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Die dritten 50 Tage

120 Tage von Corona 

Das Schloss wurde nicht ausgetauscht. Der Lichtschalter befindet sich da wo er war. Auf den ersten Blick finde ich das Appartement so vor wie ich es verlassen habe. Die Nachttischlampe auf der rechten Seite des Bettes funktioniert nicht. Alles wie gehabt...bevor mein Kopf das Kopfkissen erreicht komme ich in schweren Träumen an.

119. 14. Juli 2020

Um 23 Uhr erreiche ich das Appartement. Ich zögere bis Mitternacht bevor ich die Wohnungstür öffne.

118. 13. Juli 2020

“Ich werde nicht da sein. Lasse den Schaukelstuhl zurück, den Schaukelstuhl, der das Meer ist. Fühle mich dem nicht gewachsen der da kommt. Ich kenne jetzt den Ort, an dem er mir nicht begegnen kann. Die Wohnung, die ich verlassen habe als die Welt noch eine andere war und ich mit Trauer und Erleichterung darüber, diese Welt hinter mir zu lassen die Tür schloss. Dass ich die Wohnungsschlüssel einsteckte war pure Routine.“

117. 12. Juli 2020

Um unsere Fähre herum anhaltslose, stumme Finsternis. Inmitten der Finsternis das beleuchtete Oberdeck, einzige Galaxie in einem  leeren Universum. Raucher führen Hunde Gassi, ein kleiner Junge verwendet den Nasen-Mund-Schutz als Augenbinde und spielt blind, die Arme und Hände ausgestreckt. Ich über die Reling ins Nichts gebeugt. Wäre ich tot wäre ich jetzt dort, in der Finsternis. Reines Potenzial, für das noch keine Entscheidungen fiel.

 

116. 11. Juli 2020

im Stau aus Seitenfenstern und hochgekrempelten Ärneln hängen Unterarme heraus Fingerspitzen trommeln ungeduldig auf Blech links rechts säumen Apfelbäume die Fahrbahnen man winkt uns an Totalschäden vorbei aus denen die Opfer entfernt wurden tot oder lebendig was fangen wir bloß mit unserer Zeit an welchen Bedenken opferten wir unser Leben?

die Medienlandschaft liegt hinter einem der Hafen vor einem womit  Du nicht rechnest sind die Schleichwege die ich einschlage über Land über Wasser wir reisen im Virenniemandsland Standort unbekannt

 
115. 10. Juli 2020

jeder tag der zurück liegt seit dem ersten Tag liegt weiter zurück als der Tag vor dem Tag der zurückliegt vor dem Tag der zurückliegt zurückfliegt

114. 09. Juli 2020

Wir sind unterwegs auf dem Boden der Tatsachen, in zähfliessendem Verkehr. Vorbei an pinkelnden Brummifahrern und Campingbussen. Hoch über uns in den Linienmaschinen hat die Coronangst die Flugangst verdrängt. Flugzeuge transportieren potenzielle biologische Waffen. In den Urlaubsgebieten der Welt verschwimmen die Grenzen zwischen Tourismus und Terrorismus. Wir schleichen uns ein mit PKW und Fähre.

Lese ein Buch über eine KI, die die Weltherrschaft ergreift. Sie geht genau so vor wie das Virus. 

113. 08. Juli 2020

"Man schließt die Grenzen. Einreisen aus dem Ausland sind nur noch möglich unter Angabe triftiger Gründe. Wenn ich mich wirklich heimsuchen will muss ich mir etwas einfallen lassen. Ich habe mir einen Schaukelstuhl angeschafft. Sitze auf der Terrasse, mit einer Flasche Bier in der Hand, und pendele vor und zurück. Ich werde nicht mehr schreiben. Den Blick himmelwärts gerichtet zur Farbenpracht der Eiswolken am Firmament erwarte ich schaukelnd wie ein Papierschiffchen meinen Besuch."

Es geht alles in die falsche Richtung. Maja Göpel erklärt bei Lanz wie die Welt zu retten wäre, bekommt von den Männern in der Runde Schlauheit attestiert, denn Frauen mit Verstand sind nicht intelligent und kompetent, sondern durchtrieben und manipulativ, ihre Konzepte der Integration von ökologischen Schäden in die Gewinn- und Verlustrechnungen der Unternehmen werden vom Tisch gefegt mit dem Argument, man könne doch einem Arbeiter in der Automobilindustrie nicht erklären, dass er zur Rettung der Welt seinen Job verlieren muss. China und Russland blockieren Hilfeleistungen für Syrien, da diese einen Eingriff in die Souveränität des Staates Syrien bedeuten, die USA treten aus der WHO aus und Bolsonaro jubiliert - ich hab COVID und mir gehts gut. Ich hab doch gesagt es ist nur ein Schnupfen. Anzeichen für internationale Kooperation angesichts weltweiter Katastrophenszenario Fehlanzeige. Da fällt einem nichts mehr zu ein. 

 

112. 07. Juli 2020

"Glaub nicht alles was Du denkst" (Postkartenspruch)

Das Oberverwaltungsgericht befreit Gütersloh. Ein weiterer allgemeiner lockdown verstoße wegen des unterschiedlichen Infektionsgeschehens in den Gemeinden gegen den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit und Gleichbehandlung. Gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz verstößt eben auch, wer Ungleiches gleich behandelt. Man darf gespannt sein, ob nun auch umgehend die Einreiseverbote für Gütersloh wieder aufgehoben werden, reumütige Sünder die von ihnen angerichteten Lackschäden beseitigen und Spucker sich bei den Bespuckten für ihr Verhalten entschuldigen. Ach wär das schön.

Jens Spahn setzt sich vehement gegen die Aufhebung der Maskenpflicht im Einzelhandel aus, die von den Wirtschaftsministern einiger Bundesländer gefordert werden, die für Umsatzeinbrüche von 30% im Einzelhandel vor allem die Maskenpflicht verantwortlich machen. Jens Spahn begründet bei Phoenix vor Ort seine Ablehnung mit den Worten: `Die aktiven Infektionen auf der Welt nehmen zu`. Was jedoch das Infektionsgeschehen `auf der Welt`(Indien? Brasilien? USA?) mit der Infektionsgefahr in einem klimatisierten Kaufhaus in einem Bundesland ohne nennenswertes Infektionsgeschehen zu tun hat, in dem man obendrein Abstand wahren kann bleibt schleierhaft. 

"Sinnvoll sind die Masken nicht nur, weil sie das Virus bremsen. Sinnvoll sind sie auch als Signal: Corona ist nicht in die USA und nach Indien ausgereist." schreibt die Neue Osnabrücker Zeitung. Und Tagesschau.de zieht den Vergleich: "Das Argument `wir haben wenig Fälle und können deswegen locker lassen` zieht nicht. Mit der gleichen Logik könnte man sagen `Ich lass das jetzt mal mit der Verhütung sein, ist ja nichts passiert.`" Würde die Sinnhaftigkeit eines Signals genügen um eine Zwangsmaßnahme begründen ließen sich viele Verhaltensregeln alleine auf Basis angenommener psychologischer Effekte anordnen. Die Regierung hätte in diesem Fall einen Freibrief für Manipulationen menschlichen Verhaltens auf Basis psychologischer Annahmen - Angemessen? Verhältnismäßig? Die Freiheitsrechte, die geschützt werden sollen würden dann nicht etwa nur der Bekämpfung einer Seuche geopfert werden, sondern pauschalen Prävention, und dies auf Basis von Spekulation und Mutmaßung. An die Stelle medizinisch wirksamer Maßnahmen tritt dann die psychologische potenziell wirkungsvolle Maßnahme. Abschreckung als legales Mittel der Krisenprävention, Gesundheit als Gegenteil von Freiheit. Das wäre mehr als nur bedenklich, ist jedoch der Tenor bei den Verfechtern der Maskenpflicht, die auch vor kruden Vergleichen nicht zurückschrecken. Den Verzicht auf die Maskenpflicht mit Verzicht auf Verhütung gleichzusetzen ist aus mehreren Gründen grober Unfug. Erstens bedeutet der Verzicht auf die Maskenpflicht nicht, dass die Menschen auf die Maske verzichten (müssen), zweitens soll der Verzicht auf die Maskenpflicht nur im Einzelhandel gelten und dort auch nur, wenn der Mindestabstand eingehalten werden kann, drittens würde der Vergleich, den der Verfasser zieht dann auch für alle anderen Lockerungen gelten müssen, viertens wäre - wenn man im Vergleich bleibt - die Pflicht zum Tragen einer Maske im Einzelhandel unter Gewährleistung der Einhaltung von Mindestabständen vergleichbar mit der Verpflichtung, beim Geschlechtsverkehr auch dann ein Kondom zu benutzen, wenn die Frau die Wechseljahre hinter sich hat und der Mann sterilisiert ist, fünftens ist Verhütung freiwillig und sechstens (last but not least) wurde in der Fleischindustrie - um im Vergleich zu bleiben - exakt so gehandelt: trotz vorheriger Hotspots bei Westfleisch änderte die Fleischindustrie an den Arbeits- und Wohnbedingungen nichts. Ihr Argument: bei uns ist ja nichts passiert. 

Die Welthungerhilfe schätzt, dass aufgrund der Folgen der Corona-Katastrophe (Krise verniedlicht die Dimension) 1 Milliarde Menschen von Hunger bedroht sind. Im Klartext: vom Tode bedroht sind. Afrika. Indien. Über 10% der Weltbevölkerung. Was für ein Jammern auf hohem Niveau über Unannehmlichkeiten, die den Lebensstil stören. 

Die ersten 10 Tage dieses Blogs fehlen plötzlich. Ein Virus. Knabbert meine Biographie an. Der Systemadminstrator ist nicht zu erreichen. Ich weiß nicht ob es ein backup gibt. Der Zustand der Welt. Ein Virus greift an und es gibt kein backup. Hinter all dem steckt bestimmt Banksy.  

 

111. 06. Juli 2020

"Der Regelbetrieb in Schulen ist ein Menschenversuch auf Kosten der Gesundheit von uns Schülern, weil das Schulsystem an der Digitalisierung gescheitert ist." (Jannik Schilling, funky-Jugendreporter, WAZ). Der Teil mit dem Menschenversuch trifft zu, die Begründung eher nicht. Nicht von ungefähr lautet die Strategie "flatten the curve" und nicht "protect the people". Würde man alle Personengruppen möglichst wirkungsvoll schützen wollen, wäre nicht nur die Infrastruktur überfordert, das soziale und okonomische Leben käme zum Erliegen. Zudem: solange weder Impfstoff, noch Medikament existieren ist die Herdenimmunität die einzige, langfristige Perspektive. Dazu bedarf es weiterer Infektionen, nur nicht zu vieler, denn dann droht ein weiterer lockdown. 

Wer das zynisch findet kann ja einen Leserbrief schreiben. 

Auf ein Werbeplakat des Bundesministeriums für Gesundheit für die Corona-App hat jemand gesprüht: Demokratie - damit der Einzelne nichts ausrichten kann. Dieser Satz beinhaltet alle Vorteile und Nachteile der Demokratie. Ihr größter Vorteil: die Diktatur hat keine Vorteile, außer für Diktatoren und deren Vasallen.

Der Demokratie kann man nicht die Nachteile ihrer KandidatInnen für Ämter und Ehren anlasten. Denen müssen die freie Presse und das Wahlvolk selbst auf die Schliche kommen. Markus Söder proklamiert: Wer Kanzlerkandidat sein will, muss Krisen meistern können. Recht unverhohlen nutzt Markus Söder Corona als Karriere-Sprungbrett. Mathieu von Rohr hält in seiner Kolumne `Die Lage am Morgen` (SPON, 06. Juli 2020) fest: "Sein Bundesland hatte von allen die höchsten Fallzahlen und die meisten Toten." Das Krisenmanagement-Marketing Markus Söders ist deutlich besser als sein Krisenmanagement. Hoffentlich merken das genügend Widersacher: Kandidaten wie Söder müssen Krisen erzeugen um ihre Tatkraft wirkungsvoll inszenieren zu können. 

Mal wieder die Maskenpflicht. Zur Absicht einiger Wirtschaftsminister in den deutschen Bundesländern, die Maskenpflicht im Einzelhandel aufzuheben und durch Empfehlungen zu ersetzen, äußert sich Mathieu von Rohr wie folgt: `Unsere Freiheit beschränkt aktuell nicht eine Maske, sondern ein Virus. Bis es dagegen ein Mittel gibt, helfen Masken, unsere Freiheiten im Alltag zu bewahren.` Von Rohr verweist auf wieder steigende Infektionszahlen in Ländern ohne Maskenpflicht und Ländern, in denen die Maskenpflicht aufgehoben wurde. Er warnt vor einer Politisierung der Maske wie in den USA. Der Haken: Die Synchronizität der Aufhebung der Maskenpflicht mit steigenden Infektionszahlen suggeriert eine kausale Beziehung - dabei lassen sich steigende Infektionszahlen triftiger und plausibler mit den generellen Lockerungen begründen, die Zusammenballungen von Menschen im öffentlichen Raum inklusive im ÖPNV und das Arbeiten in Großbetrieben wieder erlauben, zum Teil begünstigen.  Der durch die Maske suggerierte Schutzeffekt ermuntert eher dazu sich in Situationen zu begeben, die eine Wahrung des Mindestabstandes nicht erlauben, was im Interesse der Belebung der Wirtschaft ist. Die Maske erfüllt also eine Doppelfunktion: sie signalisiert zugleich die weitere Notwendigkeit des Ausnahmezustandes und der Einschränkungen von Freiheitsrechten - und die Gefahrlosigkeit des Aufenthalts in Situationen, die eigentlich unbedingt zu vermeiden sind. Das Be-Vor-Mundungs-Instrument ist längst ein Politikum. Wie kein zweites Instrument erinnert es die Bevölkerung Tag für Tag an den Ernst der Lage, der die weitgehenden Handlungsvollmachten der Exekutive begründet und provoziert zu genau dem Verhalten, das die Politiker dazu veranlasst Leichtfertigkeit zu kritisieren und Disziplin zu fordern (insbesondere vom Berliner Innensenat). Es ist ja auch beides gewollt, damit genügend gekauft und gearbeitet und die Infektionsrate niedrig bleibt, aber nicht auf Null sinkt. Man hofft, dass Risikobereitschaft und Vorsicht sich zum Mittelwert florierender Konjunktur bei moderatem Infektionsgeschehen ausbalancieren. Diese Double-B(l)ind-Strategie kennzeichnet im übrigen auch die Tourismus-Politik der Mittelmeerländer. Sie locken Touristen an ihre Destinationen und legen dem Besuch gleichzeitig Hindernisse in den Weg: simultan um Touristen zu werben und sie abzuschrecken soll bewirken, dass die mit den Touristenströmen einhergehenden Infektionsrisiken beherrschbar bleiben ohne dass das Tourismusgeschäft komplett abgewürgt wird. Ob das klappt? In Gefahr und größter Not...

In einigen Tagen reise ich nach Italien: dort herrscht Maskerpone-Pflicht in den Cafes`. 

 

110. 05. Juli 2020

"Eine zivile demokratische Gesellschaft muss den Abstand überwinden, der jetzt physisch zwischen allen Einzelnen wegen der Infektionsgefahr eingehalten wird. Eine Demokratie kann nicht funktionieren, solange man im anderen Menschen eine infektiöse Gefahr sieht." (Daniel Ziblatt)

Genau (bin heute schreibfaul). 

Ich wandere durch Medien- und natürliche Landschaften. Das ist Arbeit und Struktur seit Beginn der Pandemie. Vor dem Presseclub `Immer wieder Sonntags`. Schlager- und Volksmusik ohne Grenzen der Geschmacklosigkeit. Hinterwäldler und Hinterseer schunkeln. Andy Borg singt: Ich bin der Borg. Widerstand ist zwecklos. Was wissen die Programmgestalter der ARD über ihr Publikum? Ich stelle mir die Schnittmenge der Zuschauer vor, die zunächst der Volksmusik und dann der Volksbelehrung lauschen. Mir wird ein wenig bang. 

Ein Spielfilm von 2017. `Die Spur`von Agnieszka Holland. Darin die Prophezeiung: `Pandemien werden die Rache der Tiere sein für das was die Menschen Ihnen antaten.` Sollte das zutreffen wird es nicht bei einer Pandemie bleiben.   

Gestern schlenderten wir durch den Sand an einem Baggersee. Über der spiegelglatten Wasseroberfläche tief hängende, bleigraue Wolken. Grau reflektiert Grau zum Grauen des Momentes. Wir leben in morbiden Zeiten, in permanenter Wachsamkeit, in denen wir vom Luxus des Vergessens träumen. Die Ufer des Sees fallen nahezu senkrecht ab. 

 

109. 04. Juli 2020

Häufig wird das industrielle Schlachten von Säuen missverstanden und verunglimpft als Tierquälerei. Das tut dem armen Schlachten unrecht. Es handelt sich vielmehr um Akte der Barmherzigkeit im Akkord, denn es erlöst die Säue vom Leiden der Kastenhaltung. Mit den Stimmen der grünen Ministerpräsidenten billigte der Bundesrat eine Novelle der Tierschutz-Nutztierverrohung, pardon, verordnung, die festschreibt: `Für die kommenden acht Jahre hat das Tier nun nicht einmal das Recht, sich im Liegen ungehindert ausstrecken zu dürfen`. Ein rascher Gnadentod ist daher im Interesse des Tierwohls und erspart Millionen von Säuen bis zu acht Jahren Qual. Da kann man verstehen, dass der `Deutsche Tierschutzbund, dem Tierleid eigentlich besonders am Herzen liegen sollte, den Beschluss einen Erfolg für den Tierschutz nennt.`(Michael Schießl, `Arme Säue`, SPON  03.07.2020). Vergegenwärtigt man sich, dass die auf acht Jahre befristete Kastenhaltung eine `Verbesserung` darstellt, gewinnt man eine eindrucksvolle Vorstellung vom Ausmaß menschlicher Grausamkeit.

Dass Raser ihren Führerschein zurück erhalten fügt sich in das Mosaik einer durch Lobbyismus deformierten Politik, die Zweifel daran aufkommen lässt, dass sie ihrer Schutzpflicht für das Wohl der von ihnen negierten, Verzeihung,  regierten Menschen nachkommt. Dass diese Zweifel - glaubt man den Umfragen - sich nicht auf die Qualität des Corona-Krisenmanagements übertragen, ist dem Zynismus der Mehrheit geschuldet. Die Mehrheit ist eine Lobby mit Erpressungspotential, da ihre Wahlberechtigung relevant für Ämtervergaben ist. Solange Regierungen die Interessen, Belange und Schutzbedürfnissen von Minderheiten zugunsten der Privilegien der `Mitte der Gesellschaft` ignorieren, haben die Mandatsträger gute Chancen auf Wiederwahl. Die Mehrheit erwartet nicht, dass möglichst alle Menschen vor Corona und seinen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen geschützt werden, sondern dass sie davor geschützt wird. Auch davor an die Ränder der Gesellschaft geraten, wo die armen Schweine hausen, die keine Lobby haben und über kein politisches Kapital verfügen. Die Mehrheit fordert politischen Opportunismus ein und ihre Zustimmung bedeutet daher keine Anerkennung politischer Integrität sondern Zufriedenheit mit der Vertretung ihrer kollektiven, egoistischen Interessen. 

 

108. 03. Juli 2020

Aufgrund der Maskenpflicht hebt sich das Vermummungsverbot auf. Ein Verdummungsgebot lässt auf sich warten. Deswegen kommen im Morgenmagazin von ARD und ZDF mittlerweile mit unschöner Regelmäßigkeit AfD-Abgeordnete zu Wort.

Die WAZ fragt ihre Leser allen Ernstes: `Sigmar Gabriel hat Tönnies beraten. Schadete er damit der SPD?` Aber nein. Die SPD erklimmt in Umfragen ungeahnte, nie da Rümelin gewesene Umfragewerte, Willy Brandt erhebt sich aus seinem Grabe um weltweite Sozialdemokratie zu wagen und die Menschen in Europa jubilieren: Alle Menschen werden klüger.

Es herrscht eine eigentümliche Pattsituation zwischen Weltuntergangsstimmung und Normalität. Die Wahlrechtsreform ist Thema des Tages in der politischen Berichterstattung. Achselzuckend öffnen Länder ihre Wirtschaft bei steigenden Infektionsraten. Das große Sterben als kleineres Übel. Jetzt, da es die zahlreichen Namenlosen erwischt und die Urlaubssaison gerettet werden soll erspart man den Konjunktouristen allzu unappetitliche Bilder. 

Ich bereite mich darauf vor, mein ursprüngliches Ich am Ort meiner Sehnsucht zu besuchen. Infiziere sein Paradies mit meiner Hölle. Warum soll es mir besser gehen als mir?

Was wirst Du sehen wenn ich Dir allmählich zu Leibe rücke, Dein Leben auf links ziehe? Maskierte an plexiglasparzellierten Stränden. Polizisten, deren Anzahl die der Urlauber deutlich übersteigt. Kadaver verhungerter Katzen in den Hinterhöfen geschlossener Restaurants. Freunde, die zu Bittstellern avancieren. Bewaffnete Touristen auf der verzweifelten Suche nach Schließfächern für ihre Wertsachen. 

Kohleausstieg 2038. Bis dahin sind wir voraussichtlich erstickt. Ich drehe den Ton ab, folge der scheineiligen Rhetorik der Hände. 

 

107. 02. Juli 2020

"Es ist, als entsteige man einer Verpackung von Christo" (Besucher einer zum ersten Mal nach dem lockdown geöffneten Ausstellung in Frankreich).

Redebeiträge in Debatten und Talkshows enthüllen mehr oder minder behutsam was es bedeutet mit dem Virus leben zu müssen. Je nach unseren Lebensumständen sollen wir mit einem unterschiedlich hohen Infektionsrisiko leben. Folgendes Rezept reduziert das Infektionsrisiko auf ein Minimum:  Meiden Sie Arbeit in Großraumbüros. Meiden Sie öffentliche Verkehrsmittel. Meiden Sie beengte Wohnverhältnisse. Wenn Sie unbedingt fliegen müssen chartern Sie einen Privatflug mit Ihnen und einer negativ getesteten Crew als einzigen Passagieren. Verbringen Sie Ihren Urlaub in coronafreien Ländern, vorzugsweise in Neuseeland. Seien Sie einfach steinreich. Aber bloß nicht steinalt.

Eine Pressekonferenz mit Ursula von der Leyen und Angela Merkel zur Deutschen EU-Ratspräsidentschaft. UvL: wir repräsentieren die Schönheit und Vielfalt Europas. Patagonien hat mich schon immer interessiert.

Ein israelisches Start-up-Unternehmen produziert vegane Steaks aus dem 3D-Drucker. So sollen das Klima und die Tiere geschützt werden. Damit die umweltfreundlichen 3-Drucker produziert werden können kratzen tausende Kinderhände Coltan aus dem Boden.  

Maybrit Illner versucht zaghaft das Gespräch auf das Thema ungleiches Infektionsrisiko entlang sozialer Unterschiede zu bringen. Interessiert kein Schwein, das gleicher ist als andere Schweine. Eine wohltuende Ausnahme stellt Jagoda Marinic dar. Sie konterkariert die blauweiße Selbstherrlichkeit Markus Söders in Sachen Corona-Bekämpfung mit der süffisanten Bemerkung, die Mortalitätsrate in bayerischen Alten- und Pflegeheimen sei höher als die in Schweden.  

Frau Schwesig relativiert im Rahmen ihrer Werbekampagne für Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern die Bedeutung der Bilder von maskenlosen Feierbiestern. Der Großteil der Deutschen sei sehr diszipliniert. Der Großteil der Deutschen ist schlicht und ergreifend verängstigt. 

 

106. 01. Juli 2020

Jubelnde Menschenmengen auf den Straßen, Plätzen und in den Geschäften. Ab heute gilt die reduzierte Mehrwertsteuer. Ob ich mich bei dem Trubel nach draußen traue?

Erstmal sehen was es Neues in der Welt gibt. Die Künstlersozialkasse (KSK) soll wegen rechtsradikaler Durchseuchung abgeschafft werden. Ich finde, da wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Die Künstler können doch nichts für die Verfehlung ihrer Versicherung. 

Wird das was mit Wandern heute? Was sagt der Wetterbericht? "Das Sturmtief Corona bestimmt das Wetter in NRW. Die Regenwahrscheinlichkeit im Ruhrgebiet liegt heute bei 80%. Aufgrund von orkanartigen Stürmen besteht die Gefahr umstürzender Bäume. Von Aufenthalten im Wald ist daher abzuraten, verschiedene Landstraßen sind gesperrt. Kommen wir zur Pandemievorschau: der Besuch von Biergärten und Restaurants in Recklinghausen sollte in den nächsten zwei Tagen vermieden werden. Am Wochenende wird die Zahl der Neuinfektionen im Raum Düsseldorf und Köln um voraussichtlich 20% steigen. Das Gesundheitsministerium empfiehlt aufgrund steigender Suizidraten gebührenden Abstand zu Hochhäusern zu halten." Ein Tag wie viele andere. Leider wird das heute nichts mit dem geplanten Gehindenwaldmarsch. 

Das Tagesgeschehen im Zeitraffer: die Befragung der Bundeskanzlerin gerät erwartungsgemäß zur Selbstinszenierung der AfD, deren simples Rezept zur Eindämmung der Pandemie nationale Abschottung ist. Das Virus und die Migranten sind in den Erzählungen der AfD austauschbar. Auf einen Gauland-Redebeitrag, der die Italiener reich- und die Deutschen armredet, reagiert ein FDP-Politiker trefflich. Er habe in der Schule gelernt, dass die Ideen, denen die AfD anhänge zu Millionen von Toten führt.

In einem Wasserschloss, das die identitäre Bewegung erworben hat, diskutieren der verbotene Flügel der AfD und der Blitzkriegausschuss der Reichsbürgerwehr wichtige Fragen: wie führt man Angriffskriege in Zeiten eines totalen nationalen lockdowns? Wie kann die Gleichschaltung der Corona-Viren so erreicht werden, dass sich nur noch Ausländer infizieren?

Die weiteren Debatten ziehen vorbei, während ich Schachpartien gegen Anna vergeige, ein palindromisches Computerprogramm. Grundrente Pandemographie Reisehinweise Transaktionssteuer Lösungen für Probleme einer Welt, die nicht mehr von dieser Welt ist. Wir klammern uns an Probleme, die uns vertraut sind.   

Erlebt L-DOPA eine Renaissance? Karl Lauterbach und Hendrik Streeck gemeinsam bei Lanz. Ein Hauch von Robert de Niro und Al Pacino in Heat. Der Mann ohne Fliege (er trägt sie nicht mehr, weil er glaubt, durch den Verzicht ein jüngeres Publikum besser zu erreichen...Herje...) malt Schreckgespenster. Es gebe Anzeichen dafür, dass die Gehirne der Genesenen einer COVID19-Erkrankung rascher altern. Man wisse ja nichts über die Spätfolgen. Er erinnert an Encephalitis lethargica, mutmaßlich Spätfolge der Spanischen Grippe. Encephalitis Lethargica, die Europäische   Schlafkrankheit, kennen wir aus dem Film `The Awakening` nach einem Text von Oliver Sachs (`Der Mann der seine Frau mit einem Hut verwechselte`) womit wir wieder bei Robert de Niro sind. Karl Lauterbachs morbide Faszination für epidemiologische Endzeitszenarien beschwört lustvoll den worst case herauf. Aus jedem noch so unbedeutenden Detail und Sonderfall extrapoliert er die zwangsläufige Katastrophe, so wie Verschwörungstheoretiker jeden beliebigen Sachverhalt als Indiz deuten, das ihre Theorie stützt. Aus der schlimmst möglichen Ausnahme macht er das Schlamassel das uns alle erwartet, wenn wir nicht sachgerecht unsere Masken waschen und unser Leben als Robinsonade ohne Freitag führen. Hendrik Streeck setzt dem eine simple Frage entgegen: wie lange sollen wir das durchhalten? Fröhlich redet er der Inkaufnahme von Infektionen das Wort, weil nur das den Menschen die Perspektive gebe, der Spuk sei irgendwann vorbei. Sonst müssten wir auf unbestimmbare Zeit in einer Welt in Angst und Isolation leben, was psychologisch und wirtschaftlich (bekannter Maßen Kehrseiten einer Medaille) verheerende Folgen hätte. Da spricht er einen schwerwiegenden Satz gelassen aus - denn die Duldung von Infektionsketten ist unausgesprochen politisches Programm. Anders ist schwer zu erklären, dass man um 7 Uhr morgens als einziger Gast in einem Cafe` einen Zettel mit personenbezogenen Daten ausfüllen muß, während man in den Sardinenbüchsen des ÖPNV durch den feuchten Mundschutz das Mittagessen seines anonymen Sitznachbarn schnuppert und sowohl auf Datenerhebung, als auch auf Zutrittsbeschränkungen gepfiffen wird. Der Tenor lautet: Riskieren sie ihre Gesundheit und ihr Leben, aber nicht zu sehr. 

Egal ob man es mit Klabautermann oder Streeck hält: wenn man überhaupt je mit dem Thema durch ist und uns das neue Schweinegrippevirus verschont, so wird dies lang genug dauern, damit die verheerenden ökonomischen, sozialen und psychologischen Begleiterscheinungen der Pandemie ihre volle Wirkung entfalten. Was wir derzeit erleben, ist nur der durch Konjunkturmaßnahmen, verbale Beruhigungspillen und Kurzarbeit gedrosselte Beginn. Das verlegene Schweigen ausgangs der Sendung hinterlässt den Eindruck, als wäre dies allen Beteiligten erst während der Argumentation klar geworden. Die Autisten in der Zirkuskuppel - ratlos. 

 

105. 30. Juni 2020

Ein Tag ohne Corona. Derzeit so unvorstellbar wie vor einigen Monaten ein Tag in der Pandemie. Und doch: das Außergewöhnliche wird so stinknormal, dass im ZDF/ARD- Morgenmagazin heute zum ersten Mal seit Beginn der Neuen Zeitrechnung kein Beitrag zum Thema Corona und seine Folgen ausgestrahlt wird. Wir leben in der Pandemie. Das ist doch nichts Neues  und keine Nachricht wert.

Die Pandemie ist Alltag. Menschen gewöhnen sich und werden an das Risiko gewöhnt. Je dichter sie arbeiten und leben müssen, desto größer das Risiko. Je weniger sie verdienen, desto voller die Züge im Öffentlichen Personennahverkehr. Zugfahren schont den Geldbeutel. Schwarzfahren ist auch dank Arbeitsschutz für das Zugpersonal ohne Risiko. Durch dichtgedrängte Menschenmengen zwängt sich kein Kontrolleur. Die Herde schützt zwar nicht vor Infektion, aber vor Bußgeldern. Ich mittendrin in einem überfüllten Regionalexpress. Die Klimaanlage läuft nicht. Entweder funktioniert sie nicht oder sie darf nicht laufen, weil es sich um die selbe Anlage handelt, die in den Schlachthöfen die Aerosole zirkulieren lässt. Mein Sitznachbar telefoniert lautstark mit kräftiger Stimme und heruntergeklapptem Mund-Nasen-Schutz. Ich möchte flüchten und verfluche meinen Fensterplatz. Draußen zieht eine unerreichbare Welt an mir vorbei, durch eine kalte, polierte Membran aus Glas von mir getrennt, das Zugfenster symbolisiert die Ausweglosigkeit meiner Lage. Ich sehe durch mein blasses Spiegelbild hindurch auf weite, menschenleere Felder, durch die ich gerne fliehen würde. Mein Sitznachbar ist ein unüberwindliches Hindernis. Was solls. Den Gang verstopft ohnehin ein Zement aus Körperteilen, Gepäckstücken und Rollatoren. Durch die Stofffetzen vor den Mundpartien diffundieren Duftwolken von Fastfood und vermischen sich mit anderen unbeschreiblichen Aromen. Mund-Nasen-Schutze, für die einen ein Hohn, für andere ein Beruhigungsmittel, kommen sich nahe und berühren sich. Sie schützen auf diese Distanz so wirkungsvoll gegen Viren, wie ein Aluhut in Tschernobyl gegen radioaktive Strahlung. Ginge es darum, die Bevölkerung vor Infektionen zu schützen wären überfüllte Züge ein Ding der Unmöglichkeit. Mir ist kodderig vom eigenen, feuchten Atem, schwülwarm und sauerstoffarm. Ich denke an Viehtransporte und ein Hörspiel von Günter Eich. Kann kaum fassen, wie lange 90 Minuten sein können (die Erinnerung an diverse Fußballdramen verblasst, wird überlagert von der sterilen Kälte der Geisterspiele mit ihren Geisterspielern). Ankunft. Die Menschenmenge im Gang klemmt mich ein, schiebt mich Richtung Tür, die uns ausspeit. So rasch wie möglich entfernen wir uns voneinander. 

Die Masken sind zu Accessoirs avanciert. Sie werden entweder als Halsketten oder als Armbinde spazieren geführt. Vor mir läuft ein junger Mann, der seinen Schnutenpulli um den Oberarm gespannt hat. Auf dem Stoff steht: `Mannschaftskapitän`. Ist bestimmt ein Wortführer.

Wenn ich es überleben sollte werde ich nie wieder Zug fahren. Sollte ich mir diesen Verzicht leisten können.  

Man fängt an zu begreifen, was "Flatten the curve" für das alltägliche Leben bedeutet: es bedeutet nicht den Schutz aller Menschen vor einer Corona-Infektion, sondern die billigende Inkaufnahme von Risikofaktoren, deren Beseitigung einen zu hohen organisatorischen und finanziellen Aufwand bedeuten würde. Der Preis dafür besteht im Hinnehmen höherer Infektionsrisiken für sozial und ökonomisch schwächere Gruppen, deren Möglichkeiten physische Nähe zu Anderen an ihrem Arbeitsplatz, in ihrem Wohnraum und auf ihren Wegen zwischen Arbeits- und Wohnumgebung zu vermeiden eingeschränkt sind. `Flatten the curve` heißt nicht Infektionsvermeidung, sondern die Reduzierung der Infektionsrate auf ein Maß, bei dem weder das Gesundheitswesen überfordert ist, noch zu viele organisatorische und logistische Veränderungen vorgenommen werden müssen. Den Preis zahlen wie üblich die Schwächsten.

Armin Laschet ist ausdrücklich dafür zu loben, dass er das Krisenmanagement auch seiner eigenen Regierung dafür kritisiert, nicht ausreichend die Folgen des Lockdowns für besonders benachteiligte Gruppen berücksichtigt zu haben. Es sei eine klare Forderung an die Verantwortlichen inklusive ihn selbst, die Belange zum Beispiel von Obdachlosen bei dem Umgang mit einer zweiten Welle oder einer weiteren Pandemie deutlich stärker in dass Krisenmanagement mit ein zu beziehen. Dieses Quantum Selbstkritik und Sensibilität für soziale Belange lobend hervorheben zu müssen ist beschämend.  

 

104. 29. Juni 2020

Mitri Sirin, Moderator des ZDF/ARD-Morgenmagazins, reagiert fassungslos bis entsetzt auf die Kritik der Fraktionsvorsitzenden der Linken, Amira Mohamed Ali, am Wumms-Programm der Bundesregierung. Es gebe keine Förderungen für die Ärmsten der Gesellschaft, für Obdachlose und Hartz4-Empfänger. Irritiert bis empört fragt er, wie denn derartige Förderungen der Wirtschaft helfen würden? Die Offenheit, mit der im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit für irrelevant erklärt wird entspricht einer häufig zu hörenden Zeitgeist-Floskel der äußersten Rechten: Das wird man doch wohl noch sagen dürfen. So perplex wie Mitri Sirin auf die Kritik der Linken reagiert ist das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen schon einen Schritt weiter - es geht nicht darum, was man wohl noch sagen darf, sondern schon darum, was man nicht mehr sagen darf. Was erlauben Sie sich in Zeiten einer Wirtschaftskrise von sozialer Gerechtigkeit zu faseln? Nicht verblüffend, gleichwohl erschütternd.

In der selben Sendung darf der gefühlte Kanzler Markus Söder erneut das Märchen verbreiten, die hohe Zahl an COVID19-Toten in Schweden habe etwas mit der Freiwilligkeit von Maßnahmen in Schweden zu tun und betreibt Marketing für die Fortsetzung der Einschränkung von Grundrechten und die Beibehaltung von Verboten. Er rechtfertigt die Reiserestriktionen für die Einwohner des Landkreises Gütersloh, die sich selbst mit negativem Corona-Test drei Mal überlegen werden, ob sie sich mit Gütersloher Kennzeichen aus ihrem Landkreis heraus trauen, wenn ihnen ihr Autolack lieb ist. Am liebsten wäre es Markus Söder natürlich, würden sich alle Menschen dieser Welt alle paar Tage freiwillig testen. Daher will Bayern Corona-Tests für alle bereitstellen: wer könnte ein solches Geschenk ablehnen? Wird man dann auch von seinen Mitmenschen empört gefragt werden, wenn man es nicht annimmt. Sozialer Druck ist wirkungsvoller und preiswerter als Zwang.

Jens Spahn antwortete gestern bei Berlin direkt auf die Frage, warum der Schutz für die wirtschaftlich und sozial Schwächeren vor Corona-Infizierung keine Priorität hat, obwohl die Bundesregierung immer wieder betont man wolle keine Zweiklassengesellschaft wie folgt: jeder könne sich in Deutschland testen und behandeln lassen. Im Interview fällt nicht einmal das Stichwort Prävention - denn die würde andere Formen der Unterbringung von ärmeren und/oder geflüchteten Menschen und andere Arbeitsbedingungen in Betrieben fordern. Der Schutz dieser Menschen vor Infektion hat jedoch keine Priorität. Wichtig ist lediglich, dass Infizierte identifiziert, isoliert und behandelt werden, bevor das Virus sich unter denjenigen verbreitet die Konjunktur und Wirtschaft durch Kaufkraft und Arbeitskraft ankurbeln sollen. Die Pandemiebekämpfung rechtfertigt aus Sicht der Regierung die Vernachlässigung sozialer Aspekte und eine weitgehend begründungsfreie Fortsetzung von Zwangsmaßnahmen, deren legitimer Zweck, Eignung, Erforderlichkeit und Angemessenheit kaum noch in Frage gestellt wird. Weder Druck aus der Bevölkerung, noch nennenswerter Widerstand aus der Opposition setzen derzeit der Umkehr des verfassungsgemäßen Begründungszwangs etwas entgegen - begründet werden müssen derzeit nicht die Maßnahmen, sondern deren Aufhebung. Beklemmend und im Gegensatz zur Intention von Grundgesetz und Verfassung. 

Ebenso beklemmend wie folgende Begründung für den Beibehalt der Maskenpflicht in NRW: `Die Landesregierung wird die Corona-Schutzverordnung wohl beibehalten, weil alles andere ein völlig falsches Signal aussenden würde. Der Zwang zur Maske beim Einkauf oder in der Bahn und die permanente Ermahnung, Abstand zu halten, sind eine sinnvolle Erinnerung, dass die Pandemie längst nicht vorbei ist. Das ist ein Wert an sich, selbst wenn viele Mediziner mit Grausen beobachten werden, wie der Mund-Nase-Schutz im Alltag oftmals benutzt wird.` (Tobias Blasius, `Die Maske als Mahnung`, WAZ Kommentar von heute). Also: legitimer Zweck, Eignung, Erforderlichkeit und Angemessenheit einer Maßnahme werden aufgrund ihrer psychologischen und ihrer Signalwirkung als gegeben vorausgesetzt. Eine didaktische Absicht und eine Befürchtung sind diesem Kommentator Grund genug für die unbefristete Aufrechterhaltung eines Zwangs. Sinn der Verfassung ist es, hohe Schwellen für die Einführung und erst recht Beibehaltung der Einschränkung von Grundrechten zu errichten. Tiefer als Herr Blasius diese Schwellen senkt kann man sie kaum senken, indem er psychologische Absichten als hinreichende Begründung ansieht. Wie hanebüchen eine küchenpsychologische Begründung für die Maskenpflicht ist demonstriert schlaglichtartig der vom Autor selbst beklagte laxe und medizinisch sogar gefährliche Umgang der zwangsmaskierten Bevölkerung mit ihrem Schnutenpulli: Ihn stört deren Verhalten. Die Widersprüchlichkeit seiner Argumentation stört ihn nicht. 

 

103. 28. Juni 2020

"Seit Tagen regnet es ohne Unterlass. Für diese Region und Jahreszeit ungewöhnlich. Das macht es mir leicht mich zu barrikadieren, nicht vor die Tür zu gehen. Ich benötige keine Ausrede dafür nichts zu tun und empfinde den Regen als Schutz. Der sintflutartige Regen hält Besucher aus aller Welt fern. Wie lange noch? Die ecuadorianische Seuche hat Deutschland erreicht. Inmitten einer Hitzewelle riegelt die Landesregierung eine Stadt in der Nähe von Bochum komplett ab. Polizisten patrouillieren mit MG im Anschlag an den Stadtgrenzen. Bilder von nächtlichen Lastwagenkolonnen werden wiederholt auf allen Kanälen gezeigt, die Landesregierung von NRW leugnet, dass es sich um Leichentransporte handelt, die Bundeswehr transportiere im Rahmen eines Amtshilfeverfahrens Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs in die Quarantänezone. Man fahre aus Arbeitsschutzgründen nachts, wenn die Temperaturen unter 30 Grad fallen. Hier gießt es in Strömen, in Deutschland gibt es mehrere Stunden am Tag kein fließendes Wasser. Ich frage mich ob mein Ego-Stalker zu mir unterwegs ist und hoffe, dass es bis an mein fernes Lebensende weiter regnet."

 

102. 27. Juni 2020

Lange, heiße Tage, kurze Texte. Keine Lust mehr in der Wohnung zu hocken, sich von aufgewärmten Covid-Eintöpfen zu ernähren und Bildschirmwelten zu kommentieren. Notrationen, zurecht gelegt im Winter, sind aufgebraucht. Der Kühlschrank wird nicht neu aufgefüllt, denn eigentlich möchte man lange verreisen. Im Sommer klingen die Vögel als wären sie weit weit weg, das schürt das Fernweh. Gleichzeitig ist man morgens schon träge von der absehbaren Hitze des Tages. Was tun, wenn die Angst vorm Fliegen einen in Schach hält? Vielleicht eine Woche in Gütersloh verbringen, bei den bundesweit Geächteten. Schließlich gilt die Reisewarnung nur für die Österreicher.  

All die Serien in denen Parallelwelten, Wurmlöcher, Tunneleffekte eine Rolle spielen. Eine neue Staffel von `Dark`. Das haben wir nun davon, dass die Phantasie mit uns durchging. Niemand sollte da sein wo er jetzt ist.

In der ersten Folge der Dritten Staffel von `Dark` wird gefragt: `War es nicht das was Du Dir gewünscht hast? Eine Welt ohne Dich?` Nicht eine, diese Welt. Ich wünschte mir mich ohne diese Welt.

`In den USA` unkt mein Freund, `gibt es eine Massenarbeitslosigkeit. Und die haben alle Waffen`. Mein Blick fällt auf ein Plakat, das Werbung für eine Festivität des `Kleingartenvereins Friedliche Nachbarn Bochum-Waffenscheid` macht. `Lust auf n Bier?´ frag ich ihn. Er nickt. `Klar. Bier ist Notwehr.` 

Apropos Kopfnicken. Segelechsenmännchen signalisieren durch Kopfnicken Paarungsbereitschaft und können dank Luftkissen, die sich unter ihren Füßen bilden über Wasser laufen wie Jesus Christus. Dass ich solche Dinge weiß verrät meine Ratlosigkeit im Umgang mit der Lage.

 

101. 26. Juni 2020

Idil Baydar! Musste gestern bei Maybrit Illner nicht Kabarett spielen, um strukturellen Rassismus bei der Polizei anzuprangern.  Wütend und pointiert zieh sie Wolfgang Bosbach der Realitätsverleugnung, dessen Mantra der Polizist als Bürger in Uniform ist, der nicht rassistischer ist als die Mitte der Gesellschaft. Das wäre schon schlimm genug, ist aber nicht der Punkt. Idil Baydar, die regelmäßig Morddrohungen aus dem rechtsradikalen Milieu erhält, prangert methodisches racial profiling der Polizei an, womit praktisch jeder Mensch mit Migrationshintergrund in Deutschland Erfahrung habe. Offenbar verspürt sie wenig Lust in den Choral derer einzustimmen, die eine Solidarisierung der Bevölkerung mit der schutzlos journalistischen Schmähungen ausgesetzten Polizei fordern. Stattdessen solidarisiert sie sich zum Entsetzen der betreten dreinblickenden Runde mit Hengameh Yaghoobifarah, deren Text nichts anderes sei, als die Spiegelung des Sprachgebrauchs, der Schmähungen gegen Migranten, Flüchtlinge und andere undeutsch aussehende Verdächtige kennzeichne, nur dass sie die Diskriminierten durch Polizisten ersetzt. Mutig, gallig, provokant - große Klasse. Yaghoobifarahs Artikel ist dennoch Müll, denn diese Deutung legt der Text nicht nahe.  

Ein neuer Euphemismus klingt durchs Land: Pretestquarantäne für das Wegsperren von Personen, die in Verdacht stehen vielleicht mit jemandem Kontakt gehabt zu haben der infiziert ist. Der nächste Schritt wäre Menschen in Quarantäne zu schicken, damit sie sich nicht anstecken können. Das heißt dann vorbeugende Quarantäne.

Das neue Grundsatzprogramm von Bündnis 90/Die Grünen wird vorgestellt. Nichts könnte mich mehr interessieren. 

In Münster sollen Besucher aus Gütersloh und Warendorf überall im öffentlichen Raum Mund-Nasenschutz tragen - unabhängig von der Frage, ob der Mindestabstand gewahrt werden kann oder nicht. Einen erkennbaren medizinischen Grund für diese Ungleichbehandlung der Gütersloher und Warenburger existiert nicht. Der einzige erkennbare Grund besteht in der Absicht, Besucher ais Gütersloh und Warendorf fern zu halten. Widerlich.  

Bundespressekonferenz: Der Dreitagebart von Tilo Jung wird mit jeder ausweichenden Antwort der Regierungsvertreter immer länger, sein Teint immer blasser: so sieht ein Journalist aus, der verwissensdurstet. 

Sehnsucht nach anderen Themen, nach Orten und Zeiten ohne Corona. Der Blick zur Sichel des Mondes, entschärft durch Schleierwolken. Was haben die Menschen, die Spuren auf dem Mond hinterließen, nach ihrer Rückkehr zur Erde bei diesem Anblick gefühlt?

Ich weiß weder ob ich aus- noch einreisen darf. Der Gesundheitsminister beschwichtigt: Niemand hat vor eine Mauer zu bauen. Ich hadere und zweifele. Wenn ich schon da bin, am Ort meiner Sehnsucht, sollte ich mich ohnehin nicht aufsuchen. Ich könnte mich infizieren. 

 

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