Loading color scheme

Die Umpolung

 

"Sich die Hände in Unschuld waschen schützt nicht vor Ansteckung„

 

27. Oktober

Für den lockdown spricht bei allem epidemiologischen Für und Wieder der Anschein er treffe alle gleichermaßen, so dass der Diskussion über die Unwucht zwischen den geforderten Einschränkungen im privaten Bereich und der Inkaufnahme von Infektionsrisiken in Arbeitswelt, ÖPNV und Bildungswesen ein wenig der Zahn gezogen wird. Aus Sicht einer Pflegekraft oder eines Verkäufers im Supermarkt ist das zwar ein Hohn, doch die stellen nicht die Mehrheit der Bevölkerung.

Logisch ist es auch, die Menschen dazu anzuhalten zu Hause zu bleiben - mögen auch die Ansteckungsrisiken in geschlossenen Räumen höher und in der Gastronomie geringer sein, so hat die Fixierung der Menschen auf Fernsehsessel und Homeoffice den Vorteil, dass man immer weiß wo sie sind und somit Infektionsherde leichter nachzuvollziehen sind. Ist jedoch ein zu unschöner Gedanke, als dass er geeignet wäre `die Menschen mitzunehmen`. Die ohnehin schon mitgenommen genug sind. 

Einen markanten Kontrapunkt zu exponentiellem Wachstum bildet bisweilen die plötzliche, erdmännchenhafte Hab-Acht-Haltung von Gruppen. Bis gestern: volle Cafe´s und Fußgängerzonen, als bestünde keine Gefahr. Kaum treten drastische Regelungen in Kraft verwandeln sich belebte Städte in Geisterstädte auch zu Uhrzeiten, in denen der öffentliche Raum keine Tabuzone ist. Eben war noch alles harmlos, jetzt ist das Weltende nah (Arbeitsplatz von  Karl Lauterbach: der Apokalyp-Tisch). Da kann man die Geschäfte ruhig offen lassen - traut sich eh keiner rein. 

 

 

26. Oktober

Was eigentlich folgt nach dem nächsten lockdown? Reiserleichterungen, Öffnungen, und nach zwei Monaten geht das Theater von vorne los? Corona-Jojo.

Die Bemerkung von Angela Merkel: `Das wird nicht reichen um Unheil abzuwenden` mag man als alarmistisch bezeichnen. Das sagte man auch bei ihrer Hochrechnung: 19.200 Fälle pro Tag zu Weihnachten. Wenn dies damals damals untertrieben war: was ist eigentlich der Superlativ von Unheil? (Friedrich Merz?).

Merz beiseite - der vorgebliche Alarmismus könnte sich (was besser ins Persönlichkeitsprofil von Angela Merkel zu passen scheint) als understatement entpuppen. Dass Angie die Formulierung als Menetekel in den öffentlichen Raum stellte war insofern ungewöhnlich und daher bemerkenswert, als die Naturwissenschaftlerin Merkel in für sie untypischer Weise diesmal nicht mit Zahlen operierte, die ihre Feststellung untermauern, wohl deshalb, weil aus ihrer Sicht die Zahlen für sich sprechen (weswegen der podcast von der Vorwoche schlicht und ergreifend im Wortlaut wiederholt wurde). Das war das Beunruhigende an dieser Aussage und sollte wohl auch diese Wirkung haben. Merkwürdiger Weise - gegebenenfalls aus Furcht vor den Antworten - wurde nicht gefragt, ob das Unzureichende im qualitativen, im quantitativen Bereich oder gar in der Gesamtstrategie besteht. Man darf gespannt auf die Ergebnisse der auf Morgen vorgezogenen Gespräche mit den MinisterpräsidentInnen sein.  

 

25. Oktober

Eine hanebüchene Verdrehung der Tatsachen stellt die Schlagzeile dar: `Zahl der Millionäre in Deutschland steigt trotz der Corona-Krise.` Sie steigt wegen der Corona-Krise wie der CS Global Wealth Report ausführt, auf den der unter dieser Schlagzeile verfasste Artikel der Redaktion des "Private Banking Magazins" vom 23.10.2020 verweist. Immobilien nehmen an Wert zu, und dass Amazon-Aktien im Wert steigen ist wenig verblüffend.

Die Binsenweisheit von Corona als "Brennglas", das Missstände deutlich macht, hat sich abgenutzt. Dennoch verschärft die Große Corona-Depression in der Tat Kontraste bis zur Groteske. Sieht man sich derzeit die gut gelaunten, hochmotivierten und vor allen unmaskierten Akteure in Werbeclips an, hofft man, dass diese Verhöhnung des Publikums wenigstens zu Misserfolg führt. Zu befürchten ist jedoch, die Sehnsucht nach heiler Welt nehme derart zu, dass die Zuschauer sich regelrecht auf die Halbzeitpausen der Erstliga-Partien vor leeren Rängen freuen. 

 

24. Oktober

Räumt man ein, dass Dr. Markus Söder weiß was er sagt und warum er es sagt dann muss man ihm bei folgender Äußerung gemeingefährlichen Vorsatz unterstellen: `Die Maske ist das Präventionsmittel schlechthin. Die Maske hilft, mehr Normalität zu ermöglichen. Mit der Maske gibt es mehr und länger Chance auf Kontakte als ohne Maske.`(BR.de, 19.10.2020). Zur Erinnerung: die Maske soll getragen werden zur Risikoreduzierung in Situationen, in denen der Sicherheitsabstand nicht gewahrt werden kann. Söders Einlassung indessen insinuiert, dass der Nasen-Mundschutz Kontaktbeschränkungen und sozialen Abstand ersetzt und dass man mit der Maske die einzig effektiven Maßnahmen von Eigen- und Fremdschutz (Kontaktbeschränkung und Abstand) locker nehmen kann. Genau das ist nicht Zweck der Maske - Abstand und Kontaktbeschränkungen sind unabhängig von der Maske einzuhalten, denn sie reduzieren das Infektionsrisiko nicht nur, sondern vermeiden es im Idealfall. Söders Maskenplädoyer indes suggeriert, dass man es mit den wirkungsvollen Maßnahmen legerer halten kann, wenn alle sich an die Maskenpflicht halten. Eine solche Propagenda freut Arbeitgeber und Verkehrsbetriebe, grenzt jedoch an vorsätzliche Körperverletzung.

Leider steht den Möglichkeiten zur Kontaktreduzierung eine Realität im Weg, die ein Kommentator auf Spiegel Online prägnant skizzierte: `Wäre denn einer der Politiker auch mal bereit mir zu erklären wie ich das machen soll? Morgens 4.45 geht meine Straßenbahn quer durch die Stadt, völlig überfüllt, da sie um diese Zeit nur alle 20 min. fährt. Danach stehe ich 8 Stunden mit ca. 400 Kollegen in der Halle, teilweise zu 4. im Auto, Abstand teilweise unter 50cm. Zum Feierabend wieder in der Bahn, natürlich überfüllt, weil ca. 7000 Kollegen zur selben Zeit Feierabend haben.` Daran wird sich nichts ändern - deswegen sollst Du glauben, die Maske sei ein Allheilmittel, denn wenn Du das glaubst machst Du den Zirkus weiter mit.

Kaum hinterfragt wird inwieweit die Gewichtung der Instrumente zur Pandemiebekämpfung in einen angemessenen Verhältnis zu ihrer Wirkung steht. Man könnte angesichts der herausragenden Hervorhebung der Wichtigkeit von Masken meinen nicht Abstand und Kontaktbeschränkungen seien die effektivsten Mittel, sondern das Tragen des Mundschutzes. Dieses Missverhältnis ist gewollt - denn damit das Arbeits- und Geschäftsleben ohne allzu großen Änderungsdruck weiter laufen kann bedarf es der Illusion man sei geschützt. 

Aus Sicht eines Panoptikers ist die Maskenpflicht ein Segen - denn die Maske dient als simple, offensichtliche Markierung. Man erkennt wer sich regelkonform verhält und wer nicht. Setzt man Maskenträger mit den Vernünftigen gleich sind die Unvernünftigen für jedermann leicht zu erkennen und auszusondern. So einfach kann man es sich machen.

Ein Experiment mit Hamstern belegt die schützende Wirkung von Stoffmasken (...bei Hamstern...). Ob die Master gekauft waren? (Es ist spät, ich bin müde und betrunken und mir fiel keine bessere Anspielung auf Hamsterkäufe ein... buona notte...)

 

  

  

 

  

 

23. Oktober

In Gefahr und großer Not / bringt der Mittelweg den Tod

Die sprunghaft steigenden Infektionszahlen grade in den Ländern, die auf lockdowns, Verpflichtungen, Anordnungen bei der Pandemiebekämpfung setzten und dem lock-down die Lock-erungen folgen ließen lassen sich nur schwer als Erfolgsgeschichte des eingeschlagenen Weges interpretieren. Man muss kein Prophet sein um vorauszusagen, dass die Zahl derer zunehmen wird, die angesichts des Exponentialhorrors der Inzidenzen den Glauben an die schützende Wirkung der Maßnahmen verlieren und sich entsprechend verhalten. Zudem wird beim einen oder anderen der Gedanke im Hinterkopf eine Rolle spielen, dass der Spuk der Kontaktbeschränkungen, der Vermummung und Hyäneregeln desto eher vorbei ist, desto schneller die Durchseuchung voranschreitet. Über diejenigen, die gar nicht die Gefährlichkeit von COVID19 leugnen, aber schlicht und ergreifend die Infektion so schnell wie möglich hinter sich bringen wollen um sich auf diesem Weg des Pandemieschattens zu entledigen wird noch gar nicht geredet: man unterstellt den `Feierbiestern` schlicht Ignoranz, statt Strategie. Eine dritte Gruppe - die mittlerweile gelegentlich auch in Talkshows zu Wort kommt - sieht im Setzen auf Verbote und Sanktionen einen Treiber für Reaktanz, die sich in Verweigerung gegenüber sinnvollen und hilfreichen Maßnahmen wie social distance und Kontaktbeschränkungen äußert. Eine weitere Gruppe wird bestimmte als wirkungsvoll erachtete Verhaltensregeln einhalten, andere nicht - und dann ist da die Dunkelziffer derjenigen, die laut Umfragen alle Verhaltensregeln für richtig erachten und befolgen, aber sie dennoch nicht immer einhalten. Wie wir wissen ist das mit der Ehrlichkeit bei Umfragen so eine Sache...laut einer Umfrage aus den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts besaß praktisch niemand in Deutschland eine Platte von Heino...

Zu behaupten, die Gesellschaft zerfalle in wenige, fahrlässige Unvernünftige, die gegen Regeln verstoßen und diejenigen, die sie immer einhalten, spielt zwecks Legitimation von Verboten und Strafmaßnahmen gesellschaftliche Gruppen gegeneinander aus, die in dieser Reinform und scharfen Abgrenzung nicht existieren, in den Köpfen der Adressaten führt das Anprangern dann aber zur realen Schuldzuweisungen. Wie meistens ist die Realität komplexer, differenzierter und unschärfer: es ist mehr als zweifelhaft ob die permanente Alarmstimmung und die Proklamation von Verhaltensregeln per Anordnung der oben nur angerissenen Komplexität der Motivationen gerecht wird. Dass Verbote und Abschreckung durch Sanktion dauerhaft keine wirksame Strategien sind, um Regelverstöße zu unterbinden dafür gibt es - die Todesstrafe in den USA mag als Beispiel dienen - zahlreiche Belege. Jagoda Marinic, gestern zu Gast bei Maybrit Illner, hält die Fixierung auf wenige `Unvernünftige` für verfehlt, da man diese auch durch Verbote und Sanktionen nicht wird belehren können. Vielmehr komme es langfristig darauf an, möglichst viele Menschen von der Wirksamkeit von Maßnahmen zu überzeugen. Wie es der Journalist Georg Mascolo bei Maybrit Illner formulierte: Repression geht schlecht zusammen mit Prävention. Überspitzt gesagt: Verbote und Kontrollen sind Eingeständnis mangelnden Vertrauens in die Überzeugungskraft der Argumente für die Maßnahmen, die man anordnet.  

In der Politik geht nicht nur die Angst vor der exponentiellen Entwicklung des Infektionsgeschehens um, sondern auch vor einem exponentiellen Vertrauensverlust. Diese Gefahr wird nicht kleiner dadurch, dass Verschärfungen von Maßnahmen und Sanktionen bei der zweiten Welle nicht mehr als rasches Handeln auf ein bislang beispielloses Bedrohungsszenario erlebt werden, sondern als Reaktionen, die erfolgen, weil man Prävention unterließ. Die `Ausrede` man habe bei der ersten Welle noch zu wenig gewusst zieht jetzt nicht mehr - das Handeln der Entscheider wird als zu spätes Eingreifen erlebt, wo man hätte vorbeugen sollen. Es mag ja sein, dass die Regierenden auch im Sommer betont haben, die Pandemie sei noch nicht vorbei - gleichwohl erzeugten die Lockerungen von Maßnahmen, die Wiederaufnahme des touristischen und gastronomischen Betriebes das Gefühl, der Aufwand habe sich gelohnt und das Ganze sei eine einmalige, nun überwundene Ausnahmesituation mit vielleicht einigen regionalen `Nachbeben` gewesen. Auf die Willkür, mit der das Virus sich ausbreitet folgt die Heftigkeit des Kurswechsels hin zu erneuten Freiheitsbeschränkungen, die als Willkür der Entscheider erlebt wird - etwa so als sei man ein Hund, dem man Auslauf ließ, nur um von einem Moment auf den anderen die Leine fest anzuziehen. Radikale, fremdbestimmte Richtungswechsel werden von Menschen auch dann als Willkür und Machtmissbrauch erlebt, wenn sie situationsgemäß notwendig sind. Besser also ist es, wenn diese radikalen Richtungswechsel gar nicht erst zustande kommen. Das ist Kern der schwedischen Strategie, die auf die Kontinuität ihrer Maßnahmen auch in Zeiten nachlassenden Infektionsdrucks setzte. Man ist in Schweden der Überzeugung, man müsse sich auf eine sehr lange Auseinandersetzung mit COVID19 einstellen und dies sei eher mit Rückhalt der Bevölkerung durchzuhalten, wenn die ergriffenen Maßnahmen kontinuierlich beibehalten werden und die Bevölkerung sie verinnerliche. Dazu trägt der Mix aus individuellen Handlungsempfehlungen und Versammlungsbeschränkungen bei: die Handlungsempfehlungen werden grade deswegen umgesetzt, weil sie nicht von der Obrigkeit angeordnet wurden - auch dieses Vorgehen nimmt in Kauf, dass die Handlungsempfehlungen teilweise ignoriert werden, doch die Gefahr dass diese Ignoranz allzu viele Nachahmer findet dürfte geringer sein, denn mangels Verboten und Sanktionen ist das Reaktanzpotenzial insgesamt geringer. Dass Schweden übrigens keine Empfehlung zum Tragen von Alltagsmasken ausspricht zeugt nicht nur von Skepsis gegenüber deren Wirkung, sondern von Skepsis hinsichtlich der konstruktiven Wirkung der Verpflichtung zum Befolgen von Anordnungen, die das individuelle Verhalten reglementieren. Es gibt jedoch noch einen dritten Grund: die Überzeugung, die Empfehlungen zu `social distance` und Kontaktbeschränkungen seien so effektiv in alle Gesellschaftsbereiche hinein, dass die Maske unabhängig von der Frage ihrer Wirksamkeit obsolet ist. 

Zudem: hat man einmal in Erwägung gezogen, dass die Akzeptanz der Maske höher sein könnte, wenn man ihr Tragen empfiehlt statt es anzuordnen?  Setzt voraus das der Lauterbach der Philosophen, Herr Precht, Unrecht hat wenn er behauptet, dass Menschen Verbote lieben, weil sie einem Entscheidungen abnehmen (ein Vorzug, der unabhängig davon ist welche Konsequenzen das Befolgen der Verbote zeitigt, man sehe hierzu den Film `Die Welle`). 

Schwedens Vorgehen  - gerne verunglimpft als Laissez-fair und in einen Topf geworfen mit den Corona-Verharmlosern Trump und Konsorten - geht konsequent von der Pandemiebekämpfung als eine Art Marathonlauf für die Gesellschaft aus: gefragt ist eine gleichmäßige Belastung, ein gleichmäßiges Tempo ohne große Ups and Downs, an die sich die Gesellschaft gewöhnen kann. Die andere konsequente Strategie sind harte lockdowns inklusive der Quarantäne ganzer Städte, die dem Virus die `Nahrung` entziehen - vorgemacht nicht nur in China, sondern auch im demokratischen Neuseeland. Die Strategien der meisten europäischen Länder mit ihrem Hin- und Her und ihrer derzeitigen Nervosität angesichts der unerwarteten Vehemenz der zweiten Welle droht sich als der sprichwörtliche Mittelweg in Gefahr und großer Not zu entpuppen.   

Bei Empfehlungen zu bleiben hätte den Vorzug Verbote und Pflichten als Ultima Ratio in der Hinterhand zu behalten. Was hat man eigentlich noch in der Hand, wenn Verbote und Verpflichtungen ihre Wirkung verfehlen (und man sich nicht in einer Diktatur befindet)?

Was nun die Unverschämtheit von Corona betrifft, unsere Herbsturlaube zu vermiesen: You can`t always want what you get.

 

22. Oktober

`In a crisis, the first thing to be done is to impose a night-time curfew - in other words, to abolish the freedom to move around in the dark.´(Luc Gwiazdzinski)

"Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden. Das Grundrecht schützt sowohl die physische als auch die psychische Gesundheit eines Menschen, nicht jedoch das soziale Wohlbefinden." (GG Artikel 2, Absatz 2).

Gibt es ein Grundrecht auf Toilettenpapier? Werde ich bei meiner Rückkehr nach Deutschland gefragt was ich aus Sizilien mitgebracht habe werde ich antworten: Weißes Gold.

Als Professor Dr. Wieler sich beim RKI für die Stelle des Leiters des Institutes bewarb reagierte er auf eine Stellenausschreibung, in der vorzugsweise ein Human- oder ein Tiermediziner gesucht wurde. Seine Bewerbung war möglicherweise auch deswegen erfolgreich, weil sein Fachgebiet Tierseuchenlehre ist - und er damit mehr mit Infektionskrankheiten zu tun hatte als die meisten Humanmediziner. Man kann ihm also glauben, dass er etwas von Herdenimmunität versteht, denn: `Veterinäre sind Populationsmediziner`. Gleichwohl mag sich manch einer bei dem Gedanken, beim Inzidenzorakel handele es sich um einen Tierarzt vorkommen, als lebe man in einer Truman-Show namens Animal Farm.

Auf der heutigen Pressekonferenz richtete Wieler den dringenden Appell an die Bevölkerung, in ihrem Privatleben auf die Einhaltung der AHA(L)-Regeln zu achten. Dass er besonders das Privatleben als Verantwortungsbereich der Bürger für Fremd- und Selbstschutz betonte verweist auf die Bereiche, in denen die Bevölkerung ein höheres Infektionsrisiko in Kauf zu nehmen hat, nämlich z.B. in den Schulen, im Arbeitsleben und im ÖPNV. Dass dort Masken zu tragen seien suggeriert zwar Schutz, minimiert aber bestenfalls (bei korrekter Handhabung) das Infektionsrisiko, das bei nicht gegebenem Sicherheitsabstand gleichwohl hoch bleibt. Dies ist aus Sicht der Exekutiven akzeptabel - in der Addition aus der Einhaltung von Hygieneregeln im privaten Bereich und der Inkaufnahme von Infektionsrisiken in den Bereichen, in denen das Recht auf Selbstbestimmung minimiert ist (Schule, Ausbildung, Arbeitsplatz) ergibt sich - so die Hoffnung - eine Verlangsamung des Infektionsgeschehens, damit Zeitgewinn für die Entwicklung von Behandlungen und die Vermeidung der Belastung des Gesundheitssystems - bei gleichzeitiger Vermeidung eines Lockdowns samt Herunterfahren der Wirtschaft. Im Sinne von `ungewisse Verteilungen nicht zulassen` (man lese hierzu `Die Geburt der Klinik` von Foucault) ist es nur logisch, dass man z.B. in Schulen und Betriebsstätten Infektionsrisiken hinnimmt, denn dort lassen sich Infektionsherde und Infektionsketten leichter nachvollziehen als im Privatleben. Wenn in verschiedenen Foren behauptet wird, es sei widersprüchlich, die Bevölkerung auf das Einhalten von Hygieneregeln einzustimmen und zugleich ÖPNV, Schulen und Betriebsstätten mit der Maskenpflicht abzuspeisen, so ist dies unzutreffend. Es geht nicht darum, die Bevölkerung in allen Bereichen optimal vor einer Infektion zu schützen, sondern darum im Privatleben der Menschen Beschränkungen durchzusetzen, welche die Infektionsdynamik mindern, damit man in anderen Bereichen den Menschen Risiken zumuten kann, die man für erforderlich hält, um Wirtschaft, Gesundheitswesen und Bildungswesen nicht zu paralysieren. Das Grundgesetz öffnet diesem Vorgehen Türen: denn in diese Rechte darf (nur) aufgrund eines Gesetzes eingegriffen werden. Der etwas schwammige Begriff `soziales Wohlbefinden`, das vom Grundrecht nicht geschützt wird ist ein Hinweis darauf, dass der Schutz des Lebens nicht bedeutet Schutz der Lebensqualität - man darf nicht vergessen, dass das Grundgesetz zu einer Zeit formuliert wurde in der das nackte Leben durchaus als Wert an sich verstanden wurde. Der Vorrang des Schutzes des Lebens vor dem Schutz dessen was das Leben lebenswert macht mag eine Erklärung für die Unbarmherzigkeit des Umgangs mit Senioren in der ersten Pandemiewelle sein: Leben ist das schützenswerte Material, auch um den Preis dass die Zwangsgeschützten einsam auf den Tod warten. Liest man den Artikel 2 Absatz 2 übrigens auf eine zynische Weise, so steht dort nur etwas vom Schutz der physischen und psychischen Gesundheit des Menschen, aber nichts von dem Schutz des physisch und psychisch Erkrankten

Schutz des Lebens heißt schon gar nicht: Schutz des Nachtlebens. 

Die Entscheidungsträger spüren derzeit ihre eigene Überforderung (deswegen pöbeln sie herum). Daher der Verweis es liege an der Bevölkerung selbst inwieweit das man Infektionsgeschehen in den Griff bekommt. Erweisen die Maßnahmen sich nicht als wirkungsvoll, so liegt es an dem Teil der Bevölkerung, der die Regeln nicht befolgt - für die Mandatsträger und die Majorität der Bevölkerung, die den Maßnahmen zustimmt und sie befolgt hat dies den Vorteil, dass die anderen Schuld sind. Zwar hilft dies nicht, der Pandemie Herr zu werden, aber man fühlt sich zumindest im Recht. 

Was meint Markus Söder eigentlich mit "mehr Maske"? Soll jetzt jeder zwei übereinander tragen?

Dass die Exekutive auf Basis bestehender Gesetze in die Grundrechte eingreifen darf ist (verfassungsrechtlich, wenn auch nicht ethisch) unstrittig, auch wenn strittig sein mag, wie weit sie dabei gehen darf. Machtbefugnisse zu delegieren heißt auch mit den Fehlern derer leben zu müssen, die sie ausüben. Skepsis ist (vor allem, aber nicht nur) dann angebracht, wenn der Effekt einer Maßnahme strittig ist, aber unbedingt an ihr festgehalten wird. Dies kann ein Hinweis auf mit der Maßnahme verbundene Überlegungen sein, die nicht transparent sind. Dass die schützende Wirkung des Mund-Nasen-Schutzes und die Notwendigkeit ihr Tragen in den Bereichen verpflichtend zu machen, in denen Abstand unter den gegebenen Umständen nicht gewahrt werden kann, eins ums andere Mal betont wird, suggeriert Sicherheit genau da, wo Unsicherheit besteht - denn man will ja, dass die Kinder weiter zur Schule gehen und die Menschen weiter zu Arbeit. Der Aufwand dort für den notwendigen Abstand zu sorgen wäre viel zu hoch. Ärgerlich ist nicht, dass eine Exekutive ihren Entscheidungsspielraum nutzt, ärgerlich ist, dass sie einem Instrument den Nimbus eines HUK-COVID-Schutzschildes verleiht um Menschen zu ermuntern, sich (und damit andere) in Ausbildung, Beruf und Verkehr weiterhin Infektionsrisiken auszusetzen, die sie in ihrer Freizeit gefälligst diszipliniert zu vermeiden haben. Man sage den Menschen bitte direkt, dass die Aufrechterhaltung unserer (Er)Volkswirtschaft verlangt, dass sie sich beim Einkaufen und Arbeiten Infektionsrisiken aussetzen, während sie in ihrer sonstigen Freizeit gehorsamst alle Infektionsrisiken zu unterbinden haben.

Brief der Titanic an den Leser (der Verfasser wünscht sich einen solchen): Markus Lanz. Glaubst Du wirklich, die hohe Zahl der COVID-Opfer in den schwedischen Alten- und Pflegeheimen stehe in einem kausalen Zusammenhang mit dem Verzicht auf eine Maskenpflicht? Auf Charts und Evidenz freut sich die TITANIC. 

Sepsis, pardon, Skepsis ist auch dann angebracht, wenn Entscheidungsträger sich auf hohe Zustimmungsraten für ihre Maßnahmen in der Bevölkerung berufen. Gerne berufen sich Entscheidungsträger nämlich in anderen Situationen darauf es brauche Mut zu unpopulären Maßnahmen. In einer repräsentativen Demokratie sind insbesondere in einer Krise nicht Zustimmungsraten der wesentliche Indikator, sondern ob die ergriffenen Maßnahmen der Krisenbewältigung dienlich sind. Hohe Zustimmungsraten ins Feld zu führen grenzt an Populismus. 

Schade, dass selten die Umfragen durchgeführt werden, deren Ergebnisse einen selbst interessieren. Zum Beispiel: wie hoch ist der Anteil von Apokalyptikern bei der CDU/CSU im Vergleich zum Anteil der Apokalyptiker in anderen Parteien? 

 

19. Oktober

"Ein Sonnenaufgang wie ein Hochofenabstich. Bescherung einer approximativ senilen Bettflucht. Wie alt muss man sein um sich daran zu erinnern wie ein Hochofenabstich das Firmament färbt, rot wie der Saft von Maulbeeren (Gelsi - das italienische Wort für Maulbeere, tief verankert im Wort Gelsenkirchen)? Mit zunehmendem Alter nimmt der Abstraktionsgrad von Tod und Gebrechlichkeit ab. Es gibt ein Leben nach dem Tod - für die Anderen. Auf Sand und Meer blickend ist dieser Gedanke eigentümlich tröstlich...während ich noch bin, hier, gibt es die anderen Augen noch nicht, denen der selbe Anblick ein Gefühl von Unvergänglichkeit schenkt. Während Du nicht mehr bist werden andere den selben Augenblick erleben und das Gleiche empfinden. Sabbia - das italienische Wort für Sand, das nach Tausendundeinernacht als unendliche Geschichte klingt und nach Tenerumi schmeckt. Du bist einer unter vielen, deren Weltlinien in einer flachen, positiv gekrümmten Raumzeit schließlich konvergieren zu einer Erinnerung der Universen an ihre Details, kryptographiert und verdichtet zu einem Hologramm, das unendlich winzig ist, dessen Ausmaße grenzenlos sind und in dem Leben und Tod keine Bedeutung haben." 

Neuseeland wäre auch eine Reise wert, aber Schweden ist einfach näher dran.

Ein Sonnenaufgang wie ein Hochofenabstich. Kein Wunder, dass man über einer solchen Lektüre einschläft und schlecht träumt. In einem Museum betrachte ich zwei nebeneinander hängende Gemälde. Das Rechte gibt die Rückansicht einer Flamenco-Tänzerin wieder und trägt den Titel: Spanisches Licht. Das Linke zeigt einen Suchscheinwerfer und trägt den Titel: Deutsches Licht. In meinem Traum grübele ich über die Bewandtnis der Bilder nach und komme zu dem Schluss, es habe etwas mit gekachelter Raumzeit zu tun, deren Fugen so nahtlos dicht sind, dass Interferometer außerstande sind ein körnungsbedingtes Rauschen zu detektieren, das die Quantisierung der Raumzeit verriete. Ich ritze mir `Deutsches Licht - Spanisches Licht` in die Haut, erzeuge oberflächliche Wunden, deren Blutung nicht stoppt. Die Wunden erweisen sich als tief, aus einer wächst ein Maiskolben. Mein Körper zersetzt sich, bis er nur noch eine dahinschmelzende Wanne voller Gekröse ist. Ich schrecke hoch, mein Sitznachbar zum Linken verschüttet Kaffee auf seinen Bildband von Dali und ich stelle fest wir befinden uns im Sinkflug. Mein Sitznachbar zu Rechten liest den Sportteil einer Zeitung: der IFK Göteborg hat die Champions League gewonnen. In was für einer Welt lande ich?   

 

18. Oktober

Die exekutiven Reflexe als Reaktion auf die erneute Ausbreitung des Corona-Virus erinnern an die alljährliche Verblüffung der Deutschen Bundesbahn wenn im Herbst Laub und im Winter Schnee fällt. Kommt immer wieder überraschend.

So überraschend wie die erste Reaktion der deutschen Bevölkerung auf die Appelle zu Solidarität und Verantwortung seitens der Risikogruppe Regierungsvertreter: Man hortet wieder Toilettenpapier. Allein das wäre ein Grund dafür, auf Sizilien zu überwintern, hier ist dieser Engpass nicht zu befürchten: als der Verfasser einmal darauf hinwies in Deutschland seien Bidets nicht weit verbreitet erkundigte man sich konsterniert wie wir denn unsere Hintern gründlich reinigen?

Das Bunkern von Toilettenpapier ist typisch für eine Wohlstandgesellschaft. Offenbar befürchtet man keinerlei Engpässe bei der Versorgung mit Lebensmitteln (das wiederum sieht in Süditalien anders aus). 

Der Argwohn wächst exponentiell. Man liest viel über Superspreading-Events unter Jugendlichen, nichts über Infektionsrisiken im Flugverkehr. Die zweite allgemeine Verunsicherung geht einher mit dem Empfinden Maßstäbe seien verschoben in den Zerrspiegeln medialer Botschaften. Dramatisierung auf der einen Seite, Verharmlosung auf der anderen Seite, Klarheit Fehlanzeige. 

In der Schule seien Masken ein probates Mittel den Frontalunterricht in der Gefrierkammer Klassenraum fortzusetzen. Schutz wird suggeriert, wo die Risiken lediglich etwas minimiert werden. Das wäre politische Ehrlichkeit, klipp und klar zu sagen, unser gesellschaftliches und kulturelles Leben sei so organisiert, dass man gelegentlich ein relativ hohes Ansteckungsrisiko in Kauf zu nehmen hat. Denn bei Unterschreitung des Sicherheitsabstandes reduziert sich selbstverständlich der Fremdschutzeffekt der sicher jederzeit sachgerecht gehandhabten Masken.  

Unsere Weise des Wirtschaftens, unsere Infrastruktur, unser gesellschaftliches Leben sind riskant - und zur Ungleichverteilung von Wohlstand gehört auch die Ungleichverteilung von Lebensrisiken, die proportional zum Grad der Prekarisierung ansteigen. Besonders hohen Risiken sind Kinder und Gebrechliche ausgesetzt, da sie in besonderem Maße fremdbestimmt beziehungsweise in ihrer Autonomie eingeschränkt sind. Angeblich soll man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen (obwohl man das hinsichtlich vieler Kriterien ausnehmend gut kann). Doch der als hinkend diffamierte Vergleich des Umgangs mit Infektions- und Verkehrsrisiken ist durchaus treffend. Es besteht Gurtpflicht, zugleich jedoch erlaubt man Fahrgeschwindigkeiten, bei denen im Falle eines Unfalls kein Gurt mehr hilft. Auf diesem Feld sind die Risiken noch einiger Maßen gleich verteilt (...freilich mit Fußgängern, insbesondere Kindern als denjenigen, die ein relativ hohes Risiko tragen, unverschuldet zu Schaden zu kommen). Was den Umgang mit der Pandemie betrifft kann davon nicht die Rede sein. Allenthalben wird soziale Distanz und Kontaktbeschränkung von der Bevölkerung gefordert, zudem hat man Maske zu tragen da wo die Unterschreitung des Mindestabstandes "unvermeidlich" ist: für wen und wo sie unvermeidlich ist wird politisch entschieden, ebenso wie entschieden wird, in welchen Kontexten Zusammenkünfte von mehr als z.B. 10 Personen erlaubt sind und wo nicht. Da wo die Gruppenbildung zwar Infektionsrisiken erhöht, aber die Nahvollziehbarkeit der Infektionsketten gewährleistet ist (etwa in Schulen und Flugzeugen) nimmt man sie in Kauf. Michel Foucault beschrieb in "Die Geburt der Klinik" exakt worum es staatlicher Organisation (nicht nur) im Zusammenhang mit der Eindämmung von Infektionsrisiken geht: die Vermeidung ungewisser Verteilung und Diffusion, von Subversion und Erosion, in Perfektion gebracht durch totale Überwachung. 

Jens Spahns Prophezeiung `Wir werden uns alle viel zu verzeihen haben` ist eines Christdemokraten würdig. Christdemokratie und Kapitalismus vertragen sich so gut, weil das Prinzip der Vergebung auch für unverzeihliche Sünden gilt. Verzeihen und Vergebung ist die von den Opfern und Verlierern des Wettbewerbs eingeforderte Tugend, für die Profiteure bedeutet sie Ablass und den durch Aufbegehren der weniger Glücklichen unbeeinträchtigten Genuss ihrer Privilegien - im Rahmen der Gesetze und ihrer erheblichen Spielräume. 

Stephan Weil, dem Ministerpräsident von Niedersachsen, gebührt nachträglich Lob für einen hiermit als Wort zum Sonntag gekürten Versprecher: Wir wollen einen zweiten Showdown vermeiden. Ein exzellentes Beispiel für das Verschwimmen der Unterschiede zwischen Politik und Entertainment, dessen Folgen bis in die Sprachzentren reichen.

 

17. Oktober

Das Bombardement viraler Botschaften zieht das Hirn in Mitleidenschaft. Es empfängt geheime Botschaften. Ein Musikvideo der Band Bastille zu `What you´re gonna do with it`: eine Zeile des Refrains lautet `You got me listening` und der Verfasser versteht `You are in Sicily`. Immerhin: die Band charakterisiert eine gewisse Affinität zum vulkanischen Italien. Ihr Song `Pompeii` gibt einen fiktiven Dialog zweier seit Hunderten von Jahren in der vulkanischen Schlacke fixierten Römer wieder, die sich in der Stagnation ihrer Todespose langweilen. Das Optimum sozialer Distanz: Reglosigkeit auf Abstand und zwischen den Menschen weht kein Lüftchen.

Maischberger: die Woche vom 14.10.2020 wartete mit einer Karte auf, die das Infektionsgeschehen in Europa in seiner aktuellen Intensität abbildete. Ganz Europa? Nicht ganz. Oberhalb Dänemarks war die Karte abgeschnitten. Ein probates Beispiel für den Hang zum Ausblenden von Details und zur Präsentation eines Teils als das Ganze, gegen das auch Öffentlich-Rechtliche Medien nicht - Verzeihung für die Verwendung des Begriffes in diesem Kontext - immun sind.

 

16. Oktober

Die Risiken eines Hin- und Herpendelns zwischen den Extremen strenge Vorgaben und Lockerungen beschreibt die Psychotherapeutin Miriam Preuß in einem Interview bei Radio Bochum von heute (nachzulesen bei radiobochum.de). "Für die Psyche ist jedes Auf und Ab und jedes Hin und Her ein Problem. (...) Wir haben die Krise schon einmal durchlebt - verbunden mit der Hoffnung, dass sie vorbei und durchschritten ist. Jetzt kommt eine Wiederholung und das ist immer sehr belastend. Hinzu kommt: Wenn die Tage kürzer und dunkler werden, wirkt sich das bei vielen Menschen im Negativen auf die Stimmung aus. Erneut mit den Beschränkungen konfrontiert zu werden, in einer dunklen Jahreszeit. Diese Kombination ist eine hohe Belastung." Auch aus diesem Grund setzte Schweden auf die Kontinuität von "Maßnahmen, die sich über Monate, wenn nicht Jahre durchhalten lassen. In Restaurants darf weiter nicht am Tresen bestellt werden und Zusammenkünfte von mehr als 50 Leuten sind nach wie vor nicht gestattet. Es gilt aber auch keine Maskenpflicht und die Schulen bleiben offen." (Anke Fink, "Die schwedische Corona-Strategie lässt sich Monate durchhalten", rbb24.de, 14.10.2020). Das Infektionsgeschehen war "in Schweden immer präsenter, das Bewusstsein, dass das Virus noch immer da ist, blieb in der Bevölkerung relativ hoch, wodurch auch Empfehlungen zum Abstand halten und zur Kontaktreduktion leichter eingehalten werden konnten." Schweden vermeidet sozusagen "psychische peaks" und setzt darauf, dass wirkungsvolle Maßnahmen langfristig aufrechterhalten werden können, wenn man durch das Setzen auf Empfehlungen statt auf Vorgaben den Menschen das Gefühl gibt selbst bestimmt handeln zu können und die Kontrolle über ihr Leben zu behalten. Dies soll langfristige Akzeptanz sichern. Voraussetzung: Vertrauen der Bevölkerung in das Vorgehen und die Empfehlungen der Regierung. Dann bekommen - so skizzierte Bodo Ramelow gestern bei Maybrit Illner den Effekt - "Empfehlungen den Status einer Verordnung." Im übrigen: selbst wenn Schweden nicht erfolgreicher durch die Pandemie navigiert als andere europäische Länder sondern ähnlich durchwachsene Ergebnisse erzielt stünden immer noch reduzierte soziale, ökonomische und psychologische Schäden auf der Habenseite.

Vertrauen in die Regierung: woher kommt das? Möglicher Weise ja grade durch das Zutrauen der Regierung in die Vernunft und soziale Kompetenz der Bevölkerung. Auch in Schweden wird gefeiert und die Zahlen steigen, doch ist man dort der Überzeugung, das diese Minderheit weder durch Verbote einzuhegen ist, noch dazu herhalten soll der gesamten Bevölkerung Verbote auszusprechen und damit die Mehrheit zu brüskieren, die eigenverantwortlich, selbst bestimmt und kompetent Selbst- und Fremdschutz kombiniert. Nochmal: die hohen Zustimmungsraten in anderen europäischen Ländern für die Maßnahmen der Regierungen sind eigentlich ein pessimistisches Signal. Man traut der eigenen Gesellschaft mit ihren sozialen Verwerfungen, Dissonanzen und politischen Konflikten lediglich eine erzwungene Solidarität zu. Das ist die Kehrseite hoher Zustimmungsraten zu Reglementierungen und eingeschränkten Freiheitsrechten. Nicht zuletzt stimmt es einen bedenklich, wie selbstverständlich als Legitimation allgemeiner Grundrechtseinschränkungen das Verhalten von Minderheiten instrumentalisiert wird. Mit den Worten von Markus Söder: "Es gilt die Vernünftigen vor den Unvernünftigen zu schützen." (Sündenböcke sind Jugendliche. Wo die sich angesteckt haben bevor es zur Weiterverbreitung kam bleibt offen - im ÖPNV? Auf der Arbeit? Würde man die einzige Maßnahme konsequent umsetzen, die eine Weiterverbreitung von Viren insgesamt unterbindet - nämlich Reduzierung von Kontakten - , müsste man das Arbeits- und urbane Leben umorganisieren und insbesondere soziale Unterschiede beseitigen, die zum Beispiel dazu führen, dass zu viele Menschen auf zu engem Raum leben und arbeiten...doch so bigott geht es nun mal zu in Europa, soziale Distanz wird gefordert, das Elend der Flüchtlinge in Moria jedoch zugelassen). Punkt 1: Verbote reduzieren keineswegs Unvernunft, sondern provozieren sie. Punkt 2: Die Gleichsetzung von Vernunft mit Befolgung der Regeln, die von der Obrigkeit vorgegeben werden ist einer Demokratie unwürdig. Ebenso traurig ist die Gleichsetzung von der "Verantwortung jedes Einzelnen" mit der Befolgung von Regeln oder die Gleichsetzung von Solidarität mit Regelkonformität. Akzeptierter Kontrollverlust und Gehorsam als sozialer Kitt - da passt es doch gut, wenn die Bundeswehr hilft. 

Dass übrigens selbst Markus (Bi)Lanz zieht, die Rhetorik der Regierung signalisiere, man wolle Politik mit der Angst machen (man sehe und höre hierzu sein Gespräch mit Markus Söder in der gestrigen Talk-Show), macht stutzig. Naheliegend ist es jedoch Angst zu instrumentalisieren. Angst lähmt, und die Menschen sollen sich ja nicht zu viel bewegen, denn das erleichtert die Kontaktnachverfolgung. 

Wir leben inmitten einer Dystopie. Wäre das derzeitige Leben eine Netflix-Serie hieße sie `Überwachen und Strafen.`

Nicht allein ist der Verfasser mit dem Empfinden, in eine Parallelwelt zu seinem eigentlichen Leben geglitten zu sein: "Ich warte auf die wirklichen Tage. Das hier, denke ich jeden Tag, kann doch nicht mein Leben sein. Das ist allerdings ein altes Gefühl in mir, das ich in einem Gedicht von Hilde Domin verstanden habe: `Auf der anderen Seite des Mondes/gehen/in goldene Kleider gehüllt/Deine wirklichen Tage`." Das gesamte Interview mit der Schriftstellerin Jagoda Marinic im Spiegel-Interview vom 15.10.2020 ist lesenswert.

(...)

"Von der Terrasse blicke ich auf einen Zitronenbaum, dessen Früchte wie schwere, safranfarbene Euter herabhängen...und auf den menschenleeren Strand...eine Frau bleibt mit dem Gummiband ihrer Maske in den überbord(stein)enden Zweigen einer Bougainville hängen...in meiner weit entfernten Heimatstadt errichtet man in Windeseile eine Stadtmauer, die undurchdringlich ist." 

    

15. Oktober

Ist man gutmeinend und unterstellt der Bundesregierung eine Strategie der Pandemiebekämpfung, so handelt es sich um eine abgeschwächte Form der hammer-and-dance-Strategie, gelegentlich auch als "Tanz mit dem Tiger"-Strategie deklariert. Die Bezeichnung `hammer-and-dance` geht zurück auf einen Artikel von Tomas Pueyo ("Coronavirus- warum Du jetzt handeln musst") vom 19. März 2020 (nachzulesen bei medium.com). Kurz zusammengefasst: man ergreift drastische Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie um Zeit zu gewinnen, die verwendet wird um das Virus besser zu verstehen. Hat man die Pandemie eingedämmt folgen den lokalen Infektionsgeschehen entsprechend Lockerungen und wieder drastische Verschärfungen der Maßnahmen, wenn die Reproduktionszahlen dies erfordern - diesmal allerdings auf Basis verbesserter Behandlungsmöglichkeiten und von Fortschritten bei der Entwicklung eines Impfstoffes. Zeitgewinn ist der wesentliche Faktor bei dieser Strategie - und eine Vermeidung einer Überlastung des Gesundheitssystems, die sich nicht primär darin äußert, dass COVID-Patienten nicht mehr angemessen behandelt werden können, sondern dass die Sterblichkeit insgesamt massiv ansteigt, weil die Kapazitäten für die Behandlung auch aller anderen ernsthaften Erkrankungen nicht mehr vorhanden sind - unter anderem weil das überlastete und gefährdete Pflegepersonal zu meutern beginnt. Der Artikel ist in mehrerer Hinsicht bemerkenswert: erstens weil er die Vorzüge dieser Strategie beschreibt, gleichzeitig jedoch einräumt, dass politische Entscheidungen die wirtschaftlichen, sozialen und ethischen Kosten gegenrechnen müssen. Zwar plädiert der Artikel für diese Strategie, beschreibt jedoch gleichzeitig, inwiefern der Ansatz problematisch sein kann - Stichworte: Akzeptanz vs. Reaktanz. Zum anderen führt er für jeden Leser nachvollziehbar aus, warum das Prinzip der Durchseuchung bis zur Herdenimmunität nicht funktioniert: Je mehr Verbreitungsraum man dem Virus lässt, desto größer sind auch seine Mutationsraten. Das ist der Grund, warum Anders Tegnell - anders als Markus Söder behauptet - nie die Herdenimmunität als Ziel der schwedischen Strategie ausgegeben hat.

Im Deutschen Ärzteblatt (Ärzteblatt.de) vom 03. Juni 2020 erklärt Staphylocucus.Rex warum "Der Tanz mit dem Tiger" in Schweden und anderen europäischen Ländern in unterschiedlichem Tempo und unterschiedlichen Schrittfolgen zelebriert wird: "In der norwegischen und schwedischen Provinz steht der Tiger unter dem Einfluss von Valium und in einer Metropole unter dem Einfluss von Crystal Meth." Das meinte Angela Merkel, als sie auf einer Pressekonferenz lapidar bemerkte Schweden lasse sich mit anderen europäischen Ländern nicht vergleichen weil es dort weniger Metropolen gebe. Hätte sie die Gabe zur plastischen Sprache hätte ihr Publikum den gravierenden Unterschied vielleicht besser verstehen können (Schweden ist im übrigen auch deshalb nicht mit Deutschland zu vergleichen, weil Sperrstunden dort Alltag sind und der Alkoholausschank ohnehin deutlich limitierter ist).

Dennoch macht der Verfasser keinen Hehl daraus, die schwedische Strategie `Empfehlung vor Anordnung` und weitgehend kontinuierliche Beibehaltung von Maßnahmen unabhängig von den Amplituden des Infektionsgeschehens für erfolgversprechend zu halten. Staatliche Eingriffe in das Verhalten der Bürger durch Verordnungen führen inmitten einer ohnehin schon grassierenden Verunsicherung zum Gefühl des Kontrollverlustes über das eigene Leben - auf Dauer erzeugt dies Wiederstände und Reaktanz auch gegen sinnvolle Maßnahmen. Grade weil sie angeordnet werden, wird man sie umgehen und beraubt sie damit ihrer Wirkung. Man glaube auch nicht, dass die hohen Zustimmungsraten zu Reglementierung bedeuten, dass diejenigen, die sie befürworten sich an die Regeln halten - das ist wie bei der Klimakatastrophe. Jeder hält es für richtig sie zu bekämpfen, aber dennoch fliegt man in den Urlaub. Hohe Zustimmungsraten für Reglementierungen geben der Hoffnung Ausdruck, das andere sich daran halten, so dass man es selber locker nehmen kann. Sie sind nicht Ausdruck von Überzeugung, sondern der Sehnsucht nach der Reduzierung von Komplexität. Regeln und Gesetze suggerieren Stabilität und Sicherheit, auch wenn sie widersinnig und sogar kontraproduktiv sind. Hauptsache alles geht geordnet den Bach runter.

Und die Jugend - feiert dann demnächst in geschlossenen Räumen, was das Infektionsgeschehen forciert. Sie wird nach Erziehung und Schulpflicht nicht flächendeckend gleich dem nächsten Ruf nach Disziplin seitens alter Säcke folgen - da kann man schulmeistern und anordnen soviel man will. 

 

14. Oktober

Die wichtigste Neuigkeit des Tages: nach Brian May, dem Gitarristen von Queen, wurde ein Asteroid benannt (namens Brianmay). Zu verdanken hat er die Ehre, dass ein kalter, lebloser Steinbrocken im Universum, welches ein Scheißort ist, seinen Namen trägt, dem Umstand, dass er - nachdem er 37 Jahre nach Beginn der Arbeit daran im Jahr 2007 seine Doktorarbeit in Astrophysik mit dem Titel `A Survey of Radial Velocities in the Zodiacal Dust Cloud`vollendete  - 2008 den Doktortitel erhielt. Ansonsten noch erwähnenswert ist, dass der Verfasser heute einen neuen Punkt in seine buckettlist der Dinge aufnahm, die er bis an sein Lebensende garantiert nicht tun wird: Markus Söder glauben (weitere Punkte: Bungee-Jumping, Speed-Dating, Twittern, Kreuzfahrten, den Mount Everest besteigen, an Gott glauben und vieles anderes).

 

13. Oktober

Noch nicht genug von der Pandemie? Dann sei die russische Serie "Vongozero - Flucht zum See" empfohlen. Wer eine Desensibilisierung gegen den geistigen Heuschnupfen Covid durch eine epidemische Überdosierung für die angemessene Therapie hält dem sei diese Serie verschrieben.

Es ist der Überschwang der Jugend, der von der Generation 50 drunter und drüber der politisch Verantwortlichen und der vierten Macht als Quelle der zweiten Welle (reim Dich oder ich impf Dich) als Superspreading-Brutstätte ausgemacht wird. Zwar muss man nicht bezweifeln, dass Feierbiester und Seuchenvögler auch ohne Beteiligung van Gaals ihren Beitrag zur exponentiellen Ausbreitung beitragen, doch entsteht ja auch bei Feiern die Infektionskette nicht aus dem Nichts: jemand muss den contagiösen Gast mitgeschleppt haben. Ursachenforschung dürfte sich also nicht auf das Feiergeschehen alleine konzentrieren sondern auf die Frage, wer das Virus von woher auf die Fete mitbrachte. Bislang liest man hierzu wenig bis nichts.

(...)

"Lese eine Geschichte über Wechselbälger. Frage mich, ob er an Bord eines Fliegers den Frauenschuh macht und seinen Doppelgänger bei mir zurückließ. Sein Schweigen. Flüssiger Goldregen, den er über mir ausschüttet. Mit ihm hier zu sein heißt mutterseelenallein zu sein. Ich stehe morgens auf und habe niemanden mit dem ich reden kann. Schluchze Abende hindurch, an denen mich nur der melancholische Tanz der Positionslichter an den Bootsmasten leidlich tröstet. Wünsche mir eine tödliche Krankheit, die seine Aufmerksamkeit erzwingt. Nicht die tödliche Krankheit, die mich in diese aussichtslose Lage gebracht hat, die Sucht nach Anerkennung, die durch Abweisung ins Unermessliche steigt, sondern etwas Dramatisches, dem er nicht ausweichen kann in die Pufferzone der sozialen Distanz."

 

12. Oktober

Wenn man davon spricht bei Rassisten in der Bundeswehr handele es sich um einige `schwarze` Schafe - ist das dann schwarzer Humor?

"Warum nicht immer eine Maske tragen?" fragt Dirk Kurbjuweit heute auf Spiegel Online. "In entvölkerten Landstrichen der Uckermark mag das zwar merkwürdig wirken, aber in solchen Gegenden könnten sich die Behörden bei der Sanktionierung zurückhalten." Die selben Behörden, die demnächst die Drecksarbeit an private Sicherheitsfirmen outsourcen. Was Herr Kurbjuweit fordert ist die Anordnung einer Maßnahme, deren regionale Sinnlosigkeit hinter dem Primat einheitlicher Regelung zurück zu stehen hat. Damit steht er nicht alleine: in diversen Ländern der EU (zum Beispiel Italien) besteht bereits die Maskenpflicht im öffentlichen Raum - unabhängig davon, ob zwischen den Menschen 1 Meter oder ein Lichtjahr Distanz besteht. Den Nutzen von Masken bei Unterschreitung des Mindestabstandes einmal vorausgesetzt sollte es einen bedenklich stimmen, wenn zur Neuen Normalität gehört, dass es der Willkür privater Unternehmen überlassen bleibt, Verstöße gegen Verhaltensregeln auch dann zu sanktionieren, wenn deren Befolgung offenkundig unsinnig ist. Warum traut man den Bürgern nicht wenigstens genügend Augenmaß zu um selbst abzuschätzen, wann 1 Meter 50 Abstand zum Nächsten nicht einzuhalten sind?

Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux gibt darauf in einem Interview eine beklemmende Antwort: "Auf der Straße, im Supermarkt macht die Maske, die die Ausdrücke der Menschen auslöscht, sie mir irgendwie gleichförmig und gleichgültig." Das ist der Effekt einer Uniformierung von Menschen - man verliert den persönlichen Bezug zu ihnen und bemerkt kaum ihren Verlust. Angesichts zu erwartender steigender Opferzahlen im Kampf gegen das Virus ein nicht unwesentlicher Effekt. Soziale Distanz und Anonymität reduzieren Empathie und damit soziales Konfliktpotenzial, das befürchtet wird, wenn im Herbst und Winter die Wirtschaft brummen soll, die öffentlichen Verkehrsmittel überfüllt sind und die Infektions- und Opferzahlen steigen - trotz oder grade wegen der bereits bestehenden oder noch zu erwartenden Beschränkungen. Thomas Czypionka, Experte für Gesundheitspolitik am Institut für höhere Studien, hat sich bezüglich der Corona-Strategie Schwedens bei science.orf.at am 24. September wie folgt geäußert: "Die Leute haben sich stärker an die Maßnahmen gewöhnt, weil sie zwar mit sanftem Druck, letztlich aber doch freiwillig mitgemacht haben.(...)"In anderen Ländern habe man hingegen auf strengere Vorgaben für sehr viele Lebensbereiche gesetzt. Das hat dazu geführt, dass viele Menschen gewartet haben, bis die Regelungen endlich aufgehoben werden. Und dann ist das Leben wie vorher weitergegangen. Man wird leichter unvorsichtig." In diesem Beitrag wird auch Anders Tegnell zitiert, der den Verzicht auf die Maskenpflicht mit dem Fehlern der Evidenz für den Nutzen begründet. Die Maske spiegele eine Sicherheit vor, die so nicht vorhanden sei und die Menschen dadurch nachlässig bei Abstand und Kontaktreduktion mache. Genau diese Suggestion ist allerdings wünschenswert, wenn die Menschen weiter die Fußgängerzonen, den ÖPNV und die Großraumbüros frequentieren sollen, damit die Maschine läuft. 

Nebenbei: nach wie vor wird gebetsmühlenartig auf die hohen Todeszahlen verwiesen, die der schwedische Sonderweg mit sich brachte. Diese sind dadurch begründet, dass Schweden was den Bereich der Pflege betrifft eben keinen Sonderweg einschlug, sondern wie andere Länder auch in den Jahren zuvor das Gesundheits- und Pflegewesen auf Kosteneffizienz trimmte. Da wo Schweden keinen Sonderweg einschlug fand die Katastrophe statt. Mit fehlender Maskenpflicht, Verzicht auf Lockdowns und Schulschließungen hatte das - auch wenn Markus Söder dies noch so oft behauptet - nichts zu tun. 

Der Verfasser befindet sich derzeit auf Sizilien, wo man die Maskenpflicht beherzigt. Da man die Maske zwar tragen muss, aber nicht vorgeschrieben ist an welchem Körperteil oszilliert die Platzierung der Masken zwischen derjenigen für ein Suspensorium, dem Oberarm und der Mundpartie bei gleichzeitiger Nasenfreiheit. Anarchie trifft auf unsinnige Regelung.  

 

 

11. Oktober

COVID und Humor. Ernstes Thema. Dass sich aber sehr wohl Humor und Maskenpflicht didaktisch kombinieren lassen bewies ein Cafe, dass seine Gäste darauf hinwies, wer ohne MuSchu das Cafe betrete, dessen Temperatur werde gemessen. Leider verfüge man nur über Thermometer zur rektalen Anwendung. Dieses Hinweisschild ist mittlerweile verschwunden - dem Vernehmen nach weil einige Gäste (wiederholt) auf die Temperaturmessung bestanden.

Die langen Pausen zwischen den Einträgen sind nicht nur durch die Medienabstinenz zu begründen, die ohnehin keine totale Abstinenz ist. Sie sind Indiz einer gewissen Übersättigung und eines paralysierenden Ohnmachtsgefühls. Diese Paralyse mag der in manchen Ländern irrational hohen Zustimmung zum Vorgehen oder auch zu den Vergehen ihrer anankastischen Führung entsprechen: bloß keine weitere Veränderung mehr selbst wenn es eine zum Guten wäre.

Private Sicherheitskräfte sollen zukünftig die Ordnungsämter bei der Kontrolle der Einhaltung der Corona-Auflagen entlasten. Dafür sprach sich der Deutsche Städte- und Gemeindebund aus (laut Spiegel-Online vom 12.10.2020.). Mutmaßlich wird man bei Verfassungsblog.de einiges zu dieser geplanten (freundlichen?) Übernahme hoheitlicher Aufgaben durch private Sicherheitsdienste zu lesen bekommen. Bis dahin sei ein Blick auf die website labournet.de empfohlen, die fortlaufend dokumentiert in welchen deutschen Städten und Gemeinden es nicht mehr bei der Absicht bleibt. Ob blackwater sich an den Ausschreibungen beteiligen wird?

Mehr als nur Unbehagen lösen auch die Empfehlungen aus, die Kinder sollen sich im Winter wegen der Stoßlüftungen warm anziehen. Das erinnert an Sarrazins Empfehlungen an arme Menschen, wenn sie ihre Heizkosten nicht zahlen können, sollen sie sich in Decken wickeln. Frieren für den Infektionsschutz, eine Konjunkturspritze für private Sicherheitsdienste, denen aufgrund der wegbrechenden Aufträge der Veranstalter von Großevents Profit entgeht. Dazu die penetrante Inszenierung von Feiernden Jugendlichen und Hochzeitsfesten als maßgebliche Treiber der steigenden Infektionszahlen, während über Ansteckungsgefahren an Arbeitsplätzen und im ÖPNV so gut wie nichts zu lesen ist. Es ist noch früh im Herbst, dennoch friert man schon jetzt in Anbetracht der Vorahnungen auf das soziale Klima, das in den kommenden Monaten herrschen wird.

Die Figuren aus der Parallelwelt, in der COVID nicht stattfand, bewegen sich auf zunehmend positiv gekrümmten Weltlinien davon, der Abstand zu ihnen vergrößert sich, bis selbst die Fiktion nicht mehr den Horizont erreicht hinter dem sie verschwinden. 

 

8. Oktober

Wieder die Chance verpasst den Literatur-Nobelpreis abzulehnen. Erst hatte ich Pech, dann kam auch noch Glück dazu. 

Mit den steigenden Infektionszahlen nimmt die Heftigkeit der (Über-)reaktionen des politischen Immunsystems zu. Stellt man einmal nicht die Frage nach der Wirksamkeit der Maßnahmen, sondern nach der Wirksamkeit ihrer Anordnung, so ergibt sich ein Spektrum politischer Kulturen, die unterschiedlich die Akzeptanz der von ihnen für notwendig erachteten Maßnahmen erreichen wollen. Dabei zeichnen sich zwei Trends ab. Die Mehrheit der Regierungen nimmt an, dass die Akzeptanz von Maßnahmen der Regierung an die Verpflichtung gekoppelt ist entsprechenden Regelungen Folge zu leisten. Zustimmungsraten werden als Indikatoren der Bereitschaft gewertet, sich entsprechend zu verhalten. Eine Minderheit der Regierungen nimmt an, dass die Akzeptanz der Vorgaben der Regierung daran gekoppelt ist, deren Befolgung zu empfehlen und es dem Ermessen der Bevölkerung zu überlassen, in wie weit sie dies tut. Die ersteren erachten die Verpflichtung als Generator für Akzeptanz, letztere die Freiwilligkeit. Es ist davon auszugehen, dass die Basis für die politische Entscheidung Pflicht oder Freiwilligkeit davon abhängt, wie die politische Führung des jeweiligen Landes die Effekte dieser Entscheidung auf das Verhalten der Bevölkerung einschätzt. Insofern ist die Frage müßig, wessen Weg der "richtige" ist - denn die politischen Kulturen sind nicht deckungsgleich. Die schwedische Strategie mag greifen weil sie in Schweden zum Tragen kommt. Ob sie sich in Deutschland bewähren würde ist angesichts der hohen Zustimmungsraten zur derzeitigen Krisenpolitik fraglich: ob dies zu bedauern ist ist eine andere Frage.  

 

Ein Tag wie viele andere, 7. Oktober

Masken in Nationalfarben auf den vermummten Mündern der Passanten. Optimistische Deutung: stummer Protest. 

In einer Kolumne von Henrik Müller (`Der Triumph des Aluhuts`, SPON, 06.09.2020) zur Popularität von Verschwörungsmythen (-theorie ist eine irre irreführende Bezeichnung) ist zu lesen: `Offenkundig ist ein Prozess im Gange, bei dem der gesellschaftliche Grundkonsens verloren zu gehen droht. Die Veränderung der Medienlandschaft begünstigt einen Zerfall der Öffentlichkeit. Gesellschaften spalten sich in immer kleinere Resonanzräume auf, wo jeweils eigene Erzählungen über den Zustand der Welt vorherrschen.`(...) `Der technologische Treiber dieser Entwicklung ist der Aufstieg der sozialen Medien. (...) `Letztlich geht es um Fragen der Identität. Und das heißt: um Erzählungen.` (...) `In seiner Schrift "Der starke Grund zusammen zu sein" sah der Philosoph (...?...) Peter Sloterdijk die moderne Nation als "gemeinhöriges Kollektiv" zusammengehalten durch die Themensetzung der Massenmedien, zumal des Fernsehens. Doch dieser Text stammt von 1998. Lange her. Damals waren es überwiegend die Massenmedien, die der Massengesellschaft zurückspiegelten, wer sie ist. Heute schaffen soziale Medien neue, kleinteilige Medienrealitäten, in denen sich Gruppen Gleichgesinnter treffen, um Geschichten zu teilen - und um sich gegenseitig in ihrem Glauben zu bestätigen. Doch was bleibt übrig, wenn die Öffentlichkeit so weit zerfällt, dass sie die Gesellschaft nicht mehr umspannt, sondern aufspaltet - in Stämme, Kleingruppen, in virtuelle Erregungsgemeinschaften, die sich nach außen radikalisieren, auch gegen gute Argumente? Die Demokratie braucht die Bereitschaft zu Konsens und Kompromiss, um funktionieren zu können. In der neuen Medienwelt jedoch wird Trennendes herausgearbeitet.`  Soso...

Als akute Gefahr für die Demokratie beschwört Müller herauf, die Massenmedien seien keine Medien für die (Gleichschaltung der) Massen mehr und der Meinungspluralismus, wie er sich in den sozialen Medien Bahn breche bedrohe die Demokratie. Na dann: zurück zum Staatsfernsehen, das ja bekanntlich - so sind Erzählungen nun mal - glasklar faktenbasiert ist. Wie wohl der Demokratie die vereinheitlichende Wirkung von Massenmedien tut hat ja schon der Nationalsozialismus mit seinem Volksempfänger und den Wochenschauen demonstriert. Abgesehen von der medienrevisionistischen Nostalgie dieser Argumentation geht sie auch darin an der Wirklichkeit vorbei, dass derzeit die Zustimmungsraten für die Krisenpolitik der Regierungen in Europa (...und selbst für die menschenverachtende Leugnungsstrategie Bolsonaros) hoch sind und die Akzeptanz für Verschwörungsmythen gering ist: auch dank der weitgehend über klassische Massenmedien erfolgenden Verbreitung der COVID-19-Erzählung inklusive der Notwendigkeit der Fortsetzung von Ausnahmezuständen und AHA-Regeln, die recht erfolgreich die Gesellschaft zu einem `gemeinhörigen Kollektiv` kitten. In zahllosen Talkshows, Dokumentationen und Nachrichtensendungen wird die Pandemie und werden die Maßnahmen zu ihrer Eindämmung als konsensbildende Erzählung zelebriert. Dementsprechend argwöhnisch wird nach Schweden geschielt: denn Schweden schert aus der Erzählung von der `Neuen Normalität` hinsichtlich des wesentlichen dramaturgischen Momentes staatlich angeordneter Verhaltensregeln aus. Die Vehemenz der Kritik am schwedischen Sonder(lings)weg ist im Wesentlichen inspiriert durch das Ärgernis des Abweichens vom dominanten Narrativ, das bei fortgesetztem Erfolg dieser `abweichenden Geschichte` das vorherrschende Narrativ ins Wanken bringen könnte - was einige wohl als schlimmer erachten würden als die Pandemie als solche. Das Blaffen gegen Schwedens Vertrauen in die Eigenverantwortung seiner Bürger ist derart tendenziös, dass der Direktor des Instituts für globale Gesundheit der Universität Genf sich in einem tendenziösen Massenmedium (der "Bild") wie folgt äußerte: `(...)"Die schwedische Strategie wurde wie eine Karikatur dargestellt. Es war keine Anti-Lockdown-Strategie. Es war keine Herdenimmunität-Strategie. Die schwedische Strategie war eine Selbst-Lockdown-Strategie. (...) Deutsche und Franzosen haben den Schweden nichts zu sagen, wenn es um Gesundheit geht.` Denn: die Erwartung gesunder Lebensjahre sei in Schweden hoch: `In Schweden sind es 73,7 Jahre, in Frankreich 63,4 und in Deutschland 65,1.`Sein Fazit lautet: `Wenn die Schweden etwas über Gesundheit sagen, sollten wir lieber zuhören als ihren Weg als Blödsinn abzutun. Das ist keine Bananenrepublik.`(Sven Lemkemeyer, `Warum jetzt auch Schweden vor dem Corona-Winter zittert`, Tagesspiegel, 05.10.2020). 

Alle Erzähler lügen. Das ist die wahre Erzählung. 

Während man sich der Pandemie als solcher schlecht entziehen kann (die Infektionsgefahr ist nun mal real selbst wenn man ihr Ausmaß in Frage stellt) sollte man sich den mit ihr verknüpften Narrativen gelegentlich entziehen. Das ist der Grund für eine Phase, in der in diesem Blog nichts Neues zu lesen war. Der Verfasser hat sich anderen Themen gewidmet und anderen Aktivitäten als der Verschriftlichung zugewandt. Das erdrückende Diktat des alle übrigen Themen perpetuierenden sujets Corona - Physiker würden von `Mächtigkeit` sprechen - erfordert gelegentlich die pandemische Askese. Bevor die Pandemie den Kopf kontaminiert. 

 

Tag 18, 29. August

Die Geschichte des Widerstands gegen die Maskenpflicht ist eine Geschichte der Verwechslung von Diktatur und Diktat. Die Ausübung von Staatsgewalt ist kein Privileg von Diktaturen und ist keineswegs in Demokratien nicht vorhanden. Demokratisch gewählte Regierungen diktieren, ohne deshalb Diktaturen zu sein. Das enthebt umgekehrt nicht jedes Diktat demokratisch gewählter Regierungen der Kritik und entzieht dem Widerstand gegen Diktate nicht automatisch die Legitimität. Umgekehrt ist Protest gegen die Hyäneregeln nicht per se eine Form von Extremismus und Links- oder Rechtsradikalismus. 

Machtausübung ist auch nicht automatisch dadurch über Zweifel erhaben, dass die Machthaber demokratisch legitimiert sind. Niklas Luhmann hat in "Legitimation durch Verfahren" darauf hingewiesen, dass auch demokratische Staaten dazu neigen, Widerstand gegen ihre Diktate schon allein deswegen zu missbilligen, weil sie meinen, das Verfahren demokratischer Wahlen sei a priori eine moralische und sittliche Kategorie - so als sei jede Ausübung von Macht schon dadurch legitimiert dass sie einem bestimmten Regelwerk folgt. 

Mein Standpunkt: abseits der Frage des medizinischen Nutzens von Schnutenpullis wäre der Bevölkerung zuzutrauen, selbst zu entscheiden in welchen Situationen zur Maske zu greifen ist und in welchen es Unsinn ist. Um 7 Uhr morgens in einem weitgehend menschenleeren Supermarkt eine Maske zu tragen ist so sinnlos und überflüssig, wie um 2 Uhr nachts auf einer selten frequentierten Landstraße an einer roten Ampel zu warten, während rechts und links weit und breit kein Auto in Sicht ist. 

    

Tag 17, 28. August

"Na also. Ich habe wieder Verbindung zum Netz. Jetzt kann ich dem Literaturagenten die Meinung geigen, was ich von dem Manuskript halte, das er mir brühwarm angedreht hat als größte Sache seit der Vertreibung des Menschen aus dem Paradies. Vertreiben ist ein gutes Stichwort, denn das werde ich dieses Machwerk nicht. Allein schon der Titel: `Von Menschen und Masken`. Wenn die Autoren nicht genug Kreativität für einen einprägsamen eigenen Titel haben, sondern sich zeitgeistgemäß an Klassikern bedienen habe ich schon den kalten Kafka auf.  Bestimmt hat der nur den Film gesehen aber das Buch nicht gelesen. Und dann dieses Geschreibsel als Outsourcing eigener Traumata, die ganze schwierige Biographie von Adam bis Eva, mit denen sich dann statt dem Verfasser Lektoren und Leser auseinandersetzen sollen. So kann die Vertreibung aus dem Paradies auch erfolgt sein: statt Obst zu naschen mussten die beiden fortan Problemliteratur lesen. Wenn das schon so los geht: `Einsamkeit bedeutet auch, in einem fremden Land, dessen Sprache man nicht beherrscht, das eigene Buch zu lesen, das schon in meinem Land keine Leser fand`(...warum bloss?...) `so geht es mir. Ich nuckele an einem Moscow Mule, blättere in meinem Roman, und bin umgeben von Menschen, die nicht nur mein Buch nicht lesen können, sondern mit denen ich mich überhaupt nicht verständigen kann.`Ja und wieso bist Du dann da? Nicht dass es mich interessiert, aber die Frage drängt sich auf. Da hockt also ein wohlbetuchter, wenn auch unterbesuchter Privatier am Strand und schlürft Cocktails, in einer Umgebung und unter Lebensumständen um die ihn viele beneiden und ergeht sich in Selbstmitleid. Dafür und sein tiefschlürfende Nabelschau erwartet er dann noch ein Publikum. Mit mir nicht. Ich frage mich, was der Agent sich dabei gedacht hat mir das anzubieten. Aber ich rufe ihn freundlich zur Ordnung: `Ich denke der Text hinkt der Zeit hinterher. Die Menschen haben derzeit anderes zu tun, als fliehende Gäule aus dem Seelenarbeitszimmer von Wohlstandstouristen zu zähmen.` Gilt auch für mich. Ich weiß nicht was mich mehr frösteln lässt: Die angeblich virensichere Klimaanlage, die stillstehende Zeitanzeige auf den Displays oder die stoische Ruhe, mit der die Passagiere die viel zu langer Flugzeit hinnehmen. Müsste uns nicht längst der Lese äh, Treibstoff ausgegangen sein?"

Sapperlot. Ich habe mir eine e-mail geschickt. Datiert auf den 01. September. Er hat also derartigen Bammel ich könne ihn einholen, dass er nicht nur den Ort, sondern auch diese Zeit verlassen hat. Im Empfänger muss er sich geirrt haben. Mich Agent zu nennen erinnert mich zwar an meine Call Center-Vergangenheit, aber ich habe nie Texte verkauft, nicht mal meine eigenen. Der Titel ist allerdings wirklich Murks. Könnte von mir sein. Ich glaube ich gehe ins Wasser, aber nicht in selbstmörderischer Absicht, sondern um auf dem Gallert treibend dem Geräusch des Windes in den Landesflaggen an den Masten zu lauschen, es klingt wie das schlappe Hufgeklapper trabender Pferde. Dass gekränkte Eitelkeit mich auf depressive Gedanken brachte, das war einmal. Seaside is better than Suicide. Meine Güte... 

 

Tag 16. 27. August

Jemand schlug vor, das Bild der Welle für Auslenkungen der Covid-Epidemie lieber durch das Bild eines Waldbrandes zu ersetzen, der lokal unvorhersehbar aufflammt und sich je nach Stärke und Richtung des Windes ausbreitet. Entzündung passt in der Tat besser sowohl zu Krankheit als auch Gefahrenherd. Das Virus als brandgefährlich zu zeichnen trifft es zwar, jedoch aktiviert die Wellenmetapher was Dringlichkeit und Qualität der Bedrohung betrifft das noch frische kollektive Gedächtnis an den verheerenden Tsunami zu Zeiten des Thailand-Urlaubs Birne Kohls (als Deutschland unter Birnout litt) und an Fokushima (Schreibfehler absichtlich damit Fokus vorkommt und somit endlich wenn auch indirekt wieder das Bild vom Brennglas strapaziert wird, das wiederum den Waldbrand verursachen kann). Metapher und Realität superpositionieren derzeit am Aufenthaltsort des Verfassers, denn ein verheerender Waldbrand kesselt, angefacht von Scirocco und Temperaturen um die 40 Grad, Tal und Bucht ein. Die Menschen husten aufgrund des Rauches - herzhaft, weil es ja nicht COVID sein kann -, die Straßen und Terrassen sind übersät mit schwarzen Ascheflocken, als sei in der Nähe ein Vulkan ausgebrochen. Zwei Realitäten treffen sich in einem Drama, ähnlich wie in The Singing Detective: im Meer (Wellenwelt) planschen fröhlich die Familien, während im Bildhintergrund die Berghänge brennen. Wie die Pandemie verrät ein näherer Blick, dass die Gefahr wegen menschlichen Unterlassens und Tuns derartige Ausmaße annahm: Mutmaßlich wurden die Brände von Menschen gelegt. Die ökonomische Not ist groß nach dem Lockdown. Waldbrände bedeuten Zerstörung, Bekämpfung und Wiederaufbau bedeuten Jobs. Die Menschen begehen lebensgefährliche Verbrechen, nur um an bezahlte Arbeit zu gelangen: Lacht da nicht das Arbeitgeberherz?     

 

Tag 15, 26. August

Er lässt mich zwar zu Wort kommen. Er hört mir nur nicht zu. Umgekehrt mache ich mir über seine Interessen, seine Anliegen, seine Vorlieben keine Gedanken mehr. Ich bin ihm in sein Paradies gefolgt, wenn er entschließt Robinson zu sein, statt Adam werde ich nicht sein Freitag sein. Soll er alleine am Strand seinem Schatten hinterherrennen, wie es ins Scheitern Verliebte so tun. Ein paar Möwenspuren wird er überholen. Die sind ihm zwar nicht voraus, aber bewegen sich auf einem höheren Niveau. Es herrscht Scirocco, da sieht man von Terrassen aus dem Treiben in der Sonne zu. Matratzen in schreienden Farben werden vom Wind über den Sand getrieben, neongrüne Robben die blind und stumm den Weg zurück ins Wasser suchen. 

"Breaking News: Anders Tegnell von radikalen Empfehlungsgegnern entführt. Sie fordern in einem Video die sofortige Einführung der Maskenpflicht in Schweden. Werde diese nicht binnen 24 Stunden umgesetzt, werde man Tegnell vor laufender Kamera enthaupten. Zur Entführung bekennt sich ein Kommando Breyvik." So überraschend kommt das jetzt auch wieder nicht. Die Welt ist so irre geworden, dass ich mir gelegentlich nur noch mit dummen Späßen zu helfen weiß. Am Flughafen begegnete mir blankes Entsetzen, als ich mich an einem Kaffee verschluckte und hüstelte. Ich beruhigte die Umgebenden. Keine Sorge, das ist nicht Covid, ich habe lediglich Lungenkrebs. Aufatmen bei allen Beteiligten. Am Strand hatte es Vorteile auf einem Handtuch in den schwedischen Nationalfarben zu liegen. Sämtliche Strandverkäufer ließen mich in Ruhe...meine Güte, dieser Flug nimmt kein Ende...und ich lese Dürrenmatt: Der Tunnel. Sollte ich beiseite legen. Bei meinem Glück sorgt der Tunneleffekt dafür, dass die Fiktion meine Wirklichkeit wird und das wir - wie ein wahrer Jandlscher Vogel - niemals landen.

Die Behauptung, die jungen Leute gingen leichtfertig mit den Infektionsrisiken um kann ich nicht bestätigen. Die jungen Leute, die in meinem Stammcafe ihren Espresso schlürfen sehen insgesamt wie aus dem Ei gepellt aus, dazu gehören auch augenscheinlich frisch gewaschene Masken, die zum Outfit passen. Sehen aus wie neu, aber wahrscheinlich sind sie einfach nur frisch gebügelt. Die Frage Pflicht oder nicht ist hier keine. Man transformierte die Maske einfach zum Modetrend, wer in der Öffentlichkeit keine trägt wird angesehen, als sei der Hosenstall offen.     

 

Tag 14. 25. August

Wir leben in einer Maskengesellschaft. Man könnte der Überzeugung sein im Zusammenhang mit der Pandemie gebe es wichtigere Themen als die Debatte über die Maskenpflicht. Die Hartnäckigkeit jedoch, mit der grade dieses Detail wieder und wieder debattiert wird belegt, dass sich - wie im Klischee vom Ehepaar das endlos über offene Zahnpastatuben streitet - an diesem Detail das Unbehagen an der `Neuen Normalität` besonders mundgerecht manifestiert. Dass dem so ist hängt weniger mit der Frage nach dem medizinischen Nutzen des Schnutenpullis zusammen, sondern mit dem von der Obrigkeit angeordneten Zwang. Liest man Berichterstattungen über dieses Thema oder verfolgt die Talkshows (...die einen verfolgen...) so fällt auf, dass Gegner der Maskenpflicht gleichgesetzt werden mit Maskengegnern. Dabei ist ein Gegner der Maskenpflicht mitnichten automatisch jemand der den (durchaus umstrittenen) Nutzen des Accessoirs in Frage stellt. Es ist immerhin denkbar, dass er oder sie lediglich der Auffassung ist, die Entscheidung unter welchen Umständen die Maske zum Schutz der anderen zu tragen sei, sei nicht Aufgabe der Obrigkeit. Die Reaktanz richtet sich dann nicht gegen die Maske, sondern gegen die Anordnung sie zu tragen. Die Vorschrift schreibt das Misstrauen der Obrigkeit gegenüber den Subjekten fest, die Bereitschaft zur Fürsorge für andere freiwillig an den Tag zu legen und in die Fähigkeit selbst zu entscheiden, in welchen Situationen diese Fürsorge erforderlich ist (...und dass dies da der Fall ist, wo Mindestabstände nicht einzuhalten sind weiß jedes Kind ab Windelfreiheit...neulich hörte ich von einem Erstklässler den Ausdruck Lippenpampers...). Solange Kritiker der staatlichen Anordnungen gleichgesetzt werden mit Gegnern der Schutzmaßnahmen, sogar gleichgesetzt werden mit Covidioten und Spinnern, wird voraussichtlich auch die Zahl derer zunehmen, die mit Extremisten demonstrieren, die ihrerseits nicht unterscheiden zwischen dem Nutzen von Instrumenten zur Eindämmung der Pandemie und der staatlichen Anordnung zu deren Anwendung. Diese lehnen eben nicht nur den staatlichen Zwang ab, sondern sie leugnen auch den Nutzen der Instrumente zur Pandemiebekämpfung (und die Pandemie als solche).

Es wäre geboten den Nutzen nicht der Maske, sondern den Effekt des Maskenzwangs zu untersuchen. Hierzu bietet sich als Vergleichsgruppe nur die schwedische Bevölkerung an, in der auf den Maskenzwang verzichtet wird. Es wäre interessant zu sehen, ob Empfehlungen oder Anordnungen das effektivere Mittel sind die Akzeptanz der Instrumente in der Bevölkerung zu fördern (...völlig unabhängig von der Frage wie sinnvoll die Anwendung des Instrumentes ist). Aber lieber wird man wohl Anders Tegnell mit den `Maskenverweigerern`- ein Begriff, der an die einstige Gleichsetzung von Kriegsdienstverweigerern mit Drückebergern erinnert - in einen Topf werfen. Der Begriff `Schwedens Sonderweg` lässt ja schon anklingen, dass man die Schweden für Sonderlinge hält. Dabei agieren diese normal, während man die meisten anderen Bevölkerungen auf einen Sonderweg schickte.

Gespannt darf man auch sein, von wem, wann und ob überhaupt das Ende der Pandemie ausgerufen wird, und nach welchen Kriterien dies erfolgt. Und dann? Dürfen wir uns dann wieder die Hand geben?  

  

 

Tag 13. 24. August

Neben mir im Wasser treibt auf dem Rücken liegend meine verstorbene Mutter. Offenbar hat sie sich das Besuchsrecht posthum erstritten. Sie sieht deutlich jünger aus als ich sie in Erinnerung habe, bedeutend jünger als ich. Ich denke ohne erkennbaren Anlass und der Situation nicht angemessen: Deus Ex machina. Das erfüllt mich mit einem Gefühl der Scham. Nekrophilie und Ödipus in einem Aufguss, wie peinlich. Nein nein, wiegelt sie telepathisch ab. Ich muss mich entschuldigen. Ich habe Dich nicht genug geschützt. Bevor ich sie fragen kann wovor? hat sie sich in eine auf der Wasseroberfläche treibende Luftmatratze verwandelt, die der Wind von der Küste wegtreibt.

Hätte ich kommen sehen können was geschieht? Meine Mutter liebte Blumen. Aber als ich sie nach ihrer Total-OP im Krankenhaus besuchte und ihr vorschlug, den sehenswerten Garten des Krankenhauses aufzusuchen bestand sie darauf, statt dessen mit meiner Unterstützung das Treppensteigen zu üben. Statt Sonnenblumen das nach Bohnerwachs, Desinfektion und den blutigen Hinterlassenschaften von Geburt und Tod riechende Treppenhaus. Dass Sie Fluchtwege übte entging mir.

Eine etwas übergewichtige Frau versucht sich aus dem Wasser auf die Luftmatratze zu wuchten, die meine Mutter war und wird abgeworfen wie von einem widerwilligen Pony. Ich könnte sterben für ein kaltes Bier und ein demaskiertes Lächeln.    

   

 

Tag 12. 23. August

"Der tägliche Faktencheck. Aerosole von Haustieren ungefährlich laut John Hopskins. Trumpf darf als Kovidsbold tituliert werden ohne dass dies eine rechtswidrige Verunglimpfung ist. Olof Palme mit 93 von COVID-19 genesen. Ich stutze. Olof Palme ist doch in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts erschossen worden. Meinen wir den selben Olof Palme?"

Wenn man im Meer treibt wie in einer Nährflüssigkeit, auf dem Rücken liegend, Gesicht nach oben, ist man mit Föten im Mutterleib verschränkt und mit Babys in Kinderwagen die über sich nichts als Blauweiß sehen.
 
Man sieht hier sonst niemanden Rückenschwimmen. Ein Mann der im Wasser auf dem Rücken liegt gilt wohl als Verlierer.
 
 

Tag...

Liebe zweifelsohne zahllose treue Leser dieses Blogs. Nein, dem Verfasser dieser Zeilen versiegt - wie man von hier aus sehen kann - nicht der Sprachfluss. Offenbar verdaut der Editor dieses Programms die Menge nicht. Für jeden neuen Eintrag in diesem Blog streicht er Textpassagen vom Beginn dieser Chronik des Chronischen. Bis dieses textgustatorische Problem behoben ist entsteht der weitere Text im Verborgenen und wird nachgereicht. Vorläufig müssen Sie also darauf verzichten den weiteren Überlegungen des Verfassers zu Sinn und Unsinn von Pflichten, zu Menschen als Anregungszuständen des sozialen Quantenfeldes, zur Standhaftigkeit der Schweden beim Umgang mit der Pandemie, zur Differenz von Signifikant und Signifikat als Vorbild der Heisenbergschen Unschärferelation, dazu warum Relativitätstheorie und Quantenphysik keineswegs kontraintuitiv sind, sondern im Gegenteil aufgrund unserer Alltagserfahrungen von Raum, Zeit und Kleingeld überhaupt formuliert werden konnten und dazu warum die Maskenpflicht eben keine kleine Zumutung ist, sondern täglich, jederzeit und überall den Menschen die Allgegenwart der Bedrohung signalisiert und mit dem Finger auf die Hölle zeigt, die bekanntlich die Anderen sind. Sobald der Magen des Editors erweitert wurde setzt der Verfasser diesen Blog fort. Bis dahin: glauben Sie keinen Untersuchungsergebnissen zur Wirkung von Verpflichtungen, so lange sie nicht auf Basis eines Vergleichs mit der Wirkung von Empfehlungen zustande kommen. Und machen Sie einen Bogen um Lanzhut.      

 

Tag 11, 23. August

Der Unterschied zwischen dem Sommer und dem Herbst erkennt man an den Warnrufen der Eltern, deren Sprösslinge im Wasser herumtollen. Im Herbst wird gerufen: Medusa, Medusa. Im Sommer: Cacata, Cacata. Notdurft von den Yachten. Das Eis in den Getränken schmeckt nach Schweiß. Als ob sie das Kondenswasser der Klimaanlagen gefrieren. Nachts schlendern Pärchen Hand in Hand, Arm in Arm, während ich im Stechschritt wie ein Soldat mit Marschbefehl zurück zu meinem Appartement schreite. Schreitere erneut. 

 

Tag 10, 22. August

so schlimm wie jetzt war es noch nie. Nicht nur, dass er mich ansieht wie eine Fremde, der er das erste Mal begegnet, er sagt es mir auch wortwörtlich. Wer bist Du überhaupt? Kenne ich Dich? Was machst Du hier eigentlich? Diese ganze Ignoranz nur weil ich ihn gefragt habe, wieso in einem Text der Blauverschoben heißt kein einziger Schlumpf auftritt. Tödlich beleidigt. 

 

 Tag 9, 21. August

Was soll ich sagen? Einen Süchtigen zu beherrschen ist simpel. Es geht darum den Durst, den Hunger zu entkoppeln von seinem Gemütszustand. Wenn er glücklich ist muss sein stärkster Impuls sein sich ein Bier zu bestellen und eine Zigarette zu rauchen. Ist er unglücklich gilt dasselbe. Läuft alles gut in seinem Leben muss der Wunsch dominieren sich zu berauschen. Läuft es schlecht, sich zu bestäuben, Pardon, zu betäuben. Außerdem muss man seinen verzweifelten Bemühen sich der Würgeschlange Sucht zu entziehen immer ein paar Schritte voraus sein. Meine Algorithmen der Herrschaft haben sich über Jahrmillionen entwickelt. Die Spanne eines Menschenlebens genügt nicht für einen Entzug. Die Sucht ist schwerer zu bekämpfen als der Kapitalismus, besser noch: sie ist seine Basis.

Was hat er nicht alles probiert: Therapie? Ich flüsterte ihm ein: das wäre das Eingeständnis einer Niederlage. Damit kriegt man ihn immer: sich helfen zu lassen wird als Schmach empfunden. Eitelkeit und Ego sind Stützen der Nacht, äh, Macht der Sucht über den Süchtigen. Der Mangel an Problembewußtsein ergibt sich direkt aus der Leugnung des Problems. Eine der starken Waffen der Sucht.

Er: ‚ein echtes Problem ist, dass es keine Kühlaggregate für Handies gibt.‘ Voila.

 

Tag 8, 20. August

 

Die Alarmzeichen sind unübersehbar. Diejenigen, die in Badebekleidung und mit MuSchu den Strandboulevard entlang flanieren sind nur noch knapp in der Minderheit. Die nächtliche Schlangenbildung vor den Kondomautomaten nimmt imponierende Dimensionen ein (darunter auch Jugendliche, die nur angeben wollen). Man nimmt zur Kenntnis, dass die Zahl der Corona-Infizierten in anderen Mittelmeerregionen steigt und wappnet sich auch hier. Der weite Weg, den ich zurücklegte um hier her zu gelangen - über München, Innsbruck, Genua und Palermo - schürte die Illusion damit auch weit weg zu sein von der Pandemie. Schon der Begriff Pandemie steht zu dieser Illusion im Widerspruch. Die Vergangenheit die keine war holt mich ein, und mit ihr kehren die verstorbenen Eltern zurück. Mein Vater lud mich nachts zu sich ins Arbeitszimmer ein was mir die Gelegenheit gab ihn etwas zu fragen. Sag mal, ich hielt Dich immer für den Inbegriff von Ordnung und Struktur. Bis ich nach Eurem Tod die Aktenordner in diesem Zimmer sichtete, natürlich alle schön alphabetisch geordnet. In diesen Aktenordnern herrschte totale Willkür, Werbebroschüren, Arztrezepte, Notizen, alles ohne System dort abgeheftet. Potemkinsche Ordner. Eine über das ganze Leben aufrecht erhaltene Fassade der Marke Leitz, hinter der sich ein Messi und etliche Flaschen Rotwein verbargen. Durchaus eine Leistung, sich damit durch eine Beachtliche Beamtenlaufbahn zu schlängeln, eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen. Zur Lebenskunst erhobene Vorspielung falscher Tatsachen, die Kunst des Lügens. Deine Examensarbeit war das einzig Echte: eine Märchenanalyse. Deine Ehe, Deine Karriere, ein Märchen mit dem von Dir beschlossenen und exekutierten grausamen Ende. Wie konnte mir das entgehen? Mein Vater - in einem von Leichenflecken übersäten Unterhemd, die eigentlich nicht dorthin gehören, aber es ist seine Party - zieht genüsslich an einer Zigarette, bläst den Rauch über den Jordan und entgegnet in einem verächtlichen und spöttischen Tonfall. Du etwas von mir wissen? Bis eben wusstest Du nicht einmal dass ich rauche.

Nur so aus Neugier: wie lautete die letzte Frage die Du Dir stelltest bevor das Licht ausging? Mein Vater nickte noch während ich die Frage stellte, seine übliche Art mir zu signalisieren dass er immer genau weiß was ich denke und warum ich Es denke bevor ich es aussprechen kann: meine letzte Frage war ob Du das Essen verkommen lässt dass wir Dir im Kühlschrank hinterlassen haben. Ich war einfach mein Leben lang daran gewöhnt mir so viel Sorgen um die Nachlässigkeiten und Versäumnisse meines Sohnes machen zu müssen dass ich gar nicht dazu kam ihn zu lieben.  

Wo ist meine Mutter will ich ihn noch fragen. Aus der Traum. 

Die Hälfte des ersten Espresso verschütte ich. Ein Tremor. Seit Jahrzehnten spiele ich Schach mit meiner anerzogenen Sucht. Ich gegen Alphazero. Es ist an der Zeit sie zum Protagonisten  einer Erzählung zu küren: Ich aus Sicht meiner Sucht. 

 

Tag 7, 19. August

Nachts lasse ich die Klimaanlage laufen, nicht weil mir heiß ist, sondern wegen des tröstlichen Rauschens. Kindheitserinnerungen. Ein D-Zug im Tunnel, offene Fenster, heute so undenkbar wie ein Kaufhausbesuch ohne Maske. Plastikblätter von Plastiktulpen in einer Urne zittern im Fön. Trockenblumen und Frauenzeitschriften in einem Frisiersalon. Ich werde schmaler und kleiner unter meiner faltigen Haut, meine Hirnhaut pellt sich. Ein Sinnenbrand. Bis eben wusste ich nichts von einer Freundin, jetzt vermisse ich sie. Sie versteht warum ich wie von Sinnen Schach im Internet spiele. Es hält mich vom Rauchen ab. Mögen zwischenmenschliche Beziehungen auch personifizierte Zwangsstörungen sein, es ist immer noch besser jemanden zu beschimpfen als Selbstgespräche zu führen. Von wegen ich sehe immer nur das Negative. Ich sei derjenige der immer das Haar in der Suppe findet. Blödsinn. Jeder, der die Suppe auslöffelt, die das Leben ihm einbrockt findet das Haar in der Suppe auf der Zunge. Gemessen an dieser Logik bin ich ein Optimist: viele Suppen ergeben ein Toupet.

 

Tag 6, 18. August

Die soziale Distanz führt dazu, dass man Menschen besser kennen lernt. In der als extrem empfundenen Zuspitzung der Situation entpuppen sich engste Freude als Paranoiker, Verschwörungsgläubige, Dogmatiker, Chauvinisten, Alters- und sonstige Rassisten. Kurz: sie verhalten sich jederzeit so durchgeknallt wie Autofahrer. 

Eine Freundin fragte mich wieso ich nicht mehr täglich meinen Blog schreibe.  Weil ich derzeit auf Entzug bin. Weit weg von der deutschen Medienlandschaft erhole ich mich von den Nachwirkungen der Talkshows und langsam erhole ich mich von Lanzeritis und dem Maischberger-Syndrom. Das Mittelmeer als Flüssiges Sanatorium. Mit dem Abschalten des Fernsehers schalten die eigenen Gedanken sich zu. Diejenigen, die nicht für andere gedacht sind, Die mit denen man niemanden bedrängen will, der zufällig und unschuldig über diese Seite stolpert. Die Grübeleien über das Warum des Schreibens. Fiktion als Reaktion auf die Zumutungen der Physik, den Mangel an Freiheitsgraden der Bewegung in der Raumzeit. Die Relativitätstheorie läßt beliebige Richtungen des Propagierens in der Raumzeit zu, doch dazu sind wir Menschen nicht in der Lage. Das wird unser Tod sein. Die Unerbittlichkeit der Entropie ist kein physikalisches Gesetz sondern vielmehr eine Beschränkung der menschlichen Evolution. Wir sind noch nicht annähernd so weit in beliebige Richtungen der Raumzeit zu reisen, dazu sind wir viel zu primitiv. Deswegen erfinden wir Geschichten, in denen Figuren sich vorwärts, rückwärts und seitwärts in der Zeit bewegen. So müssen sie nicht altern und sterben.

Ich beneide Menschen die sich auf ihre Zukunft freuen. Menschen die daran glauben man könne alles sein und erreichen was man sein und erreichen will. An den elementaren Dingen ändert unser Willen, Entschlossenheit, unsere visionäre Kraft gar nichts. An der Unvermeidlichkeit von Tod und Siechtum kann sich unser freier Wille noch so sehr abarbeiten, er scheitert kläglich. Auch im hohen Alter, las ich, sei das Gehirn noch lernfähig. Wozu? 

Das also sind meine Ausreden für meinen Mangel an Outpout. Der fatale Impetus der menschlichen Existenz. Die unmittelbare Nähe des Meeres. Das Sich-Treiben lassen mit Blick in den Himmel, als liege man in einem Kinderwagen mit Panoramablick ins Blaue. So geborgen, mit dem Gefühl ein Baby zu sein, die Windeln voller Zukunftsfreude, stelle ich mir einen akzeptablen Tod vor. 

 

 

 Tag 5, Wellendisfunktion

"Einhörner aus Kunststoff, trojanische Pferde voller Aerosole, und Schiffe die wie tote Riesenfische auf dem Wasser treiben bestimmen die Szenerie. Auf einer Luftmatratze im Design einer Flasche Becks döst ein Pärchen, erschöpft von den Anstrengungen vergangener Nächte. Der Konfusionsreaktor in meinem überhitzten Schädel produziert idiotische Buchtitel und verfremdete Zitate: `Schlechte Geschenke`. Dieses Bier war nur für Dich bestimmt. Ich bleibe jetzt und trinke es. Dabei neige ich meines Wissens nicht zum Verfassen von Belletristik, aber die Hitze und der Lärm unter dem Hallenbadgewölbe des Himmels forcieren Hirnverbranntes. Kann man richtig riechen. Verkokelter Speck. Exzessives Rückenschwimmen - der trägste Stil -  beschert mir einen Sonnenbrand im Gesicht. Toter Mann auf dem Rücken, umschifft von Tretbooten und Longboards. Ex war nicht die beste meiner Ideen die Begegnung im Sommer zu erzwingen. Aber was will ich von jemandem erwarten, dessen Variante eines von Stan Wawrinka unter Tennisfans bekannt gemachten Mottos von Beckett lautet: Scheitere erneut, scheitere schlimmer.    

 

Tag 4, Wie springt man über einen Schatten, der über einem schwebt?

Der Hinklug erschien mir deutlich kürzer. Als sei ich von einem Airport gestartet, der deutlich näher am Ziel liegt. Als sei ich kein alter Schwede. Kann sein, dass ich mir schon zu nahe gekommen bin. Scheinerinnerungen geraten zu meinem Flugbegleiter. Ich erinnere mich an eine Mitbewohnerin, über die ich mich ständig ärgerte, weil sie Kaffee mit Milch und Zucker trank und nie die Tasse spülte. Weil sie die Nächte durchhustete und morgens Zigaretten frühstückte. Weil sie mir ständig Vorträge über Biosonnenöl und gesunde Ernährung hielt. Vielleicht bin ich infiziert? COVID soll ja aufs Hirn schlagen. Ich befürchte jedoch, mein ungebetenes Ich gibt einen Dreck auf meine physikalischen Bedenken. Wenn ich mir begegne werden wir beide annihiliert. Bevor keiner von uns beiden etwas davon hat verdrücke ich mich. Der Sommer der europaweiten, neuen Normalität ist dafür die beste Zeit. Abschied vom maskierten Meer. Vom Ladenschlußgesetz der Insolvenzen, denen meine Stammlokale zum Opfer fallen ohne dass es hier einen einzigen COVID-Fall gab. Denn die neue Normalität greift um sich wie eine Seuche - oder ein Segen, wenn man es mit Rainer Langhals hält, rückgängige Geburtenraten und sinkenden Energieverbrauch erhofft. Mich traf buchstäblich der Schlag, als das Schlagwort von Bubi Scholz plötzlich in italienischer Sprache auf allen Hinweisschildern an den Türen zu Restaurants und Cafes prangte. Vor dem Rettungspaket beschloss die EU das Label. Gemeinsames Marketing ist ja auch leichter, als eine gemeinsame Finanzpolitik. Die Äh...Uuuh.. musste ihre Variante der Neuen Weltordnung nicht mal erfinden. Der Begriff wurde 2018 von Paul Sailer-Wlasits geprägt und meinte politischen Populismus als heue Form staatlicher Herrschaft. Und daran lehnt man sich an? Herzlichen Dank für diesen Hinweis. Aber war das wirklich so? Ich war doch gestern noch bei Guiseppe und da hieß es doch im Fernsehen, man sehe derzeit trotz einiger Fälle in Bergamo keinen Anlass zu besonderer Unruhe. Was solls. Soll das Virus ruhig in meinem Hirn rumfuhrwerken. Kann ja sein, dass mein nächstes Buch mal kein Verlagstod ist. Das Meer und die Maske. Klingt doch gar nicht so übel wie mir ist. Hoffentlich befinden wir uns bald im schwedischen Luftraum, dann kann ich endlich diesen Fetzen abnehmen, mit dem man sich fühlt wie der Gefolterte in Kafkas Erzählung In der Strafkolonie.

 

Tag 3, Begründung

Über der kulminierten Rat- und Rastlosigkeit wurde es Abend. Ein gedopter Chihuahua begleitet einen Radfahren im Irrsinnstempo. Ich wundere mich bis ich feststelle dass der Begleiter der Schatten von Pedal und Sandale des Radfahrers ist. Mein Handy drängelt. Je öfter ich nicht dran gehe, desto schlimmer werden die Folgen sein. Bei meiner notorischen Konfliktscheu frage ich mich welcher Teufel mich ritt, als ich den Entschluss fasste mit Dir um mein Leben zu kämpfen. Was macht mein altnormales Ich? Es verpisst sich und hinterlässt mir eine zerrüttete Beziehung. Wieso flüchtete ich lieber als mit mir dieses Leben zu teilen an diesem Ort, an dem ich lieber unglücklich bin als woanders glücklich?

Tag 2, Heimfluch

“Meine Reiselektüre: Catch 22. Konnte nicht umhin, diesen Schmöker mitzunehmen, jetzt freue ich mich diebisch darüber, dass keiner meiner Mitreisenden diese Anspielung auf das Stockholm-Syndrom versteht, dabei wollen doch so viele auf einmal Schweden sein, nur weil man dort gehorsam freizügig bleibt. Ob irgendwer die Anspielung versteht außer dem, vor dem ich mich verzeihe? Keine Ahnung. Ich müsste es aufschreiben und publizieren, dann würde ich es vielleicht erfahren.“

Tag 1, versetzt

Gestrandet am Rande des größten Nichtschwimmerbeckens Europas. Von einer Sandbankenkrise keine Spur. Bis zu der Phalanx an Booten, die den Grenzwall zwischen Gigantischem Planschbecken und Massengrab bilden, halten selbst Halbwichsigen den Kopf über Wasser, wenn sie auf Zehenspitzen stehen. Auf der Wasseroberfläche treiben Damenbinden und Masken, über den Zusammenhang mag man nicht nachdenken. Die Lichtreflexe auf dem Sand dicht unter der Wasseroberfläche: sanfte elektrische Entladungen, weiche Verweise auf Filme, in denen Tote elektrisch reanimiert, Zeitreisen unternommen und Tunnel zu Parallelwelten geöffnet werden. Laut der Kalenderfunktion meines Handies schreiben wir den 11.August. Mir fehlt ein Monat. An den ich mich dennoch erinnere.

Ich höre mich sagen: ‚Das Meer riecht heute wie frischer, grüner Tee.‘ ‚Dich hat’s erwischt.‘ erwidert das Gespenst in der Duschkabine. ‚Erst fällt der Geruchsinn der Seuche zum Opfer, dann zerfrisst sie Dein Gehirn.‘ Die Schiebetür öffnet sich einen Spalt, eine Hand mit 5 Tropfen auf dem Handrücken kommt zum Vorschein, ich händige das Handtuch aus und der Spalt schließt sich wieder. Ich wanke wie ein Zombie aus dem Badezimmer und vergesse mich, während ich mich an ein Leben erinnere, dass ich so nie geführt habe. 

Wie ferngesteuert gehorche ich, schnappe mir ein Handtuch, das an einem Haken an der Schiebetür zum Badezimmer hängt und öffne die Tür langsam. Hinter der milchigen Wand der Duschkabine die bleichen Konturen eines nackten Körpers. 

“Man hebt ab ins Ungewisse. Die Spätnachmittagssonne taucht die Felswände der Steilküsten in Champagnerlicht. Es müssen besondere Umstände sein die einen dazu veranlassen, diesen Ort fluchtartig zu verlassen. Mein Sitznachbar am Fenster würdigt die Kulisse, die wir unter uns lassen keines Blickes. Stoisch fixiert er die Rücklehne vor sich wie eine Katze ihren Widersacher. Seine Mund- und Nasenpartie bedeckt ein Trichter mit einer Membran, die sich in seinem Atemrhythmus auswärts- und einwärtswölbt so regelmäßig als beatme die Maske ihn. Auch ohne Maske atme ich schwer wie durch Pergamentpapier. Wie bei jedem überstürzten Aufbruch hat man das Gefühl etwas Wuchtiges, äh, Wichtiges zurück zu lassen.“

In den Regalen einige Bücher, die ich zu Hause habe, die aber nicht hier hin gehören. Darunter ‚ Geständnisse einer Maske.‘ von Mishima. Zumindest waren sie bei meinem letzten Besuch nicht hier. Auf dem Bücherbord zwischen getigerten Muschelschalen ein Miniaturschaukelstuhl, der vor- und zurück wippt, als habe jemand vor Sekundenbruchteilen hastig die Wohnung verlassen und sei dabei angeeckt. Ich werde es gewesen sein. ‚Kannst Du mir bitte ein Handtuch geben?‘ ruft eine Stimme aus dem Bad. Ich erstarre in der Sommerhitze schwitzend zu Eis.

 

 

 

  

 

Einen Kommentar verfassen

Kommentare

  • Keine Kommentare gefunden