeit` ist eine `heiße Kartoffel` im Wahlkampf, denn man befürchtet, dass eine Mehrheit in der Bevölkerung dies mit Staatsdirigismus und erzwungenen Verhaltensänderungen gleichsetzt. Im Kontext der während der Pandemie erlebten Freiheitsbeschränkungen ein in der Tat nicht fernliegender Gedanke - denn es ist keineswegs sicher, dass ausgerechnet dem Monarchisten Prinz Charles gefolgt wird, der betont, die Umsetzung des `Great Reset` dürfe nur mit der `Zustimmung der Menschheit` geschehen. Nun ist die Menschheit kein Blumenbeet, das sich hübsch züchten und zurechtschneiden lässt, doch bei aller royalen Naivität, die man den ewigen Thronfolger bescheinigen mag berührt der Appell einen wunden Punkt des Konzeptes:  wie (wenn überhaupt) wird eine solche Zustimmung eingeholt? Angesichts unterschiedlicher politischer Systeme auf der Welt, unterschiedlichem Zugang zur Digitalisierung, unterschiedlichem Zugang zu Nahrung, Gesundheit, Wasser, Bildung, Wohlstand etc. ist es zumindest zweifelhaft, dass bei der `Zustimmung der Menschheit` jede Stimme gleichviel zählt, von der Frage, wie eine weltweite Legislative, Exekutive und Judikative auszugestalten wäre einmal ganz abgesehen. Völlig unabhängig davon ob die Pandemie menschengemacht oder `nur` durch Menschen begünstigt war und ob der Klimawandel mehr oder weniger durch Menschen verursacht oder `nur` beeinflusst wurde, hat die Pandemie eine politische Dynamik entfesselt, die starre Gefüge und Gewissheiten erschüttert, aber auch Konflikte und Gegensätze verstärkt hat. Frei nach dem Motto: Lasse nie eine gute Krise ungenutzt verstreichen bietet die Pandemie zahlreiche Gelegenheiten zu drastischen und raschen Veränderungen, die so vorher nicht möglich waren. Dementsprechend dringlich und breit gefächert müsste die Debatte darüber erfolgen, wie weltweite politische und sozioökonomische Prozesse in Zukunft moderiert und gestaltet werden. Von wem? Auf welcher legitimen Grundlage? Es ist nämlich keineswegs in Stein gemeißelt, dass angesichts des Zeitdrucks bei der Bekämpfung von Klimawandel und Pandemien dem Wunsch Prinz Charles nach dem `Einholen der Zustimmung der Menschheit` entsprochen wird, ebenso wenig mss man die Auffassung des WEF teilen, es breche eine globale Epoche des verantwortungsvollen Kapitalismus mit Regierungen als moralische Instanz an, die wie Ayatollahs über die Einhaltung der Etikette eines gezähmten Wettbewerbs wachen. Auch was die zukünftige Ausgestaltung gesellschaftlicher Organisation und Prozesse betrifft gilt: nur weil Befürchtungen aus der rechten oder linken Ecke formuliert und instrumentalisiert werden sind sie ebenso wenig per se ungerechtfertigt, wie der Verfolgungswahn eines Paranoiden per se grundlos ist.  

Den Kindern gehts es derzeit schlecht, ja. Gleichwohl wäre ich jetzt gerne (P)impf. Würde gerne wissen wie ich mich 50 Jahre später meiner Kindheit entsinnen würde in dieser Welt voller Wunder und Schrecken. Würde ich mich staunend erinnern an die seltsamen Zeiten, in denen Menschen ohne Schnutenpulli herumliefen und stinkender Rauch aus Rohren am Heck röhrender Fahrzeuge qualmte? 

 

25.05.2021

Ende der Ausgangssperre und des kurzen Aufflackerns der Anarchie. Jetzt nimmt man Dir auch noch das diebische Vergnügen nach Mitternacht vermummt in einem schwarzen Hoody Zigaretten zu ziehen. Nun öffnen wieder die baumlosen Biergärten der verregneten Innenstadt. Kneipenmeilen verbreiten den Charme von Check-In-Zonen an Flughäfen. Absperrgitter definieren Laufwege, der negative Coronatest ersetzt Flugticket und Reisepass. Barcode im Regen, glücklich wie noch nie. Water-Boarding is completed. An der Eingangstür einer Boutique haben die Besitzer den Hund auf dem Schild mit der Aufschrift `Wir müssen leider draußen bleiben` durchgeixt und mit dem Bild eines bekannten Impfgegners übermalt. Mit verbissenem Jetzt-erst-recht-Lächeln trotzen GGG-Quartette an Vierertischen dem ungemütlichen Wetter und prosten triumphierend den Passanten entgegen, die vielleicht einfach keine Lust haben, das Maul aufzureißen nur um durch Nieselregen verwässertes Bier in sich hineinzuschütten. Um 22 Uhr ist alles vorbei, die gastronomischen Freiheitskämpfer haben lange genug durchgehalten, längst haben sie sich getrollt. Die Straßen sind so leergefegt, als habe grade die Ausgangssperre begonnen.     

Na wer sagts denn - der Chef des Weltärztebundes Frank Ulrich Montgomery heute bei RTL: `Diese Pandemie wird in meinen Augen nie beendet sein. `Deswegen sei Prävention so wichtig. (...) Das Maske-Tragen sein ja nun nicht gerade ein so dramatischer Grundrechtseingriff, dass er die Leute komplett schädige.` Angela Merkel: `Nach der Pandemie ist vor der Pandemie.` Es kann einem zwar leidtun um die infizierten Augen des Montgomery, aber noch ist er kein Verfassungsrichter. Dennoch ist unverkennbar, dass man uns einstimmt auf eine dauerhafte `Neue Normalität`, in der man nicht mehr befreit aufatmen kann. Das Klima der Beklemmung wird bleiben ebenso wie das Gefühl, selbst eine Bedrohung und bedroht zu sein, ein Gefährder inmitten von Gefährdern statt Gefährten im Jahrhundert der Inzidenz. 

 

24.05.2021

"Den ganzen Tag Serien geglotzt. Du wunderst Dich darüber, dass keine einzige Verfolgungsjagd mit Autos zu sehen war. Der Seelenklempner klärt Dich auf. Das Zeigen von Verfolgungsjagden mit Autos ist im Rahmen des neuen `Medienlandschaftspflegegesetzes` verboten worden."

 

23.05.2021

Dass Robert Lewandowski nichts Besseres zu tun hatte, als in der Nachspielzeit eines bedeutungslosen Bundesligaspiels den Torrekord von Gerd Müller zu brechen zeugt von einem bedauerlichen Mangel an Größe und Respekt des Weltfußballers. Ein feines Füßchen bedeutet eben nicht, dass man auch über Fingerspitzengefühl verfügt.

"Haben Sie, unterstellt der Seelenklempner in Frageform, schon einmal daran gedacht, dass ihre Agoraphobie, dieser Rückzug in die Kerker ihrer vier Wände, Metapher für eine Schreibblockade sein könnte? Wem nichts einfällt, der schreibt darüber, dass nichts geschieht. Wer blockiert ist schreibt über Gefangenschaft. Du starrst perplex in sein Gesicht, das sich Bates-Hotel-gerecht in Deinem Gesicht spiegelt, das sich im Multifunktionsbleiglas spiegelt, das Fenster, Fernseher und strahlender Strahlenschutz in einem ist. Was soll schon geschehen? Hier bist Du so sicher, das nicht einmal die Phantasie einer Außenwelt Dir auf die Innenseite Deiner Stirn geschrieben steht. Sie sollten, wird Dir beschieden, einfach mal unter die Leute gehen. Schutzanzüge gibst bei amazon für Preise, die für Sie erschwinglich sind. Bevor Du das in Erwägung ziehen kannst überlagert ein Country-Ohrwurm die Fistelstimme des Seelenklempners, die klingt wie eine zu schnell abgespieltes Tonband. Take it easy altes Haus, bleib zuhaus...Es fröstelt Dich. Erinnerungen, die zu weit zurück reichen fühlen sich an wie Todesahnungen. Es ist zu still. Du sehnst Dich nach dem Pfeifen des Windes, nach irgendeiner undichten Stelle statt dieser Stille, nach Durchzug in Deinem Leibniz-Keks, nach dem Knistern einer abbrechenden Ecke, nach dem Geräusch eines vorbeirasenden Zuges. Der eingebildete Seelenklempner hat nicht Unrecht. Du gehst nicht vor die Tür, weil Du Angst vor der Entdeckung hast, dass Deine Gefangenschaft nicht existierst. Dass Du eingesperrt bist in einer Metapher. Bleib in Deiner Trutzburg. Staune weiter darüber, wie selten Panikattacken in Anbetracht des unvermeidlichen Ablebens sind, der Konsequenz, der niemand entgeht." 

 

22.05.2021

"Nicht sehr viele schreien `Hier`. Es stellt sich heraus, dass in einem von ca. 500 Fällen die Impfung schwere neurologische Nebenwirkungen hat. Zwischen 3 und 5 Wochen nach der Impfung fallen die Probanden in einen Zustand des Mutismus und der Echopraxie. Sie verwandeln sich in sogenannte `Impfzombies`, niemand weiß, wie lange dieser Zustand anhält und welche Therapie helfen könnte. Obwohl diese bedauernswerten Gestalten anscheinend keine Gefahr für Dritte darstellen verbannt man sie aus dem Straßenbild und schließt sie weg. Das Tourismusgeschäft läuft so schleppend wie die Zombies, da will man unheimlichen Begegnungen vorbeugen. Mich schreckt das nicht ab. Folglich habe ich morgen einen Impftermin, dem ich entgegen fiebere als entfalte sich die Wirkung der Impfung schon vorab. Passend zu meiner erhöhten Temperatur vertreibt eine ultraviolette Sonne alles Leben vom Strand. Die Küste ist wie ausgestorben, nicht einmal Schiffe sind am Horizont zu sehen. Es herrscht eine Ausgangssperre die sich weit hinter den Horizont bis hin zu tiefen Gewässern erstreckt."

 

21.05.2021

33 Grad am Polarkreis in Archangelsk. Manipuliert Hurtigruten das Klima?

Gleich zur Impfung. Versetzt einen komischer Weise in Reisefieber, eine Kombination aus Flugangst und Vorfreude. Aber erzeugt  auch eine Spannung, als stehe die erste direkte Konfrontation mit einem bislang nur von Ferne bekannten Feind an. Gepuffert durch Talkshows und Selbstisolation war Corona bislang ein Geschehen, das man betrachtete wie James Stewart das mörderische Treiben durch sein Fenster zum Hof. In einigen Stunden wird die Sache konkret.

Bei den gestrigen Ausgaben von Illner und Lanz stand der selbe Elefant im Raum. Nein, nicht Peter Altmeyer, der nicht steht, sondern sitzt, sondern die soziale Dekantierung von Gesellschaften, die zerfallen in Schichten, die mühelos die Kosten der Transformation zu einer klimaneutralen Ökonomie kompensieren können und diejenigen, die sich die Teilhabe am sozialen und kulturellen, geschweige denn am touristischen Leben nicht leisten können. Wohin mit den ganzen Abgehängten? In die Städte, die zu Favelas inmitten klimagerecht umgeforsteter Umgebungen werden, notwendige Schönheitsflecken in einem Land voller Streuobstwiesen, in denen die Kinder der Fridays-for-Future-Bewegung mit Wolfswelpen spielen. Der ökologische Umbruch der Gesellschaft ist zwar unumgänglich, es steht jedoch zu befürchten, dass sich die schon derzeit zu beobachtenden sozialen Rückschritte (Stichworte: Rolle der Frauen in die Gesellschaft, Vernachlässigung der Belange von Jugendlichen und Kindern) fortsetzen. Die ökologische Revolution wird eine reaktionäre, marktliberale Gesellschaft hervorbringen, in der Sozialdarwinismus salonfähig und im Interesse der Entfesselung von Produktivkraft und Innovation auch als erforderlich akzeptiert wird. Sie wird diejenigen weltweit am schlechtesten stellen deren ökologischer Fußabdruck am kleinsten ist Da kann Maja Göpel noch so kreativ und visionär die schöne neue Welt denken - der ökologisch-technologische Fortschritt wird zu sozialer Regression führen, zu ökofeudalen Gesellschaften mit Annalena Baerbock als Prinzessin Lea.   

 

20.05.2021

Henkersmahlzeit in der Todeszelle. Auf ihn wartet die tödliche Spritze. Ein Wachmann präsentiert ihm auf einem silbernen Tablett vier Kanülen als Menü. Zur Auswahl stehen Moderna, Biontech, Astra Zeneca und Johnson/Johnson. Er wacht auf, mit knurrendem Magen und einem breiten Grinsen auf den Lippen. Den Hunger hat Eckart von Hirschhausen zu verantworten, der gestern bei Maischberger die Folgen von Hitzewellen anhand des Vergleiches eines Gehirns und eines Frühstückseis verdeutlicht, deren Zusammensetzung (primär Wasser und Eiweiß) vergleichbar ist, woran in Anbetracht von Redebeiträgen der AfD im Parlament kein berechtigter Zweifel besteht. Nikolas Blome und von Hirschhausen geben ein zukunftsweisendes Duett zum Bett. Blome erneuert sein Credo der Eigeninitiative, Hirschhausen stimmt das Publikum notorisch gut gelaunt auf konkrete Verhaltensänderungen ein, die der Bekämpfung der Klimakrise dienen. Nicht zufällig bestimmt der Zusammenhang zwischen Pandemie und Klimawandel die Dramaturgie der Sendung, denn das Rezept zum Umgang mit der Korona- und der Climakrise ist das selbe. Die Lenkungswirkung von Markt und Wettbewerb, die nach Blome als `peer pressure` regelt, wer rasch geimpft wird und wer nicht, und die ordnungspolitische Lenkungswirkung durch Preisgestaltung für den CO2-Verbrauch, für den Fleischkonsum, für das Reisen werden in Zukunft das soziale Gefüge der Gesellschaft und deren Risse prägen. Nicht alle werden in Zukunft den Gürtel enger schnallen müssen, der Gürtel wird den Kreis derer verengen, die ohne Verlust an Wohlstand und Komfort die Transformation der Gesellschaft(en) zu klimaneutralen Ökonomien erleben. Je mehr Menschen sich einschränken müssen und je mehr es dem Markt und den individuellen Voraussetzungen überlassen bleibt, wie viele Menschen auf wie viel Lebensqualität verzichten müssen, desto günstiger für das Klima. Überspitzt gesagt: nicht mehr Wohlstand, sondern mehr Armut für mehr Menschen ist der Weg zu reduziertem Verbrauch von Ressourcen. In der WAZ von gestern stellt J.G.H. Davenport in einem Leserbrief fest: `Klimaschutz ohne Rückschritt des gegenwärtigen Wohlstands für mehrere Dekaden gibt es nicht!` Das trifft zu, doch wie bei der Corona-Krise wird dieser Rückschritt nicht jeden treffen, soll aber möglichst viele Menschen treffen. Die Corona-Krise ist auch ein Test dafür, inwieweit sich Spannungen aus sich verschärfenden sozialen und ökonomischen Unterschieden moderieren lassen, ohne das Gerechtigkeitsdebatten all zu sehr die Dynamik der gesellschaftlichen Transformation bremsen. Aus Sicht von Marktliberalen und von Fans der ordnungspolitischen Lenkung von Gesellschaften sieht es dafür lokal und global gut aus. Dass die Pandemie Menschen mit unterschiedlichen Lebensbedingungen unterschiedlich hart trifft, löst Bedauern, aber kaum Empörung aus. Wie es heute Politikwissenschaftler Herfried Münkler im ZDF/ARD-Morgenmagazin ausdrückte: `Gerechtigkeit in der Krise bedeutet vor allem Selbstgerechtigkeit` und - Kierkegaard zitierend: `Die Funktion der Politik ist, diffuse Angst in konkrete Furcht zu verwandeln`. So wie die Bilder von den atemlosen Patienten in Intensivbetten diffuse Angst zu konkreter Furcht bündeln und Toleranz gegenüber Freiheitsbeschränkungen und Zwängen schaffen, wird es beim Klimawandel darum gehen, Projektionsflächen zu schaffen, die Angst zu Furcht komprimieren und Zumutungen für viele (mitnichten für alle) als für von diesen akzeptierte Unvermeidlichkeit vorführen. Der ausgekochte Vergleich von Hirn und Ei zeigt, wie es geht, an seinem Appetit auf Spiegeleier mit Speck ändert es nichts.  

Heiko Maas in Israel. Sollte es nichts nützen wird es auch nicht schaden. Maasoltov. 

Frau Giffeys Rücktritt wird abgefeiert als aufrichtig und vorbildlich. Tatsächlich ist es ein Beispiel für zweierlei Maas, pardon, Maß. In der Arbeitswelt genügen weit geringere Vergehen als ein erschummelter Doktortitel für fristlose Kündigungen, auf dem politischen Parkett hindert es nicht an einem Karrieresprung. Frau Giffeys Griff nach dem Amt der Bürgermeisterin von Berlin: Für eine SPD-Politikern der letzte Schritt vor dem Kanzleramt. 

 

 

19.05.2021

In der heutigen Debatte des Europäischen Parlaments über die Aufhebung des Patentschutzes für Impfstoffe wird deutlich, dass geostrategische Interessen der EU gegenüber Russland und China korrespondieren mit den Profitinteressen von Big Pharma. Das hat allemal Vorrang vor der Rettung von Menschenleben in den ärmeren Ländern. Wenn dies offen zugestanden wird ist das zwar zynisch, aber zumindest nicht verlogen - anders als das in sich sowohl zynische, als auch verlogene Argument, die Aufhebung des Patentschutzes führe dazu, dass Unternehmen der Anreiz fehle, in die Entwicklung von Medikamenten zu investieren (das Retten von Menschenleben ist eben nicht Anreiz genug). Dabei erfolgte die Forschung und Entwicklung in Sachen MRNA-Wirkstoffe vor allen Dingen an Universitäten. Gänzlich abgeschmackt wird es dann, wenn die EU-Kommission sich in Person des Handelskommissars Valdis Dombrovskis dafür auf die Schultern klopft, sagenhafte 14 Millionen Impfdosen für Milliarden von Menschen in die ärmeren Länder importiert zu haben. Dass die Deutsche Regierung beabsichtigt, die Interessen der Pharmaindustrie zu schützen hat Jens Spahn - dessen Pandemiemanagement gelegentlich den Eindruck erweckt, er google wie man es macht - schon deutlich klargestellt. Er kann sich darauf verlassen, dass eine Bevölkerung im Rattenrennen um die Impftermine wohl kaum den Egoismus seiner Regierung mehrheitlich verurteilen wird. Zudem wird dem einen oder anderen angesichts der Initiative der FDP zur Einführung einer kapitalmarktbasierten Rente auf Basis von Einzahlungen in staatliche Aktienfonds (vergleichbar dem Schwedischen Modell) dämmern, dass demn   ächst die Qualität der Altersvorsorge vom Aktienkurs der deutschen Pharmaunternehmen abhängt. Was in Schweden Energieversorgungsunternehmen als Säulen der Staatseinnahmen und der Rente sind, soll in Deutschland die Pharmaindustrie sein. Big Pharma = Altersvorsorge. Damit das funktioniert - Manon Aubry von der Europäischen Linken weist auf diesen Zusammenhang hin - werden die Impfstoffe verknappt. Dies treibt den Preis und die Kurse nach oben.  

 

18.05.2021

Die Inzidenzen sinken, die Inflation steigt. Buchen wir rasch noch einen letzten Urlaub, bevor Flugreisen zu kaum erschwinglichen Luxusgütern werden. Seien wir Preppers. Decken wir uns ein mit lang haltbaren Lebensmitteln (insbesondere Trockenfrüchten), bevor Obst so teuer wird wie die Banane des Künstler Murizio Cattelan auf der Art Basel. Beziehen wir rechtzeitig eine Garage, bevor wir uns die klimagerecht umgebaute Wohnung nicht mehr leisten können. Bunkern wir Psychopharmaka für unsere Kinder, deren Körper und Seelen aufgebläht sind von Zukunftsangst, Depression und Fett. Gewöhnen wir uns an eine neue Normalität, die von einer wehrhaften Demokratie gegen die innere Unruhe der Gesellschaft entschlossen verteidigt wird. 

Man muss nicht so weit gehen, wie Wolfgang Kubicki, der von `Freiheiten als Gnadenakt` spricht, wenn er die derzeitige Politik der Regierung anprangert. Es wäre jedoch naiv anzunehmen, dass die Grenzen zwischen einem demokratischen und einem diktatorischen System unempfänglich für Verschiebungen und undurchlässig sind. Wir erleben derzeit eine bemerkenswerte Häufung von Restriktionen und Willkür. Das demokratische Antlitz trägt derzeit autoritäre, selbstherrliche und scheinheilige Züge. Ein Beispiel ist die Aufhebung der Impfpriorität, verkauft als große Freiheit, doch frei ist in diesem ungleichen Wettbewerb um Schutz und Freiheit nur der Wettbewerb. Man gewöhnt uns auf drastische Art und Weise an eine Zukunft, in der jeder sich selbst der Nächste ist und sehen muss wo er bleibt, was bei den Verlierern bedeutet, dass sie bleiben wo sie bleiben, während andere verreisen.   

Bei Hart aber fair bringt Anna Mayr den gesellschaftspolitischen Trend auf den Punkt: Freiheit ist alles das, wobei Kinder stören. 

Ein Spiegelautor namens Blome singt ein Loblied auf als `Ìmpfdrängler` gescholtene gegen Gemeinsinn Immunisierte. Er lobt `Eigeninitative und Kreativität` und sieht die Kritik an ihnen als Symptom einer Vollkaskogesellschaft, die unternehmerische Initiative als Symptom von Raffgier und Egoismus verurteilt. Statt diese Impfpioniere zu sanktionieren, sollte man sie bevorzugt behandeln und diejenigen, die der Herdenimmunität im Weg stehen, Freiheiten versagen. Eigenwillig genug Freigeistern zu huldigen, die sich ausgerechnet in den Dienst der Herde stellen und die zu verurteilen, denen die Herde schnuppe ist. Aber gewaltsame Versuche, Impfung zu erzwingen als `Eigeninitiative` zu bezeichnen und Applaus zu klatschen, wenn sich vorgebliche Asthmatiker im Stile Jan Ullrichs selbst priorisieren grenzt stilistisch an Hetze. Das ist etwa so, als rufe man `Bravo`, wenn jemand dem, der in der Schlange vor ihm wartet, mit dem Einkaufswagen in die Hacken fährt. Da wünscht man sich beinahe eine grüne Regierung. 

Je länger man Teil eines Experimentes ist, desto mehr gewinnt man den Eindruck, es gerate außer Kontrolle. Je dringlicher die Appelle teilzunehmen, desto stärker wird das Empfinden, es handele sich um ein gefährliches Experiment, das schleunigst durchgezogen werden muss, bevor seine Folgen sich zeigen. Bis zur Impfung ist man gesund und fühlt sich gut. Und dann? Man beginnt von sich in der Dritten Person zu reden und zu denken, als rede man über einen Impfavatar. Die Impfung des Dorian Grey. 

Je mehr sie bewerten, desto besser werden unsere Empfindungen. Verspricht ein Text unter dem Standbild eines Filmes über künstliche Intelligenz. Da steht: unsere Empfehlungen, das jedoch spielt keine Rolle. Er kann nicht anders als in einer Erzählung zu leben und zu enden. Die Wirklichkeit ist eine Abweichung, auf die er sich nicht versteht. 

Bericht der Fachkommission Fluchtursachen. In den nächsten 10 Jahren wird sich die Zahl der Klimaflüchtlinge verzehnfachen. Die Pandemie stürzte 150 Millionen Menschen in Not und Elend, die vorher `nur` arm waren. In Israel versteckt die Hamas feige ihre Kommandanten hinter Kindern, die wiederum auf Befehl Netanjahus sterben wie ein Europarlamentarier es zusammenfasst. Auf nicht zu rechtfertigenden Terror wird mit nicht zu rechtfertigendem Mord reagiert. Energiepreise und Lebenserhaltungskosten steigen. In Deutschland - ausgerechnet - schreien Antisemiten ihren Judenhass heraus. Was die Reihung soll? Sie ist keine Reihung. Es ist naiv anzunehmen, die Effekte der Pandemie reduzierten sich auf lokal beherrschbare Ereignisse und beschränkten sich auf Infizierte, Erkrankte und Verstorbene. Alle Fronten weltweit werden sich verhärten, alle Gräben werden tiefer, Not und Elend werden sich weiter verbreiten, Wut und Verzweiflung brechen sich Bahn, suchen sich Anlässe, die sich grade anbieten. Noch unterschätzen wir - jammernd über geschlossene Biergärten - Wechselwirkungen und Rückkoppelungseffekte, da wir erst am Beginn des exponentiellen Wachstums ihrer Intensität stehen. Ein bisschen Inflation. Deprimierte Studentinnen. Ein wenig ätzende Hatespeech im Netz. Die Allgegenwart von schwarz-rot-goldenen Coronaviren im XXL-Format auf den Plakaten der Testzentren. Zuviel Kilos auf den Hüften der Kinder und Triagen in der Psychiatrie. Das, steht zu befürchten, wird nicht lange so bleiben - und einiges an Fernweh ist zurückzuführen auf einen Fluchtimpuls.    

  

17.05.2021

Alternativlosigkeit auf den Punkt gebracht von Levitenleser Wieler: entweder man übersteht eine Infektion, oder man ist geimpft. Wirkungsvolle Kommunikation ersetzt die Impfpflicht. Friss oder stirb. Passend dazu der aktuelle Wetterbericht. Über Deutschland liegt das Tief Lothar. 

Bei Anne Will stellt Herr Tschentscher fest, es verstoße gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz, wenn man bestimmten Branchen gestatte, die Bewirtschaftung von Innenräumen wieder zu gestatten und anderen nicht. Das produzierende Gewerbe und die exportorientierte Industrie freuen sich klammheimlich, das alle Branchen gleich und einige Branchen gleicher sind. Dabei beweisen Hotel- und Gastronomiebetriebe unfreiwillig das höchste Maß an Geschlossenheit.

In meiner Stadt hüllen sich wohlhabende Menschen in Lumpen und reihen sich ein in die Schlange von Obdachlosen, die auf eine Impfung mit Johnson/Johnson warten. Hat was von Obelix, der sich als ägyptischer Sklave verkleidet um vom Zaubertrank zu naschen. 

Dänemarks Bereitschaft seiner Bevölkerung Menschenvers(e)uche anzutragen scheint reduziert. Das erklärt, warum man auf den Astra-Zeneca-Impfstoff verzichtet, während man in Deutschland zu Lockangeboten greift um die Impfung zu beschleunigen, frei nach Markus Söders Satz `Wer Mut hat lässt sich mit Astra Zeneca impfen`. Oder wer schneller in den Urlaub möchte, oder überhaupt einen Impftermin bekommen möchte. Am Freitag nehme ich an diesem Experiment teil, aus einem altruistischen Grund (Schutz anderer vor Infektionen) und einem egoistischen Grund (die Impfung bestimmt zukünftig das Ausmaß der Freizügigkeit, die uns gestattet bleibt). Verständnis gebührt jedem, der für sich die Wahrscheinlichkeit erheblicher Nebenwirkungen gegen das Krankheitsrisiko abwägt und sich gegen eine Impfung entscheidet - und schon gar nicht gehört eine solche Entscheidung sanktioniert. Grade jüngere Menschen, deren Risiko einer schweren COVID-Erkrankung niedrig ist, darf man nicht dafür kritisieren, wenn sie sich nicht aus Solidarität und im Interesse eines stabilen Gesundheitswesens an dieser (wenn denn auch noch Sputnik B seinen EMA-Segen findet) milden Spielart des Russischen Roulette beteiligt.   

 

16.05.2021

"Ich erwache ausgeschlafen und weiß nicht wozu. Frühstück mit Blick auf das Meer, Coffee and cigarettes. Die Weite gaukelt Freiheit vor, in den trüben Augen der Strandverkäufer spiegelt sich die Hoffnungslosigkeit Gestrandeter, der Horizont verdichtet zu einem grauen Reflex auf der Oberfläche schwarzer Löcher. Obschon privilegiert beneide ich sie um die Zwänge, die ihnen der Hunger und die Angst, in sogenannte sichere Herkunftsländer (seltsamerweise mittlerweile alle) abgeschoben zu werden auferlegen. Sie müssen den Verlust ihrer Perspektivlosigkeit fürchten, die immer noch besser erscheint, als die Perspektiven bei der Rückkehr in Länder, die nichts anderes sind als Folterkammern mit diplomatischen Vertretungen. Das strukturiert ihre Tage. Ich dagegen weiß nichts mit mir anzufangen. Die Grenzen von Gefangenschaft und Grenzenlosigkeit lösen sich auf, der Mangel an Widerständen, an denen ich mich abarbeiten könnte erzeugt einen inneren Druck, der sich anfühlt als würde ich jederzeit platzen wie ein Schädel im luftleeren Raum. Immerhin sorge ich mich. Seit Tagen bekomme ich keine Katze mehr zu Gesicht, die letzte die ich sah war blind von Geschwüren, die sich um ihre Augen schlossen. Dementsprechend die Warnungen: `Die derzeit sinkende Strahlenbelastung ist klimatischen Bedingungen geschuldet. Ändern sich die Winde, ändern sich die Werte.` Guiseppe, der Barista vom `Cafe Corona` ist in den letzten Monaten sichtbar gealtert, raucht gegen seine Atemnot mit Mentholzigaretten an, grün ist die Hoffnung und sein Teint. Er erzählt von einem Durchbruch bei der Forschung, die hektisch nach Mitteln gegen die Auswirkungen der Strahlung auf den menschlichen Organismus sucht: `Es nennt sich Viraltherapie. Man injiziert einen Virus, der die DNA in den Zellen so umschreibt, dass sie widerstandsfähig gegen die Strahlenbelastung sind. Ironie der Geschichte: es handelt sich um einen Corona-Virus. Leider`, er kriegt sich nicht ein vor Lachen, `leider verläuft die Infektion mit dem Virus in einer von tausend Fällen tödlich, in 10 von tausend Fällen kommt es zu schweren Verläufen. Der Gesundheitsminister sieht das so: die Strahlung wird bleiben. Früher oder später erkrankt jeder ernsthaft. Man bereitet uns darauf vor, dass die gezielte Infektion mit einem potenziell tödlichen Virus alternativlos ist.` Ich bin elektrisiert. Wie kommt man an eine Dosis von dem Zeug?"   

 

15.05.2021

"Du fragst Dich - mittlerweile in Hamburg havariert - welches Leben Du an den Werktagen führst. Ein einsames Leben ohne Musik? Oder bist Du umgeben von einer Schar Kinder, von denen sich herausstellt, dass es nicht Deine Kinder, sondern Urenkel sind, die Dich im Seniorenstift `Zum letzten Unwillen` besuchen? Es ist ja nicht ausgeschlossen, dass in Deinem anderen Leben nichts mehr ohne Gehhilfe vorangeht. Dein Seelenklempner hat nichts dazu zu sagen: `Das hier ist ein freies Land. Es steht mir nicht zu Sie an den Werktagen zu überwachen.` Er gibt mir einen faden Tipp: `Wenn Sie wissen wollen was für eine Art Mensch sie sind, lesen Sie doch die Bücher die man Ihnen zuschreibt.` Schönen Dank. Darauf bist Du auch schon gekommen. Welt ohne Kontakt hast Du überschlagen. Hat Dich verunsichert, weil es Dich im Unklaren ließ ob es sich um ein als Roman getarntes Sachbuch oder umgekehrt handelt. Dazu ein schier unüberwindbarer Widerwille, sobald Du auch nur in die Nähe des Regals mit den Büchern kommst. `Können Sie das nicht für mich lesen?` bettelst Du. `Das habe ich`, entgegnet der Seelenklempner, der Dir auf einmal unglaublich feist erscheint. `So wie viele andere auch. Eines ist sicher`, er legt eine dramatische Pause ein, fixiert Dich durch die Gläser seiner Nickelbrille, die ihm spontan gewachsen sind, `Sie verbreiten durchaus Hoffnung, auch wenn Sie ein Pessimist sein sollten. Die Toten, die Lebenden und die Ungeimpften inspiriert unsere Wissenschaftler. Die Idee Corona-Viren einzusetzen, um generationenübergreifend das Genom so zu manipulieren, dass wir Resistenzen gegen die Strahlenkrankheit entwickeln nimmt nur einen Absatz in dem Buch ein. Ein mehr oder minder scherzhaft gemeinter Schnipsel in einem Dialog zwischen zwei Virologen. Unsere Forschungsgemeinde hat das elektrisiert. Milliardensummen fließen in das Epigenetical Engineering-Programm. Trotz gewisser Nebenwirkung wie Kindern, die am ganzen Körper behaart zur Welt kommen, sind die ersten Ergebnisse ermutigend.` Er schweift ab wie ein Komet, dann ist er weg. Ich bin alleine, rede mit mir selbst, während ich aus dem Fenster sehnsuchtsvoll in den Morgenhimmel hinaufblicke und ihn verzweifelt nach Flugzeugen absuche."

Du sitzt auf einer Parkbank, hörst Dir eine Pressekonferenz mit Armin Laschet an. Um Dich herum schnattern Gänse. Perfekt.

Die neuen Kontaktanzeigen beginnen mit: Jung geblieben, Nichtraucher, geimpft. Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen. 

Jetzt ist es so weit. Der Verfasser ertappt sich bei dem absurden Gedanken FDP zu wählen. 

 

14.05.2021

Boris Palmer, das wandelnde Tourette-Gespenst der Grünen, wandelt nun sogar durch meinen Schlaf. In einem Traum von einer Talk-Show fordert er Treibjagden auf Impfverweigerer, denen man mit Betäubungsgewehren Astra Zeneca verpasst. Statt auf Impfmuffel anzulegen, sollte er auf die Hamas-Führer zielen - sollte er nebenbei auch Netanjahu betäuben wäre es kein Desaster. 

Interessant wird sein zu sehen, wie groß die Asthma-Welle im Jahr 2021 ausfällt.

 

13.05.2021

"Zu Deinem Erstaunen wachst Du an einem Donnerstag auf. Aufgewühlt und perplex gehst Du Deinen morgendlichen Routinen nach. Zähneputzen, ein besorgter Blick in den Spiegel. Eine Panikattacke. Ein punktgroßer, tiefbrauner Fleck unter dem rechten Auge. Kannst Dich nicht daran erinnern, ob der in Deiner letzten Wachphase schon da war. Du guckst weg, aktivierst schleunigst den Schwarzen Spiegel, was sagt die Tagesberichterstattung? Wie hoch ist die aktuelle Strahlenbelastung? Nichts dergleichen. Stattdessen die Sendung mit der Maus. Deutsches Fernsehen, zudem ein Kinderprogramm, ungewöhnlich für diesen Wochentag und diese Tageszeit. Dass Du in Deutschland erwachst erstaunt Dich erstaunlicher Weise nicht. Deine Routinen sind kosmopolitisch zwanghaft. Wie in Trance torkelst Du zum Supermarkt, statt mit Bleiweste nur mit Mundschutz gegen die gefährliche Außenwelt gewappnet. Zeitung, Zigaretten, Milch und Cornflakes. Kein Verkehr auf den Straßen, der Supermarkt ist zu. Dir dämmert es ist ein Feiertag. Christi Himmelfahrt. Unverrichteter Dinge schleppst Du Dich zurück in die Wohnung, die wohl zu Dir gehört wie der Name an der Tür. Die Nachrichten. Die 7-Tages-Inzidenz sinkt, aber Vorsicht bleibt geboten und Mutanten lauern überall. Es herrscht eine Pandemie, genau so wie in `Welt ohne Kontakt`. Offenbar bist Du im Gegensatz zu Jesus zur Hölle gefahren. Dein Feiertag besteht darin, in der Welt aufzuwachen, die Du beschrieben hast."

 

12.05.2021

Aufgeschreckt aus Träumen von Containerschiffen, voll beladen mit gigantischen Zauberwürfeln.

Die Aufhebung der Priorisierung für Astra Zeneca und Johnson/Johnson ist ein fauler Zauber, eine unverschämte Mogelpackung. Die Politik delegierte auf diese Art und Weise die Verantwortung für die nach wie vor vorgenommene Priorisierung auf die Hausarztpraxen, die sich nun für den telefonischen Andrang und die Ungeduld der Urlaubsreifen bedanken. Schlangen vor den Impfzentren, wütende Impfwillige bei den Arztpraxen, Unruhe und Gereiztheit auf Bänken, die immer noch gleich lang sind, auf denen jetzt jedoch dichtes Gedränge herrscht. Stellt Euch nicht so an! (...damit ich eher drankomme...)

Ob `Frontal`, `Report`. `Tagesthemen`. Allenthalben fassungslose Berichte über gefälschte Impfpässe und Impfbetrüger. Dabei hätte man schon bei den Hamsterkäufen von Klopapier wissen können wie die Menschen sich verhalten wenn Impfstoffe frei und die Geimpften frei gegeben werden. 

Man erinnere sich. Es hieß: wenige Unvernünftige seien der Grund für Freiheitsbeschränkungen aller. Umgekehrt: alle Freiheiten auch für Impfbetrüger. Als Belohnung für die herzhafte Ausübung unternehmerischer Freiheit. 

Wer bisher noch nicht wusste wie man einen Impfpass fälscht weiß es jetzt dank eines Beitrags bei `Report`. Dann mal schön Stempeln gehen. 

Die neue euphemistische Formel für zukünftige Entbehrungen und Einschränkungen: Wir müssen es den Leuten erklären. Klingt viel besser als klipp und klar zu sagen: das kommt auf Euch zu (und damit üblicher Weise nicht Arndt Kirchhoff oder gar sich selbst zu meinen). Behutsamkeit im Ausdruck ist gelegentlich eine Kombination aus Verzagtheit und Heuchelei. Zur selben Kategorie von Begrifflichkeiten gehört auch der selbstreferenzielle Appell: Wir müssen uns ehrlich machen. Übersetzt: wir wollen uns bemühen in Zukunft etwas weniger verlogen zu sein als bislang (was nicht bedeutet, dass dieses hehre Unterfangen gelingt). 

Man geniert sich in Anbetracht des repräsentativen Stolzes von Anja Karliczek und Jens Spahn (nicht nur) bei der heutigen Pressekonferenz, die stellvertretend für den Stolz auf nationale Leistungsfähigkeit und globale Führerschaft in Sachen Impfung steht. Biontech steht dabei sowohl für die schwarz-rot-goldene globale Pionierleistung, als auch für gelungene Integration (wehe Boris Palmer twittert etwas von Vorzeigemigranten, dann schließt ihn prophylaktisch auch die SPD aus), und nach Jens Spahn soll am deutschen Impfwesen die Welt genesen. Eine Nummer kleiner geht es wohl nicht möchte man wahlkampfbereit deutlich genug betonen, dass der unsägliche CDU-Satz, es müsse wieder möglich sein das Nationale mit dem Sozialen zu versöhnen, nicht einfach eine Entgleisung, sondern durchaus wohlwollend geduldetes Fischen am rechten Rand ist. 

Auf die erneute Nachfrage dahingehend, warum man - obwohl sich auch bei der Aufhebung des Patentschutzes für AIDS-Medikamente gezeigt habe, dass dies keineswegs zu reduzierter Produktion, Forschung und Entwicklung bei den Pharmaunternehmen oder sogar zu Medikamentenengpässen geführt hat - den Patentschutz für Impfstoffe gegen Corona nicht aufhebt platzt Jens Spahn der eines Asphyxfetischisten würdige enge Kragen. Darüber freue sich vor allem China und schließlich müsse man in Deutschland noch mit irgendetwas Geld verdienen, wenn man auch in Zukunft die ganze Welt mit in Deutschland entwickelten Medikamenten erfreuen wolle. Mit offenem Visier und lobenswert nassforsch (zumindest aus Sicht der nicht auszumerzenden Wahlkämpfer, die unter Konservativismus vor allem das Konservieren von Besitzverhältnissen verstehen) pocht Jens Spahn auf das Primat der wirtschaftlichen Interessen über das Gebot der christlichen Nächstenliebe. Der moralische Überbau ruht auf der märchenhaften, traditionellen Erzählung, es gehe allen nur dann besser, wenn genügend Brotkrumen vom Tisch der Kapitalisten fallen. Den Umkehrschluss kennt man: ohne lukrative Anreize wandern die Unternehmen ab, investieren sie nicht in Forschung und Entwicklung, koste das unzählige Arbeitsplätze - eben so und eben so erwiesener Maßen durch die Realität nicht belegt wie die Einführung eines Mindestlohns. Dies schwächt Deutschland und führt dazu, dass die Welt auf zahlreiche Segnungen verzichten muss, die sie dem deutschen Reichtum verdankt. Auf lange Sicht wäre es demnach auch nicht im Interesse Indiens, wenn die Aufhebung des Patentschutzes zu Lasten der deutschen Pharmaindustrie Leben rettet.   

Darüber kann man sich empören. Doch die derzeitige weltweiten Kluft was die Versorgung von Bevölkerungen mit Impfschutz betrifft - wie Anne Jung von medico international es formuliert: `Die Weigerung, den Patentschutz aufzuheben und die ungleiche Verteilung der Impfstoffe auf reiche und arme Länder zeigt, dass das Leben von Armen schlicht weniger wert ist als das Leben von Wohlhabenden` - entfacht keinen Sturm der Entrüstung. Wie sollte es auch in einem Land der Klopapierhorter und Impfdrängler. 

Jens Spahn scheint sich jedenfalls seiner politischen Sache sicher zu sein, wenn er das wirtschaftliche Interesse an einem Fortbestand des Patentschutzes trotz der pandemischen Situation betont. Warum auch nicht? Eine nicht unerhebliche Zahl von betagten CDU-Wählern dürfte nicht nur verstanden haben, dass Gesellschaft und Gesellschaftssystem nicht das selbe sind, sondern befürworten, dass die Stabilisierung des Gesellschaftssystems Vorrang vor gesellschaftlichen Interessen hat. Worin der Unterschied besteht erläutert Margarete Stokowski in ihrer Spiegel Online-Kolumne `Woher kommt der Kinderhass?`(SPON, 11.05.2021): `Mit Kindern gut umzugehen, bringt kurzfristig weniger für die Wirtschaft, als eine Fluggesellschaft zu retten. Wer hauptsächlich das Kapital und weniger die Menschen schützen will, für den sind kleine Menschen, die noch keine Profite schaffen, hauptsächlich ein Betreuungsproblem und unfertige spätere Arbeitskräfte.` An diesem Beispiel sieht man, das gesellschaftliche Interessen (z.B. kinderfreundlich zu werden) im diametralen Gegensatz zu systemischen Interessen stehen können. In allen Teilsystemen, die eine Gesellschaft zum Teil quer gegen deren ethische Prinzipien strukturieren, gilt das Primat des Schutzes des Systems vor dem Wohl der Menschen. Nicht die Vermeidung von Leid und Tod war primäres Ziel der Pandemiebekämpfung, sondern die Vermeidung einer Überforderung des Gesundheitssystems. Nicht die Vermeidung von Infektionsketten und den physischen und psychischen Folgen für die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen stand im Zentrum der bildungspolitischen Debatte, sondern die Sorgen um den Bildungsrückstand, der dazu führt, dass die `unfertigen späteren Arbeitskräfte` noch unfertiger und später dem Wirtschaftssystem zur Verfügung stehen. Frau Stokowoski beschreibt Kinderfeindlichkeit als `eine notwendige Folge von Kapitalismus und Patriarchat`. Ohne auf diese These hier näher einzugehen - es genügt ja, sich die Kolumne durchzulesen und sich eine eigene Meinung zu bilden - lohnt es sich doch, einmal über die Symbiose von konservativem Weltbild, Strukturkonservatismus, Marktliberalismus und Diskriminierung wegen Alter und Geschlecht nachzudenken. Die Institutionen und Strukturen, die den Wandel von Gesellschaften und Werten überdauern und nach wie vor Gesellschaftssysteme und Macht organisieren, bewahren jahrhundertealte Werte, die zutiefst patriarchalisch sind: Kirchen, konservative Parteien, und auch Vorstände von Unternehmen. Während Gesellschaft sich wandelt, sind Machtstrukturen nach wie vor patriarchalisch geprägt und begreifen Fortschrittlichkeit als Fassade. Die Erzählung von der Minderwertigkeit von Frauen, Kindern und Alten ist noch längst nicht abgeschlossen, da Diskriminierung ein bequemer Pfad zur Reduzierung von Menschen zu verfügbarem Material oder noch schlimmer zur Denunziation als reiner Kostentreiber ist. Solange es common sense ist, dass das Gesellschaftssystem wichtiger ist als die Gesellschaft, bleiben beide leider weitgehend deckungsgleich.

Die `epidemiologische Notlage von nationaler Tragweite` verwandelt die Gesellschaft insgesamt in Kinder, denen wieler und wieler Hygieneregeln, richtiges Benehmen und Disziplin eingebläut werden. Da Kinder zur Unvernunft neigen muss man sie erneut und erneut ermahnen vernünftig zu sein, um `dass was wir alle schon erreicht haben nicht aufs Spiel zu setzen`. Aus Sicht des Kindes mag man sich fragen: und was haben wir erreicht? Die Fortsetzung von Kontaktbeschränkungen, Tumulte in Impfzentren und Arztpraxen, Homeoffice auf Klappstühlen, Koma des kulturellen und sozialen Lebens, Niedergang von Gastronomie und Tourismus, Verödung der Innenstädte, pro Woche immer noch 250 Covid-Tote, Ausgangsbeschränkungen und Maskeraden, vor jeder Freiheit ein Test, die Fortsetzung des Wartestandes, das Ende der Geschlossenheit ist offen. Behutsam bereitet man die Kinderschar darauf vor, dass - bei allem was man schon erreicht hat - der Weg länger wird und beschwerlich bleibt. Unisono formulieren Jens Spahn und Wiglaf Drosten das Ultimatum: Wer nicht geimpft wird, wird sich infizieren, niemand kommt glImpflicht davon. Der Virus wird nicht verschwinden (0-Covid, das ist lange her, die Überwindung von Corona längst eine Utopie), niemand kann sich ganz sicher sein, die Angst bleibt, Vorsicht bleibt geboten, wenn die Pandemie vorüber ist, ist es die Epidemie noch lange nicht und damit steht auch die Beendigung der `epidemischen Notlage von nationaler Tragweite` in den Sternen. Dafür wird es einen Grenzwert geben: 80% Immunisierung. Selbst wenn das erreicht wird - jetzt, da wir soviel über Viren wissen, bleiben die AHA-Regeln gültig. Nicht zu vergessen: Grippeimpfungen. Da nämlich letztes Jahr die Grippewelle ausfiel, wird die kommende sonst umso schlimmer. Das Ende der Krise - es wird darin bestehen, die Mittel zu ihrer Bewältigung weiter anzuwenden. Verdammt viel haben wir erreicht. 

Ob Bubi Scholz unz rettet? Der jedenfalls hielt heute bei der Vorstellung der Steuerprognose der Bundesregierung seine eigentliche Bewerbungsrede für das Kanzleramt. Wenn er Kanzler wird, bittet er die Reichen zur Kasse. Die werden sagen: Nein danke, lieber nicht. 

 

11.05.2021

Der Appell nicht neidisch zu sein ist genereller, richtungsweisender Natur. Den vertieften sozialen und ökonomischen Verwerfungen während der Pandemie - der `Stresstest`- werden weitere Einschnitte folgen, die mit der Rettung der Erde gerechtfertigt werden. Das Rezept gegen daraus resultierende Spannungen ist einfach: es wird nicht darin bestehen, Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten entgegenzuwirken, sondern darin, Klagen über gravierende Benachteiligungen als Neid zu diskreditieren. Stattdessen sollen sich die Benachteiligten am schönen Leben der Anderen erfreuen. Herzerwärmend unbefangen kommentiert Till Nassef vom ARD-Morgenmagazin eine Preisverleihung für eine Schule, die sich besonders verdient um die Förderung von Kindern und Familien aus sozial schwierigen Verhältnissen macht, mit den Worten: `Gestressten Eltern sollte es Mut machen, dass es auch anders geht.` Wie schön. Menschen in Armut sollen sich daran erfreuen, wie gut es anderen geht. Menschen ohne Hoffnung sollen Hoffnung schöpfen aus dem Glück Dritter. Ausgebeutete Lageristen sollen sich an den Gewinnen ihrer Ausbeuter erfreuen. Die Beute soll dem Raubtier seine Mahlzeit gönnen. So geht sozialer Frieden, wenn der `Stresstest für die Gesellschaft` gelingt. Weltoffen und modern ausgedrückt: Vielfalt zu leben bedeutet soziale Unterschiede auch dann abzufeiern, wenn sie sich in zunehmender ökonomischer Ungleichheit und bunten Blüten der Ungerechtigkeit äußern. Wer dem zum Opfer fällt soll sich am Duft der Blumen des Bösen erfreuen.

Was sich nicht ändert sind die Märchen, die Großverdiener darüber erzählen, wie Wohlstand für alle sich erzielen lässt. Gestern zu Gast bei `Hart aber fair`: Der Unternehmer Arndt Kirchhoff und die Lageristin Djamila Kordus. Frau Kordus erzählt von ihrem 16-Stunden-Tagen als alleinerziehende Mutter mit einem Stundenlohn von 10 € etwas, Herr Kirchhoff ist der Überzeugung, eine Erhöhung des Mindestlohns sei nicht das richtige Mittel gegen Armut trotz Arbeit und Armut im Alter, sondern `Der Kuchen müsse größer werden`. Ergo: Steuern senken, mehr Wachstum, mehr unternehmerische Freiheit. Dann gebe es auch mehr zu verteilen. Als sage die Größe eines Kuchens etwas darüber aus, wie er verteilt wird. Das hängt nicht von der Größe des Kuchens, sondern davon ab, wem der Kuchen gehört. Zudem gibt es nicht den einen Kuchen. Frau Kordus arbeitet für eine Branche, deren Kuchen stetig größer wird, ohne dass sie etwas vom Kuchen abbekommt. Was empfiehlt man Frau Kordes um ihre ökonomische Situation zu verbessern? Weiterbildung. Kein Problem mit gering bezahltem Knochenjob + Homeschooling. Schlaf wird ohnehin überbewertet. Das ist etwa so wie in dem fiesen Spruch: Ich kenne die Lösung des Welthungerproblems - mehr spachteln. Ach ja, und Hubertus Heil, der Don Quichotte des Mindestlohns in blümiger Rüstung, war auch noch da. 

Alles was wir wissen müssen wissen wir über die Massenmedien. Wenn es Nacht wird, sternenlos, starr, dunkel, still, ziehen die Bildschirme sich zurück, so werden sie kenntlich. Indem die schwarzen Spiegel schrumpfen dehnt das Universum sich aus, entfernt sich vom Betrachter in alle Richtungen der Raumzeit. Zurück bleiben Raucher, die sich in die Ausgangssperrzone wagen, sich wie Schatten an Hauswänden entlangdrücken, bis sie endlich an einem Zigarettenautomaten Halt finden. 

 

10.05.2021

Obwohl man ohnmachtsbedingt wenig Schuld am Auftritt von Angela Merkel beim EU-Gipfel in Porto hat und nicht staatstragend in Erscheinung tritt schämt man sich dennoch: nicht nur, dass die Weigerung Deutschlands den Patentschutz für Impfstoffe vorübergehend auszusetzen grade Indien hart trifft, regelrecht menschenverachtend ist ihre Andeutung, Sanktionen gegen Indien zu verhängen, wenn Indien seinen Lieferzusagen in Sachen Impfstoff an Europa nicht vollständig nachkommt. Nachdem also Indien das reiche Westeuropa seit Monaten (sicherlich nicht unentgeltlich) mit genügend Impfstoff versorgt um dessen Bevölkerung zu schützen schlägt man nun gegenüber dem Land, das sich mitten in einer humanitären Katastrophe befindet und bemüht sein muss seine eigene Bevölkerung mit Impfstoff zu versorgen, Töne an wie gegenüber Despoten. Auf das Massensterben in Indien reagiert Deutschland mit der Androhung von Vertragsstrafen, nachdem das Land Deutschland maßgeblich aus dem Schlamassel einer dilettantischen Impfpolitik heraus half. `Germany first` kritisierte eine indische Nachrichtensprecherin zurecht. Schlimmer. Deutschland signalisiert repräsentiert durch Merkel die Einhaltung von Verträgen gegenüber Deutschland habe Vorrang hat vor der humanitären Hilfe für die indische Bevölkerung. Etwa so als besteht ein Vermieter nach einem Hausbrand, bei dem die Hälfte seiner Mieter umkam zunächst auf die pünktliche Zahlung der Miete. Widerwärtig.

Zur Schnappatmung der Moderatorin im ZDF/ARD-Morgenmagazin führte die Bemerkung Frau Woopens, der Vorsitzenden des Deutschen Ethikrates, solange eine epidemiologische Notlage von nationalem Ausmaß herrsche könne der Staat durchaus die individuellen Grundrechte auch derjenigen einschränken, von denen - nach derzeit vorherrschender Meinung - keine Infektionsgefahr ausgehe. Man tue dies sogar, indem man auch Geimpfte und Genesene in ihrer Berufsfreiheit einschränke. Außerdem hält sie es für vermessen von einer Neiddebatte zu sprechen, wenn man den selbstverständlichen Anspruch stelle, auch für diejenigen die nicht geimpft sind seien möglichst viele Freiheiten wieder herzustellen, was durch den Verzicht auf eine Niedriginzidenzstrategie blockiert wird. Negativ Getestete seien Geimpften und Genesenen gleichzustellen. Ja aber...entgegnet die Moderatorin festgefügt in ihrem Narrativ: ob es denn jetzt nicht darum gehe, den Geimpften alle Freiheitsrechte wieder einzuräumen? Die Moderatorin erinnert einen an ein Stepford-Wife. 

Die gestrige Ausgabe von Anne Will beginnt damit, dass Luisa Neubauer sich neckisch eine Strähne hinter das Ohr streicht. Danach gibt sie den Sascha Lobo der Fridays for Future-Bewegung und arbeitet sich schnellsprechend und unter souveräner Ignoranz der übrigen Gäste und deren Interesse sich in die Debatte einzuschalten an Armin Laschet ab. Die eigentliche Überraschung des Abends ist nicht die Selbstdarstellung Frau Neubauers die auftritt wie eine Klassenstreberin, die dem Klassenlehrer und der Welt im Allgemeinen ihr überlegenes Wissen und ihre überlegene Moral präsentiert, sondern die Souveränität und Faktensicherheit, mit der Armin Laschet der Generalabrechnung begegnet. Das Problem der Fundamentalkritik an der Regierungspolitik im Allgemeinen und dem Klimaversagen Laschets insbesondere ist, dass diese Kritik als Ablehnung und Misstrauen gegenüber allen Parteien und Politikern herüber kommt, die für eine Regierungsbildung ernsthaft in Frage kommen. Laschet steht da nur als pars pro toto. Selbst wenn Frau Neubauer sachlich Recht hat und die Dringlichkeit ihrer Anliegen unbestreitbar ist schafft demonstratives Klugscheißen und moralische Rigorosität keine Mehrheiten und schadet dem Anliegen Klimaschutz, da indirekt alle Wähler der CDU, SPD, FDP und auch der Grünen als moralisch minderwertig und klimatisch ungebildet diskreditiert werden. Auch von Armin Laschet eine klare Distanzierung von Herrn Maßen zu fordern ist wohlfeil: der kann unmöglich Wähler zur AfD treiben, indem er mit der Verurteilung Maßens (über alle Maßen) das Narrativ der vom arroganten Westen gemaßregelten Ossies bedient.  

Wie gut dass es kühl, bewölkt und regnerisch in ganz Deutschland ist. Unabhängig vom Impfstatus. 

Merken sie das auch? Man macht uns ruppig bis behutsam mit der Notwendigkeit vertraut, uns an höhere Risiken zu gewöhnen. So wie wir mit Impfungen und ihren Risiken in Zukunft leben werden müssen, so wie wir uns daran gewöhnen werden müssen, dass auch diese keinen hundertprozentigen Schutz bieten und dennoch das Arbeiten, die Schule, der Konsum weiter gehen müssen werden wir uns auch an die Rückkehr der Kernenergie und ihre Risiken gewöhnen müssen, denn die Rettung des Planeten ist ein höherwertiges Gut als die Risiken einer Kernschmelze, so wie der relative Schutz der Gesellschaft, des Gesundheitssystems, der Produktion und der Verschulung höher zu bewerten sind als das individuelle Risiko einer Sinusvenenthrombose, auch wenn uns das Kopfschmerzen und rote Pünktchen in den Pupillen bereitet - man wird uns auch daran gewöhnen, dass wir höhere Risikobereitschaft flankieren müssen durch mehr Vorsicht und Sparsamkeit. Darin ist sich Nikolas Blome selbst mit Greta Thunberg einig: `Ich fürchte nur, dass die Rettung des Planeten, das Jahrhundertprojekt der Menschheit, nicht mehr ganz ohne Risiko zu haben sein wird.`(Nikolaus Blume, `Redet endlich über Atomstrom`, SPON, 10.05.2021). Diese Entwicklungen mögen tatsächlich unausweichlich sein - allerdings werden sie auch von denen heraufbeschworen, die ihr privilegiertes Leben und ihren Komfort beibehalten wollen. Dazu sollen sich gefälligst alle anstrengen, Risiken in Kauf nehmen und sich so weit wie möglich einschränken. Zwar riecht die Linke den Braten und selbst Olaf Scholz fordert `soziale Gerechtigkeit und Respekt` - doch wer die fordert ist auch seitens derer nicht wählbar, denen diese Forderungen nutzen soll. Denn die sind mehrheitlich der Meinung, es sei wenig sinnvoll Parteien die Stimmen zu geben, die immer noch daran glauben sie könnten innerhalb des bestehenden Systems für Gerechtigkeit sorgen. Bleibt abzuwarten wohin das verführt. 

`Ich hatte immer zwei Sorgen. Zahnfleischbluten und schmerzempfindliche Zähne`(Werbung für Lacalut-Zahncreme). Was für eine nostalgische Werbung. 

Ein Schuss Ehrlichkeit resultierend aus ungeschickter Rhetorik: die Erzählung von der Pandemie als Stresstest. Wer eigentlich testet da was zu welchem Zweck?

Welchen Nutzen hat jemand davon, dass andere geimpft sind und sie/er nicht? Die Frage ist falsch gestellt. Die Frage ist welchen Schaden hat er/sie davon nicht geimpft zu sein. Es ist perfide jemandem Neid zu unterstellen, der sich über einen erlittenen Schaden beklagt, nicht etwa über einen entgangenen Vorteil. 

 

09.05.2021

"Die Tage werden länger und die Strände füllen sich. Die ersten Familien aus Palermo und Trapani schlagen ihre Zelte im Sand auf, groß wie Einfamilienhäuser, mindestens aber wie Campingbusse, wenn es noch Kleinfamilien sind. Die Menschen geben ihre geduckte Haltung auf, richten sich auf wie Pflanzen nach einem Hagelschauer. Ein einziges, großes, erleichtertes Aufseufzen. Eilfertig schälen sich erste Touristen aus ihren Schutzanzügen, streifen sie ab wie Schlangen ihre Haut. Es ist angenehm wieder ohne Angst vor saftigen Bußgeldern am Strand entlang zu gehen oder auf dem Rücken schwimmend den Silberfischchen im Himmelsmeer zuzusehen, deren Chemtrails sich kreuzen, ohne dass man von wütenden Küstenwächtern an Bord eines Polizeibootes gehievt wird wie ein unerwünschter Beifang. Dabei hat sich an der Bedrohungslage nichts geändert, jedenfalls nicht zum Besseren. Das einzige was sich geändert hat sind die Richtwerte. Strahlungsbelastungen die gestern noch als lebensgefährlich galten gelten jetzt - was immer das heißt - als vertretbar und ihre Folgen als beherrschbar. Strandverkäufer preisen Sonnencremes an, deren Sonnenschutzfaktor höher ist als der von Rohöl, finden aber keine Abnehmer weil niemand an die Gefahr erinnert werden möchte. Ich auch nicht. Ich miete ein Boot und brause  - wie ein flacher Kiesel über die Wasseroberfläche flitzend - der Strahlung davon."

 

08.05.2021

"Mäßig überrascht - als kennst Du es aus allen Welten außerhalb des Wochenendes - verfolgst Du ein Politmagazin, in dem ein Intensivpfleger plastisch die Folgen des Personalmangels auf Intensivstationen schildert. Aufgrund der hohen Strahlenbelastung liegen drei Intensivpatienten auf drei Zimmern, die durch Bleitüren voneinander abgetrennt sind. Ein Intensivpfleger ist zuständig für drei Patienten. Während er sich um einen kümmert, bekommt er nicht mit, wenn die Patienten in den anderen Zimmern ersticken oder sich bei Panikattacken von den Lebenserhaltungsvorrichtungen losreißen. Wer verstirbt wird umgehend in einen Plastiksack verpackt und entsorgt. Einsames Sterben, kein Abschied von Freunden und Verwandten, das Letzte was diese Menschen sehen ist Blei. Er spricht von psychischer Belastung. Im Netz widmet man ihm Hasskommentare: wenn ein Müllwerker nicht in der Lage sei Müll in Säcken zu entsorgen, soll er nicht zur Müllabfuhr. Ein anwesender Politiker empfiehlt ungerührt, die Sanierung des Gesundheitswesens privaten Unternehmen zu überlassen - wie bisher. Der Mann hat beste Aussichten auf die Position des Gesundheitsministers nach den nächsten Strahlenwahlen. Danach spricht sich der aktuelle Gesundheitsminister gegen die Aufhebung des Patentschutzes für Medikamente gegen Strahlenkrankheiten aus. Dir kommt das so vertraut vor, als kämst Du nach langer Zeit zurück in eine unveränderte Wohnung. Als schlüpfst Du in einen warmen Schluffen. Was man kennt suggeriert Schutz. Ein triftiger Grund Dinge selbst dann nicht zu ändern, wenn diese Form von Konservatismus absehbar katastrophale Folgen zeitigt. Wo bist Du heute eigentlich? Ah. Kopenhagen. Langsam driftest Du nach Süden, babbelst Dich von Sprachraum zu Sprachraum."

 

07.05.2021

Ein nicht besonders online-affiner Freund beklagt sich darüber, dass bei einer Anmeldung für ein Online-Portal eine Eingabemaske fehlt: Dabei gelte doch Maskenpflicht.

Warum denn die katastrophale Entwicklung, die in Sachen Corona-Tsunami prognostiziert wurde nicht eintrat beantwortet gut gelaunt Karl Lauterbach bei Maybrit Illner. Die Modellierer rechnen in ihre Prognosen die Effekte von Anpassungen des Verhaltens in der Bevölkerung nicht mit ein. Die Prophezeiung einer Gefahr führe zur Vorsicht bei den Menschen. Wie beim Schach: die Drohung ist stärker als die Ausführung. Nicht die Maßnahmen wirken, sondern ihre Ankündigung, und selbst das kann man bezweifeln wenn man sich die Entwicklung in der Schweiz ansieht, in der die Fallzahlenentwicklung ohne restriktive Maßnahmen einen ähnlichen Verlauf nimmt. Maybrit Illner formuliert als Frage eine schier ungeheuerliche These - ob nicht im Wesentlichen die Einsicht und Vernunft der Menschen unabhängig von Restriktionen die Entwicklung bestimme. Das ist zu abstrus, als dass die Gäste sich mit dieser These befassen, die so steil ist wie der Anstieg der Infektionszahlen in Indien. In Deutschland wird es dabei bleiben, dass die psychologische Wirkung von Freiheitsbeschränkung hinreichender Grund für ihren Vollzug ist.  

Ein Hauch von Merz bei Lanz. Hab ich mir geklemmt. 

Eine Umfrage zur Eignung von Frau Baerbock, Herrn Scholz und Herrn Laschet als Kanzler zeigt: das Zutrauen in die Eignung ist sprunghaft gestiegen, seit die KandidatInnen ihren Anspruch entschlossen deutlich machten. Der resolute Griff nach der Macht selbst wird schon als Eignung interpretiert. Gruselig. 

Sinn und Zweck einer repräsentativen Demokratie ist den Souverän davon zu entlasten, jedes Detail des politischen Tagesgeschäftes selbst zu treffen. Derzeit jedoch geht es beinahe ausschließlich um grundsätzliche Entscheidungen, die direkt die gesamte, derzeit gut informierte Bevölkerung betreffen. Grade wenn es um Fundamentales geht wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Freiheit wäre mehr direkte Demokratie, und nicht weniger geboten. Eindeutig eine Position, die in einer Demokratie nicht mehrheitsfähig ist. Mehrheiten in einer Demokratie sind in der Regel mit der Einschränkung der Demokratie einverstanden - trauriger Weise ein Grund, warum Demokratien geduldet sind. 

Jens Spahn und die Heisenbergsche Unschärferelation: `Man kann nicht beides haben. Weniger Bürokratie und mehr Daten. Absolute Sicherheit und Geschwindigkeit.` Wer weiß. Vielleicht begreift Jens Spahn besser als andere, dass Politik Toleranz von Unschärfe bedeutet. In der Praxis bedeutet dies Grauzonen zu akzeptieren und deren Spielräume zu nutzen. Beispiel: die Korrumpierung von Freiheitsrechten zugunsten einer rascheren Durchimpfung. Kritiker beziehen einen Standpunkt, der wie eine Messung in der Quantenmechanik das Resultat definiert. Sie sind wichtig um zu verdeutlichen, dass die von Entscheidern herbeigeführten Maßnahmen nie alternativlos sind - grade weil sich auch politische Entscheider in Zonen der Unschärfe bewegen. Also: nichts für Ungut, Mister Eigenlob.    

Zudem eignen sich Grauzonen als Verstecke, so wie der tosende Lärm einer Debatte, die alles andere überlagert Entscheidungen in aller Stille begünstigt. In der heutigen Debatte im  Bundestag verbergen sich hinter sperrigen Namen für Gesetzesentwürfe brisante Themen wie die `Quellentelekommunikationsüberwachung`, die Trojaner des Verfassungsschutzes Zugriffe auf private Handies ermöglicht, oder das Zeitverwendungserhebungsgesetz, dessen Titel für sich selbst spricht (und von keinem Rechtschreibprogramm als korrektes Wort erkannt wird).

 

 

06.05.2021

Heribert Prantl spekuliert im ZDF/ARD-Morgenmagazin über die Motive des Bundesverfassungsgericht, den Eilantrag zur Aufhebung der Ausgangssperre abzuweisen. Das BVG tue sich leicht mit Entscheidungen, die sich mit der Freiheit in der Zukunft befassen, aber schrecke vor einer die Freiheit in der Gegenwart betreffenden Entscheidung zurück. Der Verfasser findet das Urteil salomonisch, denn es zeigt, wie man sich den Pelz waschen kann ohne sich nass zu machen. Das BVG sagt nicht, die Ausgangssperre sei verfassungsgemäß - wäre es sich da sicher, hätte es geurteilt - sondern verweist auf eine Entscheidung in der Hauptsache. Die wiederum kann dauern - solange bis die Inzidenz Ausgangssperren ohnehin überflüssig macht. Feigheit vor der Freiheit. 

Es wird gewarnt vor abstürzenden Trümmern einer chinesischen Rakete. Es sei nicht ausgeschlossen, dass diese über Wohngebieten niedergehen. Und nun? Eine Warnung so hilfreich wie die Warnschilder vor Steinschlag an Straßenrändern. Man wird dann auf eine Gefahr hingewiesen, wenn man ihr nicht ausweichen kann.  

Das Bundesverfassungsgericht zeigt den Parteien die Gelbe Karte - und alle werden grün. Die Parteien stürzen sich mit Feuereifer auf das Thema Klimaschutz, mit gewissen Anzeichen von Erleichterung, dass endlich die öffentliche Aufmerksamkeit etwas vom Thema `Pandemie` abgelenkt ist. 

In Bezug auf das Impfen von Personen in sozialen Brennpunkten bietet sich ein Slogan an: Allen Impfstoff in die Armen. 

Bei Sandra Maischberger wird das Wiedererlangen von Grundrechten von einem Gast als `Incentive` bezeichnet. In einer Talk-Show mag es noch angehen, Grundrechte zum Marketing-Giveaway zu bagatellisieren, doch auch im Bundestag ist die Rede vom `Anreiz`, der in der Rückgabe von Freiheitsrechten im Falle einer Impfung besteht. Gleichzeitig zu betonen, es handele sich bei Freiheitsrechten nicht um ein Privileg ist bigott. Faktisch trifft es zu, dass Freiheitsrechte kein Privileg sind, wenn sie jedoch behandelt werden wie ein Geschenk für Wohlverhalten und nicht wie ein fundamentales Recht, dann würdigt man sie zu einem disponierbaren Gut herab und zementiert die Beschränkung von Grundrechten als Normalzustand. Wenn denn das Parlament die Impfung einer großen Mehrheit der Bevölkerung aus Gründen des Schutzes von Leben und Gesundheit für alle als erforderlich ansieht, dann sollte man so ehrlich sein eine Impfpflicht gesetzlich zu regeln, statt mit dem Entzug von Grundrechten für die einen und deren Gewährung für die anderen das Grundgesetz zu einem Instrument schwarzer Pädagogik zu pervertieren. 

Precht denkt für uns. Die Gäste in den Talk-Shows reden für uns. Der Ethik-Rat trifft moralische Entscheidung für uns. Die Volksvertreter repräsentieren uns. Während wir in unseren sozial sterilen Alkoven Leserbriefe an niemanden schreiben. Sendeformate zerhäckseln die Wirklichkeit und pressen sie zu Spahnplatten zusammen. Das Auslandsjournal kündigt begleitend zu seiner Erkennungsmelodie, die wie ein akustischer Kaffeeersatz Wachheit und positive Aufmerksamkeit erzeugt, einen Bericht darüber an, wie das Virus Indien an den Abgrund bringt. Überreizung und die Allgegenwart der Pandemie mergeln unser Gehirn aus, Dörrobst in Kopf und Gemüt. Zeit ohne Erinnerung und der auf später verschobenen Hoffnungen. 

Apropos Dörrpflaumen im Kopf: Fortgesetzt infiziert die AfD in der parlamentarischen Debatte Sachargumente, die durchaus verdienen, sich mit ihnen zu befassen, indem ausgerechnet ihre Abgeordneten sie anbringen, die gleichzeitig völkischen und reaktionären Idealen nachhängen. Das führt dazu, dass berechtigte Forderungen nach der raschen Wiederherstellung von Freiheiten für einen großen Teil der Bevölkerung nicht berücksichtigt werden, da mit ihnen Zustimmung zur allgemeinen Politik der AfD signalisiert würde. Dahinter steckt seitens der AfD Kalkül, da dieser Mechanismus ein Festhalten an Freiheitsbeschränkungen verstärkt und den Eindruck einer zunehmend autoritären Regierung verfestigt. 

Es gibt objektive Gründe für den angekratzten Ruf von Astra-Zeneca. Die geringere Wirksamkeit, die größere Zeitspanne zwischen erster und zweiter Impfung. Ein dritter Grund kommt nun hinzu: dass der Gesundheitsminister ihn mit seiner im Delphinlook glänzenden Glattrasiertheit, dem durch den Bildschirm dringenden Minzgeruch seines Mundwassers und der hintertriebenen Freundlichkeit eines Gebrauchtwagenhändlers als Ramschware verhökert. Jetzt auch mit noch niedrigerem Wirkungsgrad durch Verkürzung der Zeitspanne zwischen Erst- und Zweitimpfung zwecks Ankurbelung der Reisebranche. So durchsichtig wie eine Brille ohne Gläser. Ich werd´s nehmen. Ich steh ja auch auf Junkfood. 

 

05.05.2021

Die derzeitige Verengung des Freiheitsbegriffes auf seine verfassungsrechtliche Dimension ist defensiv. Sie dient der politischen Rechtfertigung des fortgesetzten Entzugs von Freiheitsrechten für einen großen Teil der Gesellschaft und deren Rückgabe für einen anderen Teil. Man hebt - ähnlich wie beim Thema Klimawandel - die Hände und beteuert: wir können nicht anders, denn die Verfassung zwingt uns dazu. Die Verantwortlichen wissen sehr wohl, dass diese perspektivische Verknappung der als Neiddebatte diskreditierten Auseinandersetzung um Freiheitsrechte realitätsfern, lebensfremd und zynisch ist. Freiheit ist nicht nur mehr als eine verfassungsrechtliche Norm, sie ist in ihrer Ausübung als Freiheit zu etwas und als Freiheit von etwas Lebensqualität in Form von physischer Bewegung, kultureller Betätigung, sozialem Kontakt. Ihr Entzug wiederum ist nicht nur eine durchs Infektionsschutzgesetz legitimierte Maßnahme, sondern er führt mit zunehmender Dauer zu dramatischen Auswirkungen in Bezug auf die physische und psychische Gesundheit bis hin zu lebensbedrohlichen Folgen. Die verfassungsrechtliche Begründung von Freiheitsentzug und Freiheitsrückgabe orientiert sich weder an den für die Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit entscheidenden praktischen Qualitäten der Freiheit, noch an den praktischen Konsequenzen deren fortgesetzter, unklar befristeten Einschränkung. Diese Diskrepanz zwischen normativen Definitionen und einem umfassenden Verständnis von Freiheit ebenso wie von Freiheitsbeschränkungen in ihren praktischen Konsequenzen bestimmt den gesamten Diskurs und verschleiert so die gewaltige Ausprägung der Problematik. Ein prägnantes Beispiel lieferte die gestrige Ausgabe von `Lanz`. Im Disput mit Alice Weidel bestand Markus Lanz apodiktisch darauf: `Es gibt keine Impfpflicht. Punkt.` Lebenspraktisch resultieren Pflichten jedoch nicht alleine aus ihrer Niederschrift in schwarz auf weiß, sondern - und grade Politiker werden nicht müde immer wieder auf sie zu verweisen, wenn sie ihr eigenes Tun oder Unterlassen legitimieren - auf `Sachzwängen`. Wenn die fehlende Impfbereitschaft oder derzeit noch die fehlende Möglichkeit sich impfen zu lassen durch den Entzug von Rechten sanktioniert wird, dann resultiert daraus ein Konformitätszwang, der in seinen praktischen Konsequenzen einer Impfpflicht gleichkommt, da in diesem Fall kein erkennbarer qualitativer Unterschied zwischen Zwang und Pflicht besteht, auch wenn rein gesetzlich keine Impfpflicht besteht. Gleichwohl leitet sie sich aus Verordnungen ab, die bei Verzicht auf die Impfung Restriktionen festschreiben, womit die Pflicht zwischen den Zeilen so deutlich lesen ist als wäre sie niedergeschrieben. Ebenso handelt es sich bei der Zuteilung von Freiheitsrechten um ein Privileg, wenn der Einzelne nicht die Möglichkeit hat die Bedingungen herzustellen, die ihm die Ausübung seiner Freiheitsrechte erlauben und es staatlicher Willkür obliegt (derzeit nicht einmal dem Parlament, sondern dem Gesundheitsministerium, das die Priorisierung festlegt), wer in den Genuss von Freiheiten gelangt und wer nicht. Auch in diesem Zusammenhang gilt, dass die Frage was ein Privileg und was eine Pflicht ist nicht alleine auf Basis der Auslegung eines Gesetzestextes zu verhandeln ist. Damit macht es sich die Politik zu bequem und das gilt auch für den Moderator einer Talk-Show. Ebenso unangenehm manipulativ ist es, wenn einer Debatte um eine derart existenzielle Frage wie die Bedingungen der Zuteilung und des Entzuges von Freiheit grundsätzlich Neid als bestimmendes Motiv unterstellt wird. Eine derartige Denunziation von Kritik und Zweifeln als moralisch verkommen ist charakteristisch für Propaganda und bedeutet Wasser auf den Mühlen von Menschen des Schlages einer Alice Weidel. Das gilt auch für die Umdeutung der Verordnung zum Thema `Rechte für Geimpfte` als Schritt hin zur sehnsüchtig erwarteten Normalität, wie Frau Lamprecht glückselig lächelnd in quasireligiöser Trance diese Verordnung anpreist, deren Zweck pädagogisch bestimmt ist. Es ist Achtsamkeit geboten, sobald es für normal erklärt wird, die Inanspruchnahme eines Rechtes (sich nicht impfen zu lassen) durch den Entzug von Rechten zu bestrafen. Das erinnert erschreckend an politische Kulturen, in denen die Ausübung von Rechten Repressalien seitens der Obrigkeit nach sich zieht - ein Vorgehen, das die deutsche Regierung anderenorts mit Fug und Recht anprangert und gewöhnlich (´normaler Weise`) als Nötigung bezeichnet wird.  

Ein knackiges Scheinargument für die Fokussierung von Einschränkungen auf den privaten Bereich liefert bei der heutigen Befragung der Bundesregierung Kanzleramtsminister Braun: Unter denjenigen, die Angaben dazu machen können, wo sie sich infiziert haben überwiegen diejenigen, die als Infektionsquelle den privaten Bereich angeben. Das allerdings sagt nichts über das faktische Infektionsgeschehen aus. Wenn überhaupt Infizierte sich auf den Ursprung ihrer Infektion festlegen können, dann nennen sie diejenigen Personen, mit denen sie täglich auf engem Raum zusammenleben. Das sind vor allem Familienmitglieder. An Betriebsstätten mit Schichtbetrieb, ohne fest zugewiesene Arbeitsplätze und einer großen Zahl an in Frage kommenden Kontaktpersonen ist für den Einzelnen schwer nachvollziehbar wo und bei wem er sich angesteckt haben kann.

Draußen gießt es wie aus Kübeln. Man wäre jetzt gerne eine Escape-Variante.

Heute morgen wird im ZDF/ARD-MoMa der Psychologe Dr. Mazda Adli dazu gefragt was gegen Einsamkeit hilft. Er antwortet: Kommunikation. Soso. Die Quelle der Einsamkeit soll also zugleich das Mittel ihrer Bekämpfung sein. Etwa so als empfehle man einem Verdurstenden etwas zu trinken.

 

04.05.2021

In der Einsamkeit eines Baumwollhemdes wird er auf der Couch wach, bereit sich zu empören.

Priority. Das kennt man vom Boarding im Flugverkehr. Weitere Priorisierungen bei der Impfung. Familien, soziale Brennpunkte. Bis schließlich die Zahl derjenigen, die vorrangig geimpft werden so hoch ist, dass diejenigen die durchs Raster fallen politisch nicht ins Gewicht fallen. Singles und Impfgegner werden gleichgestellt. 

Das ist mal subversive Kultur im Hardcore-Stil: Kurz nachdem das Bochumer Schauspielhaus für Theaterproben infizierte Schauspieler aus Südamerika einfliegen ließ breitet sich in der Stadt eine Virus-Mutante aus, die sich relativ wenig um den Impfschutz schert. Getreu dem Motto `Genügt Euch, das Land erkranke nicht?` erzeugt hier Hochkultur ein Maximum an Verstörung - man wartet (in memoriam 9/11) auf begeisterten Applaus v Karl-Heinz Stockhausen für die gelungene Inszenierung.

Koinzidenz mit Potenzial: Auffallend viele Deutsche sind aktiv bei der Organisation und dem Betreiben von Plattfomen für Kinderpornographie im Internet. Zugleich gilt Deutschland (auch dank Deutscher Bank) als Paradies für Geldwäscher. Passt schon, auch wenn die Übereinstimmung zufällig sein mag.

Anna Sauerbrey vom Tagesspiegel erklärt wohl eher unfreiwillig bei `phoenix vor ort` warum die Klientelpartei FDP so scharf hinter den Freiheitsrechten für Geimpfte her ist. Die Grundrechte für Geimpfte seien vollständig wiederherzustellen, da es Aufgabe des Grundgesetzes und der Verfassung sei individuelle Freiheitsrechte zu gewährleisten, jedoch nicht eine Ungleichbehandlung im Schlechten zu garantieren. Denn sonst dürfte die Verfassung auch unterschiedliche Bezahlungen und Lebensbedingungen nicht zulassen, und das wäre - so würde es auch Herr Lindner als These an die mit Kellenputz verkleidete Wand nageln - doch nicht sinnvoll. Überspitzt gesagt: Verfassung und Grundgesetz lassen Freiraum für eine freie Entfaltung der Persönlichkeit, die sich in einer wettbewerbsbasierten Gesellschaft eben auch als Differenz von Profiteuren und Opfern des Wettbewerbs niederschlägt. Sie lassen auch Freiraum für die fortgesetzte Vertiefung von sozialen Kluften, weil für unterschiedliche Lebenschancen je nach Herkunft und sozioökonomischen Voraussetzungen nachhaltig gesorgt ist. In Frankreich schlägt sich dies übrigens im Verbot der `positiven Diskriminierung` nieder. Im übrigen gehört es auch zum Gewaltenmonopol des Staates, darüber zu entscheiden wessen Leben wie lange Gesundheitsrisiken und Freiheitsbeschränkungen ausgesetzt bleibt, von denen andere bereits befreit sind. Die Pandemie und ihre politische Handhabung führt uns dies vor Augen - im übrigen auch durch Freiheiten für Unternehmen, deren Tätigkeit in dem Sinne systemrelevant ist, als dass der Gesundheits- und Infektionsschutz in Abwägung gegen den Wert der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und dessen Status als Exportweltmeister hintanzustehen haben. Jens Spahn betonte in seiner Eigenschaft als Gesundheitsminister (und nicht als Wirtschaftsminister) diesen Punkt heute bei seinem Grußwort für den 142. Deutschen Ärztetag.    

Dass Regierungen bei der Ausgestaltung ihrer manipulativen Maßnahmen im Rahmen des Gewaltenmonopols nicht zimperlich vorgehen zeigt, dass Arztpraxen in NRW `ab nächster Woche nur noch eingeschränkt Biontech-Impfstoff geliefert bekommen`(laut WAZ von heute), es aber keine Obergrenze für Astra-Zeneca gibt - nicht etwa weil es an Biontech fehlt, sondern weil man den teuren Ladenhüter loswerden möchte. `Wir fühlen uns wie Resteverwerter`(...) `Wir sollen nun das Zeug unter die Leute bringen, das in den Impfzentren liegen bleibt`(Die Essener Internistin Dr. Susanne Weber). Die Aufteilung der Gesellschaft in freie Geschützte und freiheitsbeschränkte Gefährdete erhöht die Abneigung gegen Astra Zeneca - denn die zeitliche Spanne zwischen beiden Impfungen ist größer und verlängert die Dauer der Freiheitsbeschränkungen und eines reduzierten Schutzes.

Erst wenn Abgründe der Ungleichheit so tief zu werden drohen, dass Bedrohungsszenarien entstehen, die das Leben klassenübergreifend ungemütlich machen, beeilt sich der Staat die Folgen in Grenzen zu halten - so ist es folgerichtig, wenn in `sozialen Brennpunkten` geimpft wird - auch wenn das Unmut derer hervorruft, die sich `als konforme Steuerzahler veralbert vorkommen `wie Barbara Bockenhäuser, die heute in einem Leserbrief an die WAZ fragt: `Habe ich das richtig verstanden: Wer sich nicht an die Corona-Regeln hält, wird bevorzugt geimpft? Des Weiteren erhält diese Gruppe den angenehmen, nur einmal benötigten Impfstoff Johnson&Johnson und muss sich weder um Impftermin noch -Reihenfolge kümmern?` Ganz recht. Und auch wenn Gerechtigkeitserwägung hier nicht das Motiv waren, finde ich es gut, wenn durch ihre Lebens- und Wohnsituationen hochgefährdete Personen so rasch wie möglich geschützt werden. Dies ist - wenn auch nicht so gemeint - ein Ausgleich für die Gefahr durch ihre prekären Arbeits- und Lebensbedingungen. 

Auch heute wieder Sendungen zum Thema `Welche Freiheiten für Geimpfte?` statt `Reduzierung von Gesundheitsrisiken und Freiheitsbeschränkungen für alle`.   

Es stimmt. Die Gefahrenlage in Indien ist dramatisch. Es mag kleinlich klingen angesichts der humanitären Katastrophe in Indien mangelnde  Gerechtigkeit in Deutschland zu beklagen. Teilt man jedoch diese Kritik, dann würde im Umkehrschluss daraus folgen, dass man die Macht machen lassen sollte, sobald die Verhältnisse in anderen Ländern schlimmer sind. Die Qualität und der Charakter einer Politik zeigt sich jedoch nicht allein an ihren Impferfolgen oder sinkenden Inzidenzen - weswegen sich Israel selbst unter Gesichtspunkten der Pandemiebekämpfung nicht als Vorbild eignet, da die hohen Inzidenzen vor der Impfkampagne auch auf wahltaktische Toleranz des gesundheitsgefährdenden Verhaltens religiöser Fanatiker zurückzuführen waren (ähnlich in Indien) - sondern auch und vor allen daran, ob sie den Ansprüchen gerecht wird, die zu erfüllen sie behauptet. Sie soll und muss sich - da ihr Anspruch in Führung und Herrschaft besteht - daran messen lassen, ob sie sich selbst an den Werten orientiert, die zu verteidigen sie vorgibt. Denn wenn dies nicht der Fall ist, verliert ihr Machtanspruch seine Legitimation (auch dann, wenn Wahlen gewonnen werden). Indien und Brasilien sind grade ein Beispiel dafür, wie weitreichende Konsequenzen das Machtmonopol auch in demokratisch verfassten Staaten haben kann, wenn Mechanismen zur Kontrolle staatlicher Macht nicht greifen. Umso wichtiger ist die kritische Betrachtung staatlichen Handelns. Macht verdient Misstrauen - grade in einer Demokratie.

Justizministerin Frau Lambrecht sieht die Verordnungen für Geimpfte und Genesene als einen Schritt zur Normalität. Als normal gilt also ab jetzt eine Trennung der Gesellschaft in solche, für die Freiheitsrechte gelten und für die sie eingeschränkt sind. Ein zumindest bemerkenswertes Verständnis von Normalität. 

Immerhin: die gestrige Ausgabe von `Unter den Linden` diskutiert das Thema soziale Gerechtigkeit im größeren Kontext über den Rahmen der Impfdebatte hinaus, und stellt zudem die Frage, wie die Corona-Pandemie Gesellschaft verändert, was demnächst `Normalität` ist. Ein Lichtblick im Inneren des Tunnels. Dachte ich. Doch die Debatte zwischen Dietmar Bartsch und Steffen Kampeter, dem Hauptgeschäftsführer der Deutschen Arbeitgeberverbände beschränkte sich auf das Thema Umverteilung von Vermögen, Tarifautonomie und Besteuerung - als beschränkten sich die gesellschaftlichen Nachwirkungen der Pandemie auf monetäre Aspekte. Ein Streitgespräch aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts.  

 

03.05.2021

Ein geträumter Satz reißt den Verfasser aus dem Schlaf: `Die Wahrheit geschieht im Darknet`. Söderbrennen im Unbewussten erzeugt durch eine Überdosis Talkshows. Japanischen Wissenschaftlern ist es gelungen Hirnscans von Träumern in Bilder umzuwandeln (vgl. Katrin Ewert, `Traumforschung`, planet-wissen.de, 09.07.2019). Hoffentlich wird diese Technik nie bei mir angewandt - Lanz und Gäste in Endlosschleife. 

Der eigentliche Skandal bei den Unruhen am 1. Mai: gewalttätige Ausschreitungen - ohne Maske! Was auch gar nicht geht: Prügeleien ohne Abstandswahrung.

Neiddebatte? Warum eigentlich nicht? Was spricht dagegen? Das Schlagwort `Neiddebatte` - und damit sei angedeutet, dass der Sprung vom Thema Mai-Unruhen zum Thema Impfneid nicht gar so weit ist - wird meistens von denjenigen benutzt, die privilegiert sind. Besser Gestellte neigen gelegentlich dazu sich über `Neid` zu empören, sobald es um das Thema soziale Ungleichheit geht. Schließlich seien wir eine vielfältige Gesellschaft. zu deren Vielfalt eben auch soziale Unterschiede gehören. Führen wir doch eine Debatte, die keine Neiddebatte ist, sondern eine Debatte um soziale bis lebensgefährliche Benachteiligung ist. Dass in sogenannten sozialen Brennpunkten sowohl die Gefahr sich zu infizieren, als auch zu erkranken ungleich (sic!) höher ist, als in von Einfamilienhäusern mit Garten geprägten Wohnvierteln ist unbestritten. Es mag zwar zutreffen, dass sich in diesen Wohnvierteln Neid ausbreitet, wenn der 40-jährige Zahnarzt und Hobbytriathlet nebenan eher geimpft wird, doch die eigentliche Kluft tut sich auf zwischen denen, die zuzüglich zu ihrem Schutz ihre Bewegungsfreiheit zurück gewinnen, und denen die bei hoher Gefährdung sowohl auf effektiven Schutz als auch auf ihre Freiheit verzichten sollen. Täglich erreichen einen die Bilder aus Indien und Brasilien, die entsetzen und zugleich sowohl die Botschaft vermitteln, wie gut es uns (wer ist das?) vergleichbar geht, als auch die Beklemmung vor allen derjenigen schüren, die sich aufgrund ihrer Arbeits- und Wohnverhältnisse nicht effektiv schützen können. Die Fokussierung auf das Motiv `Neid` und auf die prinzipielle Unantastbarkeit der Grundrechte sollte vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Statt die Frage zu stellen, ob Geimpfte alle ihre Freiheiten zurückerhalten sollten - wogegen es wie Herr Stürmer gestern bei Anne Will erneut ausführte bei hoher Inzidenz gravierende infektiologische Bedenken gibt - müsste die Frage im Mittelpunkt stehen, wie gravierende bis gesundheitsgefährdende Benachteiligungen vermieden werden. Nicht Neid treibt diejenigen, denen das Thema `Freiheiten für Geimpfte` zum Hals heraus hängt, sondern die Angst, sich zu infizieren und zu erkranken. Dass man es nebenbei als ungerecht empfindet, wenn statt des Themas fortgesetzter Benachteiligung und Klaustrophobie einseitig das Thema Freiheit für Geimpfte im Vordergrund steht ist weniger Neid, als Wut darüber, dass die gleichzeitige Verschärfung der Regeln für Nichtgeimpfte bei größerer Freizügigkeit für Geimpfte einem auch noch die eigene ungünstige Lage unter die Nase reibt. Noch dazu wird die Neiddebatte wissentlich geschürt: Markus Söder macht keinen Hehl daraus, dass der weitere Entzug von Grundrechten bei gleichzeitiger Befreiung der Geimpften von Beschränkungen die Impfbereitschaft erhöhen soll. Das ist nichts anderes als das Schüren von Neid aus pädagogischen Gründen. 

Frau Woopen vom europäischen Ethikrat gab sich gestern bei Frau Will alle Mühe, den Fokus zu verschieben vom Thema Freiheiten für Geimpfte zum Ziel Aufhebung der Freiheitsbeschränkungen für alle. Herr Stürmer seinerseits wies darauf hin, dass erstens von Geimpften und Genesenen weiterhin ein Infektionsrisiko ausgeht, das zwar gering sein mag, das jedoch kumulativ zunimmt, je mehr Geimpfte sich wieder frei und ohne Kontaktbeschränkung bewegen. Zudem erhöht sich bei hoher Inzidenz und breiter Durchimpfung die Mutationswahrscheinlichkeit. Überspitzt gefragt: von wem geht eigentlich ein höheres Gefährdungspotenzial aus? Von den bereits Geimpften, die sich frei bewegen, oder von der Masse der mit hoher Wahrscheinlichkeit Gesunden, die weiter Abstand wahren und ihre sozialen Kontakte beschränken? Grundrechte sind individuell, wie immer wieder hervorgehoben wird. Es ist erstaunlich, dass die Frage kaum gestellt wird, ob es rechtens ist, einem gesunden Menschen die Grundrechte zu entziehen, weil er Bestandteil einer Grundgesamtheit ist, in der ein Gefährdungspotenzial besteht. Man redet über die Rechte für Geimpfte - man sollte meinen, die Rechte (und Risiken) für Ungeimpfte seien auch ein wichtiges Thema. Ist es auch - es kommt nur nicht medienwirksam und Impfbereitschaft fördernd zur Sprache. Um eine Balance herzustellen schaltet der Verfasser den Ton aus. Talk-Show auf stumm. Was für ein Genuss. 

Dass die Bauindustrie boomt merkt jeder Fußgänger, der auf dem Weg zum Supermarkt dreimal die Straßenseite wechseln muss, weil Baustellen den Bürgersteig blockieren. Wird wahrscheinlich von den Krankenkassen als bewegungsförderlich gesponsert. 

Erbaulich und vergnüglich ist immer mal wieder ein Blick in den `verfassungsblog.de.` Thorsten Kingreen hat sich am 07. April in seiner Kolumne `Geht`s raus und spielt`s Fußball` mit der spannenden Thematik des Verhältnisses zwischen Rechtswissenschaft, Rechtsprechung, wissenschaftlicher Expertise und Politik befasst. Lesenswert und erhellend, vor allem, weil der Essay einem vor Augen führt, wie sehr sich die parlamentarische Demokratie - etwa so wie die ihr Schiff selbst versenkenden Piraten bei Asterix - durch ihre derzeitigen Entscheidungen selbst den Boden unter den Füßen entzieht: `man könne (...) die Frage aufwerfen, ob § 5 Abs. 2 IfSG das Bundesministerium für Gesundheit ermächtigen darf, Rechtsverordnungen zu erlassen, die von Parlamentsgesetzen abweichen bzw. "Ausnahmen" von diesen erlauben. Nichts anderes haben viele von uns getan, und zur Auslegung gehört (...) nun einmal auch der Hinweis auf den historischen Verfassungsgeber, der erstmals in einer deutschen Verfassung das in Weimar noch sehr unklare Verhältnis zwischen Parlamentsgesetz und Rechtsverordnung geregelt hat, weil er die Praxis der gesetzesvertretenden Verordnungen in der Endphase der Weimarer Republik zukünftig verhindern wollte. Verfassungsnormen reflektieren historische Gefährdungslagen(...).` Vereinfacht gesagt: Kingreen verweist darauf, dass eine hostirisch verbriefte Gefahr für die Demokratie darin besteht, ihre eigene Abschaffung zu beschließen. So lehrreich Kingreens Artikel ist, so muss man nicht alle seiner kritisch-süffisanten Einlassungen als gerechtfertigt teilen: `Es ist wissenschaftstheoretisch ebenso unterkomplex wie politisch unverfroren, wenn einzelne Virologinnen, Physikerinnen und Mathematikerinnen, unterlegt mit einer mittlerweile gut eingeübten Angstrhetorik, in der Öffentlichkeit verkünden, wozu `die Wissenschaft` der Politik geraten habe. Und es ist schon fast putzig, wie sie dann entrüstet nicht verstehen möchten und angesichts ihres reduktionistischen Wissenschaftsverständnisses auch gar nicht verstehen können, dass diese Politik es doch tatsächlich manchmal wagt, nicht auf sie, `die Wissenschaft`, zu hören. Ihnen reicht es, dass Menschen aus dem öffentlichen Raum verschwinden und sie schauen verständnislos auf die Gesellschaftswissenschaften, die wissen wollen, wohin diese Menschen verschwinden und wie es ihnen eigentlich geht.` Hier schießt er sachlich und rhetorisch über das Ziel hinaus. So wie er es formuliert stehen `einige Wissenschaftler` als `pars pro toto`, so wie bei Rassisten `einige Migranten` als Beispiel für alle dienen. Vor allem aber: es sind nicht PhysikerInnen und VirologInnen, die Menschen aus dem öffentlichen Raum verschwinden lassen wollen und lassen, sondern politische Entscheider. Umgekehrt ist es so, dass VirologInnen und Modellierer wiederholt darauf hinweisen, dass eine starke Senkung der Inzidenz am ehesten wieder ökonomische und soziale Freiheiten ermöglicht und so die gesellschaftlichen Schäden in Grenzen hält. Und es sind Aerosolforscher, die betonen, dass Menschen sich derzeit vor allem im öffentlichen Raum bewegen sollten. Ignoranz von Gesellschaftswissenschaften gehört im übrigen derzeit grade zum Instrumentarium der Politik, ebenso wie die Ignoranz der VirologInnen und Modellierer, die nahezu durchweg nicht nur epidemiologisch, sondern gesellschaftlich argumentieren. Dass Politik derzeit grade nicht bereit ist, Rücksichten auf gesellschaftswissenschaftliche Erwägungen oder auf ethische Aspekte zu nehmen, war gestern eindrucksvoll bei `Anne Will` zu besichtigen, wo Frau Woopens Einwände und Argumente verhallten, wie die Bestellungen im Olympia Restaurant in der Saturday Night Live-Show (Cheeseburger Cheeseburger Pepsi...wer es nicht kennt schaue sich den sketch bei youtube an).

Trotz stundenlangem Verfolgen einer Snooker-Partie Einschlafstörung. Er kaut auf Zwieback herum, bis der Geschmack von Babybrei im Mund ihn wegschlummern lässt. Der Schlaf ist unruhig. Je intensiver die Kindheitserinnerung, desto stärker das Gefühl zu vergreisen. Im Traum beschimpft ihn Frank Plasberg wegen seiner Kinderlosigkeit.  

 

02.05.2021

"Aufgewacht aus einem langweiligen Traum mit ihm als Hauptdarsteller. Was für eine nächtliche Zeitverschwendung. Er alleine in einem Raum ohne Bilder. Weiße Wände mit einigen braunen Flecken. Seine Stimme durch ein Kehlkopfmikrofon. `Du liebst`, sagt er als rede er von mir `den Mottenbefall. Er bringt Abwechslung in Dein Leben.` Dann wechselt die Perspektive. Ein schwarzer Spiegel, auf dem ein Monty-Python-Sketch zu sehen ist. Verpasse die Pointe, weil ich zu früh die Augen aufschlage. Bin verärgert, angeödet und frustriert. Auch alarmiert. Lange nicht an ihn gedacht. Schlechtes Gewissen, so wie in diesem früheren Traum, in dem Du sein Haus geerbt hast und plötzlich kommt er zur Tür rein und brüllt was Dir denn einfiele einfach seine Villa zu verhökern? Angst, dass er jeden Moment hier aufkreuzt. Wird sich schon verflüchtigen, sobald Du Dich in die Wellen stürzt. Noch steht das Baden nicht unter Strafe und die Gestalten in den Schutzanzügen habe noch nicht jede versteckte Bucht abgesperrt. Aber es wird eng. Die Regierung peitscht ein allgemeines Badeverbot durchs Parlament. Wie in anderen Ländern auch gelangt das Gesundheitssystem an seine Grenzen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass das alles nicht gut endet - und schon bekomme ich gute Laune. Etwas stimmt nicht mit mir und mich euphorisch. Dass der Traum vorbei ist. Er kommt nicht wieder. Du bist ihn los."   

Normal. Was für ein irrer Begriff. Die Geimpften kehren zu ihrem normalen Leben zurück. Was für eine Normalität soll das sein? Lokale nur für Geimpfte? Kneipen nur für Demaskierte? Ein gar nicht so alter Freund meldet sich. Seine Frau und er sind geimpft. Ein befreundeter Arzt hat sie immunisiert. Er fügt noch erklärend hinzu, beide hätten Asthma. Bislang hielt ich sie für kerngesund. Ich muss an Jan Ullrich denken und daran, dass alle Radprofis Asthma haben. 

Die Freude daran, ein Schlupfloch gefunden zu haben war so groß, dass man sie mit mir teilte. Rührend. Kannte ich so bislang nur von leutseligen Angestellten des Bundes deutscher Steuerzahler, die sich für neue Tricks zur Steuervermeidung begeisterten. Freiheiten für Geimpfte sind kein Privileg, sondern Grundrechte. Das stimmt. Aber wenn die Impfung selbst ein Privileg ist, das man Beziehungen oder Cleverness verdankt dann sind es auch die damit verbundenen Freiheiten. 

Die Chancen stehen jedenfalls gut, dass Wohngebiete mit der niedrigsten Inzidenz am schnellsten durchgeimpft sind.  

 

01.Mai 2021

Der Supermarkt ist geschlossen. Du hast übersehen, dass heute ein F(r)eier Tag ist. Das erklärt, wieso gestern um 7:00 Uhr morgens der Supermarkt bereits so gut besucht war. Die Obst- und Gemüseabteilung war schwer menschenbefallen. Das war befremdlich. Die wenigen Stimmen, die Du hörtest murmelten in Dir unverständlichen Zungen, so als wärst Du unversehens in einem fernen Sprachraum gelandet. Trotz angestrengtem Grübeln entging Dir der Grund für diese Emsigkeit, der erste Mai, der den 30. April zur Tag der Arbeit macht. Es ist nicht Vergesslichkeit. Die Gleichförmigkeit Deiner Tage entrückt Feiertage in unvorstellbare Bereiche jenseits Deines Erwartungshorizontes. Rituale und Zeitpläne verblassen wie Geheimtinte. Terminkalender leeren sich. Soziale und kulturelle Demenz breitet sich in Dir aus, entleert Dein Leben, verstopft Perspektiven, die Macht der Grenzen zwischen Sendeformaten und Aufenthalten im Freien schwindet. Ist doch egal. Alles nur Photonen. An Ort und Stelle ist das Dasein gleichwohl ortlos. Die Wohnung könnte irgendwo sein. Oslo. Stockholm. Seniorenstift. Nur nicht dort, wo Du gerne wärst. Sehnsuchtsquaranträne. Du nimmst zu weil Du frisst wie Obelix, letztes Echo einer Erlebnisgier, die in früheren Zeiten Lust auf den Frühling machte. 

"Wenn Du Dich in Oslo befindest - warum verstehst Du jedes Wort? So weit Du Dich erinnerst beherrschst Du Norsk nicht, schreibst und denkst deutsch, englisch ganz ok und ein paar Brocken italienisch. Dein Therapeut versichert Dir, dass Du fließend Norwegisch sprichst wenn Du mit ihm redest. Deine Bücher sind zwar in vielen Sprachen erschienen, aber Deine Muttersprache sei Norwegisch und Dein Vaterland Norwegen. Eben war es noch Schwedisch in Schweden. Städte, Sprachen, Identitäten werden austauschbar obwohl Du Deine vier Wände kaum verlässt, außer vielleicht an den Wochentagen, an die Du Dich nicht erinnerst. Nichts von alledem findest Du bedrohlich oder absonderlich, obwohl es wohl beides ist. Stattdessen schöpfst Du Hoffnung aus der Volatilität der Orte und Identitäten. Als verschaffe die Auflösung der Grenzen Bewegungspotenzial. Als stünde die Konvergenz von Weltlinien im Raum, die unausweichlich auseinanderdrifteten, nun befindest Du Dich auf einem Weg der die Bahn, aus der Du geworfen wurdest, irgendwann und wo wieder kreuzt... wie sonst sollte die Gefangenschaft enden, wenn nicht Durch Auflösung? Dennoch ist die Hoffnung getrübt, denn selbst wenn Du an dieser Kreuzung anlangst weißt Du nicht, ob Du die Richtung wechseln kannst, vor allem aber: Du weißt nicht welchen Verlauf das Leben genommen hat, aus dessen Umlaufbahn Du geschleudert wurdest. Was wäre geschehen in dem Leben, das seinen Verlauf ohne diese klaustrophobische Apokalypse genommen hätte? Gäbe es einen zweiten Frühling? Oder hätten sich nur andere Katastrophen zugetragen, so wie in der Dir zugeschriebenen `Welt ohne Gefahr`?. Immerhin. Da entwickelt die Welt zumindest einen Impfstoff. Gegen die Strahlenkrankheiten ist kein Kraut gewachsen, trotz aller Anstrengungen steckt diese Welt tief in einer globalen Krise, deren Wucherungen nur palliativ behandelt werden. Wie schön wäre es verreisen zu können, tatsächlich irgendwo anzulangen, wo der freie Himmel keine Bedrohung ist, sondern man sich lediglich vor der Nähe zu Menschen hüten muss." 

 

30.04.2021

Im Supermarkt beim Warten in der in Teilstücke zerhackten Schlange fällt der Blick auf einen optimistischen Buchtitel: Welt ohne Sorgen. Hier ist der Wunsch Vater der Lektüre. Der Titel lautet `Welt ohne Morgen`, was näher an der Realität ist.

`Monitor` sei Dank für einen Bericht über die Wirksamkeit der Ausgangssperre und über den bizarren Kontrast der Freiheiten für Unternehmen und der Freiheitsbeschränkungen für die Menschen. Beide Beiträge hinterfragen Mantren. Der erste Beitrag hinterfragt die Wirksamkeit von Ausgangssperren, der zweite die Wirksamkeit der Selbstverpflichtung von Unternehmen zum Schutz ihrer Beschäftigten vor Infektionen. Die Befürworter der Ausgangssperre verweisen auf die Oxford-Studie zur Wirksamkeit der Corona-Maßnahmen in verschiedenen Ländern. Einer der Autoren der Studie, Sören Mindermann, weist höchstselbst darauf hin, dass man ihn fehlinterpretiert, wenn man aus der Studie die Übertragbarkeit der Aussagen zur Wirksamkeit der Ausgangssperren von einem Land  auf ein anderes ableitet. Zu unterschiedlich waren die Ausgangssperren gestaltet und entfalteten ihre Wirkung immer nur in Kombination mit von Land zu Land verschiedenen Maßnahmen. Eine Studie, die in Hessen durchgeführt wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass die Entwicklung der Infektionszahlen in Landkreisen mit und ohne Ausgangssperre keine signifikanten Unterschiede aufweise. In Fulda stagnieren trotz monatelanger Ausgangssperre die Zahlen auf hohem Niveau. Etwas süffisant bemerkt der Moderator, der Vorteil an der Ausgangssperre liege darin, dass sie Härte suggeriere und zugleich nichts kostet. Man könnte den Eindruck gewinnen, nicht die Ausgangssperren reagieren auf steigende Infektionszahlen, sondern werden verhängt, weil man weiß, dass die Infektionszahlen unabhängig von ergriffenen Maßnahmen zurückgehen - und man dann nach Belieben den Rückgang auf die jeweils ergriffenen Maßnahmen zurückführen kann. Das zweite Mantra, das `Monitor` hinterfragt ist, dass es aufgrund des hohen Verantwortungsbewusstseins in den deutschen Unternehmen keiner weiteren Verpflichtungen bedarf. Das Ergebnis der Recherchen von Monitor war in dieser Hinsicht erhellend.  Nur 11% der Beschäftigten innerhalb von Betrieben, die sämtlich in Homeoffice arbeiten könnten, arbeiten kontaktlos im homeoffice, etwa ein Drittel arbeitet täglich in dauerhaftem, engen Kontakt mit mehr als 11 Personen. Hinzu kommt, dass die Einhaltung von Hygieneregeln und Homeofficepflicht faktisch nicht stattfindet. Im letzten Jahr fanden 15% weniger Kontrollen statt, Bußgelder wurden gar nicht verhängt - beinahe wundert man sich darüber, dass aus Gründen des politischen Marketing nicht mehr Verbote ausgesprochen werden. Damit die Unternehmen ihre Freiheiten behalten muss man ja nur auf Kontrollen verzichten. 

Die Baubranche boomt. Und breitet ihre Baustellen aus wie Krebsgeschwüre. Ständig hat man auf dem Weg zum Supermarkt die Straßenseite zu wechseln, weil die Bürgersteige durch Baustellen unterbrochen sind. Eine der kleinen Zumutungen der neuen Normalität.

Maybrit Illner hat Jan Josef-Liefers eingeladen. Das Öffentlich-Rechtliche fühlt sich bemüßigt, dem Eindruck entgegenzuwirken, man berichte einseitig und lasse Kritiker der Corona-Maßnahmen der Exekutive nicht zu Wort kommen. Maybrit Illner, Peter Tschentscher und Mai Thi Nguyen-Kim behandeln Liefers wie ein unmündiges Kind, das aus lauter Naivität etwas ganz ganz Schlimmes gemacht hat und dem man nun behutsam das korrekte Verhalten beibringen möchte. Die Talk-Show als antiautoritäres Umerziehungscamp. Aus dem Hintergrund zugeschaltet sind - als Beleg für die Bereitschaft kritische Stimmen zu Wort kommen zu lassen - Wolfgang Kubicki und Boris Palme, der sich bei Liefers für die aus seiner Sicht mutige Aktion bedankt. Es mag andere Gründe haben, aber dass Kubicki und Palme von außen zugeschaltet sind vermittelt den Eindruck, es handele sich um die Stimmen von Außenseitern. Zwangsläufig begegnen sie dem Publikum aufgrund der starren Kameraperspektive frontal wie Darth Vader. Sie repräsentieren die böse Seite der Macht in der Corona-Impformationsgesellschaft.  

Wir leben in einer Zeit, in der schon die Wortwahl bei Umfragedesigns Verdrehungen und Verzerrungen der Fakten Vorschub leistet. Kaum eine Talkshow vergeht, in der nicht darauf hingewiesen wird, dass die Bürger laut Umfragen härtere Corona-Maßnahmen wünschen. Das suggeriert, die Härte gegen sich selbst werde von den Bürgern als Selbstzweck gefordert, nur was hart sei töte uns nicht. Die Wortwahl der Umfrage lässt den Befragten wenig Spielraum zu erläutern, warum sie `härtere` Maßnahmen befürworten - dabei würde sich wohl herausstellten, dass es den Befragten nicht per se um härtere Maßnahmen, sondern um wirkungsvolle Maßnahmen geht und hinter diesem Wunsch die Einsicht steht, die sie mit dem gestern bei Markus Lanz gastierenden Physiker Michael Meyer-Hermann teilen: dass die derzeit ergriffenen Maßnahmen aufgrund ihrer einseitigen Ausrichtung auf Beschränkungen der persönlichen Freiheit und ihre viel zu hohen Schwellenwerte zu einer endlosen Verlängerung des JoJo zwischen lockdown und Lockerungen führt. Doch danach hatte die Umfrage nicht gefragt.

Es ist der Borniertheit des Moderators und einer weiteren Verzerrung von Fakten zu verdanken, dass die gestrige Ausgabe von `Lanz` lebhaft und interessant war. Die aktuelle neurotische Fixierung des Moderators auf das vermeintliche Phänomen des `Impfneids` provozierte Widerspruch bei Frau Buyx und Katrin Göring-Eckart. Schon der Begriff `Impfneid` beinhaltet eine Diskriminierung, die charakterlich deutlich verwerflicher ist als der Charaktermangel, den sie unterstellt. Vorzugeben, die Angst um die eigene Gesundheit, das Interesse am Schutz des eigenen Lebens und auch an der Wiedererlangung von persönlichen Freiheit sei moralisch gleichzusetzen mit dem Neid auf einen Nachbarn, der schon das neueste Handy besitzt, bagatellisiert die Angst und die Sorgen der Menschen um ihr Leben und die Furcht vor dem Erstickungstod. Sieht man es so wie Markus Lanz, dann sind diejenigen Menschen, die sich in Indien um Sauerstofflaschen für ihre Angehörigen prügeln, einfach nur egoistische Neidhammel, die dem Klischee sich streitender Kunden bei einem Rabattaktion entsprechen. 

Es ist auch verfehlt zu behaupten, es ginge den Nichtgeimpften keinen Deut besser wenn man den Geimpften ihre Freiheit nicht zurückgibt - richtig ist, dass es ihnen noch schlechter geht, wenn man sie mit der Nase darauf stößt, dass sie im Gegensatz zu anderen noch weiter auf unbestimmte Zeit sowohl auf effektiven Infektionsschutz, als auch auf Freiheiten verzichten sollen. Bei den meisten wird die Reaktion auch nicht Neid auf die Geimpften sein, sondern Wut auf eine Politik, die zugelassen hat und zulässt, dass hohe Infektionszahlen, ein hohes Bedrohungspotenzial und gravierende Freiheitsbeschränkungen für viele Menschen immer noch die Regel sind, weil weder bei der Impfstoffbeschaffung, noch bei der Eindämmung der Infektionszahlen entschlossen und zielführend agiert wurde. Meyer-Hermann bringt auf den Punkt, was wohl viele Menschen umtreibt: man muss jetzt um die Infektionszahlen zu senken, deren hoher Wert zu allem sonstigen Übel auch noch eine höhere Gefahr von Mutationen bedeutet, die selben Maßnahmen später, drastischer und länger ergreifen, die man bei niedrigen Infektionszahlen unter Vermeidung vieler Erkrankter, Langzeiterkrankter und Toter schon hätte ergreifen können und sollen. Stattdessen setzt man Grundrechtsbeschränkungen als Instrument für eine erhöhte Impfbereitschaft ein während gleichzeitig die überwiegende Mehrheit der Gesellschaft noch gar nicht die Gelegenheit hat sich impfen zu lassen. Meyer-Herrmann kann sich nicht erklären, wieso man sehenden Auges die mit hoher Inzidenz verbundene Rate an Toten und Kranken nicht vermeiden will. Keiner traut sich zu antworten: das würde die Impfbereitschaft und die Produktivität senken. 

Verschwörung? Iwo. Das politische Handeln basiert auf tiefen, inneren Überzeugungen der handelnden Akteure. Nur dass diese kompromittiert sind und ihnen die Zweckmäßigkeit ihrer Überzeugungen, Menschen- und Gesellschaftsbilder für Macht- und Kapitalinteressen längst nicht mehr bewusst ist - oder aber nur als Effekt, statt als Ursache der von ihnen als richtig erachteten Werte und Handlungen erscheinen.  

Bei der heutigen Pressekonferenz der Bundesregierung fühlte sich kein/e SprecherIn bemüßigt Herrn Jungs Frage zu beantworten, worauf sich die Auffassung der Bundesregierung gründe, von Geimpften und Genesenen gehe keine nennenswerte Infektionsgefahr mehr aus. Hintergrund seiner Frage sind Ausführungen von Herrn Wieler vom RKI, der darauf hinwies, dass durchaus noch ein Restrisiko für eine Weitergabe der Infektion durch Geimpfte und Genesene bestehe. Unstrittig dürfte sein - aber so mag man es nicht begründen - dass Geimpfte und Genesene keine besondere Belastung mehr fürs Gesundheitswesen bedeuten, was im übrigen auch der Grund dafür sein dürfte, dass Urlaubsländer für Geimpfte wieder öffnen. 

Faktisch-alternativ zum wiederholten Nichtbeantworten von Fragen, oder von Antworten, die nicht zu den Fragen passen kann man das Ins-Leere-laufen-Lassen von freiem Journalismus auch durch das Nachreichen von Informationen betreiben, die zum Zeitpunkt der Nachlieferung nicht mehr aktuell sind und kein Publikum finden. 

Jedem, der an einem lehrreichen Exkurs über den derzeitigen Rang der Pressefreiheit in der deutschen parlamentarischen Demokratie interessiert ist, der führe sich in der phoenix-Mediathek die heutige Pressekonferenz der Bundesregierung zu Gemüte: anwesenden Journalisten wird insbesondere beim Thema Afghanistan das Wort abgeschnitten, sie werden abgekanzelt und zurechtgewiesen wie russische Oligarchen von Vladimir Putin in der Dokumentation `Mensch Putin`. Beängstigend.  

 

29.04.2021

Gregor Gysi, der alte, weiße Charmeur, legt den im ZDF/ARD-Morgenmagazin den Finger in eine Hirnblutung, die nicht durch einen Impfstoff, sondern durch fehlende Logik hervorgerufen wird. Verletzungen des Kohärenzsinns, wissen Arbeitsmediziner, sind die wichtigste Ursache für psychische Belastungen - Hedonist Gysi erklärt die fatale Wirkung der Unlogik in den Corona-Maßnahmen anhand des Beispiels der Ausgangssperre. Nach 22 Uhr darf man unter eklatanter Ignoranz des Abstandsgebotes (es sei denn man beherrscht astrale Kamasutra-Techniken) zusammen im Bett liegen, aber nur alleine vor die Tür gehen, um die Zigarette danach zu rauchen. Es mag an Gysis grundsätzlich positivem Menschenbild liegt, dass er statt perfider Logik in diesem Zusammenhang von Unlogik spricht. Faktisch wird die allgemeine Ausgangssperre verhängt, um Partyaktivitäten der jungen Bevölkerung zu unterbinden. Wegen der notorischen Neigung, der jungen Bevölkerung pauschal mangelhaftes Verantwortungsbewusstsein zu unterstellen, verhaftet man vorsorglich die gesamte Bevölkerung, so dass auch rollstuhlfahrende Rentner und vereinsamte Menschen mit seniler Bettflucht in Gruppenhaft genommen werden. Wegen einer vermuteten Gefahr, die von einer bestimmten Zielgruppe ausgehen soll wird die Bewegungsfreiheit aller Menschen eingeschränkt, inklusive derjenigen von denen nicht zu vermuten ist, dass sie sich nachts zu geheimen Raveparties für Pensionäre zusammenrotten. Das entspricht durchaus der Strategie, allen Menschen ungeachtet von einer individuellen Betrachtung Freiheitsrechte zu entziehen, weil sich unter ihnen Gefährder befinden könnten - mit dem selben Argument könnte man zur Terrorabwehr sämtliche Telefongespräche aller Bürger überwachen. 

Dazu passt die Überwachung der Querdenker-Bewegung durch den Verfassungsschutz. Wenn Horst Seehofer betont, dass es nicht darum gehe, gegen friedliche Demonstranten vorzugehen, klingt das so beruhigend wie der Satz `Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen`. Um jedoch die bösen Demonstranten von den Guten zu unterscheiden, muss man alle genau beobachten.

Olaf Scholz fordert bei der Impfkampagne mehr Augenmerk auf soziale Brennpunkte zu legen. Nach nur etwas mehr als einem Jahr Pandemie stellt sich die bahnbrechende Erkenntnis eines Zusammenhangs zwischen den Lebensbedingungen von Menschen in prekären ökonomischen und sozialen Verhältnissen und dem Infektionsgeschehen ein. Respekt.

Christine Aschenberg-Dugnus von der FDP war gestern zu Gast bei Lanz. Gegnerin von Ausgangssperren und Gegnerin jedweder Einschränkung von unternehmerischer Freiheit inklusive des Verzichts auf lebensrettende Schutzmaßnahmen zur Vermeidung von Infektionen. Was ist schon die Bedrohung durch Infektionen im Arbeitsumfeld gegen die Bedrohung der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber China? Unsympathisch war der von Dr. Dirk Heinrich angestellte Vergleich von Astra-Zeneca-Skeptikern mit Schnöseln, denen man umsonst einen Audi anbietet und die einen Mercedes wollen. Es handelt sich nicht um ein Luxusproblem: ob man 12 Wochen auf einen kompletten Impfschutz warten muss oder 3-5 Wochen wie bei Biontech bedeutet einen gewaltigen Unterschied und nicht vergleichbar mit Qualitätsunterschieden im Komfort bei PKWs. 7 Wochen länger Angst zu ertragen, 7 Wochen länger bedroht zu sein, 7 Wochen länger Beschränkungen ist kein Schnickschnack. Den Wunsch nach einem schnelleren Schutz vor einer tödlichen Krankheit gleichzusetzen mit dem Wunsch nach einem Prestigeobjekt ist fehl am Platz und blasiert. 

Dem Bundesverfassungsgericht ist das Klimaschutzgesetz zu lasch. Auf einer Tasse las der Verfasser: Keep calm and go to Karlsruhe. Die Urteilsbegründung ist bemerkenswert: die zu schwammigen und zu weit in die Zukunft verlagerten Ziele des Klimaschutzgesetzes verstoßen im Zusammenhang gegen das Recht auf Freiheit und körperliche Unversehrtheit für zukünftige Generationen. Karlsruhe rettet die Welt (und regelt demnächst Klimaschutz auf dem Mars). 

Joe Bidens gestrige Rede an die Nation war eine Mixtur aus Eigenlob und großen Ankündigungen, die beim Publikum gut ankam und transatlantische Euphorie in der deutschen Berichterstattung und bei Norbert Röttgen auslösten. Die nahezu religiöse Ekstase, die Bidens Predigt jenseits der republikanischen Wagenburg auslöste erinnerte etwas an die Seligkeit von Sannyasins bei Flatulenzen ihres Bhagwans. Etwa so als bejubele man einen Gewichtheber dafür, dass er die Hantel anfasse, als habe er damit das Gewicht schon zur Hochstrecke gebracht. Um es im Wieler-Duktus zu sagen: Die 100-Tage-Inzidenz von Joe Biden gibt ein positives Signal. Von einem Trend zu sprechen wäre verfrüht, dazu ist das Verhalten des Trump-Virus zu unberechenbar.

Wenn der Entzug von Freiheitsrechten instrumentalisiert wird als Anreiz für ein angestrebtes Verhalten - und dies von Entscheidern, die unablässig den Wert von Grundrechten betonen - dann pervertieren sie Grundrechte zu einem erzieherischen Werkzeug, dessen Entzug so wie Stubenarrest ein bestimmtes Verhalten erzwingen soll. Wenn das nicht Impfzwang zu nennen ist, dann ist auch Erpressung kein Zwang. Es wäre ein Skandal, Geimpften weiter Grundrechte vorzuenthalten. Ein ebensolcher Skandal, der - peinlich genug - eben nicht skandalisiert wird, ist die Vorenthaltung von Grundrechten als Form der Nötigung.

Schieflagen dieser Art werden kaum noch registriert, da sie Ausdruck der neuen Normalität sind: in einer Phoenix-Runde von gestern, deren Titel alleine schon unfreiwillig komisch ist (`Auf dem Weg in eine Zweiklassengesellschaft`, als hätten wir nicht schon zuvor in einer solchen gelebt) erregt sich ein Publizist darüber, warum wir soviel Zwei(t)klassigkeit erdulden, uns über die Ungleichheit in Sachen Impfstatus derart echauffieren. Wie engstirnig muss man sein, den Neid auf einen Sozialstatus mit dem Wunsch in einen Topf zu werfen bitteschön vor einer tödlichen Krankheit geschützt zu werden und wieder ohne Angst in einem Bus zu fahren oder seine Mutter zu umarmen? 

 

28.04.2021

Die Inzidenz schwächelt - der Balken ist bundesweit längenkontrahiert auf den Wert von 161. In der gestrigen Ausgabe des größten Moderators aller Zeiten bemühte sich der Impressario einen Disput zwischen dem regierenden Bürgermeister von Hamburg, Boris Palmer, und dem urbanen Modellierer Boris Palme anzuzetteln. Ersterer nimmt für sich in Anspruch, Hamburgs Inzidenz mittels Ausgangssperren zu senken, letzterer schmollt, weil sein Tübinger Testmodell durch das Fallbeil der 100er Inzidenz guillotiniert wurde. Ein Streit entwickelte sich nicht, stattdessen ein Fahrkartenfestival auf dem Hornberger Schießstand: die Kurven, die den Verlauf der inzidenziellen Entwicklung in Hamburg und Tübingen abbilden sind nahezu deckungsgleich, wenn auch bin Tübingen entsprechend des niedrigeren Ausgangswertes auf einem niedrigeren Niveau - Realsatire in Form von Kurvendiagrammen, die sich süffisant weigern, Argumente für die restriktive Strategie Tschentschers oder die testrevolutionäre Strategie Palmes zu liefern, sondern suggerieren, es mache im Endeffekt keinen Unterschied was man unternehme oder unterlasse, weil die Pandemie sich in ihrer Entwicklung nicht um die pädagogischen Mätzchen zu ihrer Eindämmung schert. Wenn der Kurvenverlauf überhaupt Indizien für eine Annahme liefert, dann - wie auch schon in der pandemischen Vergangenheit - dafür, dass nicht Maßnahmen an sich das Infektionsgeschehen beeinflussen, sondern deren Ankündigung. Dank der Virologin und Ärztin Jana Schneider bot die Sendung jedoch nicht nur unfreiwillige Komik, sondern auch substanzielle Kritik an einem Maßnahmenaktivismus, der heiße Luft produziert - die Menschen seien nicht pandemiemüde, sondern ineffizienzmüde bemerkte Frau Schneider treffend, auch weil naheliegende Maßnahmen nicht getroffen werden und Vorschläge zu einer wirkungsvollen Eindämmung des Infektionsgeschehens auf taube Ohren stoßen. Obwohl sich mittlerweile herausgestellt hat, dass Schulen und Kitas aufgrund der Kontaktdichte und -dauer idealer Nährboden für eine Verbreitung des Virus sind, hat man Schulferien nicht genutzt um durch lockdowns die Infektionszahlen so zu senken, dass ein Schulbetrieb auf Basis niedriger Infektionszahlen verantwortbar wäre (und nach all dem Gerede über die Solidarität mit den Alten im Sinne der Solidarität mit den Jungen notwendig wäre). Man muss kein Virologe sein um die einfache Logik nachzuvollziehen, dass man die Infektionszahlen am besten dann senken kann, wenn die Infektionsdynamik aufgrund des Wegfalls eines hauptsächlichen Relais der Verbreitung reduziert ist. Was, fragen sich Millionen Leser dieses Journals, hat nun die gestrige Ausgabe des Lanz-Europa-Express mit der schwächelnden Inzidenz zu tun? Boris Palme bedauerte, dass mit der Schließung der Geschäfte nun auch die Testfrequenz drastisch niedriger ist, da der Anreiz sich testen zu lassen fehlt. Weniger Tests, niedrigere Inzidenz und der Trugschluss, das Infektionsgeschehen nehme an Dynamik ab - stattdessen steigt einfach nur die Dunkelziffer. Aber man kann sich mit Hilfe sinkender Inzidenz ergriffen von der eigenen Rechthaberei in die Tasche lügen, die Entwicklung sei auf die ergriffenen Maßnahmen zurückzuführen. Was für eine Farce.    

Im EN-Kreis (und andernorts) sind Impfdrängler geimpft worden. Nach der Logik der Rückgabe von Freiheitsrechten für Geimpfte dürfen diese Menschen demnächst Parties feiern. Kriminelle Energie vereint mit Rücksichtslosigkeit und Egoismus wird belohnt, und sollte belangt werden. Manche Menschen hätten es verdient regiert zu werden.

 

27.04.2021

Gelten die Kontaktbeschränkungen eigentlich auch, wenn ich mich nur mit Geimpften treffe um mit ihnen wilde Orgien zu feiern?  (ja.)

Es ist längst gang und gebe, Fragestellungen so zu formulieren, dass nur die Antwort dabei heraus kommen kann, die einem passt. Überspitzt formuliert: am besten stellt man Fragen deren Antwort zwingend lautet, dass sei doch überhaupt keine Frage. Im günstigsten Fall gelten mit der Antwort auf rhetorische Fragen die wirklichen Fragen als erledigt. So gestaltet sich die Debatte um Freiheitsrechte für Geimpfte. Im Vordergrund steht die Frage ob die Geimpften/Genesenen ihre Freiheitsrechte wieder in Anspruch nehmen können, wenn von ihnen keine Infektionsgefahr mehr ausgeht. Diese Frage beantwortet sich im Grunde von selbst - ja. Es ist auch richtig, dass der Rest der Bevölkerung keine Nachteile dadurch erleidet, wenn Geimpfte wieder in den Genuss ihrer Freiheitsrechte gelangen. Die Nachteile entstehen ihr dadurch, dass ihr in erheblich umfangreicheren Maße als vor der `Notbremse`  Freiheitsrechte vorenthalten werden und dies für einen erheblichen Zeitraum. Wenn für einen Großteil der Bevölkerung die Restriktionen verschärft werden und gleichzeitig für eine andere Gruppe Restriktionen aufgehoben werden, dann ist es vermessen mit erhobenem Zeigefinger zu schulmeistern der Bürger habe kein Recht auf Schutz vor Neid, das ist etwa so als sage man einem zu Unrecht Gefangenen, er solle sich nicht grämen, wenn sein Zellennachbar freigelassen wird - denn davon erleide er ja keinen Nachteil. Es ist auch unehrlich, wenn man behauptet, bei der Rückgabe von Freiheitsrechten für Geimpfte handele es nicht um Privilegien. In einer Gesellschaft, die einem Großteil der Bevölkerung Freiheitsrechte vorenthält ohne dass dieser Teil der Bevölkerung etwas daran ändern kann, ist die Ausübung von Freiheitsrechten sehr wohl ein zugeteiltes Privileg, das durch staatliche Willkür entzogen respektive zugeteilt wird. Rechte sind ein Privileg da wo sie anderen ohne deren Verschulden entzogen werden. Höchst problematisch ist zudem, wenn einerseits argumentiert wird, die Grundrechte seien Individualrechte und seien wieder in Kraft zu setzen, wenn vom Einzelnen keine Gefahr mehr ausgehe, gleichzeitig jedoch sowohl Beschränkungen kollektiv angeordnet werden als auch deren Aufhebung kollektiv gewährt wird. Wenn Grundrechte Individualrechte sind, müsste doch jeder einzelnen Person nachgewiesen werden von ihr ginge ein erhebliches Risiko für die Gemeinschaft aus um ihr diese Grundrechte zu entziehen - stattdessen genügt es pauschal von einem virtuellen Gefahrenpotenzial auszugehen um Freiheitsrechte einzuschränken, umgekehrt treten sie für Geimpfte wieder in Kraft, obwohl die Impfung keineswegs garantiert, dass die geimpfte Person nicht mehr infektiös ist. Die einseitige Fokussierung auf die Wiederherstellung der Grundrechte für Geimpfte setzt stillschweigend voraus, dass deren fortgesetzte Aufhebung für den Rest der Gesellschaft gerechtfertigt ist. Sie drängt auch die Frage in den Hintergrund, ob alles Erforderliche unternommen wird, um die Freiheitsrechte sämtlicher Menschen in der Gesellschaft so rasch wie möglich wieder herzustellen, inklusive der Freiheit der Berufsausübung, die z.B. von Online-Konzernen exzessiv genutzt werden kann, während ganzen Branchen, von deren Tätigkeiten in Ermangelung von Großraumbüros oder großer Produktionsstätten kein gesteigertes Infektionsrisiko ausgeht, mit Berufsverboten belegt sind. Dies ist erkennbar nicht so. Das Aufrechterhalten von Betriebsstätten, an denen die Kontaktdichte hoch und die Kontaktdichte dauerhaft ist, sowie der Präsenzunterricht trotz hoher Inzidenz lassen eine Senkung der Inzidenz nicht zu und nehmen Infektionsketten in Kauf - Menschen werden krank und sterben weiter. Maßnahmen, die ungeeignet sind um Infektionsketten zu unterbinden, sie sogar befördern, werden flankiert durch massive Freiheitsbeschränkungen. Während also die unbestreitbar systemisches Gefährdungspotenzial beinhaltenden betrieblichen Umfelder in ihrer Gestaltungsfreiheit kaum beeinträchtig sind, werden diejenigen, die man mutwillig Infektionsgefahren aussetzt ohne Prüfung des Einzelfalls drastisch in ihren Freiheitsrechten beschränkt. Aber: Verzweifeln sie, aber zweifeln sie nicht.   

Der Gipfel der Hoffnung ist ein Gipfel der Unverfrorenheit, denn die einzige Perspektive die er bietet sind Freiheitsbeschränkungen für mindestens 2 Monate. Was nutzt es, wenn - wie Herr Laschet sagt - das Licht am Ende des Tunnels heller wird, wenn das Ende des Tunnels in so weite Ferne rückt, dass es nicht zu sehen ist. Tobias Blasius nennt es in der WAZ `ein Teelicht als Leuchtfeuer am Ende des Tunnels hochzureden`. 

Um einen Strich unter die Debatte zu ziehen: sie sollte sich nicht darum drehen, ob Geimpfte ihre Grundrechte wieder erhalten sollen. Sie sollte sich darum drehen, inwieweit sie der Allgemeinheit vorenthalten werden sollen. 

 

26.04.2021

Ich konnte es nicht lassen. Um 0:01 trat ich vor die Tür. Nur um mal zu gucken. Später in der Nacht werde ich durch die Stille bei geöffnetem Fenster wach. Beklemmung. Nicht dass es irgendeinen Anlass gäbe noch einmal rauszugehen. Doch schon dass einem die Möglichkeit genommen wird erzeugt ein Gefühl der Beengung. 

Ein Wutanfall im Supermarkt. Direkt hinter dem Zugang zum Supermarkt befindet sich ein Kiosk, an dem er jeden Morgen eine Zeitung kauft. Seit heute muss er - obwohl er die Einkaufsfläche des Supermarktes nicht betritt - einen Einkaufswagen mitnehmen. Für eine Zeitung. Eine Phalanx von vier Verkäufern und Verkäuferin weist ihn darauf hin. Bevor er wütend über diesen angeordneten Unfug werden kann wird er wütend darüber, dass den Verkäufern und Verkäuferinnen dieses Frontbildung zugemutet wird. Unterbezahlt und schlecht geschützt werden sie nun obendrein als soziales Minenräumkommando verheizt um eine Maßnahme durchzusetzen, die sie offenkundig für ebenso bescheuert halten wie die Kunden, deren Zorn sie abbekommen. Sie sollten auf Lokführer umschulen. 

Wenn man keine diskriminierte Minderheit ist gehört man nicht dazu. So könnte man den Tenor der Identitätsdebatte führen, der Titel Thesen Temperamente` gestern einen erhellenden Beitrag widmete. Bei der `Opferolympiade` der Woke-Bewegung geht es darum, sich möglichst wirkungsvoll als Opfer von Ausgrenzung und Unterdrückung zu inszenieren und jeder andere, `der eine andere Meinung hat, wird gleich als Feind dargestellt. Und das finde ich für eine demokratische und plurale Kultur als großes Problem`(Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank). Nun mag dies ein Problem für eine demokratische und plurale Kultur sein, für eine Gesellschaft im Bannstrahl des sozialen Abstandhaltens ist es jedoch ein Segen, wenn sich jeder von jedem distanziert und den anderen als Feind betrachtet. Dem anderen misstrauen und sich von ihm distanzieren - das ist die Covidentität die derzeit als Solidarität gilt.   

Rolf Brinkhaus wäre mit seinem Wutausbruch bei der Bundestagsdebatte zum Infektionsschutzgesetz jedenfalls eine Bereicherung für die Woke-Bewegung: `Wenn wir jetzt den Notstand nicht beschließen gibt es kein Gesetz, und wenn es kein Gesetz gibt werden Menschen krank und sterben.` Da ist er wieder in Reinform, der alte Haudegen `Bist Du nicht für mich bist Du mein Feind.` Hier als Argument in der parlamentarischen Debatte im Gewand der moralischen Alternativlosigkeit und der moralischen Ruchlosigkeit der Kritiker. Eine Argumentation wie bei `Game of Thrones`, die selbst das ist was sie ihren Kritikern unterstellt: moralisch ruchlos und heuchlerisch. Denn es wurden und werden Menschen krank und sterben, weil das Gesetz wachsweich ist was Grenzwerte betrifft und was Verpflichtungen für Betriebe angeht: Schweden für die Unternehmen, Restriktionen für die Bürger. Eigenverantwortung ist nur etwas für die Unternehmen, denen man die Freiheit einräumt, sie nicht wahrzunehmen.  

Diese Auffassung vertritt bei Anne Will auch Gabriel Felbermayer, der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Von Verboten und Verpflichtungen für Betriebe hält er so wenig, wie er mit Freiheitsbeschränkungen für die Bevölkerung ein Problem hat. Lobbyismus kennt ethische Grenzen ebenso wenig wie das Virus geographische Grenzen. Die gestrige Ausgabe von `Anne Will` erwies sich als beredtes Beispiel dafür, dass der Name Merkel nicht zwingend für Seriosität in Argumentation und Auftreten stehen muss. Der Demokratieforscher Wolfgang Merkel meinte, die Physikerin Viola Priesemann darauf hinweisen zu müssen, dass Politik ja nicht nur den Standpunkt einer Wissenschaft einnehmen dürfen. Es ginge ja auch um Themen wie Freiheitsrechte. Die Frage, welche Freiheitsrechte er in Anbetracht der gravierenden Freiheitsbeschränkungen meint gegen die einseitige Betrachtung der Epidemiologen verteidigen zu müssen wird leider nicht gestellt - derzeit werden ja die Argumente der Wissenschaftler für eine Niedriginzidenzstrategie ignoriert und zugleich die Freiheitsrechte stark eingeschränkt. Zudem ist Viola Priesemann denkbar ungeeigneter Adressat für die Kritik der Schlagseitigkeit, die man eher an die auf dem Betriebsauge blinde Bundesregierung richten müsste. Ganz im Gegenteil argumentiert sie soziologisch, psychologisch und ökonomisch: dass es für alle Beteiligten preiswerter, besser, erträglicher wäre, wenn man durch eine kurze Schließung im Stile des ersten bundesweiten lockdowns die Zahlen (`exponentielle Senkung statt exponentielles Wachstum`) senken würde ist eine plausible Annahme, führt die man keine Wissenschaftlerin sein muss, die man jedoch sehr wohl mit wissenschaftlichen Belegen unterstützen kann. Insbesondere der Hinweis darauf, die Relais für häusliche Infektionen seien Schulen und Betriebe steht monolithisch im Raum - und auch Annalena Baerbock will das grüne Ziel `breite Teile der Bevölkerung` zu erreichen nicht dadurch gefährden, dass sie das Wort Betriebsschließungen in den Mund nimmt (und Schul- und Kitaschließungen schon gar nicht).

Die Notbremse? Sie wäre eine, wäre sie eine.

Das Handelsblatt hat es eilig. Es müssen dringend Geimpfte von den Konsumbeschränkungen befreit werden. Deshalb: `Man kann Geimpften nicht dauerhaft ihre Rechte wegnehmen.` Allen anderen schon. Dankenswerter Weise weist Herr Kirchner, Ex-Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichtes, darauf hin, dass Eingriffe in die Freiheitsrechter desto tiefer sind und desto eingehender auf Rechtmäßigkeit geprüft werden müssen, je länger sie andauern.

Deutschland sagt Indien Unterstützung zu. Dort seien Virusvarianten der Grund für über 300000 Neuinfektionen pro Tag. Auch das verschiebt die Perspektive weg vom eigentlichen Infektionsherd: Quelle der Infektionen waren Wahlkampfveranstaltungen und religiöse Feste. Politik und Religion als die Übel, von denen sie Erlösung versprechen. 

Passend zum allgemeinen Irrsinn: Weltweit steigende Ausgaben für Rüstung trotz Corona (wohl eher: wegen Corona), Tschernobyl als beliebtes Tourismusziel und der Antrag, den Reaktor zum Weltkulturerbe zu erklären. Findet bestimmt glühende Anhänger. 

 

25.04.2021

"Der Sonnenbrand ist nicht von schlechten Eltern. Dabei war es bewölkt und kühl. Ich hätte die dampfenden Fischkadaver am Ufer vielleicht nicht ignorieren sollen."

Zu viele Sanduhren im Kopf. Andenken häufen sich, Erlebnisse werden zur Rarität. Sprachspiele als höchstes der Gefühle. Was sind Spargelernte? Gelernte Sparer? 50 Schauspielern wird vorgeworfen sie verhöhnten die COVID-Opfer, dabei verhöhnen sie eine Politik, die den Beweis schuldig blieb die Pandemie wirkungsvoll zu bekämpfen, im Gegenteil. Die Geh-hopps-Pyramide der Exekutive wirft Fragen nach der Verantwortung auf, misslungene Satire kostet dagegen kein einziges Leben.   

"Obwohl es Nacht ist geht von den gegenüberliegenden Gebäuden ein schwaches, rotes Glimmen aus wie von den Heizstäben in einem Toaster. Nach einem brüllendheißen, skandinavischen Frühlingstag glühen die Fassaden. Wissenschaftler erklären diesen Effekt beruhigend durch eine atmosphärische Anomalie, die für uns sonst nicht sichtbare elektromagnetische Strahlung als Licht sichtbar macht. Keiner erklärt den Zusammenhang detailliert, jeder ahnt, dass es etwas mit Fukushima zu tun hat. Es zweifelt auch niemand daran, dass die hohe Zahl der Totgeburten und Frühchen mit missbilligten Missbildungen auf die Strahlung zurückzuführen ist. Wieso, fragst Du Dich, wird der Mensch als Krone der Schöpfung bezeichnet? Weil er, wie eine Krone, komplett überflüssig ist. Als bräuchte die Schöpfung eine Krone. "

Wie impfam die Lage wirklich ist kann man daran erkennen, dass kein Politiker mehr das Wort `Wachstum` in den Mund nimmt. Sämtliche Werbeflächen werden dominiert durch das Thema Reduktion. Reduktion von Verbrauch. Reduktion von Fleischkonsum. Reduktion von Transportwegen. Angst inspiriert die Reklame. Angst dass es knapp wird, Angst dass es eng wird. Angst, dass es längst zu spät ist. 

Es ist nichts dagegen einzuwenden, Geimpften Freiheiten zurückzugeben. Sehr wohl kann man etwas dagegen einwenden, Gesunden Freiheiten vorzuenthalten. Wenn denn Markus Söder die Rückgabe von Freiheitsrechten mit dem Anreiz zur Impfung begründet führt er das Argument ad absurdum, es handele sich bei den Freiheiten für Geimpfte nicht um Privilegien. Wenn sie umgekehrt Menschen nicht vorenthalten werden, weil von ihnen eine Gefahr ausgeht, sondern weil der Entzug Anreize für ein bestimmtes Tun schaffen soll, geht es genau darum Motivation durch Privilegien zu schaffen. Härter ausgedrückt: der Entzug von Freiheit dient dem Erzwingen von Konformität. So etwas gehört sich nicht für eine Demokratie. 

 

24.04.2021

"Dein Seelenklempner outet sich als Fan: `Nicht dass mir alles in ihrer Welt ohne Kontakt gefällt.` Schon klar. Das Unterlegenheitsgefühl des Lesers gegenüber dem Autor wird durch kleinliche Kritik kompensiert. Du darfst Dir diese Arroganz ruhig leisten. Du erinnerst Dich nicht daran, weder dieses, noch irgendein anderes  Buch geschrieben zu haben. `Aber`, unterbricht der Psychofritze Deine Retrogrübelei, `ich mag die Kapitelüberschriften. `12 Monkeys wird wahr.` Wir wahr? So war das. Zoobesitzer, die ihre Tiere nicht mehr ernähren konnten ließen sie frei, inklusive Raubkatzen und Elefanten. Chaos und Panik in den Straßen, leuchtende Kinderaugen. Schimpansen in den Supermärkten. `Mir wäre ihre irre Welt lieber, doch hier sind wir nun. In der Wirklichkeit, am Stadtrand von Oslo, der wir uns zu stellen haben.` Mit uns bist Du gemeint. Wen kümmert wo Du als psychotisch giltst. Dass man Dich letztes Wochenende noch in Stockholm therapierte spielt keine Rolle. Diese buchstäblich bleierne Zeit, plombiert und versiegelt, in der alle Wände verdickt und Aufenthalte im Freien ausgedünnt sind, ist invariant bezüglich des Ortes. Eine Ortsverschiebung, wie immer sie auch zustande kommt, ändert nichts an den Umständen. Seelenklempner...aus welcher Zeit stamm(el)st Du?" 

 

23.04.2021

Richtig mulmig kann einem werden, wenn sich Brasiliens President Evil Bolsonaro beim `World Climate Summit` zu Klimazielen bekennt, gar die Abholzung des Regenwaldes als `großes Problem` bezeichnet. Klingt wie eine gute Nachricht. Es stellt sich jedoch die Frage, wie dramatisch die Situation wirklich ist, wenn selbst ein Machthaber, der achselzuckend große Teile seiner Bevölkerung an einer `harmlosen Grippe` sterben lässt und bislang dem Kahlschlag wohlwollend zusah plötzlich Einsicht zeigt.

Die Pandemie befördert die Einsicht in globale Zusammenhänge, die direkt bis in unsere persönlichen Komfortzonen hinein wirken. Wenn jedoch in Sachen Klimaschutz Einsicht lediglich der erste Weg zur Besserung der Vierteljahresbilanzen ist und grüne Technologie nur das brandneue Feld für das übliche Zocken um Macht und Geld bestellt folgt einfach nur Raubbau auf Raubbau. Die ZDF-Dokumentation `Nicht ganz grün` vom 17.03.2021 zeigt eindrucksvoll, dass der Verzicht auf fossile Brennstoffe nicht automatisch zu einer klimatisch und ethisch porentiefreinen Ökobilanz führt. Im Gegenteil: der Rohstoffbedarf steigt, nur dass nicht Öl und Kohle der heiße Scheiß sind, der Großwindanlage am Laufen hält und E-Autos lautlos flitzen lässt, sondern seltene Erden, die eben selten sind. Mineralien wie Graphit (unverzichtbar bei der Herstellung von Batterien) oder Neodym (unabdingbar bei der Produktion der Growians) und Metalle wie Lithium werden unter Inkaufnahme immenser Schäden für Umwelt und Gesundheit der Arbeiter und Anwohner in großem Stil abgebaut, um den zunehmenden Hunger insbesondere der reichen Länder an Energie und Mobilität zu decken. Während die Luft in Norwegen dank einem hohen Grad an Elektrifizierung hoheitlich rein ist, versteinern den Arbeitern im Graphit-Bergbau die Lungen und schwermetallhaltige Abwasser vergiften das Grund- und damit das Trinkwasser in den Ländern, deren Wirtschaft von dem Boom der seltenen Erden profitiert. Ironie der Geschichte oder auch nach hinten losgehender Schuss ins Grüne der Biden-Initiative: die Schatzkammer für seltene Erden ist ausgerechnet das als weltpolitischer Hauptkonkurrent um Hegemonie markierte China. Da beißt sich die Winkekatze in den Schwanz. 

Die seltenste Erde ist - die Erde. Sie gibt es nur einmal. Für den Fall dass diese Ressource die Abwasserkanäle hinunter geht bereitet man schon die Flucht vor. Vom blauen Planeten zum roten Planeten. Großer Jubel über die gelungene Sauerstoffproduktion auf dem Mars mit Hilfe der Umwandlung von CO2. Gratuliere. Während in Indien das große COVID-Ersticken grassiert, weil es an Sauerstoff fehlt freuen wir uns über die Erzeugung von Atemluft auf einem toten Planeten.       

Welchen Rang die körperliche Unversehrtheit im Vergleich zu Profiten hat zeigt ein Bericht des ARD-Magazins `Panorama`. In einem Logistik-Center von amazon - dem Krisengewinnler schlechthin, der seine Beschäftigten duzt, als handele es sich um Sklaven - verbietet der Konzern seinen Beschäftigten das Tragen von FFP2-Masken. Offenherzig begründet der Konzern dieses Verbot damit, dass den Beschäftigten beim Tragen von FFP-2 Masken aufgrund des höheren Atemwiderstandes und dem damit verbundenen Kraftaufwand längere und häufigere Pausen zustehen. Treuherzig stützt ein Vertreter des Deutschen Einzelhandelsverbandes diese Argumentation. Die längeren und häufigeren Pausen würden Personalengpässen zu Lasten der Kunden hervorrufen - daher ist es auch im Verkauf die Regel, dass zwar Kunden zum Tragen von FFP2-Masken verpflichtet seien, aber nicht die Beschäftigten. Die seien ja ausreichend geschützt, wenn die Kunden die Maske tragen. An anderen amazon-Standorten ist das Tragen von FFP2-Masken zwar nicht verboten, aber die zusätzlichen Pausen werden nicht bezahlt - auch fein. Verblüfft es jemanden, dass ein Konzern, der während der Pandemie Umsatz und Börsenwert verdoppelt hat seinen Beschäftigten aus Kostengründen untersagt, sich wirkungsvoll gegen Coronainfektionen zu schützen? Das ist natürlich eine rhetorische Frage. Wenn diese Praxis unterbunden würde wäre das mit den Worten des konkreten Poeten Christian Streich: notwendig-angemessen-richtig. 

Maybrit Illner kann nicht vom Thema Söder-Laschet lassen, weswegen der Verfasser zur Live-Übertragung von der Snooker-WM umschaltet, um ein wenig planvolles Handeln und Präzision zu erleben. Bei Nein-Doch-nein-doch (in memoriam Monty-Python-Sketch `This is not an argument`)  Markus Lanz fiel der Verfasser ins Koma, nachdem er Peter Ramsauers Auffassung Jawoll gab, der Paradigmenwechsel hin zum Zentralismus werde auch nach der Pandemie nicht zurückgenommen. Die Talk-Show-Entwöhnung macht Fortschritte, von denen die Impfkampagne sich - als wäre Fortschritt ein Laib Brot - eine Scheibe abschneiden könnte. 

Die `Notbremse` ist eine `Ausbremse` des Föderalismus. Das ist der Grund, warum Herr Hasselhoff mit Leichenbittermiene von der dunkelsten Stunde in der Geschichte des deutschen Föderalismus munkelt, als werde mit dem Infektionsschutzgesetz der Föderalismus insgesamt zu Grabe getragen. Bei aller verständlichen Kritik - dem ist nicht so. Das Gute an der Bremse ist, dass sie keine Bremse ist. Sie ist ein Puffer, der die Spielräume der Länder sogar erweitert - und siehe da, meckernd, möppernd und voller Trotz beeilen sich die Länder zu handeln und beginnen, sich darin zu überbieten den bundesweit vorgegebenen Rahmen, wohlweislich weit gefasst, streng zu unterbieten. Wenn es sich beim Vorgehen des Staates um eine föderale Erziehungsmaßnahme gehandelt haben sollte hat sie funktioniert - dann ist der epidemiologisch willkürliche Wert 165 pädagogisch nachvollziehbar, da er grade danach schreit ihn besseren Wissens zu unterschreiten und schon zu handeln, bevor er erreicht wird. Wenn es so gemeint war - alle Achtung. Insgesamt hat sich mit Inkrafttreten der Novellierung des Infektionsschutzgesetzes erkennbar die öffentliche Aufregung gelegt. Die Menschen wissen was gilt, das scheint ihnen derzeit wichtiger zu sein als der faktische Nutzen der Regelungen. 

Die Ruhe vor dem Sturm auf die Arztpraxen nutzt man, um mal wieder einen Blick nach Schweden zu riskieren. Derzeit liegt die landesweite Inzidenz in Schweden bei ca. 400, was leicht als Beleg für das Scheitern der schwedischen Strategie herhalten kann. Dabei reduziert sich die Beurteilung und die Betrachtung in einer charakteristischen Verengung auf die Bewertung der Konsequenzen staatlicher Eingriffe in die individuellen Freiheitsrechte im Gegensatz zum weitgehenden Verzicht auf diese Beschränkungen. Damit verkehrt sich die Debatte um Methoden zur effektiven Pandemiebekämpfung - und auch um die Gründe für misslungenes Krisenmanagement - zur Debatte das Ausmaß der Souveränität, dass die Administration dem Souverän in einer epidemiologischen Notlage zugesteht. Dahinter verbirgt sich die uralte Kontroverse über die Rolle des Staates, die je nach Menschenbild darin besteht, den Leviathan im Zaum zu halten oder Leben, Freiheit und Eigentum zu beschützen (letzteres würde jede Demokratie von sich behaupten). Schwedens hohe Inzidenz wird als Beleg dafür angeführt, es sei nicht die Zeit, zu viel Demokratie oder gar Selbstbestimmung zu wagen. Dabei lässt sich das vorgebliche Scheitern des schwedischen Sonderwegs - inwieweit und ob er scheitert, kann man erst dann beurteilen, wenn das Ausmaß der Kollateralschäden wie Suizide, Verkürzung von Lebenszeit und - qualität, soziale Verwerfungen, ökonomische Depression verglichen werden kann - durchaus auch damit erklären, dass wie in den Ländern mit individuellen Freiheitseinschränkungen auch in Schweden das Augenmerk bei den Handlungsempfehlungen vor allem auf dem individuellen Verhalten und dem Freizeit- und Privatkleben lag. Wie in anderen Ländern, die auf Restriktionen setzten fokussierte auch die schwedische Politik auf das individuelle und soziale Verhalten, aber erst spät und nicht mit der gebotenen Aufmerksamkeit auf das korporative Verhalten. Darin wiederum sind sich alle europäische Staaten ähnlich - insbesondere in Deutschland lässt sich beobachten, dass der Schutz der korporativen Freiheiten (bezeichnender Weise desto ausgeprägter der korporative Charakter ist, der Schutz von Soloselbständigen und Kleinbetrieben wird sträflich vernachlässigt) höher bewertet als die individuellen Freiheiten. Dieser Webfehler ist interessanter Weise sowohl dem schwedischen Weg zu eigen, als auch den europäischen Ausgangssperrzonen. 

 

22.04.2021

Auf dem Mars wandelt ein R2/D2 Kohlendioxid in Sauerstoff um. Die EU verabschiedet per Gesetz Klimaziele für 2050. Weichenstellungen für eine Zukunft, die ich nicht mehr erlebe. Oder als Greis, für den sie keine Perspektive mehr bietet. Zuviel Lanz stimmt düster.

Wiederholt umarmt Lanz verbal den FDP-Mammut-Baum. Davon abgesehen erklärt Mike Mohring wie die Inzidenz 165 zustande kommt. Das war einfach der Wert zu dem Zeitpunkt, an dem die Beschlussvorlage formuliert wurde. Kein Scherz, aber trotzdem ein schlechter Witz). 

Unverkennbare Katerstimmung bei den MinisterpräsidentInnen in der Sitzung des Bundesrates. Die Kritiken an dem neuen Infektionsschutzgesetz sind derart massiv - von der Verschlechterung der Rechtsstellung der Bürger, die allenfalls noch mittels einer Feststellungsklage gegen die gesetzlichen Vorgaben angehen können bis hin zu einem faktischen Abwägungsverbot, das eine Anpassung von Maßnahmen an konkrete regionale Gegebenheiten nicht zulässt bis hin zu der Befürchtung, das Gesetz schade dem Ziel der Senkung der Infektionszahlen und führe im Gegenteil zur Stabilisierung der Zahlen auf hohem Niveau bei gleichzeitiger massiver Freiheitseinschränkung bis mindestens zum 30. Juni - dass ein Einspruch und die Anrufung des Vermittlungsausschuss geboten wäre (denn eine Zustimmung des Bundesrates ist nicht erforderlich). Stattdessen verzichtet man zerknirscht wie das Gesicht von Volker Bouffier auf dieses Mittel, wohl wissend, dass die daraufhin folgende Verzögerung des Inkraftretens von Regeln (der Bundestag müsste dann über den Einspruch abstimmen) der Bevölkerung nicht mehr zu vermitteln wäre. Also: statt dem vielkritisierten Flickenteppich der MPK bekommen wir nun eine bundesweit beschlossenen Flickenteppich präsentiert (z.B. wenn Schüler aus verschiedenen Kreisstädten eine gemeinsame Schule besuchen: welche Inzidenz gilt?), der - worauf Stephan Weill hinwies - den Ländern Spielräume für Öffnungen verschafft (Stichwort: 150er Inzidenz für click and meet), die es vorher nicht gab. Also wird der Kater bekämpft mit dem Konterbier der Klage und Resignation. 

Während wir nun in den Genuss einer bundeseinheitlichen Regelung werden, die vor Uneinheitlichkeit strotz, beschließen einen Länder die Aufhebung der Impfpriorität, während andere auf sie bestehen - schlimmer geht eben immer. 

Wie kommt das denn? Joe Biden droht China unverhohlen mit dem Einsatz atomaren Waffen, andererseits formuliert er am heutigen `Tag der Erde` (wessen Tage sind die anderen?) ein ehrgeiziges Klimaziel, das eine Halbierung der CO2-Emissionen der USA bis 2030 im Vergleich zu 2005 vorsieht. Grade Falken bestechen durch Weitsicht. Bidens Klimaziel dient vor allen Dingen geostrategischen Interessen. Dem scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg der Wirtschaftsmacht Chinas setzt er den Umwelt- und Klimaschutz als das ökonomische Handlungsfeld entgegen, auf dem die USA mit den Bündnispartnern die Vorreiterrolle haben sollen. E- Mobilität in der Automobilindustrie ist dabei nur ein Aspekt, es geht um grüne Technologie und insbesondere auch darum, wer in Zukunft wie durch Energieversorgung und -erzeugung politische Einflusssphären beherrscht - man denke nur an Northstream 2 oder den wachsenden Einfluss Chinas in Afrika. Zudem sorgt der Klimawandel absehbar für gigantische Flüchtlingswellen und zunehmende soziale Unruhen - auch das ist schlecht fürs Geschäft. Also: mit Klimawandel und Green Deal zurück zur Weltherrschaft. Das ist langfristig gedacht: statt Klimaschutz zu verkaufen mit dem Argument der Rettung unseres Planeten verkauft man ihn mit dem Versprechen auf Macht und Prosperität. Das wirkt. 

 

21.04.2021

Abgrundtiefe Nacht, dennoch das Schlafzimmer im Dämmerlicht, ein unendlich später Sonnenuntergang. Du erinnerst Dich an das erste Wort, dass Du bewusst gehört hast. Welches wird das letzte Wort sein, das Du hörst? Lanz? Dann wirst Du wach.

Kein Wort zu Lanz und seinen ewig gestrigen Gästen, die an der mangelnden Regierungserfahrung der Meißner-Porzellan-Kanzlidatin herumnörgeln. Wenn endlich nur noch Menschen in ein Amt gewählt werden dürfen, das sie schon bekleidet haben, rückt endlich der Sommer der Anarchie näher.   

Die Notbremse. So ausgestaltet als wolle man einen rasenden Zug stoppen, indem man den Passagieren befiehlt ihren Platz nicht zu verlassen oder einen Flugzeugabsturz vermeiden, indem man den Passagieren befiehlt sich anzuschnallen. Oder die Blutung einer aufgeschnittenen Pulsader mit einem Heftpflaster stillen. 

Apropos Pressefreiheit: wie frei ist eine Berichterstattung, die durch ein einziges Thema dominiert wird? So weit ist es zwar nicht, dennoch ist die Übersättigung der Programme mit dem Thema Corona unübersehbar. Zwar ist die weltweite Dramatik der pandemischen Lage unbestritten, allerdings kann nicht die schiere Masse der Beiträge eine adäquate Entsprechung zum Ausmaß der Katastrophe sein, sondern der Grad an Differenzierung. Diese droht in der Flut der Beiträge ebenso unterzugehen, wie die journalistische Monokultur andere wichtige Themenschwerpunkte zu Randthemen degradiert - immerhin ist der Schuldspruch gegen den Mörder George Floyds ein hervorgehobenes Thema. Nach dem Erstickungstod durch Polizeigewalt können nun zumindest Hinterbliebene und alle, die sich gegen Rassismus wenden einmal erleichtert aufatmen. Ob das die Luftnot dauerhaft mindert ist zumindest zweifelhaft.

Schon dass von einem `Maßnahmenmix` die Rede ist klingt mehr nach Alchimie und Cocktailbar, als nach einem fundierten Verständnis für die Wechselwirkungen von Faktoren und Kennzahlen. Gepanschtes Gemisch gegen diffuses Geschehen: Fischen im Trüben mit löchrigen Netzen. Gut für die Fische.

Zusammengefasst: man wartet auf das Sinken der Inzidenz um dann zu behaupten, es sei auf die getroffenen Maßnahmen zurückzuführen. 

Ralph Brinkhaus begründet in der Debatte zum Infektionsschutzgesetz seine Befürwortung mit dem Schutz des Lebens und der Vermeidung weiterer Toter. Zugleich jedoch wirft er all diejenigen, die die Änderungen des Infektionsschutzgesetzes ablehnen, weil aus ihrer Sicht die Maßnahmen eben nicht geeignet sind, das Recht auf körperliche Unversehrtheit zu gewährleisten mit der AfD in einen Topf: das ist nicht unbedenklich, es ist alarmierend. 

Jedenfalls mitnichten chaotisch, sondern glasklar ist die Strategie der großen Koalition: bis Ende Juni geht es weiter nicht darum, möglichst viele Leben zu retten und im Übrigen auch schwere gesundheitliche Folgenschäden zu verhindern, sondern Produktionsstätten weiter in Betrieb zu halten, das Gesundheitssystem am Rand des Kollaps in einem labilen Gleichgewicht kurz vorm Umkippen zu halten und Bildungsstätten am Laufen zu halten, damit die Eltern weiter ihrer Arbeit nachgehen können ohne sich um die Kinderbetreuung kümmern zu müssen. Der Laden muss laufen, das soll Grund genug sein, Infektionsrisiken in Kauf zu nehmen. Auch so dokumentiert der Staat, dass einem das eigene Leben nur in den Grenzen selbst gehört, die der Staat setzt. Es geht nicht darum die dritte Welle zu brechen, sondern ihre Höhe zu begrenzen - es wäre auch zu schade, würden sinkende Inzidenzen die Impfbereitschaft der Bevölkerung reduzieren. 

Eine Freundin seufzte: Es gibt Menschen die begehen Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Ich lebe aus Angst vor dem Suizid. Na, dann muss ich mir um sie keine Sorgen machen. Der Deutsche Bundestag indes befasst sich heute mit einem Urteil des Bundesverfassungsgericht, dass dem Gesetzgeber aufgab, sein Gesetz zur Sterbebeihilfe zu überarbeiten - im Kern verlangt das Bundesverfassungsgericht der Beihilfe zum Suizid einen liberaleren Rahmen zu verleihen. Wie auch immer man zu den Positionen steht, die in der Debatte vertreten werden - (der aufstrebende Raffke Phillip Amthor etwa ist in Ermangelung einer Vorstellung von unerträglichen Lebensbedingungen ein entschiedener Befürworter der Pflicht zu leben) die Ernsthaftigkeit und Nachdenklichkeit der Debatte sogar seitens der Redner von der AfD steht in einem rätselhaften Widerspruch dazu, wie das Bevölkerungsschutzgesetz, das erkennbar erhebliche Risiken für die Gesundheit und das Leben der Bevölkerung legalisiert, gegen politische, soziale und medizinische Argumente durchgewunken wird. Ein Grund mag darin bestehen, dass bei der Debatte über die Suizidbeihilfe nicht beeinflusst ist durch unausgesprochene Interessenkonflikte zwischen der Wahrung der volkswirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit, in deren Dienst ja auch die Bildung steht und dem Schutz der körperlichen Unversehrtheit, die dummer Weise nicht zwingend einen ökonomischen Mehrwert abwirft: beim Thema `Beihilfe zum Suizid` treten solche Fragen in den Hintergrund. Man leistet sich frei von solchen Abwägungen Ethik, Moral und nebenbei auch eine gewisse Abscheu gegenüber der Sterbehilfe als Geschäftsmodell, die ebenso nebenbei dem Staat das menschliche Leben und Sterben als Objekt der Verfügung entzieht. Es ist aber auch möglich, dass mit zunehmendem body count der Pandemie (auch) für die Politik das einzelne Leben und sein Wert sich immer weiter minimieren wie ein Bruch, der immer kleiner wird, je höher der Nenner ist, der unter der 1 steht. 

Es gehört zum Muster, Nebensächliches aufzubauschen und Gravierendes zu ignorieren, dass über die schwerwiegendste Einschränkung der Freiheit im Rahmen der bundesweiten Regelung nicht einmal gesprochen wird - bis zum 30.06.2021 dürfen sich nur ein Haushalt und eine Person treffen. Das scheint niemanden zu kümmern, während eine Ausgangsbeschränkung zu nachtschlafender Zeit zu Tumulten führt. 

Wer trägt die Beweislast hinsichtlich der Gefahr die von einem Individuum durch sein Verhalten ausgeht. Bin ich - um meine Freiheitsrechte auszuüben - dazu verpflichtet zu beweisen, dass von mir keine Gefahr ausgeht? Und wenn dies so sein sollte: wieso ist ein Unternehmen nicht dazu verpflichtet nachzuweisen, dass von seinen Betriebs- und Produktionsstätten, an denen sich eine Vielzahl von Menschen begegnet, keine Gefahr ausgeht? 

 

20.04.2021

`Wahlversprechen` heißt jetzt `Angebot`. Derzeit kann man sich vor Angeboten in der Politik kaum retten. Die Grünen möchten der Gesellschaft ein Angebot unterbreiten, Markus Söder unterbreitet der Union ein Angebot (das sie allerdings abschlagen kann). `Angebot`- das klingt nach Geschäft, nach Marktwirtschaft, nach Service, ein wenig auch danach, übers Ohr gehauen zu werden. Vor allem aber reduziert das Angebot den Wähler zum Käufer, dem irgendwann eine Rechnung präsentiert wird, über deren Höhe man ihn im Unklaren lässt. Immerhin leistet die Begriffsverschiebung einen Beitrag zu mehr Transparenz: nichts ist umsonst und Politiker sind Verkäufer, die einen Gewinn einstreichen möchten. Für die Menschen, versteht sich, und Abgeordnete sind auch Menschen. In Zeiten, in denen Einkaufen zum Hindernislauf für Nasenschleimhäute wird, Fußgängerzonen sich in Filmkulissen für Endzeitdramen verwandeln (`Lockdown`, Staffel 3) bedient das bunte Parteienangebot die Sehnsucht nach Sonderangeboten, Schnäppchenjagd und Streifzügen durch Shopping-Malls, feilgeboten werden geheilte Welten, eine digital sterilisierte und pasteurisierte Sun City für alle, der emissionsfreie Garten Eden für jeden, ein Planet, der aus dem Weltall betrachtet aussieht wie ein Denkmal für das Corona-Virus, gespickt mit Spike-Proteinen, die sich beim Heranzoomen als Großwindanlagen entpuppen, Parteivorsitzende spulen ihre Marketingkampagnen im Stil von Bibelstunden und Fernsehpredigten ab, Tableaus, deren Statik suggeriert es werde sich nicht zu viel verändern. Entspannte Spitzenkandidaten, befreit von der lästigen Pflicht des Händeschüttelns und der Bürgernähe, präsentieren ihre Zukunftsvisionen in der keimfreien Schutzzone des sozialen Abstandes zu ihren Wählern, unbelastet von den ekligen Pflichten des Händeschüttelns und der Bürgernähe, bleiben gemütlich unter sich in den Studios, wo sie sich um parafinglänzende Moderatoren scharen, auf digital blank gebohnerten Bühnen vor bluescreens und leeren Kulissen, können ihre Königsetappe zur Macht genießen wie Radprofis, die sich nicht mehr durch das lebensgefährliche Spalier frenetischer Teufel lenkerbreite Serpentinen emporzwängen müssen. Wir hingegen, das Publikum, reduziert zum Empfänger der frohen Botschaft, die das süße Jenseits heraufbeschwört, sind nur kulminiert zur Einschaltquoten und Zustimmungsraten von Bedeutung, luftdicht eingeschweißt in Balkendiagramme, ein Souverän im Korsett aus Hygieneregeln - Vorbereitung auf die Etikette im keimfreien Paradies  - und Schweigen. Vor uns liegt eine infektionssterile Zukunft als vakuumverpackte Individuen, die schön säuberlich getrennt vom Rest der Welt ihre Vorgärten bestellen und ihre sozialen Atavismen (Bedürfnis nach Austausch, Nähe und Kontakt) per Zoom pflegen. Politisch passiv, aber jederzeit innovativ und fähig Impfstoffe aus dem 7X24 Stunden ununterbrochen von syrischen Reinigungsdiensten geputzten Böden zu stampfen. Da es sich um die Zukunft handelt, kann man in der Gegenwart all diejenigen ignorieren, die ohnehin keine Zukunft haben und in keines der adretten Bilder einer porentief reinen Welt passen, die sitzt wie ein veganer Maßanzug. Vermüllt wird nur noch das All.    

Der Verfasser frönt dem Hobby der Privilegierten - Meckern. Man mache sich nichts vor. Bei aller Tristesse der Tage, an denen Sonnenauf und -untergang das höchste Maß an Abwechslung bieten, sind die mehr oder minder ungepflegte Langeweile und das hilflose Aufbegehren, das die eigene Ohnmacht durch wirkungsloses Stänkern gegen `die da oben` kompensiert, gleichwohl Luxusgüter. Diejenigen, die mehr Abwechslung haben, weil sie sich jeden Tag der spannungsgeladenen Situation gesteigerter Infektionsrisiken aussetzen müssen, sind schlimmer dran. Wohl dem, der sozial und psychologisch verdorrt, aber sonst keine Sorgen hat.

Selbst Todeszahlen können eine willkommene Ablenkung sein. Die Fokussierung auf die Pandemie schafft einen Schauklappenblick, dem (durchaus zum Nutzen interessierter Parteien) die gigantischen Probleme jenseits des engen Bildausschnittes zu entgehen drohen - auch dann, wenn sie durchaus im Zusammenhang mit der Pandemie stehen. Ein gutes Beispiel für diese perspektivische Verengung liefert die Netflix-Dokumentation `Seaspiracy` - ohne dass man die tendenziöse Schlussfolgerung teilen muss, der Überfischung könne man nur mit veganer Ernährung begegnen, öffnet der Film einem doch in mancher Hinsicht die Augen. Bei der Fokussierung auf die Abholzung des Regenwaldes im Amazonas übersieht man beispielsweise, dass die eigentliche `grüne Lunge` der Erde die Wiesengründe unter Wasser sind, die durch Schleppnetze jährlich um Flächen in kontinentaler Größenordnung reduziert werden - zum Nutzen der Fischereikonzerne. Um den Bogen zur Pandemie zu schlagen: ein Grund für den florierenden Wildtierhandel mit Viren übertragenden Landsäugetieren besteht in der Verdrängung lokaler Fischer aus dem Markt, die sich anderen Einnahmequellen zuwenden. So lässt sich ohne allzu große Umwege eine Linie ziehen von der auch für den Menschen bedrohlichen Vernichtung der Biodiversität der Meeresfauna und -flora zur Pandemie, dennoch reagiert man als Zuschauer überrascht und schockiert. Die Überraschung, wenn desaströse Entwicklungen sich stärker beschleunigen als erwartet, beruht einerseits auf der Unterschätzung von Wechselwirkungen, Aufschaukelungen und negativen feedback-Schleifen, andererseits auf der Macht dramatischer Bilder (wie zum Beispiel von Waldbränden), die besondere Aufmerksamkeit erzeugen und als Paradigma von Katastrophen gelten, obwohl sie bei genauerer Betrachtung `lediglich´ symptomatischen Charakter haben - die Spitze des Eisbergs wird mit dem Eisberg verwechselt (und das kann zu Schiffsuntergängen führen). Das Symptom einer Misere mit der gesamten Misere zu verwechseln, Gefahren zu unterschätzen, andere zu überschätzen oder auch Wirkungen und Ursachen zu verwechseln kennzeichnet auch den Umgang mit der Pandemie: ein Beispiel für die fehlende Bereitschaft, Scheuklappen abzulegen und sich damit dem Ausmaß und den Gründen der Gesundheitskatastrophe mit Ansagen zu stellen zeigt sich, wenn suggeriert wird, es gebe einen Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und Infektionsgefahr. Nicht der Migrationshintergrund und auch - angesichts der internationalen Berichterstattung -  nicht ein Kommunikationsproblem ist Ursache für die gesteigerte Infektionsgefahr. Jeder, der in beengten Wohnverhältnissen lebt und in Arbeitsumgebungen mit hoher Kontaktdichte arbeitet hat das selbe Infektionsrisiko, völlig unabhängig von seiner Herkunft. Nicht Migration ist das Problem, sondern die prekären Lebensverhältnisse, unter denen eine Vielzahl von Menschen mit Migrationshintergrund ihr Dasein im Gastland fristen.   

Ein typischer Laschet als Schlußsatz von `Was nun, Herr Laschet?`im ZDF: `Für den Fall den wir alle zu verhindern versuchen, dass die Union die Wahl gewinnt`. Na da wünschen wir doch viel Glück. 

Danach passend zum Gesprächsniveau: Die Rosenheim-Cops. Und in Bayern nimmt der MP einen Schluck Isarwasser aus dem Söder-Streamer. 

In diesem Zusammenhang sei unbedingt noch erwähnt: Heringe verständigen sich durch Fürze. Und der Abendhimmel ist veilchenblau. 

Eine hübsche Überleitung gelang den Moderatoren von Farbe bekennen nach dem Interview mit Armin Laschet: `Das ist der Abend, an dem Armin Laschet Kanzlerkandidat ist. Es folgt: Um Himmels Willen. Chapeau. 

 

19.04.2021

Stephen King verstehen: es gibt keine Fiktionen. Nur Erinnerungen. 

Die Nacht mit Hilfe der von King inspirierten Serie `Castle Rock` um die Ohren geschlagen. Während einer Folge drückt man die Stopptaste. Im Bildhintergrund hängt ein Gemälde. Eine Kindheitserinnerung. Eine Gebirgslandschaft, die er kennt. Dort hat er jedes Jahr die Sommerferien mit seinen Eltern verbracht. Es gibt keine Fiktionen.

Serien mit mulmigem Gefühl. Sobald man bei den letzten Folgen einer Staffel ankommt begreift man das als Allegorie auf das eigene Leben. Kann nicht nachvollziehen, dass sich Menschen auf den Lebensabend freuen, obwohl kein Tag mehr folgt (daher die Vorliebe für Tag-Shows - die Illusion, dass es kein Ende nimmt).

Tribes of Europe: die erste Post-Brexit-Apokalypse in Serien-Format. 

Auch Mitri Sirin, Moderator des ARD/ZDF-Morgenmagazins, macht die Erfahrung, keine Antwort auf simple Fragen zu erhalten. Von seinem Interviewpartner, dem Epidemiologen Gèrard Krause, möchte er wissen warum man so wenig über die konkrete soziale und berufliche Umfelder der Infizierten weiß. Herr Krause hält sich bedeckt und verweist darauf, dass solche Daten weder von Krankenhäusern, noch Gesundheitsämtern erfasst werden. Das beantwortet die Frage nicht. Eine Antwort, die sich anbietet ist, dass man es gar nicht wissen will, weil man die Antworten und deren Konsequenzen fürchtet. Weder möchte man wissen, wie hoch das Infektionsrisiko in den Betrieben ist, noch möchte man genau wissen, wie hoch das Infektionsrisiko durch beengte Arbeits- und Wohnverhältnisse ist. Stattdessen setzt man lieber auf die Ausgangssperre - sie klingt wunderbar nach `harter Maßnahme`, während man in Wirklichkeit so gut wie nichts unternimmt, was einem harten lockdown auch nur nahe kommt und die Infektionszahlen spürbar senken könnte. 

Interessant wäre auch zu wissen, ob im Vorfeld der viel gepriesenen Trauerfeier zum Gedenken an 80000 Corona-Tote eine Casting-Show stattfand. Wer hat wie ausgewählt, wer die Verstorbenen und Trauernden telegen repräsentiert? Ein Call-Center mit anschließendem virtuellen Assessment-Center? Vielleicht wäre die beste Art, der Toten zu gedenken schlicht, mit geeigneten Mitteln weitere Opfer zu vermeiden.    

Die CDU legt in Umfragen nicht trotz des Machtkampfs, sondern wegen des Machtkampfs zu. Offenbar erliegen viele Befragte dem Charme der mit allen Mitteln um die Macht kämpfenden Opportunisten. Wer so skrupellos und in der Wahl seiner Mittel hemmungslos agiert, dem traut man auch zu, genügend Impfstoffe zu sichern und nationale Interessen durchzusetzen.  

Man kann über die Grünen sagen was man will: von den zur Wahl stehenden KanzlerkandidatInnen verkörpert Anna-Lena Baerbock noch am ehesten Hoffnung. Entscheidender ist, was sie (noch) nicht verkörpert: skrupelloses Machtstreben ohne Bedenken bei der Wahl der Methoden, Rückbesinnung auf montanindustrielle Nostalgie oder verhartzte Schlumpfigkeit. Immerhin. Ein leicht näselndes Versprechen auf die Zukunft, das noch nicht gebrochen ist. Eine Art Jogi Löwin der Politik, die das Beste und Schlimmste noch vor sich hat. Wer weiß? Vielleicht machen (passend zum grünen Programm) die WLANinnen die Baerbock zum Gärtner. Allemal besser als einen bayrischen Bolzonaro. Welcome, Mrs. Chance.  

In einer Kontaktanzeige, auf die ich rein zufällig einen Blick warf, sucht ein `Kniebeugensportler` eine Partnerin. Eine Kontaktanzeige die so ungeschickt und sprachlich meschugge herüber kommt, als sei sie von Armin Laschet verfasst. 

 

18.04.2021

"Es ist Wochenende. Wie immer. Von Wochenende zu Wochenende sind ruckartig - quantisierter Tidenhub der Tagesgezeiten - die Tage und die Nächte länger. Es bleibt länger hell, nachts kriechen die Uhren. Eine psychologische Rotverschiebung. Das Gehirn will das Unvermeidliche hinauszögern, das große Vergessen, der Beginn der Werktage. Dir wird die Verkürzung Deiner Lebenszeit durch ihre Reduktion auf Wochenenden bewusst. Ableben im Zeitraffer, Jahreszeiten die vorbeirasen wie Güterwaggons, deren Inhalt Du nicht kennst. Schlimmes Frühjahr, weil es im Handumdrehen vorbei ist. Fernweh, das sich nicht von Trauer über die verlorene Zeit unterscheiden lässt. `Kann es sein`, erkundigst Du Dich bei Deinem Therapeuten, den Du so nennst, weil er sich so vorstellte und Du Widerspruch als Zeitverschwendung erachtest, `dass die klaffende, allwöchentliche Selbstvergessenheit ortsgebunden ist?` Der Therapeut ahnt worauf ich hinauswill: `Grundsätzlich`, wägt er ab obwohl sein Urteil schon feststeht, `kann ein Urlaub dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Aber leider ist Verreisen keine gesunde Option. Sie wissen schon. Die Strahlung außerhalb der Gebäude ist gefährlich. Zudem` Du hörst nicht mehr zu. Er wird Dich auf die logistischen Probleme eines Aufenthalts an Orten erinnern, an denen Du nicht alles wiedererkennst wenn mit dem Samstagmorgen Dein wochenendliches Leben beginnt. In was für einer tiefenverspannten Welt bist Du gelandet? Du hast gedacht, Deine `Welt ohne Kontakt`, als deren impliziter Leser Du Dich in dieser klaustrophobischen Gegenwart manifestierst, sei eine Dystopie. Stattdessen sind nicht die Menschen verseucht, aber die Sehnsuchtsorte. Du möchtest nach Sizilien. Ein Drängen, das einer Landschaft geschuldet ist, die untrennbar mit der Vorstellung verbunden ist, jemand, dem Du sehr verbunden bist erwarte Deine Ankunft. `Sie sollten das lassen.` zieht der Therapeut sein Resümee. `Je näher sie der Quelle der Strahlung kommen, desto größer die Schäden bei einem Aufenthalt im Freien.` Das Ende der Strände. Ein Wellenbad wäre Selbstmord, man wäre schon von Geschwüren übersät, bevor man den Boden unter den Füßen verliert. Zu Zombies mutierte Fischer lauern an jeder Straßenecke. So erzählt man sich. Andererseits: was hast Du angesichts Deiner als Daumenkino vorbeiratternden Zukunft noch zu verlieren?"

"Die Strände sind gesperrt. Erklärungen bleiben aus. Gerüchte machen die Runde. Das Erdbeben im südchinesischen Meer habe zu einem Durchbruch geführt. Ein Kernschmelze. Eine tiefe Erdspalte. Fukushima also. Beppo Grillo witzelt, jetzt, wo die ganze Welt verstrahlt sei sind die Drohungen der USA, Japans Inseln auch mit atomaren Waffen zu verteidigen läppisch. Es ist längst alles radioaktiv verseucht. Statt Wellen zu reiten surfe ich ein wenig im Netz. Ein Essay mit dem Titel `Welt ohne Kontakt`. Über Parallelwelten, die sich durch transversale Alphawellen wechselseitig beeinflussen. Die Katastrophe in der einen Welt verschlimmert die Verhältnisse in einer anderen Welt. Konvergierende Geodäten. Die Hölle, das ist die Welt ohne die Katastrophen, die wirklich stattfinden. Nehmen wir einmal an, schreibt der Verfasser, die Welt werde von einer Pandemie heimgesucht. Quarantänen. Ausgangssperren. Atemlosigkeit. Triagen. `Ärzte müssen entscheiden, wen sie noch behandeln und wen nicht. Schwindler machen Milliarden mit angeblichen Medikamenten. Volkswirtschaften kollabieren während Online-Unternehmen expandieren, Datenkraken die Weltherrschaft der Kalmare vorwegnehmen. Regenwälder werden abgeholzt weil man Platz für Massengräber und Holz für Särge braucht. Die Menschen glauben, sie befinden sich auf einmal in einer höllischen Fiktion während sie in der wirklichen Welt, die nicht von dieser Pandemie heimgesucht wird ihr Leben völlig normal weiter führen. Dem muss nicht so sein. Auch für die Parallelwelt gilt: Das Spiel ist aus. Denn ebenso gut ist es möglich, dass die pandemische Welt relativ betrachtet die weniger schlechte Welt ist. Dass die Pandemie die Menschen zusammenführt, die überleben, während sich in der Welt ohne Pandemie der Klimawandel ungebremst beschleunigt. Exponentieller Temperaturanstieg. Das Eis schmilzt um 10er-Potenzen schneller als erwartet. Im Sommer steigen die Temperaturen auf über 50 Grad, die Welt verkocht regungslos wie der Frosch im Kochtopf. Kriege um Süßwasser brechen aus, Venedig ist Treibgut, das sich mit dem Plastikmüll vermischt.` Ich recherchiere. Der Verfasser ist um die 60. Der möchte, dass das Ende naht, damit er es noch erleben kann. Er will nicht, dass irgendjemand eine Zukunft hat, die ihn überdauert. Ich kenne diese Art Mann, die es nicht ertragen kann von Kindern beäugt zu werden, die noch da sind, wenn es kein Bargeld mehr gibt und Frauen nicht mehr gebären müssen. Ich fröstele. Es zieht mich ans Wasser, das für diese Jahreszeit außergewöhnlich warm ist. Zu den Buchten, die niemand überwacht."    `

Danke Peter Altmeier. der in aller Deutlichkeit einräumt, bei den Ausgangssperren gehe es nicht um eine epidemiologisch erforderliche Maßnahme, sondern um pädagogische Effekthascherei: `Die Ausgangssperre ist ein Signal für die Dramatik der Lage und dafür, dass wir es ernst meinen." So der Wirtschuftsminister heute in der `Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung`. Das wird unter anderem Christian Lindner freuen, dem es Futter für eine Verfassungsklage gibt. Man darf gespannt sein, ob das Verfassungsgericht Stubenarrest als verhältnismäßig und pädagogische Maßnahmen als angemessen ansieht. 

Einige Hunderttausend Leser fragen mich, warum ich nichts zu `Jeder Mensch` von Bodo von Schirach schreibe. Dazu hat Thomas Fischer in seiner Spiegel-Kolumne vom 16.04.2021 schon in der Überschrift alles gesagt: `Jeder Mensch braucht kein Mensch.` 

Mein Freundin ist zu Besuch. Wir rauchen Zigaretten. Der Rauch vermischt sich. Wir hocken inmitten der wabernden Todeszone unserer Aerosole, die um uns stagniert wie Geister unserer Eltern.  

Ein Cafe` direkt um die Ecke. Bannkreis von 50 Metern. Ich wohne 20 Meter entfernt. Darf ich den Cappuccino nicht bei mir zu Hause trinken? 

Ach...die selben deren Schimpfwort `Populismus` lautet setzen nun auf Umfragewerte. Wie schimpft man das dann? Offenbar ist ernsthaft eine große Zahl von Menschen nicht nur in der CSU davon überzeugt, Deutschland fahre besser, wenn es sich von der repräsentativen Demokratie verabschiedet (die das exakte Gegenteil einer Klüngelgruppe ist) und von einem politischen Ableger der österreichischen Strömungsleere regiert wird, dem die Kurzware Umfrageergebnisse als Legitimation für eine Kanzlerschaft genügt. Man kommt sich vor wie auf dem Piratenschiff bei Asterix, das sich selbst versenkt.  

Trauerspiel bei Anne Will in der Besetzung Göring-Eckart, Altmaier, Lindner, Müller. Die Debatte darüber, wo sich das Infektionsgeschehen im Wesentlichen abspielt, im Privatbereich, in Schulen, im ÖPNV, in der Arbeitswelt ist eine Farce. Die Ignoranz der Wechselwirkungen ist fatal. Infektionen in der Arbeitswelt ziehen Infektionen im Privatleben nach sich, Infektionen in der Schule ziehen Infektionen im ÖPNV nach sich und so weiter - die Beschränkungen von Kontaktdichte und Kontaktdauer in geschlossenen Räumen müssen in jedem dieser Bereiche erfolgen, anderenfalls setzt sich das Infektionsgeschehen unvermindert fort. Wo Menschen sich sammeln zieht dies Treffen in anderen Bereichen nach sich - das Erfolgsrezept: siehe Frühjahr 2020. Wenn in allen Bereichen Kontaktbeschränkungen vorgenommen würden, zöge jeder mit. Es mag sein, dass die Regierung keine Versammlung von Volltrotteln ist. Leider sind sie Partialtrottel. Sie mögen ihre Ressorts beherrschen (mehr oder minder), Pandemiebekämpfung können sie nicht. Vorfreude auf die vierte Welle.  

 

17.04.2021

Die Fahrradkette ist gebrochen. Beim Telefonat mit dem Fachhändler verliert man die Nerven. Der erklärt man müsse aufgrund von Engpässen in den globalen Lieferketten mit Wartezeiten von 2 Monaten rechnen. "Ich will ne Fahrradkette, keine Lieferkette" brüllt man, legt auf und flennt in ein Kissen.

Wenn ich dann mal geimpft bin trinke ich erst mal einen Gespritzten, besorge mir Spritzgebäck, lasse mich mit Aperol Spritz volllaufen und verreise nach Spritzbergen. 

Nachdenken über die Unfehlbarkeit Karls des Hageren und über die Verlockung, in der Aura der Unfehlbarkeit unsauber zu argumentieren, wenn es kommod erscheint: 1. `Alle Länder die mit der britischen Variante die Infektionszahl gesenkt haben setzten auf Ausgangssperren in Kombination mit anderen Maßnahmen.` Mantra des hageren Karl. Das aber sagt eben nichts über die Wirksamkeit von Ausgangssperren. Ebenso gut wäre möglich, dass die konsequente Durchführung der anderen Maßnahmen ohne Ausgangssperre die selben oder sogar bessere Wirkungen entfaltet hätten. In Ermangelung eines Vergleiches der Wirkung ähnlicher Maßnahmen unter Verzicht auf Ausgangssperren und auch wegen der geringen Grundgesamtheit lässt sich weder über die Wirksamkeit der einzelnen Maßnahmen noch spezifisch über die Wirksamkeit von Ausgangssperren Valides sagen. 2. Studien behaupten, Ausgangssperren von 21 Uhr bis 5 Uhr morgens könnten den R-Wert um 0,1 senken. Gesetzt den Fall es wäre so, warum wird nicht kommuniziert, um wieviel Betriebs- und Schulschließungen den R-Wert drücken würden? Man stelle sich vor das - als milderes Mittel - würde schon genügen. Das passt jedoch nicht in das Vorgehen, Infektionsdynamik da in Kauf zu nehmen, wo man aufgrund des Wissens um den Aufenthaltsort und die Identität der Betroffenen Infektionsketten nachvollziehen kann, deren Weiterverbreitung man dann im privaten Raum einzudämmen versucht - auch wenn die Menschen zu Hause bleiben weiß man wo sie sich infizieren, dementsprechend unerwünscht ist Bewegung und Diffusion. Nützen wird die sogenannte Notbremse ohnehin wenig - sie verlängert lediglich den Teillockdown und (da die Produktion läuft) ist gut für den DAX. Hauptsache. Auch weiterhin werden bei Longdrinks Krokodilstränen über Tote und Long-COVID vergessen. 

 

16.04.2021

Du studierst aus lauter (leiser) Langeweile die Haltbarkeitsdaten der Lebensmittel im Kühlschrank und fragst Dich, ob Du das noch erlebst.

Ausgangssperre. Mit dem Hund Gassi gehen bleibt erlaubt. Wie komme ich jetzt so auf den Hund?

Partner, die ihren impfberechtigten Partner zum Sticheln begleiten dürfen auch geimpft worden. Zu jung, ledig, männlich sucht: impfberechtigten Partner, gerne auch über 80.

Der Söder. Holt sich auf hohe Umfragewerte einen runter. Dabei ermitteln die Umfragen nur, wer aus Sicht der Befragten der geeignetere Kanzlerkandidat für die Union ist. Die Frage war nicht wer von beiden eignet sich als Kanzler. Die Frage war nicht wer von beiden beliebter ist. Dass Armin Laschet nicht als der geeignete Kanzlerkandidat der Union gesehen wird kann attestiert ihm einen guten und lauteren Charakter - er eignet sich einfach nicht als Kanzlerkandidat einer korrupten, degenerierten und machtversessenen Partei. 

Bei Maybrit Illner streiten sich Olaf Scholz und Christian Lindner über die Verfassungsgemäßheit von Ausgangsbeschränkungen. Das parteipolitische Gezänk auf dem Nebenschauplatz der juristischen Fragwürdigkeit ist beschämend. Schlumpf und Streber streiten sich mit der Vehemenz und Borniertheit von Nachbarn, die sich gegenseitig wegen Laub verklagen, das aus dem Garten des Gegenübers herüberweht. 

Im Bildhintergrund orakelt Karl Lauterbach. Er zaubert statt Osterhasen Studien und Metastudien aus dem Zylinder, die die Wirksamkeit von Ausgangssperren belegen. Diese Fokussierung nährt den Verdacht, auch er falle dem Hang anheim, die Quellen zu zitieren, die untermauern was er ohnehin schon denkt und sein Bild von dem notorischen Leichtsinn in der Bevölkerung bestätigen. Der Wert dieser Studien ist schwer zu beurteilen. Ihnen ist gemeinsam das Fehlen von Vergleichsgruppen. Da sämtliche Länder im Vergleich auf Ausgangsbeschränkungen setzten fehlt der Vergleich mit Gruppen, die auf dieses Instrument verzichteten. Zudem sind schon die Ausgestaltungen der Ausgangsbeschränkungen unterschiedlich - von generellen Ausgangssperren auch tagsüber bis hin zu Beschränkungen zwischen 23 Uhr und 6 Uhr morgens.

Insgesamt sind die Corona-Maßnahmen in ihrer Wirkung schwer zu beurteilen, weil überwiegend auf die selben Instrumente gesetzt wird und die Grundannahmen nahezu identisch sind. Man müsse die Kontakte beschränken und Mobilität reduzieren. Schon diese Simplifizierung ist eher pädagogisch motiviert als inhaltlich gerechtfertigt. Nicht die Zahl der Kontakte und die Mobilität ist ausschlaggebend, sondern der Kontext, in dem Kontakte und Mobilität stattfinden. Der Hang, Quantität statt Qualität zum Maßstab zu nehmen ist derart überwältigend, dass er eine differenzierte Betrachtungsweise der Themen Kontakt und Mobilität kaum zulässt. Für das Infektionsgeschehen ist jedoch nicht die Zahl der Kontakte entscheidend, sondern deren Dauer, deren Dichte und deren Intensität. Auch der Zusammenhang von Mobilität und Kontakten hängt stark von der Art der Mobilität ab - es ist ein Unterschied, ob man sich in einem vollbesetzten Bus oder auch PKW bewegt, oder mit dem Fahrrad von A nach B fährt. Es wäre interessant den Effekt zu beobachten, den eine Kommunikationsstrategie auf das Infektionsgeschehen hätte, die den Menschen erklärt, dass nicht die Kontakte das Problem sind, sondern deren Ausgestaltung und deren Kontext. Traut sich keiner, macht keiner, denn spätestens im Rahmen einer solchen Strategie müsste man einräumen, dass eine hohe Kontaktdichte und Dauer vor allen Dingen in Schulen und am Arbeitsplatz kaum zu vermeiden ist.

Starker Verkehr auf den Straßen - bestimmt alles Menschen die unterwegs sind zu privaten Feiern in rammelvollen Wohnzimmern. Absurd. 

Betthupferl Lanz. Sahra Wagenknechts Auftritt war interessant - ihre These, dass der Schutz jeder individuellen Abweichung von mehrheitlichem Verhalten vor Diskriminierung zum alles dominierenden politischen Thema zu einer Vernachlässigung wichtiger sozialer Probleme führt, die viele Betreffen ist zumindest der Überprüfung währt. Wenn es mehr Geschlechter gibt, als Menschen - so die Annahme trans-zendentale Annahme - verschwindet das typisch linke Thema der sozialen Unwucht hinter dem Thema `Schutz von Partikularinteressen`. Anders ausgedrückt: der Klientelpolitik einer FDP entspricht eine als links deklarierte moralische Klientelpolitik, die den Schutz potenzieller Opfer von Diskriminierung aufgrund abweichendem individuellen Verhaltens über sämtliche anderen sozialen Themen wie Armutsbekämpfung stellt. Wenn jeder Mensch eine Minderheit ist gibt es keine soziale Frage mehr - aus kapitalistischer Sicht ein Traum.    

Man verfolgt die Debatte zur Novellierung des Infektionsschutzgesetzes und fasst sich an den Kopf: während die Ausgangssperren mit dem Argument angeordnet werden sollen, dass die Einschränkung der Bewegungsfreiheit im öffentlichen Raum, in dem keine nennenswerte Infektionsgefahr besteht, dem Treffen in privaten Räumen vorbeugen soll, bleiben die Betriebe, in denen ein hohes Infektionsrisiko besteht geöffnet, als würden sich die Menschen nach Feierabend nicht tagsüber und legal treffen. Ein Spaziergänger soll nicht vor die Tür gehen dürfen, aber die Infektionen in den Massenbetrieben können sich scharenweise bei täglichen Treffen nach der Arbeit verbreiten. Unglaublich, unverhältnismäßig und beinahe schon makaber. 

Wie sagte ein SPD-Abgeordneter zu den Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung? Besser nie als spät. Genau. 

 

15.04.2021

`Wohlstand ohne Freiheit ist nur eine andere Form von Armut`(Pine Gap)

Zunehmend verzweifelt und zornig schreibt das Feuilleton gegen die verniedlichend `Notbremse` genannte Verstetigung und Vertiefung der Einschränkung von Freiheitsrechten an, die zudem den Beweis schuldig bleibt einen wirkungsvollen Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie zu leisten. Beispielhaft Miguel Sanchez in der WAZ vom 14.04.2021 (`Freibrief zum Lockdown`): `Die Notbremse ist ein vordemokratisches Instrument`(:..)`Der Nutzen von Ausgangssperren ist unbestimmt. Man muss ihn jedoch kennen, um abwägen zu können, ob die Freiheitsbeschränkung verhältnismäßig ist.(...) `Merkel nutzt die Inzidenz als Fallbeil für Freiheitsrechte und demokratische Teilhabe.` Oder Bettina Gaus heute bei Spiegel Online (`Keine Widerrede`): `Ausgerechnet eine Bundesregierung, die aus guten Gründen mehr Vertrauen innerhalb kürzerer Zeit verspielt hat als irgendeine ihrer Vorgängerinnen, möchte sich jetzt die Vollmacht erteilen lassen, Grundrechte ohne weitere Debatte außer Kraft zu setzen.` Dieser Besorgnis und mittlerweile offenen Empörung entspricht denn auch der Fassungslosigkeit, mit der JournalistInnen registrieren, dass Markus Söder allen Ernstes als Kanzlerkandidat in Frage kommt (Joachim Behnke, `Wir kennen diesen Mann`, SPON 15.04.2021: `Es ist jedenfalls sicherlich von Vorteil, wenn man über ein sehr kurzes oder sehr selektives Gedächtnis verfügt, wenn man Markus Söder für eine Person halten möchte, die mit politischer Macht verantwortungsvoll umgeht.`) Das Unbehagen entzündet sich vor allem an der sich gegenseitig verstärkenden Wechselwirkung zwischen dem Ruf der Umfragen nach einem starken Mann - unabhängig davon, was er mit seiner Stärke anfängt -, und der Tendenz der Politik, diesen Ruf als Mandat zu begreifen, das aufgrund der Dringlichkeit der Lage wichtiger ist, als das Mandat durch Wahlen. Wenn es so etwas gibt wie eine demokratische Reifeprüfung für die Bevölkerung und deren Repräsentanten dann ist es die Corona-Krise - und die überwältigende Mehrheit hat sich dazu entschieden, sie krachend nicht zu bestehen. 

Staunend wie Pennäler beim Sexualkundeunterricht lauschten Herr von Schirach und Michael Müller den Ausführungen des Stephen Hawking der Aerosolforschung Dr. Gerhard Scheuch, der - um es in Anlehnung an ein Werbeslogan für den Winterschlussverkauf zu sagen - fordert: `Alle müssen raus`!  Da 99,9 Prozent der Infektionen in Innenräumen stattfinden sei es eine verfehlte Strategie, sich auf Reglementierungen im öffentlichen Raum zu fixieren, Biergärten zu schließen und zu suggerieren, die Hauptgefahr gehe von Joggern, Radfahren und Pärchen an Seeufern aus. Das Gegenteil sei der Fall und es sei dringend gefordert, sich auf den Schutz in geschlossenen Räumen zu konzentrieren. Auch Ausgangssperren seien der falsche Weg, weil schon der Begriff die Suggestion verstärke die Hauptgefahr gehe vom Verhalten der Menschen im öffentlichen Raum aus. Es ist beeindruckend zu sehen, wie es in den Gesichtern der Zuhörer arbeitet, wie Kiefer malmen, Unglaube sich mit Verblüffung mischt, ein großes `Ja aber...` sich in der Mimik abzeichnet ebenso wie das klamme Gefühl bislang alles falsch gemacht zu haben. Es ist aber auch kontraintuitiv, dass das richtige Rezept gegen die Ausbreitung des Virus nicht die ist, Menschen einzusperren, sondern im Gegenteil sich ins Freie zu begeben. Das ist nicht nur gegen den Strich der Freiheitsbeschränkungen gebürstet, sondern wirft auch die Frage auf, wieso die Erkenntnisse der Aerosolforschung, die mitnichten höhere Mathematik sind, so lange ignoriert wurden - hört man Karl Lauterbach bei Sandra Maischberger zu, bekommt man eine Ahnung wieso das so ist: der würdigt nicht nur die Position der Aerosolforscher, sondern auch die Studien auf die sie sich beziehen ab indem er lapidar bemerkt: Wer einen Hammer hat sieht überall Nägel. Der selbe Mann, der nicht müde wird, Studien zu zitieren, Wissenschaft zu erklären und die Gefährlichkeit von Aerosolen zu betonen zieht sich nun zurück auf die Ebene der simplen Vorurteile über menschliches Verhalten und betont plötzlich die Gefahr durch Tröpfcheninfektionen (...wobei auch die in geschlossenen Räumen deutlich wahrscheinlicher wären...). Ausgangssperren und Beschränkungen im öffentlichen Raum seien notwendig, weil die Menschen sich sonst nach dem Bierchen draußen in zunehmen geselliger Stimmung zum Ringelpiez mit Anfassen und Gruppenkuscheln in die Wohnungen zurückziehen. Mit dem selben Argument unterbindet man Mobilität, so als sei die Mobilitätsrate direkt korreliert nicht nur mit der Rate sozialer Kontakte, sondern auch mit einem unverantwortlichen Kontaktverhalten. Zwar betont Karl Lauterbach, die Beispiele Portugal und England hätten gezeigt, das Ausgangssperren etwas bringen, dabei unterschlägt er aber, dass diese Ausgangssperren teilweise auch tagsüber galten und flankiert waren durch die Schließung von Betrieben und Schulen. Wenn insgesamt die Möglichkeit unterbunden werden soll, mit anderen Menschen in physischen Kontakt zu treten, dann ist die Unterdrückung von Mobilität und das Einsperren von Menschen natürlich zielführend: aber eine Ausgangssperre von 21 Uhr bis 5 Uhr morgens, während die Betriebe fröhlich weiter in Präsenz arbeiten, die Busse und Züge voll sind und der Verkehr tagsüber so fließt, als gebe es keine Pandemie ist Symbolpolitik, die erneut das Klischee bedient, das private Verhalten der Menschen sei die Quelle allen Übels und müsse reglementiert werden. Tragischer Weise betonen dies selbst Intensivmediziner wie Professor Uwe Janssen, der die Überlastung der Kapazitäten der Intensivmedizin beklagt, aber vor allem Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen im privaten Bereich fordert.   

Schön jedenfalls, dass Karl Lauterbach mit Herrn Scheuch einen würdigen Gegenspieler gefunden hat: das ist nicht nur lehrreich, sondern auch so unterhaltsam wie Batman und Joker, Holmes und Moriarty und vor allem viel spannender als Söder und Laschet.     

Worin besteht derzeit unsere Freiheit? Im Vermeiden von Innenräumen - inwieweit wir über diese Freiheit verfügen hängt (wie sonst auch) von den sozialen und ökonomischen Verhältnissen ab und den Bedingungen, die sie uns auferlegen. Die Ungerechtigkeit besteht vor allen Dingen darin, dass die Möglichkeiten sich vernünftig zu verhalten und effektiv zu schützen mit sinkendem sozialen und ökonomischen Status geringer werden. Je kleiner die Wohnung, desto größer die Gefahr, je geringer vergütet die Tätigkeit, desto weniger Homeoffice und desto mehr ÖPNV. 

Zynisch gesagt: endlich sind Obdachlose mal im Vorteil. Miethaie in den Städten: erhöht die Miete und feuert die zahlungssäumigen Mieter.

Glück als Schulfach: was für eine perfide Strategie Genügsamkeit zu predigen. 

Auch bei der Spahn/Wieler-Pressekonferenz mit der dringenden Aufforderung, Maßnahmen schon jetzt vor Inkrafttreten des novellierten Infektionsschutzgesetzes zu ergreifen klammern Journalisten und Befragte das Thema Betriebe aus - dabei konnte man im Frühjahr letzten Jahres sehen, dass ein lockdown inklusive Betriebsschließungen, eingeschränktem ÖPNV und Schulschließungen die Infektionszahlen im erforderlichem Maße senkt. Man hält jedoch trotz einer wesentlich brisanteren Entwicklung an absurd hohen, willkürlichen Schwellenwerten fest und weigert sich beharrlich, die Hauptquellen für Infektionsgeschehen - Stätten mit vielen Menschen auf engem Raum in engem Kontakt über einen längeren Zeitraum  -  trockenzulegen. Eine Tragödie, die Tragödien nach sich zieht. Heuchelei: man führt Portugal als Beispiel für die Wirksamkeit von Ausgangssperren an, unterlässt jedoch sämtliche Maßnahmen, die Portugal mit der Ausgangssperre kombiniert hat.   

Was es braucht, um Infektionen zu vermeiden ist nicht die Konzentration von Menschen auf engen Raum, sondern Zerstreuung. Um eine Prise Polemik einzustreuen: wo lassen sich Menschen besser zerstreuen? Wenn sie zu Hause bleiben, oder wenn sie im öffentlichen Raum diffundieren? Die Behauptung Bewegungsfreiheit im öffentlichen Raum provoziere Kulminationen in geschlossenen Räumen steht unbewiesen im offenen und geschlossenen Raum - ebenso könnte man die These vertreten, Bewegungsfreiheit im öffentlichen Raum wirke dem entgegen, weil sich der Drang zur Begegnung im vergleichsweise ungefährlichen öffentlichen Raum erschöpft und die Menschen sich dann verlaufen (statt sich umgekehrt in geschlossenen Räumen aufzuhalten und von dort das Virus in die Welt zu tragen).

Auffällig ist: mit unschöner Unregelmäßigkeit wird das, was unbedingt vermieden werden sollte zur gewohnten Vor- und Rückgehensweise. Das Jojo von lockdown und Lockerung. Auffällig sind: die zahlreichen Reportagen über fakenews, deepfake, Verschwörungsmythen und die Empfänglichkeit des leicht zu täuschenden Publikums für Meinungsmanipulation. Leschs Kosmos beispielsweise besteht nicht mehr aus einem Teilchenzoo, sondern aus einem Lügenzoo. Dies in Bezug auf Corona suggeriert, dass schon Zweifel an der Wirksamkeit beschlossener oder beabsichtigter Maßnahmen Symptom einer Täuschung sei - ganz so als wären diejenigen, die sie beschließen oder planen für derlei Täuschungen (...und deren Verwendung...) unempfänglich. Auffällig war: Samira al Quassils langes Schweigen. Ihre aktuelle Spiegel-Kolumne `Leben wir schon in einer Kafka-Erzählung?` zeigt: dass sie das Publikum so lange auf ihren nächsten Essay warten ließ ist bereits Bestandteil des Essays - Schweigen als theatralisch vorweggenommener Metatext. Ihr Thema ist die Politik des Wartens, beziehungsweise des Wartenlassens: `Dass man jedoch nun ausgerechnet die Schrauben des Privatlebens oder des öffentlichen Raums noch mal fester ziehen möchte, die nachweislich nicht zu den wirkungsvollsten gehören, ist der nächste verachtende Umgang mit unseren zeitlichen Ressourcen.`(...) `Zeit ist ein wichtiges Instrument der Machtdemonstration. Das Wartenlassen, das Aussitzenwollen und das Hinauszögern sind kommunikative und politische Überlegenheitsgesten. In einer Situation jedoch, in der es auf jeden einzelnen Tag ankommt, ist das Wartenlassen das vielleicht subtilste Mittel der Entmündigung.`(...) ´Warten zu müssen, erklärt der Psychologe Barry Schwartz, insbesondere wenn man ungewöhnlich lange warten muss, bedeutet, dass die eigene Zeit (und damit der eigene soziale Wert) weniger wert ist als die Zeit und der Wert desjenigen, der das Warten auferlegt.´(...)`Bestrafung durch die Auferlegung von Wartezeiten ist in ihren extremsten Formen erfüllt, wenn eine Person nicht nur warten gelassen wird, sondern auch in Unkenntnis darüber gehalten wird, wie lange sie warten muss.` So weit, so wenig originell - aber was ist in diesem Beckett-Szenario aus homeoffice und Kontaktarmut schon originell? Jeder, den schon einmal eine Verabredung hat warten lassen kennt derlei Demonstration eigener Nichtigkeit. Dennoch erklärt der Essay, dass eine Mehrheit der Befragten sich in Umfragen für härtere Maßnahmen ausspricht. Den Menschen geht es gar nicht mehr darum, ob die Maßnahmen sinnvoll sind - aber wenn sie denn schon aufgrund der Meinungsbildungen in der Exekutive unvermeidlich sein sollten, dann bitte führt sie jetzt durch. Die Bevölkerung kann es kaum noch erwarten, dass die Freiheitsbeschränkungen endlich vorgenommen werden, die bedrohlich im Raum schweben und ihn kontaminieren wie giftige Aerosole. Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schneckenrennen ohne Ende. Hauptsache nicht mehr unbestimmt lange auf die neuen Zumutungen warten müssen, denn dieses Warten (eine milde Long-Covid-Form) ist die schlimmste Zumutung. 

 

14.04.2021

Mit einem untrüglichen Gefühl des Neides auf Menschen, die ihren Lebensabend genießen können obwohl es ihr letzter ist, und mit einem bleiernen Völlegefühl beginnt der Tag. Und mit der Nachricht, dass die Zahl adipöser Kinder in der Pandemie stark gestiegen ist. Das Durchschnittsgewicht steigt proportional zur Inzidenz. Bewegungsarmut, heißt es auch, erhöhe das Erkrankungsrisiko mehr als Rauchen. Also joggt man zum Kiosk. 

Heute in der Tagesschau: Laut einem WWF-Report tragen die EU-Importe massiv zur Vernichtung tropischer Wälder bei. Die EU ist zweitgrößter Vernichter von Waldfläche nach China. Grund ist unter anderem der Import von Sojaprodukten. Gestern in der Werbung vor der Tagesschau: ein Lebensmittelhersteller wirbt damit, dass seine Fleischersatzprodukte aus Soja gut fürs Klima und die Umwelt seien. Werbung darf im öffentlich-rechtlichen Raum ungeniert lügen - dass sie das darf ist symptomatisch und klärt die Prioritäten.  

Wieso dieses Abarbeiten an der medialen Aufarbeitung des Geschehens? In Zeiten des sozialen Abstandes und der Kontaktverbote gilt mehr denn je Marshall McLuhans Satz: Was wir wissen oder zu wissen meinen wissen wir durch die Massenmedien. Der Fokus auf das Recycling der medial recycleten Ereignisse resultiert nicht nur aus dem Rückzug in die private Monade, auch wenn man mit anderen spricht tauscht man sich aus über medial vermittelte Inhalte. Einsamkeit, Isolation und Medienkonsum verformen den Diskurs. Man redet über das, worüber in den Medien geredet wird. So führen wir denn schön säuberlich voneinander geschieden ein indirektes Leben - Metaleben statt Miterleben. 

 

13.04.2021

Bei all den von Corona besonders hart betroffenen Gruppen herrscht Wehklagen und Jammern. Arbeitgeber befürchten den endgültigen Ruin durch eine Testpflicht, Ryan-Air-Piloten heuern als Lokführer bei Märklin an, Fahrstuhlhersteller fühlen sich diskriminiert. Aber wie geht es eigentlich dem Kapitalismus, dem alten Schlawiner? Müssen wir uns sorgen um den Zustand des teuflischen Schwerenöters? Glaubt man Wissenschaftspublizist Michael Springer ist die Sorge dank lernfähiger, zu künstlicher Intelligenz befähigter software unbegründet, denn die Selbstlernalgorithmen entkoppeln den Markt komplett von jeder menschlichen Kontrolle und befreien den Menschen zugleich von jedweder juristischen Verantwortung für die verheerenden Wirkungen von Marktprozessen: `In simulierten Märkten lernten zwei bloß auf Profitmaximierung zielende Algorithmen ohne jedes menschliche Zutun, auf gegenseitige Konkurrenz zu verzichten und dadurch Extragewinne einzustreichen. Sogar über künstliche, extern inszenierte Krisen hinweg wurden sich die zwei Rivalen nach kurzem Preiskrieg rasch wieder handelseinig.` Derlei nennt man Marktabsprachen und ist als menschliches Treiben illegal, indes: `Der Täter ist der Algorithmus; und für ihn gibt es, solange ihm kein bewusstes Wollen zugestanden wird, auch kein Strafrecht.` (Michael Springer, `Springers Einwürfe - Algorithmen als Unternehmer`, Spektrum der Wissenschaft, 4/21, S. 33). Exakt so stellen sich Militärs die Kriegsführung der Zukunft vor: Algorithmen treffen die Entscheidungen und entledigen die Generalbrennstäbe nicht nur lästiger Entscheidungen, sondern auch jeder Verantwortung für die Opfer. Man muss sich also nicht nur um den Kapitalismus keine Sorgen machen, sondern auch nicht um den Militarismus. Um den Tag mal mit guten Nachrichten zu beginnen.       

Die Diskussion um die korrekte Bezeichnung für die an- und abschwellenden Bockshorngesänge des Virus scheint entschieden, da ein Lockdown eben semantisch besser zur Welle passt, als zu dem der Sache wohl besser gerecht werdenden Begriffsfeld Flächenbrand und Brandherd - lockdown klingt nach Schotten dicht, Damm errichtet und alles ist bestens, auch wenn man sich fragen darf, wie denn das Bild der `Notbremse` zum Bild der `Welle` passt. In Anbetracht des Krankheitssymptoms der Entzündung, das seine semantische Entsprechung in den vielzitierten `hotspots` findet, bietet sich eigentlich an von einer `firewall` zu sprechen statt von einem `Wellenbrecher`, aber vielleicht spiegelt sich hier ja auf hohem Niveau der quantenmechanische Zeitgeist. Was in der Quantenmechanik nicht entschieden ist - ob die Wellenfunktion lediglich eine statistische Beschreibung oder ein realer physikalischer Sachverhalt ist (und ob dieser Unterschied überhaupt besteht) - ist in der terminologischen Debatte entschieden. Corona ist entsprechend der Welle-Teilchen-Dualität sowohl eine Welle mit einer Wahrscheinlichkeitsamplitude (ausgedrückt durch den R-Wert), als auch ein konkret örtlich und zeitlich definierter manifester Zustand, sobald durch Messung (PCR-Test) die Wellenfunktion zur konkreten Infektion kollabiert so wie der Patient auf der Intensivstation. Ein gewisses Unbehagen bleibt, ob denn nicht statt dem Brechen von Wellen das Löschen von Brandherden und die Vermeidung von Feuersbrunsten erforderlich sei, aber wie bei vielen anderen Fragen, die eine Kakophonie von Antworten produzieren gilt auch bei dieser Frage: die einen sagen so, die anderen so, und was den Wert von Prognosen und Modellen betrifft gilt das von Söder zitierte Kaiser-Motto: Schauen wir mal, dann sehen wir schon. Dieses Motto bündelt gleich mehrere bei der Pandemiebekämpfung wesentliche Erfolgsrezepte. Erstens:  Abwarten und Weißbier trinken. Zweitens: Aus Schaden wird man klug (vorausgesetzt man überlebt ihn), also muss der Schaden erst einmal entstehen, bevor einem das Licht dahingehend aufgeht, wie man ihn hätte vermeiden können. Drittens: Eile mit Weile.

Gemäß der Eile mit Weile hat es Zeit mit der Auflösung der Söder-Laschet-Dualität. Darauf kann man getrost lange warten, denn - so Roxy Hoegener bei facebook - `wenn das die Lösung ist, dann hätte ich gern das Problem wieder.` Bis es so weit ist: Lüften, lüften, lüften und an Feinstaub und Abgasen ersticken. 

Aus Gründen der Entspannung von der unerträglichen Dramatik der Kanzlidatenfindung ein Bericht über Verschwörungstheorien bei phoenix: immer wieder erstaunen weniger die grotesken Narrative, als die grundsätzliche Idee, dass der Wille zur Macht der Tarnung, Täuschung und aufwändiger Verabredungen und Mechanismen bedürfe. Kapitalismus und die Notwendigkeit zur Ausübung staatlicher Kontrolle sind weitgehend - mehr oder minder affirmativ oder resignativ - akzeptiert. Der Unsinn von Verschwörungsmythen besteht nicht im Unfug ihrer einzelnen Elemente, sondern in der fundamentalen Annahme zur Mehrung von Macht bedürfe es globaler geheimer Absprachen. Um es pessimistisch auszudrücken: wer daran glaubt das Macht zu ihrer Wahrung und Mehrung der Geheimnistuerei bedarf unterschätzt ihr Ausmaß sowie er das Ausmaß der Freiheit über das Menschen verfügen überschätzt.

Jeder kann Kanzler werden. Jeder kann im Lotto gewinnen.  

Ungeheurer Vorgang belastet die deutsch-amerikanischen Beziehungen: US-Verteidigungsminister Austen tritt (!) Amtskollegin Kramp-Karrenbauer. Was wohl eintritt ist dass man sich trifft. Wobei ein Tritt vielleicht Schwung in die Beziehung gebracht hätte. Kongenialer (und richtungsweisender) Versprecher von Alexander Dobrindt im Anschluss an einer Fraktionssitzung: `Wir müssen uns um das Thema Notbetäubung kümmern`. Eine drastische Maßnahme, die alles löst. 

 

12.04.2021

Dereinst wird der Mars von Menschen erschlossen und als nächster Planet ruiniert. Historiker unter den in 200000 Jahren die Erde beherrschenden Oktopussen werden dies als `Terrarismus` bezeichnen. Sie werden untergegangene Megacities bevölkern, Relikte der im Wortsinne untergegangenen menschlichen Kultur. Auf den Gipfeln des Himalaya, tausende von Metern unter der Meeresoberfläche, thronen Kalmare, die mit ihren 8 Tentakeln und Hirnen gleichzeitig nautische Epen schreiben, ozeanische Sinfonien komponieren und Branen zu einer Vielzahl von Universen entfalten. Was um alles in der Welt war in dem Lupinenkaffee? 

Heute zum Jahrestag des ersten Weltraumausflüglers Juri Gagarin werden verdiente Überflieger mit SputnikV geimpft. 

Strauß hat alles geahnt: `Helmut Covid niemals Kanzler werden`. Wem unter den zahllosen Lesern dieses Journals es entgangen ist: der Verfasser begegnet der gähnenden Belanglosigkeit der Berichterstattung über konservative Kanzlidaten mit Blödsinn und Dada, dada ihm nichts Besseres dazu einfällt (gestern keine Ausgabe von Anne Will - eine hübsche Art und Weise zu demonstrieren, wie wichtig ihr dieses Thema ist). 

Der Aerosolforscher Gerhard Scheuch fordert: `Open Air statt lockdown`. Die Infektionsgefahr bestehe vor allen Dingen in geschlossenen Räumen. Dementsprechend absurd und infektionsfreundlich ist es, wenn - wie Klaus Post in seinem Leserbrief in der WAZ von heute anmerkt - `wir dann mit den Beschränkungen genau dorthin`(i.e. in das private Umfeld)  getrieben werden.` Dementsprechend kritisch ist die mit dem Begriff `Ausgangssperre` verbundene Suggestion zu bewerten, der Rückzug in die Innenräumer sei ein probates Mittel des Schutzes. Dasselbe gilt für die Maskenpflicht im öffentlichen Raum, die suggeriert die Hauptansteckungsgefahr gehe vom Aufenthalt an der frischen Luft aus. Genau umgekehrt wird ein Schuh daraus: Schutzmaßnahmen inklusive `Masken tragen` sollten sich auf geschlossene Räume konzentrieren und Anreize sich im Freien aufzuhalten erhöht werden. Die hartnäckige Weigerung Luftfilteranlagen flächendeckend im Arbeitsumfeld, in Schulen und Kitas einzusetzen und sie für private Räume zu empfehlen ist ebenso grob fahrlässig, wie der wachsweiche Umgang mit dem Thema Testen in Betrieben. Nach einem Jahr Pandemie folgt man immer noch dem Reflex, eine Bunkermentalität als zentrales Mittel zur Pandemieeindämmung zu forcieren, so als wäre bei einer Kernschmelze der Rückzug ins Innere eines Reaktors der richtige Weg aus der Katastrophe, oder bei einem Tsunami der Rückzug in den Keller. Dieser Reflex ist so stark, dass er die Wirkungsmacht wissenschaftlicher Empfehlungen überdeckt, selbst dann, wenn die Zusammenhänge auch ohne wissenschaftlichen Hintergrund plausibel sind. `Lockdown` klingt einfach sicherer als `Open Air`: In Krisen schlägt Agoraphobie Vernunft. Sie ist strukturell, schlägt sich nieder in den lockdown-Maßnahmen und korrespondiert mit dem Misstrauen der Regierung vor ihrer Bevölkerung ebenso wie mit dem übertriebenen Vertrauen in den verantwortungsvollen Umgang der Unternehmen mit dem Gesundheitsschutz, so als stünden Kontrolle und Überwachung im Dienste des Schutzes der Beschäftigten. Wohl kaum, wie die Reaktionen der Arbeitgeberverbände auf das Thema `Testpflicht` zeigen, die ohnehin von Hubertus Heil schon auf ein längst nicht hinreichendes 1 x pro Woche eingedampft wurde.

Frau Buyx vom Deutschen Ethikrat relativiert bei `phoenix: Nachgefragt` ihre Position zum Thema `Freiheiten für Geimpfte`. Es sei durchaus in Ordnung, wenn man durch Rückgabe bestimmter Freiheitsrechte an Geimpfte Anreize schaffe, solange Ungeimpfte nicht von basalen Dienstleistungen ausgeschlossen werden. Das sei ja kein Impfzwang. Wunder der Differenzierung: Impfdruck ist kein Impfzwang, schließlich kann sich jeder freiwillig für einen unbequemen Alltag entscheiden, der sich nicht piksen lässt.

 

11.04.2021

Pendele hin und her zwischen der Übertragung des AfD-Parteitags und der Horrorserie `Them`, also zwischen Horror und Horror, zwischen Rassismus als Parteiprogramm und Rassismus als Fernsehprogramm. Zwei Kehrseiten einer Medaille. 

Ein herausragender erzählerischer Kniff bei `Them` besteht darin, strukturellen generationenübergreifenden Rassismus als magisch und metaphysisch aufgeladenes Feld zu inszenieren, das den konkreten Alltagsrassismus zeit- und raumgreifend transzendiert. Spannend und bestürzend. 

Inmitten einer Pandemie votiert die AfD für den Dexit und damit für die Zerstörung der EU. Worte fallen wie `Die EU muss sterben, damit Deutschland leben kann.` Da wird einem Angst und bange. Nationalismus, liberales Waffenrecht, Ressentiments als Rezept gegen globale Krisen und Bedrohungen. Die arische Kleingartenfamilie als zwingende Normalität. Jörg Meuthen hält die Grünen für sozialistisch und illustriert ihre Gefährlichkeit durch ein Habeck-Zitat: der finde Vaterlandsliebe zum Kotzen. Selten war sich der Verfasser mit Robert Habeck derart einig. 

Um das Zitat zu erweitern: Normalität ist zum Kotzen. Statt etwa Homosexualität für `normal` zu erklären und damit dem Begriff der `Normalität` einen eben normativen Wert beizumessen: jeder Mensch ist anders - und das ist gut so. Wo Normalität (mit !) drauf steht ist Diskriminierung drin. Nicht nur, aber insbesondere bei der AfD und anderen rechten Randerscheinungen. 

Unter all den grassierenden Seuchen ist die Pandemie nur eine. Sie verschlimmert die Folgen von Ausbeutung, Xenophobie, Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Korruption, religiösem Wahn, Nationalismus, Umweltverschmutzung und so weiter...je mehr Murks beim Umgang mit Corona gemacht wird, desto mehr drohen Seuchen zur Heilslehre zu werden.  

"Bei einem Aperol-Spritz auf der Terrasse meiner Wohnung verfolge ich eine Abstimmung im italienischen Parlament. Eine knappe Mehrheit spricht sich für den `IXIT` und das Verlassen des Schengen-Raumes aus. Meine Laune ist blendend. Grenzschließungen werden mich wirkungsvoll daran hindern, mein wunderbares Exil jemals wieder zu verlassen. Ich werde sterben mit Blick auf das Meer."

"Die heiteren Nachrichten reißen nicht ab: Rätselhafter Run auf Grippeimpfungen. In den Hausarztpraxen finden vermehrt Dialoge wie der Folgende statt: `Herr Incandenzo, sie wollen sich dieses Mal schon zum sechsten Mal impfen lassen` `na ich ich will halt auf Nummer sicher gehen.` Die Lösung: auf dem Markt kursieren Raubkopien des Impfstoffes `Covidzin`, die mit Heroin gestreckt sind. Schützen nicht, machen aber Spaß. Ich amüsiere mich auf dem hervorgehobenen Posten meiner Dachterrasse mit einem Boulevardmagazin und einem pfirsichfarbenen Welt-, nein, Sonnenuntergang. Eins nach dem anderen."

 

10.04.2021

Wann hast Du das letzte Mal Musik gehört, weil Du sie hören wolltest? Einen Buchladen betreten? Mit einem einzigen Pinzettengriff von Daumen und Zeigefinger an einer dafür vorgesehenen Lasche erfolgreich und ohne Fluchen eine Plastikfolie von einer Packung mit Salbei-Käse entfernt? Das Äquivalenz-Prinzip besagt, dass Gravitation und Beschleunigung dasselbe sind, dass man sie nicht als dasselbe erfährt sondern im Gegenteil einen  himmelweiten Unterschied vermutet liegt am Kontext. Blind, taub und unwissend in Bezug auf die Umgebung wisse man nicht, ob man auf dem Boden der Tatsachen bleibt weil die Masse der Erde auf einen wirkt oder ob man sich in einer Rakete befindet die beschleunigt. Gelangt man erst einmal zu der Einsicht das Kontext wie die Zeit eine hartnäckige Illusion ist verschwinden Unterschiede ebenso wie deren Bedeutung. Gefangenschaft und Rückzug. Seuchen und Diskriminierung. Schweigen und Mumifizierung. Plastikverpackung und soziale Distanz. Du scheiterst daran Folien aufzureißen und denkst: war das nicht Dein Leben? Dieses unablässige, unergiebige Bemühen die Membrane zu entfernen, die Dich von anderen, schlimmer noch, von den Beziehungen zu anderen trennt? Du sehnst Dich nicht danach, dass endlich diese Membran platzt und das Otriven gegen die verstopfte Nase hilft, denn das wäre  Don Quichotterie, nein, Du entwirfst Welten in denen es allen so geht wie Dir, damit Du Gerechtigkeit erfährst: `Welt ohne Kontakt`. Das soll von Dir sein. 2 Uhr morgens. Nirgends brennt Licht. Jetzt kannst Du es aufschlagen ohne zu zittern, denn diese Zeit ist Niemandszeit, gehört keiner Welt an, also gehörst Du weder dazu, noch nicht dazu. Dein Verdacht bestätigt sich: das Ganze geht übel aus, aber immerhin für alle. Das letzte Kapitel heißt `Us and Them`. Der Protagonist Zeilinger ist nachts auf den Beinen, beziehungsweise auf den Pobacken, denn er zieht sich auf der Couch eine Serie rein, die `Them` heißt. Von einem Regisseur, der zuvor einen Horrorfilm gedreht hat, der `Us` heißt. Um dem Ausmaß von Rassendiskriminierung und der Heftigkeit der Traumatisierung gerecht zu werden bleibt nur das Genre Horror. Der Beginn allen Horrors ist nicht der Körper wie Cronenberg meinte, sondern der Weiße. Das Motto `Us and Them` nimmt Bezug auf einen Pink Floyd-Song von `Dark Side of the Moon`, dem bezeichnender Weise `Any Colour You want` folgt, lange nicht gehört. Der Protagonist verfolgt das Geschehen mit einem tiefen Gefühl der Befriedigung. Jetzt, da weltweit ein permanentes Klima der Bedrohung und Ausgrenzung herrscht, das alle betrifft, besteht die Hoffnung auf einen sozialen Klimawandel. Auf einmal verstehen alle Menschen was es heißt, sich permanent von anderen Menschen bedroht zu fühlen und das über Generationen. Aber die Hoffnung ist trügerisch. Wieder werden Unterschiede gemacht. Ghettos für Nichtgeimpfte. Lebenslange Quarantäne für Träger von impfresistenten Mutanten. Reservate für Migranten und Großfamilien. Zum Schluss ein Zitat aus `Burn after Reading`. Und was lernen wir jetzt aus dem Scheiß? Nichts. Das empfindest Du als zutiefst beruhigend. Diese unabänderliche Konstanz der Sinnfreiheit, in der Meinungsfreiheit und die Leugnung von Fakten deckungsgleich sind. 

 

09.04.2021

Werde wach mit dem Slogan SARS macht mobil bei Arbeit Sport und Spiel...das Joch der frühen Geburt. Man erinnert sich an Slogans von Werbespots, körnige Farbfilmchen aus dem prädigitalen Zeitalter, festgehalten auf Filmbändern, die junge Filmemacher für Rückblenden in die ferne juvenile Vergangenheit ihrer Protagonisten verwenden. Man erinnert sich an Zeiten, in denen für Rückblenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen verwendet wurden, sogar an Zeiten mit nur drei Fernsehprogrammen, in denen Schwarz-Weiß-Fernseher noch die Norm waren. Das Altern, das einem so weit weg zu sein schien wie Alpha Centauri, es manifestiert sich in schwarz-weißer-Erinnerung und fehlender Sprunghaftigkeit beim Treppensteigen. Erwäge kurz den Morgenkaffee durch Chardonnay zu ersetzen (...und tue es...).

Fröhlich verkündet ein Freund er sei heute beim Arzt gewesen und der habe ihn spontan geimpft. Man sollte sich uneingeschränkt für ihn freuen, stattdessen beschleicht einen ein Gefühl, auf dessen Bezeichnung baldige erstmalige Erwähnung in Talk-Formaten man wetten kann: Impfneid. 

Die Wette hättest Du krachend vergeigt. Der Begriff kursiert schon längst. Du hinkst der Zeit hinterher, selbst Deine Neuigkeiten sind längs Retro. Dennoch: wenn demnächst in Flugzeugen und Zügen getrennte Abteile für Geimpfte und PCR-Getestete eingerichtet werden erinnerst Du Dich noch an die Apartheit von Rauchern und Nichtrauchern. Du ersetzt das Wort `Impfneid` durch `Impfapartheid`, kannst Dich nicht entscheiden, ob es erstmals bei einer Querdenker-Demo in Halle skandiert wird oder beim Parteitag der AfD.  

Insgesamt eine desolate psychische Verfassung bei äußerlicher Unversehrtheit. Rückfälle in alte Verhaltensmuster. Wäre man doch in allem so entschlossen wie im Öffnen von Weinflaschen. Zunehmende Tendenz zu Selbstgesprächen. Man hört sich sagen: `man sollte mal eine Serie drehen, in deren Mittelpunkt ein unbegabter Soziopath steht.` Währenddessen faselt Tobias Hans etwas von `Stabilem Infektionsgeschehen`.  Ein `stabiles Infektionsgeschehen` in einer exponentiellen Entwicklung kann es ebenso wenig geben wie `bedingt aussagekräftige Zahlen`(Heute-Journal). Bedingt aussagekräftig bedeutet schlicht: überhaupt nicht aussagekräftig. Die nimmermüde Melanie Brinkmann wirkt bei Illner müde und erschöpft. Karl Lauterbach bei Lanz farblos wie das ihm verimpfte Serum. An der hartnäckigen Leugnung der Fakten und ihrer Dramatik zerschellen Vernunft und Logik: es bleibt dabei, dass Lockdownentschärfer wie Tobias Hans und Michael Müller auftreten wie John Cleese im Dead Parrot-Sketch, in dem ein Zoohändler sich weigert anzuerkennen, dass er seinem Kunden einen toten Papagei verkauft hat. Alle Bemühungen richten sich darauf darzustellen, wieso Öffnungen mitten in einem exponentiell wachsenden Infektionsgeschehen das richtige Rezept sind und die endlose Suche nach milderen Mitteln einer entschlossenen Eindämmung der Pandemie unter Vermeidung von Schwerkranken und Toten vorzuziehen sei - im heutigen ZDF/ARD-MoMa setzt Müller noch einen drauf und zieht die Infektionszahlen zu Ostern als Indiz für ein stagnierendes Infektionsgeschehen heran. Will man Wunschdenken verbrämen äußert man Skepsis an den Modellierungen (Müller: `wir haben keine Inzidenzen von 300` - Die Epidemiologie: `Die haben wir auch erst für Mai prognostiziert`). Ansonsten korrespondiert der Wissenschaftsskeptizismus bei denjenigen die verbreiten, man könne SARS-CoV2 wegtesten mit der erzkatholischen Erlösungsrhetorik der Christdemokraten: das Ende (der Pandemie) ist nah, und siehe, Erlösung verspricht die Lösung in Dosen. 

Von einem interessanten Konzept der Verrechnung von Lebenszeit gegen Geld weiß die heutige Schlagzeile der BILD zu künden: Arme sollen mehr Rente bekommen, weil sie kürzer leben (und zwar aufgrund der mit Armut verbundenen Gesundheitsgefahren und Lebensgewohnheiten). Man könnte auch darüber nachdenken, die Lebensbedingungen so zu gestalten, dass Armut wirkungsvoll bekämpft wird, aber das wäre zu viel des Guten in Gesellschaften, die mit der Angst vor Armut Erwerbstätige gefügig halten. 

Keine MPK am kommenden Montag. Der Verfasser erwägt eine Nachtwanderung von Montag auf Dienstag. 

Dass demnächst die Länder qua Infektionsschutzgesetz dazu gezwungen sein sollen (erst) bei Überschreiten der Inzidenz von 100 die `Notbremse´ zu ziehen genügt wohl kaum um `Unheil abzuwenden`, wenn nichts unternommen wird um die Inzidenz deutlich unter die 100 zu drücken - wenn man schon das Bild der Notbremse strapaziert, dann wäre die Entsprechung zu einer Vollbremsung die Null-COVID-Strategie. Den Richtwert `100` mit dem Begriff `Notbremse` zu assoziieren, das ist als rase man mit 130 km/h Geschwindigkeit auf eine Mauer zu und einige sich zur Vermeidung der Kollision auf ein Tempolimit 100. Erbärmlich, fahrlässig, einfältig, zynisch, stumpf, dumm.  

Herr Reitschuster stellt bei der Bundespressekonferenz die Frage auf welche wissenschaftlichen Studien zur Wirksamkeit von lockdowns sich die Bundesregierung bei deren Anordnung stütze? Natürlich erhält er auf diese Frage keine Antwort - dem Verfasser aber Anlass dazu noch einmal an jene Studie zu erinnern (vgl. `Das Jahr des Ochsen`) die keinen signifikanten Unterschied bei der Entwicklung von Fallzahlen in Ländern mit restriktiven nichtpharmazeutischen Interventionen und Ländern mit milden np-Inventionen festgestellt hat. Diese Studie befasst sich ausdrücklich nicht mit der Wirksamkeit von Kontaktbeschränkungen, social distancing, Masken, Testen etc, sondern lediglich mit der Wirksamkeit der unterschiedlichen Weisen Maßnahmen umzusetzen - primär per Anordnung oder per primär per Handlungsempfehlungen. Auf wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit von Kontaktbeschränkungen zu warten, wenn man weiß, dass es um die Eindämmung ansteckender Krankheiten geht Zeitverschwendung - etwa so als lasse man tödliche Krankheiten zu damit man beweisen kann, dass sie tödlich sind oder als vermeide man Maßnahmen um zu beweisen, dass man sie hätte durchführen müssen. 

 

08.04.2021

3600 Milliarden Dollar Verlust bei Lohnabhängigen in 2021 weltweit entsprechen etwa dem Wachstum des Vermögens der Milliardäre dieser Welt im selben Zeitraum.  Wohl mehr als ein makabrer Zufall. Diese Umverteilung bedeutet nicht einfach eine Ausdifferenzierung in noch ärmere Schlucker und noch stinkendere Reiche - Geldzuwachs in diesem Umfang ist vor allem Machzuwachs, Verluste in diesem Umfang bedeuten noch mehr Hunger, Krankheit und Tod. Soweit nichts Neues, bemerkenswert ist lediglich die Tendenz, die wachsende Zahl existenziell Bedrohter und die wachsende Macht der leitenden Reichen der Pandemie in die Schuhe zu schieben statt diesen gähnenden Abgrund an Ungerechtigkeit als das zu bezeichnen was er ist - der typische Mechanismus eines von Krisen und Katastrophen auf Kosten vieler profitierendem Kapitalismus. So zu tun, als sei die Pandemie Ursache dieser Kluft ist etwa so als behaupte man, das Wetter sei schuld am Klimawandel.

Auf dem heißen Stuhl bei Lanz Norbert Walter Borlanz. Der lässt die Provokationen des Moderators über sich ergehen wie der Bundespräsident eine Impfung - sticht n bisschen und ist schnell vorbei. Den Rest der Sendung darf Herr Nida-Rüdelin ununterbrochen reden, der das Publikum über die Irrationalität seiner Risikoeinschätzungen aufklärt - man solle das Ausmaß der Ängste, die man hat, anpassen an die statistisch messbare Gefahr. Insofern sei die Angst vor Impfschäden gemessen an Risiken, die wir bedenkenlos eingehen wenn wir zum Beispiel Risikosportarten betreiben, unbegründet. Argumentiert man so, müsste man Befürworter der Kernenergie sein - statistisch betrachtet sind die Lebensrisiken durch die Nutzung von Kernenergie sicher gering. Doch die Angst gründet sich nun mal nicht auf Wahrscheinlichkeiten, sondern auf das Ausmaß der Konsequenzen, die mit dem Eintreten eines des Unwahrscheinlichen verbunden sind. Die Angst vor Hirnvenenthrombosen in Folge der Impfung ist wohl begründet: umso mehr als die Möglichkeit des Ausweichens auf andere Impfstoffe besteht. Im übrigen ist auch im gesellschaftspolitischen Rahmen Wahrscheinlichkeit nicht der Maßstab für Prävention und Gefahrenschutz, sondern das Ausmaß der Folgen im Falle des Falles - das ist der Grund für die Empfehlung, Astra Zeneca nur an Menschen über 60 zu verimpfen.  

 

07.04.2021

Man wird wach, ist ausgeschlafen und fragt sich - wozu?

For Coffee and cigarettes. Um einen weiteren Tag zu feiern, an dem das Zwischenmenschliche zum Synonym der Distanz zwischen Galaxien wird, überbrückt durch Zoom und Teams. So wie Sprache einst die Telepathie als Technik der Integration von Innigkeit und Verständigung ablöste, löst die Telekommunikation Sprache als Technik der Integration von Nähe und Verständigung ab. Das Vergessen kultureller Techniken und Aktivitäten schafft Raum für das Erlernen und Anwenden von Techniken virtueller und rudimentärer intergalaktischer Reisen, die sich auf das Versenden von Signalen reduzieren, während sich die Befangenheit im Umgang mit physischer Nähe zu Mitmenschen zu Gefangenschaft in der Einzelzelle der eigenen vier Wände verdichtet - und schon dieses Potenzial ist ein Privileg (wie das - auch mangels Publikum - sanktionsfreie Schreiben). 

Je übermächtiger die thematische Monokultur ist, je ohnmächtiger man sich als Einzelner fühlt, desto bedeutsamer werden eigene Befindlichkeiten als das was einem bleibt. Eine gesunde Dosis Selbstmitleid ist in Zeiten sozialer Distanz und allgemeiner Beklemmung unabhängig von der Dramatik der eigenen ökonomischen und psychologischen Not angemessen. Nicht nur aus legitimem Eigennutz, sondern weil Selbstmitleid auch eine Voraussetzung von Empathie sein kann (nicht nur Symptom von Egozentrik). Selbstmitleid ist in Zeiten der Einsamkeit rehabilitiert.

Zwar ist es auch Aufgabe der Politik Hoffnung zu verbreiten, aber nicht falsche oder übertriebene Hoffnung - das ist Aufgabe der Kirche. Die gestrige Ausgabe von Markus Lanz, dessen neues Lieblingswort `Wahnsinn` ihn zum Wolfgang Petry unter den Talk-Mastern adelt, war verfolgenswert wegen des schopenhauerhaft desillusionierenden Auftritts der Virologin Helga Rübsamen-Schaeff. Während unisono das Mär von der Überwindung der Pandemie durch Impfen verbreitet wird stellte sie die unangenehme Frage ab wann denn nach Meinung der Erzähler dieses Märchens vom gelobten Land der Herdenimmunität (ein Begriff der verdächtig nach Schäfern und Hirten riecht) die Pandemie für überwunden erklärt werden könne. Schon diese Frage formulierte sie als rhetorische, die lediglich als Einleitung ihrer nüchternen Zerstörung des Trugbildes von einem `Endsieg über Corona` fungierte. Die Debatte über die Freiheiten für Geimpfte hält sie schon deshalb für verfrüht weil ungeachtet des Grünen Lichtes seitens des RKI die Impfung zwar vor schweren Krankheitsverläufen durch die Infektion mit einigen bekannten Virus-Varianten schütze, aber keineswegs hundertprozentigen Schutz vor der Infektion und deren Weitergabe biete. Angesichts der schieren Masse der Geimpften bedeute eine Rückgabe aller Freiheiten für die Geimpften auch dann eine massive Weitergabe von Infektionen, wenn durch die Impfung die Wahrscheinlichkeit der Weitergabe sinkt. Dementsprechend sei es auch an den vor schweren Krankheitsverläufen Geschützten weiterhin durch Einhaltung von Vorsichtsmaßnahmen andere vor Infektion zu schützen. Dazu kommt, dass die Impfung nicht den Schutz vor Virusvarianten und damit einer erneuten Erkrankung gewährleistet. Obendrein sei unklar, wie lange die Impfung vor einer weiteren Erkrankung schütze. Kurz zusammengefasst: nicht wann die Pandemie überwunden sei, sondern ob sie überhaupt in absehbarer Zeit zu überwinden sei sei die Frage die im Raum steht - selbst wenn einem Land die erfolgreiche Umsetzung einer `Zero Covid-Strategie` gelinge - was dann? Schottet es sich dann gegen alle Länder ab, in denen das Virus noch grassiert? Sie muss es gar nicht explizit ausführen - und angesichts der anscheinend wesentlich wichtigeren Frage ob Laschet oder Söder als Kanzlerkandidat gekrönt wird kommt sie auch gar nicht dazu - denn die Schlussfolgerung liegt auf der Hand. Das Versprechen man werde durch Impfen die Pandemie überwinden ist mindestens übertrieben. Stattdessen müsse man sich der Frage stellen, wie man genau umgekehrt in Zukunft damit umgehe, dass die Gefahr durch Corona akut bleibe, oder wie Herr Streeck es formulierte: wie leben wir in Zukunft mit der Pandemie? Davor diese Frage zu stellen, geschweige denn davor (ernüchternde) Antworten auf diese zu geben scheut die Politik zurück, die entweder in Aussicht stellt nach dem nächsten lockdown sei alles besser oder gar feiertagsbedingten Meldeverzug nutzt, um eiligst Öffnungen das Wort zu reden; mal ganz abgesehen davon, dass nach einhelliger Meinung von Virologen und Epidemiologen der willkürliche Richtwert `unter 100` für Öffnungen viel zu hoch ist, wenn man denn wirklich die Infektionszahlen langfristig (sagen wir: bis zum Herbst...) senken will.   

Während Frau Rübsamen-Schaeff die Situation präzise und klar skizzierte, übte sich Markus Söder gestern in rhetorischem Tiefflug. Auf die Frage, ob die bisherige Corona-Strategie falsch war antwortet er (als sei das eine Antwort): `Wir haben eine Strategie.` Auf die Frage, wie er Armin Laschets `Krückenlockdown` verstehe antwortet er: `Ich glaube schon, was er meint.` Letztere Formulierung zeigt wie fest Markus Söder auf dem Boden der Tatsachen steht. Sie hat das Zeug zu einem Klassiker des `Politsprechs`, der den Vergleich mit Edmund Stoibers Bahnhofsrede nicht zu scheuen braucht.

Amnesty International gelangt aufgrund einer Studie zu der bahnbrechenden Erkenntnis, die Pandemie `verschärfe soziale Probleme`. Wahnsinn! Wahnsinn ist schon die Formulierung `soziale Probleme`, die an Euphemismus grenzt. Wenn Hunger, Elend und Krankheit sich unter den Armen und Mittellosen begünstigt durch die Pandemie rascher weiter verbreiten, Rassen- und Geschlechterdiskriminierung fröhliche Urstände feiern und gleichzeitig Börsenkurse und Aktienindizes in die schwindelerregende Höhen steigen, dann verbietet sich der verharmlosende Begriff des `sozialen Problems`, der impliziert es handele sich nur um ein zu behebendes Fehlerchen im System, das man behandeln könne wie einen Fußpilz und der zudem so klingt, als seien die von gravierenden und lebensgefährlichen Benachteiligungen Betroffenen das Problem. `Schreiendes Unrecht` wäre ein annährend korrekter Begriff - und Corona ist nicht die Ursache dieses schreienden und doch im Doppelsinn unerhörten Unrechts. Wofür die Impfung und nach Ansicht Joe Bidens eine weltweite Unternehmensbesteuerung sorgen soll - das ist das politische Wunschdenken der `inkompetenten Dullis`(Rezzo) - ist, dass dieses Unrecht nicht beseitigt, sondern wieder auf ein leises moralisches Hintergrundrauschen reduziert wird. Dass Konzerne durchaus Respekt vor Unruhen haben, die einer Verschärfung der sozialen und ökonomischen Gegensätze folgen zeigt das Beispiel Jeff Bezos, der sich gegenüber den Steuerplänen Bidens aufgeschlossen zeigt. Natürlich, denn der Return on Invest wäre der Schutz der vulnerablen Großkonzerne. Die werden die Steuern durch Senkung der Personalkosten zurückholen - billige Arbeitskräfte werden dank pandemiebedingter Jobverluste mehr als ausreichend zur Verfügung stehen. 

Dann noch das: die Freiwilligeninitiative der Bundeswehr, durch finanzielle Anreize soll mehr Nachwuchs in die Truppe gelockt werden. Ein Schlag ins Gesicht der `Helden des Alltags`, die nicht mit einer Besserstellung zu rechnen haben. Leben zu retten bleibt weiterhin eine stiefmütterlich behandelte Nebentätigkeit im Vergleich zum Dienst am Vaterland. Dazu passt der Jahresbericht von Amnesty International, der insgesamt wenig Überraschendes außer dem entsetzlichen Ausmaß der Verstoße gegen Menschenrechte bietet: dazu gehört, dass in 42 von 149 Staaten Kräften im Gesundheitswesen keine Schutzvorrichtungen gegen Infektionen zur Verfügung gestellt wurden und sie unter staatlichen Repressalien zu leiden hatten. Alle 50 Sekunden starb weltweit 2021 eine Pflegekraft an COVID-19. 

Markus Söders Sehnsucht nach einem schönen, zünftigen Aufenthalt im Biergarten, am besten bei Fönwetter und frühsommerlichen Temperaturen war bei der heutigen Pressekonferenz der bayrischen Landesregierung förmlich mit Händen zu greifen. Das Thema Wiedereinsetzung von Freiheitsrechten für Geimpfte lag ihm sichtbar am Herzen und beiläufig verknüpfte er dieses Thema mit der Überlegung, dass man wenn man auch weiterhin die Funktionsfähigkeit des bayrischen Landtags sichern wolle, darüber nachdenken müsse ob nicht ein paar liegen gebliebene Impfstoffe für die Immunisierung der Politiker erübrigt werden sollten. Prost Markus und viel Vergnügen mit all den anderen, die so überzeugt von ihrer Systemrelevanz und der ihrer Familienmitglieder sind, dass sie sich aus lauter Altruismus und Selbstlosigkeit über die Regeln hinwegsetzen, die sie für den Rest der Bevölkerung angeordnet haben. 

 

06.04.2021

Ich kann keine Wälder mehr sehen. Träume schon nachts von der Mengenlehre der Wegzeichen. Buchstaben im Kreis, Dreiecke und Rechtecke an Bäumen und Laternenpfählen. Wanderinzidenzen. Auf der Toilette denkt man voller Ingrimm: Macht Buchen zu Scheißhauspapier. Mit letzter Kraft schlurft man in die Küche, schlürft Kaffee. Die Aufschrift auf einem Päckchen mit dem aromatischen, koffeinhaltigen Inhalt verspricht: `Langzeittröster`. Der Wunsch ist Vater der Leseschwäche. `Langzeitröster` steht da. Das erheitert. Das Wetter hebt die Laune, es droht keine Wanderung. Dankbar für die lautlose Abwechslung des Schneegestöbers - weißes Rauschen auf dem Bildschirm der Realität - lösche ich die Komoot-App von meinem iphone.

Im Internet kursieren Kamasutra-Positionen, die den Koitus ohne Aerosolaustausch erlauben. Das führt zu erhöhtem Patientenaufkommen bei den Osteopathen. Schwer haben es auch Selbstmordattentäter. Lohnt sich grade nicht mangels Menschenmasse (ein Schelm wer an die Querdenker-Demos denkt, aber da würden die Attentäter nur der Polizei die Arbeit abnehmen indem sie die Versammlung sprengen).

Armin Laschet fordert einen `Brückenlockdown`- soll wohl heißen, dass demnächst die Kölner Rheinbrücke gesperrt wird. Im Morgenmagazin betont er: `Wir haben in NRW 450000 Menschen geimpft. Das ist in allen anderen Bundesländern auch passiert.` Wow. Dann hätte das Saarland jetzt eine Impfquote von 50%. Sensationell. Armin Laschets Kurswechsel entsprechen der Flatterhaftigkeit und Fahrigkeit seiner Gesten. Der Mann will Fähnchen in den Wind hängen und bekommt nicht mal mit woher der Wind weht. `Wir haben viel gelernt` behauptet er. Davon ist nichts zu merken. 

 

05.04.2021

Ostern. Fest der Hoffnung, des Sieges des Lebens über den Tod. Da handelt es sich schon um subtilen Spott oder schlichte Gedanken- und Geschmacklosigkeit, wenn die ARD mitten in der `Zweiten Welle` einen Tatort mit dem Titel `Die ewige Welle` ausstrahlt, der zudem vor Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit nur so trieft und mit einem trostlosen und schäbigen Tod des Hauptdarstellers endet.

Der Papst beklagt sich. Trotz zunehmender Armut und sozialer Gegensätze in der Pandemie gebe es mehr militärische Konflikte. Trotz? Wegen. Einen logischen Grund als Paradoxie zu begreifen - das kann wohl nur einem Unfehlbaren gelingen.

Immer wieder bitter und fatal, wenn die falschen Leute mit unheilvollen Absichten Zutreffendes von sich geben. Wenn Alice Weidel Spahns Ankündigung, Geimpften Freiheitsrechte zurück zu geben als `Impfpflicht durch die Hintertür` bezeichnet so liegt sie damit nicht verkehrt. Der Gesundheitsminister trieft vor Sorge, dass sich nicht genügend Menschen impfen lassen, da kommt die Einschätzung des RKI grade Recht, Geimpfte seien wahrscheinlich deutlich weniger infektiös, wenn sie trotz Impfung infiziert seien. Verfassungsrechtler flankieren: die individuellen Grundrechte seien wieder herzustellen wenn von den Geimpften nachweislich keine Gefahr mehr ausgehe. Ob es genügt, wenn von den Geimpften wahrscheinlich weniger Gefahr ausgehe, um deren Freiheitsrechte wieder in Kraft zu setzen und ebenso ob es zur Vorenthaltung von Freiheitsrechten genügt, wenn von gesunden Menschen vielleicht eine Infektionsgefahr ausgehen könnte bleibt zumindest fraglich. Selbst jedoch, wenn man das Verfassungsrecht über das Gerechtigkeitsprinzip stellt, bleibt noch die Frage zu klären, ob man den Nichtgeimpften weiterhin Freiheitsrechte versagen darf, die man einer anderen Personengruppe wieder einräumt, wenn die Zuordnung zu der Gruppe der `Nichtgeimpften` durch staatliche Willkür (`Priorisierung`) erfolgt. Abgesehen von moralischen und von Rechtsfragen passt die Ankündigung Jens Spahns zum religiösen Lametta der Osterfeiertage. Der Zeitpunkt der Selbstüberhöhung des Gesundheitsministers zur Erlöserfigur - siehe, ihr Geimpften seid auserwählt zu befreien die Außengastronomie von ihrer Qual und die Kirchenschiffe von ihrer hallenden Leere - ist wohl kaum zufällig gewählt. Kommunikativ ist es wenig geschickt, die Botschaft der Hoffnung und Wiederauferstehung des kulturellen und sozialen Lebens nur an wenige zu richten. Das brüskiert die große Mehrheit derjenigen, die noch nicht geimpft werden können und vertröstet sie auf ein Jenseits hinter dem Horizont des Sommerurlaubs. Vor allem jedoch ist es scheinheilig, von Freiheit zu reden, aber eine Verpflichtung zu meinen und mit Freiheitsentzug zu drohen - zumal dann, wenn man überhaupt nicht die Möglichkeit hat, sich dieser Drohung zu entziehen. Dass es in anderen Staaten nicht besser zugeht hindert den Verfasser nicht daran, diese Doppelzüngigkeit widerlich zu finden. Fehlende Überzeugungskraft durch Zwang zu ersetzen zeugt von feudaler Bequemlichkeit und miesem Charakter. Es mag niederschmetternd sein, wenn man ausgerechnet einer von Alice Weidel getätigten Aussage zustimmen muss, aber nur weil es korrekt ist wenn sie behauptet, 1 und 1 sei 2 heißt das nicht, dass ihre politischen Positionen vertretbar sind: selbst ein Tyrann kann eins und eins zusammenzählen, das macht ihn nicht zu einem Philanthropen. 

 

04.04.2021

Das Fahrrad hat einen Platten. Außerdem ist das Licht kaputt und der Rahmen verzogen. Der Fahrradladen erklärte, dass man aufgrund des derzeit hohen Andrangs an Kundenanfragen mit einer Wartezeit von 3 Monaten zu rechnen hat, wenn man das Rad zur Reparatur gibt. Nicht zu fassen. Man ist vielleicht eher geimpft als das Fahrrad repariert. Missmutig und schlauchlos geschlaucht schiebt man das Rad heimwärts. Diese Lappalie erschüttert einen zutiefst, da in der ins Rutschen geratenen Welt jeder winzige Schubser genügt um ein labiles Gleichgewicht zu stören. Selbstverständlich verrät die dramatische Überbewertung einer derartigen Lappalie gemessen an der Wucht der Bedrohungen und dem Dröhnen der weltweiten Schicksalsschläge eine gewisse Maßlosigkeit des beleidigten Gemüts, aber das ist ja grade der Kern der Bedrückung. Die alltäglichen anekdotenhaften Leiden, gegen die wir durch Seufzen, Selbstmitleid und Jammern in unseren peergroups, am Tresen unserer Stammkneipe, im Fitnesscenter, im Büro gewappnet waren, werden durch das Vergrößerungsglas der Isolation und Verunsicherung gleichzeitig grotesk überhöht und versinken in Bedeutungslosigkeit gegenüber der monumentalen Dominanz der pandemischen Gesamtsituation, dem globalen Ernst der Lage. So reihen sich denn winzige Zumutungen, kleine Anekdoten des Leidens aneinander zu Leidensgeschichten, die einen bedrücken und einen noch nicht mal selbst interessieren. Die eigene Leidensgeschichte ödet einen an wie das Fernsehprogramm zu Ostern.

Und dann platzen einem auch noch die Frühstückseier, obwohl man Löcher in die Schale gepikst hat. Verdammt. Was ist denn bloß los mit der Welt?

Ostern. Auf dieser virtuellen Wiese sind 10 virtuelle Eier versteckt. Viel Spaß bei der Suche. Ostern. Ein Fest, dass die Menschen daran erinnern soll, dass es mehr gibt als Tod und Düsternis. Stimmt, es gibt auch Einsamkeit, Verzweiflung, Armut, Elend, Ungerechtigkeit und so weiter. Also das was man Leben nennt. Meine Güte. Was für eine depressive Stimmung nur wegen ein paar geplatzten Eiern. 

"`Fukushima - nahm damit alles seinen Anfang?` Wer bist Du während der Werktage? Ein Algorithmus jedenfalls entschied, dass Dich dieser Verschwörungsmurks interessiert, der in Deinem Handy-Display aufpoppt wie die niedliche Entsprechung des Ausbruchs von Seuchen und Vulkanen. Wie die Bibel - in gewisser Weise selbst eine davon - gründet sich jede Verschwörungserzählung auf eine Genesis, einen Urspalt der sich auftut. Die Ultraviolettkatastrophe, die der Volksmund `Endless Summer` nennt: menschengemacht? Sicher, aber doch nicht durch ein havariertes Kernkraftwerk. Jahrhundertelanger Raubbau, bis Süßwasser kostbarer als Gold wird und der Börsenkurs von Salinenkonzernen, die das Meer entsalzen, ins Unermessliche steigt. Erst hieß es: Kipppunkt in hundert Jahren, dann in 10 Jahren, dann war der Eisbär ausgestorben. Du hast Dich informiert was Woche für Woche so los ist in dieser Welt, die angeblich Deine ist. Kein Anlass die Wohnung zu verlassen. Egal wo man sich befindet. Die Welt ist komplett zerstrahlt und die Menschen sind es auch. Anscheinend hast Du Dir Ostereier besorgt oder besorgen lassen. Du pellst eins, gemächlich im Luis Cyphre-Stil. Die Eier müssen ewig gekocht haben. Der Dotter ist grün wie das Gesicht eines Seekranken. `Das` klärt Dich jemand auf, der plötzlich bei Dir vor der Tür steht und behauptet, ein Freund von Dir zu sein, `liegt an der Strahlung. Deswegen sind dieses Jahr die Eier selbst innen bunt. Hast Du n Kaffee?` Du wärst jetzt lieber mit Deiner Freundin zusammen. Dabei hast Du gar keine." 

 

03.04.2021

Gelegentlich wird gefragt wen die Pandemie am schlimmsten trifft: die Kinder, denen sie die Jugend raubt, die Alten, denen sie den Lebensabend verfinstern...dabei ist die Antwort einfach. In der Pandemie sind die am schlimmsten dran, die auch vorher am schlimmsten dran waren. Selbst ein Bollwerk der freien Marktwirtschaft und des sozial unverträglichen Neoliberalismus wie der Internationale Währungsform fordert Umverteilung und höhere Steuern für Reiche, um `den Teufelskreis der Ungleichheit` zu durchbrechen. Anderenfalls drohen `soziale Unruhen`. (David Amaglobeli, Vitor Gaspar, Paolo Mauro, `Giving Everyone a Fair Shot, IMFBlog, 1. April 2021). Kein Aprilscherz - offenbar sieht der IMF Bismarcks Werk der Einhegung von potenziell revolutionären Klassen als dermaßen gefährdet an, dass er den Staaten den kubanischen Weg der massiven Investitionen ins Bildungs- und Gesundheitswesen empfiehlt. 

Wohin Privatisierung und Rationalisierung im Gesundheitswesen geführt haben zeigt folgende Äußerung des Intensivpflegers Ralf Berning: `Er sei lange Soldat gewesen und ginge lieber wieder nach Afghanistan, als noch einmal so etwas Schlimmes zu erleben wie während der zweiten Corona-Welle im Herbst.` (Joko&Klaas, Sondersendung über den Pflegenotstand, Pro7). Überlastet, unterbezahlt, abgeklatscht und vergessen - das sind die Bedingungen unter denen die Helden des Alltags arbeiten. Konsequenz ist, dass jeder Dritte in der Pflege erwägt seinen Job zu wechseln (die tödliche Arbeit und Gefahr im Krieg ist - pervers genug -  alle Malle besser bezahlt, als die Lebensgefahr in der Klinik).  Es wird auch nicht mehr lange dauern, dann werden die Pflegekräfte folgende Aussage des Pflegers Jorde überdenken: `Wir können nicht sagen: Morgen machen wir mal die Klinik zu oder morgen ist die Intensivstation mal zu, und wir gehen auf die Straße.` Warum eigentlich nicht? Weil: `Dann sterben Menschen`. Genau dieser Umstand ist das Druckmittel, das einem Streik des Pflegepersonals Brisanz und Wirkung verleihen würde.  

 

02.04.2021

"Schon gehört?", zwinkerte ein iberischer Freund, "das Baskenland heißt jetzt Maskenland."  Ihn erinnere der allgegenwärtige Anblick der durch Masken schimpansifizierten Unterkiefer an den `Planeten der (Maul)Affen". Den Verfasser erinnern all die Maskierten im Profil an Homer Simpson, was aufs Gleiche hinausläuft. Wie auch immer man zum Fossil der kontroversen Corona-Debatten steht - der Maskenpflicht -, kaum zu bestreiten ist, dass die Maskenpflicht im offenen Gelände (in Parks, Grünanlagen und Fußgängerzonen) ein auf links gezogenes Verständnis des Infektionsschutzes offenbart. Erforderlich sind Schutzmaßnahmen dort, wo sich in geschlossenen Räumen Aerosolwolken bilden und Menschen über einen längeren Zeitraum eng zusammensitzen - also in Schulen, Kitas, Büros und im ÖPNV. Grotesker Unfug sind Verpflichtungen zum Tragen von Masken beim Joggen und Radfahren oder Anordnungen wie am Dortmunder Phoenixsee, an dem Spazierengehen nur im Uhrzeigersinn erlaubt ist, damit weniger Menschen sich begegnen. Albernheit zur Perfektion erheben die Städte Witten und Bochum, wenn für den Rundweg um den Kemnader See im Bochumer Teil eine Maskenpflicht gilt und im Wittener Teil nicht (was wohl für die Longboarder auf dem offenen Gewässer gilt?). Die Maskenpflicht auf offenes Gelände auszudehnen lässt sich nur psychologisch erklären - sie sorgt dafür, dass der Alarmzustand allgegenwärtig ist und jederzeit den anderen Menschen, denen man begegnet, als Krankheitsherd markiert. Umgekehrt führt die Transformation des öffentlichen Raums zur Gefahrenzone dazu, dass die Menschen in ihren privaten Räumen umso lustvoller das Joch der Hygienemaßnahmen ablegen werden - auch bei der Präsenzarbeit werden sie sich ganz wie zu Hause fühlen.

Einen Ausschnitt aus `Planet der Schlaffen` lieferte gestern das Ensemble der Gäste bei Markus Lanz (Wolfgang Kubicki, Michael Kretschmer, Virolockdownin Melanie Brinkmann und Journalistin Anja Maier). Die Virologin Melanie Brinkmann startete einen erneuten, verzweifelten Versuch mit Sachargumenten Publikum und anwesende Regierungsverantwortliche von der offensichtlichen Erforderlichkeit eines sofortigen bundesweiten lockdowns zu überzeugen.  Ihr Fazit: `Ich kann es nicht verstehen. Wir machen den selben Fehler immer wieder. Im Januar ist klar, da kommt die Variante. Es wurde nicht reagiert. Man hätte die Ausbreitung verhindern können. Haben wir nicht, statt dessen öffnen wir. (...) Wir haben kein einheitliches Ziel formuliert. Wir kassieren viele tote Menschen, zusätzlich sind wir im Dauerlockdown, vernichten Existenzen. Wir haben von allen Wegen den Schlechtesten gewählt. Wir fahren eine Durchseuchungsstrategie obwohl wir Impfstoffe haben.` Im Laufe der Sendung stellt sie zudem fest, dass der Moderator überflüssig ist und unterbindet Zwischenreden von Herrn Kubicki erfolgreicher und rigoroser als ein Bundestagspräsident. Mit alledem liegt Melanie Brinkmann nicht verkehrt, Michael Kretschmer verdeutlicht jedoch warum kein gutes Sachargument jemals zum Tragen kommen wird: man solle nicht permanent zurückblicken auf Fehler der Vergangenheit sondern sich darauf konzentrieren, in der Zukunft das Richtige zu tun. Ein Fall für Modellierer: wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Entscheider die schon zuvor sehenden Auges die immer gleichen Fehler gemacht haben (getreu dem Motto: man muss nur oft genug immer das Gleiche probieren damit irgendwann etwas anderes dabei herauskommt) aus ihren Fehler lernen und sie korrigieren? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Versprechen, die mit hoher Zuverlässigkeit gebrochen wurden nun eingehalten werden? Berechtigter Kritik bis hin zur berechtigten Fassungslosigkeit wird begegnet mit Strapaziergängen: unvermeidlich wird das Klischee von der `Kirche im Dorf` hervorgekramt, das schon deswegen unpassend ist weil das Infektionsgeschehen sich vorwiegend in den Ballungszentren abspielt; die Kirche im Dorf zu lassen fordert als Bild geradezu die Verdrängung von Missbrauch und die Ignoranz des Ausmaßes der Gefahr zugunsten der Vorstellung man müsse sich nur besinnen auf die reaktionäre Idylle einer gottes-. und autoritätshörigen Dorfgemeinschaft - dann sei alles gut. Kritik (auch berechtigte) wird generell als verfehlt erachtet, sie sei rückwärtsgewandt und man müsse in die Zukunft sehen, in der dann ausgerechnet diejenigen die Karren aus dem Dreck ziehen werden, die ihn wiederholt sehenden Auges hineingefahren haben. Das ist so, als mache man nicht nur den Bock zum Gärtner und erwarte blühende Landschaften, sondern erwarte von Borkenkäfern eine erfolgreiche Wiederaufforstung des Deutschen Waldes. Frau Brinkmann versteht längst, dass ihre Philippika lediglich zum Unterhaltungswert beiträgt und dass die Themen Arbeitswelt und Schulen als Infektionsherde nicht zum Tragen kommen. Wieder einmal wird vorausgesetzt, es liege am privaten Verhalten der Menschen, wenn Infektionszahlen in die Höhe schnellen. Frau Brinkmann lässt betreten schweigend die Politclownerie im zweiten Teil der Sendung über sich ergeben, die das Thema Corona zum Holzschnittrahmen des Wahlkampfkasperletheaters reduziert. Für den Moderator ist eine Fehde oder politische Intrige auf lange Sicht - schließlich hat er Woche für Woche an drei Tagen nächtlich für Quote zu sorgen - interessanter als eine Virologin, die Recht hat. Sie dient als Farbtupfer, als bunter Schmetterling im Einheitsbrei der Stammgäste, aber ihre Argumente? Also bitte, nur weil die zutreffen ist das noch nicht spannend. Ohnehin ist für den Moderator die Lösung ganz einfach: bundeseinheitliches autoritäres Vorgehen inklusive Hausdurchseuchungen. Die Demokratie ist einfach zu laschet.

Immerhin scheint - glaubt man Umfragen - in der Bevölkerung Vernunft zu walten. Die Zahl der Befürworter härterer Maßnahmen wächst, grade weil Menschen sich eine Öffnung des sozialen und kulturellen Lebens herbeisehnen (bis auf diejenigen, die sich gemäß den Tiefeninterviews des Psychologen Stephan Grünwald gemütlich im lockdown eingerichtet haben und in der Trutzburg ihrer privaten grünen Entschleunigung und Geräuscharmut genießen. Dieser tiefenentspannten, freundlichen Spezies begegnet man bei Spaziergängen durch teure Wohnungen am Waldrand, wo fröhlich Stiefmütterchen, Gemüsebeete, Pferde und Nachmittagsplausch gepflegt werden).    

"Hinterlassen wurde mir ein neues Leben. Vorläufig. Man weiß noch nicht um neue Katastrophen. Inflation. Währungsreform. Plünderung. Oder ein Einschlag, der so heftig ist, dass es zu diesen Folgen gar nicht mehr kommt. Erinnert mich an den Mann, der auf dem Weg zur Familiengruft verstarb. Der nicht einmal sein eigenes Grab erreicht, geschweige denn es sich selbst schaufeln kann oder auch nur mit einem Bein darin steht. Was nun mit den Folgen meiner zweiten Geburt hinein in dieses scheue Leben, das sich im Schreckentempo von seinem alles überwältigenden Juckreiz erholt? Gar nichts. Die Landschaft und die Katzen genügen mir. Der am schönsten gelegene Supermarkt der Welt. Der muffige und modrige Geruch in den Grotten. Der Anblick der Brenta im Meer, die sich als Zackendiagramm zukünftiger Krisen im Dunst abzeichnet. Mir genügt vollkommen alles was ausbleibt. Ich genieße das Privileg der Ambitionslosigkeit und wünsche mir nichts sehnlicher, als dass dies schon die Ewigkeit sei. Nichts würde ich vermissen. Würden einen nicht das Gefrierschrankklima und die vom Himmel fallenden schockgefrorenen Vögel beunruhigen. Worte gefrieren einem vor dem Mund zu Masken und niemand glaubt mehr das Gerede von einer einmaligen Anomalie die bald vorbei ist. Langsam befürchten wir, dass das was die Plage beendete bedauerlicher Weise nicht nur die Plage beendet, dass unser Aufatmen ein letzter Atemzug sein könnte, bevor unsere Lungenbläschen platzen wie von gefrorenem Wasser gesprengte Glasflaschen."

 

01.04.2021

Armin Laschet hat einen brillanten Plan für die Pandemiebewältigung (siehe Datum). 

Fagradalsfjall ist der Auftakt. Überall auf der Erde brechen Vulkane mit unaussprechlichen Namen aus. Zungenbrecher feiern ihren Durchbruch, das Unsägliche verwandelt sich in Lava. Magma kaum glauben. Die Seismographen und Vulkanologen verschweigen den größeren Zusammenhang. Die vulkanische Aktivität ist eine Ouvertüre, der brodelnde Auftakt zur Wiederkehr einer untergegangenen Welt, auf der Clubs, Bars und Strände knüppelvoll sind und das isländische Feenministerium regiert.

Die Corona-Situation habe sich vor Ostern verschärft berichtet Jens Riewa. Das sind keine Fakenews, eine Dramatisierung der Lage ist es schon. Tatsächlich stagnieren Inzidenz und R-Wert, das hebt man aus didaktischen Gründen nicht hervor. Ansonsten äußert sich das Fernweh der Nachrichtenredaktionen in neidischen Reportagen über Großbritanniens Impferfolge mit AstraZeneca. Hinter der ungeduldigen Forderung in Deutschland weniger bürokratisch bei der Impfung vorzugehen steckt die mehr oder minder unverhohlene Forderung zugunsten der Schnelligkeit Risiken für Leib und Leben zuzulassen. Kann man ja machen, dann soll man das jedoch offen sagen und debattieren. 

Wolfgang Schäuble hat als Bundestagspräsident wenig zu sagen. Umso ergiebiger bricht der pyroklastische Redestrom aus seinem Drachenrachen, wenn man ihn interviewt. Bei Lanz demonstriert Schäuble wie man den Moderator durch extreme Kontrolle der eigenen Körpersprache und Mimik abtropfen lässt. Die Geduld mit der Herr Schäuble auf Markus Lanz herablächelt ist angenehm herablassend, er antwortet dem Moderator langsam und bedächtig, als habe er es mit einem begriffsstutzigen Kind zu tun, das er davon abhalten will, den Finger in eine Steckdose zu stecken. Armin Laschet und auch die neue Semivorsitzende der Linken Susanne Hennig-Wessling sollten dringend an ihrer Körpersprache arbeiten. Laschets erratische Hand- und Armbewegungen erinnern an die parkinsonschen Zuckungen Hitlers, Hennig-Wessling steckt in Großaufnahme kurz zwei Finger in die Nasenlöcher und greift viel zu häufig zum Wasserglas, die Nervosität ist unverkennbar und verrät Unsicherheit in Bezug auf die Positionen, die sie vertritt. Markus Lanz hat die Witterung aufgenommen und entsetzt sich über die geplante Besteuerung von Millionären, als träfe diese ungeheuerliche Forderung die Mehrheit der Bevölkerung. Dabei hat Hennig-Wessling wie Lanz sagen würde `einen Punkt` wenn sie vorschlägt, man sollte statt um den Wohlstand der Millionäre besorgt zu sein sich lieber darüber empören, dass es die sozial und ökonomisch Schwächsten sind, die vor allem Corona und die Folgen ausbaden. Der Auftritt Hennig-Wessling macht deutlich, warum soziale Gerechtigkeit kein mehrheitsfähiges Thema ist - es liegt nicht am Thema, sondern an den Positionen der Parteien, die dieses Thema für sich beanspruchen. Die Koppelung des Themas soziale Gerechtigkeit an Minderheitenpositionen (Austritt aus der Nato, Vermögensabgabe) verhindert, dass das Thema zur Geltung kommt. Es gerät zum Randthema, weil es im Minenfeld radikaler Positionen verortet wird.