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Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Roman `Hiroshima Retro`. Passend zur Corona-Krise  findet die Handlung in einem unendlichen Supermarkt statt.

Marter Noster

„Na, jetzt ist ja die Welt doch nicht untergegangen.“

„Sind Sie sicher?“

(Dialog zwischen Zeitungsverkäufer und Rorschach in Alan Moore`s/Dave Gibbons `Watchmen`)

Ich konnte diese Eröffnung in ihrer Absurdität kaum fassen, deshalb komme ich gleich zu Beginn darauf zurück. Endlich hatte ich Ruhe gefunden und dann kommt irgend so ein Heinrich-Heini, der die Unantastbarkeit meines Exils im Eispalast meiner Resignation nicht akzeptiert.

Dermaßen im Rampenlicht zu stehen war nämlich so ziemlich das Dümmste, was mir passieren konnte. Na blendend, schoss es mir durch den Kopf während ich überschlug, wann und wo die nächsten Interviewtermine angesetzt waren, zu denen ich nicht erscheinen wollte.

Zugegeben, die Anerkennung ging nicht spurlos an mir vorüber und nach Jahren der Entbehrungen hatte meine ans Altern noch nicht gewohnte Frau schon recht wenn sie sagte, wir könnens gut brauchen aber dennoch. Es wäre mir lieber, nicht wegen eines grundlegenden Missverständnisses in diese Lage gekommen zu sein.

Sehen Sie, ich bin kein Autor, denn ich will ewig leben. Schließlich heißt es: nur ein toter Autor ist ein guter Autor. Müßte dann nicht ein Schlächter, ein...gar kein Autor, ein absoluter Analphabet den Schlüssel zur Unsterblichkeit in seinem minderbemittelten Hirn hüten?

Ich will nicht sterben. Ich kann nicht schreiben. Schon deswegen nicht, weil ich nicht aufhören kann mit Händen und Füßen zu reden.

Auch diese Zeilen diktiere ich Ihnen und ich bin mir ziemlich sicher dass ich wenn ich lese könnte, was im Endeffekt da steht, mir völlig verlassen und verloren vorkomme, so als habe das nichts mit mir zu tun.

Andererseits haben sie wahrscheinlich Recht. Für mein eigentliches Berufsfeld interessieren sich ausschließlich sehr nostalgische Menschen. Die Hüte mit breiten Krempen toll und Steve Martin in Tote tragen keine Karos überhaupt nicht komisch finden.

Kennen Sie den Film? Nein? Müssen sie sich unbedingt ansehen. Da gibt’s eine Szene, in der sich der Privatdetektiv die Zunge rasiert, verstehn Sie? Ich hab das immer als ne Anspielung gesehen auf die Geschwätzigkeit der private eyes in der Schwarzen Serie.

Eigentlich kommen die ja immer wortkarg rüber, aber das liegt nur an ihren kurzen Sätzen. Von denen lassen sie unglaublich viel vom Stapel.

Wie ich heiße? Keine Ahnung. Ich musste um zu Ihnen vorzudringen meinen Namen vergessen. Wildeblood ist es nicht. Wutwart auch nicht. Ich weiß es einfach nicht. Sie können mich aber ruhig `Bird` nennen. Ich glaube zwar nicht, dass das mein richtiger Name ist, aber meine Frau sagt ich hab nen Vogel. Außerdem steh ich auf `Ornithology`.

Sie sind ja ein echter Banause. Von Charlie Parker. Seine erste Platte habe ich in einem Laden namens `Birdland` geklaut. Das war als ich noch Taschengeld bekam, das bei der Tiefe meiner Taschen nie reichte. Hab mir ne ganze Sammlung zusammengeklaut, wobei ich später mehr auf den Train-Ride kam. Passte irgendwie besser zu meiner Hybris, meinem damaligen Drogenkonsum und meiner einsamen Steppenwolfshöhle.

Meine wilde Zeit damals. Selbstzerstörerische Schwarzfahrten im Kopf. Nicht nur im eigenen, sondern jeder Kopf war für mich ein Bahnhof, den ich verstehen wollte. Umgekehrt musste ich immer auf Hirndiebe gefasst sein. Tückisch waren vor allem die, die in der Vergangenheit vor meiner Geburt nisten. Viele Jazztracks kamen mir bekannt vor, weil die Gauner mich aus der Vergangenheit beklauten.

Quatsch. Das hat nichts mit Fernverkehr zu tun. Ist ne Anspielung auf John Coltrane.

Das hörte auf, als man mich erwischte. Hatte einen gewissen Einfluß auf meinen beruflichen Werdegang.

Ich hab seinerzeit als Kaufhausdetektiv angefangen. Für meine Größe bin ich ziemlich schnell, hab früher Zehnkampf betrieben.

So kam eins zum anderen. Ich brauchte die Mücken und außerdem habe ich mir gedacht, Junge, wenn Du wirklich mal Journalist werden willst, solltest Du was erleben, Typen kennenlernen und so weiter. Taxi-Fahren wäre ne Alternative gewesen, aber als ich grade richtig klamm war, hatte ich keinen Führerschein.

Das muß man sich mal vorstellen, verloren habe ich den als Radfahrer. Wie das kam? Ich hab in besoffenem Kopp an nem geschlossenen Bahnübergang mein Fahrrad über die Bahnschranke gehievt, am hellichten Tag.

Der Intercity „Toller Bomberg“ hätte nicht mehr rechtzeitig bremsen können, zum Glück war auf die Verspätung Verlass. Ich fuhr seelenruhig weiter Schlangenlinien die Landstraße entlang, bis zum Abwinken einer Kelle. Muss es wohl eilig gehabt haben, obwohl ich keine Ahnung habe, warum.

Das war schade. Wäre gerne mal nach New York um Taxi zu fahren. Auf den Spuren von Robert deNiro. Und Armin Müller Stahl. Morgens um 6 am Fischmarkt bei Arielle`s vietnamesische Curry-Shrimps frühstücken. Aber das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert – und als mein Bruder anrief und mir den Job anbot, nahm ich ihn an. So begann meine Karriere als Detektiv.

So verschieden sind die beiden Jobs gar nicht. In beiden ist es wichtig, ein Auge auf etwas zu haben. Außerdem braucht man ein gewisses Maß an sozialer Sensibilität und an Robustheit. Sie sind gleichzeitig der Mann fürs Feine und fürs Grobe.

Wie meinen Sie das? Ach so, verstehe. Nein es stört mich nicht, dass ich sie nicht sehen kann. Ich glaube zwar, dass ihre Befürchtungen etwas übertrieben sind, aber ich kann nachvollziehen, dass sie sich mir nicht zu erkennen geben wollen. Es reicht ja, wenn man mich dafür drankriegt, dass dieses Interview stattfindet. Das ist schon in Ordnung.

Solange Sie sich nicht eine nach der anderen anzünden.

Warum so argwöhnisch? Ist nur, weil ich’s mir grade abgewöhne...jede Lulle könnte meine letzte sein.

Es überrascht Sie, dass ich einen Bruder habe. Glauben Sie mir, mich überrascht das auch. Andererseits...alle Menschen werden Brüder, selbst die Schwestern, so heißt es doch, nicht wahr? Ein ziemlich geschwätziger Kneipenwirt, einer von der Sorte, der Wein predigt und Wasser säuft, hat mal gesagt, alle Menschen werden Bücher wäre ihm lieber. So wie in Wir fahren heut, Häftling 451. Mir rätselhaft, wie man so was als Kneipenwirt sagen kann.

Bücher sind nun mal ne trockene Materie. Wie bitte? Ach, sie meinen, das muss ja nicht wissentlich so sein. So nach dem Motto, dass jeder Mensch ein offenes Buch ist, das nur er selbst nicht zu lesen vermag. Da mögen sie Recht haben, dass es über jeden von uns ein Stasi-Dossier gibt. Wäre schon möglich.

Klar hat mich das beschäftigt. Vielleicht dachte er ja, dass es gut für die Umsätze im `Scarface` ist. Von Bücherverbrennungen bekommt man bestimmt einen tierischen Brand. Absinth kann ihn löschen. Cognac auch. 

Aber mein Wirt meinte das anders. Hatte mal versucht, ne Fortsetzung von Fahrenheit 451 zu schreiben. Venganin 119. Da sind es dann nicht nur einige wenige Leseratten, die sich in einen Wald verkriechen, wo sie als verschworene Gemeinschaft biochemischer Datenspeichelspeicher von Pilzen und Eichhörnchen leben und sich ab November im Erdreich zum Wintertiefschlaf der Vernunft eingraben. Die Vorzeichen sind umgekehrt. Wer kein Buch ist, wird zur Erzeugung von Bioenergie verbrannt. Bis zur Unkenntlichkeit von Fluchschreibern verstümmelt. Von vorne bis hinten verkohlt.

Was weiß ich, wieso. Da müssen sie ihn schon selbst fragen. Er hats auch nicht veröffentlicht bekommen, so gesehen wäre er Opfer seiner Utopie geworden. Zumindest hätte er seinen Brand in seiner eigenen Kneipe löschen können. Ist halt wirklich so. Wer nichts wird wird virtuell.

Jeder Mensch ein Buch...stellen Sie sich das mal vor. Die ganzen armen Schweine, die überhaupt keine Geschichte haben. Stellen sie sich das Chaos mal vor, das herrschen würde, wenn jeder gescheiterte Ehebrecher, der sich in der Bar ausheult, tatsächlich sein Leben als Roman verfassen würde. Dann gäbe es kein vorne und hinten mehr.

Glaub nicht, dass er was dagegen hat, wenn ich Ihnen seine Nummer gebe. Wie das Leben so spielt, ist die Kneipe den Bach runter gegangen. Und was treibt er jetzt? Taxifahren. 

Wenn Sie sich bei ihm in die Karre setzen und bestellen, sagen wir, eine Fahrt von Cuxhaven nach Augsburg, erzählt er Ihnen alles, was sie nicht wissen wollen.

Er braucht diese Situation, um ins Erzählen zu kommen. Er muß gleichzeitig etwas steuern, etwas navigieren, auf die Herrschaft und Kontrolle über etwas fixiert sein. Das Lenkrad. Die Gläser, die er spült. Die Zapfanlage und so weiter.

Sie können sich vorstellen, welche grauenhaften Sprachverstümmelungen er anrichtet, wenn er etwas anderes zu schreiben versucht, als Einkaufslisten.

Wir mochten uns. Beide waren wir immer auf der Suche. Nach Kunden. Nach neuen Engagements. Ins Gelände verbracht mit der untrüglichen Spur. Meistens war das Gelände das weite Feld des Sports und der Politik. Klarer Zusammenhang, witzelten wir, Sport ist Mord. Wort ist Mord.

Wir waren eine Generation. Zu spät für die 68er, aber alt genug, um in Erinerungen an Arthur Ashe und Jimmy Connors zu schwelgen. Flushing Meadows, das waren noch Zeiten.

Da haben Sie Recht. Brüder im Geiste. Wir sind beide Eklektiker. Ja sicher, als Elektriker hätten wir mehr verdient. Als Starkstromeklektiker ist das so ne Sache mit dem Lebensunterhalt. Das muß man halt parallel zu seiner kunstvollen Verkettung der unglücklichen Umstände hinkriegen.

Versuchen Sie es mal. Das ist äußerst amüsant, wenn sie nicht grade die Niederschrift lektorieren müssen.

Von Sport und Politik kamen wir häufig auf Literatur. Das bringt die Sache so mit sich. Wenn Juve richtig Scheiße spielte landeten wir regelmäßig bei Pavese. Es ist ja auch nicht so, dass ich es nicht gewollt hätte. Ich zögerte es nur immer weiter heraus.

Weil einfach kein Anfang und kein Ende zu finden war und auch keins zu finden ist, davon bin ich überzeugt, und weil....ich dazu erst einmal bestimmte Voraussetzungen hätte schaffen müssen.

Wie das gemeint ist? Na ganz einfach. Schrift ist halt so beschaffen, dass sie einen Anfang und ein Ende haben muss, eine Klammer. Zumindest dann, wenn sie zur Reportage oder gar zum Buch werden soll.

Ist ja selbst bei Fortsetzungsromanen so. Der rote Faden beginnt, schlängelt sich durch den Text, und endet mit einem probaten Cliffhanger, der Leser kann sich dran entlang hangeln. A straight story.

Sowas kann und will ich nicht. Weil es verlogen ist. Eine lineare Chronologie, einen Beginn und einen Schluss finden sie im Leben genau so wenig, wie einen echten Kreis oder eine andere geometrische Form in Reinkultur. Sowas erlegen wir unseren Wahrnehmungen immer nur auf.

Klar ist das absurd, diese ganze Geschichte. Ohne in meinem Leben überhaupt auch nur ein Gedicht oder auch nur einen einzeiligen Aphorismus geschrieben zu haben, werde ich als die literarische Sensation herumgereicht.

Wissen sie, das typische private eye ist in einem undefinierbaren Alter rund um 45. Es ist nicht wählerisch was seine Auftraggeber und die Art der Aufträge angeht. Man erfährt nichts über seine Biografie, darüber, wie er zu einem solchen misanthropischen Einzelgänger wurde.

Sein Zynismus diktiert, dass von der eigenen Biografie nur noch eine Desillusionierung geblieben ist, die so gründlich erfolgt ist, dass er noch nicht mal mehr weiß, welche Erwartungen enttäuscht wurden, welcher Schock, welches Trauma, welcher Verlust sie hervorgebracht hat.

Keine Ahnung. Verwandte: Fehlanzeige. Eine Partnerin: niemals. Eine Schnapsflasche: ja. Nur die nackte Gegenwart, schwarz auf weiß. Eine 45er und eine finale Patrone. Und dann...

... nimmt er den Auftrag einer schönen, aber zwielichtigen Lady an. Etwas sagt ihm, dass die Frau etwas auf dem Kerbholz hat, etwas Entscheidendes verbirgt. Das gilt aber auch für ihn, nur dass er im Unterschied zu ihr nicht mehr zu benennen weiß, was es ist. Obwohl er als Entscheidungsanwalt ein As ist.

Er hat sich so lange selbst belogen, bis er gar nichts mehr verschweigen und falsch darstellen kann, was seine eigene Geschichte betrifft, weil er die nicht kennt. Etwas gezielt verbergen kann man nur, wenn man weiß, worum es sich handelt. Was gezielt verborgen wird, ist aber meistens leicht zu entdecken. Und schon ist man zum Beispiel verheiratet. Oder ein Plagegeist aus einem verdrängten Vorleben meldet sich zu Wort.

Das ist überhaupt nicht `far fetched`. Wem geht es nicht so? Als sich mein Bruder bei mir meldete, war ich wie gelähmt. Als hätte ich einen Stromstoß ins Ohr bekommen. Die Stimme war mir vertraut, obwohl ich mich nicht daran erinnern konnte, sie jemals gehört zu haben.

Ich hatte sofort ein schlechtes Gewissen, so als ob ich jemanden verlassen, verstoßen und hintergangen habe. Ich brachte das in Zusammenhang mit meinem Wirt. Den hätte ich mir nämlich als Bruder gewünscht.

Und dann kommt diese Stimme, kaum wahrzunehmen aufgrund eines Rauschens, in dem die Stimme versinkt wie eine Silhouette in einem reißenden, in Kaskaden die Felsen herabstürzenden Gebirgsbach, von der nie genug und das Geringfügige nie lange genug an die Oberfläche kommt, um verräterisch zu sein, um identifizieren zu können, ob es sich um eine Sache oder ein Lebewesen oder ein Lebewesen handelt, das kürzlich noch eins war.

Zudem kommt es immer wieder zu Unterbrechungen der Verbindung. So entsteht aus der Art der Kommunikation mit meinem Bruder der Nimbus seiner Geschäftigkeit. Ein rastloser Typ, immer auf Achse, immer unterwegs von einem Funkloch zum nächsten, immer dabei, gekappte Kontakte wieder herzustellen. Ein Jetsetter, dessen fester Wohnsitz ein bewegter ist, ein Speisewagen oder die Business-Class einer Trans-All.

Ich weiß nicht, ob ich jenseits der Schwelle des bewusst Hörbaren codierte Obertöne seiner Stimme wahrnehme, oder ob ich intuitiv eine Botschaft entschlüssele, die sich im Morsecode der Phasen intakter und gekappter Verbindung verbirgt, jedenfalls ist es grade das Muster der Störungen, das mir mitteilt, man kann sich seinen Bruder nicht aussuchen. In allen Variationen zunächst immer wieder diese Aussage. Penetrant wiederholt wie ein Notruf ins Unbekannte.

Sogar der Tonfall ist eindeutig. Ein Kopfschütteln. Deswegen das schlechte Gewissen. Es bezog sich nicht darauf, jemanden verstoßen zu haben, sondern jemanden verstoßen zu wollen.

...---...

Dabei hatte ich überhaupt keine Vorstellung von meinem Bruder, der Grund für meinen Wunsch war also nicht greifbar. Ich empfand die Präsenz eines leiblichen Bruders als eine Bedrohung.

Und jetzt stellen sie sich beispielsweise Humphrey Bogart vor. Seine Klientin verbirgt etwas, weiß aber was sie verbirgt. Bei ihm ist etwas verborgen, dafür weiß er nicht was es ist. Da ist aber noch etwas anderes.

Er fühlt ein moralisches Dilemma, einen Grund für die Verschwiegenheit, die Ursache einer Verlogenheit, die er als Entschuldigungsgrund akzeptiert. Diese Frau ist juristisch eine Verbrecherin, aber sie ist im moralischen Sinne noch unschuldig, weil ihre Motive edel sind.

Das weckt sofort einen Beschützerinstinkt, der tatsächlich nicht nur auf sie bezogen ist, sondern auch mit seinen eigenen Bedürfnissen zu tun hat. Schließlich hütet er selbst ein Geheimnis. Ein Geheimnis, das am besten geschützt ist, wenn er selbst es nicht kennt.

Damals war das genau das richtige. Wenn Sie über 40 sind, dann haben sie ein genaues Gespür für die geringe Zeitspanne, die noch bleibt, um aus dem Leben etwas zu machen. Denn schließlich können sie diese Zeitspanne überblicken und einschätzen, weil eine solche Spanne schon hinter ihnen liegt. Das ist beängstigend. 

Die Konsequenz ist, dass sie Ideale und Prinzipien hinten anstellen. Als man jung war, meinte man alle Zeit der Welt zu haben, um sie zu realisieren. Um Rückschritte auf dem Weg des Größenwahns zu kompensieren meinte man Zeit genug zu haben. Aber jetzt trifft man schnelle Entscheidungen, um seinen Lebensstandard zu verbessern und lässt sich auf jede Menge Kompromisse ein.

Woher ich das wusste...er mailte mir eine Kopie seines Personalausweises und es gab kein Vertun. Aus der Ausweiskopie ging hervor, dass wir am selben Tag und im selben Jahr geboren wurden. Das bewies noch nichts aber es zerstreute dennoch alle meine Zweifel im Handumdrehen.

Warum? Überzeugung. Überzeugung ist ein Kompromiss. Das Substantiv zu kompromittiert. Uneingestandene Sehnsucht formte den Zufall zum unbestechlichen Beleg. Mit der Synchronisierung der verfehlten Geburt nahm das Familienalbum seinen Lauf.

Seine Frisur war anders als meine, er hatte eine lange Matte und nen Vollbart, aber die geteilte Gewissheit verriet es: wir waren eineiige Zwillinge. Das andere Ei hatte man uns beiden entfernt, als man uns umgehend voneinander trennte. Angeblich weil unsere Eltern den Anblick unanständig fanden.

Keine Chance. Beide tot. Sie starben im Abstand von wenigen Monaten. Auch wenn mein Bruderscherz es leugnet, sie jedes Wochenende in virtuellen Seniorenstiften besucht. Das unterstreicht er in seinen mails mit Inbrunst und Ausrufezeichen. Kann zwar sein, dass verschiedene Mütter Austragungsort dieser Schwangerschaft waren und verschiedene Väter sich uns eingebrockt hatten. Doch dann ist die Geschichte mit dem dritten Ei scheierhaft.

In meiner Welt sind sie früh verschieden. So früh, daß ich mich selbst daran kaum erinnere. Ich weiß noch, dass ich es immer als ungerecht empfunden hatte, dass mich das Heim an Adoptiveltern vergeben hat, die beinahe 50 Jahre älter waren als ich.

Anderseits würde ich früh erben, hatte ich mir gedacht. Ich erbte auch früh, aber nichts als Hypotheken. Anscheinend war mein Unterhalt ziemlich kostspielig gewesen. Oder ihrer ist es noch.

Das Leben ist eine kostspielige Angelegenheit. Das führt dazu, dass alle Menschen Lügner werden. Ich hatte es mit meinem Job als Kaufhausdetektiv noch gut getroffen, auch wenn ich mir über die Beweggründe meiner Anstellung lieber keine Gedanken machte.

Gut und böse, von wegen. Die einzigen, für die ich Verständnis aufbrachte, waren die Ladendiebe, die ich dingfest machen sollte.

Ich habe die geheimnisvolle Lady in meinem Leben geehelyncht. Eigentlich bestand ihr einziges Geheimnis darin, dass sie nichts zu verbergen hatte. Sie ist einfach nur nicht besonders redselig. Maulfaul, könnte man fast sagen. Passend dazu ist Sie als Bilanzbuchhalterin ausgebildet.

Aber wenn sie redet, dann mit Entschiedenheit. Das macht sie immer dann, wenn mir Skrupel kommen, wenn ich das Gefühl habe, dass ich Vorteile davon habe, eine Rolle in einem Spiel zu spielen, das abstoßend ist und dessen Spielregeln ich eigentlich ändern müsste. Dann überzeugt sie mich davon, dass ich ein Narr bin.

Sie hat Recht. Ich gehe aufs Rentenalter zu und andere in meinem Alter verdienen ihren Lebensunterhalt damit, dass sie Freundlichkeit heucheln müssen, am Telefon, im Verkauf, im Vertrieb.  

Das ist der Deal. Um einigermassen über die Runden zu kommen, müssen die meisten die Lügen ihrer Auftraggeber verbreiten. Das ist ihre fremde Bestimmung. Armselig meinen sie?

Schon möglich, aber ich sage ihnen, wenn sie jahrelang durchhingen, älter werden und Träume zerschreddern, dann wird eine schöne, große Wohnung mit Balkon, die Möglichkeit, wenigstens ein paar Wochen an den Strand zu fahren erstrebenswerter, als ein würdevoller und standhafter Auftritt beim Sozialamt oder ein offenes Wort gegenüber dem Boss.

Die Schwelle für das, was einem als sinnloses Martyrium erscheint sinkt so weit, bis man jede Form von Zweifeln an der Legitimität des eigenen Tuns als Masochismus abtut.

Dumm ist nur, dass auch das ein Ideal ist. So ist das mit dem private eye, das seinen Zynismus pflegt und jeden noch so zwiespältigen Auftrag annimmt, wenn der Vorschuss stimmt.

Dann nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Erst hofft er noch, es handelt sich um einen Midnight Run, den man rasch erledigen kann, ohne ins Geschehen involviert zu sein. Sozusagen wie ein Chirurg, der Latexhandschuhe überzieht, einen Blinddarm entfernt und fertig.

Doch mit der Aufnahme von Ermittlungen verstrickt das private eye sich immer tiefer ins Geschehen, wird vom distanzierten operativen Fremdkörper zur Figur im Zentrum des Geschehens.

Ich nahm den Job an noch bevor ich mir Klarheit darüber verschafft hatte, ob es sich um meinen Bruder handelte. Verstehen sie, ich nahm den Job innerlich an in dem Moment, in dem er mir offeriert wurde. Es hätte irgendeiner anrufen können und ich hätte den Job angenommen.

Die Vehemenz meiner Zustimmung und ihre sofortige Unbedingtheit hatten mich zwar latent skeptisch gemacht, aber was sollte es. Ich hatte es satt, von meiner Zeitarbeitsfirma im Umkreis von 200 Kilometern herumgeschickt zu werden und nie zu wissen, wie viel ich am Ende des Monats hatte.

Am schlimmsten war der Midnight-Run beim OPS!- Kurierdienst. Sämtliche Adressen, die auf den Lieferungen vermerkt waren, existierten nicht. Am Ende dieser nicht enden wollenden Nacht hatte ich von diversen Pizzen Hüftspeck zugelegt, und obwohl ich für das Malheur nicht verantwortlich war, hatte ich dafür die Konsequenzen zu tragen, dass ich unverrichteter Dinge zur Zentrale zurückkehrte.

`Wir ersaufen hier in Anrufen empörter Kunden. Wo hast Du Dich denn rumgetrieben?`

Ich kam nur knapp um eine fristlose Kündigung bei der Zeitarbeitsfirma herum – gegen Beteiligung am Regress, versteht sich. Noch als ich Stunden vor den Besen der Stadtreinigung die zugigen Straßen mit dem Saum meines Trenchcoats kehrte, betäubt durch schillernde Pfützen schlenderte, flankiert von winzigen Windhosen, die Billets, Laub und Lepra-Paks aufwirbelten, mit ner Lucky Strike im Mundwinkel und Hände in den Hosentaschen dem Sonnenaufgang davontrottete, `Denn Sie wissen nicht, wovon sie die Miete zahlen` im Sinn, grübelte ich darüber nach, wer da angerufen haben mochte.

Reine Schutzgeldbehauptung, hege ich Verdacht. Erzählen der Mafia was von Liquiditätsengpass wegen Vorkasse, inszenieren im Beisein der Eintreiber eine Beschwerde an der Hotline von OPS! und den Schwarzen Peter hat der Kurier. Der hockt in seiner Wohnung im Dunkelen und hofft, dass man ihm das `Bin nicht da` abnimmt, statt ihm die Tür einzutreten.

Ganz gleich was Du jetzt verdienst, sagte mein vorgeblicher Bruder, in dem Laden verdienst Du das Doppelte. Das garantiere ich Dir. Ich habe lange, im Prinzip sogar bis jetzt keine Sekunde bereut, den Job angenommen zu haben. Er entsprach meinen Fähigkeiten und Neigungen.

Sagen Sie mal, schlafen Sie? Das Aufnahmegerät ist abgelaufen. Sind Sie noch da? Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, wenn ich die Binde etwas lockere. Ist doch ziemlich warm da drunter und es fängt zu jucken an. Okay so?

Ach das, ja das ist grauenhaft, nicht? Ich hab es mir einfach noch nicht abgewöhnen können, ab und zu die Zähne zu fletschen. Bei manchen Verhören hat das tatsächlich Wirkung gezeigt, wahrscheinlich weil meine Eckzähne so spitz zulaufen. Kann wohl ziemlich unheimlich sein, wenn man mit mir allein ist.  

Angeblich verfügen eineiige Zwillinge ja über ein intuitives Wissen voneinander. Sind durch ein morphogenetisches Feld miteinander verbunden. Jedenfalls hatte er mich von seiner Identität schon überzeugt, als er mich vor dem ganzen Papierkram warnte. Dasselbe Syndrom. Dieselbe Phobie. Dieselbe Neigung, genau das zu tun, wovor man sich am meisten fürchtet.

Über jeden Vorfall und insgesamt über den Tagesverlauf hatte ich ausführliche Berichte zu erstellen. Der Laden war bei Dieben so beliebt, dass Ladenhüter nicht existierten. Sie klauten alles, was nicht niet- und nagelfest war, sogar herumliegende Etikettiermaschinen.

Das mit den Berichten konnte einem in der Tat die Laune verderben. Nicht nur, weil ich gewohnt bin mich kurz und knapp zu fassen und der Filialleiter mir bereits beim Einstellungsgespräch mitteilte, dass er nicht nur äußersten Wert darauf lege, dass die Berichte akkurat und detailgenau sind, jedes Detail sei gegebenenfalls von Bedeutung und etwas auszulassen sei eine grobe Verletzung der Aufsichtspflicht, sondern auch darauf, dass die Ereignisse des Tages in einem dramaturgischen Zusammenhang zu schildern seien.

Er empfing mich in einem fensterlosen, komplett weiß getünchten Raum. Der Raum war so hell, dass die Kanten und Fugen regelrecht überblendet wurden.

Es wäre kaum möglich gewesen die Ausmaße des Raumes zu schätzen, wäre da nicht die Reihe Halogenlampen gewesen, die entlang den Winkeln zwischen Decke und Wand angebracht war.

Der Filialleiter hatte in der mutmaßlichen Mitte des Raumes an einem Nierentisch Platz genommen, dessen einziges Requisit ein Notebook war. Während des Gesprächs zitterte er ab und zu leicht, bis er aus seiner Jackentasche ein Handy holte und es ausschaltete. Danach gab es im Raum keinerlei Vibrationen mehr, auch zwischen uns nicht.

Während des gesamten Gespräches, das eigentlich keins war, weil nur er redete, knetete er seine auf einem Handauflagepad verschränkten Hände. Unter dem Tisch wippte er abwechselnd mit den Füßen. Für mich gab es keinen Stuhl, ich hörte mir im Stehen mit vor dem Bauch gefalteten Händen an was er mir zu sagen hatte.

Ich hätte bei der Habhaftmachung von Dieben freie Hand. Die Gesellschaft bürge für meine Referenzen, er sehe keinerlei Anlass mich in bezug auf meine detektivische Tätigkeit in besonderer Form zu instruieren.

Jeder Fall eines Ladendiebstahls habe zur Anzeige zu gelangen, der Betreffende sei in Gewahrsam zu nehmen und ich hätte die Vollmacht in diesem Raum hier eine Vernehmung durchzuführen. Dann könne ich selbst im Sinne des Unternehmens darüber entscheiden, wie lange das Lokalverbot auszusprechen sei.

Ich hätte eine digitale Fotografie von dem Dieb oder auch Randalierer zu erstellen und im elektronischen Archiv abzulegen, er gehe in Anbetracht meiner Referenzen davon aus, dass ich wisse, wie ich vorzugehen habe, wenn sich jemand dem In Gewahrsamnehmen zu entziehen trachte, sich gewaltsam widersetze etc. pipi.

Es machte mich stutzig, dass er von meinen Referenzen sprach. Ich hatte nichts vorgelegt, keinen Lebenslauf – woher nehmen und nicht stehlen? – und keine Bewerbung. Dennoch nickte ich mit dem Kopf, als er meine Referenzen erwähnte.

Mein Zwillingsbruder musste sie ohne mein Wissen und meine Zustimmung angefertigt haben oder es musste seine Behauptung genügt haben, dass ich über Referenzen verfüge.

Ich hatte nie als Detektiv gearbeitet. Wenn es also Referenzen gab, dann waren sie nicht nur übertrieben, sondern entbehrten schlicht völlig jeder Grundlage. Eine glatte Fälschung. War mir auch recht.

Worauf er jedoch ausdrücklich Wert lege und achte sei die nicht nur semantische, sondern auch atmosphärische Stimmigkeit der Berichte. Er stand auf und begann, hinter dem Nierentisch auf- und abzuwandern, ohne mich eines Blickes zu würdigen.

Hatte ich bis dahin seine Erscheinung aus meiner Aufmerksamkeit völlig ausgeblendet, was leicht war, weil diese blendende Helligkeit sich wie Abdeckfarbe über die wenigen beweglichen Bestandteile des Raumes legte, so zog mich nun die schiere Größe und Massigkeit des Filialleiters in ihren Bann.

Mit Namen stellte er sich mir nicht vor. Er trug auch kein Namensschild. Das war auch nicht nötig. Er war der Archetyp des Filialleiters. Ich war als Novize sowieso ein Namenloser. Also wurde auch ich nicht bei meinem Namen angeredet, und genau damit spricht man mich beim richtigen Namen an. Merkwürdig, dass mir bei seinem Anblick der Name Goofman durch den Kopf geisterte.

Doch, natürlich. Es war eine ausgesprochen unwirkliche und unwirtliche Situation, wenn man sie über sich selbst schwebend betrachtete. Aber da ich gar nicht reflektierte, was vor sich ging, sondern ihn nur ansah, wie er vor sich herging und ansonsten so konzentriert zuhörte, dass ich kaum verstand was er sagte, beeindruckte mich das nicht.

Es schien mir das Selbstverständlichste von der Welt, dort zu sein und mich genau so zu verhalten wie ich mich verhielt.

In vielen Filmen der Schwarzen Serie kommt es ja dazu, dass das private eye zum ersten Mal mit einer Leiche konfrontiert wird oder auf jemanden schießt und ihn tötet, als wäre diese Aufnahmesituation das Selbstverständlichste der Welt.

Sehen sie, wenn man sich selbst schon in einer außergewöhnlichen Situation befindet, gewöhnt man sich oft erstaunlich schnell an sie. Das scheint dann nur einem Außenstehenden außergewöhnlich zu sein, aber man ist ja kein Außenstehender.

Die Schweißausbrüche und bohrenden Fragen kommen im Nachhinein. Man kann nicht glauben, was man getan hat, worauf man sich eingelassen hat. Die Konsequenzen türmen sich in ihrer Unklarheit doppelt vor einem auf und drohen über einem zusammenzustürzen noch bevor man überhaupt ahnen kann worin sie bestehen.

Da ist aber noch etwas anderes, die untrügliche Gewissheit, dass man einen Schläfer im eigenen Ich beherbergt, jemanden, der in bestimmten Ausnahmesituationen sozusagen automatisch auf den Plan tritt. Ein Schrifttyp, der durch einen anderen ersetzt wird, welcher sich als wortmächtig und schriftverkehrt bewährt. Ein lupenreines Berichts-Wesen.

Es ist so, als würde der Figur in einem Drama oder in einem Film plötzlich der Verdacht kommen, dass es ein anderer ist, der ihr Gestalt verleiht und den eigenen Aufenthalt in dieser Kulisse begründet. Genau so ist es schließlich, oder? Zumindest auf der Bühne und am Set.

Und mir scheint es auch in Wirklichkeit so zu sein, dass es immer ein anderer ist, der einem Gestalt verleiht und auch das nur vorübergehend, für den Ort und die Zeit einer Inszenierung.

Zum Beispiel jetzt. Ich bin blind und damit sind mir die Hände gebunden. Ich brauche meine Augen um mich im Raum bewegen zu können, ohne etwas zu sehen, kann ich mich kaum rühren. Ich kann also nicht einmal überprüfen, ob das hier tatsächlich ein Gespräch ist von Gesprächspartnern mit unterschiedlichen Positionen. Möglicherweise sind Sie nur derjenige, der mir Gestalt verleiht?

Immer, wenn der Arealleiter sich sammelte, blieb er stehen. Er rekapitelierte dann leise vor sich hermurmelnd das was er bis jetzt gesagt hatte und nahm dann Wanderung und Monolog wieder auf. Dabei dirigierte er mit der einen Hand die Klangfolge seiner Rede und massierte sich mit der anderen Hand den Nacken.

Ich war mir zunächst sicher gewesen, dass der Filialleiter eine Art Kittel über seinem Anzug trug, doch das lag nur am Licht, und daran, dass der Stoff sich im Wind bauschte, den sein Vortrag machte. Tatsächlich trug er einen taubenblauen Anzug.

Er war dunkelhäutig, seine Haare waren silbergrau und kraus. Seine Hände waren äußerst gepflegte Pranken. Sein grob gemeißeltes Gesicht war von Aknenarben übersät und ein schütterer Schnurrbart überdeckte nur notdürftig eine unzureichend ausgewetzte Hasenscharte, die den rätselhaften Akzent erklärte. Seine eingedrückte Nase weckte tief verschüttete Erinnerungen an einen Olympioniken...einen Boxer namens...Leon Sphinx!?

Mir schwante, dass es sich bei meinem Job keineswegs nur darum handelte, Diebe dingfest zu machen. Je gründlicher mir dargelegt wurde, was man von mir erwartete, desto einleuchtender schien es mir zu sein, dass der Auftrag, den mir mein Bruder in Aussicht gestellt hatte im Prinzip nur eine Tarnkappe meines eigentlichen Tätigkeitszwecks sein sollte.

Das war wohl auch der Grund dafür, dass der Filialleiter nur desinteressiert mit den Achseln zuckte, als ich bei seiner abschließenden Frage nach meinen Gehaltsvorstellungen spontan den von mir ursprünglich als utopisch angesehenen Richtwert verdoppelte. Ich ärgerte mich etwas. Ich Windbeutel hätte ihn vervierfachen sollen.

Was immer die Erwartungen waren, die das Unternehmen in bezug auf mich hegte – ich hatte mich unter Wert verkauft. Danke für die Blumen.

Ich scheine in der Tat dazugelernt zu haben. Als meine Verwandlung perfekt war, zögerte ich jedenfalls keine Sekunde, einen für mich realistischen Betrag festzulegen und dann bei den Vertragsverhandlungen mit den Medienanstalten einfach eine 0 dranzuhängen.

Wenn ich mir ansehe, wie erfolgreich ich vermarktet werde, war es gleichwohl eine 0 zu wenig, aber na ja, ich kann mich nicht beklagen.

Drei Monate Urlaub waren natürlich ne Wucht. Einzige Bedingung war, dass ich meinen Urlaub im Umkreis von 50 Seemeilen um mindestens eine Filiale des Unternehmens verbringen musste, um auf Abruf bereitzustehen, falls dort jemand ausfiel. Sprachbarrieren seien kein Problem, man würde mir falls erforderlich einen erstklassigen Dolmetscher zur Seite stellen, und eine Ohrfeige ist sowieso eine international so geläufige Aussage wie das SOS oder Mayday.

Es gab keine Probezeit und ich konnte meinen ersten Urlaub bereits einen Monat nach Dienstbeginn antreten. Meine Frau staunte nicht schlecht, als ich mit ihr zusammen eine Kreuzfahrt auf dem größten Passagierschiff der Welt, der `Sturmvogel`, buchte.

Ob denn das kein Problem mit der Nähe zur Filiale gebe? Und das war der Hammer. Nicht nur, dass das Unternehmen selbst in den entlegensten Winkeln der Erde Filialen unterhielt, es befand sich sogar eine Filiale an Bord des Schiffes.

Ich habe mal just for fun gefragt, ob ich nicht mal einspringen sollte, aber die Reaktion des dortigen Kollegen war von einer gewissen feindseligen Höflichkeit.

Doch doch, das mit meinem Bruder beschäftigte mich schon. Während einer Kreuzfahrt, während man Station macht an den schönsten und entlegensten Sandstränden hat man viel Zeit nachzudenken.

Bei meiner Frau erstaunte mich, wie sehr sie als absolut selbstredend erachtete, was ihr geboten wurde. Sie war regelrecht gelangweilt genau so wie eine Person, für die der größte Luxus nichts anderes ist als Routine. So hatte sie auch reagiert, als wir unsere neue, dreimal so große Wohnung bezogen.

Parkettboden, Terrasse, Badezimmer mit Dusche und Yakuzzi, Swimming-Pool, Sauna- und Gartenbenutzung frei. Stadtnah aber doch ruhig, prima Infrastruktur und doch im Grünen. War ja wohl das Mindeste. Ich liebte sie für diesen Snobismus. Obwohl er mich umbringen würde. 

Naja, versetzen sie sich mal in meine Lage. Bis zum Anruf meines Bruders habe ich meistens als Call Center-Agent in einer Telemarketing-Bude gearbeitet. Ohne Arbeitsvertrag, nur auf Provision, ansonsten Almosen von der Verleiher-Firma. Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben.

Und dann nehme ich einen horrend überbezahlten Job an auf Vermittlung eines Menschen, der sich mein Bruder nennt und den ich nie im Leben bewusst wahrgenommen habe, den bekomme ich auf Basis gefälschter Referenzen und dann kündige ich ohne groß nachzudenken meine Wohnung, beziehe eine sündhaft teure Bude, buche ne Kreuzfahrt und führe plötzlich ein Leben, als wäre ich ein anderer – alles unter dubiosen Umständen, ohne irgendeinen Vertrag und irgendeine Garantie, dass der ganze Segen nicht von einem zum anderen Tag vorbei ist.

So seltsam das in Anbetracht der gestiegenen Lebensqualität klingt, es ging mir in bestimmter Hinsicht nicht gut dabei. Das lag nicht so sehr daran, daß dieser Traum jederzeit platzen konnte. Ich kam mir vor wie der talentierte Mr. Ripley. Ich war benommen, hatte eine unsichtbare Mauer durchdrungen, die das Paradies von der Kloake des Existenzkampfs trennte; ich fühlte mich einerseits wie ein Betrüger, wie ein Emporkömmling, dessen Tarnung jeden Moment auffliegen würde.

Aber ich fühlte mich auch wie ein Verräter. Kennen Sie den Film `Im Auftrag des Teufels`, in dem Al Pacino den Teufel in Gestalt eines Anwaltes spielt und Keanu Reeves unter seine Fittiche nimmt? Es war, als stecke ich in Keanu Reeves Haut, und in dieser Haut wollte ich nicht stecken.

Wenn ich mich in irgendeiner imaginären Rolle wohlfühlte, dann in einer zu der ein Trenchcoat passte und eine Zichte im Mundwinkel. Aber ein nichtrauchender Karrierist? Das steht mir einfach nicht. Tja... 

In der Schwarzen Serie ist es ja so, dass der Schlüssel zur Auflösung des Geschehens in der verschütteten Biographie des private eye liegt. Was er zu Beginn nicht weiß ist, dass er selbst das Ziel seiner Ermittlungen und Recherchen ist. Das ist das, was ihn die ganze Zeit irritiert und was er nicht versteht: dass er selbst das Ende der Fäden ist, an denen er zieht, dass er sich selbst aufdröselt.

Das ganze aus den Fugen geratende Geschehen, in dessen Fokus er steht, die ganzen überraschenden und ungeheuren Wendungen, die der harmlos erscheinende Auftrag nimmt, die immensen Tragweiten und Abgründe die sich offenbaren, der Staub der aufgewirbelt wird, das ist Teil eines Seelenstriptease. Zitternd und bebend, eben lebend, im Auge des Taifuns.

Wenn es ganz dicke kommt beginnt es mit einem Fettnäpfchen, in das er tritt und damit, dass er splitterfasernackt und ohne den Schutz der Anonymität und des Unerkanntseins durch die Ermittlungen stolpert. Jeder weiß wer er ist, nur das private eye nicht. 

Eigentlich ist die Nase das Auge des Schnüfflers. Private nose träfe es besser als private eye.

Sie erinnern sich doch bestimmt an `Chinatown`? Der Regisseur nimmt den Schnitt an der Spürnase des private eye Gittis vor, ein Cut, der ihn jederzeit und an jedem Ohr als Schnüffler entlarvt und der sein wichtigstes Instrument außer Kraft setzt. Aber so ist der Weg zur Erkenntnis und zur Selbsterkenntnis – was man erkennt, bestimmt die Regie.

Im allgemeinen kommen die Schnüffler mit einem blauen Auge davon und gewinnen zumindest einen Teil ihrer Integrität zurück, weil sie erkennen, was ein wirkliches Verbrechen ist und was nur ein menschlicher Makel ist, den sie an ihrem Klienten und an sich nicht zu ernst nehmen sollten.

Wenn das nicht der Beginn einer wunderbaren Partnerschaft ist, dann findet man wenigstens einen triftigen und leidlich ehrenvollen Grund für seine Trunksucht.

Nicht Angst um sich und das eigene, kümmerliche Ego sondern die Linderung einer Erschütterung des moralischen Korsetts, dessen Gegenwart man durch diese Erschütterung endlich wieder spürt. Aber ich, ich hatte Angst. Nackte, bare Angst, während oder weil anscheinend alles so gut lief.  

Eigentlich ist die Nase das tränende Auge des Schnüfflers. Nosebud.

Ich hatte zwar früher mal ab und zu Anfälle von Sozialneid, die ich dann großspurig zu Depressionen aufmotzte, aber jetzt hatte ich richtig etwas zu verlieren. Es gab keinen Arbeitsvertrag, man hätte mich jederzeit vor die Tür setzen können. Das war die Spielregel: love it or leave it. Kündigungsschutz? Sehen sie einfach ihr gesamtes Gehalt als Risikozulage. 

Der Stress war enorm. Ich bekam nie ein feedback über die Qualität und den Wert meiner Arbeit. Konnte nie einschätzen ob es ein Ranking gab und wenn ja wie es um mich stand.

Uns ging es materiell so fabelhaft, dass mich die reine Fassungslosigkeit darüber fertigmachte ebenso wie die Angst zu versagen, weil mir einfach niemand genau erklärte, was man von mir erwartete. Ich aber erwartete in jedem Moment, dass man mir den Boden unter den Füßen wegzog.

Nun, das äußerte sich zum Beispiel in Herzrasen, Angstzuständen, Kreislauf- und Schlafstörungen. Mein Alkohol-, Zigaretten- und Kaffeekonsum nahm kontinuierlich zu, man gönnt sich ja sonst nix und wir konnten uns die Exzesse unglücklicher Weise auch noch leisten.

Ein Schluckspecht säuft selten allein. Damit will ich nur sagen, dass meine Frau auch kein Kind von Traurigkeit ist. Aber die steckt das einfach noch besser weg als ich. 

Und sie wissen ja wie das ist. Sucht ist ansteckend. Steckt der eine sich eine an, steckt der andere sich auch an. Dann die üblichen Rituale. Jeden Morgen quält man sich aus dem Bett, wenn man überhaupt rauskommt, überschlägt die Reihenfolge und die Mengen, erst Wein, dann Bier, dann Wis-key und dann egal was da ist oder wo noch offen ist.

Dann nimmt man sich fest vor, besser auf sich acht zu geben, eh man sich’s versieht hat man die erste Kippe im Maul, die man verqualmt in einem Gefühlschaos aus Rebellion, Todesverachtung, Resignation, schlechtem Gewissen, Wut, das der Deckenventilator verquirlt. Naja, vielleicht wissen Sie es auch nicht, was weiß ich schon.

Das war ja das Merkwürdige. Ich wurde fett und aufgeschwemmt, kam zu spät oder gar nicht zur Arbeit und nichts geschah. Keine Arme, keine Kekse, keine Berichte - und nichts geschah. Komischer Weise versetzte mich das besonders in Panik. Das erzeugte bei mir das Gefühl, ja, wie beschreibt man das am besten, dass ich Versuchskaninchen in einem schrägen Experiment bin.

Ich wurde regelrecht paranoid, konnte den Gedanken nicht verdrängen, dass exakt diese Persönlichkeitsveränderung beabsichtigt war.

Finden Sie das nicht auch völlig widersprüchlich? Ich meine, im Nachhinein betrachtet passte von Anfang an eins nicht zum anderen. Das horrende Honorar, ohne jedes Feilschen und der Tatbestand, dass man mir völlig freie Hand beim Umgang mit den Dieben ließ, aber dafür minutiöse Ansprüche an das Berichtswesen stellte, so als ginge es gar nicht darum, Diebstahl zu verhindern und zu bestrafen sondern nur um die Kompilierung von Informationen, die dann überhaupt nicht abgefragt wurden.

Sie wurden vorausgesetzt, Auftragsarbeiten deren Ergebnis bereits bei Erteilung des Auftrags zu Karteilleichen mutiert.

Da war einiges nicht ganz koscher. Der Filialleiter wollte ausdrücklich, dass ich nicht nur Fälle von Ladendiebstahl aufnehme, sondern ich solle mich auf die lebendige und möglichst gefühlvolle Darstellung des gesamten Verhaltens der Kunden kaprizieren, ganz gleich, ob es sich um Kleptomanen, gemeine Taschendiebe, Kaufsüchtige, Schnäppchenjäger, oder die gewöhnliche Laufkundschaft handelte.

Achten sie auf die Nuancen, schärfte er mir ein, Ihnen darf nichts entgehen, keine Regung, kein Gesichtsausdruck, keine verborgene Absicht, kein Motiv, keine Geschichte, kein Drama. Seien Sie auf der Hut und halten ihn fest, denn jeder Konsument ist ein Windhund, dem nicht zu trauen ist.

Das war aber noch nicht alles. Ich sollte nicht nur Tag für Tag die Laufwege und das Verhalten der Kunden beobachten und in einen möglichst lebendigen Ausdruck bringen, ich sollte auch die tageweisen Schilderungen dramaturgisch miteinander verbinden.

Sie müssen sich eine solche Filiale als eine Art organisches Ganzes vorstellen, erklärte er mir mit Blick auf die weiße Wand, dieses Ganze lebt, wächst, verändert sich. Übrigens, fragte er zwischen, ich hoffe es ist kein Problem, wenn sie ab und zu mal nachts kommen? 

Ich ließ es mir nicht anmerken, aber zunehmend kam ich zu dem Schluss, dass der Filialleiter mit einem völlig anderen Kandidaten redete. Er konnte nicht mich meinen.

Vielleicht begründete das dieses Gefühl des Verrates, dass ich als jemand völlig anderer gesehen und angeredet wurde und nichts unternahm um den Betrug aufzudecken. Ich wusste zwar nicht, was ich überhaupt hätte tun können, doch ich musste mir auch eingestehen, dass das nur eine willkommene Ausrede war.

Aber da war noch etwas, was mir später nachhing obwohl man mir versichert hatte, dies stelle kein Problem dar.

Ich komme ein bisschen von Hölzken auf Stöcksken, hoffentlich stört sie das nicht, aber das kommt davon, dass man Tag für Tag identisch konstruierte Regalwände voller unterschiedlicher Sortimente wiederum identischer Güter entlang schlendert.

Man verliert völlig den Sinn für Reihenfolgen und Zusammenhänge, denn es ist ja egal wo man beginnt, wo man langgeht, wo man endet. Hauptsache zum Schluss ist der Warenkorb voll. Am Preis und am Inhalt ändert die Ordnung der Dinge im Einkaufswagen nichts. Es kommt nur auf die Addition der Preise an.

Was ich Ihnen jetzt sage weiß außer Ihnen nur noch eine Person. Vielleicht weiß es der Filialleiter, ich weiß es nicht, gesagt habe ich ihm nichts. Ich konnte überhaupt keine Berichte verfassen. Ich leide unter einer ausgeprägten Schreib- und Leseschwäche.

Das glauben Sie mir nicht? Ist aber so. Der größte Erzähler der Gegenwart kann weder lesen, noch schreiben. Lassen Sie sich nicht durch meine einigermassen gepflegte Sprache täuschen. Gäbe es keine Hörbücher und keine Literaturverfilmungen wäre ich auf dem Gebiet der Literatur völlig unbewandert.

Wobei es sich eigentlich nicht so sehr um eine Schwäche, sondern eine Weigerung handelt. Ich war was das angeht absolut lernunwillig. Ich kann ihnen natürlich nicht sagen, ob inzwischen aus der Lernunwilligkeit eine Lernunfähigkeit wurde, ich möchte das auch gar nicht wissen. Solange ich es nicht wissen muss sag ich mal so – ich könnte jederzeit anfangen.

Exakt das war übrigens der einzige Satz, den ich während des, nennen wir es Einstellungsgespräches herausbrachte. Es war der letzte Satz des Gespräches, die Antwort auf die Frage nach der Bereitschaft zur Nachtarbeit, die ich mit einer Verzögerung von bestimmt einer Stunde von mir gab.

Zumindest kam es mir so vor, in einem Raum ohne Geräusche und mit wenig optischen Anhaltspunkten dehnt sich die Zeit und wird total zähflüssig. So etwas hatte ich bis dahin nur bei einem Notbiwak im Gebirge erlebt.

Da waren ich und mein Partner vom Einbruch der Dunkelheit überrumpelt worden. Leichtsinnig hatten wir auf die Mitnahme von Stirnlampen verzichtet. Wir übernachteten in unseren Rucksäcken in einem nach dem Kot und Müll von Alpinisten müffelnden Felskamin.

Die absolute Stille und Finsternis verändert die Wahrnehmung. Die Rhapsody in Obsidian provoziert den Verlust eines Sliks. Das, was sich mir im Restlicht eines Sternenhimmels als Felsvorsprung darbot, war in Wirklichkeit eine Felsspalte und wusch! rauschte der Pusche tiefer.

Außer unseren digitalen Uhren gab es kaum Licht. Als ich meinte, es seien so etwa 4 Stunden vergangen, schaute ich das erste Mal auf die Uhr. Tatsächlich saßen wir erst seit 30 Minuten in dem Felskamin fest.

Das Einstellungsgespräch schien Jahre zu dauern. Obwohl ich wie gesagt beharrlich schwieg war das Schweigen in meiner Erinnerung geschwätzig wie ein Bergmann-Film. Ich redete die meiste Zeit. Wie ein Wasserfall. Wie bei einem Geständnis. Ich kann mich lediglich an einen sprudelnden Redefluß ohne Punkt und Komma entsinnen, ein unablässiger Unbewusstseinsstrom der über meine Unterlippe quoll.

Sporadisch unterbrach der Filialleiter diesen Strom durch einsilbige...nicht Nachfragen, sondern Vergewisserungen, im Gedächtnis ist mir nur der Wortlaut seiner Eröffnung geblieben: Vorbildliche Arbeit ist keine gute Arbeit. Wir suchen keinen blinden Eifer, sondern diskrete Effizienz. Sanfte Ruhe.

Das Frösteln hielt an. Manchmal kommt es mir so vor, als sei das Bewerbungsverfahren jetzt noch nicht zu Ende, als befinde ich mich noch immer in diesem Einstellungsgespräch und all das, was ich ihnen jetzt erzähle sei nichts anderes als die Schilderungen der Vorstellung, die ich von meinem Job habe. Ein Vorstellungsgespräch eben.

Die hatte überhaupt nichts gegen die Nachtarbeit. Ich schnarchte und litt unter Schlafapnoe. Insofern arbeitete ich gerne nachts. Meine Frau konnte in Frieden ruhen und ich erholte mich beim Durchmachen besser als bei einem im Erholungswert durch die Sauerstoffschuld geminderten Schlaf.

Mir leuchtete nur nicht ein, was denn nachts in einem Kaufhaus an Berichtenswertem vorfallen konnte, doch darauf werde ich noch zu sprechen kommen. Fakt war jedenfalls, dass sich nach dem letzten Satz meiner Wenigkeit der Filialleiter nur noch mit knappen Gesten an mich wandte.

Er tippte auf seine Armbanduhr da wo die 6 war. Ich erkannte das Modell. Eine Aku-Punkt-Uhr für eine diskrete Dialyse. Alle 6 Stunden ein winziger Piekser. Deswegen der Nierentisch. Nostalgisches Symbol einer unerfüllten Sehnsucht nach einem edlen Spenderorgan. Stellte mir vor, dass ihn stereophone Klingeltöne aus seinem Nierenbecken im Morgengrauen aus dem Schlaf rissen.

Morgen 6 Uhr anfangen, hieß es, das war mir sofort bewusst. Irgendwie war es ihm gelungen, alle für mich notwendigen Informationen in einer solchen Geste so zu speichern, dass ich über den Schlüssel verfügte.

Fürs Bett hab ich noch nie ein Buch gebraucht. Nein, Zitat beiseite. Es hing einfach mit Neugier zusammen und mit Trotz. Ich hege eine tiefgehende Abneigung gegen jede Form von Meinungs- und Machtmonopol.

Das ließ mich zu einem verstockten und renitenten Kind werden. Ich boykottierte das Lesen- und Schreibenlernen, weil alle Welt behauptete, ich müsste es lernen, sonst könne nichts aus mir werden. Das wollte ich doch mal sehen.

Im Endeffekt, nach Sonderschule und Gelegenheitsjobs sehen Sie was aus mir wurde: ein reicher, berühmter Großkotz. Der größte Schriftführer aller Zeiten.

Am Abend dieses denkwürdigen Tages rief mich mein Bruder auf dem Handy an. Ich ahnte, dass er es sein würde, also nahm ich das Gespräch entgegen, obwohl die Rufnummernunterdrückung aktiviert war.

Die Verbindung blieb schlecht. Den Hintergrund dominierte der akustische Sturm des...Fahrtwindes? Vielleicht reiste mein Bruder gar nicht in einem Zug, sondern war in einem Automobil mit offenem Verdeck unterwegs, führte Selbstgespräche mit seiner Freisprechanlage, wusste gar nicht, daß es wirklich einen Empfänger am anderen Ende der Verbindung gab, der nicht nur seiner Einbildung entsprang.

Konnte es auch nicht wissen, kann ich es wissen, ob ich nicht nur seine Einbildung...Die Verbindung stürzte immer wieder in Funklöcher ab. 9 Mal musste sie klug neu aufgebaut werden.

Raus aus dem Tunnel, rein in den Tunnel. Serpentinen im gleißenden Licht der Mittagssonne, und dann die finale Kühle eines Tunnels ohne Licht und ohne Ende. Vollklimatisierte Ausweglosigkeit, aber immerhin mit Subraumverbindung ins Leben, wenn auch stotternd. Rasante Nummer. Aber das war nur eine Vorstellung die sich mir aufdrängte, weil ich mir grade den Piloten von `Six Feet Under` reinzog.

Er fragte gar nicht erst, ob ich den Job antreten würde. Davon ging er wohl aus. Er muss es schon gewusst haben. Es entstand eigentlich überhaupt kein Dialog, er fing unaufgefordert an, über sich und seine Karriere  zu erzählen.

Er hatte es zu einem gefeierten Autor mit erheblichem politischem und wirtschaftlichem Gewicht gebracht. Ich fühlte mich, wie sie nachvollziehen können, an meiner Achillesferse ertappt. Kann man das so sagen? Na was solls, sie wissen, wie es gemeint ist.

Obwohl ich diese Schwäche ja bewusst provoziert habe, sind mir alle Anspielungen darauf peinlich, selbst wenn ich weiß, dass niemand gezielt darauf anspielen kann, weil ja nur ich darum weiß. Nur, wie sicher ist das? Zumindest mein Privatlehrer muss es ja gewusst haben.

Ihm verdanke ich viel. Er war mein Vorleser und Mentor, aber wie vertrauenswürdig er war, habe ich nie erfahren. Hatten meine Adoptiveltern und er das Geheimnis mit ins Grab genommen oder nicht?

Es existierte keine Verschwiegenheitspflicht, und sicher erzählt man mal beiläufig über den Schüler, der nicht lesen und schreiben kann, über das Sorgenkind, bei Elternsprechtagen oder im Kollegium. Die Überzeugung, dass man meinen nie geäußerten Wunsch nach Geheimhaltung erkannt und dann auch noch respektiert hatte entbehrte jeder vernünftigen Grundlage.

Ich kam nicht einmal dazu dem Bruder zu danken. Das Gespräch wurde mitten im Satz unterbrochen, bezeichnenderweise dem einzigen Satz, der eine Erkundigung über mich beinhaltete. Ob manchmal meine Narbe noch schmerzte. Danach habe ich nie wieder etwas von ihm gehört. Wenngleich ich mir sicher bin, dass ich ihm mindestens einmal danach begegnete.

Nein. Warum nicht? Weil ich Ärzte meide. Ich denke, die Diagnose und nicht die Krankheit ist tödlich. Also baue ich auf meine Hypochondrie und darauf, dass ich Krankheiten nicht wirklich bekomme, wenn ich mir die Symptome einbilde.

Meine Krankengeschichten sind fiktiv und das bedeutet hoffentlich, dass sie nie real werden. Aber natürlich muss ich einräumen, dass auch das glatte Gegenteil zutreffen kann. Doch wie gesagt, ich denke, man stirbt nicht so schnell an Krankheiten, wenn sie gar nicht erst diagnostiziert werden.

Ohnehin sind meine Beschwerden wohl psychosomatisch. Ich hoffe, es dauert noch, bis sie sich zu Schlaganfällen verdichten, schließlich ist alles so...bombastisch im Moment. Ein Grund mehr sich zu fürchten. Der Hauptgrund für die Beklemmungen, die ich selbst jetzt noch habe, war allerdings ein anderer. Es war die Dunkelkammer.

Bevor ich überhaupt die Gelegenheit bekam meinen kleinen menschlichen Makel zu erwähnen, brachte der Filialleiter selbst die Sprache aufs Thema. Ich war gelinde gesagt baff. Er konnte das nicht wissen.

Kein Grund blass zu werden, beruhigte er mich. Das hört sich nach viel Schreibkram an, aber wie sie hier sehen können legt unser Unternehmen viel Wert auf Klarheit, Weiträumigkeit, Transparenz und Effizienz. Nichts ist schlimmer als Papier, das in Aktenordnern vor sich hin vergilbt und Datenmüll auf der Festplatte. 

Nicht dass ich mich beschweren will, schließlich will ich ja, dass diese ganze Geschichte publik wird, aber dass ich so häufig die Themen wechsele liegt auch an ihren sprunghaften Fragen. Mir erscheinen die ziemlich querbeet gestellt, über Stock und Stein, Holterdipolter. Ich kann kein Prinzip erkennen.

Ach so. Sie meinen man antwortet spontaner und ehrlicher bei häufigen, unvorhersehbaren Themenwechseln. Versteh schon was sie meinen. Sonst würd ich nachher noch anfangen Geschichten zu erzählen. Begünstigt durch kohärente und damit suggestive Fragestellungen.

Komisch. Aus unerfindlichen Gründen, ich meine, ich kenne Sie ja gar nicht persönlich, eigentlich könnten sie sonst wer sein erinnert mich ihre Interviewtechnik an den Filialleiter. Der machte aus seinem Vortrag auch so eine Art Rhetorik Coaching, wenn auch mehr in eigener Sache, keine Frage, keine einzige.

Hab ich so noch gar nicht gesehen. Aber da haben sie nicht Unrecht. Beim Einkauf sammelt man auch zuerst ein und sortiert dann erst zu Hause. Wenngleich ich denke, dass das auch ein verzerrtes Bild gibt, aber für welche Wiedergabe gilt das nicht.

Es bleibt immer ein bisschen Wechselgeld in Form kleiner Ungenauigkeiten. Ist auch schnuppe. Es kommt nur darauf an, daß das Panorama im Groben stimmt. Ein paar Übertreibungen und Abweichungen dienen letztlich der Sache.

Danke der Nachfrage. Aber ich muss das Skript nicht mehr zu Gesicht bekommen. Wenn sie die Reportage fertig haben, dann raus damit. Mir kämen nur Zweifel und Einwände, wenn sie es mir noch mal vorlesen würden. Kein Bedarf.

Sie haben dasselbe Interesse wie ich, warum sollten sie mich täuschen? Außerdem – welche Wahl hätte ich? Sie sind der Letzte und einzige, an den ich mich wenden kann und bei dem ich wenigstens das Gefühl habe, es kostet mich nicht das Leben. Jedenfalls noch nicht.

In der Tat ist das ne ganz komische Kiste. Ich war ja so verblüfft über den gesamten Gesprächsverlauf, dass ich mich noch Tage danach nur mit diesem Gespräch befasste.

Mir ging es wie Willard in Apokalypse Now. Die Fixierung auf seinen Auftrag führt dazu dass er den ganzen Irrsinn direkt um ihn herum ausblendet, der geradezu plakative Antworten auf alle Fragen und Rätsel bietet, die sein Auftrag aufwirft.

Es dauerte ziemlich lange, bis ich nicht nur sah, sondern auch realisierte, an was für einem Ort ich arbeitete. Seltsam war schon der Zugang. Überirdisch deutete nur eine Kuppel, die aussah, wie ein riesiger, halbierter Golfball, auf das hier verborgene Kaufhaus hin.

Die gesamte Kaufhalle samt Lager und Lieferrampe mussten unterirdisch angebracht sein. Nur per Aufzug oder durch das Parkhaus gelangten Kunden und Angestellte in das Gebäude.

Meine Frau fand das nicht überraschend. Sie meinte, dadurch spart man bestimmt Grundstücksteuer. Schließlich bleibt die Oberfläche weitgehend unbebaut und kann anderweitig genutzt werden. Ist was dran, rund um alle Filialen befinden sich Parks und Grünanlagen mit Kinderspielplätzen.

Meine Frau meint, das wäre typisch Mann, dass man aus lauter Misstrauen das Naheliegende nicht sieht. Ich würde die Hand vor Augen nicht sehen, weil ich immer den Verdacht habe, jemand wolle mich durch Nebelkerzen in die Irre führen. Dieses prinzipielle Verdächtigen sei so eine Art vorauseilender Voyeurismus. Sie hält mich für nen Spanner.

Richtig ist: ich bin ein guter Beobachter. Verfüge über eine Intuition für Unstimmigkeiten. Eine Sache die höchst verdächtig riecht ist eben genau die, dass mir zu Beginn grobe Unstimmigkeiten nicht mal auffielen. Diese Offerte, das Drumherum, die Windeseile, in der mein Engagement über die Bühne ging, blockierten meinen Geruchssinn.

Ich muss jedoch zugeben; als mir die Unstimmigkeiten auffielen, waren sie mir schon egal, steckte ich schon tief drin und fühlte mich zu pudelwohl, als dass der Holzwächter in mir sich gemeldet hätte, ich meine, der meldete sich zwar, aber ich sagte, halt die Schnauze und ließ meine Frau übers Internet unseren nächsten Urlaub buchen. Mich zog es zwar wie immer an die Algarve, aber ich war in Gönnerlaune. Die Hybriden. Warum nicht?

Also ich finde es aberwitzig, wenn Kaufhäuser unterirdisch angelegt werden. Kommt mir verkehrt herum vor, Teufelswerk. Konsum, der von unten nach oben fließt. Meine brachialen Deutungen stimmen meistens: da soll etwas im Verborgenen blühen, was das Licht der Welt erst dann erblicken soll, wenn es die Kraft hat, sich die Welt untertan zu machen. Hah.

Ich gebs ungern zu, aber die lapidare Erklärung meiner Frau klingt überzeugender. Warum sollte ein Kaufhaus seine Waren verbergen?, wandte sie ein, nur um zu demonstrieren, dass die Preise im Keller sind? Die wollen einfach nur Knete für die Kühlung verderblicher oder wärmeempfindlicher Waren sparen. Hm. So tief unten? So nah am Erdmittelpunkt?

Ich weiß zwar nicht, was das mit der Sache zu tun hat, aber ich liebe die südliche Algarve. Wann immer es geht, bin ich da unten. Was das betrifft, bin ich sehr treu. Habe ich mich einmal in eine Gegend verliebt, will ich immer wieder genau dort hin.

Meine Frau ist da anders. Die würde am liebsten alle Orte der Welt besuchen, vor allen Dingen große Städte. Was solls. Sonst muß ich kaum Kompromisse schließen, außer mit meinem renitenten Körper und meiner Angstpsychose. Man gewöhnt sich dran.

Jetzt wo sie es sagen, das stimmt. Ist mir auch aufgefallen. Diese Kuppeln findet man tatsächlich nur in Küstennähe und an einigen Seeufern. Eine eigenartige Standortpolitik.

Meine Frau erklärte sich das ästhetisch. Vielleicht war der Firmengründer ein Wassersportfreak. Oder es steckte ein esoterisches Prinzip dahinter, eine besondere Bedeutung, die das Wasser in Kultur und Philosophie des Unternehmens hat. Ich dachte in eine ganz andere Richtung, U-Boot Hangars, durch Grotten ins Meer, wenn wegen Insolvenzverschleppung die Hütte brennt, die Gerichtsvollzieher einen Feuersturm entfachen...nur dachte ich mit Betriebsratsmentalität in Richtung Brandschutz und Kühlung.

So als finde unterhalb der Kuppeln etwas Hochexplosives, etwas Brandgefährliches in unvorstellbaren Ausmaßen statt. Möglicherweise existiert auch ein Entsorgungsproblem, das sich nur in der Nähe größerer Gewässer lösen läßt. Sogar in der Nähe von Noch Less befindet sich eine Filiale, das nur am Rande.

Wie meinen Sie das, es handelt sich vielleicht gar nicht um Seen und Meere? Was in der digitalen Ursuppe treibt, im Plasma-See der Klingeltöne, sind keine Schalentiere, sondern Handy-Hüllen? Eine gravierende Beeinflussung der Wahrnehmung, na schön, aber wozu? Hmhm, fremdes Wesen, fremde Logik, ich sag mal na gut, die Möglichkeit besteht immer.

Also mir kamen die Produkte zunächst sehr irdisch vor. Ein typischer Gemischtwaren-Discounter. Eine Sache fiel mir besonders auf, an den Regalen und Produkten waren überhaupt keine Preise angebracht. Nun ja, zumindest den Dieben konnte das ja auch egal sein, dachte ich jedenfalls anfangs.

Wissen Sie, eigentlich müsste ich gespannt sein, wie sie aus all diesen Episoden und Fetzen einen Report machen wollen, aber ich bin so fürchterlich gelassen geworden. Beinahe gleichgültig. So muß Helmut Schmidt sich bei Maischberger gefühlt haben. Ich darf doch rauchen?

Mir geht es wirklich nur noch darum, das loszuwerden. Dafür nehme ich sogar die Dunkelheit in Kauf. Ich weiß ja, sie ist zu meinem eigenen Schutz. Ich könnte sie nicht verraten, selbst unter Folter nicht, und das schützt zumindest meine Integrität, wenn auch nicht unbedingt mein Dasein.

Es gab eine endlose Reihe von Kassen, aber selbst am Wochenende war immer nur eine besetzt. Die Kassiererin war eine überaus reizende Person. Ein Sarah Michelle Gellar Typ, sie wissen schon, Buffy der Dämonenkiller. Sie wusste ganz gut um die Ähnlichkeit und betonte sie. 

Aus reiner Neugier habe ich nach Feierabend einmal selbst ein paar Sachen in den Einkaufswagen gepackt, abgepacktes Hack halb und halb, einige Kurzwaren, Schweden-Rätsel und Schlesische Gurkenhappen für meine Frau. Auf allen Produkten waren nur Strichcodes angebracht, keine Preise. Das Mindesthaltbarkeitsdatum für das Fleisch haute mich um. Ungekühlt haltbar über einen Monat. Gekühlt unverwürstlich.

Ich kann zwar nicht richtig lesen, immerhin reicht es zum Erkennen von Namen und Adressen, und mein eidetisches Gedächtnis funktioniert außerordentlich gut. Ich merke mir wiederkehrende Schriftbilder, Makros, wenn sie so wollen und recherchiere, was die Schriftbilder bedeuten.

Zimindest die Bedeutung von Schlagzeilen erschließt sich mir rasch, und das web besteht im Grunde kaum aus etwas anderem. Mit Zahlen wiederum kann ich ohnehin blendend umgehen.

In gewisser Weise bin ich ein Kryptologe, der sich ausschließlich in einer Welt bewegt, in der nur Geheimschriften existieren, die aber nur für mich geheimnisvoll sind.

An der Kasse angelangt legte ich die Waren aufs Band und während Buffy die Strichcodes mittels eines Infrarot-Scanners in die EDV transferierte, versuchte ich einen Blick auf ihre Beine zu erhaschen. Das hatte weniger mit ihrem Äußeren zu tun als damit, daß ich sie nur im Sitzen kannte.

Sie war jeden Tag schon da, wenn ich kam und noch da, wenn ich ging. Niemals sah ich sie aufstehen. Ich wollte wissen, ob sie mit der Registrierkasse symbiotisch verbunden war, hätte mich nicht gewundert.

Sie bat mich um mein Handgelenk. Perplex hielt ich ihr das rechte Handgelenk hin, weil um das linke meine Armbanduhr schlackerte. Ich mag es nicht, wenn Armbänder straff sitzen, bevorzuge einen lockeren Umgang mit der Zeit.

Tut mir leid, sagte sie, sie können hier nichts kaufen. Und wieso nicht? Ihnen fehlt die Abbuchungsschnittstelle. Sie haben kein Konto hier. Aber ich zahle in bar. Tut mir leid, aber die Möglichkeit besteht nicht. In allen unseren Filialen wird nur mit synaptiCash gebucht.

Nicht mal Schnittstellen für Karten? Nein, sind niemals eingeführt worden. Würden Sie die Sachen bitte zurückbringen? Kopfschüttelnd ging ich retour. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, aus welchen Regalen in welchen Gängen ich die Waren hatte.

Im sicheren Abstand zur Kasse und, wie ich hoffte, ohne dass dies Folgen für mich hatte, ließ ich den Einkaufswagen in einem der Gänge stehen. Das war alles etwas wunderlich, aber am meisten erstaunte mich, dass man in den Einkaufswagen ganz traditionell noch eine Münze einwerfen musste, was dazu führte, dass ich einen Euro abschrieb. 

Die Sache mit dem Strichcode führte dazu, dass ich Verständnis für die Diebe entwickelte. Ich meine, wenn man gar nicht die Möglichkeit hat zu bezahlen selbst wenn man will und man braucht etwas, was man nur in diesem Laden findet, es sei denn man nimmt Fahrtzeiten und –kosten in Kauf, die in keinem Verhältnis zum mutmaßlichen Preis des Produktes stehen, was bleibt einem da übrig?

Wenn man nicht grade über ein so hohes Einkommen verfügt, dass man Besorgungen gar nicht selbst tätigt und schnöder Mammon keine Rolle spielt. Ich war noch keinen ganzen Tag im Dienst, da schwenkten schon meine Sympathien in eine Richtung, die meinem Auftrag überhaupt nicht dienlich sein konnte.

Zum Beispiel stellen Sie sich doch einfach mal vor, sie sind neu zugezogen und sie betreten den Laden. Es gibt nicht den geringsten Hinweis auf dieses Zahlungssystem im Eingangsbereich.

Und wenn sie profane Dinge des täglichen Lebens erwerben wollen, so wie Nägel, Toilettenpapier oder Fernsehzeitschriften haben sie kaum eine Alternative, weil rund um dieses Einkaufszentrum nach und nach der Einzel- und Fachhandel vor sich hinsiecht, sämtliche anderen Geschäfte wie Eisenfeilspäne zurückgestoßen werden vom Magnetfeld dieser Einkaufskette, was dann? Pflaster, Knäckebrot, Pumpernickel, Zwieback, Nudeln, Milch, Reis, Schwarzbier, Kaugummi, Kippen und Babywindeln – Marke Baby-Lohn 5 - bekamen sie ja praktisch nur noch da.

Dazu kommt noch, dass kein Angestellter bis hinauf zum Filialleiter ihnen genau sagen konnte, wie sie in den Genuss einer solchen individuellen Abrechnungs-Schnittstelle gelangen. Ganz zu schweigen davon, dass es so etwas gab wie eine Reklamationsstelle, an der man sich hätte beschweren können.

Dafür gab es eine Hotline-Nummer, aber die war erstens nur zahlenden Kunden geläufig und zweitens immer besetzt. Ich habe es ausprobiert, denn ein zahlender Kunde, der nebenbei einige nicht bezahlte Utensilien aus dem Laden schmuggelte und den ich gepackt hatte, hatte sie mir im Austausch gegen einen Verzicht auf Anzeige und Ladenverbot verraten.

Später erklärte er mir, dass man ohne Abrechnungs-Schnittstelle nicht einmal bis in die Warteschleife gelangen konnte. Ihn fragte ich, wie er denn Kunde geworden ist. Man habe ihn empfohlen, antwortete er, aber er wisse nicht mehr wer.

Um an die begehrte Schnittstelle zu gelangen, musste man sich ambulant von einem Firmenarzt operieren lassen. Der Strichcode ginge richtig unter die Haut und die Sache sei nicht ganz schmerzlos.

Ein paar Tage habe das höllisch gebrannt. Man müsse einige Medikamente zu sich nehmen, um die Abstoßung des Implantats zu vermeiden. Zu den Nebenwirkungen gehören Eintrübungen des Gedächtnisses, so dass er nicht mehr genau wisse, wo man ihn operiert habe und wie er an die Empfehlung gelangt sei.

Er wisse nur, dass bei Ausspruch eines Ladenverbotes dafür gesorgt wird, dass das Implantat deaktiviert wird und das könne ich ihm nicht antun. 

Natürlich sind das alles rührselige Geschichten, aber ihre Plausibilität war bestechend. Es war ziemlich imposant, welche Geschichten konstruiert wurden, damit diejenigen, die ich dingfest machte, ihr Implantat behalten konnten. Erstaunlich widerspruchsfreie, kaum zu widerlegende Stories. Höchst unterhaltsam und spannend.

Die Panik im Gesicht der Gestellten sprach Bände. Jedenfalls, wenn es sich um zahlungsfähige Kunden handelte. Man konnte beinahe den Verdacht haben, dass es nicht der Verlust einer bequemen Einkaufsmöglichkeit war, der die Panik motivierte, sondern ein ganz anderer, viel einschneidenderer Entzug die Ursache ihres gehetzten Blicks war. Es lag gradezu Todesangst in der vollklimatisierten Luft.

Diesen Blick kennt man sonst nur bei Lethe-Junkies, denen man das Handy wegnimmt, so dass sie sich keine Mnemo-Blocker mehr downloaden können.

`Ei Alter, gib mir sofort mein Handy wieder!` `Kannste...nicht vergessen. Lass Dich vollaufen oder erinnere Dich wie jeder andere morgens beim Aufstehen daran, was für eine erbärmliche Existenz Du bist.` Wann habe ich denn den Dialog geführt? Gar nicht mein Stil.

Ich hatte einen fürchterlichen Zwist mit meiner Frau, als ich ihr gestand, dass ich alle Diebe laufen ließ. Sie konnte nicht fassen, dass ich so leichtfertig unseren Lebensstandard aufs Spiel setzte.

Die Dinge zwischen uns entwickelten sich zum Schlechteren, zumindest von meiner Warte. Aus unserem bescheidenen Wohlstand wurde stetig so etwas wie unbescheidener Reichtum. Nur dass ich den Eindruck hatte, der ging auf meine Kosten und zu meinen Lasten.

Zu Hause waren wir kaum noch, wir waren dauernd auf Reisen. Dennoch bekam ich meine geliebte Algarve kaum noch zu Gesicht. New York, Rio, Tokyo. Vor allem eine Karaoke- Bar in Tokyo hatte es ihr angetan. Wäre alles nicht so schlimm gewesen, wenn sie nicht auch noch darauf bestanden hätte, dass ich zu ihrer Belustigung dort auftrete.

Sie schoss mit ihrer Nikon Millionen Fotos, die sie auf ihre private web-site setzte. Sie war sauer, dass ich mich weder für das Gedränge in den Metropolen, noch das Gedränge auf ihrer homepage interessierte, zumindest noch nicht.

So faszinierend das alles sein mochte, ich erinnere mich kaum an Impressionen aus den Städten. Alles dessen ich mich entsinne sind Flughäfen und Bahnhöfe, mir ist so, als erinnere ich mich genau an einen Flughafen und einen Bahnhof, an einen Abflug und eine Ankunft, die sich immer wieder identisch wiederholte.

Zu allem Überfluss lief als Film des Tages an Bord immer wieder Täglich grüßt das Murmeltier. Ein Film über Wiederholungen, ohne Unterlaß und Gnade wiederholt.

Es war wohl zugegeben nicht einfach, mit mir klar zu kommen. Alles was an mir freundlich und zuvorkommend war, schenkte ich den Dieben. Sie schienen mir absolut im Recht zu sein. Besonders gut verstand ich mich mit den Profis, für die der Laden so eine Art e-bay-Lagerhalle war.

Diese Leute waren im Recht. Ihre Argumente nicht von der Hand zu weisen. Es entstehe dem Laden kein Verlust, denn er kalkuliert seine Preise von vornherein mit einem Zuschlag für aus Diebstahl resultierende Umsatzverluste. Ein happiger Zuschlag. Außerdem sei die Kette gegen Diebstahl versichert.

Das einzige, weswegen sie ein schlechtes Gewissen hätten sei genau deshalb. Dass sie als Vorwand dafür angeführt werden, damit die Kette ihren Gewinn durch ihre Preispolitik auch noch erheblich steigern könne.

Es war faszinierend mit anzusehen, was die alles in ihren Mündern aus dem Laden schmuggelten. Sie waren stolz darauf, dass ein Toblerone-Werbespot von ihnen inspiriert war. Ich habe selbst die Pyramidenabdrücke in den Wangen der Diebe gesehen.

Wir hatten uns schnell aneinander gewöhnt. Die Profis waren ohnehin in Syndikaten organisiert. Allianzen verschiedener Familienclans mit einer ausgeklügelten Infrastruktur und einer stringenten Logistik.

Sie koordinierten ihre Diebeszüge via Handy. Wenn ich einen erwischte und ihm Ladenverbot erteilte kamen zehn andere, die ihn ersetzten und die für dasselbe Netzwerk arbeiteten.

Es kam auch vor, dass dieselben Leute mit einem anderen Ausweis wieder auftauchten. Sie hatten überall ihre Verbindungen, was dazu führte, dass wohl keine Strafanzeige, die gestellt wurde tatsächlich exekutiert wurde. Fiel alles unter Geringfügigkeit. Massengeschäft halt, die Menge machts.

Sie respektierten mich. Ich war schnell und gewandt, hatte keine Angst vor Stich- und Schusswaffen. Die Profis trugen nie welche bei sich, denn erstens hatten sie kaum etwas zu befürchten, wenn sie gefasst wurden und zweitens wäre das schlagartig anders gewesen bei illegalem Waffenbesitz.

Etwas anderes war das mit den Kleptomanen, mit psychotischen Einzelgängern. Ich erkannte die Gefährlichen sofort und ließ sie in Frieden, es sei denn ich konnte sie von hinten überrumpeln.

Zwischen den Profis und mir, das war ein Katz- und Mausspiel. Beide Seiten hatten ihren Spaß an der Hatz durch die endlosen Gänge und Korridore. Spiel ohne Grenzen, eine gute Trimm-Dich-Übung um fit zu sein, auf dem Laufenden zu bleiben.

Cashew if I can. Hab ich Dich! Die Unterhaltungen waren oft hochinteressant, wenn ich sie davon überzeugt hatte, dass es nichts bringt, ich nix verstehen zu sagen, weil ich sie ohnehin ungeschoren davon kommen lasse. Die Jungs und Mädels waren auf Zack. Und besser als jede Internet-Recherche.

Mich befremdete zwar ihr stetiges, gleichförmig zuvorkommendes und hintertriebenes Lächeln, das es mir schwer machte, sie auseinander zu halten, sie erinnerten mich frappierend an wuselige, japanische Fototouristen, aber ich verschrieb ihnen meine Sympathien mit Haut und Haaren.

Ich hatte ja sonst keine Freunde mehr. Zwischen den Reisen und meinem Job war keine Zeit mehr für Kneipenbesuche und die ergiebigen Dispute mit dem Wirt meines Vertrauens.

Eine Zeitlang waren meine Frau und ich noch zum Darten gegangen, aber sie spielte zu gut und im selben Maße, in dem sich ihr Spiel verbesserte, steigerte ich mich so sehr in meine Misserfolgserlebnisse herein, bis sie sich wegen meiner cholerischen Ausfälle weigerte, noch weiter mit mir zu spielen.

Ich glaube, das war ein Vorwand. Ich war ihr einfach zu unfähig. Ständig maulte sie. Überall fiel ich durch. Bei jedem Führerschein, egal ob für PKWs oder Computer. Sie konnte meine verpassten Chancen und mein Versagen nicht ertragen. Es war ihr peinlich vor allen Leuten.

Wenn wir Gäste hatten, was selten vorkam, weil sie sich meiner schämte, stichelte sie. Programmieren? Der kann nur eins. Systeme zum Absturz bringen. Ja und? entgegnete ich. Das ist die Schlüsselqualifikation des Revolutionärs. Die Dekonstruktion der Matrix.

Auch pretty good privacy ist nur ein Synonym für Ausbeutung und Diebstahl. Hacking ist kein Terror, sondern ein moralisches Gebot. Ein Edikt. Der kantgregorianische Imperator. Ich war natürlich turzbesrunken. Dackenhicht.

Ihre Kreativität und Findigkeit war beeindruckend. Übrigens nicht nur in bezug auf die Logistik des Entwendens, sondern auch in bezug darauf, was sie alles in den Laden hereinschmogelten.

Oft plauschten wir bei dem Genuß exotischer Teesorten, die sie in einem Samowar zubereiteten, den sie in den Laden geschmuggelt hatten. Sie verfügten sogar über einen großen Flachbildschirm, einen Premiere-Decoder, DVD-Player, Videorecorder und hatten ein Notebook mit WLAN organisiert. Einmal brachte einer ein iphone mit und ich dachte: das gibt’s doch noch gar nicht!

Zwischen den Waren hatten sie gut getarnte Nischen errichtet, in denen wir uns versammelten, um uns den Afrika Cup oder die French Open anzusehen. Die meisten von ihnen waren wohl Marokkaner. Sie führten ein Haidenspektakel auf, wenn El Aynoui spielte oder El Geräusch lief.

Sie standen aber auch auf Schwarzenegger, besonders auf Komödien, Twins hatten wir unzählige Male am Laufen. Ich bin nie dahinter gekommen, wie sie die elektronische Vernetzung hinbekommen haben. Das müssen alles blue tooth Applikationen gewesen sein, es war nirgends ein Kabel zu sehen.

Der Empfang war bestechend. Die Download-Geschwindigkeit enorm. Wir tranken, surften, lachten, tanzten, philosophierten, erzählten uns Geschichten. Bis es Zeit war für die Dunkelkammer.

Je besser ich mich mit den Dieben verstand, die ich stellen sollte, desto widerwilliger und distanzierter wurde ich in meinem sogenannten Privatleben. Meine sogenannten Freunde meldeten sich unter allen möglichen Vorwänden bei mir, um zu schnorren.

Mein Wohlstand hatte sich herum gesprochen und sie fanden nichts dabei, wenn ich sie für ihre exquisiten Redebeiträge in unseren seltenen Gesprächen bezahlte. Ich sehnte mich nach kultureller Abwechslung, nach Theater- und Kinobesuchen, doch ich war in der seltenen Freizeit zu platt, um mich zu so etwas aufzuraffen.

Zum ersten mal wünschte ich mir, unfallfrei lesen und schreiben zu können, ich wollte es sogar lernen, aber das Einzige, wofür ich noch Energie aufbrachte war für die Organisation und den Konsum von Alkohol und Monsun&Hatchis, die ich zu Vorzugspreisen von meinen Dieben bekam - diediediddelDiebe waren als Dialer und Hehler ebenso erfolgreich, wie in der Beschaffung.

Unser Eheleben wurde trostlos. Meine Frau ging dazu über alleine auf Reisen zu gehen und entwickelte sich zu einer Globetrotterin mit Hang zum Shintoismus. Die Hälfte des Jahres hielt sie sich in Tokyo auf. Obwohl ich ihre Abwesenheit genoss, schon weil das Geklacker ihrer gigantischen, afrikanischen Ohrringe – ein Radius wie Hoolahoop-Ringe - nicht mehr permanent Nervösität verbreitete, verzehrte ich mich vor Eifersucht. Ich hielt es nie länger zu Hause aus und verreiste selbst, aber auch das brachte mir nicht mehr die gewünschte Entspannung, sondern brachte mich um. Den Verstand.

An der Algarve war alles anders. Seitdem ich kaum noch operativ tätig war sondern nur noch in der Dunkelkammer hockte, waren mir die geliebten Algarve-Strände unheimlich.

Die Grotten zogen mich magisch an, es war eine Anziehungskraft, die für meinen Geschmack verderblich war. Wenn ich rausschwamm zogen mich Strömungen in Richtung der Grotten, die nicht in Fluktuationen des Wassers begründet waren, sondern in Ausrichtungen meiner Körperflüssigkeiten.

Ich kannte dieses Gefühl aus meiner alpinen Dynastie, es war der Blick in den Abgrund, die tödliche Sehnsucht, sich fallen zu lassen. 

Das Wasser, zuvor das Element, das mich trug, mich in der Schwebe hielt, mich in Sicherheit wiegte, wandte sich feindselig gegen mich. Ein Ränkespiel aus Algen und Tang griff nach meinen ZehnZehen, vegetarische Kompressen um meine Waden drohten mich herunterzuziehen.

Kaum schwamm ich ein paar Kraulzüge raus, hatte ich das Gefühl, dass das Ufer verschwand, und dass ich mutterseelenallein unter einem sternenlosen Nachthimmel in einem grenzenlosen Ozean ohne jede Küste trieb.

Ich kämpfte dagegen an, bestand darauf, dass meine Beziehung zu dieser Umgebung intakt war, doch es nützte nichts. Darüber hinaus war ich rasend vor Eifersucht und reiste inkognito meiner Frau nach Japan hinterher.

Wie kommen sie da drauf? Nein nein, das ist keineswegs abwegig, deswegen frage ich ja. Schließlich kenne ich Sie ja gar nicht und kann nicht wissen, ob Sie mir nahe stehen. Außerdem sind alle Menschen Brüder. Bin ich etwa keiner, Kleiner? Tut mir leid, wenn Sie das nicht nachvollziehen mögen.

Ich war sogar regelrecht besessen von meinem Bruder. Nein, ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß noch, dass er mir seinen Namen am Telefon verraten hat, er hat sich mit ihm gemeldet und ich wusste in diesem Moment, oder meinte es zu wissen, dass ich den bestimmt nicht vergessen würde.

Ich erinnere mich daran, dass es ein ausgefallener Name war. Er war so prägnant, dass selbst ich ihn mühelos schreiben konnte. Muß mich so intensiv mit seinem Namen befasst haben, dass ich ihn in Folge einer nervösen Überreizung schockartig vergessen habe.

Diese Manie versaute die Stimmung endgültig. Nächtelang verbrachte ich im Internet statt im Bett auf der Suche nach Hinweisen. Das war nicht einfach.

Gab ich seinen Namen in eine Suchmaschine ein, wurde meine Festplatte von Viren überschwemmt, daran erinnere ich mich präzise. Würmer frassen riesige Krater in meine Archive mit MP3 und Filmdateien. Gut, dass ich ein back-up-Pedant war.

Dementsprechend waren die Ergebnisse. Nur diffuse Hinweise. Autoren mit Pseudonymen. Konzernchefs, von denen es nur verschwommene Schwarz-Weiß-Aufnahmen gab. Eher fand man im web triftige Hinweise auf Besuche Außerirdischer, deren Ferienparadies unser world wide web war, als konkrete Informationen zu seiner Person.

Je weniger ich fand, desto abseitiger die Suchergebnisse waren, desto intensiver betrieb ich die Suche. Bis ich schließlich auf einer verschlüsselten web-site meiner Frau mit dem irreführenden Titel www.panarea.com landete. Die Diebe halfen mir, sie zu knacken.

Der Verdacht des Betruges ist eine Art self fullfilling prophecy. Ich fühlte mich bestätigt, als ich fündig wurde. Die Filmdatei, die dort hinterlegt war, in hoher Bild- und Tonqualität, ließ an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig. Es hätte der japanisch-deutschen Synchronisation nicht bedurft. Meine Frau war ein Star in der Porno-Szene Tokyos, sie war die Karaoke-Bukake-Queen. Ein gelbsüchtiger Vulkan mit bodenlosem Schlund.

Ihre Wandlungsfähigkeit war erstaunlich. Sie war eine ans Bett gefesselte Nicole Kidman und eine als Domina verkleidete Uma Thurman. Sie war Sandra Bullock als Geisha und Franka Potente als Nonne.

Ich aktivierte die live-web-cam und mich traf der Schlag, als der Körper eines stöhnenden Mannes von ihr herabglitt, sich auf den Rücken drehte und der Kamera das Gesicht zuwandte. Es gab keinen Zweifel. Das war er.

Ich fand nie den Mut, sie zur Rede zu stellen. So tief ich sie verabscheute, so sehr mir die Eifersucht zusetzte, so wenig wollte ich sie verlieren. Ich war an sie geschmiedet wie ein Junkie ans Designerjoch seiner Droge.

Komischerweise erwies sich die Erkenntnis des Betruges als eine enorme Erleichterung, weil ich nicht mehr befürchten musste, betrogen zu werden. Sie tat es ja tatsächlich. Was ich nicht ertragen hätte wäre gewesen sie anzusprechen und es aus ihrem Mund zu hören.

Die letzte Ausflucht einer Verwechslung, einer Doppelgängerin oder auch nur einer perfekten technischen Animation, einer reinen Virtualität des Schauspiels wollte ich mir nicht versperren. Das Problem war – nur sie hätte mir etwas über meinen Bruder sagen können. Exklusiv. Aus erster Hand.

Ich dachte ernsthaft darüber nach, mein ganzes auf den Kopf gestelltes Leben auf den Kopf zu stellen. Aber mir war klar es würde nicht zu einer radikalen Wendung kommen. Es ist zwar richtig, dass Geld nicht glücklich macht aber kein Geld zu haben macht unglücklich, unglücklich auf eine existentielle Art die nichts mit dem Luxus einer gepflegten Depression, einer Verdrossenheit auf Basis eines hohen Einkommens zu tun hat.

Meine Rahmenbedingungen waren exzellent. So exzellent, dass immer wieder Selbstmitleid und der Hang zur Selbstzerstörung durch Genuss und Genusssucht konterkariert wurden.

Ab einem bestimmten ökonomischen Niveau genießt man alles, selbst seine Ängste, Übersättigung, Verzweiflungen und Enttäuschungen. Geht ihnen nicht so? Sie sind eben nicht ich. Oder wenn doch, dann ein anderes Ich.

Sogar Einsamkeit, absolutes Ausgesetztsein wurde zu einem grandiosen Erlebnis. Das All war eine Wüste und Schlaraffenland zugleich – für den einzigen Überlebenden ist das fast das selbe – das leblos war bis auf mich, nein falsch, das wegen mir leblos war.

Ich hörte zwar fremde Stimmen, die auf mich einredeten, ohne dass ich ein Wort verstand, aber dann wurde ich wach und stellte fest, dass ich im Schlaf gesprochen hatte. Kein Wunder, dass man nicht durchschläft bei diesem Stimmengewirr.

Meine Wasserphobie nahm groteske Ausmaße an. Abgesehen davon, dass ich mich kaum noch duschte und wusch, ich mich dazu zwingen musste, Flüssigkeiten zu mir zu nehmen ohne einen Alkoholanteil der über 50 Volumenprozent lag, mied ich das Wasserbett und dämmerte wenn ich zu Hause war auf der Couch vor mich hin, peinlich darum besorgt, dass nur Übertragungen von Hallensportarten außer Schwimmwettbewerben im Pantoffelkino flimmerten. Notfalls als Konserve. Selbst schwitzende Boxer waren mir zuwider.

Einmal probierten wir es noch zusammen. Vielleicht war ja alles nur eine Frage der Selbstüberwindung. Angst und Schrecken würden sich in Anbetracht einer versöhnlichen Reise zu zweit an die Gestaden der Algarve als harmlose Schimären erweisen.

Wir würden darüber lachen und es würde nichts gewesen sein. Ich war Detektiv in einem völlig normalen Kaufhaus, sie verdiente durch Versteigerungen bei e-bay dazu und den Urlaub hätten wir bei einem der Preisausschreiben gewonnen, an denen sie sich regelmäßig beteiligte. Aber es kam alles ganz anders.

Vom Nachbeben der Flugangst ganz seekrank fand ich nicht die Kraft zu einer offenen Aussprache. Über die Reling gelehnt zogen wir einen Schwarzen Afghanen durch ohne uns in die Augen zu sehen. Ich fragte sie: hast Du schon mal jemanden erschossen? Hat sich noch nicht ergeben, antwortete sie.

Nach diesem Urlaub trennten sich unsere Wege, jedoch nicht, wie ich gehofft hatte, weil ich aus dem bösen Traum einer Zukunft erwachte, die sich so nie ereignen würde.

Dass ich auf die Nachtschichten bisher nicht näher eingegangen bin hängt wohl damit zusammen, dass ich irgendwann Tages- und Nachtschichten nicht mehr exakt auseinander halten konnte. Es herrschte ja untertage immer dasselbe Licht.

Das schon. Der Filialleiter rief mich regelmäßig zur Ordnung. Es ginge nicht an, dass mir sämtliche Diebe durch die Lappen gingen. Aber aus unerfindlichen Gründen sprach er nie auch nur eine Verwarnung aus.

Meine absurde Angst davor, den Job zu verlieren steigerte sich zwar, doch sie war zugleich immer weniger begründet. Einige unsichere Gesten, eine gewisse Brüchigkeit seiner Stimme, das Zittern seiner Hände sprachen eine ganz andere Sprache: er war weshalb auch immer auf mich angewiesen.

So wie ich davor Angst hatte, gefeuert zu werden, so sehr fürchtete er – ebenso grundlos – ich könne kündigen. So als sei ich der einzige in Frage kommende Kandidat oder jemand von ganz weit oben halte seine schützende Hand über mich.

Ich fand sogar den Mut ihn zu fragen, ob er sich nicht für mich einsetzen könnte bezüglich einer Abrechnungsschnittstelle. Er schwieg und antwortete mit auf dem Rücken verschränkten Händen, das liege nicht in seiner Macht, ihm seien die Hände gebunden. Immerhin verriet er mir den Vornamen der Kassiererin. Nur um sie am nächsten Tag fristlos zu entlassen. Danach sah ich sie nur noch in meiner Fantasie wieder.

Die Diebe, die der Mobilität wegen auch Fahrraddiebe waren, weihten mich ein in das, was sie wussten. Die Kette – nicht die Fahrradkette - hieß „Nonem“ und ihr Vorstandsvorsitzender war ein großer Unbekannter, von dem nur ein Name aber kein autorisiertes und bestätigtes Abbild existierte.

Ich kann mich weder an die Namen der Diebe, noch den der Kassiererin oder den des Filialleiters entsinnen, ich habe alle Namen von den Personen vergessen, von denen ich ein Bild vor Augen hatte, auch, ob sie überhaupt einen Namen hatten, habe ich unterdessen vergessen, aber seinen Namen habe ich behalten, weil die Person die ihn trug unsichtbar blieb. John Read. Eine Legende bei Börsianern und Medizinern.

So sehr meine Erinnerungen an andere namhafte Personen verblichen sind, dieser Name hat sich meinem Gedächtnis eingeprägt wie ein Brandzeichen. Was die Erinnerungen anbetrifft bin ich mir nicht mehr sicher, ob für sie in gewisser Weise nicht dasselbe zutrifft, denn bei Abruf mancher Reminiszenzen spannt sich meine Hirnhaut wie eine Brandnarbe.

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die Erinnerungen deshalb so blass sind, weil die Personen tatsächlich wenig an Farbe, Konsistenz und Kontur boten.

Nicht mein Gedächtnis verdunstet, sondern es sind die Personen die zu einem Atemhauch auf einer Fensterscheibe im November degenerieren. Bitte. Ich brauche eine Pause.

Bereit wenn Sie es sind. Ich erwähnte ja bereits, dass stetig mehr Zeit auf dem, sagte ich Windjammer?, in der Dunkelkammer auf dem Dienstplan stand. Der Filialleiter wies mich bereits am ersten Arbeitstag auf diese bizarre Form hin, meiner Dienstpflicht genüge zu leisten.

Es sei völlig überflüssig, Notizen anzufertigen, falls mir das Kummer bereite. Er legte mir fürsorglich, auf eine beinahe zärtliche Art und Weise die Hand auf die Schulter und führte mich zu einer Stahltür, hinter der ich einen Kühlraum oder ein Lager vermutete.

Er entriegelte sie und die massive, mindestens 50 Zentimeter dicke Tür schwang lautlos auf. Dahinter war es komplett finster. Kein Lichtstrahl durchdrang diese Dunkelheit, es war, als sei diese Dunkelheit massiv.

Während meiner Nachtschichten habe ich des Öfteren vergeblich versucht, ohne Blindenhund diese Tür zu finden. Wenn der Filialleiter sich meiner annahm, schien der Weg vom Verhörraum zu dieser Tür immer ein kurzer, grader Weg zu sein, aber ich war außerstande, ihn selbst zu finden.

Auf der Suche nach dieser Tür verlief ich mich im schier endlosen Gewirr der Gänge ohne dass ich auch nur an eine einzige Begrenzungswand gelangte.

Ich gewöhnte mich schwer an die Nachtschichten, weil ich schon Schwierigkeiten hatte, in ordinärem Zwielicht den Weg zu finden. Ich hatte Penunzen genug, mit dem Taxi zu fahren, hatte auch nie einen Führerschein gemacht. Eine Bushaltestelle war nicht in der Nähe und mit dem Fahrrad zu fahren war mir aufgrund der Abgeschiedenheit des Ortes zu unheimlich. Ich hätte die Kuppel, die den Standort markierte, glatt verfehlt.

Obwohl ich immer an dieselben zwei Fahrer geriet, zwei Brüder von auffallender Ähnlichkeit, mit blondem Pferdeschwanz und Udo-Lindenberg-Schlapphut auf ihren beiden Köpfen, erleichterte dies die Navigation keineswegs. Immer, wenn ich Nachtschicht schob, waren die Nächte total finster und auch die Taxifahrer hatten jedesmal Schwierigkeiten die Adresse zu finden, weil kein Navi-System sie verzeichnete.

Zumal bei Regen hatte ich beim Transit zum Arbeitsort eher den Eindruck, ich befände mich an Bord eines Fischkutters, der bei Nacht nur dem Instinkt des Kapitäns folgend zum Ziel navigiert wird. Das mochte daran liegen, dass die Brüder beide ein Ruder als Sticker an ihrem Hut befestigt hatten.

Beiden eignete die Angewohnheit, sich beim Fahren zu mir umzudrehen und mich in Gespräche über Quantenphysik, höhere Mathematik, Kunst und Philosophie zu verstricken. Nur an den Süßigkeiten, die sie mir anboten, konnte ich die Brüder unterscheiden.

Der eine, der für die Hinfahrt, bot mir Riesen an, der andere, der mich zurück kutschierte Werthers Echte. Dafür war ich durchaus dankbar. Das Lutschen lenkte mich von meinem Unbehagen ab. Die Riesen schmeckten nach Hering, die Werther nach Lachs. Egal welche Sorte man lutschte, man hörte im Hintergrund immer Möwen kreischen.

Bei jeder Fahrt ins Ungewisse kam ich mir wie ein Surfer vor, der sich auf einem bis in den interstellaren Raum hinein ragenden Wellenkamm von jedem rettenden Ufer entfernt, einem anderen Ufer entgegen, das in einem Paralleluniversum mit umgekehrten Vorzeichen gierig auf einen Schiffbruch wartete.

Überflüssig zu erwähnen, dass die Lieblingsfigur der fahrenden Brüder das Parallelogramm war – und das sich herausstellte, dass es sich bei aller Ähnlichkeit gar nicht um Brüder handelte. Die beiden kannten sich überhaupt nicht und nur ihr Fahrgast war ihre faktische Klammer.

Beide führten akribisch ein Logbuch. Sie ließen mich nie zahlen, bevor sie nicht die ominösen Einträge in ihr Logbuch getätigt hatten. Das machte mich nervös, als ob ich nach sechs Litern Bier in der Schlange vor einer Toilette stehe. Was trugen sie da ein? Eine Aufzeichnung des Fahrgastdialogs? Ich brachte es nicht über mich, kiebig zu werden. Möglicher Weise waren sie auch den Regularien eines Berichtswesens unterworfen, ebenso wie ich.

Keine Stechuhr drangsalierte mich zur Pünktlichkeit, doch die Aussicht zu spät zu kommen macht mich immer hibbelig. Selbst, wenn die weiße Kuppel schon verschwommen in der Ferne auftauchte, ein Phosphorbogen inmitten ewiger Nacht, hieß das noch lange nicht, am Ziel zu sein. Tagsüber führte eine breite Straße schnurgrade dort hin, aber bei Nacht schien sich die Strecke zu verkomplizieren.

Die schmalen, verwinkelten Straßen schienen förmlich von der minarettartigen Kuppel wegzudriften, als schwömmen sie auf einem Flüssigestricht mit zentripetaler Strömung. Die Kuppel schwankte aufgrund der Unebenheiten des Pflasters – Kopfstein? Feldweg? – wie eine umtoste Boje bei stürmischer See.

Sie kam ein bisschen näher, nur um sich dann wieder zu entfernen und vorübergehend wieder völlig von der Nacht verschlungen zu werden, vielleicht, weil sie hinter einem Hügel verschwand. Das Auf und Ab, das Hin und Her, das Geschwappe des Automobils, das von Schlaglöchern erschüttert wurde, nahm kein Ende. Dennoch entrichtete ich, endlich angelangt, immer denselben Fahrpreis – sobald man mich (ent)ließ.

Übrigens, bei der Rückfahrt blieb die Kuppel ebenso hartnäckig im Bilde, wie sie sich bei der Hinfahrt näher zu rücken weigerte. Wenn man ankam, dann ganz plötzlich. Ob am Arbeitsplatz oder zu Hause. Man stieg endlich aus, nach Stunden, in denen man dem leisen Gekrakel ins Logbuch zuschaute, was so spannend war, wie Publikum eines Süßfischanglers zu sein, und saß entweder direkt auf dem ergonomischen Drehstuhl oder auf der Recamiere.

Gleich, ob man tags oder nachts ins Parkhaus einfuhr, es war immer leer, aber nie ganz leer. Auf den Angestelltenparkplätzen parkten verlässlich einige Autos, deren Scheiben grundsätzlich getönt waren. Weit im Hintergrund parkten konstant weitere PKWs, in respektvollem Abstand. Durchweg Kombis.

Ich mutmaßte, dass einige Kunden im Wagen übernachteten, um sofort, wenn die gläserne Pforte vor dem Einkaufsbereich sich öffnete, wieder zur Stelle zu sein, aber eigentlich war der Verdacht unbegründet. Wenn ich morgens zu Verkaufsbeginn erschien, sah ich ebenso wenig eine Menschenseele, wie bei Verlassen des Ladens nach Dienstschluss. Auch nicht in den Autos.

Es ist eine dieser Fragen, die mir damals immer nur dämmerten. Wie betrieb man ein solches Mammut-Center ohne dienstbare Geister? Warum bildeten sich nie Schlangen an den Kassen? Wie konnte man sich Leute wie mich leisten (Oh Gott, mein Job!)? Wer kassierte, nachdem Buffy entlassen worden war? Wo befand sich der Fuhrpark? Wie und von wem wurden Regale neu aufgefüllt? Etwa von den Dieben, nur um wieder was davonzustehehlen?

Ich hatte keinen Anlass, den Dieben nicht zu glauben. Zumindest waren sie von dem Wahrheitsgehalt ihrer Mythen und Märchen überzeugt. `Nonem´ existierte schon lange bevor Unternehmen in Handelsregistern eingetragen sein mussten. Auch sie wissen nicht genau, wie weit die Unternehmensgeschichte zurück reicht.

Organisiert ist Nonem als eine Genossenschaft. Es sei unmöglich, einfach so Kunde zu werden, man wird als Kunde aufgenommen und ist dann Mitglied der Gemeinschaft. Beinahe wie bei einer Sekte oder einem exklusiven Club.

Mit dem Geschäftskundengeschäft finanziert Nonem seit jeher umfangreiche Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten auf höchst unterschiedlichen Gebieten. Das Privatkundengeschäft ist lediglich ein sehr lukratives Zubrot. Welche Geschäfte? Welche Geschäftskunden? Selbst die Diebe hatten keinen Zugriff auf diese Daten. Eine Schutzenthauptung? Bestimmt.

Nonem ist aktiv unter anderem in den Bereichen Pharmakologie, militärische Forschung, Astro- und Kernphysik, Psychologie, Soziologie, Futurologie, Nanotechnologie, Quantenkryptographie, Killologie, Genetik und in diversen entlegenen Grenzwissenschaften wie Glaceologie, Gelotologie, Speleologie, Paläontologie, Morphogenetik, Parapsychologie, Zwillingsforschung und Religionswissenschaft.

Nonem betreibt zahlreiche Stiftungen zur Förderung von Kunst und Kultur, interessanterweise halten sie sich aus den Gebieten der Wirtschaftswissenschaft und Politologie völlig raus. Ihre größten Geschäfte machen sie mit dem militärisch-industriellen Komplex und in der Biotechnologie.

Hinter vorgehaltener Hand wird behauptet, dass praktisch kein Meilenstein der Waffentechnologie, der Nanotechnologie und der Biotechnik ohne Nonem gesetzt worden ist. Nonem ist ein Krake von globaler Spannweite.  

Niemand weiß genau, wo Nonem überall mit von der Party ist. Außer nicht verifizierten Gerüchten bleibt auch unklar, welche Geschäftsziele Nonem verfolgt. Eine derartige Akkumulation von Macht und Kapital setzt sich wohl kaum ein so schlichtes Ziel, wie die rein quantitative Mehrung von Kapital.

Nonem betreibt seine Kaufhäuser mit geringem Personalaufwand und entsprechend hohem Gewinn. Es existieren verschiedene Theorien darüber, wie sie das machen. Kassierer werden nur noch aushilfsweise eingestellt, wenn Mängel beim skin to package-Verfahren auftreten.

Skin to package bedeutet den Einsatz intelligenter Verpackungen. Auf jeder Verpackung eines Nonem-Produktes befindet sich ein Chip, der vom smartchip im Handgelenk der Kunden das bioelectronic cash abbucht, das dem Verkaufspreis entspricht. Auswirkungen auf die Lebenserwartung? Aber nicht doch. Dafür gibt es keinerlei Anzeichen.

Logistik, Telekommunikation, procurement laufen nahezu vollautomatisch. Es kursieren Legenden, dass der gesamte Fuhrpark ohne jedes Personal funktioniert, dass die Steuerung der Lieferwagen ausschließlich über ein ausgeklügeltes Navigationssystem erfolgt, das in einem Nonem-eigenen Satellitensystem koordiniert wird.

Über die weiteren Ziele Nonems existieren einige wenige höchst spekulative Artikel und Abhandlungen; es ist schwierig, etwas über Nonem in den Printmedien zu publizieren. Offenbar reicht Nonems Einfluß auch in die Chefetagen der Medienunternehmen.

Lediglich im Internet wird man fündig. Auch da beschreitet Nonem eigene Wege. Nonem verfügt über keine Adresse im world wide web, aber dafür über ein circumterrestrisches Intranet. Nonem-Mitglieder können alle nur denkbaren Artikel auch über das Intranet beziehen. Vorausgesetzt ein Skin-to-Pin-Interface ist eingerichtet.

Natürlich war das web voll von sehr exzentrischen Mutmaßungen über die Aktivitäten und Absichten Nonems. Atlantis, Andromeda und Wesen aus einem anderen Kosmos, alle phantastischen Variationen zu Ursprung, Sinn und Zweck von Nonem waren vertreten. Doch es gab auch Berichte, die nicht ganz so leicht von der Hand zu weisen waren. 

Auffallend oft fällt der Name Nonem im Zusammenhang mit Euthanasie-Produkten und mit eugenischen Projekten. Es existiert ein ausführlicher Bericht über Forschungsaktivitäten von Nonem in der Transformation von Materie in reine Information und vice versa. Dann sind da noch die üblen Nachreden bezüglich der Verstrickungen in die Konstruktion psychokinetischer Massenverdichtungswaffen, die auf der Erzeugung einer mysteriösen Energie namens Venganin beruhen.

Nonem war klug genug, auf Anwürfe dieser Art nicht mit Gegendarstellungen und Dementi zu reagieren. Das hätte die Anschuldigungen und ihre Urheber nur aufgewertet.

In den Archiven des Vatikan sollen angeblich Schriften existieren, die Belege für eine Untergrundbewegung liefern, deren Ziel es ist, die radikale Transformation von Zivilgesellschaften in eine Art astrale Informationsgesellschaft vorzunehmen. Dabei sollen elektronische Medien, Telekommunikation, Nanotechnologie und Neurolinguistik eine herausragende Rolle spielen.

Tatsächlich findet man auf den websites einiger hochrangiger Institute und Konferenzen zu diesem Thema dezente Hinweise auf erhebliche Unterstützungsleistungen von Nonem.

Als geübter Hacker habe man kein Problem damit, an Geheimdienstdossiers zum Beispiel der IONESCO zu gelangen, die eine tragende Rolle von Nonem bei kybernetischen und neurologischen Feldforschungen zumindest nahe legen, auch wenn der Name Nonem so gut wie nie fällt und Personen nie namentlich genannt werden.

Es kursiert auch eine web-site, auf der ein angebliches ehemaliges Vorstandsmitglied von Nonem atemberaubende Erklärungen für bestimmte Phänomene im Nonem-Reich anbietet. Die Produkte in den Nonem-Regalen beispielsweise seien komplett immateriell. Selbst er schweigt sich indes über die b2b-Verbindungen Nonems aus. Kein Kommentar.

Nichts anderes, als verdichtete Datenmengen, so dass bei Entnahme eines Produktes der Nachschub schlicht durch einen Beamer vorgenommen wird, der ungeheure Datenmengen entlang einer Objektmatrix via 3D-Drucker zum gewünschten Produkt verdichtet.

Außerdem sei es nicht der Nonem-Kunde, der sich sein Menü zusammenstellt, sondern es sei Nonem selbst, die das Kundenverhalten und die Absätze steuert. Der smart chip fungiert als Steuerungsmodul.

Mir fiel bald auf, dass es in den Nonem-Regalen immer weniger Markenprodukte gab. Die, die noch im Angebot waren, hatten ein antiquiertes Verpackungsdesign, das einen imponierend ostalgischen touch hatte. Unmerklich änderte sich aber auch die komplette Produktpalette.

Lebensmittel und Haushaltswaren wurden unauffällig verdrängt. Anscheinend nahm die Nachfrage ab, dafür bevölkerten die Regale zunehmend obskure elektronische Produkte, alle möglichen Computerprogramme, Spiele, hardware-Elemente, Flachbildschirme, DVD-Player, Handies mit digitalen Kameras und so weiter.

Stark ausgebaut wurde der Drogerie- und Kosmetikbereich. Artikel wie die „digitalen Merz-Dragees“ fanden einen reißenden Absatz. Aber den Vogel schoss das Handy-Hüllen-Sortiment „Tribble“ ab. Es dominierten sich in die Unendlichkeit erstreckende Dominoreihen sogenannter Clippods, das sind die Verschalungen für Mobiltelefone.

Alle nur erdenklichen schillernden Modelle mit abstraktem, konkretem, kitschigem und schlichtem Design bevölkerten die Regale. Es gab wirklich für jedes Kundenprofil etwas. Und es existieren mehr Kundenprofile, als Kunden.

Ich wurde sogar den Eindruck nicht los, dass dieses schillernde Szenario farblich und strukturell fluktuierte, weil das Design jedes einzelnen Clippods sich jeweils an die Bedürfnisse und Vorlieben seiner Betrachter anpasste.

Nahm ein Betrachter ein Clippod in die Hand, so schmiegte es sich in die Handfläche wie ein kuscheliges Haustier und zauberte ein debiles Lächeln auf das Antlitz des potentiellen Käufers. Den endlosen Regalreihen entsprach ein sich in weite Fernen erstreckender, mehrreihiger Spalier von Kunden. Die Reihen der Clippods wurden nur unterbrochen durch Oxygen-Points, an denen die Kunden im Kaufrausch zwischendurch tief durchatmeten.

Als ich zu Hause am PC den Suchbegriff Nonem mit dem Namen meines Bruders verknüpfte, stürzten alle Systeme ab. Sekundenlang rasselte japanischer Fließtext den Monitor runter. Dann klirrte es leise und der Bildschirm blieb schwarz.

Ich bekam die Geräte nie wieder ans Laufen. Beunruhigend war, daß selbst die Fehleranalyse ergebnislos blieb. Das konnte doch nicht sein. Konnte ich niemandem mehr vertrauen?

Wenn einem so hartnäckig und radikal Antworten verweigert werden, dann sucht man sie umso verbissener. Wenn man sie nirgends findet, gibt man sie sich selbst.

Das Verhältnis zu meiner Frau wurde unerträglich. Ich habe nie jemanden kennen gelernt, der sich so hartnäckig in sein Schweigen zurückziehen kann. Mit allen meinen Ängsten und Wahnvorstellungen in bezug auf meinen Job, auf sie, auf meinen Bruder ließ sie mich komplett auflaufen.

Egal, was ich ansprach, sie guckte mich nur an, als sei ich ein kompletter Vollidiot, schüttelte langsam den Kopf und murmelte Du bist doch völlig krank im Hirn. Da hatte sie Recht, aber das wäre doch ein Grund gewesen, sich mit mir zu befassen, statt mich zu ignorieren.

Während die Angst um meinen Arbeitsplatz nämlich bislang eher vager Natur war und ich begann, mich auf die Abhängigkeit des Filialleiters von meiner Präsenz zu verlassen, gleich welche Gründe sie haben mochte, setzte sich nun die fixe Idee fest, dass die Wandlung des Sortiments ihn und mich arbeitslos machen würde.

Außerdem verbrachte ich mit Ausnahme der Nachtschichten meine Arbeitszeit nur noch in der Dunkelkammer. Der Filialleiter brachte mich hin und nach einer Zeitspanne, die zu Beginn nur etwa 5 Minuten betrug und zum Schluss zum Teil mehrere Tage und Nächte öffnete sich die Tür und den Weg zurück fand ich vor Schwäche zitternd alleine. Jedes mal merkte ich mir den Weg, aber bei allen Versuchen, den Weg dorthin auf eigene Faust zu finden, scheiterte ich erneut.

Die Änderung des Sortiments vertrieb die Diebe. Nach und nach verging ihnen das Lächeln und ihre Anzahl reduzierte sich.

In den wenigen Zeitspannen, die mir noch für eine Patrouille blieben, wurde ich gemieden, ihre Höflichkeit, wenn sie mir begegneten wirkte gequält und sie streckten mir überkreuz ihre Handflächen entgegen, nicht um zu demonstrieren `Ich bin clean´ sondern in der eindeutigen Absicht mir mitzuteilen, ich solle auf Distanz bleiben.

Nein, normal ist das eben nicht. Denn sie fürchteten mich nicht die Bohne. Sie flohen auch nicht vor mir, sondern wichen mir nur aus wie einem Aussätzigen.

Das Sortiment veränderte sich nicht nur, sondern die Zahl der Marken und Produkte verringerte sich. Viele Regale waren leergefegt. Dafür drängelten sich die Menschen in den Gängen. Je karger das Angebot war, desto mehr Menschen zog es in das Kaufhaus. Das war eine bemerkenswerte, peristaltische Dynamik.

In immer rascheren Wechseln waren die Regale mal leer, mal überfüllt. Die Gänge waren übervölkert, wenn die Regale leer waren und völlig verwaist, wenn die Regale voll waren. Dann pfiff der Durchzug durch die menschenleeren Gänge und wirbelte Bonbonpapier und Kassenbons auf.

Das eben nicht. An den Kassen bildeten sich überhaupt keine Schlangen. Wenn ich mich recht entsinne, war ich in meiner Zeit als Kaufhausdetektiv der einzige, der da mal angestanden hat. Ich durfte aber nichts erwerben.

Wir verfügen über sehr sehr viele Kassen. Für den Fall dass das skin to package-Verfahren versagt, steht unser Personal auf Abruf bereit, erläuterte mir der Filialleiter.

Das mit dem Personal bezweifelte ich. Außer Buffy, die ich nie wiedersah begegnete mir nur der Pförtner bei der Nachtschicht. Auch das immer nur, wenn ich Feierabend hatte, nie, wenn ich ankam. Wenn sich die Fahrstuhltür öffnete, dann sah man genau auf den Schalter des Pförtners, aber der Pförtner war nicht da.

Ich verwende das Wort Schalter, weil ähnlich wie an einer Nachttanke die Verbindung zum Inneren des Pförtnerhäuschens nur durch eine Gegensprechanlage hergestellt werden konnte.

Dann war da noch so eine Art Drehscheibe, verstehen Sie, die man mit Hilfe eines großen, schwarzen, runden Knaufes so in Bewegung setzen konnte, dass die Drehscheibe unter der trennenden Glaswand hinwegkreiselte.

Mir erschien das sehr altmodisch, ich bin mir nicht sicher warum, aber es erinnerte mich an das Führerhäuschen von Straßenbahnen in den 50er Jahren. Die alten Postschalter und Zahlmeistereien, waren die nicht auch so?

Nicht die Bohne. Vielleicht irgendwelche Beschwerden, Stornos, Bestellungen, die er dann eingeben musste. Genau genommen weiß ich nicht mal, ob es ein Er war. Wenn ich Feierabend machte, winkte ich der Gestalt in Uniform immer zu, aber ich sah nie ihr Gesicht. Sie lag immer den Kopf tief in die Armbeuge gelegt vorn übergebeugt auf dem Mischpult wie ein Zecher auf dem Tresen. 

Immerhin war das Pförtnerhäuschen ziemlich geräumig und vollgestopft mit Bildschirmen. Es befanden sich noch zwei weitere ausladende Ledersessel in dem Glaskubus, die aber nie besetzt waren.

Jedenfalls verfügte er über einen unerschütterlichen Halbschlaf. Sein Schnarchen drang durch das Außenmikro nach draußen, dennoch winkte er, ohne den Kopf aus der Armbeuge zu nehmen, immer mit der freien Hand zurück, in der er gelegentlich seine Dienstwaffe hielt.

Nein, eine Zugangstür konnte ich nicht erkennen. Ich nehme an, er verließ und betrat den Glascontainer durch eine Luke im Boden. Allen Ernstes, ich habe mich nicht darum gekümmert wie er kam und ging. Was mich mehr interessierte war, was auf den Bildschirmen zu sehen war.

Nachts sah ich im Laden nämlich nie eine Menschenseele, aber ich wurde dennoch nie das Gefühl los, dass in den Fluren ein regelrechtes Gedränge herrschte.

Eigentlich paradox. Weder dudelte nachts verkaufsfördernde Musik, noch beherrschten die Richtungsstreitigkeiten zänkischer Familien die akustische Szenerie, es war einfach nur still bis auf dieses charakteristische Geräusch flackernder Neonröhren, das an das Schaben von Schnaken auf Raufasertapeten erinnert. Trotzdem fühlte ich auf Streife beständig den Drang auszuweichen, so als herrsche auf den Gängen ein reges Treiben.

Deswegen blickte ich immer, wenn ich wieder am Glascontainer angelangt war, gebannt auf die Bildschirme. Auf den meisten war keine Bewegung zu erkennen, aber gelegentlich huschte doch schemenhaft eine Gestalt vorbei, die einen Einkaufswagen vor sich herschob.

Vor manchen Regalen bildeten sich sogar regelrechte Menschentrauben, die offenbar über Sinn, Zweck und Qualität der Produkte in ihren Händen fachsimpelten. Leider war die Bildqualität nicht die beste, aber es war eindeutig so, dass ich keine Gespenster sah. Ich hätte beim Verlassen des Kaufhauses den Pförtner fragen können, aber er war bewaffnet und etwas hielt mich zurück.

Während ich tagsüber in der Dunkelkammer verschwand, unternahm ich nachts ausgedehnte Wanderungen durch die Konsumdünen des Nonem-Kaufparks. Es gab nur eine Erklärung für die Menschen auf den Monitoren. Der Laden hatte viel größere Ausmaße, als ich bisher vermutetet hatte und ich hatte schlicht längst nicht alle Korridore beschritten.

Wahrscheinlich war ich unbewusst immer im Kreis gelaufen. Es gab zwar eine Karte zur Orientierung mit einem roten Punkt, der den Standort des Plans und damit seines Betrachters markierte, aber die Architektur schien sich nicht an diese Karte zu halten.

Mir war es nie gelungen, in die Randbezirke des Kaufhauses vorzudringen. Tagsüber waren solche Versuche aufgrund des Gegenverkehrs ohnehin zum Scheitern verurteilt, und nachts versperrte mir irgendwann ein zweiter Kaufhausdetektiv den Weg. Gelangt er an seine Grenzen, wird der Detektiv zum Türhüter.

Tut mir Leid, beschied mir mein Kollege, hier beginnt mein Revier. Ach ja? antwortete ich, das gilt für mich ganz genauso.

Eine Konversation zu beginnen war ein hoffnungsloses Unterfangen. Das Begehen eines eigenen und die Verhinderung eines fremden Übertrittes waren alles was zählte. Daran änderte nichts, dass das Bemühen zum Scheitern verurteilt war. Wir waren gleichstark, es gab kein Durchkommen.

Ich war mir sicher. Ich wollte es nicht ausprobieren. Die Hände ausstrecken, und dann berühren sie eine unnachgiebige, polierte Fläche aus Panzerglas. Wen hätte das weitergebracht?

Es gab nur den Rückzug, der einander zugewandt erfolgte. Wir versuchten es kein zweitesmal, wir waren uns sicher, es würde nur dazu führen, dass wir uns wieder begegnen. Das wiederum würde zu nichts führen.

Dafür interessierte ich mich nicht mehr. Ich habe überhaupt keine Angst vor Einsamkeit, ich fürchte mich lediglich vor Rolltreppen, Flugzeugen und Zahnärzten. Ich führte ein Stroboskopen-Dasein, Hell-Dunkel-Hell-Dunkel in Zeitlupe; meine Frau existierte darin nur noch als semitransparente Erscheinung, die nicht mehr zu mir durchdrang. Ob sie da war oder weg war, ich stand morgens auf und hatte niemanden mit dem ich reden konnte.

Ich war zu langsam, ich war in allem zu langsam und zu träge. Wenn sie mich anschrie, verstand ich kein Wort, weil ich mit der Geschwindigkeit ihrer Rede nicht Schritt halten konnte. Sie war so unglaublich schnell in allem was sie tat.

Bis sie schließlich nicht einmal mehr ein Schemen, sondern für mich nicht mehr sichtbar war. Dass sie noch da war, verriet mir nur ein gelegentliches kurzes Summen als umschwirre mich ein Insekt.

Für einen Detektiv war ich bemerkenswert erfolglos, das Unbehagen daran nahm zu, aber ich hatte nicht den Eindruck es ändern zu können. Nachts bekam ich niemanden in den Griff, tagsüber sperrte der Filialleiter mich aus.

Zum Schluss landete ich schnurstracks in der Dunkelkammer und das Ende vom Lied war, dass ich aus der Dunkelkammer direkt in die Nachtschicht wechselte und mich beim Pförtner von der Nachtschicht in die Dunkelkammer verabschiedete.

Zu aller guter letzt war da ein Nadelstich in der Teerpappe meines Bewusstseins und durch dieses kleine Löchlein drang Licht. Von ganz weit weg hörte ich einen Ruf.

Als nächstes fand ich mich an Bord eines Fliegers wieder, neben mir meine Frau die meine Hand zwischen ihre genommen hatte, sie rhythmisch presste und mir zwischen flüchtigen, überschwänglichen Küssen auf meine rasierte Wange immer wieder `Danke!´ ins Ohr flüsterte.

Man war mit meiner Arbeit ganz außerordentlich zufrieden gewesen, Riesenresultate, unglaubliche und überraschende Perspektiven ins Innenleben des Kaufparks, Meilensteine auf dem Gebiet der Konsumsoziologie und der Kriminologie, eine regelrecht revolutionäre Grundlagenarbeit.

Man bot mir die Verlängerung des Arbeitsverhältnisses zu erheblich verbesserten Konditionen an – wie verlängert sich ein unbefristetes Arbeitsverhältnis? Macht mich die Verlängerung unsterblich? - und obendrein durfte ich ein bezahltes Sabbatical mit einem Partner meiner Wahl inkl. dreimonatigem bezahltem Urlaub an einem Ort meiner Wahl antreten.

Ich hatte offenbar akzeptiert, das entnahm ich den Äußerungen meiner Frau. Naja, sagte sie, wenn Du mich gefragt hättest, ich hätte mir was Schöneres als die Algarve vorstellen können, aber Du musstest Dich ja mal wieder durchsetzen. Vielleicht können wir ja nen Abstecher nach Lissabon einlegen?

Möglicherweise würdest Du mich ja auch gerne ein paar Tage ganz entbehren? Ich müsste eigentlich ein paar Tage nach Tokyo. Ich bin zu einem Casting für Toschis Castle oder wie das heißt eingeladen worden. 

Mich interessierte nicht, was sie tun und lassen wollte. Ich war nur glücklich, den Start verpasst und nur noch die Landung vor mir zu haben.

Die Erinnerung dämmerte in mir auf an den vorläufig letzten Auftritt im weißen Raum. Der Filialleiter und ich hatten mit Sekt angestoßen. Von links kam ein drittes Sektglas dazu, aber ich vermag mich nicht mehr daran zu erinnern, zu wem es gehörte.

Ich bin auch bis heute der festen Überzeugung, dass es sich insgesamt um Pseudoerinnerungen handelt. Oder um präzise zu bleiben: es waren zwar Erinnerungen, aber nicht meine. Sie wurden mir nur als meine Erinnerungen vorgegaukelt.

Ich war mit mir alles andere als zufrieden. Daran ändert sich auch in der Nachbetrachtung nichts. Der Enthusiasmus, mit dem man meine Darbietung als private eye abfeierte stand im umgekehrten Verhältnis zu meinem Selbstgefühl. Ich kam mir durch die Vertragsverlängerung und all die Präsente verkaspert vor.

Denn mit zunehmender Dauer meines Engagements trübten sich mein Erinnerungsvermögen und meine Beobachtungsfähigkeit ein. Ich vergaß nicht nur die Namen, sondern auch die Gesichter, brachte Zeitabläufe durcheinander, verwechselte Traum und Realität. So kam es mir jedenfalls vor.

Ich dachte sogar daran, den Betriebsarzt zu konsultieren. Diese Absicht erwähnte ich einmal scheinbar scherzhaft dem Filialleiter gegenüber. Er sah mich an, die halb geöffnete Tür zur Dunkelkammer verbarg seinen Rumpf wie eine eiserne Lunge und fragte in ganz und gar nicht scherzhaftem Ton: Betriebsarzt? Was für ein Betriebsarzt? Fühlen Sie sich nicht gut?

Auf den Monitoren beim Pförtner war der Eingangsbereich zu einigen Räumlichkeiten, Örtlichkeiten und Einrichtungen zu sehen gewesen, die ich bei meinen nächtlichen Streifzügen vergeblich gesucht hatte.

Zum Beispiel das Büro des Betriebsarztes, die Notausgänge, die Aufzüge für Lasten und Personal, die Zugänge zu Lagern, schwere aspiktransparente Gummiflügel, die zugleich Brems- und Schleusenfunktion für Hubwagen hatten und die, da war ich mir sicher, von Quallenarten abstammen; einige Gerüchte über die geradezu magischen Ursachen der Effizienz des Liefer- und Bestückungswesens von Nonem schienen mir übertrieben. Bei allem noch so ausgeklügelten Quallitätsmanagement.

Auf den Bildschirmen konnte man nicht nur Personen in langen, weißen Kitteln erkennen, die übermütig die Hubwagen als Roller für den Personentransport zweckentfremdeten, ich hörte sie auch manchmal bei meinen Streifzügen in mittelbarer Nachbarschaft, dieses charakteristische Geräusch von Hartgummirollen auf großflächigen Fliesen, die regelmäßige Unterbrechung beim Überqueren der Fugen. Ich lugte zwischen die Regale, aber ich bekam nie unvermittelt ein Exemplar zu sehen.

Es herrschte ziemlich viel Verkehr beim Betriebsarzt. Wenn ich das richtig sah, waren alle Patienten Kunden. Sie drucksten vor der Tür herum, schlichen lange auf dem Gang hin und her, stülpten gelegentlich schon den Mittelfingerknöchel vor um zu klopfen, rieben sich dann stattdessen das Kinn, überlegten es sich noch mal, schlichen wieder von dannen, während der Nächste bitte etwas mutiger war. Was war der Betriebsarzt für eine Type? Ein Zahnarzt?

Kein Vergleich zu den Leuten, die zur Tür herauskamen. Die wirkten wie aufgedreht und entfernten sich im Stechschritt.

Grundsätzlich alle Bildschirme boten nur die Vogelperspektive an. Das erschwerte die Identifikation der Personen. Was die Absicht war? Ich nehme stark an, denjenigen, der die Überwachung betrieb zu einem vorurteilsfreien Handeln zu veranlassen und möglichen Hemmungen und Pflichtversäumnissen vorzubeugen, die daraus hätten resultieren können, dass man einen Bekannten erkennt und befangen reagiert.  

Immerhin ist es mir ja nicht verboten, plausible Schlüsse zu ziehen. Viel mehr beschäftigte mich allerdings die Frage des Zustandekommens der Kamerafahrten; die Bildschirme offerierten mitnichten nur eine statische Perspektive.

Das ging kreuz und quer mit vielen Geschwindigkeitswechseln, Zooms, Richtungswechseln und ohne jeden Schnitt durch die Gänge. Die Kunden wurden überflogen und immer dann, wenn einer ein Produkt in den Warenkorb legte zoomte die Kamera heran, aber nie war ein Gesicht zu sehen. Wenn sich zufällig oder aufgrund einer vagen Ahnung ein Gesicht drehte, schwenkte die Kamera weg, nein, sie drehte regelrecht ab. Offenbar war es wichtig, dass sie niemand zu Gesicht bekam.

An der Deckenhalle wies überhaupt nichts auf entsprechende Vorrichtungen hin. Um eine Schienenkonstruktion handelte es sich offenbar nicht. Möglicherweise überflogen winzige Drohnen das Gelände, fliegende Augen, die sich zu einem Schwarm verdichteten und sich in ihre Facetten auflösten, bevor sie jemand bemerkte.

Es gab noch eine weitere Erklärung, bei der ich eine Gänsehaut bekam. Ich sollte keine Gesichter erkennen. Man wusste, dass ich spionierte, aber ich sollte niemanden identifizieren. Was wollte man mir ersparen? Eine längere, schockbedingte Arbeitsunfähigkeit?

Nein, ich denke die Vorsichtsmaßnahme war überflüssig. Wenn überhaupt erkannte ich noch Metonymien von Gesichtern; Nasenspitzen, Ohrläppchen, Schlupflider. Man hatte mich bald soweit, dass ich mich förmlich nach der Dunkelkammer sehnte.

Ich konnte keine Details mehr ertragen, die auf kein Gesamtbild verwiesen. Dann schon lieber totale Dunkelheit. Zumindest im Gemüt.   

Zu Beginn waren die Aufenthalte in der Dunkelkammer kurz und sporadisch. Zu kurz, um sie zu erkunden. Ich betrat, leicht in den Rücken geboxt vom Filialleiter, den gründlich abgedunkelten Raum. Das Licht traute sich nicht über die Schwelle, es fiel kein Lichtkegel ins Innere des Raumes.

Was mich aber wirklich perplex werden ließ, war die Ansicht des Schattenrisses des Filialleiters, ein geblecktes, phosphoreszierendes Gebiss als schimmeliger Lichtblick inmitten der Silhouette, die mir aus einiger Entfernung zuwinkte; weder hatte ich mich in den Raum hineinbewegt, noch hatte ich mich um 180 Grad gedreht.

Ich wollte noch etwas anmerken, fragen, rufen, ich weiß nicht was, aber der Filialleiter flötete `Bis dann` und schloss mit auf dem Rücken verschränkten Händen die Tür, ich nehme an mit der Schuhspitze, jede andere Annahme wäre frivol oder übersinnlich.

Es handelt sich um ein narrensicheres, für sie sehr unaufwendiges Aufzeichnungssystem hatte man mir gesagt. Etwas nährte sich mir in der Dunkelheit, etwas witterte meine Angst und Empfänglichkeit.

Bei meinem Blackout in der Hafenkneipe, kurz bevor oder nachdem der Ausgleich fiel, ich weiß es nicht mehr genau, wurde ich vom Gefühl überwältigt, einen guten alten Bekannten wiederzutreffen. 

Natürlich fühlt man sich ohnehin so, wenn es komplett dunkel wird. Von allen Seiten latent bedroht, doch etwas war anders. Ich war zwar ein wenig eingeschüchtert, aber ich war auch neugierig. Einmal angenommen, diese Finsternis würde mich verschlingen, so war ich mir sicher, dass ich zuvor eine wohlfeile Erklärung bekam. Das würde man mir gönnen. Respektive sich nicht entgehen lassen.

Es geschah beim ersten Mal nicht all zu viel. Ein taubes Gefühl in Kopf und Unterleib. So stellte ich mir den Effekt einer Akupunktur der Hirnhaut vor. Man zapfte mich an, aber ich bekam auch etwas injiziert.

Ich muss zugeben, dass ich während meiner Aufenthalte in der Dunkelkammer jede Furcht ablegte. In den sich verkürzenden Perioden zwischen den Aufenthalten in der Dunkelkammer wuchs dafür mein Widerwille gegen die Gesamtsituation. Ich schaffte es nämlich nicht mehr aus der Kaufhalle heraus. Mir war der Ausweg entfallen.

Nach Ende der Nachtschicht hämmerte ich mit den Fäusten an das Panzerglas des Pförtnerhäuschens. Können Sie mir helfen, ich weiß es klingt blöd, ich finde nicht mehr heraus. Er nuschelte ohne sein Haupt zu erheben: stimmt, das klingt blöd...bleiben Sie doch einfach hier...das wars. Ich bekam ihn nicht mehr wach. 

Meiner Frau sprach ich auf die mail-box. Liebling, es kann sein, dass es etwas später wird, ehrlich gesagt...ich weiß noch nicht, wann ich nach hause komme...dann nahm sie ab. Oh Du bists, ach so? Nicht tragisch, ich bin sowieso unterwegs. Na dann ist es ja gut...

Nein. Auf die Idee kam ich keine Sekunde. Ich war zu desorientiert, um ihr den Weg dahin zu beschreiben. Wie stellen sie sich das vor? Nein das ging nicht. Jeden Morgen bei Dienstantritt hatte ich vergessen, dass mir der Heimweg entfallen ist. Das fiel mir regelmäßig nach Feierabend ein, wenn der Filialleiter schon weg war oder sich irgendwo in diesen Katakomben befand.

Schließlich gab dann auch der Akku von meinem Handy den Geist auf. Ich war von der Welt abgeschnitten und wusste nicht mehr von welcher. Ich muss mich etwas sammeln. Können wir kurz unterbrechen?

Wissen Sie, es gab immer wieder Zwischenfälle, die unter allen Umständen dazu hätten führen müssen, allem den Rücken zuzukehren und mich ja nicht mehr umzusehen.

Andererseits – sehn sies mal so, diese Begegnung wäre dann nie zustande gekommen. Hören sie, sie existieren aber nun mal, egal weshalb, und aus der Warte betrachtet ist dieses Interview zumindest eine Chance. Sie können ja abbrechen, wenn Sie das anders sehen.

Zum Beispiel stutzte ich eines Nachts, als auf einem der Bildschirme im Pförtnercontainer eine Außenszene zu sehen war, noch dazu eine mir nur zu bekannte. Das war unsere Haustür. Unser Treppenhaus. Wer war dieser Kerl?

Die Wohnungstür stand bereits einen Spalt offen, er drückte sie weiter auf und bevor er unsere Wohnung betrat, schaute er kurz nach oben und in diesem einen Moment wich die Kamera nicht aus. Kein Zweifel. Meine Frau hatte Besuch. Es war mein Chef.

Dann explodierte etwas an meinem Hinterkopf. Ich erwachte auf dem Rücken liegend mit einem brummenden Schädel. Ich umklammerte etwas in der linken Faust. Ich öffnete sie langsam, drehte mich mühsam auf die linke Seite und sah mir den Schlüssel an. Ein Schließfachschlüssel mit rechteckigem Schlüsselkopf.

Auch in meiner anderen Hand hielt ich etwas. Ein zusammengeknüllter Zettel. Ich entfaltete ihn und las: `Autor Dafe`. Was zum Henker...Ich drückte mein schmerzendes Hohlkreuz durch, richtete meinen Oberkörper ganz auf und sah mich um. Ich blickte direkt in die auf- und abschnarrenden Setz- respektive Stehkästen eines Pater noster. Das war also der ursprüngliche Lasten- und Personalaufzug, den ich selbst nie gefunden hatte, der Stammzellengenerator, aus dem der Nonem-Kosmos hervorging.

So wie es den wind chill – die gefühlte Kälte – gibt, so gibt es den time chill, die gefühlte Zeit und ich fühlte, ich war reif, rauhreif für einen Hauch von Ewigkeit. Unabhängig von der Frage, ob es mir überhaupt noch möglich war, meinen Arbeitsplatz zu verlassen legte ich auch immer weniger Wert darauf.

Für mich war es durchaus vorstellbar, dass erst meine gehörnte Heimflucht die anscheinende Unmöglichkeit der Flucht begründete. Außerdem darf man nicht außer Acht lassen, was ich alles an Narkotika und Alkohol verdrückte.

Bis heute ist mir nicht klar, was wirklich und was Delir war. Wähnte ich mich zu Hause dachte ich nur an die Korridore, das Parkdeck, die Dunkelkammer, den Fahrstuhlschacht und alle meine alten Bekannten, die ich dort im Kontext meiner Schnüfflerexistenz auf dem Monitor meiner Stirninnenwand wiedersah.

Irgendwoher musste ich im Übrigen auch die Suchtmittel haben. Gestohlen? War ich inzwischen der einzige noch existierende Dieb, der vom einzig existierenden Detektiv verfolgt wurde, der ich auch war? Oder bildete ich mir meine Räusche und das Kettenrauchen nur ein?

Ich fühlte meine Frau nicht, selbst wenn wir zusammen schliefen, hielt ich einem Gespenst gegenüber eine Tarnexistenz aufrecht, die das Gespenst glauben ließ es sei aus Fleisch und Blut.

Die gefühlte Zeit überschritt in der Dunkelkammer von mal zu mal mehr die tatsächliche Zeitspanne. Aus Minuten wurden Jahre, so kam es mir vor. Wenn ich einmal drin war, fand ich es zunehmend reizvoll und wollte überhaupt nicht mehr raus. Denn ich begann das Kaufhaus zu sehen und zu fühlen auf eine vorher nicht da gewesene Art. Und das ist ein Privileg. Intensität zu spüren, während die Zeit still steht. Zu nehmen und zu geben für einen unendlichen Moment lang. Eternity.

Ich zögerte, einen der durchweg leeren Setzkästen zu betreten. Man kennt Ähnliches ja aus The Lift: man nimmt die Einladung an und wird stickum guillotiniert. Ich zögerte jedoch ausschließlich um meine cineastische Kompetenz zu beweisen.

Außerdem lauschte ich angestrengt dem prasselnden Elmsfeuer meiner Instinkte. Sollte es aufwärts oder abwärts gehen? Ich entschied mich für aufwärts, denn ob es in einer Paternoster auf- oder ab geht entscheidet nur die Geduld des Passagiers.

Ich richtete mich auf…eine längere Fahrt ein. Dachgeschoss, Paterre, Untergeschoss, retour und weil’s so schön ist noch einmal. Wie ein Söldner lebte ich von Geschoss zu Geschoss.

Jeder Zeitdruck wich von mir. Ich legte gemütlich die Hände in das Ge…in den Schoß. Es roch hier drin so...heimelig. Wie in alten Klassenzimmern mit Holzstühlen, an denen kleine aufklappbare Schreibpulte befestigt waren.

Ich muss Ihnen ein Geheimnis verraten. Ich bin keineswegs mutig. Sie würden mich nie in einen Sessellift bekommen. Ich vertraue diesen Sicherheitsbügeln nicht.

Nostalgisches Aroma...nach Musikunterricht und zotigen Sprüchen, die in das Spanholz geritzt standen. Wer kennt die Maße von Trinity, in Metern? Meine Fingerspitzen fuhren über Höhlenmalereien abgestandener Begierden. Gravuren von Teenagern, die längst im Rentenalter sind.

Zuzutrauen wäre es ihr. Wer schweigt greift zu Gift.

Sie hätte keinen schlechten Schnitt dabei gemacht. Es gab eine Betriebswitwenrente und spezifische, einkommensbezogene Incentives wie etwa die Teilübernahme von Unterhaltsleistungen. Mein Chef hatte mir mal gesteckt, dass ich ein Vielfaches von dem verdiene, was ihm zusteht. Danach hatte er die Tür zur Dunkelkammer geschlossen.

Lassen Sie das raus. Das ist zu gehässig. Ich hoffe, es geht ihr gut in ihrer neuen Welt. Habe ihr nichts vorzuwerfen. Es ist ja nicht auszuschließen, dass sie in dieser Welt schon von jeher mit meinem Filialleiter zusammen war und ich überhaupt nicht existierte. Ich bin auch nicht eifersüchtig über die Berichterstattung. Warum sollte ich? Wie es den Anschein hat bin ich selbst ein Star.

Mein Herz schlug jedenfalls nicht mehr. Das Pochen, das ich wahrnahm war mechanischer Natur. Eine Pumpe, vielleicht. Über mir zogen Neonröhren vorbei. Es konnten aber auch Mittelstreifen einer leeren Strasse sein, wie im Vorspann zu Lost Highway, auf die ich herabsah. In beiden Fällen stellte sich die Frage wohin das führt?

Das geschah ganz en passant. Zunächst stellte ich Untersuchungen über meine nähere Umgebung an. Es war überhaupt kein Problem, mich an den Wänden entlangzutasten. Naja, nicht direkt an den Wänden, sondern an den Streben von Regalen, auf denen grobe, leicht feuchte Leinensäcke lagen. Das erklärte den muffigen Geruch in der Dunkelkammer.

Ich benötigte keine Minute um mich einmal im Kreis zu bewegen. Insofern im Inneren eines Kubus von Radius die Rede sein kann.

Ich war aber völlig außerstande, den Raum zu durchqueren, Jede Diagonale erstreckte sich nicht nur endlos, je weiter ich mich von der Peripherie mit den nassen Säcken entfernte, desto abschüssiger und rutschiger wurde der Boden. Noch einen kleinen Schritt und ich würde in einen Vortex hineinschlittern. Ich bekam es mit der Panik zu tun, noch verstärkt durch ein hohles, glucksendes Geräusch von ganz tief unten, wie von Wasser, das in unterirdischen Heizkörpern fließt.

Der Paternoster blinzelte. Ich blinzelte. Vertieft in die Zeichnungen und Inskribierungen, die Tattoos der Langeweile und der Lüste, deren Nummer noch ein Objekt zu groß ist hatte ich lange keinen Blick für die Dias, die in der Öffnung des Setzkastens vorbeirauschten, und das Innere der Kabine in fremde Farbspektren tauchten.

Ein wenig ist Paternosterfahren, als ziehe ein Lipporelo oder ein Kaleidoskop an einem vorbei. Ein Filmband. Erst als es empfindlich abkühlte und ein rhythmisch hämmerndes Geräusch in der Kathedrale meines Schädels an Intensität zunahm, drehte sich langsam mein Kopf in seinem Scharnier.

Das letzte was ich sah, bevor ein ultimativer zappendusteres Intervall erfolgte war ein offenes, unruhiges Meer bei Nacht. Der Mond warf ein Schlaglicht aus Wellblech auf den Wasserspiegel. Seine rötliche Tönung verwunderte mich, ebenso, dass er flimmerte als schwebe er auf einem Strom heißer Luft, federleicht wie ein Tischtennisball.

Was mich zu meiner Überraschung jetzt nicht überraschte war ein ganz anderer Umstand. Es stiegen die ganze Zeit keine Kunden zu. Es ertönte kein Bing! für die Ankündigung der nächsten Etage. Es gab kein Sortiment, keine Abteilungen für Herrenbekleidung und keine Nordsee-Filiale. Also nüchtern betrachtet ist es nicht außergewöhnlich, dass niemand zusteigt. Wer hätte zusteigen sollen vom offenen Meer? Ein Orchestermitglied von der Titanic, seine Tuba schützend über den Kopf gestülpt?

Das kennen Sie doch auch, diese fixe Idee, man werde auf den Kopf gestellt, wenn man oben rum fährt. Ist natürlich Unfug. Dennoch – als ich an den riesigen Zahnrädern im Getriebe der Paternoster vorbeifuhr, wurde es mir mulmig und komisch. Ein Szenenhybrid aus `Moderne Zeiten` und `Frankenstein`. Ein gruseliger Mix aus Geisterbahnfahrt, Spukschloss und Nightmare on Elm Street.

Meine Bedenken waren grundlos. Ich stand nicht kopf. Nur mit der Szenerie ausgangs der Kabine stimmte etwas nicht. Da war immer noch das unruhige Meer, aber es hing als Himmel herab über einem bodenlosen Abgrund, in dem der Mond schwamm.

Erst dachte ich, dass die Szenerie sich von Etage zu Etage nicht änderte. Möglicherweise war dem auch so und nur meine Augen gewöhnten sich zunehmend an das diffuse Licht.

Ich meinte nämlich, dass die Abwärtsbewegung in Richtung der über mir hängenden Meeresoberfläche, die sich vielleicht 5, vielleicht 10 km über diesem Satelliten befand, zugleich eine Vorwärtsbewegung war. Der Paternoster befand sich auf einer Umlaufbahn, ein Rollercoaster im Weltraum.

Das ist eindeutig die Fassade eines Gebäudes. Sieht aus wie ein Setzkasten. Im Guckkasten meiner Reise rieseln Schneeflocken von unten nach oben, Sternschnuppen im Auftrieb. Der Schnee verdichtet sich zu einem weißen Vorhang. Es ist so still. Alles ist weiß, als sei ich eine Mumie, bandagiert mit n-lagigem Toilettenpapier.

Sechseckige Waben aus Schattenlosigkeit fügen sich zu einer vierten Wand aus reinem Weiß. Ich sehe alles und erkenne nichts mehr, auch nicht die Hand vor Augen, denn es herrscht eine gleißende Helligkeit. Ein Phänomen, das als White-Out bekannt ist. Aus der Schneeverwehung direkt in die Zwangsjacke.

Ich muß den Keller erreicht haben. Ein dumpfes Pochen, so als klopfe jemand an die Kabinenwand kündigt das Erreichen des tiefsten Punktes an. Dann ist es ruhig. Es rührt sich nichts mehr.

Das Vehikel steht still. Ich habe wohl meinen Bestimmungsort erreicht. Wie ich mir vorkam? Na veräppelt. Wütend. Zunächst konnte mich nichts von der Überzeugung abbringen, dass diese ganze Reise schlicht und ergreifend in der Dunkelkammer endete. Oder in meinem eigenen Kopf, so wie in `Being John Malkovic`. Oder auf der siebeneinhalbten Etage zwischen zwei Bildern eines hängenden Filmbands.

Gut das es finster war. Ich befürchtete umgeben zu sein von einem Spiegellabyrinth. Die Kabine ein Alibertschränkchen, ein Triptychon das bei entsprechender Position der Flügel und entsprechender Tiefe die Spiegelwelt als aufgeschlagenes Buch präsentierte, auf dessen endlosen Seiten immer dasselbe zu sehen war.

Es roch nicht mehr nur nach trockenem Sägemehl, vergilbtem Papier und nach Bohnerwachs, sondern nun auch nach Schmieröl und Staub. Nach Wollmäusen, die in Teerpappe stecken. Es wird stickig und warm. Die trockene Luft kommt aus einer bestimmten Richtung. Da ist ein rötlicher Schimmer. Entschlossenheit tut not. Ich richte mich aus und trete vor.

Was immer ich erwartet hatte, war nicht so unspektakulär wie das, was sich mir darbot. Was weiß ich denn. Irgendetwas Undefinierbares, Fremdes.

Der Rubicon, den ich überschritt, führte lediglich zu einer Art abgeschiedenem Heizungskeller, der in ein rötlich glosendes Licht getaucht war. Da ich aber nun schon mal hier war, nahm ich die Anzeigen etwas genauer unter die Lupe. Das sind weder Wasserverbrauchs-, noch Strom- und Gasverbrauchsanzeigen, stellte ich fest.

Hinter mir setzte sich der Paternoster in Bewegung. Ich kam zu spät bei dem Versuch, eine Kabine zu erwischen. Es zog nur noch blankes, nacktes Holz vorbei. Eine Endloswand. Ich saß in der Falle, aber ich dachte, jetzt bist Du in Sicherheit.

Den private eyes geht das nie so. Es sei denn, sie heißen Sherlock Holmes, der immer den Anschein weckt es gebe nur genau einen, absolut logischen Weg zur Findung des Täters. Umso erstaunlicher ja, dass nur er ihn zu finden vermag.

Oder Colombo, der immer das Glück hat, dass der Täter eine absolut saubere, stilvolle Handschrift ohne jeden Bruch hinterlässt, eine gut gemachte Geschichte, die man nur zu lesen verstehen muß.

In Wirklichkeit ist das private eye instinktgeleitet, ein Instinktier nimmt Witterungen auf. Das Wie und Warum interessiert es erst, wenn es um das Wer und den Aufenthaltsort weiß.

Es interessiert ihn auch nicht aus Gründen der Wahrheitsfindung oder der Erkenntnis, sondern nur weil eine plausible Version des Hergangs, dem Verhörten um die Ohren gehauen, das eine oder andere Geständnis hervorlockt. Dann entpuppt sich das private eye als Romantiker und greift zur Selbstjustiz: sind die Motive edel und handelt es sich um eine attraktive Täterin, läßt er sie frei. Verurteilt er die Motive und stößt ihn das Äußere des Unschuldigen ab, schiebt er dem ihren Mord in die Schuhe und liefert ihn aus.

Insofern kann ich nicht behaupten, etwas Besonderes geleistet zu haben. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, aber ohne dass mir das in irgendeiner Form bewusst gewesen wäre. Ich meine, wie denn, ich trieb auf einer Bahre dahin und dann machte es –zack! – und ich war ein gefeierter Autor.

Wer weiß? Vielleicht verfügt ja ein Lottogewinner einfach über die Fähigkeit zum Lottogewinn? Ich hatte halt zur richtigen Zeit den richtigen Job angenommen. Klar ist mir in den Sinn gekommen, entsprechend manipuliert worden zu sein, aber wenn das so gewesen sein sollte, hatte man bei der Formulierung der Zielsetzung der Manipulation grob versagt. Oder warum sitze ich jetzt sonst hier?

Die längeren Aufenthalte in der Dunkelkammer führten immer zu einer Diffusion der Bewusstseinszustände. Trance, Schlaf, Traum, Superrealismus, Quanteneffekte, Seelenwanderung, Animismus, mein Dasein als Nonem-Supermarkt, der Wecker klingelt, meine Frau fragt mich, ob sie mir Kaffee kochen soll. Seltsam. Dass sie das immer noch tut.

Meines Erachtens sind alle Nonem Filialen architektonisch miteinander verbunden. Das erklärt die Ausmaße der Kaufhallen und Parkhäuser, es erklärt auch diverse Temperaturunterschiede und das man bei längeren Fahrten im Aufzug häufig das Gefühl hat, der Lift liege in der Kurve.

Ich bin mir sicher, daß es so ist. Ein Grund mehr, die Fahrten zu meiden. Ich mag es nicht, wenn mein Schwerpunkt und meine inneren Organe zu Nachzüglern degradiert sind.

Na hören sie mal. Einstein musste auch nicht mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs sein, um sich der Zeitdilatation sicher zu sein.

Um es plastisch darzustellen: Ich befinde mich im Inneren eines durchsichtigen Riesenwales, in dem eine ganze Weltbevölkerung Platz hat. Der Wal ist eine Art Titanic und Zeppelin in einem, eine ganz eigene Welt, in der ununterbrochen ein Orchester spielt und Männer mit Ballettänzerfigur im Smoking und mit Brillantine in den Haaren mit Frauen tanzen, die alle wie Berühmtheiten aus den 20er Jahren aussehen...Djuna Barnes...Zarah Leander...Susen Lenglen...

Ich bin ein Agent der Außenwelt. Ein Atlantiker, der verhindern soll, dass diese Bevölkerung Wind davon bekommt, dass das Meer um sie herum, tödlich und schön, gar nicht tödlich ist.

Es herrscht ein schwunghafter Handel mit Stichwaffen, mit Scheren und Sägen. Angeblich kursiert eine batteriebetriebene Motorsäge hier drin. Ich soll den Wal schützen. Sie dürfen ihn nicht von innen aufschlitzen. Ich muß herausfinden, wer von der Außenwelt diese Ware in den Wal schmuggelt.

Keine Ahnung. In der Dunkelkammer entwickelten sich diverse Handlungsstränge und Überschneidungen. Alles hat Bedeutung und ist bezüglich des Gesamtzusammenhangs zu gewichten, auch die Unterbrechungen und Rückschläge machen Sinn. Jedes Indiz ist zu erfassen und kann zum Ziel führen.

In der Einsamkeit der Traumtrollfelder wurde mir langsam, aber sicher klar, dass ich als so eine Art...Minenspürhund oder besser, als Minensuchdelfin angeheuert hatte. Ich machte meinen Job wohl zu gut.

Keine Frage, man wollte mich hochgehen lassen, weil man ahnte, dass mein Gedächtnis eine komplette Sicherheitskopie erstellte. Man würde irgendwann die Gefahr des Ausplauderns über den Nutzen meiner Ergiebigkeit stellen. Wen hatte sich Nonem als Nachtfolger vorgestellt? Eine Schar Kakerlaken?  

Nonem erwies sich als ein unerschütterliches Gebilde. Ich hatte mir jedoch schon bei meinen nächtlichen Streifzügen eingebildet, ab und zu ein leises Zittern des Bodens zu spüren, diesen Eindruck allerdings zunächst auf meine überreizten Nerven zurückgeführt.

Ebenso die allmähliche Veränderung des Lichtes hin zu einem Kobaltblau, je mehr ich mich vom Pförtnercontainer entfernte. Den ich übrigens tagsüber nie finden konnte, aber da fiel ich ja auch direkt aus dem Spind in die Umkleidekabine und stolperte von da ans Ende der Giftschlange vor dem Kaffeeautomaten...der blubbernden Dunkelkammer...

Versargung und Entsargung in Nonem-Supermärkten? Ich bin mir sicher, dass so was stattfand. Verzeihen Sie, das ist mir peinlich, können wir das Thema wechseln? Das ist schließlich kein Kantinengespräch. Außerdem liegt mir keine Kaffeesatzleserei. Bin doch kein Schwarzseher.

Um Nonem zu verstehen, muß man es unterwandern. In der Dunkelkammer entwickelt sich nach und nach das ganze Bild. Endlich gelangte ich über den Rand des Kaufbereiches von Nonem hinaus und rückte näher ins Zentrum.

Es war kaum zu glauben, wer sich alles von mir Mittelpunkt verabschiedete, als man mich auf einer Bahre durch die engen Gassen der Innenstadt in Richtung Hospital fuhr. Ein regelrechter Triumphzug. Konfettiregen, Technicolorhimmel, Funkenmariechen. Hätte ich nicht die Live-Übertragung verfolgt, hätte ich mich nicht daran erinnert. Man hätte meinen können, es handele sich um ein Heldenbegräbnis. 

Wie ein Fresko. Die Gesichter...das Himmelblau...das schloß sich alles über mir wie ein Deckengemälde, wie ein Meisterwerk auf der Innenseite der Wölbung des Deckels eines Sarkophags.

Ob ich Kubrick`s „Odyssee im Weltraum“ kenne? Na klar. Dieser fantastische Höllentrip ausgangs des Films. Als habe er die von mir geträumte Droge vorweg genommen. Verstehen Sie? Venganin vorweg genommen, und das in den von politischer Tollwut befallenen 60ern. Sie scheinen sich wirklich gut in meine Lage hereinversetzen zu können. Das habe ich schon an Bord des Fliegers gemerkt.

Das Fazit des Films: man muß den Orbit verlassen. Beschleunigung bringt nichts, wenn die Blickrichtung diejenige auf den Ursprung bleibt. Das ewige Abschiedwinken, das unendliche Taschentuch, überwindet das. Geradeaus. Beschleunigung bis sich die Reise zurzeitreise krümmt. 

Diesmal wurde ich im Übergang zur Peripherie mit keinem Abklatsch meiner selbst konfrontiert. Dennoch wurde ich von der Szenerie überrascht. Statt in einem Lagerbereich oder auch in einer Großküche landete ich auf dem Parkdeck. Wenn auch nach einer langen Wegstrecke durch ein Labyrinth von Gängen mit Regalen, auf denen sich Produkte in fortgeschrittenem Stadium des Verfalls aneinander reihten.

Das ging noch in den Zonen, in denen die Heizung ausgefallen war. Es war dort einfach nur klamm, aber es folgten Gänge, die in ein heiß glühendes Radiatorenlicht gehüllt waren. An den Decken verliefen ganze Batterien riesiger Rohre, die mit trantriefenden Stofffetzen notdürftig abgedichtet waren.

Die Kartonage auf den Regalen verströmte einen strengen Geruch, dessen angenehmste und bekannte Note Formaldehyd war. Die Pappe war dem Anschein nach vollgesogen mit einer klebrig-flüssigen Substanz. Die Luftfeuchtigkeit tat ihr übriges. Die Klamotten hingen schwer am Körper wie in Öl getränktes Frottee. Es war stickig und heiß.

Es ging nie lange geradeaus, das heißt, es schien kein zentraler Boulevard der längst überschrittenen Verfallsdaten zu existieren. Was in den Regalen lagerte musste schwer wiegen, denn unter der Last der Kartons bogen sich die Regalböden durch, obwohl sie mindestens 2 Zentimeter dick und aus Aluminium waren. Was lagerte hier zwischen?

Das war wohl der Grund, warum ich mir keine Sorgen machte. Ich war auf mich allein gestellt und davon hatte ich immer geträumt. Das hier war ein Raum, den der Filialleiter nicht einsehen konnte, um den er möglicherweise auch gar nicht wusste. War auch auf keinem der Bildschirme beim Pförtner zu sehen gewesen.

Wissen Sie, ich hatte partout nicht den Eindruck mich in einem angreifbaren Zustand zu befinden. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal etwas gegessen und getrunken habe, aber wenn ich bis jetzt weder Hunger noch Durst verspürte, würde ich auch fürderhin keinen verspüren.

Das Gerät im Heizungskeller oder dem was so aussah als wäre es einer erinnerte mich an die Schaltkonsole des Kernkraftwerks aus dem Film „China-Syndrom“. Nun kann man sich vorstellen, dass der Energiebedarf eines Supermarktes der Größenordnung einer Nonem-Filiale extrem hoch ist. Nicht nur, dass Wärme erzeugt werden muss, sondern es muss auch Kühlung erzeugt werden. Gleichwohl erscheint es übertrieben, dafür alleine einen ganzen Atommeiler zu betreiben.

In Netzwerken wird man nicht unbedingt auf Anhieb erkennen, dass man sich an dem zentralen Knotenpunkt des Netzwerkes befindet. Alles ist ruhig, aber nur, weil die Spinne sich zurzeit an der Peripherie des Netzes aufhält.

Was ich ertastete, erfühlte und an unbekannte Informanten weiterleitete, wenn ich in der Dunkelkammer als Sender und Empfänger diskreter Informationen fungierte, war äußerst aufschlussreich, aber ich spürte regelrecht das Ausmaß meiner Exponiertheit.

Es war paradox. Ich konnte mich sicher fühlen, solange ich mich in den Ecken des Raumes aufhielt. Kein Außenstehender belästigte mich, niemand rüttelte an der Tür und fragte: Wie lang dauerts denn noch? Schreiben sie da Romane?

Gleichwohl musste ich an den Herrn der Ringe denken, den Magier auf der exponierten Plattform am Gipfel eines Meilen hoch in den Himmel ragenden Monolithen mit senkrecht abstürzenden Wänden (Schwierigkeitsgrad 12).

Hier aber war die Plattform die zirkulare Ausstülpung einer Röhre, etwa so wie ein Blütenkelch an einem senkrechten Stengel. Es war ein Abgrund von einem Brunnen in der Tiefe des Raumes und mein feines Mittelohr teilte mir mit, dass mein Stand in der Ecke des Raumes nicht mehr exakt waagerecht war. Der Boden neigte sich sanft und wurde glitschig.

Zunächst waren die Anzeigen rätselhaft. Es handelte sich auch nicht einfach um das Schaltpult eines Kernkraftwerkes. Das Design der Anzeigen – Nadeln und Skalen hinter großen Bullaugen – war jedenfalls altmodisch, ich musste schon aufgrund der Enge des Raumes, der zahllosen Leitungen, Röhren und Ventile in klaustrophobischem Gedränge, eher an ein U-Boot denken.

Dass man keine begrenzenden Wände in Nonem Filialen fand – ergo auch keine Feuerlöscher! - lag daran, dass sie nicht vorhanden waren. Richtungsänderungen der Korridore wurden einzig und allein durch Winkel der Regalreihen erzeugt. Vermeintliche Wände waren keine Trennwände, sondern nur Außenwände von Fahrstuhlschächten oder Stützpfeilern. Es gab nur ein globales Nonem-Kaufhaus mit tausenden von Aus- und Zugängen in Küstennähe, zu denen man gelangte, wenn man milliarden weißen Fluchtwegmännchen auf grünem Grund gefolgt war. Nonem war ein weltumspannend aktiver Maulwurf.

Anscheinend hatte es hier mal tatsächlich mal einen Schwelbrand gegeben. Darauf wies ein verschmorter Sicherungskasten hin, und unter einer Schicht von Russ fand ich die Aufschrift „Traffo“. Daneben: bei technischen Defekten wählen sie folgende Nummer. Ich war elektrisiert. Wann ist es hier? Bevor mein Akku den Geist aufgab oder schon danach?

Dann sah ich sie. Und ich sah Sie. Es tummelten sich Milliarden von Kunden in den vermeintlichen Nonem-Filialen. Endlich hörte ich ihre Dialoge. Ich hörte Ihren Dialog. Sie trug ein schwarzes Kostüm mit dünnen Nadelstreifen, darunter eine weiße Bluse. Schwarze Lackschuhe, ein Kreuzband über dem nackten Fußrücken, purpur lackierte Zehennägel, Pfennigabsätze.

Sie rauchte eine Kim Slim Size, einen Arm vor der Brust verschränkt, in der anderen die Zigarette. Sie war hinreißend. Huskie-Augen und Kidman-Figur. Der Mann der auf sie einredete sah mir zum Verwechseln ähnlich. Kein Zweifel. Mein Bruder hatte sich rasiert. Und operiert.

Es herrschte insgesamt eine spürbare Anspannung bei den Nonem-Führungskräften, während die Milliarden von Nonem-Kunden verzückt und apathisch wie Stepford Wives durch die Gänge trotteten und sich en passant über das hübsche Glitzern der Clippods ausließen. Ich kannte die Führungskräfte nicht, aber ich spürte sie. Auf.

Es dauerte etwas, bis sich meine Beobachtungen der Anzeigen zu Korrelationen konkretisierten. Wenn sich die Anzahl von „Zulieferern“ erhöhte, erhöhte sich der „Clippod-Absatz“. Wenn der „Clippod-Absatz“ sich erhöhte, sank die „Masse“. Wenn die „Masse“ sank, stieg der „body count“. Wenn der „body count“ sich erhöhte, erhöhte sich der „Grad der Transformation“. Wenn der „Grad der Transformation“ zunahm, rückte ein Balken eines horizontalen Diagramms auf einem Monitor mit der Überschrift „Venganin-Sättigung“ näher an 1 und ein Balkan, ähm, Balken mit der Aufschrift „Fett“ näher an 0.

Was ist mit Dir, fragte sie mich, hattest Du einen Alptraum? Es dauerte einige Zeit, bis ich mich orientiert hatte. Dann sprudelte es aus mir heraus. Der Einkaufsbereich...die Regale mit den verdorbenen Inhalten...das Parkdeck...das ist alles eine einzige Etage...die Fahrstühle sind horizontale Full Metal Jacketkronen....

Wieso ich nur den einen benutzte? Ich traute den anderen nicht. Allzu oft folgte dem `Bing`!, das die Ankunft des Liftes signalisierte eine Offenbarung unwiederruflicher Abwesenheit. Ein gleißend helles `I` zieht sich symmetrisch auseinander zur Vitrine minimalistischer Zeichen von Reisen ohne Wiederkehr. Ein herrenloser Samsonite. Ein verlassener Einkaufswagen.

Schließlich traute ich mich wenigstens im Windschatten rasender Lifte zu reisen, und wurde nicht geschächtet. Ich gelangte durch die Reihen von Regalen und ein Pacman-Labyrinth von Fahrstuhlschächten schließlich auf das endlose Parkdeck...Neonröhren so weit das Auge reicht...zerschlissene Mittelstreifen...na und?, wollte sie wissen, was ist so schrecklich daran?

Ich konnte es ihr nur schwer erklären. Es gibt einfach Träume, die einem so real erscheinen, dass einem die Realität wie ein Traum erscheint. Nicht immer erklären die Komponenten der Szenerie selbst das Alptraumhafte, weil die Ursache des Schreckens nicht im Bilde ist.

Etwas rumorte in meiner Hosentasche, während ich ganz versunken war in meine Bemühungen, mir einen Reim auf die Anzeigen zu machen. Geistesabwesend griff ich nach meinem Handy mit dem giftgrünen Chassis und der Aufschrift „Pozilei“. Es klebte an meiner Handfläche, als habe es sich festgesaugt.

`Sie haben eine Nachricht`. Eine SMS. Ich tippte auf `Anzeigen` und wurde aufgefordert: `Wähl die Nummer auf dem Generator`. Nicht mit mir. Ich drückte auf die Taste `Rückruf`. Erst später sollte ich bemerken, dass die Nummern identisch waren, und daß ich sie Ziffer für Ziffer manuell eingeben mußte. Ich hatte keine Wahl.

In der Dunkelkammer lernte ich nach und nach zu zoomen. Ich lernte auch, dass absolut keine Notwendigkeit bestand, mich auf die altmodische Art der physischen Mobilität zu besinnen, wenn es darum ging, mir die Nonem-Welt zu erschließen. Natürlich konzentrierte ich mich auf bestimmte Aspekte. Vor allen Dingen der Clippod-Bereich zog mich in den Bann.

Also was nun, fragte meine Frau, hast Du mir was zu erzählen oder kann ich weiterschlafen. Aufseufzend ließ ich mich zurück aufs Kissen fallen und sagte, nichts, es ist nichts. Na dann ist ja gut, murmelte sie genervt und schlief weiter.

Meine Angst ließ nach, aber ich war mir sicher, dass sie wohlbegründet war. Es war die Angst, die einen packt, wenn man selbst über seinem Körper schwebt und nicht mehr zurück kann. So war es mir auf dem Parkdeck ergangen.

Ich raste über die Richtungspfeile hinweg - der Wind der Wind im himmlischen Spind - ohne dass meine Füße den Boden berührten, ich sah auch keine Füße, wenn ich an mir herabsah dann war da niemand, an dem ich hätte herabsehen können. Ich beschleunigte mit dem speed einer Concorde und die Piste unter mir schoß entgegen der Richtung meiner Beschleunigung in Stromschnellen aus Flüssigzement quellwärts.

Ich gelangte an eine Rampe, Auffahrt zu höheren Decks, wie ich erst dachte, aber nach unzähligen Spiralen einer hell beleuchteten Rollbahn inmitten totaler Finsternis gelangte ich an die Kante der Rampe. Ich sah hinab auf einen Ozean, der aus sich heraus leuchtete.

Die Spitzen der sich kräuselnden Wellen funkelten, als sehe ich auf einen Sternenhimmel herab. Natürlich erkannte ich kein Sternbild wieder. Ohne weitere optische Anhaltspunkte war nicht zu schätzen, wie tief dieses Meer unter mir lag. Es konnten Meter sein, es konnten Lichtjahre sein.

Aus dem Meer ragte ein Gebäude empor, dessen Fassade etwa so aussah, wie ein Vier-gewinnt-Spiel. Ich sah noch etwas, eine Art ... Boje und eine Gestalt, die auf die Boje zuschwamm. Ich löste mich von der Kante und der Boden unter meinen...Flossen?...tat sich auf.

Das letzte was ich gedacht hätte wäre, das ich jemals an einer Verschwörung aktiv und wissend beteiligt bin. Auch das gehört allerdings zum Ethos des private eye. Wenn er Machtverhältnisse aufdeckt, die es ausschließen, das Recht und Gesetz Anwendung finden bei der Sanktionierung von Verbrechen, muss er zu unkonventionellen Mitteln greifen. Auch um den Preis der Selbstzerstörung. Denn nur die wahrt die moralische Integrität einer Tat, die sich durch das Überleben des Täters in Feigheit und Egoismus verwandelt. Das Überleben entedelt den Attentäter.

Die Ironie von der Geschichte ist in diesem Fall: ich nehme mein Ableben in Kauf und statt dabei draufzugehen, werde ich enthusiastisch gefeiert für etwas was ich nicht bin. Auch das gilt es zu überwinden. Wenn Image alles ist, dann heißt es den Kosmos vernichten um sich selbst zumindest für die Nanosekunde lang zu behaupten, die der Urknall benötigt um zu Potte zu kommen.

Dass es Sie gibt, ist meine letzte Hoffnung. Dass das hier eine reale Begegnung ist muß ich einfach voraussetzen, auch wenn es sich nicht beweisen lässt. Die oberste Nonem-Direktive lautet: wenn am Anfang das Wort war, muss für einen Neuanfang das Wort verschwinden. Will ich diesen Neuanfang revidieren, ist es erforderlich, wieder zu Wort kommen. Und das mir als Film-Freak.

Hast Du mich grade angerufen, fragte sie mich, und ich sah vom Donner gerührt direkt in ihre Kiwi-Augen. Erst in diesem Augenblick erwachte ich aus meinem Traum von Wirklichkeit. Vermeer, ich erwachte nicht, sondern mutierte hinein in die unbehagliche, weil wohlvertraute Szene einer Ehe, wehe wehe... Habe ich nicht. Behauptete ich ohne groß nachzudenken. Bin unbekümmert, weil ich im Grunde nur das Nichts zu verlieren

Alle Kunden Nonems strömten wie Pilger bei der Hadsch zum Tribble-Sektor. Als hätte sie des Waldes Dunkel angezogen seit ewigen Zeiten und in ferner Zukunft ist diese Zeit und dieser Ort das Ziel ihrer Versammlung.

Einige Outfits konnte man sich wirklich nur erklären, wenn es sich um Besucher aus der Zukunft oder der Vergangenheit handelte, von den nicht mehr taufrischen Exemplaren, die nur eine Nulllinie bei der Messung von Herzrhythmen und Gehirnströmen hinterließen ganz zu schweigen. Ich war Zeuge. War der Filialleiter ein Doppelagent? Sollte es einen Zeugen geben, den es nicht geben durfte?

Mir kam in den Sinn, dass das was ich sah, nur ein Konzentrat war, eine Synopse einer Geschichte, die noch längst nicht abgeschlossen ist, sondern grade erst am Anfang steht. Mir kam auch in den Sinn, das jede einzelne der Abermilliarden Kreaturen, die dem Weckruf ihrer mobilen Rohlinge gefolgt waren, der Auffassung sein könnte, sich in der selben Situation wie ich zu befinden, und als einziger Zeuge in einer sicheren, abgeschiedenen Dunkelkammer vor sich hin zu veganieren.

Nonem ist ein modernes Konzentrationslager. Jeder der dem Lockruf folgt – kann ihm irgendwer entgehen? – gerät in die Strömungen die sich zu diesem Delta vereinigen. Für jeden Vernetzten liegt ein Clippod bereit. Ich verfolge mit weit offenen Augen, wie die Kunden mit allen Anzeichen der Verzückung in den Clippods verschwinden.

Der Produktlebenszyklus der letzten Generation war vollendet. In der Next Generation vollendet sich der Lebenszyklus der Verbraucher, wenn sie Eingang in ihr Clippod finden. Samenzelle. Ei. Absolute Beginners. Venganin Capital.

Nach dem Calling – der Anrufung des großen Bären, den man mir aufband - gelang es mir nicht mehr, das altmodische T1-Handy loszuwerden. Es tauchte wie ein Symbiont aus U-Boot und Zecke unter der Oberfläche meiner Haut ab. Dann setzte der Starkstrom ein, und die Subjekt-Drainage tat ihr Werk. Ich fühlte eine stetige Erleichterung, verlor an Masse und verabschiedete mich ohne Bedauern von meinem zerebralen Nervensystem, meinem Gehirn, meinem Körper.

Die Drainage der Lymphe, des Blutes, des Fettes erfolgte schmerzfrei, soweit es mich nichts anging. Nur die Netzhaut klammerte sich noch lange fest an ihre Tunica-Oase, ehe ihre Ablösung vollzogen war. Mich betraf längst nichts mehr, schon gar nicht betraf ich mich.

`Du bist ein kleiner Fisch`, sagte die Stimme am anderen Ende. Sie war mir bekannt, mir lag der Name auf der Zunge. `Aber manchmal frisst der Hering den Hai- Ay ay. Glaub mir, ich habe das nicht gewollt, aber es führt kein Weg daran vorbei - Ay ay. Wir werden uns treffen. Die kritische Masse ist erreicht, aber das genügt nicht. Bombe und Zünder müssen zusammen kommen.` Ich verstand endlich die Anzeigen.

Natürlich nicht die in den Zeitungen! Denken Sie, Sie haben mir in der Zwischenzeit das Lesen a(n)dressiert?

Und ob ich Klammern nicht unaussprechlich finde. Da vergeht Ihnen nur das Sehen bei, aber nicht das Hören. Sagen.

Ich bin mir sicher, meine Frau hatte längst das Weite gesucht, als ich in den OP einfuhr. Alle Straßenzüge, allen Straßenlärm hatten wir längst hinter uns gelassen. Ich war extrem müde und hatte meine Augen geschlossen.

Zu erschlagen und zu erschöpft, um mich über die weite Wegstrecke zu wundern, die vom Portal des Hospitals bis zum OP führte ließ ich Revue passieren, wer mir da alles vorübergehend Abschied gewunken hatte.

Es gab auch Bekannte, die waren neben mir hergelaufen wie Fans bei der Königsetappe der Tour de France. Dabei war Alp de Huez eine absolut kontroverse Landschaft. Das hier war ein Tag am Meer.

Das Dutzend war bestimmt voll. So oft hatte ich Medusa Touch gesehen und immer noch fesselte mich der Film, besonders der Schlussmoment, in dem Richard Burton die Augen aufreißt, lässt mich noch immer erschauern.

Ich schaltete ab. Die Wohnung lag still da, bis auf das Wasser, das in den schlecht entlüfteten Heizkörpern gluckerte. Ich war alleine und war mir auch keiner Partnerschaft oder Verwandtschaft bewusst. Alles in der Wohnung war unverwandt auf mich gerichtet.

Ich hatte schön und in aller Ruhe eine gute Flasche Portwein geleert, mich in eine Decke auf meiner Couch eingemummelt und hatte ferngesehen. Nun war ich bettschwer. Bevor ich mich zur Ruhe begab, wollte ich noch etwas frische Luft schnappen.

Ich ging hinaus auf den Balkon und blickte herab auf die Lichter der Stadt, die herzlos pulsierte. Ich dachte darüber nach, ob es nicht schön wäre, wenn die Wohnung außer der Balkontür noch über weitere Fenster verfügte. Außerdem hätte ich gerne gewusst, warum sich die Balkontür immer nur nach Einbruch der Dunkelheit in der Wand auftat.

Ich verfolgte beide Gedanken nicht weiter, denn es bot sich mir ein Anblick, der mich auf andere brachte. Unter mir schwebten majestätisch wie Rochen in den tiefen Regionen des Meeres Flugzeuge durch die Nacht. Eines davon befand sich im Steigflug und kam direkt auf mich zu.

Ich wölbte meinen Brustkorb, streckte die Arme aus und gähnte herzhaft. Das Telefon klingelte, wer konnte das sein? Geh nicht dran, sagte eine Frauenstimme in meinem Kopf, aber ich gehorche grundsätzlich keiner inneren Stimme und reagiere nicht auf spams. Ich hob ab und sagte ohne abzuwarten. `Du bist ein kleiner Fisch`.

Du hast Recht. Das ist geklaut, aber ich glaube nicht bei Becketts `The Unnamable`, sondern bei Austers `New York Trilogie`. Passt auch besser zu dem Flugzeug. Ich konnte dem Piloten mitten in die entsetzte Fliegerbrille sehen.

Grundsätzlich war alles vorbereitet. Die Parameter stimmten. Das rhythmische Vibrieren aus dem Untergrund war kaum mehr als symbolischer Natur. Nonem hatte auf ein festes Fundament von vorn herein verzichtet, dass nur brüchig weil unelastisch war und durch Beben verschiedenster Art so nachhaltig hätte erschüttert werden können, bis der filigrane Überbau zerbrach. Das war natürlich nicht im Sinne des Erfinders.

Nonem war auf Treibsand gebaut. Auf Treibsand und Morast. Nicht alle, die man nicht mitnehmen wollte, ergaben sich wehrlos in ihr Schicksal. Einige zappelten noch außerhalb der Netzhaut.

Die kritische Masse war erreicht. Alle Gewebe waren längst verpackt in Kartons, die in entlegenen Archiven gelagert wurden, für den Fall, dass man wider Erwarten noch auf weitere Brennelemente zurückgreifen musste.

Blöcke aus Fett, in denen die organischen Überreste zu den Akten gelegt wurden, ein ganzer Planet aus Aspik ersetzt Datenbanken, Bibliotheken und Genealogien für eine andere Nachwelt, als die, die werden würde. Als endlich die Tür zur Dunkelkammer sich öffnete, hatte ich das untrügliche, erträgliche, klägliche Gefühl, keinen einzigen Knochen mehr im Leib zu haben.

Ich muss als Gallert über die Schwelle geflutscht sein, aber der Filialleiter war nicht überrascht, nannte das Ding beim Namen. Ah...Azenath. Entspann Dich. Es ist vorbei. Du hast Dir Dein Sabbatical verdient. Deine Arbeit hat keine Fragen und keine Wünsche offen gelassen.

Auf der knorpeligen Stirninnenwand wohnte ich dem Moment der Erkenntnis bei. Ich sah, wie ich in Anbetracht der Anzeigen erstarrte. Der Plan von der Abschaffung der Trägheit...die Überwindung der Masse....die Verdiesseitigung des Jenseits. Die Erlösung.

Es ist wohl so, dass die Angst vor Operationen etwas so archaisches ist, wie die Angst vor dem Tod. Vor dem Alleinsein. Der Abschiedsgruß alter Bekannter war ein netter, aber schwacher Trost.

Ich hinterließ einen Abschiedsbrief im Bauch eines Buddelschiffs als Vermächtnis für eine etwaige Rückkehrerin und den Kerl, der mich verraten und betrogen hat. Nachtragend zu sein, wenn man alle Brücken hinter sich abbricht, sämtliche Verbindungen aufhebt, beweist nur, dass man an diesem Vorhaben scheitert.

Ich warf einen letzten Blick auf ein Duett von Fliegern, das durch den betäubenden Äther der Apokalypse rasch näher kam. Ich stelle befriedigt fest, dass ich die Wohnung in einem tadellosen Zustand, in penibler Ordnung zurück ließ.

Ich löschte die Kerzen, ich löschte das Licht, öffnete die Wohnungstür und schloss sie hinter mir. Ein kaltes Treppenhaus mit schwarzen Blitzen in weißem Putz empfing mich, ich sammelte mich und machte mich an den Abstieg.

Im Treppenhaus hing – na so was! – ein Kalender. Es war der Abend des 9. Novembers. Keine Jahresangabe. Selbstverständlich.

Die frenetischen Menschenmengen hatten keine Worte gefunden. Die Special Agents, die mir als body guards zugeteilt waren, gaben es auf, die Kondolierenden von mir fernzuhalten. Es waren zu viele.

Schwächer werdend gab ich einem Special Agent ein Autogramm auf den Stulpenrand seines Schiesser-Hemdes. Ich krakelte irgendetwas, denn ich kann ja nicht schreiben. Für ihn war es von unschätzbarem Wert.

Die Sicherheitsbeauftragte tat hartgesotten und sagte nur: bringen Sie es über die Bühne. Wir erwarten, dass Sie Erfolg haben und Sie niemals zurück. Zwei Hochhäuser stürzten vor Erschütterung über mein Vorhaben in sich zusammen. Vorauseilender Gehorsam. Selbstmord aus Angst vor dem Tod.

Heiliger Stuhl, der schmächtige Hüne der Denunziation, Gebrauchtwagenhändler und Kleininquisitor, rief mir nach. Alter, lass Dich nicht verarschen. Du machst einen gewaltigen Fehler. Frank legte mir drei Reibekuchen mit Apfelmus auf den Bauch, ich beschwerte mich, denn es war sein Backfisch mit Remoulade (Kabeljau- Filet in einem Teigmantel aus Bier, Honig und Panade, die Remoulade ein ganzer Gewürzgarten, Koreander, Salbei, Safran, Dill, Diddi, Estragon, Petersilie...), auf den ich so versessen war, dass ich mich hätte reinsetzen können.

Al Pacino grinste mir zu und flüsterte, Du simulierst, ich kann es riechen. Robert de Niro machte sich Notizen für seinen nächsten Film und fragte mir ein Loch in den Bauch. Ob eins mehr oder weniger ist auch egal.

Die Bahre, auf der ich lag, zitterte nicht mehr von Unebenheiten der Straße und der Flure des Hospitals mit ihren langen Reihen von Stilleben an den Seitenwänden, sondern schwankte wie ein Schiff auf hoher See. Ich hörte ein auf- und abebbendes Rauschen, so als liege ich an einem menschenleeren Strand. Oder als treibe ich auf ihn zu. Ein tiefes Brummen überlagerte dass Rauschen. Der Bass einer Äolusharfe. In meinen Nieren zerbröseln Steine zu Granulat.

Diesmal war es eine dumpfe, heftige Erschütterung die mich weckte, gefolgt von einem rasch näherkommenden Grollen. Von fern erhob sich ein Klirren, das zu ohrenbetäubender Lautstärke anschwoll. Es wurde stockduster hinter meinen Augenlidern, dann traf ein heftiger Schlag wie von einer gewaltigen Faust die der Strasse zugewandte Hausfront, so heftig dass er den Lauf der Ereignisse zugleich aus der Bahn und zurückwarf. Aus dem Abend wurde das Morgengrauen desselben Tages, aber nicht desgLeichen.

Als die Druckwelle abgeebbt war herrschte Grabesstille. Hätte man nicht Polizeisirenen hören müssen, ein erregtes Stimmengewirr? Meine Freundin mit dem Haifischmäulchen schreckte hoch. Sie krallte ihre Fingernägel in meine Schulter und im diffusen Licht einer Straßenlaterne, die durch den Spalt zwischen den Vorhängen hindurch einen fahlen Suchstrahl auf ihr Gesicht richtete, sah ich wie sie auf ihre Faust biss. Sie zitterte heftig, und konnte sich kaum artikulieren, Weinkrämpfe zerstückelten ihren Bericht.

`Es war ... es war entsetzlich...da war dieser... schwarze Strand...ich war ganz alleine...meine Füße waren mit blut...blutgetränkten Laken umwickelt...überall lagen ... lagen Spritzen herum...nirgends irgendwer...und dann sah ich...sah ich, was...was von Dir übrig...`

Natürlich. Aber natürlich konnte ich sie beruhigen. Ich wusste ja, was es bedeutet. Und für die kurze Zeit konnte ich den treusorgenden Freund spielen. Ich legte ihr den Zeigefinger an die Lippen, sagte pschscht...ganz ruhig...und wiegte sie langsam zurück in den Schlaf.

Als sie zu schnarchen begann, schlüpfte ich aus dem Bett, zog mich an, die Tür hinter mir zu und begab mich zu meiner letzten Schicht. Draußen schneite es. Auf Straßen und Gehwege legte sich behutsam eine Schimmelschicht. Ich kann mich noch genau an das knirschende Geräusch meiner Schuhe im Schnee erinnern. Ich wunderte mich über den Schnee bei diesen Temperaturen. Über die Temperatur des Schnees.

Bis ich bemerkte, dass es sich nicht um Schnee handelte, sondern um Asche. Ich checkte das Datum auf meiner Uhr, dachte `Alles klar`, zündete mir eine Stuyvesant an und holte tief Rauch. Dann machte ich mich auf den Weg zur Arbeit. Dazu brauche ich keine Loipe. Einfach dem Geruchssinn nach.

Ich registrierte unübliche Nachlässigkeiten der Stadtreinigung. Graffitis überdauerten an Hauswänden. Schriftzüge in den Aschehauben auf Autodächern und Motorhauben wurden nicht entfernt. `Massenmord geschieht nie im Affekt`...Die Stadtreinigung streikt. Die Ratten verlassen den stinkenden Siff.

Ich kehrte nicht in die Dunkelkammer zurück. Weggelobt. Gesenkten Hauptes. Zu vergeßlich um nachzukarten oder nachzutragen. Oder mir einen Verantwortlichen vorzunehmen, vorzuknöpfen, zu kaufen.

Die Meerenge, in die ich mich hatte treiben lassen, ist auf keiner der überlieferten Karten verzeichnet, ebenso wenig die Grotte in die sie mündete. Also das nenne ich eine geheime Operation.

Das Ärzteteam, das um den OP herumstand, auf den man mich gehievt hatte, hätte niemandem außer mir Vertrauen eingeflößt, aber ich erkannte ihre Masken wieder. Das waren die bösartigen Babymasken aus Brazil. Klare Sache. Sie würden die Operation mit abgewandten Gesichtern vornehmen, um sich zu schützen. Auch ihre Karaoke-Darbietung sollte Kräfte im Zaum halten, die ihnen zumindest nicht geheuer waren.

Mit Mühe konnte man in der Kakaphonie die Melodie eines Songs von „Half Japanese“ identifizieren. Einmal private ear, immer private ear. Mir war die Prävention schnurz, das alles war kein Hexensabbat. Auch wenn niemand sonst den Anblick hätte ertragen können, ich hatte ja niemand anderen erwartet.

Bevor die Narkose durchschlagende Wirkung entfaltete und mein Herz zum Stillstand brachte, erkannte ich Dich. Ich war tutto completto empfangsbereit. Ich freute mich nicht nur auf ein Wiedersehen, sondern auf den Moment der schicksalsträchtigen Wiedervereinigung.

Ich schämte mich etwas für meine Wollust, denn was Dich betraf war ich unberührt, eine Jungfrau deren Lampenfieber gleißend hell alles überstrahlte. Dann war da dieser Blitz wie von einer implodierender Bildröhre – und das Spiel beginnt.

Was soll ich noch fallabschließend sagen? Ich hätte den Fall zu den Akten legen können. Niemand glaubt, was er nicht hören will, selbst wenn man eindeutige Beweise auf den Tisch legt.

Jeden Tag werde ich in den Medien abgefeiert als Himmelsstürmer, dabei bin ich ein Schatten meiner selbst. Da aber selbst das entschieden mehr ist, als man von allen anderen zu sein verlangen kann, werde ich niemanden von meiner Version überzeugen können. Tauge ohne Sinn nicht zum Versionär.

Welchen Grund machen Sie für Ihr Misstrauen geltend? Glauben Sie, ich müsste jemanden wie Sie konsultieren, wenn ich es selbst schreiben könnte? Ich kann es lediglich erzählen, aber ich brauche jemanden, der diese Geschichte festhält, begreifen Sie das?

Nein, ein Aufnahmegerät solo und nur ich und die Technik nutzt mir da gar nichts. Diese Geschichte ist nicht zu erzählen ohne das Beisein dessen, der sie verfasst. Schwarz auf Weiß. Wie Tage und Nächte. Sagen sie mal, wollen sie nun den Exklusivbericht oder nicht? Na also. Dann weiter im Text.

Ich war immer noch wohlhabend. Wenn ich die folgenden Ereignisse chronologisch richtig zusammenbringe, dann schlug ich die Augen auf, während ich an einem Obst- und Gemüsestand auf dem Wochenmarkt Boskop-Äpfel und Zucchini befühlte – und im Begriff war, ein Handvoll Reineclauden zu entwenden.

Ein Kamerateam begleitete mich. Nichts Ungewöhnliches für einen hochdotierten Autoren. Ich hatte mich längst an diese Schattenmänner gewöhnt. Manchmal dachte ich, wie mochten die Kameraleute von Angesicht zu Angesicht aussehen?

Dadurch, dass sie permanent ihre Objektive vorgeschaltet hatten, sahen sie für mich wie komplette Blindgänger aus. Ich stellte mir immer vor, dass sie von der ganzen Umgebung nur vage Infrarotbilder zu erkennen vermochten, etwa so wie Jordi LaForge in „Next Generation“. 

Mein letzter Roman war enthusiastisch gefeiert worden. Die Kritiken waren hymnisch. Man hatte mich auf Talk-Shows und Vernissagen herumgereicht, ich hatte für mein humanitäres Engagement den Preis des „Global Philantropist“ erhalten, die Laudatio auf mich hatte mein Vorgänger vorgetragen, ein bis zum Halswirbel gelähmter Hüne in einem Rollstuhl.

Fürchterlich nervös war ich an diesem Abend gewesen, aber eher wegen eines ... petit mal. Ich litt unter Potenzstörungen und meine Sekretärin, die ich wegen ihrer spröden, imprägnierten Erotik hündisch begehrte, hatte mir für diese Nacht versprochen, dass...sie mich extra poliert...bis alle Kälte auf einmal von mir abfällt...meine fixe Idee von Ekstase, das Abperlen von Kälte...

Tut nichts zur Sache. Sagen wir einmal so, mutmaßlich hätte ich so oder so diese Albträume gehabt, ob bei gutem Gelingen oder völligem Fiasko. Das Wasserbett war in jedem Falle keine gute Idee gewesen. Noch beim Frühstück bekam ich nichts runter und der Boden unter mir schwankte bedenklich.

Das Irritierende an den Alpträumen war, dass die Ängste die mit ihnen verbunden waren, nicht etwa akut wurden, während ich träumte. Sie wurden akut während ich wach war und mich an meine Träume erinnerte. Man würde mir das Leben, das ich führte, wie einen Schleier vor Augen wegziehen. 

Ich dachte nicht im Traum daran. Dazu genoss ich zu sehr meinen Erfolg, meinen Status als prima Primat. Den Blick auf das offene Meer, wenn ich auf die Dachgarage meiner in die Steilküste gebauten Villa chauffiert wurde. Alpträume analysieren? Wozu, solange man rechtzeitig wach wird.

Das überlasse ich Ihrer Phantasie. Etwa so: ein kleiner Angestellter in einem gigantischen Wal-Mart, so ähnlich wie in dem Film `One hour photo`.

Man bietet mir eine erhebliche Verbesserung meines Auskommens an, wenn ich mich als Versuchsperson für die Abteilung „Neuromarketing“ zur Verfügung stelle. Man führt mich in einen kleinen Vorführungsraum, ich sitze völlig im Dunkeln.

Ich denke nach, na so was, das ist ja wie in `The Game` von David Fincher, sie wissen schon, CRM, van Orten, da ziehen Pinzetten mir die Lider auseinander. Mit weit aufgerissenen Augen betrachtete ich einen Zusammenschnitt von Snuff-Movies. Ich muss mich übergeben und bekomme eine Erektion. Das bin ich. Das verfolgt mich.

Ich gebe grundsätzlich keine Autogramme. Der Portier im Ritz besteht darauf, dass ich die Rechnung eigenhändig abzeichne. Normalerweise regelt so etwas Robert Muscheldrachen, mein Manager. Es ist ungewöhnlich genug, dass mir überhaupt irgendwo etwas in Rechnung gestellt wird.

Schließlich ist mein Werbeeffekt ganz erheblich. Hotels, Sender, Messen, Restaurants bezahlen mich eher dafür, dass ich ihre besten Angebote in Anspruch nehme, als mich abzukassieren. Nur dieser ignorante Portier bleibt hartnäckig.

Bestimmt will er auf diese Weise nur ein Autogramm von mir abstauben, eine kleine Erpressung, die ihm ein sorgenfreies Leben beschert, denn es befinden sich keine Autogramme von mir im Umlauf.

Generös gebe ich klein bei. Zum Entsetzen Muscheldrachens, der bleich wird wie sein eigenes Dianegativ. Reine Panik. Da kein anderes Autogramm von mir existiert, ist der Nachweis der Echtheit nicht zu erbringen. Selbst nicht von einem Graphologen.

Der Portier händigt mir seinen Kugelschreiber aus und unter dem Blitzlichtgewitter von Fotografen setze ich zur Unterschrift an. Ich zögere trotz meiner Kaltblütigkeit im Vorfeld. Ich weiß nicht wie man schreibt. Ich weiß nicht, ob ich’s vergessen oder nie gelernt habe.

Mit erkennbarem Tremor in den Fingern setze ich den Kugelschreiber ab und verweise darauf, dass mein Manager Prokura besitzt. Ich lasse ihn die Rechnung abzeichnen. Der Portier ruft seinen Chef an, der flugs erscheint und den protestierenden Portier umgehend vor die Tür setzt.

Vielleicht eine vorübergehende Amnesie? Ich verdränge den Vorfall, aber offenbar nicht gründlich genug. An einem der nächsten Tage, zwischen einem Vortrag bei der Bertelsmann-Stiftung und einem klassischen Benefizkonzert, betrete ich eine Buchhandlung und bin sofort befremdet. Der Buchhandel führt nur Hörbücher.

Ich frage den Buchhändler, den mir ein schräg am Saum der Hemdtasche angebrachtes Namensschild als „Michael Piller“ ausweist, ob er mich kennt. Er antwortet verunsichert, Sie scherzen. Jeder kennt Sie. Etwas hält mich davon ab ihn zu fragen, wie ich heiße. Stattdessen frage ich ihn, ob er Bücher von mir in seinem Sortiment führt. Das tut mir außerordentlich leid, entgegnet er unbehaglich, aber ihre Bücher sind schon wieder ausverkauft.

Ob er mir einen Titel einer meiner Bücher nennen kann. Aber ich bitte Sie, entgegnet er verlegen, stellen Sie mich doch nicht auf die Probe. Als ich darauf bestehe, nickt er stumm und ergeben und fragt tastend: Äh...Hiroshima Retro? Das ist doch von Ihnen, oder?

Ich...habe wirklich keine Ahnung, flüstere ich und ersuche ihn, im Verzeichnis lieferbarer Bücher nachzusehen. Er tippt eine Sensorenkombination auf dem touchscreen, die er sinnigerweise Type für Type leise vor sich hinmurmelt – `E-n-g-a-d-i-n` wenn ich mich recht entsinne - aktiviert mit einem theatralischen Schwung das Returnmakro und dann entstellt ein breites, von Ohr zu Ohr reichendes Hängemattengrinsen sein distinguiertes Gesicht. Er strahlt förmlich.

Hier, sehen Sie selbst. Er dreht mir den Monitor zu, aber die Zeichenkolonnen ergeben für mich nicht den geringsten Sinn. Ich kann Sie nicht lesen. Danke, sage ich und wende mich zum Gehen.

Ich weiß, dass es mir in anderen Buchhandlungen genau so ergehen wird. Ich bin schon beinahe zur Drehtür hinaus, da sehe ich mich noch einmal nach dem Buchhändler um, der erschöpft auf dem Drehstuhl vor seinem Terminal zusammengesackt ist und sich nervös mit der Handfläche den Scheitel nachzieht.

Sagen Sie, rufe ich, was haben Sie eigentlich für Hörgeschädigte auf Lager. Er stutzt, sieht mich entgeistert an und ruft zurück: Wie bitte? Ich hebe entschuldigend die Hände und verlasse das Geschäft.

Während eines Gastvortrags in der Stadthalle von Heartless City wird mir zum ersten mal schwarz vor Augen. Ich rede frei und mit prägnanten Gesten über ein exotisches Thema: Körperwelten. Ich erinnere mich an folgende Sentenz: Sie alle kennen den Ausdruck `Solid` aus `Deep Space Nine`. Odo verwendet ihn für Lebensformen, die ihre Gestalt nicht verändern können, die also monomorph sind.

Stellen Sie sich einen Moment lang vor, welche Probleme ein monomorphes Wesen mit dieser Welt haben würde. Wir verwenden den Begriff der `Monomorphie` nur in der Medienpraxis. Wir bezeichnen ein Standbild als monomorph, eine Skulptur, deren Miene ein Relief ist.

Aber einmal vorausgesetzt, es gäbe eine Rasse mobiler Monomorpher, so müsste ihnen unser natürliches Fluktuieren unheimlich sein. Die Ausgangsidee von `Körperwelten` ist nun die, dass das, was hier in `Deep Space Nine` als eine Art Parallelwelt dargestellt wird – die Scheibenwelt der Monomorphen – tatsächlich nicht eine Utopie ist, sondern unsere eigene Vorgeschichte.

Stellen Sie sich eine Katastrophe vor, ein kollektives Trauma in Folge eines groß angelegten Experimentes, bei dem alles schief lief. Eine ungewollte CERNierung.

In dem Moment ging mir ein Licht aus. Ich geriet in blinde Panik, bis ich realisierte, daß es zu einem Black Out der gesamten Saalbeleuchtung gekommen war. Erst jetzt, völlig im Dunkeln tappend, bemerkte ich das empörte Tuscheln, das Rumoren, das Tohuwabohu im Saal.

Jemand packte mich am Kragen und schleifte mich von der Bühne. Wagentüren wurden geöffnet und ich wurde in den Fond eines geräumigen Automobils bugsiert, wahrscheinlich meine eigene Limousine. Eine sich summend öffnende Garagentür brachte Licht in die Angelegenheit.

Offenbar hatte man einen Stromausfall herbeigeführt um mich ohne Eklat hier raus zu schleusen. Ich blickte in die vor Wut schwarzen Ray Ban-Gläser Muscheldrachens: `Bist Du wahnsinnig? Was erzählst Du denn da?` Dann entkamen wir klammheimlich durch den Hinterausgang auf die hell erleuchtete Strandallee.

Er bot mir eine Salamiak-Pastille an. Ich lehnte ab, er lehnte sich zurück und katapultierte eine Handvoll Silberrauten in seinen Rachen. Eine Weile sahen wir schweigend, voneinander abgewandt, aus dem Seitenfenster, er auf die Anhöhen, auf denen nur noch vereinzelte Lichtsprenkel auf die enge Besiedelung hinwiesen, ich hinaus auf das offene Meer. Egal zu welchem Thema ich wann und wo reüssierte – es waren immer Küstenorte.

Auf dem Boulevard flanierten im Schein der Bogenlampen Passanten, die in ihre Handies lächelten. Auf der Balustrade zum Meer hin saßen versonnene Broker, die ihre aufgeklappten Lab-Tops behutsam wie ein Neugeborenes in ihrem Schoß wiegten. Sie sahen wie Angler aus.

Die Bildschirme flimmerten phosphorfahl und schwankten im auffrischenden Wind, der genau so plötzlich wieder abebbte, wie er gekommen war, wie die Druckwelle einer Detonation. Dann kam der Wind plötzlich von der anderen Seite, und das leichte Flattern der Matissenerie wiederholte sich bis hin zur Stille.

Das Meer lag reglos da, ein opaker Flachbildschirm, dessen Horizont die Dunkelheit verschluckte. Eine Linie, an der Firmament und Wasserspiegel sich trafen war mit bloßem Auge nicht auszumachen.

Später, nach dem blutleeren und ergebnislosen Disput mit meiner Frau, ging ich durch einen Felsentunnel herab zu einer verborgenen Bucht und schwamm in die Nacht hinaus. Nachts ist das Wasser weich wie schwarzer Samt, und die Nacht und das Wasser sind nicht voneinander zu trennen…na schön, aber etwas stimmte nicht.

Ich hatte keinerlei Tiefgang, erhielt nur Auftrieb. Das Medium umgab mich nicht und ich spürte das Wasser nicht, weder die Bewegung der Wellen noch seine Konsistenz. Ich hatte null Gewicht und das Meer rührte sich in keiner Weise. Ein totes Meer, ein totenstiller Ozean, der jede Bewegung vertilgte. Die vernichtende Widerlegung der Wellenfunktion. Da waren nicht mal Bojen, die korrelierten oder Fischerboote, die gar kollidierten.

Es war wohl eine Reaktion meiner überspannten Nerven, was ich sah, als ich aus der getönten Seitenscheibe hinaus aufs offene Meer blickte. Da, wo ich den Horizont vermutete hob sich dunkler als das Wasser und das Firmament eine Mauer gegen den Hintergrund ab, ein Flachbau der sich zu beiden Seiten in die Unendlichkeit erstreckte.

`Zensur` dachte ich und wunderte mich nicht mehr über die Rollatoren, die regungslos im Wasser staken, als handele es sich nicht um Wasser, sondern um Pech, und um die auf sie gebeugten Plastinate, deren Brustkörbe wie Schwanenflügel ausgebreitet waren. Der cholerische Ausbruch des Managers kam ohne Vorankündigung und leise.

`Mach nur so weiter`, presste er zwischen seinen unnatürlich weißen Zähnen hervor, `ist Dir eigentlich nicht klar, dass man Dich für den Ruf den Du genießt überhaupt nicht braucht? Du funktionierst glänzend ohne Dich, wenn Du so weiter machst, funktionierst Du nur noch ohne Dich. Du wirst zum Störfall.` Er beugte sich verschwörerisch herüber zu mir.

`Ich gräme mich wegen Dir. Ich bin schon ganz gelb im Gesicht vor Kummer und weil ich Dich um Deinen Erfolg grenzenlos beneide, weißt du das? Und Du? Wie dankst Du mir alles was ich für dich getan hab? War ich nicht immer wie ein Bruder zu Dir? Denkst Du wirklich, Du hättest von Deinem Erfolg profitieren können ohne meine Kontakte zur Yellow Press? Junge. Du gehst einen ganz gefährlichen Weg.`

Ich war ganz schlechtes Gewissen, aber einer Schuld war ich mir nicht bewusst. Ich ließ mich hinreißen, ja ich gebe es zu, ich ließ mich provozieren. `Wie ein Bruder, sagst Du? Und wer bist Du? Kain oder Abel?` Ich schmollte, starrte verstockt die Mütze des Chauffeurs an, die auf seinen abstehenden Ohren schwebte. 

Robert seufzte und verfiel in ein Selbstgespräch, das eindeutig mir galt: `Dem Kerl fällt alles in den Schoß. Ruhm, Erfolg, Anerkennung. Jedes weitere Wort über dieses literarische Genie erübrigt sich, niemand braucht mehr eine Zeile zu schreiben. Das Ende der Geschichten. Hier. Lies das.`

Er beugte sich vor, ließ seinen Aktenkoffer aus Kork aufschnappen und kramte eine Mappe hervor, die er mir in den Schoß warf. Da lag sie nun, durch den Schwung des Wurfes geöffnet, ein flügellahmer Vogel in meiner Obhut. Ich schwieg betreten, ich verstand den Text nicht.

`Da verschlägt es Dir die Sprache, was? Dann werd ich Dir mal auf die Sprünge helfen. Das sind Presseberichte. Alle über Dich und Dein Werk. Alle sind glücklich mit Dir, Du hast den Nerv genau getroffen, so exakt, das alles gesagt ist. Dein Job ist der, einfach nur noch zu reproduzieren, was Du schon geschrieben hast, immer dasselbe, das ist das einzige was alle von Dir erwarten, was ich von Dir verlange. Und dann dieser Amoklauf.

Man versteht noch nicht mal die Wörter, die Du von Dir gibst. `Masse und Gewicht`, wovon redest Du da? `Armut`, was ist das? Du jagst den Leuten Angst ein.

Denk dran, wie alles anfing, Du hast Dich in Kaufhäusern über Wasser gehalten als Pförtner und Archivar. Wenn Du so weiter machst, setzt Du Alles aufs Spiel. Mensch Junge, komm zu Dir. Anderenfalls fährst Du ganz schnell wieder in proppevollen Vorortzügen zur Maloche.` 

Die tatsächliche Tragweite der Geschehnisse verstehen nur die Psychopathen. Der Satz wird mir zugeschrieben. Woher? Keine Ahnung. Hat mir ein Aufziehvögelchen geflüstert.

Der Chauffeur drehte sich zu mir um. Es war nur der Kopf, der sich drehte, ich sah es ganz genau, keinerlei Bewegung in der Schulterpartie, am Hals, im Nacken. Eine satte Drehung um 180 Grad. Ein Kugelkopf. Ein Schnäuzer und ein grobporiges Gesicht, wulstige Lippen, schwere Tränensäcke unter den wässrigroten Triefaugen.

`Hören Sie auf ihn`, sagte er, `wenn ich etwas zu sagen hätte, hätte ich Sie schon längst rausgeschmissen. Ihre Frau hat was Besseres verdient.` Darauf hatte ich eine passende Antwort parat. `Tschüss, Daisy` rief man mir nach. Ich war erstaunt, wie sanft ich landete. Erstaunt, daß mein Anzug beim Sturz nicht zu Schaden kam, ganz so, als sei ich eine unzerstörbare Cartoon-Figur.

Die Autos auf der Gegenfahrbahn, auf die ich gestürzt war, wichen mir so mühelos aus, als könnten sie gar nicht anders. Gut, dass die Fahrer willenlos waren, dass sie überhaupt nicht ins Gewicht fielen.

Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken. Nachdem ich mir imaginären Staub von den Klamotten geklopft hatte, machte ich mich auf den Heimweg. Ich hätte in einer naheliegenden Bahnhofskneipe, dem `Bummelzug` auf den nächsten Castor-Nachttexpress warten können, lieber nicht, um diese Uhrzeit wäre der Karaoke-Trubel in vollem Gange.

Es würde kaum möglich sein, auf die Schnelle noch ein zumal frisch gezapftes Pils zu bekommen, außerdem gehörte Schaumschlägerei zum Begleitprogramm des Wettbewerbs. Das hätte mich nicht gehindert. Ich war ein schlechter Verlierer, daher die unangenenehmen Erinnerungen.

Handgemenge und Raufereien meide ich. Ich bin ein Prügelknabe. Meine Stimme halte ich hingegen für unschlagbar. Umso unbehaglicher wird mir in der Nähe des `Bummelzugs`. Mir ist, als hätte ich dort einen Wettkampf verloren in einer Disziplin, in der ich ein Champion bin, und als verdränge ich meine Rolle beim spurlosen Verschwinden des Siegers.    

Obwohl ich nicht genau weiß, ob ich es wirklich erlebt habe, oder es sich nur um eine Paramnesie handelt – woher kennt jemand der nicht mal lesen kann dieses Wort? Kann mich nicht erinnern - mied ich den Bummelzug. Ich hatte in diesem Bierzeltambiente nichts verloren und wenn doch, wollte ich es nicht wissen. Zudem mochte ich die Stimmung im Nachtexpress nicht, all diese flackernden Gaslichtgesichter, die auch bei Tageslicht nie das Nachtasyl der Aussichtslosen und Vergeblichen verließen.

Ein traumatisches Erlebnis mit einem als Schaffner verkleideten Geisteskranken, der mich eine geschlagene Nacht lang in einem Zugabteil als Geisel gefangen hielt tat ein Übriges. Schlimm war nicht die Gefangenschaft, die überkandidelten Vorträge zu Teilchenphysik und Telepathie, sondern sein striktes Rauchverbot. Zwar stört mich das Nichtrauchen nicht besonders, kann es aber nicht haben wenn mans mir verbietet. Selbst als Veganer würde ich es hassen wenn man mir das Fleischessen untersagt.

Irgendwann kurz vor Morgengrauen wurde er panisch, beschlagnahmte meine Fahrkarte, machte sich mit tief ins Gesicht gezogener Mütze vom Acker. Er hinterließ einen abgebrannten Schwarzfahrer, dem erstens der echte Kontrolleur seine story nicht glaubte, der zweitens frühmorgens seine Frau aus dem Bett klingelte, die sich drittens schwer begeistert zu einem 4 Autostunden entfernten Kuhdorf am Fuß eines Mittelgebirges aufmachte, um Ihren mittellosen Kerl aufzugabeln, dessen haarsträubende Geschichte sie genau so wenig glaubte wie er sie im Laufe der Zeit selbst glauben mochte. So was passiert doch nicht, oder?

Die Rückfahrt wurde eine ebenso harsche Geisterfahrt wie die Hinfahrt, nur anders. Ein unberechenbares Wechselbad eines Gefühls: vorwurfsvolles Schweigen und Tiraden bitterer Vorhaltungen lösten sich ab, verstärkten wechselseitig ein und dasselbe Empfinden. Brass! Dass es Essig war mit Rauchpausen rundete den gelungenen Morgen ab.

Nein, ich wollte zu Fuß gehen, selbstbestimmt, nicht fremdgesteuert. Ich ignorierte alle gutgemeinten Versuche mich mitzunehmen, kaufte mich mit unleserlichem Gekritzel auf alle möglichen, äh, ich würde es Körperteile nennen frei.

I wo. Wieso hätte ich mich beeilen sollen? Meine Frau wiederholte die Vorwürfe im Wortlaut, das wusste ich vorab.

Das hier war kein Leben, schon gar nicht meins. Ich war mir aber hundertprozentig sicher, dass ich nicht nur aus der Sicht meines Managers einen dringend zu beseitigenden Defekt davongetragen hatte. Wenn das so weiterging, war eine Operation unumgänglich. Wenn was so weiterging?

Ich zog Bilanz: ich war ein überaus berühmter Schriftsteller, der darum betteln musste, in Lokalen bezahlen zu dürfen. So weit ich es beurteilen konnte, war ich des Lesens und Schreibens überhaupt nicht mächtig. Ich kannte nicht den Titel eines einzigen meiner Bücher. Mein Name war mir nicht geläufig.

`Ich weiß nicht, wer...oder was ich bin.` sang ich vor mich hin. Meine Frau, die mir dösend den Rücken zuwendete nuschelte. `Sei nicht albern. Du bist nicht schizophren, nur weil Du unter Pseudonym schreibst.`

Ich hatte wieder einen Alptraum, und genug. Etwas von einer Buchhandlung in einem Flughafen, den Brandstifter in eine Flammenhölle verwandeln. Mein Titel lautet: `Die kompletten Werke Thomas Pynchons in 5 Minuten`. Ich verbrenne bei lebendigem Bleib, und ich leibe lebündig. Ich kann nicht sterben...dann klappt die Flammenwand, auf der die Schlussszene von `Vanilla Sky` zu sehen ist, hoch wie ein Garagentor, und ich stürze als menschliches Kreuz den Abgrund der Glasfront eines Wolkenkratzers herab. Und jetzt kann ich sterben und will nicht. Ich bin

In der Morgendämmerung zog ich los, um eine Waffe zu besorgen. Es gab zwar kein Tageslicht in dieser Welt, aber überall brannten Lichter. Das Meer wäre ein dunkler Ort, aber ich konnte einfach nicht untertauchen. Es war reiner Zufall, dass ich auf den alten Abwasserkanal stieß, auch wenn die Dialektik der Aufklärung die Existenz von Zufällen bestreitet und für Propaganda des Establishments hält. `Ich bin eine Filmaufnahme des Pentagon` ist der letzte Gedanke bevor ich auf

Als ich wieder einmal ratlos auf der Terrasse mit Swimming-Pool auf und ab tigerte, die wie die Landebahn eines Flugzeugträgers über die Kante der Steilküste hinaus ragte, der nierenförmige pool eine vorwitzige Vorhut des Süßwassers über feindlichem Gebiet, beschloss ich auf den üblichen Weg hinab zur verborgenen Bucht zu verzichten und einfach die Steilküste herabzuklettern. Entweder ich würde abstürzen, oder etwas finden. So kam es auch, früher und später.

Mir schien, als würde ich mehrfach von Kleinlastwagen und Taxen überfahren, aber ich kam wohlbehalten an meiner Villa an. Ich hatte ein interessantes Gedankenexperiment vorgenommen.

Ich hatte keinen Einblick in meine Biographie. Es war mir sogar unmöglich, sie zu erfragen. Die Eindeutigkeit meiner Biografie stand so außer Frage, wie es nur bei einer unechten Biografie der Fall war, die man einem Schläfer auferlegt hatte. Was, wenn das, was ich für Alpträume hielt Erinnerungen waren, die man vergeblich zu löschen versucht hatte?

Was, wenn ich nur noch...nur ich noch über solche Erinnerungen verfügte? Was um alles in der Welt war in der Welt geschehen, was nicht zum Vorschein kommen durfte? Es konnte sich nur um etwas handeln, was im Dunkeln lag, aber wo war das?

Es herrschte ja Lichtzwang, und die totale Transparenz ist nur eine Tarnung, ein Verfahren um Dämonen in Schach zu halten und nicht von der Dunkelheit verschlungen zu werden. Eine Methode um Nachforschungen jedweder Art von vornherein ad absurdum zu führen.

Verzeihen sie, ist die Luftfeuchtigkeit hier so hoch oder schwitze ich? Nein, ich glaube es lohnt sich nicht mehr, die Binde zu wechseln. Es dauert nicht mehr lange, dann bin ich so weit.

Behende wie ein Gecko flitzte ich mit dem Köpfchen voran die glatte Felswand herab. Auch wenn ich nichts anderes erwartet hatte, es enttäuschte mich doch, dass ich selbst dann nichts roch, wenn ich mit der Nase förmlich an der Wand klebte.

Zumindest roch ich nichts, was Zeugnis über Äonen der Erosion abgelegt hätte, ein küstenspezifischer Geruch nach Moder und Salz, nach vergammelten Algen und nach Verwesung. Die Wand roch nach frischem Gips. Eine grade verputzte Welt. Das war es, was definitiv nicht stimmte an den Städten, durch die ich tourte.

Niemand rauchte Zigaretten. Auf den Wochenmärkten rochen Obst und Gemüse so neutral wie Wachs. Genetisch veränderte Südfrüchte mit seltsamen Konturen. Rhombenförmige Kiwis mit einer Schale undurchdringlich wie ein Industrieteppich. Rautenförmige Limonen. Bananen, geknickt wie ein Bumerang statt krumm. Rätselhafte, brezelhaft verschlungene Würgeschlangengurken. Tomaten mit flachen Polkappen. Dazu quadratische Stachelbeeren aus dem Schatten des Reaktors, mit DIN-Nummern als Intarsien auf ihrer Epidermis.

Kopfunter an der Felswand klebend überkam mich ein gewaltiger Schmacht. Ich war drauf und dran umzukehren. Mein Manager bunkerte bestimmt ein Notration an Zigaretten und scharfen Getränken. Unter den Sitzen der Limousine befanden sich geheime Notausgänge in uralte, nicht von Menschenhand errichtete Killergewölbe.

Wenn man ein Halbbruder Armin Shimmermans und vom Wuchs des Gnomes aus „Twin Peaks“ ist, musste man doch einfach irgendeine Droge haben, die Minderwertigkeitskomplex und Selbstmitleid lindert. Selbst ein Eierlikör wäre mir in meiner Lage recht gewesen.

Etwas knallte wie ein Schuss, vielleicht ein Schiff, das an die Hafenmole krachte, bevor ich indes derart rationale Erwägungen in Betracht zog hatte mein Rückenmark schon reagiert und ich schlängelte mich behende in Richtung Ground Zero herab.

Die elementare Panik brachte mich auf die Spur. Schwer aufzuspüren, wenn der ganze Kosmos eine einzige Tarnvorrichtung ist. Als private eye erklärt einen alle Welt für verrückt, für nicht richtig im Kopf.

Das private eye ist auf sich alleingestellt. Es muss daran glauben, dass es auf der richtigen Spur ist, selbst wenn es nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür gibt, dass es da wo es sucht auch nur das Geringste zu suchen hat.

Je elementarer die Bedeutung dessen ist, was unter den Teppich gekehrt werden soll, desto umfassender sind die Bemühungen es für verrückt zu erklären.

Mir hatte man eine Identität verpasst, an die jeder glaubte. Mein Manager, meine Frau, selbst Ronnie O´Sullivan, mein Chauffeur und Marco Fu, mein Gärtner, alle erklärten mich für meschugge, für plemplem. Sie missionierten, drangsalierten und agitierten mich, weil es für sie selbst unvorstellbar bleiben musste, dass ein starkes Effet mich zu einem anderen machte. Mein Drall war so extrem, daß ich einen unvorhergesehenen Rückwärtsgang einlegte.

Wer Pleasantville den Rücken kehrt, zerstört es. Der Haken an der Sache war, dass ich es nicht besser wusste. Letztlich war die Theorie meiner Alpträume als verschlüsselte Erinnerungen nur eine fixe Idee. Diese Idee war mir nur gekommen, weil ich den Eindruck hatte, es handele sich nicht um Alpträume der Person, als die ich offiziell seit Jahren gehandelt wurde.

Manche Filmfigur hat ein Gespür dafür, dass es der Blick eines Fremden jenseits einer unsichtbaren Wand ist, dem sie ihre unerschütterliche Überzeugung verdankt, nicht der zu sein, für die sie jedermann hält.

Obendrein kann sie die Person, die sie sucht riechen. Wenn sie sie nicht findet, dann deshalb, weil sie an Ort und Stelle ist, weil sie an Ort und Stelle der Figur Gestalt verleiht, die demjenigen auf der Spur ist, dem die Filmfigur auf den Leib geschrieben wurde.   

Ich witterte Gefahr 1000 Meilen gegen den Wind. Wenn diese Welt so war, wie sie zu sein vorgab, befriedet, gewichtlos und ohne belastende Vergangenheit, dann war diese Witterung absurd. Es konnte keine Gefahr geben. Es konnte kein Venganin geben. Eine perfekte Tarnung. Zu perfekt.

Das Abwasserrohr führte tief ins Innere des Felsen. Über seine Tülle hing ein schmutziggelber Gallert, der nach altem Pommesfett roch. Ich schwang mich hinein, und blieb im Flaschenhals stecken. Muß ein putziger Anblick gewesen sein, meine in Shorts steckenden, zappelnden Beine und die Badelatschen.

Gut, dass es Fett war. Ich flutschte hinein und kroch auf allen vieren bäuchlings über dem klebrigen Rinnsal ins Innere. Das Rohr erweiterte sich etwas, bald konnte ich geduckt gehen und zückte, sagt man das so?, meinen Kanon.

Na entzückend. Was ist denn das für eine Frage? Kein private eye weiß noch, woher es seine Waffe hat. Sie gehört einfach dazu. Ob man eine Waffe trägt hängt einzig und alleine von der Rolle ab, die man einnimmt, beziehungsweise annimmt. Ich war jedenfalls dazu bereit, mit ungewissem Resultat alles rückgängig zu machen. Nur so konnte ich erfahren, was vorgefallen war.

The Day After, Invasion der Körperfresser, Doktor Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben...all das ging mir durch meine Abrißbirne, als ich, gedrängt von einem Luftzug der von außen nach innen strömte ins Innere der Röhre vordrang. Der Druck wurde stärker, desto weiter ich mich von der Mündung des Rohres entfernte. O Brother, where art thou?

Ich bin da immer tiefer reingeschlittert. Die Innenwände der Rohre blieben glatt und ölig. Es gab kein Halten. Was solls. Der Tag war eh hinüber. Hatte ich als Kind nicht Wasserrutschen geliebt? Nö, nicht dass ich wüsste.

Wenn man keine Ahnung hat, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich etwas einzureden. Zum Beispiel, dass man seine Nikotinsicht längst überwunden hat.

Statt dunkler wurde es in der Röhre immer heller, wobei dies auch an einer sich erhöhenden Lichtempfindlichkeit meiner Pupillen liegen mochte. Obwohl ich exponential vorwärts beschleunigte hatte ich das Gefühl, es geht aufwärts, so als handele es sich bei mir um eine druckluftbeförderte Rohrpost.

Meine Augen brannten, als träufele man mir Säure auf die Bindehaut. Der Fahrtwind trieb mir grade in Folge der Schubkraft des Rückenwindes die Lider weit auseinander. An der überlieferten Sage von den Menschen, die in Agonie ihr vergangenes Leben an sich vorbeiziehen sehen hat mich immer interessiert, woher sie die Sicherheit nehmen, dass es sich um ein vergangenes Leben handelt?

Selbst wenn ihnen vieles bekannt vorkommt gibt es ja keine Garantie dafür, dass es nicht eine Zukunft ist, die an ihnen vorbeizieht und die immer die gleiche ist. Mir jedenfalls kamen die Aufnahmen zwar bekannt vor, aber ich vermochte nicht zu sagen, ob ich das, was ich zu sehen bekam, schon hinter mir hatte. Rein räumlich lag das Ende der Geschichte ja noch vor mir.

Ich sah Menschenmassen stumm schreiend auf das subjektive Ich der Kamera zustürmen. Sie rannten Regale mit Kosmetika und Handy-Verschalungen über den Haufen, doch bevor sie die Position der Kamera erreichten stoben sie nach allen Seiten auseinander, als erzeuge die Kamera eine ihre Position schützende Krümmung des Raumes, die dazu führte, dass sie unbehelligt und unberührt immer tiefer in die entgegenkommende Stampede vordringen konnte. Ein gegen jede Erschütterung, Erregung und jeden Widerstand imprägniertes Projektil mit Sichtfenster. Ein souverän gegen den Strom navigierendes, fliegendes Auge. Die singulare Chronosphäre des reinen Spanners, nicht etwa des reinen Beobachters, denn Heisenberg lügt nicht.

Die Massen lichteten sich, von der Kraft des Projektils auseinandergetrieben wie Eisenfeilspäne, und das Auge raste auf ein elliptisches Portal zu, das bald das ganze Bild einnahm. Ich tauchte ein in ein weißes Rauschen, dessen Homogenität von Interferenzen gestört war, von einem schwarzen Partikelgeschwirr, das wie Horden elektrischer Kopfläuse auf und abhüpfte. Meine Köperhärchen richteten sich auf, die elektrostatischen Kräfte waren nicht unerheblich.

Dann machte es `blink!´, ich war hinüber und trieb in einem giftgrünen, transparenten Milieu. Meine Augen waren zu Nachtsichtgeräten mutiert, mein Atem klang, als erfolge er durch einen Schnorchel oder eine Gasmaske.

Ich fand Dich in der Dunkelkammer vor, mit verbundenen Augen. Was für eine Katastrophe sich auch zugetragen haben mochte, die alles begründete, Dich hatte man hier einfach vergessen.

Leider bin ich mir nicht sicher, dass es genügt, zu finden, was man sucht, wenn man sich von der Zusammenführung zu viel verspricht.

Mein ganzer Körper erwies sich als ein einziges Narbengewebe. Es begann zu schmerzen, als ich Dich erkannte und Deinen Iron-Maiden-Cover-Body näher betrachtete. Das fühlte sich an, als ziehe man mir die Haut vom Leib, nur das kein Fremdverschulden verlag.

Die Haut wollte sich selbständig machen, und es zog sie zu Dir, aber ich erwehrte mich ihrer. Noch war ich nicht bereit für eine verknallte Übernahme.

Ich musste keine Waffe gegen Dich erheben. Ich musste nicht einmal etwas sagen. Du begannst von selbst zu reden.

Mit jedem Satz von Dir sah ich klarer, denn weil die Sage versucht das Unerklärliche zu erklären, und da sie aus einem Wahrheitsgrund kommt, wird sie wieder im Unerklärlichen enden.

Ich erhob keine Einwände, stellte nur wenige Fragen. Mehr stand mir nicht zu weil ich wusste, dass ich die Hoffnungen enttäuschen würde die Du in mich setzt. Was Du zu sagen hattest, blieb unbeschreiblich. Ich kaufte es Dir nicht ab, denn alles geschah freiwillig. Es nahm mich mit, wie man Dich zugerichtet hatte.

Mir ist unbegreiflich, wie Du es so lange hier ausgehalten hast, ohne komplett die Fassung zu verlieren. Respekt. Ich werde Dich aber nicht ins Rampenlicht zerren. Wer solange im Dunkeln kauerte, der stirbt schon beim Strahl einer Taschenlampe am Schock.

Und dann? Hat man einen traumatisierten Facharzt am Hals: ich wollte doch nur seine Pupillen testen, ist ja schon gut, Sie trifft keine Schuld. Bleib wo Du bist, es ist am besten für Dich und mich. Schließlich wollte ich Dich nur finden, nicht retten. Ende Gelände.

Deine Einstellung stimmt. Es hat sich im Nachhinein als ein kluger Schachzug von mir erwiesen, auf eine Unkündbarkeitsklausel zu bestehen. Ein raffiniertes Gambit. Auf diese Weise mußtest Du mich zwangsläufig auf den Plan rufen, ein Anruf genügte und wir waren aneinander gebunden.  

Ich stehe Dir Rede und Antwort zu gegebener Zeit. Du wirst sehen – beim nächsten Mal sind die Rollen gleich, aber die Positionen vertauscht. So ziemlich das Beste, was Dir im Moment passieren kann, ist im Dunkeln zu tappen. Nur weil Du blind bist, heißt das übrigens nicht, daß Dich keine Bilder verfolgen, Du hast also gute Gründe zur blindlings initiierten Eigenmobilmachung.

Lass Dir durch den Kopf gehen, was der nächste Interviewtermin einbringen wird und denk dran, wenn du hübsch brav weiterbe®ichtest soll es Dein Schaden nicht sein.

Je länger Du Rapport erstattest, desto wahrscheinlicher ist es, dass da wirklich einer kommt und die Aufzeichnung fortsetzt. Es ist also nur gut, wenn Du ständig alles wiederholst. Deine Frau hat schon Recht wenn sie sagt, wir könnens gut brauchen. Die Sommer kommen früher und werden immer teurer.

Ich hoffe doch sehr, dass Du mir die Reputation gönnst. Zwei Waisenknaben ungeklärter Herkunft sollten zusammenhalten, weil sie nichts zu verlieren haben außer der Verlässlichkeit ihrer Verwandtschaft. Selbst wenn beide Einsiedlerkrebse sind.

Ist wirklich ne irre Geschichte, die Du Dir da zusammenreimst. Der Antiheld dank dem die Welt im Innersten zerschellt. Die Rache der Toten als physikalische Kraft, die das Jenseits zum Diesseits befördert. Die unaussprechliche Theorie der Unsterblichkeit durch Genocid. Die universale Herrschaft der Genökologen. Der Satan namens Gucky. Nyarlathotep aus jeder Menge Julias. Das Chic & Arm – Kartell. Die Venganin-Konverter, Rage against Humanity und die Seelenzentrifugen. Abgefahrener Stoff.

Mein Manager wird vor Erleichterung im Dreieck springen. Meine Agenten werden einen Bestseller daraus machen. Viele Arbeitsplätze hängen davon ab, ob ich den Stoff besorge, aus dem die Träume sind.

Denk immer dran, wie viel wir füreinander tun können. Sobald Du hier rauskommst und Deine unbeschränkte Schicht vorbei ist, besiegeln wir unseren Pakt mit einem süffigen ewigen Eiswein. Trinken wir darauf, dass Du in meine Fußstapfen trittst.

Glaube mir, ich werde mich erkenntlich dafür zeigen, dass Du mir den Weg gebahnt hast. Ich verfüge über Macht und Einfluss im Konzern. Ein Anruf von mir genügt und Du bist im Geschäft. 

Schließlich und endlich ist es für niemanden von Nutzen, wenn alle immer wieder von vorne anfangen. Das hier ist nichts für Anfänger.

Was soll das werden? Ich würde das an Deiner Stelle lassen. Willst Du mich wirklich mit einem Ziegelstein erschlagen? Das ist aber kein netter Zug von Dir. Sinnlos noch dazu. Er würde einfach durch mich hindurchfliegen. Du würdest, vom Schwung der Bewegung hingerissen, mittenmang auf der Schnauze landen. In Deiner Verfassung bin nicht ich für Dich, sondern Du für mich nur ein Trugbild. Eine Fathwa Morgana. Eine Liftspiegelung.

Jedes laue Lüftchen würde mich mehr durcheinanderbringen, als eine massive Attacke. Mit Pustefix kann man mich einseifen, mit Blasen irritieren, mit nem anständigen Flatus sogar in die Flucht schlagen, aber für das eine bist Du zu kurzatmig, fürs zweite fehlen die Lippen. Und letzteres? Nicht mit dem kapitalen Korken im Rektum.

Und jetzt, Du Flasche...her mit dem Schlüssel, damit das Windspiel beginnt!

Mit dem Schatten eines Vogels @

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Weedmung/Kranksagung

 

Allen Einrichtungen und Personen, die mich durch verführerische Sortimente und dadaistische Ausbrüche zugleich abgelenkt und inspiriert haben, gebührt ein erschöpftes Dankeschön. Ohne die trunksüchtigen Konversationen hätte ich mir Neun Elftel des Textes selber aus dem Schädel pressen müssen. Nicht auszudenken! Mein besonderes Trinkgeld spendiere ich dem ETA-Blissment „Absinth“, dem ich neben einer doppelten Portion Geweihe und rauen Mengen eisgekühltem Jägermeister praktisch alle Dialoge des `Hiroshima Retro` zu verdanken habe. Die überwiegende Mehrzahl der Wortspiele, die so grottentief schlecht sind (die Brotzeit ist irgendwo da draußen…das Glück des Süchtigen…), daß sie dem Erdmittelpunkt entgegenstreben, gehen auf die Kappe von Bert Flo, der weiß, warum ich ihn so tituliere. Danke auch dem `Cafe Zacher` für alles andere als Kaffee. Den Machern von www.Kamelopedia.de gebührt ein besonderes Lob dafür, daß sie ihr wahres Wissen so geschickt als Parodie tarnen. Frank gebührt Respekt dafür, daß ich nach dem Münzwurfskandal nicht Hausverbot erteilt bekam. Letztlich ist er eben doch ein eiskalter Geschäftsmann, ich weiß, das ist das größte Lob das man ihm zollen kann. Eine besondere Erwähnung verdient die Brauerei Rothaus, ohne deren schmackhaftes 0,3 L Tannenzäpfle-Weißbier ich weiterhin in einem Wettlauf mit dem Gespenst des Verschalens und der glokalen Biererwärmung kompromisslos 0,5 L-Weizen in affenartiger Geschwindigkeit in mich hineingekübelt hätte, bis ich explodiert wäre und die ganze bekannte Welt in einen schaumigen Orkus gespült hätte. Meiner Ex-Freundin mit dem Haifischschnäuzchen verdanke ich den Sinn des Lebens. Möge Sie dafür ohne Sonnenschutzfaktor in der Hölle schmoren. Oder aufm Sonnendeck. Oder auf Gran Cannabia. Meinem Freund Heinreicher besten Dank für seine optimistischen Fehleinschätzungen meiner Attraktivität und meines Potentials. Da könnte man fast an sich selbst glauben. Apropos Hölle: meiner Ex-Verlegerin wünsche ich weiterhin viel Erfolg dabei, Wuppertal in einen Transvestiten-Ball und die Psychiatrie in einen Garten ihrer höchsteigenen Neurosen zu verwandeln. Mögen die Depressiven, Psychotischen und Manischen auch weiter auf ihren Grillfesten im Spieß-Bürgerlichen schwelgen. Schäferhunde auf den Rost! Meinem Drill-Sargent weiterhin viel Erfolg bei seinen Bemühungen um Abkapselung und totale soziale Quarantäne. Hase und Bärchen weiter viel Vergnügen bei ihren Wettläufen in Endlosrillen der Verkitschung und Drängelei. May the Farce be with You.

Meinem Freund Blinkman – der mit dem Photonenpointer poppt – vielen Dank für die paranoiden backups. Wird dieses Buch je gedruckt, übersteigt die Anzahl verstreuter Versionen die Höhe der Auflage. Vor der im Tscheschenien-Krieg verhärteten und dem Suff ergebenen russischen Johnny-Depp-Ausgabe verbeuge ich mich, und zwar nicht um ihr auf die Schuhspitzen zu kotzen, sondern wegen ihrer Kritik am Dogma: Schach ist Kraft, Zeit und Raum. Die gutturale Frage: was soll das heißen? Bringt es auf ein Matt in Drei. Ein großer Geldgewinn und ein anschließender Amoklauf in der Gastronomie seien ihm gegönnt. Ich mach mit! Ein spezielles Dankeschön all denen, die meine fluchenden Ausflüge in vertikale Haribo-Wände mit Langmut ertragen. Ihnen gebühren die freundlichen und heiteren Anspielungen in diesem Buch. Danke Henry Mancini für die Titelmelodien von Maxwell Smart, Remington Steele und dem Rosaroten Panther. Ennio Morricones Werk ist ein sentimentales Rührstück dagegen, es sei denn, es wird von Joe Zorn interpretiert. Den Figuren meiner Lieblingsserien Nip/Tuck, Weeds und Dr. House sei eine Cameo-Parade in einer Folge von `Scrubs` gegönnt, in der ein bekiffter Schönheitschirurg von den Zehen an aufwärts marmoriert. Die Folge unter dem Titel „Dolormit“ soll zur besten Sendezeit über den Plasmaschirm flimmern.

Alle, die mich zu kennen meinen und die ich hier nicht erwähne, verstehen das bitte als Kompliment: das größte Maß an Dankbarkeit und Liebe, das ich jemandem entgegenbringe ist, Sie oder Ihn nicht in meinem Buch zu erwähnen. Das gilt vor allem für meinen traurigen Biber, meine blutsverwandte Zitronenschnecke und meinen in der Dürre wieder auferstandene Mar Io, wunder Vogel und psychedelischer Satellit, dessen Funken schlagende Blühwürmchen mich in Alpräumen zur Kichererbse machen. Fliesen legen und Fliegen lesen werden eins, wenn das schwerelose Luftgebäck engelsgleich auf aufgeschäumter Milch schwebt, während karamellfarbene Nordlichter langsam die Wandungen transparenter Kühltürme herabsinken um sich schließlich sanft wie Lämmer am Nullgrund niederzulassen. Meinen geliebten Eltern wünsche ich Flieder und einfache Fernbedienungen. Kaplar!

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt (aber nur, weil ich nicht daran glaube, dass es lebende Personen gibt). Ich hoffe, wir treffen uns alle im Paradies wieder und das heißt Coach and Horses.

Doch zuletzt ist `Hiroshima Retro` all denen gewidmet, die mich nicht unterstützt haben. Ohne Sie hätte es dieses Buch nie gegeben. Möge für sie alles in Erfüllung gehen, was dieser Text verspricht. Meine Bestien - Wünsche werden Euch verfolgen.

 

 

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