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Die Umpolung

 

"Sich die Hände in Unschuld waschen schützt nicht vor Ansteckung"

 

116. 11. Juli 2020

im Stau aus Seitenfenstern und hochgekrempelten Ärneln hängen Unterarme heraus Fingerspitzen trommeln ungeduldig auf Blech links rechts säumen Apfelbäume die Fahrbahnen man winkt uns an Totalschäden vorbei aus denen die Opfer entfernt wurden tot oder lebendig was fangen wir bloß mit unserer Zeit an welchen Bedenken opferten wir unser Leben?

die Medienlandschaft liegt hinter einem der Hafen vor einem womit  Du nicht rechnest sind die Schleichwege die ich einschlage über Land über Wasser wir reisen im Virenniemandsland Standort unbekannt

 
115. 10. Juli 2020

jeder tag der zurück liegt seit dem ersten Tag liegt weiter zurück als der Tag vor dem Tag der zurückliegt vor dem Tag der zurückliegt zurückfliegt

114. 09. Juli 2020

Wir sind unterwegs auf dem Boden der Tatsachen, in zähfliessendem Verkehr. Vorbei an pinkelnden Brummifahrern und Campingbussen. Hoch über uns in den Linienmaschinen hat die Coronangst die Flugangst verdrängt. Flugzeuge transportieren potenzielle biologische Waffen. In den Urlaubsgebieten der Welt verschwimmen die Grenzen zwischen Tourismus und Terrorismus. Wir schleichen uns ein mit PKW und Fähre.

Lese ein Buch über eine KI, die die Weltherrschaft ergreift. Sie geht genau so vor wie das Virus. 

113. 08. Juli 2020

"Man schließt die Grenzen. Einreisen aus dem Ausland sind nur noch möglich unter Angabe triftiger Gründe. Wenn ich mich wirklich heimsuchen will muss ich mir etwas einfallen lassen. Ich habe mir einen Schaukelstuhl angeschafft. Sitze auf der Terrasse, mit einer Flasche Bier in der Hand, und pendele vor und zurück. Ich werde nicht mehr schreiben. Den Blick himmelwärts gerichtet zur Farbenpracht der Eiswolken am Firmament erwarte ich schaukelnd wie ein Papierschiffchen auf meinen Besuch."

Es geht alles in die falsche Richtung. Maja Göpel erklärt bei Lanz wie die Welt zu retten wäre, bekommt von den Männern in der Runde Schlauheit attestiert, denn Frauen mit Verstand sind nicht intelligent und kompetent, sondern durchtrieben und manipulativ, ihre Konzepte der Integration von ökologischen Schäden in die Gewinn- und Verlustrechnungen der Unternehmen werden vom Tisch gefegt mit dem Argument, man könne doch einem Arbeiter in der Automobilindustrie nicht erklären, dass er zur Rettung der Welt seinen Job verlieren muss. China und Russland blockieren Hilfeleistungen für Syrien, da diese einen Eingriff in die Souveränität des Staates Syrien bedeuten, die USA treten aus der WHO aus und Bolsonaro jubiliert - ich hab COVID und mir gehts gut. Ich hab doch gesagt es ist nur ein Schnupfen. Anzeichen für internationale Kooperation angesichts weltweiter Katastrophenszenario Fehlanzeige. Da fällt einem nichts mehr zu ein. 

 

112. 07. Juli 2020

"Glaub nicht alles was Du denkst" (Postkartenspruch)

Das Oberverwaltungsgericht befreit Gütersloh. Ein weiterer allgemeiner lockdown verstoße wegen des unterschiedlichen Infektionsgeschehens in den Gemeinden gegen den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit und Gleichbehandlung. Gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz verstößt eben auch, wer Ungleiches gleich behandelt. Man darf gespannt sein, ob nun auch umgehend die Einreiseverbote für Gütersloh wieder aufgehoben werden, reumütige Sünder die von ihnen angerichteten Lackschäden beseitigen und Spucker sich bei den Bespuckten für ihr Verhalten entschuldigen. Ach wär das schön.

Jens Spahn setzt sich vehement gegen die Aufhebung der Maskenpflicht im Einzelhandel aus, die von den Wirtschaftsministern einiger Bundesländer gefordert werden, die für Umsatzeinbrüche von 30% im Einzelhandel vor allem die Maskenpflicht verantwortlich machen. Jens Spahn begründet bei Phoenix vor Ort seine Ablehnung mit den Worten: `Die aktiven Infektionen auf der Welt nehmen zu`. Was jedoch das Infektionsgeschehen `auf der Welt`(Indien? Brasilien? USA?) mit der Infektionsgefahr in einem klimatisierten Kaufhaus in einem Bundesland ohne nennenswertes Infektionsgeschehen zu tun hat, in dem man obendrein Abstand wahren kann bleibt schleierhaft. 

"Sinnvoll sind die Masken nicht nur, weil sie das Virus bremsen. Sinnvoll sind sie auch als Signal: Corona ist nicht in die USA und nach Indien ausgereist." schreibt die Neue Osnabrücker Zeitung. Und Tagesschau.de zieht den Vergleich: "Das Argument `wir haben wenig Fälle und können deswegen locker lassen` zieht nicht. Mit der gleichen Logik könnte man sagen `Ich lass das jetzt mal mit der Verhütung sein, ist ja nichts passiert.`" Würde die Sinnhaftigkeit eines Signals genügen um eine Zwangsmaßnahme begründen ließen sich viele Verhaltensregeln alleine auf Basis angenommener psychologischer Effekte anordnen. Die Regierung hätte in diesem Fall einen Freibrief für Manipulationen menschlichen Verhaltens auf Basis psychologischer Annahmen - Angemessen? Verhältnismäßig? Die Freiheitsrechte, die geschützt werden sollen würden dann nicht etwa nur der Bekämpfung einer Seuche geopfert werden, sondern pauschalen Prävention, und dies auf Basis von Spekulation und Mutmaßung. An die Stelle medizinisch wirksamer Maßnahmen tritt dann die psychologische potenziell wirkungsvolle Maßnahme. Abschreckung als legales Mittel der Krisenprävention, Gesundheit als Gegenteil von Freiheit. Das wäre mehr als nur bedenklich, ist jedoch der Tenor bei den Verfechtern der Maskenpflicht, die auch vor kruden Vergleichen nicht zurückschrecken. Den Verzicht auf die Maskenpflicht mit Verzicht auf Verhütung gleichzusetzen ist aus mehreren Gründen grober Unfug. Erstens bedeutet der Verzicht auf die Maskenpflicht nicht, dass die Menschen auf die Maske verzichten (müssen), zweitens soll der Verzicht auf die Maskenpflicht nur im Einzelhandel gelten und dort auch nur, wenn der Mindestabstand eingehalten werden kann, drittens würde der Vergleich, den der Verfasser zieht dann auch für alle anderen Lockerungen gelten müssen, viertens wäre - wenn man im Vergleich bleibt - die Pflicht zum Tragen einer Maske im Einzelhandel unter Gewährleistung der Einhaltung von Mindestabständen vergleichbar mit der Verpflichtung, beim Geschlechtsverkehr auch dann ein Kondom zu benutzen, wenn die Frau die Wechseljahre hinter sich hat und der Mann sterilisiert ist, fünftens ist Verhütung freiwillig und sechstens (last but not least) wurde in der Fleischindustrie - um im Vergleich zu bleiben - exakt so gehandelt: trotz vorheriger Hotspots bei Westfleisch änderte die Fleischindustrie an den Arbeits- und Wohnbedingungen nichts. Ihr Argument: bei uns ist ja nichts passiert. 

Die Welthungerhilfe schätzt, dass aufgrund der Folgen der Corona-Katastrophe (Krise verniedlicht die Dimension) 1 Milliarde Menschen von Hunger bedroht sind. Im Klartext: vom Tode bedroht sind. Afrika. Indien. Über 10% der Weltbevölkerung. Was für ein Jammern auf hohem Niveau über Unannehmlichkeiten, die den Lebensstil stören. 

Die ersten 10 Tage dieses Blogs fehlen plötzlich. Ein Virus. Knabbert meine Biographie an. Der Systemadminstrator ist nicht zu erreichen. Ich weiß nicht ob es ein backup gibt. Der Zustand der Welt. Ein Virus greift an und es gibt kein backup. Hinter all dem steckt bestimmt Banksy.  

 

111. 06. Juli 2020

"Der Regelbetrieb in Schulen ist ein Menschenversuch auf Kosten der Gesundheit von uns Schülern, weil das Schulsystem an der Digitalisierung gescheitert ist." (Jannik Schilling, funky-Jugendreporter, WAZ). Der Teil mit dem Menschenversuch trifft zu, die Begründung eher nicht. Nicht von ungefähr lautet die Strategie "flatten the curve" und nicht "protect the people". Würde man alle Personengruppen möglichst wirkungsvoll schützen wollen, wäre nicht nur die Infrastruktur überfordert, das soziale und okonomische Leben käme zum Erliegen. Zudem: solange weder Impfstoff, noch Medikament existieren ist die Herdenimmunität die einzige, langfristige Perspektive. Dazu bedarf es weiterer Infektionen, nur nicht zu vieler, denn dann droht ein weiterer lockdown. 

Wer das zynisch findet kann ja einen Leserbrief schreiben. 

Auf ein Werbeplakat des Bundesministeriums für Gesundheit für die Corona-App hat jemand gesprüht: Demokratie - damit der Einzelne nichts ausrichten kann. Dieser Satz beinhaltet alle Vorteile und Nachteile der Demokratie. Ihr größter Vorteil: die Diktatur hat keine Vorteile, außer für Diktatoren und deren Vasallen.

Der Demokratie kann man nicht die Nachteile ihrer KandidatInnen für Ämter und Ehren anlasten. Denen müssen die freie Presse und das Wahlvolk selbst auf die Schliche kommen. Markus Söder proklamiert: Wer Kanzlerkandidat sein will, muss Krisen meistern können. Recht unverhohlen nutzt Markus Söder Corona als Karriere-Sprungbrett. Mathieu von Rohr hält in seiner Kolumne `Die Lage am Morgen` (SPON, 06. Juli 2020) fest: "Sein Bundesland hatte von allen die höchsten Fallzahlen und die meisten Toten." Das Krisenmanagement-Marketing Markus Söders ist deutlich besser als sein Krisenmanagement. Hoffentlich merken das genügend Widersacher: Kandidaten wie Söder müssen Krisen erzeugen um ihre Tatkraft wirkungsvoll inszenieren zu können. 

Mal wieder die Maskenpflicht. Zur Absicht einiger Wirtschaftsminister in den deutschen Bundesländern, die Maskenpflicht im Einzelhandel aufzuheben und durch Empfehlungen zu ersetzen, äußert sich Mathieu von Rohr wie folgt: `Unsere Freiheit beschränkt aktuell nicht eine Maske, sondern ein Virus. Bis es dagegen ein Mittel gibt, helfen Masken, unsere Freiheiten im Alltag zu bewahren.` Von Rohr verweist auf wieder steigende Infektionszahlen in Ländern ohne Maskenpflicht und Ländern, in denen die Maskenpflicht aufgehoben wurde. Er warnt vor einer Politisierung der Maske wie in den USA. Der Haken: Die Synchronizität der Aufhebung der Maskenpflicht mit steigenden Infektionszahlen suggeriert eine kausale Beziehung - dabei lassen sich steigende Infektionszahlen triftiger und plausibler mit den generellen Lockerungen begründen, die Zusammenballungen von Menschen im öffentlichen Raum inklusive im ÖPNV und das Arbeiten in Großbetrieben wieder erlauben, zum Teil begünstigen.  Der durch die Maske suggerierte Schutzeffekt ermuntert eher dazu sich in Situationen zu begeben, die eine Wahrung des Mindestabstandes nicht erlauben, was im Interesse der Belebung der Wirtschaft ist. Die Maske erfüllt also eine Doppelfunktion: sie signalisiert zugleich die weitere Notwendigkeit des Ausnahmezustandes und der Einschränkungen von Freiheitsrechten - und die Gefahrlosigkeit des Aufenthalts in Situationen, die eigentlich unbedingt zu vermeiden sind. Das Be-Vor-Mundungs-Instrument ist längst ein Politikum. Wie kein zweites Instrument erinnert es die Bevölkerung Tag für Tag an den Ernst der Lage, der die weitgehenden Handlungsvollmachten der Exekutive begründet und provoziert zu genau dem Verhalten, das die Politiker dazu veranlasst Leichtfertigkeit zu kritisieren und Disziplin zu fordern (insbesondere vom Berliner Innensenat). Es ist ja auch beides gewollt, damit genügend gekauft und gearbeitet und die Infektionsrate niedrig bleibt, aber nicht auf Null sinkt. Man hofft, dass Risikobereitschaft und Vorsicht sich zum Mittelwert florierender Konjunktur bei moderatem Infektionsgeschehen ausbalancieren. Diese Double-B(l)ind-Strategie kennzeichnet im übrigen auch die Tourismus-Politik der Mittelmeerländer. Sie locken Touristen an ihre Destinationen und legen dem Besuch gleichzeitig Hindernisse in den Weg: simultan um Touristen zu werben und sie abzuschrecken soll bewirken, dass die mit den Touristenströmen einhergehenden Infektionsrisiken beherrschbar bleiben ohne dass das Tourismusgeschäft komplett abgewürgt wird. Ob das klappt? In Gefahr und größter Not...

In einigen Tagen reise ich nach Italien: dort herrscht Maskerpone-Pflicht in den Cafes`. 

 

110. 05. Juli 2020

"Eine zivile demokratische Gesellschaft muss den Abstand überwinden, der jetzt physisch zwischen allen Einzelnen wegen der Infektionsgefahr eingehalten wird. Eine Demokratie kann nicht funktionieren, solange man im anderen Menschen eine infektiöse Gefahr sieht." (Daniel Ziblatt)

Genau (bin heute schreibfaul). 

Ich wandere durch Medien- und natürliche Landschaften. Das ist Arbeit und Struktur seit Beginn der Pandemie. Vor dem Presseclub `Immer wieder Sonntags`. Schlager- und Volksmusik ohne Grenzen der Geschmacklosigkeit. Hinterwäldler und Hinterseer schunkeln. Andy Borg singt: Ich bin der Borg. Widerstand ist zwecklos. Was wissen die Programmgestalter der ARD über ihr Publikum? Ich stelle mir die Schnittmenge der Zuschauer vor, die zunächst der Volksmusik und dann der Volksbelehrung lauschen. Mir wird ein wenig bang. 

Ein Spielfilm von 2017. `Die Spur`von Agnieszka Holland. Darin die Prophezeiung: `Pandemien werden die Rache der Tiere sein für das was die Menschen Ihnen antaten.` Sollte das zutreffen wird es nicht bei einer Pandemie bleiben.   

Gestern schlenderten wir durch den Sand an einem Baggersee. Über der spiegelglatten Wasseroberfläche tief hängende, bleigraue Wolken. Grau reflektiert Grau zum Grauen des Momentes. Wir leben in morbiden Zeiten, in permanenter Wachsamkeit, in denen wir vom Luxus des Vergessens träumen. Die Ufer des Sees fallen nahezu senkrecht ab. 

 

109. 04. Juli 2020

Häufig wird das industrielle Schlachten von Säuen missverstanden und verunglimpft als Tierquälerei. Das tut dem armen Schlachten unrecht. Es handelt sich vielmehr um Akte der Barmherzigkeit im Akkord, denn es erlöst die Säue vom Leiden der Kastenhaltung. Mit den Stimmen der grünen Ministerpräsidenten billigte der Bundesrat eine Novelle der Tierschutz-Nutztierverrohung, pardon, verordnung, die festschreibt: `Für die kommenden acht Jahre hat das Tier nun nicht einmal das Recht, sich im Liegen ungehindert ausstrecken zu dürfen`. Ein rascher Gnadentod ist daher im Interesse des Tierwohls und erspart Millionen von Säuen bis zu acht Jahren Qual. Da kann man verstehen, dass der `Deutsche Tierschutzbund, dem Tierleid eigentlich besonders am Herzen liegen sollte, den Beschluss einen Erfolg für den Tierschutz nennt.`(Michael Schießl, `Arme Säue`, SPON  03.07.2020). Vergegenwärtigt man sich, dass die auf acht Jahre befristete Kastenhaltung eine `Verbesserung` darstellt, gewinnt man eine eindrucksvolle Vorstellung vom Ausmaß menschlicher Grausamkeit.

Dass Raser ihren Führerschein zurück erhalten fügt sich in das Mosaik einer durch Lobbyismus deformierten Politik, die Zweifel daran aufkommen lässt, dass sie ihrer Schutzpflicht für das Wohl der von ihnen negierten, Verzeihung,  regierten Menschen nachkommt. Dass diese Zweifel - glaubt man den Umfragen - sich nicht auf die Qualität des Corona-Krisenmanagements übertragen, ist dem Zynismus der Mehrheit geschuldet. Die Mehrheit ist eine Lobby mit Erpressungspotential, da ihre Wahlberechtigung relevant für Ämtervergaben ist. Solange Regierungen die Interessen, Belange und Schutzbedürfnissen von Minderheiten zugunsten der Privilegien der `Mitte der Gesellschaft` ignorieren, haben die Mandatsträger gute Chancen auf Wiederwahl. Die Mehrheit erwartet nicht, dass möglichst alle Menschen vor Corona und seinen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen geschützt werden, sondern dass sie davor geschützt wird. Auch davor an die Ränder der Gesellschaft geraten, wo die armen Schweine hausen, die keine Lobby haben und über kein politisches Kapital verfügen. Die Mehrheit fordert politischen Opportunismus ein und ihre Zustimmung bedeutet daher keine Anerkennung politischer Integrität sondern Zufriedenheit mit der Vertretung ihrer kollektiven, egoistischen Interessen. 

 

108. 03. Juli 2020

Aufgrund der Maskenpflicht hebt sich das Vermummungsverbot auf. Ein Verdummungsgebot lässt auf sich warten. Deswegen kommen im Morgenmagazin von ARD und ZDF mittlerweile mit unschöner Regelmäßigkeit AfD-Abgeordnete zu Wort.

Die WAZ fragt ihre Leser allen Ernstes: `Sigmar Gabriel hat Tönnies beraten. Schadete er damit der SPD?` Aber nein. Die SPD erklimmt in Umfragen ungeahnte, nie da Rümelin gewesene Umfragewerte, Willy Brandt erhebt sich aus seinem Grabe um weltweite Sozialdemokratie zu wagen und die Menschen in Europa jubilieren: Alle Menschen werden klüger.

Es herrscht eine eigentümliche Pattsituation zwischen Weltuntergangsstimmung und Normalität. Die Wahlrechtsreform ist Thema des Tages in der politischen Berichterstattung. Achselzuckend öffnen Länder ihre Wirtschaft bei steigenden Infektionsraten. Das große Sterben als kleineres Übel. Jetzt, da es die zahlreichen Namenlosen erwischt und die Urlaubssaison gerettet werden soll erspart man den Konjunktouristen allzu unappetitliche Bilder. 

Ich bereite mich darauf vor, mein ursprüngliches Ich am Ort meiner Sehnsucht zu besuchen. Infiziere sein Paradies mit meiner Hölle. Warum soll es mir besser gehen als mir?

Was wirst Du sehen wenn ich Dir allmählich zu Leibe rücke, Dein Leben auf links ziehe? Maskierte an plexiglasparzellierten Stränden. Polizisten, deren Anzahl die der Urlauber deutlich übersteigt. Kadaver verhungerter Katzen in den Hinterhöfen geschlossener Restaurants. Freunde, die zu Bittstellern avancieren. Bewaffnete Touristen auf der verzweifelten Suche nach Schließfächern für ihre Wertsachen. 

Kohleausstieg 2038. Bis dahin sind wir voraussichtlich erstickt. Ich drehe den Ton ab, folge der scheineiligen Rhetorik der Hände. 

 

107. 02. Juli 2020

"Es ist, als entsteige man einer Verpackung von Christo" (Besucher einer zum ersten Mal nach dem lockdown geöffneten Ausstellung in Frankreich).

Redebeiträge in Debatten und Talkshows enthüllen mehr oder minder behutsam was es bedeutet mit dem Virus leben zu müssen. Je nach unseren Lebensumständen sollen wir mit einem unterschiedlich hohen Infektionsrisiko leben. Folgendes Rezept reduziert das Infektionsrisiko auf ein Minimum:  Meiden Sie Arbeit in Großraumbüros. Meiden Sie öffentliche Verkehrsmittel. Meiden Sie beengte Wohnverhältnisse. Wenn Sie unbedingt fliegen müssen chartern Sie einen Privatflug mit Ihnen und einer negativ getesteten Crew als einzigen Passagieren. Verbringen Sie Ihren Urlaub in coronafreien Ländern, vorzugsweise in Neuseeland. Seien Sie einfach steinreich. Aber bloß nicht steinalt.

Eine Pressekonferenz mit Ursula von der Leyen und Angela Merkel zur Deutschen EU-Ratspräsidentschaft. UvL: wir repräsentieren die Schönheit und Vielfalt Europas. Patagonien hat mich schon immer interessiert.

Ein israelisches Start-up-Unternehmen produziert vegane Steaks aus dem 3D-Drucker. So sollen das Klima und die Tiere geschützt werden. Damit die umweltfreundlichen 3-Drucker produziert werden können kratzen tausende Kinderhände Coltan aus dem Boden.  

Maybrit Illner versucht zaghaft das Gespräch auf das Thema ungleiches Infektionsrisiko entlang sozialer Unterschiede zu bringen. Interessiert kein Schwein, das gleicher ist als andere Schweine. Eine wohltuende Ausnahme stellt Jagoda Marinic dar. Sie konterkariert die blauweiße Selbstherrlichkeit Markus Söders in Sachen Corona-Bekämpfung mit der süffisanten Bemerkung, die Mortalitätsrate in bayerischen Alten- und Pflegeheimen sei höher als die in Schweden.  

Frau Schwesig relativiert im Rahmen ihrer Werbekampagne für Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern die Bedeutung der Bilder von maskenlosen Feierbiestern. Der Großteil der Deutschen sei sehr diszipliniert. Der Großteil der Deutschen ist schlicht und ergreifend verängstigt. 

 

106. 01. Juli 2020

Jubelnde Menschenmengen auf den Straßen, Plätzen und in den Geschäften. Ab heute gilt die reduzierte Mehrwertsteuer. Ob ich mich bei dem Trubel nach draußen traue?

Erstmal sehen was es Neues in der Welt gibt. Die Künstlersozialkasse (KSK) soll wegen rechtsradikaler Durchseuchung abgeschafft werden. Ich finde, da wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Die Künstler können doch nichts für die Verfehlung ihrer Versicherung. 

Wird das was mit Wandern heute? Was sagt der Wetterbericht? "Das Sturmtief Corona bestimmt das Wetter in NRW. Die Regenwahrscheinlichkeit im Ruhrgebiet liegt heute bei 80%. Aufgrund von orkanartigen Stürmen besteht die Gefahr umstürzender Bäume. Von Aufenthalten im Wald ist daher abzuraten, verschiedene Landstraßen sind gesperrt. Kommen wir zur Pandemievorschau: der Besuch von Biergärten und Restaurants in Recklinghausen sollte in den nächsten zwei Tagen vermieden werden. Am Wochenende wird die Zahl der Neuinfektionen im Raum Düsseldorf und Köln um voraussichtlich 20% steigen. Das Gesundheitsministerium empfiehlt aufgrund steigender Suizidraten gebührenden Abstand zu Hochhäusern zu halten." Ein Tag wie viele andere. Leider wird das heute nichts mit dem geplanten Gehindenwaldmarsch. 

Das Tagesgeschehen im Zeitraffer: die Befragung der Bundeskanzlerin gerät erwartungsgemäß zur Selbstinszenierung der AfD, deren simples Rezept zur Eindämmung der Pandemie nationale Abschottung ist. Das Virus und die Migranten sind in den Erzählungen der AfD austauschbar. Auf einen Gauland-Redebeitrag, der die Italiener reich- und die Deutschen armredet, reagiert ein FDP-Politiker trefflich. Er habe in der Schule gelernt, dass die Ideen, denen die AfD anhänge zu Millionen von Toten führt.

In einem Wasserschloss, das die identitäre Bewegung erworben hat, diskutieren der verbotene Flügel der AfD und der Blitzkriegausschuss der Reichsbürgerwehr wichtige Fragen: wie führt man Angriffskriege in Zeiten eines totalen nationalen lockdowns? Wie kann die Gleichschaltung der Corona-Viren so erreicht werden, dass sich nur noch Ausländer infizieren?

Die weiteren Debatten ziehen vorbei, während ich Schachpartien gegen Anna vergeige, ein palindromisches Computerprogramm. Grundrente Pandemographie Reisehinweise Transaktionssteuer Lösungen für Probleme einer Welt, die nicht mehr von dieser Welt ist. Wir klammern uns an Probleme, die uns vertraut sind.   

Erlebt L-DOPA eine Renaissance? Karl Lauterbach und Hendrik Streeck gemeinsam bei Lanz. Ein Hauch von Robert de Niro und Al Pacino in Heat. Der Mann ohne Fliege (er trägt sie nicht mehr, weil er glaubt, durch den Verzicht ein jüngeres Publikum besser zu erreichen...Herje...) malt Schreckgespenster. Es gebe Anzeichen dafür, dass die Gehirne der Genesenen einer COVID19-Erkrankung rascher altern. Man wisse ja nichts über die Spätfolgen. Er erinnert an Encephalitis lethargica, mutmaßlich Spätfolge der Spanischen Grippe. Encephalitis Lethargica, die Europäische   Schlafkrankheit, kennen wir aus dem Film `The Awakening` nach einem Text von Oliver Sachs (`Der Mann der seine Frau mit einem Hut verwechselte`) womit wir wieder bei Robert de Niro sind. Karl Lauterbachs morbide Faszination für epidemiologische Endzeitszenarien beschwört lustvoll den worst case herauf. Aus jedem noch so unbedeutenden Detail und Sonderfall extrapoliert er die zwangsläufige Katastrophe, so wie Verschwörungstheoretiker jeden beliebigen Sachverhalt als Indiz deuten, das ihre Theorie stützt. Aus der schlimmst möglichen Ausnahme macht er das Schlamassel das uns alle erwartet, wenn wir nicht sachgerecht unsere Masken waschen und unser Leben als Robinsonade ohne Freitag führen. Hendrik Streeck setzt dem eine simple Frage entgegen: wie lange sollen wir das durchhalten? Fröhlich redet er der Inkaufnahme von Infektionen das Wort, weil nur das den Menschen die Perspektive gebe, der Spuk sei irgendwann vorbei. Sonst müssten wir auf unbestimmbare Zeit in einer Welt in Angst und Isolation leben, was psychologisch und wirtschaftlich (bekannter Maßen Kehrseiten einer Medaille) verheerende Folgen hätte. Da spricht er einen schwerwiegenden Satz gelassen aus - denn die Duldung von Infektionsketten ist unausgesprochen politisches Programm. Anders ist schwer zu erklären, dass man um 7 Uhr morgens als einziger Gast in einem Cafe` einen Zettel mit personenbezogenen Daten ausfüllen muß, während man in den Sardinenbüchsen des ÖPNV durch den feuchten Mundschutz das Mittagessen seines anonymen Sitznachbarn schnuppert und sowohl auf Datenerhebung, als auch auf Zutrittsbeschränkungen gepfiffen wird. Der Tenor lautet: Riskieren sie ihre Gesundheit und ihr Leben, aber nicht zu sehr. 

Egal ob man es mit Klabautermann oder Streeck hält: wenn man überhaupt je mit dem Thema durch ist und uns das neue Schweinegrippevirus verschont, so wird dies lang genug dauern, damit die verheerenden ökonomischen, sozialen und psychologischen Begleiterscheinungen der Pandemie ihre volle Wirkung entfalten. Was wir derzeit erleben, ist nur der durch Konjunkturmaßnahmen, verbale Beruhigungspillen und Kurzarbeit gedrosselte Beginn. Das verlegene Schweigen ausgangs der Sendung hinterlässt den Eindruck, als wäre dies allen Beteiligten erst während der Argumentation klar geworden. Die Autisten in der Zirkuskuppel - ratlos. 

 

105. 30. Juni 2020

Ein Tag ohne Corona. Derzeit so unvorstellbar wie vor einigen Monaten ein Tag in der Pandemie. Und doch: das Außergewöhnliche wird so stinknormal, dass im ZDF/ARD- Morgenmagazin heute zum ersten Mal seit Beginn der Neuen Zeitrechnung kein Beitrag zum Thema Corona und seine Folgen ausgestrahlt wird. Wir leben in der Pandemie. Das ist doch nichts Neues  und keine Nachricht wert.

Die Pandemie ist Alltag. Menschen gewöhnen sich und werden an das Risiko gewöhnt. Je dichter sie arbeiten und leben müssen, desto größer das Risiko. Je weniger sie verdienen, desto voller die Züge im Öffentlichen Personennahverkehr. Zugfahren schont den Geldbeutel. Schwarzfahren ist auch dank Arbeitsschutz für das Zugpersonal ohne Risiko. Durch dichtgedrängte Menschenmengen zwängt sich kein Kontrolleur. Die Herde schützt zwar nicht vor Infektion, aber vor Bußgeldern. Ich mittendrin in einem überfüllten Regionalexpress. Die Klimaanlage läuft nicht. Entweder funktioniert sie nicht oder sie darf nicht laufen, weil es sich um die selbe Anlage handelt, die in den Schlachthöfen die Aerosole zirkulieren lässt. Mein Sitznachbar telefoniert lautstark mit kräftiger Stimme und heruntergeklapptem Mund-Nasen-Schutz. Ich möchte flüchten und verfluche meinen Fensterplatz. Draußen zieht eine unerreichbare Welt an mir vorbei, durch eine kalte, polierte Membran aus Glas von mir getrennt, das Zugfenster symbolisiert die Ausweglosigkeit meiner Lage. Ich sehe durch mein blasses Spiegelbild hindurch auf weite, menschenleere Felder, durch die ich gerne fliehen würde. Mein Sitznachbar ist ein unüberwindliches Hindernis. Was solls. Den Gang verstopft ohnehin ein Zement aus Körperteilen, Gepäckstücken und Rollatoren. Durch die Stofffetzen vor den Mundpartien diffundieren Duftwolken von Fastfood und vermischen sich mit anderen unbeschreiblichen Aromen. Mund-Nasen-Schutze, für die einen ein Hohn, für andere ein Beruhigungsmittel, kommen sich nahe und berühren sich. Sie schützen auf diese Distanz so wirkungsvoll gegen Viren, wie ein Aluhut in Tschernobyl gegen radioaktive Strahlung. Ginge es darum, die Bevölkerung vor Infektionen zu schützen wären überfüllte Züge ein Ding der Unmöglichkeit. Mir ist kodderig vom eigenen, feuchten Atem, schwülwarm und sauerstoffarm. Ich denke an Viehtransporte und ein Hörspiel von Günter Eich. Kann kaum fassen, wie lange 90 Minuten sein können (die Erinnerung an diverse Fußballdramen verblasst, wird überlagert von der sterilen Kälte der Geisterspiele mit ihren Geisterspielern). Ankunft. Die Menschenmenge im Gang klemmt mich ein, schiebt mich Richtung Tür, die uns ausspeit. So rasch wie möglich entfernen wir uns voneinander. 

Die Masken sind zu Accessoirs avanciert. Sie werden entweder als Halsketten oder als Armbinde spazieren geführt. Vor mir läuft ein junger Mann, der seinen Schnutenpulli um den Oberarm gespannt hat. Auf dem Stoff steht: `Mannschaftskapitän`. Ist bestimmt ein Wortführer.

Wenn ich es überleben sollte werde ich nie wieder Zug fahren. Sollte ich mir diesen Verzicht leisten können.  

Man fängt an zu begreifen, was "Flatten the curve" für das alltägliche Leben bedeutet: es bedeutet nicht den Schutz aller Menschen vor einer Corona-Infektion, sondern die billigende Inkaufnahme von Risikofaktoren, deren Beseitigung einen zu hohen organisatorischen und finanziellen Aufwand bedeuten würde. Der Preis dafür besteht im Hinnehmen höherer Infektionsrisiken für sozial und ökonomisch schwächere Gruppen, deren Möglichkeiten physische Nähe zu Anderen an ihrem Arbeitsplatz, in ihrem Wohnraum und auf ihren Wegen zwischen Arbeits- und Wohnumgebung zu vermeiden eingeschränkt sind. `Flatten the curve` heißt nicht Infektionsvermeidung, sondern die Reduzierung der Infektionsrate auf ein Maß, bei dem weder das Gesundheitswesen überfordert ist, noch zu viele organisatorische und logistische Veränderungen vorgenommen werden müssen. Den Preis zahlen wie üblich die Schwächsten.

Armin Laschet ist ausdrücklich dafür zu loben, dass er das Krisenmanagement auch seiner eigenen Regierung dafür kritisiert, nicht ausreichend die Folgen des Lockdowns für besonders benachteiligte Gruppen berücksichtigt zu haben. Es sei eine klare Forderung an die Verantwortlichen inklusive ihn selbst, die Belange zum Beispiel von Obdachlosen bei dem Umgang mit einer zweiten Welle oder einer weiteren Pandemie deutlich stärker in dass Krisenmanagement mit ein zu beziehen. Dieses Quantum Selbstkritik und Sensibilität für soziale Belange lobend hervorheben zu müssen ist beschämend.  

 

104. 29. Juni 2020

Mitri Sirin, Moderator des ZDF/ARD-Morgenmagazins, reagiert fassungslos bis entsetzt auf die Kritik der Fraktionsvorsitzenden der Linken, Amira Mohamed Ali, am Wumms-Programm der Bundesregierung. Es gebe keine Förderungen für die Ärmsten der Gesellschaft, für Obdachlose und Hartz4-Empfänger. Irritiert bis empört fragt er, wie denn derartige Förderungen der Wirtschaft helfen würden? Die Offenheit, mit der im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit für irrelevant erklärt wird entspricht einer häufig zu hörenden Zeitgeist-Floskel der äußersten Rechten: Das wird man doch wohl noch sagen dürfen. So perplex wie Mitri Sirin auf die Kritik der Linken reagiert ist das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen schon einen Schritt weiter - es geht nicht darum, was man wohl noch sagen darf, sondern schon darum, was man nicht mehr sagen darf. Was erlauben Sie sich in Zeiten einer Wirtschaftskrise von sozialer Gerechtigkeit zu faseln? Nicht verblüffend, gleichwohl erschütternd.

In der selben Sendung darf der gefühlte Kanzler Markus Söder erneut das Märchen verbreiten, die hohe Zahl an COVID19-Toten in Schweden habe etwas mit der Freiwilligkeit von Maßnahmen in Schweden zu tun und betreibt Marketing für die Fortsetzung der Einschränkung von Grundrechten und die Beibehaltung von Verboten. Er rechtfertigt die Reiserestriktionen für die Einwohner des Landkreises Gütersloh, die sich selbst mit negativem Corona-Test drei Mal überlegen werden, ob sie sich mit Gütersloher Kennzeichen aus ihrem Landkreis heraus trauen, wenn ihnen ihr Autolack lieb ist. Am liebsten wäre es Markus Söder natürlich, würden sich alle Menschen dieser Welt alle paar Tage freiwillig testen. Daher will Bayern Corona-Tests für alle bereitstellen: wer könnte ein solches Geschenk ablehnen? Wird man dann auch von seinen Mitmenschen empört gefragt werden, wenn man es nicht annimmt. Sozialer Druck ist wirkungsvoller und preiswerter als Zwang.

Jens Spahn antwortete gestern bei Berlin direkt auf die Frage, warum der Schutz für die wirtschaftlich und sozial Schwächeren vor Corona-Infizierung keine Priorität hat, obwohl die Bundesregierung immer wieder betont man wolle keine Zweiklassengesellschaft wie folgt: jeder könne sich in Deutschland testen und behandeln lassen. Im Interview fällt nicht einmal das Stichwort Prävention - denn die würde andere Formen der Unterbringung von ärmeren und/oder geflüchteten Menschen und andere Arbeitsbedingungen in Betrieben fordern. Der Schutz dieser Menschen vor Infektion hat jedoch keine Priorität. Wichtig ist lediglich, dass Infizierte identifiziert, isoliert und behandelt werden, bevor das Virus sich unter denjenigen verbreitet die Konjunktur und Wirtschaft durch Kaufkraft und Arbeitskraft ankurbeln sollen. Die Pandemiebekämpfung rechtfertigt aus Sicht der Regierung die Vernachlässigung sozialer Aspekte und eine weitgehend begründungsfreie Fortsetzung von Zwangsmaßnahmen, deren legitimer Zweck, Eignung, Erforderlichkeit und Angemessenheit kaum noch in Frage gestellt wird. Weder Druck aus der Bevölkerung, noch nennenswerter Widerstand aus der Opposition setzen derzeit der Umkehr des verfassungsgemäßen Begründungszwangs etwas entgegen - begründet werden müssen derzeit nicht die Maßnahmen, sondern deren Aufhebung. Beklemmend und im Gegensatz zur Intention von Grundgesetz und Verfassung. 

Ebenso beklemmend wie folgende Begründung für den Beibehalt der Maskenpflicht in NRW: `Die Landesregierung wird die Corona-Schutzverordnung wohl beibehalten, weil alles andere ein völlig falsches Signal aussenden würde. Der Zwang zur Maske beim Einkauf oder in der Bahn und die permanente Ermahnung, Abstand zu halten, sind eine sinnvolle Erinnerung, dass die Pandemie längst nicht vorbei ist. Das ist ein Wert an sich, selbst wenn viele Mediziner mit Grausen beobachten werden, wie der Mund-Nase-Schutz im Alltag oftmals benutzt wird.` (Tobias Blasius, `Die Maske als Mahnung`, WAZ Kommentar von heute). Also: legitimer Zweck, Eignung, Erforderlichkeit und Angemessenheit einer Maßnahme werden aufgrund ihrer psychologischen und ihrer Signalwirkung als gegeben vorausgesetzt. Eine didaktische Absicht und eine Befürchtung sind diesem Kommentator Grund genug für die unbefristete Aufrechterhaltung eines Zwangs. Sinn der Verfassung ist es, hohe Schwellen für die Einführung und erst recht Beibehaltung der Einschränkung von Grundrechten zu errichten. Tiefer als Herr Blasius diese Schwellen senkt kann man sie kaum senken, indem er psychologische Absichten als hinreichende Begründung ansieht. Wie hanebüchen eine küchenpsychologische Begründung für die Maskenpflicht ist demonstriert schlaglichtartig der vom Autor selbst beklagte laxe und medizinisch sogar gefährliche Umgang der zwangsmaskierten Bevölkerung mit ihrem Schnutenpulli: Ihn stört deren Verhalten. Die Widersprüchlichkeit seiner Argumentation stört ihn nicht. 

 

103. 28. Juni 2020

"Seit Tagen regnet es ohne Unterlass. Für diese Region und Jahreszeit ungewöhnlich. Das macht es mir leicht mich zu barrikadieren, nicht vor die Tür zu gehen. Ich benötige keine Ausrede dafür nichts zu tun und empfinde den Regen als Schutz. Der sintflutartige Regen hält Besucher aus aller Welt fern. Wie lange noch? Die ecuadorianische Seuche hat Deutschland erreicht. Inmitten einer Hitzewelle riegelt die Landesregierung eine Stadt in der Nähe von Bochum komplett ab. Polizisten patrouillieren mit MG im Anschlag an den Stadtgrenzen. Bilder von nächtlichen Lastwagenkolonnen werden wiederholt auf allen Kanälen gezeigt, die Landesregierung von NRW leugnet, dass es sich um Leichentransporte handelt, die Bundeswehr transportiere im Rahmen eines Amtshilfeverfahrens Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs in die Quarantänezone. Man fahre aus Arbeitsschutzgründen nachts, wenn die Temperaturen unter 30 Grad fallen. Hier gießt es in Strömen, in Deutschland gibt es mehrere Stunden am Tag kein fließendes Wasser. Ich frage mich ob mein Ego-Stalker zu mir unterwegs ist und hoffe, dass es bis an mein fernes Lebensende weiter regnet."

 

102. 27. Juni 2020

Lange, heiße Tage, kurze Texte. Keine Lust mehr in der Wohnung zu hocken, sich von aufgewärmten Covid-Eintöpfen zu ernähren und Bildschirmwelten zu kommentieren. Notrationen, zurecht gelegt im Winter, sind aufgebraucht. Der Kühlschrank wird nicht neu aufgefüllt, denn eigentlich möchte man lange verreisen. Im Sommer klingen die Vögel als wären sie weit weit weg, das schürt das Fernweh. Gleichzeitig ist man morgens schon träge von der absehbaren Hitze des Tages. Was tun, wenn die Angst vorm Fliegen einen in Schach hält? Vielleicht eine Woche in Gütersloh verbringen, bei den bundesweit Geächteten. Schließlich gilt die Reisewarnung nur für die Österreicher.  

All die Serien in denen Parallelwelten, Wurmlöcher, Tunneleffekte eine Rolle spielen. Eine neue Staffel von `Dark`. Das haben wir nun davon, dass die Phantasie mit uns durchging. Niemand sollte da sein wo er jetzt ist.

In der ersten Folge der Dritten Staffel von `Dark` wird gefragt: `War es nicht das was Du Dir gewünscht hast? Eine Welt ohne Dich?` Nicht eine, diese Welt. Ich wünschte mir mich ohne diese Welt.

`In den USA` unkt mein Freund, `gibt es eine Massenarbeitslosigkeit. Und die haben alle Waffen`. Mein Blick fällt auf ein Plakat, das Werbung für eine Festivität des `Kleingartenvereins Friedliche Nachbarn Bochum-Waffenscheid` macht. `Lust auf n Bier?´ frag ich ihn. Er nickt. `Klar. Bier ist Notwehr.` 

Apropos Kopfnicken. Segelechsenmännchen signalisieren durch Kopfnicken Paarungsbereitschaft und können dank Luftkissen, die sich unter ihren Füßen bilden über Wasser laufen wie Jesus Christus. Dass ich solche Dinge weiß verrät meine Ratlosigkeit im Umgang mit der Lage.

 

101. 26. Juni 2020

Idil Baydar! Musste gestern bei Maybrit Illner nicht Kabarett spielen, um strukturellen Rassismus bei der Polizei anzuprangern.  Wütend und pointiert zieh sie Wolfgang Bosbach der Realitätsverleugnung, dessen Mantra der Polizist als Bürger in Uniform ist, der nicht rassistischer ist als die Mitte der Gesellschaft. Das wäre schon schlimm genug, ist aber nicht der Punkt. Idil Baydar, die regelmäßig Morddrohungen aus dem rechtsradikalen Milieu erhält, prangert methodisches racial profiling der Polizei an, womit praktisch jeder Mensch mit Migrationshintergrund in Deutschland Erfahrung habe. Offenbar verspürt sie wenig Lust in den Choral derer einzustimmen, die eine Solidarisierung der Bevölkerung mit der schutzlos journalistischen Schmähungen ausgesetzten Polizei fordern. Stattdessen solidarisiert sie sich zum Entsetzen der betreten dreinblickenden Runde mit Hengameh Yaghoobifarah, deren Text nichts anderes sei, als die Spiegelung des Sprachgebrauchs, der Schmähungen gegen Migranten, Flüchtlinge und andere undeutsch aussehende Verdächtige kennzeichne, nur dass sie die Diskriminierten durch Polizisten ersetzt. Mutig, gallig, provokant - große Klasse. Yaghoobifarahs Artikel ist dennoch Müll, denn diese Deutung legt der Text nicht nahe.  

Ein neuer Euphemismus klingt durchs Land: Pretestquarantäne für das Wegsperren von Personen, die in Verdacht stehen vielleicht mit jemandem Kontakt gehabt zu haben der infiziert ist. Der nächste Schritt wäre Menschen in Quarantäne zu schicken, damit sie sich nicht anstecken können. Das heißt dann vorbeugende Quarantäne.

Das neue Grundsatzprogramm von Bündnis 90/Die Grünen wird vorgestellt. Nichts könnte mich mehr interessieren. 

In Münster sollen Besucher aus Gütersloh und Warendorf überall im öffentlichen Raum Mund-Nasenschutz tragen - unabhängig von der Frage, ob der Mindestabstand gewahrt werden kann oder nicht. Einen erkennbaren medizinischen Grund für diese Ungleichbehandlung der Gütersloher und Warenburger existiert nicht. Der einzige erkennbare Grund besteht in der Absicht, Besucher ais Gütersloh und Warendorf fern zu halten. Widerlich.  

Bundespressekonferenz: Der Dreitagebart von Tilo Jung wird mit jeder ausweichenden Antwort der Regierungsvertreter immer länger, sein Teint immer blasser: so sieht ein Journalist aus, der verwissensdurstet. 

Sehnsucht nach anderen Themen, nach Orten und Zeiten ohne Corona. Der Blick zur Sichel des Mondes, entschärft durch Schleierwolken. Was haben die Menschen, die Spuren auf dem Mond hinterließen, nach ihrer Rückkehr zur Erde bei diesem Anblick gefühlt?

Ich weiß weder ob ich aus- noch einreisen darf. Der Gesundheitsminister beschwichtigt: Niemand hat vor eine Mauer zu bauen. Ich hadere und zweifele. Wenn ich schon da bin, am Ort meiner Sehnsucht, sollte ich mich ohnehin nicht aufsuchen. Ich könnte mich infizieren. 

 

100 Tage Einsamkeit: 25. Juni 2020

In meinem Traum lacht mich ein Seemann aus: `Angst vor Quarantäne? Ich habe seit einem Jahr kein Land gesehen.`

Mit einem Gefühl des Bedauerns wird man wach. Daran ändern die Nachrichten nichts. Der selektive Umgang mit den Bewohnern der Landkreise Gütersloh und Warendorf, die anderswo nicht mehr willkommen sind, ist Brustlöser für die Förderung weiterer Ungleichbehandlungen. Die Vorlage aktueller negativer Coronatests als Einreisebedingung wird Vorbild für den Immunitätsausweis. Die SPD ist nun aufgeschlossen. Man müsse aber eine Zweiklassengesellschaft vermeiden. So wie niemand aus Gütersloh stigmatisiert werden dürfte. Wenn Politiker mahnen, was nicht passieren darf weiß man immer ganz genau was passieren wird.  

Die Süddeutsche findet denn auch eine einfache Begründung für Ungleichbehandlung: `Es reicht, nur diejenigen Orte zu beschränken oder zu isolieren, an denen das Virus stark wütet. Das entspricht dem Umkehrsatz des Gleichheitsgebotes: Es fordert, Ungleiches ungleich zu behandeln.` Mit dem Corona-Mobbing der Gütersloher und Warendorf geschieht jedoch exakt das Gegenteil. Ungleiches wird gleich behandelt - obwohl die Infektionszahlen in der Bevölkerung gering sind und nur im Umfeld der Tönnies-Fabrik hoch gilt das von verschiedenen Ländern ausgesprochene Einreiseverbot pauschal. 

Es herrscht monothematische Klaustrophobie. Alle Wege führen zu Sars, die Corona-Einbahnstraße, die in ein Schwarzes Loch mündet. Kaum noch Themen ohne Bezug zur Pandemie. Allerworten mentale Beklemmung, nichts wie raus aus dem Kopf. Abends vor der Tagesschau Polizeiserien, die Sympathie mit Ordnungshütern heischen. Ein Verleger prognostiziert: es wird kaum noch jemand Bücher lesen. Nach dem lockdown verbinden die Menschen Lesen mit Isolation und Rückzug. Mit notgedrungenem Zeitvertreib. Ratgeberliteratur geht ein Bisschen. Zurechtkommen mit der Situation. Aber Belletristik? Bleib mir weg. Wer hat überhaupt noch Lust auf Kultur wenn jeder nur noch weg will bevor die Grenzen schließen. 

Gedrückte Stimmung bei der Aktionärsversammlung der Lufthansa. Nicht so sehr wegen des Einstieges des Bundes, sondern wegen der Aussage es werde Jahre dauern, bis die Lufthansa wieder so erfolgreich sein kann wie vor der Krise. Nicht nur Luftfahrtinteressierte  nehmen diese Worte zur Kenntnis - sie geben ein grobes Zeitmaß dafür an, wie lange man mit den Folgen und Begleiterscheinung der Pandemie rechnen muss.

Die Regierenden werden ihr Volk lange bei der Stange halten müssen. Lars Klingbein, Generalsekretär der SPD, deutet im Mittagsmagazin an, wie das bei der Stange halten aussieht. Gefragt, ob er es für richtig halte, wie mit der überwiegend infektionsfreien Bevölkerung in Gütersloh und auch den in Quarantäne verfrachteten Infizierten in Sachen Freiheiten umgegangen wird antwortet er: Priorität hat die Gesundheit. Es genügt unverschuldet krank zu sein, um hinter Gitter zu müssen. Es genügt, in der Nähe von Erkrankten zu leben um selbst wie ein Aussätziger behandelt zu werden. 

Nichts wie weg. Aber wohin geht die Reise, wenn es keinen Ausweg gibt? 

 

99. 24. Juni 2020

Dann gibt es wieder Bevölkerungsgruppen an deren Schicksal niemand denkt: was machen eigentlich Nägelbeißer und Nasenbohrer in Corona-Zeiten?

Winfried Kretschmann scheinen Beziehungsprobleme zu quälen. Bei der gestrigen Pressekonferenz des Landes Baden-Württemberg beklagte er die Folgen der Corinna-Krise. Nicht, dass da was mit Frau Schumacher läuft.

Angesichts der Kopfputze bei der sowj...russischen Militärparade zum 75. Jahrestag des Weltkriegsendes kommt mir ein Beitrag über das richtige Verhalten beim Benutzen öffentlicher Toiletten in Corona-Zeiten in den Sinn. Nach dem Geschäft Luft anhalten und unbedingt erst dann abziehen, wenn der Toilettendeckel zugeklappt ist.

Der populäre Impfgegner, Partylöwe und Stripper Novak Djokovic hat sich auf der von ihm organisierten Adria-Tour beim Bad in der Menge mit Corona infiziert. Ich dachte bislang Schadenfreude sei mir fremd.

Jochen Breyer interviewt einen Mann, der sich weigert Nasen-Mundschutz zu tragen. Wenn diese Verpflichtung beibehalten werde bliebe ihm nur Wahnsinn oder Selbstmord. Der Mann beklagt sich dass der Anblick der Maskierten in der Stadt ihn in den Irrsinn treibe und wird von Jochen Breyer nach allen Regeln der Kunst vorgeführt. Weder weiß der Mann zu sagen, welche Experten wie er behauptet vom Tragen der Maske abraten, noch gelingen ihm vollständige Sätze. Zu allem Überfluss schüttet der Mann beim Interview Bier in sich hinein. Das passt, denn das Interview wird für die Sendung "Volle Kanne" geführt.

Das Interview stellt bloß, aber nicht den Interviewten, sondern Jochen Breyer. Ihm wird wohl bewusst sein, dass der Auftritt seines überforderten und in ungünstiges Licht gerückten Interviewpartners, der mit vollem Mund und angesäuselt Halbsätze vor sich hin nuschelt, sämtliche Kritiker der Maskenpflicht als besoffene Idioten diskreditiert. Jochen Breyer missbraucht seinen Interviewpartner um seiner persönlichen Meinung Nachdruck und Wirkung zu verschaffen - mit dem Bemühen um Sachlichkeit und Objektivität hat das nichts zu tun. Das ist gezielte Beeinflussung der öffentlichen Meinung. 

Buchungen von Urlaubern aus Gütersloh werden umgehend storniert. Autofahrern mit Gütersloher Kennzeichen zeigt man den Stinkefinger. Es bedarf nicht - wie von Markus Lanz und anderen ins Spiel gebracht - eine Ausreiseverbotes. Man kann auch durch Ächtung dafür sorgen, dass die Gütersloher in ihrem Landkreis bleiben statt sich einem öffentlich Spießrutenlaufen auszusetzen. Armin Laschet warnt vor Stigmatisierung, er geht mit einigem Recht davon aus, dass die Grillmeister in den Nachbarkreisen unbehelligt von Seuchenvögeln aus Gütersloh in Ruhe ihre Tönnies-Bratwürste an Flussufern grillen wollen. 

Ohne Anhänger Armin Laschets zu sein bleibt festzuhalten, dass die derzeitigen Hotspots in NRW nichts mit dem allgemeinen Verhalten der Bevölkerung und mit Nichteinhaltung der Hygieneregeln im öffentlichen Raum zu tun haben. Ursachen sind die gemeingefährlichen Verhältnisse in Massenunterkünften und Betrieben. Das Infektionsgeschehen ist auf einen Mangel an Prävention zurück zu führen. Man hat Verhältnisse in der Fleischindustrie geduldet, von deren immensem Gefährdungspotenzial man wusste - diese Betriebe hätte man präventiv schließen müssen, statt nun nicht infizierte Menschen prophylaktisch in Quarantäne zu zwingen.

Nett, die Baden-Württemberger. Da wird extra für Bundesinnenminister Horst Seehofer ein bei der Randale in Stuttgart demolierter Polizeiwagen wieder herbei geschafft, vor dem Horst Seehofer sich öffentlichkeitswirksam ablichten lässt. Bei der Bundespressekonferenz wird gefragt, ob der Inszenierungscharakter der Veranstaltung nicht der Glaubwürdigkeit seines Sachanliegens - schützend seine hünenhafte Wandergestalt vor die Polizei zu stellen - erheblich schadet. Die Bundesregierung antwortet darauf, Herr Seehofer habe ein Interesse daran gehabt, den Originalschauplatz des Gewaltexzesses in Anschauung zu nehmen. Statt dessen besuchte er den Schauplatz eines Schauspiels, plakativ in Szene gesetzt um glaubhafte Empörung zu demonstrieren.  

Der Phoenix-Beitrag `45 Grad` befasst sich mit der Friday for Future-Bewegung in Zeiten von Sars-Cov2. Als Aktivist von FfF müsste man sich von der Pandemie veralbert vorkommen - denn die Pandemie ist wie eine globale Umsetzung des Satzes: Fürchte Dich vor Deinen Wünschen, denn sie könnten in Erfüllung gehen. Wozu sich die Politik nicht aufzuraffen vermag, das tut das Virus: es handelt und zwingt Regierungen in einen Krisenmodus. Der Wandel der klimatischen Gegebenheiten durch die Lockdowns dieser Welt ist so radikal, wie der Preis für die Lockdowns hoch ist und in einem katastrophalen Ausmaß in Kauf genommen wird. Wir erlebten Himmel ohne Kondensstreifen, die Reduzierung von CO2-Emissionen und Feinstaub in der Luft, die Beseitigung von akustischem Müll. Doch um welchen Tribut: Erst starben die SeniorInnen in den Pflegeheimen, jetzt vermehrt die Armen, die verstärkt unter Vorerkrankungen leiden. Auf den Äckern, die vernichteter Regenwald hinterlässt, entstehen mehrschichtige Massengräber, in denen Leichen auf Leichen gestapelt werden. Parallel zur Erholung des meteorologischen Klimas verdüstert sich das soziale und ökonomische Klima - Welt in Angst, die krisenbedingte voraussichtliche Erreichung von Klimazielen wird erlebt als ironisches Menetekel, das Erfüllen von Klimavorgaben wird nicht mit Beifall bedacht: es wird zum Signal der Apokalypse so als teile COVID19 der Welt mit, dass die Klimaziele nur ohne Menschen zu realisieren sind. Für Fridays for future ein Dilemma - denn aus dieser Situation eine Aufbruchstimmung für Klimawandel zu erzeugen, ist kaum zu leisten. Kopfschüttelnd stellt man der Bewegung die Frage: Zukunft? Welche Zukunft?

Nun, da die Neugier auf die nächste Volte der Pandemie abgelöst wird vom schreckhaften Blick in ökonomische, soziale und psychologische Abgründe, die Überraschung über Entenkolonnen, die die leer gefegten Straßen besuchen und über Rehe in Parkanlagen der Furcht vor einer unbegrenzten Depression weicht, der Angst vor nicht endender Arbeitslosigkeit, vor der unbestimmten Dauer der epidemiologischen Lage und ihrer Konsequenzen, der Permanenz von Freiheitseinschränkungen, Kontaktsperren und Quarantänen steigt die Zahl der Verzweiflungstaten, die Ausdruck von Perspektivlosigkeit sind. Manche beginnen sogar Bücher zu lesen.

Markus Lanz zitiert Kanzleramtschef Braun mit den Worten: Die Kunst eines Anästhesisten besteht nicht darin, jemanden in Narkose zu versetzen, sondern ihn wieder aufzuwecken, was der Moderator als Metapher für Brauns Kunst versteht, Deutschland aus dem Dornröschenschlaf wach zu küssen. Das Gebrummel des Braunbären macht mich jedenfalls schläfrig und ich schalte ab. Ein Hoch auf die Mediatheken.    

Vor dem Zubettgehen lese ich einen Artikel: Aliens könnten schwarze Löcher zur Energiegewinnung nutzen.  Mich übermannt ein intensives Fernweh und ich träume mich durch ein Wurmloch südwärts.  

 

98. 23. Juni 2020

Böses Erwachen mit einem Satz Horst Seehofers im Kopf: Strafe ist die beste Prävention. Die deutsche Fassung von Minority Report: Strafen bevor sich überhaupt ein Vergehen ereignet. Gruselig. 

Im Lokalteil der WAZ ein Artikel zum `Risiko Sammelunterkünfte`. Mit Fragezeichen. `Eine klare Antwort, wie die Belegung der Unterkünfte entzerrt wird, wie viele Geflüchtete maximal zusammenleben oder eine Toilette nutzen, gibt die Stadt Bochum nicht.`Noch soll keine Corona-Infektion in diesen Unterkünften bekannt sein.` Das klingt wie bei Tönnies abgeschrieben - statt präventiv vorzugehen und Infektionen vorzubeugen wird der Umstand dass es noch kein Infizierter registriert wurde zum Anlass auf Prophylaxe zu verzichten. Anscheinend müssen sich die Denkzettel erst zum Drehbuch eines Katastrophenfilms zu verdichten, bevor man agiert statt abzuwarten.  

Mittlerweile eine Rarität: Professor Wieler gibt eine Pressekonferenz. Der Tenor liegt eher darauf wachsender Unruhe durch zunehmende R-Werte und Infektionszahlen vorzubeugen. Betont wird die hohe Anzahl von Landkreisen ohne oder mit weniger als 5 Neuinfektionen in den letzten 7 Tagen, sowie die lokale Begrenzung von Infektionsgeschehen. Ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt: die Aussage grade angesichts lokaler Ausbrüche in Betrieben müsse sich die Bevölkerung nach wie vor mittels der geläufigen Maßnahmen schützen betont Prioritäten ebenso wie sie Gefahrenherde benennt. Im Klartext - nicht der Andere ist die Corona-Hölle vor der man sich schützen soll, sondern der systemrelevante Massenbetrieb nebenan, der so weiter weiter wurschteln darf wie bisher. 

Der letzte Cowboy weint in Gütersloh, und seine Kinder dürfen nicht zur Schule. Dank Hotspot in der Kühlkammer darf Armin Laschet einen erneuten Versuch unternehmen sich als Krisenmanager zu bewähren und verkündet den lockdown für den Landkreis Gütersloh. Erster Erfolg: es gelingt ihm das Wort `Brennglas` während seiner Pressekonferenz zu vermeiden.   

Das ZDF-Polit-Magazin `Frontal` präsentiert einen Beitrag unter dem Titel `Infektionsrisiko Armut`. Eigentlich sollte dieser Beitrag `Infektionsrisiko Reichtum` heißen. `Infektionsrisiko Armut` klingt nach selbst verantwortetem Elend, und die Risikominimierung sei einfach: Hygieneregeln beachten, Armut vermeiden. Doch die beengten Verhältnisse mit heiklen hygienischen Bedingungen, in denen beispielhaft die Beschäftigten der Fleischindustrie leben sind Resultat von Profitgier. Wie das funktioniert illustriert der Umstand, dass sich bis zu drei im Schichtbetrieb arbeitende Heloten ein Bett zum Schlafen teilen müssen, für die alle drei von ihrem Mindestlohn bis zu 200 € Miete bezahlen. In derartigen Lebensumständen sollen die Beschäftigten nun in Quarantäne - bei steigenden Temperaturen und hinter Zäunen. 

Man könnte einiges zu Markus Lanz Sendung schreiben, in der es ebenfalls um das Lichterloh in Gütersloh geht. Zu einem Imagefilm der Tönnies-Gruppe, dessen Komparsen Tausende toter Schweine sind: heraushängende Gedärme zu fröhlicher Musik. Wenn das als Imagepflege funktioniert, muss man sich über den Charakter der Zielgruppe keine Illusionen machen. Hängen bleibt jedoch außer den Gedärmen die Eilfertigkeit, mit der der Moderator seine Suggestivfragen stellt: warum man denn den Bewohnern des Landkreises nicht die Ausreise verbietet? Die einzigen Maßnahmen die dem Impressario wirkungsvoll dünken sind Verbote. Staatsjournalismus nach russischem Vorbild, für den die GEZ Gebühren kassiert.  

 

97. 22. Juni 2020

Die Symbolik ist unverkennbar. Die Infektion beginnt beim Apres-Ski und betrifft zunächst die Begüterten. Sie trifft schließlich die sozial Benachteiligten, die "auf engem Raum in Kontakt sind oder sogar leben, ohne dass die hygienischen Mindeststandards eingehalten werden können. Das betreffe enge Wohnungen genauso wie Sammelunterkünfte für Flüchtlinge, Notquartiere für Obdachlose und Frauenhäuser. Ärmere müssen öfter zusammenrücken, weil sie wenig Platz haben oder auch nirgendwo hin können oder unter schlechten Arbeitsverhältnissen wie in der Fleischindustrie arbeiten" (Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverband in der WAZ von heute). Natürlich tragen die Skiurlauber, die sich in Ischgl infizierten, keine Schuld an der Infektion. Dass der Lebensstil der Wohlhabenden und auch der des Mittelstandes elende Lebensbedingungen der weniger Glücklichen voraussetzt lässt sich gut am Beispiel der Fleischindustrie und der in ihr Beschäftigten zeigen. Mittlerweile 1300 Infizierte bei Tönnies - ein Ausbruch, der das Potenzial dafür hat eine zweite Infektionswelle auszulösen. Die Lektion: Pandemien einzudämmen setzt voraus, gegen soziale Benachteiligung vorzugehen. Anderenfalls rächt sich die Armut in Form pandemischer Feedback-Schleifen, nicht nur als Infektionsgeschehen, sondern auch als exzessive Gewalt. Stuttgart wird weder ein Einzelfall bleiben, noch wird man von Einzelfällen reden dürfen, wenn deren Anzahl exponentiell wächst. 

Aus der Sehnsucht nach abgeschiedenen Orten erwächst eine Strategie. Meide Ballungszentren. Meide die Nähe von Großbetrieben. Meide die Innenstädte. Meide Wochenendausflüge in Naherholungsgebiete. Meide Bahnhöfe und Flughäfen. Finde schwer zugängliche Buchten. Finde ausgesetzte Pfade ohne Wegmarkierung. Sei Einzelfall. 

Eine BPK in gereizter Stimmung. Der Bundesinnenminister kündigt an Strafanzeige gegen die taz-Autorin Hengameh Yaghoobifarah zu stellen, die "hasserfüllte Fratze der Linken", wie auf einem von der CSU veröffentlichten Steckbrief der Autorin zu lesen war, wegen ihrer Glosse "All cops are berufsunfähig." Sie hatte - was unerträglich ist, aber kaum eine Straftat bedeutet - Polizisten in ihrer Glosse als `Müll`bezeichnet. Die vierte Gewalt wehrt sich gegen Drohungen und die Einschränkung der Pressefreiheit. Hort Seehofer begründet wörtlich enthemmt sein Vorgehen mit den Worten: "Der Enthemmung der Worte folgt unweigerlich die Enthemmung der Taten" und insinuiert, der TAZ-Artikel habe die Krawallmacher in Stuttgart zu ihrem Handeln bewogen. Dafür gibt es nicht nur keinerlei Indizien, es ist auch eher abwegig anzunehmen, dass die jugendliche Stuttgarter Partyszene zur Stammleserschaft der taz gehört. Besonders unangenehm wird Horst Seehofers Äußerung durch ihre Beispiellosigkeit. Dunya Ayali legt auf Twitter den Finger in die Wunde: `kann ich dann jetzt auch mit klagen gegen hildmann: juden schuld am holocaust, gauland: vogelschiss und jeden anderen rechnen, der sich geschichtsrevisionistisch, beleidigend, drohend, rassistisch äußert? Toll.` Es hätte viele Anlässe gegeben, gegen Äußerungen von rechts rechtlich vorzugehen. Statt dessen wird ein Exempel gegen eine eher dem linken Spektrum zuzurechnende Autorin statuiert, und damit das Geschäft der AfD betrieben. Die  Regierungsbank windet sich, wiegelt ab und beantwortet keine Fragen (auch nicht zum Thema Lufthansa, wirecard und Tönnies). Sie bezieht insbesondere keine Stellung zu dem unerträglichen Steckbrief in einem Tweet der CSU, mit der die Journalistin quasi zur Vogelfreien erklärt wird - ein Vorgehen, das nicht spanisch, sondern ungarisch vorkommt. 

Beziehungspflege. Treffen mit einer Freundin, die zur Entspannung Aquarelle produziert. Eine bald illegale Kunst, wenn in naher Zukunft Wasser rationiert wird. Ich verstecke mich hinter meiner Sprache um nicht das zu sagen was ich sagen will. Ältere Menschen schieben Kinderwagen vor sich her, damit niemand merkt, dass sie einen Rollator benötigen. 

Wenn ich noch einmal das Wort Brennglas höre brenne ich durch: Bei Plasberg geht es ums Zerfleischen der Fleischindustrie. Mit dabei Karl Josef Lauterbach, Karl Laumann (oder sind es Karl Josef Laumann und Karl Lauterbach? Alle anderen Teilnehmer der Runde verwechseln slapstickartig ständig beide Namen) Journalist Christian Brücker,  Müslimann Christian von Bötticher (Chef von Kölln-Flocken und Vizepräsident der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie) und Katrin Göring-Eckardt, die erneut das Brennglas bemüht, das nun die Missstände in der Fleischindustrie fokussiert. Frank Plasberg charakterisiert Maulheldentum und Lippenbekenntnisse der Fleischindustrie wie folgt: `Verbale Aufgeschlossenheit bei weit gehender Verhaltensstarre`. 

Highlight des Abends ist die empörte Beschwerde des Müslimanns über die Bezeichnung der Leiharbeiter in den Schlachthöfen als Sklaven.  Schließlich herrsche Freizügigkeit der Arbeit im Europa der offenen Grenzen und die Menschen aus Rumänien und Bulgarien seien freiwillig gekommen. Das hat etwa die gleiche Qualität als würde man die Verhältnisse in Moria rechtfertigen indem man betont die Menschen in Moria seien freiwillig in das Auffanglager gekommen.  

Eine erschreckend rat- und einfallslose Schwarzer-Peter-Schieberei.  Mittendrin ein Lobbyist, der die bestehende Praxis verteidigt. Lösungsansätze Fehlanzeige. Gute Nacht.

 

96. 21. Juni 2020

"Ich erwache aus einem Traum, in dem ein metallicblaues Zwitterwesen aus Heuschrecke und Mensch mich auf einer Strandpromenade überholt. Es sieht sich mit meinem Gesicht lächelnd nach mir um. Es dauert lange, zwei Cappuccinos, bis die bedrohliche Stimmung aus dem Traum abebbt und ich daran glaube, dass ich wirklich auf meiner Dachterrasse mit Meerblick sitze und nicht nur ein Traum in einem Traum bin....Ich schaue auf den Strand. Wo sind die Strandverkäufer? Wo sind die Menschen?"

Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen (George Santayana)

Brasilien begräbt aus Platzmangel seine Toten in den Gräbern anderer Verstorbener. Man kann den Wald nicht so schnell roden, dass er Platz für genügend viele Massengräber macht. Im glücklichen Deutschland sterben sterben die Menschen nicht wie die Fliegen. Dafür ereignet sich ein Massensterben von Unternehmen, deren Friedhöfe die Insolvenzgerichte sind und deren Todesanzeigen im Generalanzeiger stehen. Man wird sehen wohin das führt. Es gibt viele Tode. 

Zum Beispiel durch auf den Bürgersteigen rasende Radfahrer, mit denen man zusammen stößt sobald man vor die Haustür tritt. Alle entstauben ihre kaum genutzten Fahrräder, die in Kellerräumen zwischen Umzugkisten und Sperrmüll ihr trauriges Dasein fristeten, wer noch kein Rad besitzt kauft sich eins. Die Zahl der ungelenken, ungeübten Radfahrer, die ohne Gespür für die Gefahr in die sie sich und andere bringen die Bürgersteige und Wanderwege für sich beanspruchen, steigt ins Unermessliche. Die Radfahrer glauben, dass ihnen die Gehwege gehören. Es ist keine Bosheit. Es ist die Mentalität der Autofahrer, die auf den Drahtesel umsteigen. Sie haben das Recht des Schnelleren für sich gepachtet und übertragen es auf die Fußgängerwege. 

Amüsant: Klimaaktivisten entfernen an einem Büro der CDU das C und hängen an das verbliebene DU an SOLLST DAS KLIMA SCHÜTZEN!

Eine intelligente Sabotage vermasselte Trump seinen Wahlkampfauftakt in Tulsa, übrigens dem Ort eines Massakers an Afroamerikanern in den 20er Jahren, was dem Trump-Team wohl bewusst war. Trump-Gegner reservierten Karten für den Propaganda-Auftritt und organisierten einen "No Show"-Protest. So fand Trumps Auftritt vor Tribünen statt, die so gähnend leer blieben wie die Stadien bei Spielen der Fußballbundesliga. Gut gemacht und eindeutig sozialen Abstand gewahrt.

Eine Branche boomt: Billigparkplätze für Flugzeuge. Teruel in Spanien erlebt einen ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung. Man könnte auch sagen: dort hebt die Konjunktur ab. 

Es mag ja sein, dass die Regierung nicht die Wahrheit sagt. Selbst wenn das stimmt - das macht das genaue Gegenteil nicht wahr und die Behauptung das Virus sei harmlos nicht richtig. 

Tralali, tralala, Eiapopeia: Das Kulturloseste seit langem ist die Nacht der Kultur trotz Corona. Ein Sedativum für alle Schlafgestörten. 

Der Weltyogatag endet. Einatmen. Ausatmen. Wegdämmern.

 

  

95. 20. Juni 2020

"Sie werden die Krise benutzen um ohnehin schon geplante Betriebsschließungen und Entlassungen vorzunehmen" unkte mein Wanderpartner noch vor dem Lockdown. 

Karstadt-Kaufhof schließt 62 von 172 Filialen. 6000 Vollzeitstellen werden gestrichen, die Verödung der Innenstädte bekommt einen gewaltigen Schub, die Umsätze im Online-Handel ebenfalls. Verödung, Verwüstung, Ruhrgebiet.

All-mählich kommt Dunkel ins Licht. Die Ausmaße und Ausprägungen der Katastrophe werden deutlich sichtbar, ebenso die Bedrohungsszenarien. Die Schäden und deren Lokalisation kommen messerscharf zum Vorschein, auch diejenigen die durch Angst und Ignoranz entstehen. In Wohnblöcken und Betrieben grassieren Existenzangst, Klaustrophobie und Leichtsinn. Corona-Popups entzünden ihr Feuerwerk in beängstigender Nähe und alarmierender Häufigkeit, akustisch begleitet vom Quieken der Schweine. Tönnies - der Bolsonaro der Fleischindustrie. Von 1100 Beschäftigten werden 800 positiv auf Corona getestet. Was für eine Quote. Macht bei einer Gesamtbelegschaft von 7000 Beschäftigten einen Tross von über 5000 infizierten Euro-Fightern, der kreuz und quer durch Europa verschoben wird. Einer meckert in die Kamera: warum soll ich in Quarantäne? Ich fühle mich nicht krank. Andere werden in Einkaufszentren und Schwimmbädern gesichtet.

Gibt es etwa keine marinierten Nackensteaks mehr? Der Lokalteil der WAZ gibt für Bochum Entwarnung: `Schlachten ohne Einschränkungen`. Der Landwirtschaftsstaatssekretär in NRW, Heinrich Bottermann, rückt die Prioritäten zurecht: `Die Versorgung der Verbraucher mit Fleisch und Wurst ist sichergestellt.` Dann ist ja rechtzeitig zu Beginn der Grillsaison alles in Butter. Die armen Schweine werden vorläufig verschont. Sie fristen ihr Dasein auf den europäischen Autobahnen, bis sie an einer Endstation Mettsucht angelangt sind, deren Betreiber die Corona-Maßnahmen locker nimmt.  

Wie aberwitzig die Prioritäten gewichtet sind. Der Corona-Ausbruch in Gütersloh hat das Potenzial eines gewaltigen pandemischen Nachbebens. Bei einem Erdbeben sind die Nachbeben oft gefährlicher, als das Hauptbeben, da die Nachbeben bereits fragile, brüchige Strukturen erschüttern. Der Europaabgeordnete Peter Liese äußert sich entsetzt: `Das ist größer als Heinsberg`. Jedoch nur eine Randnotiz in der Zeitung. Die große Schlagzeile lautet: `Die Sorgen der Schweinemäster`.

Man müsste sämtliche Schlachtbetriebe präventiv schließen bis gewährleistet ist, das Hygieneregeln in den Unterbringungen und an den Betriebsstätten jederzeit eingehalten werden. So lange `Schlachten ohne Einschränkung` eine positive Schlagzeile wert ist wird das nicht geschehen. Während man Schulen und Kitas unbefristet schließen kann und SeniorInnen in sozialer Isolation mumifizieren dürfen - immerhin fallen sie wenn sie einsam aber coronafrei in ihren Zellen sterben ebenso aus den Corona-Statistiken des RKIs heraus wie in Transfergesellschaften verschobene Angestellte aus der Arbeitslosenstatistik - ist mit Landwirten und der großen Fleischeslust nicht zu spaßen. 

Will man den Folgen des Klimawandels wirkungsvoll begegnen, bedarf es nicht nur einer Energiewende, sondern einer Ernährungswende. Ein großer Teil unserer mit dem Klimawandel zusammenhängenden Umweltprobleme (Reduzierung der Artenvielfalt, Abholzung der Regenwälder, Wassermangel und -verschmutzung, Bienensterben, Methan) entstehen in Folge der Massentierhaltung. Jonathan Safran Foe hat in seinem Buch `Tiere essen`eindrucksvoll beschrieben, welche Mengen an Gülle und folglich Nitraten durch die Massentierhaltung in den Boden gelangen - man muß nicht Tierschützer sein, um nach der Lektüre des Buches seine Essgewohnheiten zu überdenken. Ein Green Deal, der effektiv ist, kann ohne eine Wende in der Lebensmittelproduktion nicht gelingen. Ein Thema das selbst von Fridays for Future stiefmütterlich behandelt wired.  

 

 

94. 19. Juni 2020

Am Eingang zu meiner Stammkneipe die Aufforderung: Mund-Nasen-Schutz tragen. Heißt nicht, dass ich damit Mund und Nase bedecken muss. Ich könnte den Schnutenpulli auch als Suspensorium benutzen. Tragen würde ich ihn damit auch.

Am Tresen betranken sich gestern Lokalregisseure mit Ingwerbier. `Ingwer muss dass ja trinken` lallte einer namens Ingwer Bergmann. 

Immerhin. In seiner Rede zur Finanzpolitik in der Coronakrise redet Olaf Scholz von einem `Neustart der Kultur` und von Unterstützung für Bars und Gastronomie. Ein später, für viele wahrscheinlich zu später Neustart. 

Es war zu erwarten - mit dem Verweis darauf, beim Konjunkturpaket gehe es vor allem um die kurzfristige Belebung der Wirtschaft werden die ehedem als Helden des Alltags beklatschten Beschäftigten in der Pflege und im Verkauf so gut wie nicht berücksichtigt. Aus dem Klatschen wird eine Klatsche. In der Logik des Konjunkturprogramms liegt es, eher diejenigen zu fördern, die sich ohnehin einiger Maßen durch die Krise wurschteln. Nur die werden bereit sein mehr Geld auszugeben als unbedingt erforderlich. 

Die Innenministerkonferenz der Länder gibt auf einer Pressekonferenz bekannt, dass die Länder 243 Kinder inklusive ihrer Eltern aus den griechischen  Flüchtlingslagern aufnehmen. Angenehm: die auf der PK anwesenden Innenminister loben sich nicht, sondern freuen sich.  

 

93. 18. Juni 2020

Ich schrecke aus einem Traum auf, in dem ich Hände schüttelte. Ein klarer Verstoß gegen die Hygieneregeln. 

Der Traum mag inspiriert gewesen sein von meinem gestrigen Blättern in den Palimpsesten des `Demokratischen Widerstands`. Mein Biersommelier bat mich um Sichtung und Bewertung, ob das denn nun ein Werk von links- oder rechtsaußen sei und da ich nichts Besseres zu tun hatte tat ich ihm den Gefallen. Mitherausgeber ist der Initiator des "Zentrums für Karriereverweigerung" und der Aktion "Nicht ohne uns", der - laut tagesschau.de vom 01.05.2020 (Silvia Stöber, `Jahrmarkt der kruden Ideen`) - Journalist und Dramaturg Anselm Lenz, der unter anderem am Schauspielhaus Hamburg gearbeitet und für die `Taz`geschrieben hat (anschließend wohl die Karriere verweigerte). Rechtsaußen lässt sich daher was die Gesinnung betrifft wohl ausschließen. Dachte ich. 

Durchweg fordern die Artikel eine sofortige Aufhebung der bestehenden Einschränkungen der Grundrechte - das zu tun kann Ergebnis einer Güterabwägung zwischen dem Recht auf leibliche Unversehrtheit und dem Recht auf persönliche Freiheit sein. Um eine derartige Abwägung jedoch geht es den Verfassern nicht. Wie andere politische Strömungen auch benutzt der `Demokratische Widerstand`Krisen dazu, Anhänger für radikale politische Systemwechsel zu akquirieren, den man sich schon vor der Krise wünschte - frei nach Winston Churchill: `Lasse nie eine gute Krise ungenutzt verstreichen`. Es geht nicht um Kritik am das Handeln der Regierung, sondern um deren Abschaffung. Dazu wird behauptet dass erstens der Krisenfall gar nicht besteht, zweitens dass er von interessierten Parteien (Regierung, Bill Gates) benutzt wird, um diktatorische Gewalt über die Bevölkerung auszuüben. Diese Prinzips findet Anwendung unabhängig von der politischen Couleur. Behauptungen ähnlichen Inhaltes kann man auch von Abgeordneten der AfD hören. Die Corona-Pandemie ist demzufolge eine Vogelscheuche, mit der man die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzen möchte, um sie der totalen Herrschaft einer sich auf den permanenten Ausnahmezustand berufenden Staatsmacht zu unterwerfen, die ihrerseits Steigbügelhalter für die internationalen Finanzmärkte, globalen Konzerne und die Bill-Gates-Stiftung ist. Folgerichtig fordert man die Leser dazu auf, Hände zu schüttern, sich zu umarmen, Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen zu ignorieren. Dazu muss man das Virus selbst folgerichtig als Bestandteil einer durchtriebenen Machtergreifungsstrategie einer verlogenen Regierung sehen, deren einziges Ziel die Entrechtung des Volkes ist. Damit bedient sich der Kampf um die Wiedererlangung der Freiheitsrechte der selben Methoden, deren sich Bolsonaro, Trump und auch die AfD bedienen, die die Pandemie verharmlosen, um ihre eigene Agenda verfolgen zu können. Sieht man den `demokratischen Widerstand` als links, so handelt es sich bei dessen Weltbild um ein linksnationales. Sämtliche Beiträge sehen nicht über den Tellerrand Deutschlands hinaus, so als sei Sars- Cov2 ein rein deutsches Thema und als gebe es die Toten und Infizierten in Italien, Spanien, Indien, den USA und so weiter nicht  - andere Länder und deren Lage werden komplett ausgeblendet, wenn überhaupt etwas außerhalb der Grenzen Deutschlands existiert, so sind es amorphe, böse Mächte. Zudem unterstellt man der eigenen Regierung eine geradezu überragende, verschwörerische Intelligenz und das systematische Vorgehen eines Superalgorithmus in einem Quantencomputer - während man gleichzeitig zum Beispiel der Kanzlerin fehlende Intelligenz und Phrasendreschen attestiert. Die Beantwortung der Frage, welchen Nutzen denn zum Beispiel handelnde Figuren wie Angela Merkel von der Durchführung eines solchen Planes hätten bleiben die Verfasser der Beiträge schuldig.

Als Mitherausgeber wird der Philosoph und Soziologe Giorgio Agambens genannt, der behauptet, nie von der Zeitschrift ´Demokratischer Widerstand` gehört zu haben. Dass seine Überlegungen die Herausgeber inspiriert haben, ist indes plausibel. Seine auf die Regierung in Rom bezogene These `Weil sich in der sinnentlernten modernen Gesellschaft das menschliche Leben aufs Überleben reduziere, ziele alles Handeln darauf ab, die reine biologische Existenz zu retten. Getrieben von der panischen Angst, auch noch das letzte ihnen Verbliebene zu verlieren, das nackte Leben, flüchteten die epidemisch einsamen Bürger in die Armer des autoritären "monströsen Leviathan mit dem gezückten Schwert" und opferten ihm ihre Freiheit.` (Thomas Assheuser, `Menschenopfer für den Kapitalismus`, 21. April 2020). Von dieser These ist es ein kurzer Weg bis hin zu der Forderung, der Lebenslust der Lebensfrohen, die sich ohne florierende Wirtschaft nicht auszutoben vermag, seien die verbrauchten Körper der Alten zu opfern. Selbst wenn man dieser Auffassung ist - wie zum Beispiel Boris Palmer - müsste man zynischer Weise sagen, dass sich dann Kritik an der deutschen Regierung verbietet, denn: `Erschreckend war, wie schlecht der Staat seine Senioren schützen konnte. Die Todesraten in Alten- und Pflegeheimen war beschämend.` (Jörg Quoos, `Das Virus lebt`, WAZ von heute) Doch hier war nicht raffinierte Biopolitik am Werk, sondern es handelt sich schlicht und ergreifend um politisches Versagen.

Die heutige Regierungserklärung der Kanzlerin zur deutschen Ratspräsidentschaft im Europäischen Rat betont wenig überraschend die überragende Bedeutung einer starken europäischen Union im `postamerikanischen Zeitalter`. Ziele wie die Bekämpfung des Klimawandels, die Umsetzung des `Green Deal`, die Gestaltung einer neuen Arbeitswelt im digitalen Zeitalter und die strategische Positionierung gegenüber den USA, Russland und China löse nur ein starker Verbund. Sie sagt es nicht direkt - aber es geht darum, ob es die Vereinigten Staaten von Europa gehen wird. Was Frau Weidel von der AfD dazu meint ist klar: Germany first. Auch hier bleibt unausgesprochen, dass man in der AfD bestimmt gerne sehen würde, dass man sich wie das Exorzismus-Land Polen Donald Trump geneigt zuwendet.

Christian Lindner gibt der Merkel und Macron die Anregung mit auf den Weg, eine Europäische Gemeinschaft für Wasserstoff zu gründen. Diese Idee nicht gut zu heißen nur weil sie von Christian Lindner ist bringe ich nicht über mich.  

Interessanter als die Aussprache zur Regierungserklärung der Kanzlerin ist die Aussprache über den Antrag der FDP zur Aufhebung der epidemischen Lage von nationaler Tragweite. Die Frage, die im Raum steht ist: wie lange dauert eigentlich noch die Stunde der Exekutive (immerhin dauert diese schon drei Monate). Diese Frage stellt sich nicht zu Unrecht, denn die Feststellung der epidemischen Lage gewährt der Regierung - insbesondere dem Gesundheitsminister -  Vollmachten, im Interesse der Schnelligkeit national zu handeln und Grundrechte einzuschränken. Zum Teil waren die Redebeiträge seitens der Regierungsparteien (inklusive Grüne) erschütternd. Erwin Rüddek von der CDU rechtfertigte beispielsweise die Ablehnung der Aufhebung mit dem hohen Zustimmungsgrad in der Bevölkerung. Seit wann rechtfertigen die Werte von Umfragen besondere Machtbefugnisse der Bundesregierung? 

Der Satz des Abends bei Markus Lanz stammt von jemandem, der gar nicht Gast in der Sendung ist: der Gastgeber zitiert Sebastian Pufpaff. Im Kapitalismus kann jeder reich werden. Aber nicht alle. Das zu Beginn. Was folgt ist Markus Lanz Versuch im Talk mit der Bundesjustizministerin Christine Lambrecht das Strafmaß für Kinderpornographie zur Todesstrafe hochzujazzen und sich von jeder Form von Populismus zu distanzieren. Dann darf der Prechtbursche Werbung für sein neues Buch treiben. Den Vorschlag des Abends unterbreitet Kabarettist Chin Meyer. Zwar seien Massenveranstaltungen derzeit nicht erlaubt und deswegen treten Künstler nicht vor Publikum auf. Aber offenbar sei es unmöglich sich im Flugzeug zu infizieren. Da könne man doch von der Lufthansa fordern dass auf jedem Flug Künstler ihr Liveprogramm vorstellen dürfen. Frau Lambrecht versprach, den Vorschlag ins Kabinett zu bringen.

Der ernste Hintergrund: wenn die existenziellen Sorgen zunehmen, die fortgesetzten unbefristeten Kontaktbeschränkungen eines langen sozialen Winters die Menschen zermürben werden die Menschen Unterhaltung, Kultur und ein gastronomisches Angebot benötigen, um die psychischen Belastungen der Dauerkrise zu kompensieren. Gehen Kulturlandschaft und Gastronomie vor die Hunde droht eine schwere sozialpsychologische Dürre. Was tun? Einfach die Künstler nicht unterstützen, denn Not macht ja erfinderisch. Aber auch kreativ?

Ich falle in Kreativschlaf. Bis Morgen. 

   

92. 17. Juni 2020

Das Leben hat keinen Sinn mehr - ich habe Markus Lanz verschlafen. Und das, obwohl der Fernseher lief, Kevin Kuhnert ein Lautsprecher ist und ich nicht betrunken war. 

"BGH verhandelt über Recht auf Vergessen" (WAZ Panorama von heute). Ich war bislang der Auffassung, dieses Recht sei unstrittig. Offenbar sieht Google das anders. 

Der FDP-Politiker Otto Fricke fordert bei Phoenix vor Ort Steuererleichterung für Unternehmen, während die Katastrophenbauchbinde am unteren Bildrand informiert: 34000 Neuinfektionen in Brasilien allein in den letzten 24 Stunden, Kriegerischer Konflikt zwischen China und Indien, Türkei beschießt PKK-Stellungen im Nordirak. Der Corona-body-count degradiert die Toten der Kriege, das Elend der Flüchtlinge, das Schicksal der Tagelöhner in Indien zu Notizen aus der Provinz. In Deutschland balgen sich Gartenzwerge um Inhalte von Konjunkturpaketen.  

Professor Ulrich Kelber, seines Zeichens Bundesdatenschutzbeauftragter, belehrt mich auf einer Pressekonferenz hinsichtlich des Diskriminierungspotenzials der Corona-Warn-App eines Besseren. Arbeitgeber oder Restaurantbesitzer, die den Nachweis über die Nutzung der App verlangen, verstoßen gegen bestehendes Recht. Meine Mutmaßungen über verdeckte strategische Erwägungen, die beim Verzicht auf die Verabschiedung eines Gesetzes zur Corona-Warn-App eine Rolle gespielt haben mögen gehören ins Reich haltloser Spekulation. 

Corona und Depressionen. Es kann kaum so viele Therapeuten geben wie es erforderlich wäre, um den psychischen Winter zu bekämpfen, in den die Krise viele stürzt und stürzen wird. Da keine Therapie imstande wäre handfeste ökonomische Ursachen von Depressionen zu beseitigen, wäre der Therapieerfolg in etlichen Fällen zudem äußerst fraglich. Selbst wenn die ökonomischen Voraussetzungen im Einzelfall intakt bleiben heißt das nicht, dass man in Folge von mit der radikalen Veränderung der Lebensumstände verbundenen Erschütterungen nicht zerbricht. Es sind Details, die sich zu einer niederdrückenden Atmosphäre aufschaukeln: im Cafe´ eine Frau die über eine Bildzeitung gebeugt unablässig hysterisch lacht. Eine Bäckereifachfrau, die auf den Nasen-Mundschutz flucht, den sie auch in der Hitzeperiode des Sommers 8 Stunden am Tag tragen soll. Die zu Alarmsignalen erstarrten Gesichter, ein Student, der Passanten um Geld bittet. Die Berichte über die Bemühungen von Unternehmen und Branchen, den Betrieb wieder aufzunehmen. All die verkrampften Versuche die Scherben der Vase mit der Gravur Normalität und der Verzierung menschliche Nähe wieder zu einer bruchlosen Gefäß zusammen zu fügen...dieses Gebilde Alltag, das aus Brüchen, Warnsignalen, neuen Unbequemlichkeiten, Bedrohungen, Vorsichtsmaßnahmen, Kontaktblockaden zu einem unschönen Unganzen zusammengesetzt wird wie ein Bild aus Puzzlestücken, die nicht ineinander passen, die Freizeitgestaltungen, die nicht mehr ohne Entblößung personenbezogener Daten erlaubt sind, der Mummenschanz der Masken, mit denen wir uns gegenseitig als potenziell verseucht markieren, dazu das beklemmende Gefühl, erst den Beginn einer persönlichen und allgemeinen Katastrophe zu erleben, die eingebettet ist in eine noch dramatischere globale Krise, die mit Dürre und Artensterben einhergeht - all das wird ohnehin schon vorhandene Ängste und psychische Probleme um viele Grade Hoffnungslosigkeit verstärken. Da helfen auch die Fußballbundesliga, bunte Warnapps und Beifall für mutige Testtouristen wenig.  

In den Debatten und Sendeformaten, die sich mit den Ausprägungen und Folgen der Coronakrise befassen, wird über psychologische Folgen und den Umgang mit ihnen bislang kaum geredet. Dabei ist es vor dem Hintergrund des als erforderlich angesehenen wirtschaftlichen Aufschwungs dringend notwendig, psychologische Faktoren zu berücksichtigen. Wenn Konsum belebt werden soll und unternehmerisches Handeln gefördert, führt wohl kaum ein Weg daran vorbei, dem Gefühl des Kontrollverlustes entgegen zu wirken, das mit der Einschränkung von Grundrechten und den Kontaktbeschränkungen einhergeht. Die Fixierung auf das Befolgen von Verhaltensregeln und die Organisation des wirtschaftlichen und sozialen Lebens rund um das Thema Eindämmung von Infektionen lähmt Initiativen - aus der Arbeitswissenschaft ist bekannt, dass Kontrollverlust und Störungen der Arbeit wesentliche Ursachen der Beeinträchtigung physischer und psychischer Gesundheit und somit auch der Qualität von Arbeit und Leben sind. Derzeit lebt und arbeitet die Gesellschaft unter den Bedingungen eines unbefristeten Störfalls und Kontrollverlustes. Es wäre viel gewonnen, würde man die bisherigen Maßnahmen dringend empfehlen, statt sie anzuordnen. Der Rückgewinn einer gewissen Kontrolle über das eigene Verhalten würde dem Empfinden von Hilflosigkeit und Passivität entgegenwirken - die Bedenken gegen derartige Lockerungen sind zwar nachvollziehbar, doch auch die Konsequenzen eines fortgesetzten Klimas der Paralyse und Hilflosigkeit sollten bedacht werden. Damit wäre indes das Thema psychologische Folgen lediglich angerissen. Dringend erforderlich wäre zunächst einmal, dieses Thema überhaupt verstärkt in das Zentrum des öffentlichen Interesses zu rücken. Im Umgang mit SeniorInnen konnte und kann bislang keine Rede davon sein. 

Die Bundestagsdebatte zum Gedenktag 17. Juni 1953: Eine Erinnerung daran, dass Demokratie nicht nur eine Errungenschaft ist, sondern immer bedroht ist. Angesichts der um sich greifenden Autokratien und der in Anbetracht der Corona-Krise zu erwartenden sozialen Konflikte ist die Würdigung dieses Gedenktags umso wichtiger. Die Abgeordneten der verschiedenen Parteien gedenken des Mutes der gegen den stalinistischen Totalitarismus aufbegehrenden Menschen. Mit Ausnahme der durch Pöbeleien auffallenden AfD-Fraktion, deren Verhalten noch mehr über die Partei verrät als die Reden ihrer Abgeordneten, die das Gedenken der Opfer des 17. Juni zur Diffamierung anderer Parteien missbrauchen.  

400 Corona-Infizierte in einem Schlachtbetrieb von Tönnies. Die eigentliche mit Trauermiene vorgetragene Hiobs-Botschaft verkündet der Phoenix-Moderator ausgangs der Meldung: 20 % weniger Fleischprodukte auf dem Markt. Da beißt man sich vor Schreck in den eigenen Schenkel. 

In einem Beitrag zum Thema "Homeoffice" erklärte ein männlicher Interviewpartner, welche Vorzüge für ihn das Arbeiten im Homeoffice hatte. `Ich hatte mehr Zeit für meinen Hund, mein Kind, und...ach ja, auch für meine Frau.` Ein Familienbild, bei dem man sich fragt ist es `nur` erzreaktionär oder noch schlimmer?    

Werbung vor dem heute-journal: erst ein Werbespot für das Schlafmittel Neurexan, für all diejenigen, denen die Lebensumstände in der Corona-Krise den Schlaf rauben (Achtung: Hamstern. Dank reduzierter Mehrwertsteuer lohnt es sich, einen Vorrat an Sedativa anzulegen, der für einen Big Sleep genügt). Wem damit nicht geholfen ist, er möge zur Lektüre des Schwarzbuches `Woher, wohin - aber mit Sinn` von Ignaz Walter greifen, dem der nächste Werbespot gewidmet ist. Ein tiefschwarzer, an die Bibel erinnernder Einband, dessen finsteres Design alleine genügt um einen in einen tiefen Schützengrabenschlaf zu fallen.  

Viele Termine - wenig zu kommentieren. Ein weiteres Konjunkturpaket, eine Pressekonferenz der Ministerpräsidentenkonferenz, die demonstrativ Eintracht und Einigkeit bei der länderübergreifenden Beibehaltung der Hygieneregelungen zeigt. Markus Söder fürchtet den Ballermann und wirft ihn mit Ischgl in einen Topf. Nicht nur ein Affront gegenüber Spanien, sondern sachlich falsch und ungerecht - denn der Ballermann war kein Hotspot und produzierte keine Superspreader - im Gegensatz zu den bajuwarischen Bierzeltfesten. Bis es einen Impfstoff gibt lebt man weiter unter dem Diktat von Abstandsregeln, OP-Masken und Kontaktbeschränkungen. Ein notgedrungenes, sozialpsychologisches Experiment, dessen Bedingungen die wirtschaftliche Entwicklung verschärfen wird. Egal, ob man dies für angemessen, geeignet und verhältnismäßig erachtet - das bleibt Realität. Kontrollverlust, Furcht und das Bedürfnis, sich permanent zu waschen bestimmen die Befindlichkeit. Was bleibt da zu schreiben? Außer zu dokumentieren: das geschieht mit einem. Dazu muss man nicht mehr jede Talkshow sehen. Ich geh dann mal ein Kontaktformular ausfüllen und ein Bier trinken. 

Es bleibt bei einem Bier. Am Tresen drängeln sich die Menschen und suchen den Kontakt als handele es sich um eine Redaktionssitzung des `Demokratischen Widerstands`. Die Plexiglastrennung zwischen mir und dem Personal hinterm Tresen schwankt, mit ihm die Spiegelungen und ich fühle mich hinreichend besoffen. Ich suche das Weite und finde meinen Fernseher.

Im Auslandsjournal ein Beitrag über die Situation von Schwulen, Lesben und Transgender People in Polen. Ein 15-jähriger Exorzist streckt den Demonstranten der LBTG-Bewegung ein Kruzifix entgegen. Ein Pärchen verkündet stolz vor der Kamera: Wir Polen werden niemals tolerant sein. Katholische Kirche, Politik und große Teile der Bevölkerung halten Homosexualität für Krankheit und Sünde. An den Universitäten stehen Exkommunikationswissenschaften auf dem Lehrplan (...noch nicht, kommt aber bestimmt nicht). Die EU als Werteunion? So hoffentlich nicht. 

Es mag ja etwas dran sein an Klagen über die zu einseitig maskenfreundliche Berichterstattung öffentlich-rechtlicher Medien, dennoch sind die Ausnahmen von dieser Regel so erheblich wie die Krankheitsausbrüche in Schlachtbetrieben. Der ZDFZoom Bericht über die WHO, Trump und China geht jedenfalls nicht unkritisch mit dem Krisenmanagement auch Deutschlands um. Dass die WHO - gleichwohl zu spät - bereits Ende Januar den epidemischen Notfall ausrief hinderte Deutschland nicht daran Rosenmontag zu feiern und Massenevents wie Bundesligaspiele zuzulassen. Erst das Aufrufen der Pandemie fungierte als Weckruf - da hatte Taiwan, das bereits vor offiziellen Verlautbarungen Chinas auf beunruhigende Nachrichten im Internet reagierte längst präventiv reagiert. In Deutschland und anderen Ländern Europas hat man die Gefahr unterschätzt und scheute aus ökonomischen Gründen vor Konsequenzen zurück. Wie viele Infektionen hätten vermieden werden können und wie viele Leben wären gerettet worden, hätte man rechtzeitig Maßnahmen zur Eindämmung getroffen? Nicht nur das - rechtzeitige Prävention hätte den lockdown gegebenenfalls überflüssig gemacht. Statt selbstkritisch auf die Qualität des eigenen Krisenmanagements zu blicken klopft man sich auf die Schulter. Nicht nur das: sich zu brüsten die Welt blicke neidisch auf Deutschland ist abgeschmackt. Die Unterschiede der von der Pandemie betroffenen Länder hinsichtlich der ökonomischen Ressourcen über die sie und vor allem die Bevölkerung verfügen sind ein zu beklagender Missstand. Sich über den Neid anderer positiv zu definieren ist die typische Arroganz des Reichen gegenüber den armen Schluckern, auf deren billiger Arbeitskraft der eigene Wohlstand unter anderem beruht. 

Ich lanz nicht lassen - und wegen Karoline Preisler lohnt es sich, der Sendung beizuwohnen. Karoline Preisler hat sich bei ihrem Mann in Ischgl mit Corona infiziert, ist schwerst an COVID-19 erkrankt, hatte das  Gefühl bei vollem Bewusstsein zu ertrinken, überstand die akute Phase der Krankheit und einen ersten Auftritt bei Markus Lanz - nun wird sie Opfer von Diskriminierungen und Anfeindungen aus dem Netz und in ihrer Heimatstadt. Sie wird denunziert als Seuchenvogel, Nachbarn bieten ihr an ihr beim Kofferpacken zu helfen damit sie möglichst rasch die Stadt verlässt. Es ist beklemmend wie sehr ihre Erfahrungen denen der Opfer von Rassismus ähneln. Der zweite Themenblock der Sendung - struktureller Rassismus - war wohl zunächst als getrennter Themenblock geplant, durch die Schilderungen Karoline Preislers erweisen sich die Themen als eng verwandt. Die Motive der Exklusion, der Anfeindung, der Denunziation gleichen sich, die Methoden der hate-mails und Drohungen auch. Beeindruckend wird Karoline Preislers Auftritt dadurch, dass sie sich nicht als Gegenpol zu Stammgast Hendrik Streeck positioniert wie es Markus Lanz aus dramaturgischen Gründen gehofft haben mag. Hendrik Streeck vertritt den Standpunkt Sars Cov-2 sei nicht der Killervirus als der er dargestellt wird und die Lockerungen von Maßnahmen der Eindämmung seien vertretbar. Karoline Preisler widerspricht dem nicht, sondern geht auf die Ursachen ein,  die das Klima der Anfeindungen begründen, welche ihr entgegengebracht werden. So wie im Rassismus oft ein unbedachter Sprachgebrauch den Keim für dessen Salonfähigkeit legt schaffe der Sprachgebrauch unter anderem von Leuten wie Markus Lanz die Voraussetzung dafür, dass Menschen wie Karoline Preisler nicht nur Opfer von COVID-19 werden, sondern dass andere Eltern ihren Kindern untersagen, mit den Kindern von Karoline Preisler zu spielen. Markus Lanz bezeichnet den `Barkeeper mit der Klingel` aus Ischgl als `Täter`. Damit fügt er dem Klima der Angst, dass durch den martialischen, an Kriegsmetaphorik angelehnten Sprachgebrauch im Zusammenhang mit der Pandemie geschürt wird, noch die Schuldzuweisung an Infizierte hinzu, obwohl diese unverschuldet da unwissentlich andere infiziert haben. Haben die Menschen Angst, suchen sie Schuldige, die ihnen durch einen entweder - wie bei Markus Lanz - unbedachten Sprachgebrauch geliefert werden, der Verursacher mit Verschulder gleichsetzt, oder sie werden von politisch entsprechend interessierten Parteien geliefert. Der thematische Bogen, den Frau Preisler mit präzisen Sätzen schlägt definiert Rassismus als eine Ausprägung des umfassenden Themenfeldes Diskriminierung, die durch das Schüren von Ängsten, die Präsentation von Sündenböcken und durch einen bewusst oder unbewusst  tendenziösen Sprachgebrauch im öffentlichen Raum an Breitenwirkung gewinnt. Diese Frau gehört in Ethikräte und ins Parlament. Und ich ins Bett.   

 

91. 16. Juni 2020

Die Regierung befindet sich in einem Dilemma: In wie weit ist sie bereit ihrer verfassungsmäßigen Pflicht nachzukommen, jederzeit die Verhältnismäßigkeit ihrer Maßnahmen zu prüfen, wenn eine Mehrheit der Bevölkerung die Beibehaltung dieser Maßnahmen befürwortet? Regierung und Staat sind nicht dasselbe. Im Gegensatz zum Staat werden - in demokratischen Staaten - Regierungen gewählt. Es ist verführerisch für Regierungen, eine Politik des Ausnahmezustandes mit hoher Exekutivgewalt möglichst lange fortzusetzen, wenn man dazu Rückhalt aus der Bevölkerung hat - unabhängig davon, ob der Ausnahmezustand noch besteht und ob von einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe noch die Rede sein kann.   

Die Achillesferse demokratischer verfasster Staaten ist oft deren Regierung. Krisensituationen sind besonders heikel. Die Bevölkerung versammelt sich hinter der Regierung, die gesellschaftliche Schockstarre und die akute Bedrohung erfordern rasches Handeln ohne langwierige parlamentarische Debatten, die Opposition hat wenig zu melden und der Übergang von einem Ausnahmezustand, der zur Abwehr akuter Gefahren Einschränkungen der Grundrechte erlaubt hin zu einem gewohnheitsmäßigen Ausnahmezustand, der zur Prävention möglicher Weise drohender Gefahren aufrecht erhalten wird ist fließend. Je länger Maßnahmen aufrecht erhalten werden, die mit Einschränkungen der Grundrechte verbunden sind, desto mehr transformieren diese  Maßnahmen sich zu sozialen Standards des Verhaltens, die auch dann beibehalten werden, wenn die Maßnahmen nicht mehr erforderlich sind. Der Druck, deren Erforderlichkeit, Angemessenheit und Eignung dann noch zu überprüfen lässt nach, zumal die Aufhebung der Einschränkungen zu Konflikten mit einer Bevölkerung führt, die mittlerweile mehrheitlich deren Beibehaltung fordert. Es erfordert dann politische Selbstlosigkeit der Regierenden, gleichwohl die individuellen Freiheitsrechte entsprechend dem Verfassungsauftrag der Regierung wieder herzustellen. Derzeit ist von diesem Mut nichts zu spüren, eher ist die Angst vor der zweiten Welle Grund für die Verstetigung von Verhaltensmustern und Maßnahmen, die nur für den Ausnahmezustand und nicht für die Vorbeugung gedacht sind. 

Gelegentlich werde ich gefragt, ob ich mich als Regierungskritiker verstehe. Mir geht es (an dieser Stelle) nicht um Kritik an den Institutionen. Mich interessiert, wie die regierenden Personen ihren Regierungsauftrag interpretieren, ausführen und mit welchen Instrumenten sie arbeiten. Dabei liegt mein besonderes Augenmerk auf dem `Mundwerk`. Das stärkste Instrument der Politik, um Menschen von der Notwendigkeit ihrer Maßnahmen zu überzeugen ist Sprache. Die Janusköpfigkeit von Sprache gründet sich nicht nur auf die Differenz von Signifikant und Signifikat, sondern auch auf ihr Potenzial je nach Intention des Sprechers widersprüchliche Aussagen zu formulieren. George Orwell prägte den Begriff `Doppeldenk`. Dabei werden `zwei widersprüchliche oder sich gegenseitig ausschließende Überzeugungen aufrechterhalten und beide akzeptiert. Dadurch wird das Denken der Parteimitglieder schwammig und in Zweideutigkeit gelten, wodurch schnelle Kurswechsel sofort akzeptiert werden können, auch wenn es sich dabei um das genaue Gegenteil der zuvor noch gültigen Wahrheit handelt`(Wikipedia) Für George Orwell war dieses Beckenbauer-Prinzip (`Was schert mich mein Geschwätz von gestern`) Kennzeichen eines totalitären Regimes - dabei ist die Anwendung dieses Prinzips unabhängig vom politischen System hilfreich bei Begründungen politischer Maßnahmen. Ein Beispiel: will die Regierung begründen, wieso es richtig ist auf die Freiwilligkeit zu setzen betont sie das hohe Maß an Eigenverantwortung der Bürger, setzt sie auf Zwang betont sie die Gefahr des verantwortungslosen Handelns der Bürger. Je nach Kontrollaufwand wird entweder das hohe Maß an Eigenverantwortung betont (wenn die Durchführung der Maßnahme nicht kontrolliert werden kann) oder die Notwendigkeit des Zwangs für alle `wegen einiger Unvernünftiger` betont (wenn die Durchführung kontrolliert werden kann). Demokratie ist keine Impfung  gegen die Wirkung des `Doppeldenk`-Prinzips. 

Eine andere Methode politischer Lenkung ist die rhetorische Überdeckung strategischer Vorzüge des Tuns oder Unterlassens. Bei der Einführung der Corona-App in Deutschland hebt die Regierung hervor, es bedürfe keiner gesetzlichen Regelung, die das Diskriminierungsverbot bei Nichtnutzung der App festschreibt. Das `regele das Leben`. Schließlich habe ein Restaurantbesitzer keinen Grund, jemanden abzuweisen, der diese App nicht nutzt weil diese zum Zeitpunkt des Restaurantbesuchs noch keine Aussage über den Infektionsstatus des Besuchers zuließe. Abgesehen davon, dass ich diese Begründung nicht ganz nachvollziehen kann bedeutet der Verzicht auf die gesetzliche Regelung faktisch das Gegenteil dessen, was die Begründung für diesen Verzicht behauptet. Der Verzicht bedeutet, das der Restaurantbesitzer von seinem Hausrecht Gebrauch machen darf. Im Sinne einer höheren Bereitschaft die Corona-Warn-App zu nutzen ist es durchaus wünschenswert, wenn die Diskriminierung von Nichtnutzern den Anpassungsdruck erhöht. Der Verzicht auf eine gesetzliche Regelung duldet die Diskriminierung derjenigen, die auf die Anwendung der App verzichten. Die werden sozusagen verapplet.

Man kann auch mal etwas aus Scham über den politischen Pragmatismus bestimmter Entscheidungen verschweigen. Dass man den Fluggesellschaften erlaubt, die Flieger sogar (wie bei Ryanair) ohne Maskenpflicht und ohne Abstandsregelung voll zu packen wundert bei näherem Hinsehen nicht. Im Gegensatz zum ÖPNV und zu Fernzügen lassen sich im Flugverkehr mittels der Passagierlisten Infektionsherde gut nachvollziehen. Hauptsache. 

Ein weiterer rhetorischer Kniff besteht darin, auf gestellte Fragen zwar zu antworten, jedoch ohne die gestellte Frage zu beantworten. Markus Söder wurde auf der heutigen Pressekonferenz der bayrischen Landesregierung gefragt, wann die bestehenden Verbote in Empfehlungen umgewandelt sinngemäß wie folgt: es gelte vorsichtig einen Schritt nach dem anderen zu gehen. Man müsse sehen, wie sich die Urlaubssituation entwickele und dann komme der Herbst mit der Grippewelle. Der Journalist hat nicht gefragt, wann die Maßnahmen aufgehoben werden, sondern ab wann man den Menschen - deren Disziplin wiederholt gelobt wird - zutraut, sie auch ohne Verbot umzusetzen. Markus Söder beantwortete diese Frage nicht, stattdessen deutet er an, dass weder eine Befristung der Maßnahmen, noch eine Befristung der Verbote in Aussicht stehe - trotz der Aufhebung des Katastrophenfalls.

Was die Freiwilligkeit der App betrifft wird die soziale Kontrolle dafür sorgen, dass sie flächendeckend zur Anwendung kommt. Auch darüber - `Hast Du schon die App geladen? Sonst kommst Du mir nicht ins Haus`- werden sich Menschen entzweien.  

Die epidemologische Notlage von nationaler Tragweite sieht die FDP als nicht mehr gegeben an. Das hat mal so richtig politisches Gewicht. 

Geradezu euphorisch und triumphierend wird der schwedische Weg in Grund und Boden verdammt. Die Todeszahlen in Schweden bieten Angriffsflächen. Bei Quarks und Co wird betont, dass die dramatischen Zahlen in Schweden zu aller letzt darauf zurück zu führen sind, dass Schweden auf Empfehlungen für die Bevölkerung statt auf Verbote setzt: "Die Schweden setzen verstärkt auf die Eigenverantwortlichkeit und das scheint zum Teil gut zu funktionieren. Zwar suggerieren Bilder, etwa aus Stockholm, deutlich mehr öffentliches Leben als etwa aktuell in deutschen Großstädten, dennoch zeigen die - freiwilligen - Maßnahmen in Schweden Wirkung." Die Probleme Schwedens bei der Pandemiebekämpfung liegen im Bereich der Pflegeeinrichtungen und darin zu wenig getestet zu haben. ("Wie sinnvoll ist der schwedische Sonderweg?", Quarks.de, 12. 06. 2020). Beharrlich wird das Scheitern Schwedens nicht mit ungeeigneten Maßnahmen, sondern mit fehlendem Zwang begründet.

Selbst Demonstrationen gegen die Maßnahmen der Regierungen zur Bekämpfung der Pandemie setzen den Zwang und die Maßnahmen gleich, wenn sie sich gegen die Maßnahmen richten. Damit wenden sie sich gegen möglicher Weise sinnvolle Maßnahmen, die erst durch den Zwang in Misskredit geraten. Die Gleichsetzung von Maßnahme und Verpflichtung durchzieht auch die Publikationen zum Thema Nasen-Mundschutz. Beispielhaft sei der Beitrag "Corona: wie sinnvoll ist die Maskenpflicht wirklich?" von Andreas Schmidt zitiert (Merkur.de, 12.06.20). "Hinsichtlich der Maskenpflicht gibt es eine klare Antwort. Sie wirkt offenbar." Er bezieht sich dabei auf eine Studie, die sich lediglich auf die Wirksamkeit der Masken bezieht, nicht etwa auf die Wirkung der Verpflichtung.   

Börse vor acht: Franzosen und Italiener haben während der Krise durchschnittlich zwei Kilo zugenommen. Für Deutschland wurde der Sars-BMI noch nicht erhoben. Ich fürchte, ich treibe den Fettkurs deutlich nach oben. 

 

90. 15. Juni 2020

Demütigung durch Hilfeleistung: ein schwarzer Black-live-matters-Aktivist trägt einen rechtsradikalen Weißen huckepack aus einer Gefahrenzone. Wunderbar.

Die Datenschutzexpertin der Linken, Anke Domscheidt-Berg, äußere sich gestern im Heute Journal zu der Frage, warum die Nutzung der Corona-App nicht verpflichtend ist. Im Kern antwortete sie, dass eine Verpflichtung nichts nütze wenn sie leicht zu unterlaufen sei. Soviel zum Vertrauen Bundestagsabgeordneter in das verantwortliche Handeln der Bürger: auf Verpflichtung wird nicht verzichtet, weil man von verantwortlichem Umgang mit Freiheit ausgeht, sondern weil man von zu vielen Pflichtverletzungen ausgeht, um sie wirkungsvoll sanktionieren zu können. Moderator Kleber hakt nach: es liege doch im Wesen der Rechtsstaatlichkeit Verhaltensweisen auch dann anzuordnen, wenn sich nicht alle Regelverstöße nachhalten lassen - zum Beispiel im Straßenverkehr. Frau Domscheidt-Berg hält dem entgegen, dass sie sich von einer Freiwilligkeit eine hinreichend hohe Akzeptanz verspricht, die bei Zwang nicht gewährleistet wäre. Die Frage, in welchen Bereichen der Rechtsstaat auf Verpflichtung setzt und in welchen Bereichen auf Freiwilligkeit hat offenbar weniger mit dem hohen Gut der Freiheit zu tun, als mit der Einschätzung der Faktoren Effektivität und Kontrolle. Ein Verstoß gegen die Maskenpflicht ist schlicht einfacher festzustellen.

An diesen Beispielen lässt sich gut erkennen, was der Begriff "Freiheitlich" in der Freiheitlich Demokratischen Grundordnung bedeutet. Der Einschränkung der Freiheit durch den Rechtsstaat verleiht die Relativierung `freiheitlich` Ausdruck.  Diese Einschränkungen können sinnvoll bis verhängnisvoll sein. Das Abstandsgebot ist sinnvoll. Das Besuchsverbot in Pflegeheimen ist eine verhängnisvolle Einschränkung. Als verhängnisvoll kann sich auch der Verzicht auf Einschränkungen erweisen - dass Fluggesellschaften gestattet wird, die Mittelreihen zu besetzen könnte sich als fatal erweisen. 

Die Rivalität der politischen Systeme dreht sich darum, wie man die Produktivkräfte in der Gesellschaft optimal ausschöpft. Der Vorzug der Demokratie mag dem Vorzug des Homeoffice entsprechen - die Gewährung von individuellen Freiheiten in einer Leistungsgesellschaft erhöht die Tendenz zur Selbstausbeutung.

Zu Philipp Amthor: ein Jungspund verzockt sich über alle Maaßen.

Dass der Macrognom den Franzosen auf den Wecker fällt liegt wohl auch an seinen martialisch-pathetischen Reden. Sie hinterlassen einen möchtegern-napoleonischen Eindruck, vor allem: er redet zu einem Abstraktum namens Nation und nicht zu den Menschen. Das wirkt abgehoben und fordernd, wie ein Offizier der Opfer von seinen Truppen fordert während er im Offizierscasino Champagner süffelt. Auch er ist voller Lobes für sich, wenn er davon spricht, dass wir - L `Etat c`est moi - 10000e von Leben gerettet haben. Wie viele Menschen hätten in den Alten- und Pflegeheimen, den Krankenhäusern nicht sterben müssen wäre das Gesundheitssystem nicht marode? Eigenlob stinkt nach Verwesung. 

Ah...endlich die Bundespressekonferenz. Eine Radtour bietet sich an. 

Ich beließ es bei einem Einkauf. So wird mir das Glück zuteil noch einen Satz von Christina Routsi, Sprecherin im Verteidigungsministerium für die Angelegenheit von Personal und Nachwuchsgewinnung, zur Bundeswehr mitzuerleben, den sie  wohl nicht so gemeint hat, wie sie es gesagt hat: `Wir sind der freiheitlich demokratischen Grundordnung verpflichtet. Wir sind dem Land verpflichtet. Das passt einfach nicht zusammen.` Zu ihrer Ehrenrettung sei hinzugefügt, dass sie damit den von einem Hauptmann der KSK in einem Brandbrief an Frau Kramp-Karrenbauer angeprangerten rechtsradikalen Corpsgeist in der KSK meinte.

Volle Absicht war die Äußerung von Michael Stübgen, seines Zeichens Innenminister von Brandenburg, zur Einstufung der AfD Brandenburg als Beobachtungsobjekt: `Der Flügel ist längst der ganze Vogel`. Prägnant zusammengefasst. 

Putzig heute Robert Habeck. Er kritisiert den Rettungsschirm der Bundesregierung für Studenten, weil nur diejenige profitieren, die nachweisen dass ihr Konto leer ist. Das benachteilige Studenten, die Geld für ihre zukünftige Ausbildung zurückgelegt haben anstatt ihr üppiges Vermögen einfach zu verprassen. Stattdessen schlägt er ein Corona-Not-BaFög vor, das sich an den durch Corona verursachten Einnahmeausfällen orientiert. Habeck blendet aus, dass die Studenten zur Stützung der Konjunktur gefälligst ihr Geld ausgeben sollen - dafür dürfen sie dann unter den Rettungsschirm schlüpfen. Studenten aller Bundesländer: Bucht rasch Flugreisen eurer Wahl, damit euer Kontostand null wird. Wenn ihr den Klimaanlagen bei Ryanair nicht traut - kauft euch einen Gebrauchtwagen.

Ich bin Fan von WISO: Deutsche, macht Urlaub in Deutschland. In der Lüneburger Heide, am Edersee, in Sachsen-Anhalt. Haltet Euch fern von den Stränden meines Sehnsuchtsortes. Ich finde Dich leichter zwischen den darbenden Strandverkäufern, die zu St(r)andbildern mumifizieren. 

Frank Plasberg stellt in `Hart aber Fair` mittels eingespielter Interviewäußerungen die ersten Fluggäste bloß, die es wagen grenzüberschreitend zu verreisen. Es ist leicht den ersten Urlaubern, die nach Mallorca fliegen auf Basis von Interviewpartnern, die `Hauptsache Malle` plärren, Dummheit und Rücksichtslosigkeit zu unterstellen. Dabei treffen sie lediglich auf Basis einer unklaren Datenlage eine Risikoabschätzung - ähnlich jemandem, der abwägen muss zwischen Flugangst und Strand, oder zwischen zwei Stunden zu Fuß zur Arbeit gehen oder mit dem ÖPNV zur Arbeit fahren. Machen wir uns nichts vor: Die Aufhebung der Reisewarnungen riskiert lediglich, dass die Infektion - so vorhanden - ans Mittelmeer exportiert wird.  Wenn man kritisiert, dann sollten nicht die tollkühnen Linienflugpioniere Adressat sein, sondern Fluggesellschaften, die keinen Anlass dafür sehen Mittelreihen frei zu halten. Würde die Bundesregierung ansatzweise auf Karl Lauterbach hören, müsste sie die Aufhebung der Reisewarnung verknüpfen mit einer dringenden Warnung vor Flugreisen, was ganz offensichtlich nicht zu konjunkturellen Erwägungen passt. 

Christina Berndt setzt die Richtigkeit von Maßnahmen (erneut) gleich mit der Notwendigkeit zu Zwang. Schon ersteres ist strittig. Wenn Verzicht zum Dogma wird, das zu befolgen ist um andere zu schützen dürfte man nicht geboren werden. Wenn man denn schon da ist sollte man niemandem `Guten Morgen´ wünschen, weil der Tonfall den Anderen in den Selbstmord treiben könnte. Wolfgang Kubicki bleibt es vorbehalten darauf hinzuweisen, dass die Entscheidung für eine Flugreise nicht automatisch Ausdruck von Leichtfertigkeit ist, sondern auf Basis einer vertretbaren und verantwortbaren Abschätzung der Risiken für sich und andere erfolgt. Die Infektionsrate in Deutschland ist derart niedrig, dass ein Infektionsrisiko an Bord wohl nicht viel höher ist als das Risiko eines Flugzeugabsturzes. Zur Ausübung der individuellen Freiheitsrechte gehört das Handeln auf Basis der  Abschätzung der Risiken eigenen Handelns im Rahmen des Erlaubten. Die Ausübung von Freiheitsrechten als fahrlässig zu denunzieren ist verfehlt und gefährlich. Folgt man diesem Trend, dann ist im Rahmen des Gesundheitsschutzes die Ausübung von Freiheitsrechten an sich ein Risiko für die Gesundheit anderer. Der Schutz der Bürger durch den Staat bedeutet aber eben nicht ausschließlich den Schutz von Gesundheit, sondern mindesten gleichwertig den Schutz der individuellen Freiheit. Daher müssen nicht Aufhebungen von Einschränkungen, sondern die Einschränkungen immer wieder neu begründet werden. Für Kubicki ist es klar, dass die nach wie vor bestehenden Einschränkungen von Grundrechten in Anbetracht der Entwicklung des Infektionsgeschehens nicht mehr durch einen Katastrophenfall begründet sind. Die Frage ist: wodurch sind sie dann begründet? Kubicki deutet die Antwort an, wenn er anmerkt, dass die Einschränkung von Freiheitsrechten nicht mit der abstrakten Gefahr einer möglicher Weise drohenden Katastrophe begründet werden darf.

Karl Lauterbach gibt den üblichen Warner, aber man muss ihm lassen, dass er die Fluggäste nicht diskreditiert. Er stellt nur fest, dass er derzeit keine Flugreise in einer voll besetzten Linienmaschine antreten würde. Die Akzentverschiebung im Vergleich zu Frau Berndt ist deutlich. Frau Berndt sieht das Reisen mit dem Flugzeug als unverantwortliches Handeln an, das die Gesundheit Anderer riskiert. Aber in wie fern schränkt der Flugreisende das Recht anderer auf körperliche Unversehrtheit ein? Alle an Bord gehen schließlich bewusst das selbe Risiko ein. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit wird durch Flugreisende nicht beeinträchtigt, denn - wie Karl Lauterbachs Äußerung zeigt - man muss ja nicht fliegen. 

 

89. 14. Juni 2020

Die Corona-Krise vereinigt sich mit dem Serienuniversum. Die Netflix-Serie Curoon ist - der Titel lässt es erahnen - den Corona-Opfern gewidmet. Die Geschichte rund um den Glockenturm im Reschensee, der als einziges Gebäude einer untergegangenen Stadt noch über die Wasseroberfläche ragt kommt als etwas unausgewogener Cocktail aus Horrorstory, Familiensaga und Pubertätsdrama daher. Es geht unter anderem um böse Doppelgänger aus der Vergangenheit, die vom Grunde des Sees aufsteigen um die Originale zu ersetzen und deren Leben zu stehlen. Alles nach bekannten Strickmustern erzählt, die jedoch aufgrund der durch Corona veränderten Lebensumstände des Publikums Bezüge zur aktuellen Lebenswirklichkeit der Rezipienten knüpfen. Das Konstrukt einer düsteren Parallelwelt, in der Alter Egos hausen, die neidvoll auf ihre Zwillinge in der normalen Welt blicken - das sind wir in der Covid-19-Welt der sozialen Distanz, der Kontaktsperren, der Masken, des Gegenübers als Feind, der Berührung als Bedrohung. Unsere Beklemmende Normalität hat sich abgezweigt von unserem gewohnten Leben, das irgendwo weitergeht und in das wir zurück wollen. Das Schlussbild der Serie - eine Hommage an eine Szene aus dem Film `Das Omen`- zeigt aus der Vogelperspektive Gesichter, die unter dem Eis des zugefrorenen Sees treiben. Während ihnen die Luft zum Atmen fehlt starren sie in eine Welt, von der sie durch eine unüberwindliche Grenze getrennt sind. So blicken wir auf Monitore, auf denen Filme einer Vergangenheit zu sehen sind, die eben noch unser normales Leben war. Danach folgt die Widmung. 

Serien und Sirene. Eine buchstäbliche Veränderung der Reihenfolge der Elemente des Wortes `Serien` bringt ihre Wirkung hervor: der betörende Gesang unserer Alter Egos, die unser gewohntes Leben weiter führen, lockt uns in die Tiefe.

Um zu erkennen, dass dieser Blick auf das `Gewohnte Leben` sentimental, verklärt und reduziert auf die eigene Komfortzone ist, dazu genügt der Blick auf die mit Buntstiften gekritzelte Zeichnung eines siebenjährigen Jungen aus Syrien. Es zeigt tote Kinder mit abgerissenen Gliedern, deren Köpfe im Schoss ihrer trauernden Eltern ruhen. Die Gesichter der Kinder lächeln. Sie sind aus Sicht des Zeichners in einer besseren Welt als in derjenigen, in der die Eltern und der Zeichner leben müssen. Aus einer Dokumentation über "Das Haus Assad" auf dem ZDF-Info-Kanal.

Im Zusammenhang mit `Rassismus` von `Schwarzem Humor` zu sprechen ist per se heikel: aber über den "Racial Profiling"-Vorfall, von dem Burak Yilmaz am 12. Juni 2020 Burak Yilmaz berichtete, muss er beinahe selbst kichern. Burak Yilmaz ist Dozent an einer Polizeihochschule, was seine Kollegen nicht daran hinderte, ihn im Anschluss an einen Vortrag, den er zum Thema Rassismus hielt, ohne erkennbaren Grund festzuhalten und in die Mangel zu nehmen.   

Ich und meine Mainstream-Medien. Warum ich mich denn ausgerechnet mit deren Inhalten beschäftige?  Qualitätsjournalismus - wenn wir so was schon hören! Ich weiß gerne von wo der Wind weht. Entscheidend für die Effekte von Botschaften ist nicht ihr Wahrheitsgehalt, sondern ihre Breitenwirkung. Substanzielles zum Thema Medienkritik findet man bei www.uebermedien.de.   

Presseclub zum Thema Rassismus gegen Schwarze: die Frage Cui bono wird nicht gestellt. Dabei profitieren bei jeder Form von Rassismus bestimmte Bevölkerungsgruppen von der Abwertung anderer Bevölkerungsgruppen - von der Sklaverei als kostengünstige Methode der Ausbeutung der Arbeitskraft führt eine Linie zum überproportional hohen Anteil von people of colour im Niedriglohnsektor (und in den Gefängnissen, die als Arbeitslager funktionalisiert werden). Menschen als minderwertig abzuqualifizieren hält sie von Eigentum und materiellen Werten fern, zu deren Erwirtschaften sie durch niedere Tätigkeiten beitragen. Man werfe einen Blick auf die Liste der reichsten Menschen der Welt - nicht überraschend, dass es sich um zehn Weiße handelt. Offenbar ist die Frage nach dem Zweck von Rassismus selbst unter von Rassismus Betroffenen ein Tabu: Dabei ist evident, dass Rassismus ein Instrument der Verteidigung ökonomischer und politischer Macht ist.  Weißer Wohlstand, weißer Reichtum - das war die Idee der Apartheid in Südafrika.

Zum Abschluss der Sendung die umwerfende Bemerkung: `Rassismus gegen Schwarze ist keine blackbox`. 

Auf dem Weg zum Kiosk für Sargnägel: einige Wohnungslose sitzen auf der Treppe des `Europahauses`. Aus dem Ghettoblaster dröhnt eine Songzeile: `Wo ist das Glücksgefühl nach dem wir streben?` Das weiß ich wirklich nicht. 

Im Bericht aus Berlin wurde bezüglich des Nutzens der Mehrwertsteuer das Resümee gezogen: wer mehr ausgibt spahnt mehr. Abgesehen davon, dass man durch mehr Ausgeben nicht sparen kann erinnert das grade was die Situation weniger betuchte Konsumenten betrifft an einen zynischen Witz aus den 70er-Jahren: Ich kenne die Lösung des Welthungerproblems. Mehr spachteln. 

Dann ein Spot zum Thema Cybermobbing. `Cybermobbing ist unsichtbar. Genau hinschauen.` Wie das? 

Jens Spahn - gefragt wie er denn das Infektionsrisiko in Flugzeugen einschätze - `Man muss ja nicht verreisen`. Eben. Deswegen wurden die Reisewarnungen aufgehoben. Schöne Strände soll es in Absurdistan geben. Die ersten deutschen Touristen auf Mallorca bezeichnet man als `Testtouristen` oder `Probeurlauber`. Menschenversuche.

Berlin direkt: die Wissenschaft sollte dem Trend entgegen wirken, dass die Frage Lockerung oder nicht zu einer Glaubensfrage gerät. Die Wissenschaft aber gründe sich auf Zweifel. Das ist richtig, damit bleibt es jedoch dabei, dass die Frage Lockerung oder nicht eine Glaubensfrage bleibt. Das ist kein Indiz für fehlendes Vertrauen in die Wissenschaft, sondern logische Konsequenz aus der Erkenntnislage. 

 

88. 13. Juni 2020

Gelegentlich freut man sich über Wortmeldungen Anderer so enthusiastisch wie Zac Hobson aus dem Film `The Quiet Earth` wenn er feststellt, dass er nicht allein auf dem Planeten Erde ist. In einem Beitrag der WAZ von heute zum Thema `Was haben Sie aus der Krise gelernt?` kommen Leserinnen und Leser zu Wort. Die bringen Einiges besser auf den Punkt als dieser Blog, weshalb ich sie hier wiedergebe:

„Die nachhaltigste Wirkung für mich ist die Erfahrung, wie bedingungslos und unreflektiert der größte Teil der Bevölkerung den Lockdown hingenommen hat. Es verunsichert mich sehr, wie schnell sich eine Gesellschaft in Panik, Angst und Schrecken versetzen lässt und die Frage nach der Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen nur von Wenigen gestellt wird (Verschwörungstheoretiker ausgenommen). Für mich (72) heißt das u.a. für die Zukunft, dass ich z.B. unter solchen Umständen niemals pflegebedürftig in einem Heim untergebracht und den sogenannten Schutzmaßnahmen für ältere Menschen hilflos ausgeliefert sein will. Mit diesen Menschen habe ich das allergrößte Mitleid.“ (Irene Arndt, Essen).

(…)

„Ich bin Unternehmer und von der Krise kaum betroffen. Ich sehe aber wie um mich herum alles aufgrund der Beschränkungen zerfällt. Diese Übergriffigkeit des Staates macht mich sprachlos und muss auf reine Empfehlungen beschränkt werden. Meine jahrzehntelange liberaldemokratische Haltung ist verändert, ich werde nun die Parteien wählen, die den Eingriff des Staates in meine Grundrechte zukünftig ausschließen wollen. Dazu die sehr einseitige Berichterstattung der Medien – ich kann es nicht mehr hören. Gesundheitsvorsorge ist meine Sache und nicht die des Staates.“ (Eberhard Mücke, Bochum)

(…)

„Mit dem Lappen vor Mund und Nase werde ich nicht geschützt. Andere gehen oft recht lässig mit der Maske um, die sitzen nicht selten unzureichend. Das bringt dann auch nichts, von der Hygiene der oft selbst genähten Lappen mal völlig abgesehen. Aus meiner Sicht ist die Verlängerung der Maskenpflicht unverhältnismäßig.“ (Bernd Loewe, Hattingen)

Frau Arndt äußert sich nicht überrascht über das konforme Verhalten der Bevölkerung, sondern bestürzt über das Ausmaß der Konformität. Ihre Furcht vor `Schutzmaßnahmen`, die darin bestehen von Freunden und Verwandten isoliert zu sein, dafür aber der Infektionsgefahr durch unzureichend geschütztes Pflegepersonal ausgesetzt zu sein ist wohlbegründet. Der Umgang mit den SeniorInnen ist symptomatisch und passt hervorragend zu Sinn und Zweck des Konjunkturpakets – für das Ziel Wachstum bedarf es keiner Rücksichtnahme auf die Bevölkerungsgruppen, die mangels eigener Mittel in Form von Arbeitskraft und Geld zu Konsum und Wachstum nichts beitragen, sondern Kostentreiber sind: die Kinder und die SeniorInnen. Ähnliches gilt - wie ein Leserbrief von Norbert Hermann in der WAZ von heute ausführt - für Menschen, die das Pech haben in Flüchtlingsheimen unter den Bedingungen von Massenunterbringung auf ihre Infektion zu warten:

`Anstatt dass die Politik vorbeugend aktiv wird und zum Schutz der öffentlichen und individuellen Gesundheit eine Unterbringung in kleineren Unterkünften veranlasst, wartet sie ab, bis es passiert ist und halten dafür Einrichtungen vor. So Geschädigte sollten - sofern sie überleben - mit anwaltlicher Hilfe Schadenersatz einklagen. Die Strafanzeige wegen vorsätzlicher Körperverletzung kommt dann von mir. Das sollten sich auch Geschädigte aus Pflegeheimen - Pflegende wie Gepflegte - überlegen.'

Wenn eine Mehrheit der Bevölkerung den lockdown nicht nur hinnimmt, sondern befürwortet ist dies allerdings nicht ausschließlich dem Umstand geschuldet, dass eine Massengesellschaft nicht wie ein Individuum denkt  oder wie eine Gemeinschaft auf der Kommunikation aller ihrer Mitglieder untereinander beruht. In der Masse spannen Menschen ein Feld auf, das in Schwingungen versetzt werden kann, die sich statistisch niederschlagen und in Wellendiagrammen abgebildet werden - zum Beispiel als Gaußsche Glocke. Die Befürwortung insbesondere der Hygienemaßnahmen ist jedoch auch Resultat einer wettbewerbsorientierten Gesellschaft, in der entgegen der heraufbeschworenen sozialen Eintracht der Andere ein Konkurrent, ergo eine Bedrohung darstellt. Es ist daher ein eher leichtes Unterfangen, Verhalten zu manifestieren, die dem Charakter des Anderen als Feind (als `Gefährder`) Rechnung tragen. Die Hölle - das sind die Anderen, die unvernünftig und fahrlässig sind. So wie jeder ein Terrorist sein könnte kann auch jeder ein kleiner Bioterrorist sein. Cordula Schardt aus Essen schreibt hierzu:

`Corona zerstört das Sozialleben der Menschen. Wir umarmen uns nicht mehr in der Familie. Ich fühle mich stigmatisiert wenn Menschen auf Distanz gehen und mich als Feind betrachten. Ein bis zwei Meter Distanz signalisiert Achtung, Feind.`

Vor dem Hintergrund  dieser Ausweitung der Kampfzone nimmt es nicht Wunder, wenn Einschränkungen der persönlichen Freiheit nicht nur befürwortet, sondern mehrheitlich sogar gefordert werden. Die hohe Zustimmung zur derzeitigen Politik hat jedoch noch einen zweiten Grund - es handelt sich um die übliche Abgrenzung des Mittelstandes von den Rändern. Geschützt werden sollen die diejenigen, die Arbeitskraft und Kaufkraft bereitstellen: sie stellen die Mehrheit dar, die den Regierungskurs befürwortet. Ob es derzeit wirklich noch zutrifft, dass die Gesellschaft in Angst und Panik versetzt ist und das nur Wenige die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen in Frage stellen, ist nicht sicher - es genügt ja nicht sich zu Wort zu melden, man muss auch gehört werden können. Der zweite Leserbrief wehrt sich nicht nur gegen die Übergriffigkeit des Staates, sondern auch gegen die `einseitige Berichterstattung der Medien`. Wenn überhaupt kritische Stimmen zu Wort kommen, so landen sie gerne in der Schublade `Verschwörungstheorie`, `gefährlich`, `fahrlässig`. Nicht jeder der entweder nicht gehört wird oder schweigt nimmt unreflektiert oder bedingungslos hin, sondern vermeidet eventuell Ausgrenzungen, shitstorms und Anfeindungen bis in den eigenen Freundeskreis hinein. Denn, wie ein anderer Leser schreibt:

`Es wird gehetzt, gerast und geschimpft.` 

Die Symptome einer gereizten, feindseligen Gesellschaft, die sich Geselligkeit versagt und entgegen dem Charakter des Menschen als soziales Wesen menschliche Nähe als bedrohlich stigmatisiert äußern sich als Aggression. Der Austausch über unterschiedliche Standpunkte verwandelt sich zu Scharmützeln, in denen feindliche Parteien sich aus den Schützengräben ihrer Meinungen gegenseitig beschießen. Wozu diese gereizte Stimmung schließlich auch führen kann deutet der Leserbrief von Eberhard Mücke an. Er wirft seine liberaldemokratische Haltung über Bord und will Parteien wählen, die den Eingriff in Grundrechte zukünftig ausschließen wollen - welche Parteien er damit wohl meint?

Ein Freund bemerkte süffisant: die deutsche Politik ist befallen vom chinesischen Virus. Vom `Durchregieren´ im unbefristeten Ausnahmezustand und stabilen Umfragewerten beflügelt berauscht sich die megalomane Regierung an der schieren Größe und Tragweite ihrer Eingriffe. Im Augenblick könnte man meinen, Demokratie sei zu einer Formalität geronnen die etwa den Stellenwert der Monarchie in Spanien hat. 

Ein Leserbrief endet mit den Worten: `Hinterher ist man immer sauer`. 

  

87. 12. Juni 2020

Wichtiger als das `Lebensrelevante` ist das `Systemrelevante`. Martina Gedeck straft ihre eigenen Worte Lügen wenn sie in einem Interview in der heutigen Ausgabe der WAZ moniert: `Es ist mir absolut unbegreiflich, wieso man nun in Flugzeugen oder Flix-Bussen eng gedrängt sitzen darf, aber ein solches Theater gemacht wird um Freiluftveranstaltungen im Sommer. Opern, Theater, Konzerthäuser und Theater stehen monatelang leer - das kann ich nicht nachvollziehen` Dann gibt sie sich selbst die Antwort: `Natürlich kann man auf Kultur verzichten. Aber sie gibt etwas Wesentliches: Trost, Hoffnung, Freude. Vielleicht nicht systemrelevant, aber lebensrelevant.` Damit hat sie die Prioritäten zutreffend benannt.

Weder geht es um Trost, noch Hoffnung, noch Freude sondern um Märkte und um deren Wirtschaftlichkeit. Das ist der Grund warum die Rede ist von Orten, in denen der Sicherheitsabstand von 1,50 nicht gewährleistet ist. Da der Schutz der Gesundheit durch Abstand Betreibern von Geschäften, Verkehrsunternehmen, Fluggesellschaften etc. zu aufwändig wäre sollen die Kunden ihre Gesundheit riskieren, damit es leichter fällt mit einem stimmungsverdunkelnden Placebo im Gesicht zu berappen und zu buchen - zum Nutzen der Wirtschaft, des Arbeitsmarktes und der Staatseinnahmen. Kultur lässt sich auch als Konserve käuflich erwerben und genießen. Von A nach B gelangt man nicht virtuell. 

Wie definiert man Systemrelevanz? Als systemrelevant gelten die Betriebe und Branche der sogenannten `kritischen Infrastruktur`. Das sind laut Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales Unternehmen aus Einrichtungen und Betrieben in zehn Sektoren: 1. Energie, 2. Wasser; Entsorgung, 3. Hygiene, Ernährung, 4. IT und Telekommunikation, 5. Gesundheit, 6. Finanz- und Wirtschaftswesen, 7. Transport und Verkehr, 8. Medien, 9. staatliche Verwaltung, 10. Schulen, Kinden- und Jugendhilfe, Behindertenhilfe. In diese Bereiche muss das Geld fließen - Ausgaben im Bereich Kultur und Gastronomie stören da eher. Dass es selbstverständlich riesige Grauzonen der Systemrelevanz gibt, zeigt der Bereich Fußballbundesliga. Dieser Sektor wird zwar nicht `systemrelevant` genannt, wird aber sehr wohl so behandelt. Möglichst viele Menschen bei (Kauf)laune zu halten dient der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung - da gelten andere kulturelle Events als verzichtbar, die weniger Einschaltquoten und damit eine niedrige Erreichbarkeit für Produktinformationen versprechen. 

Zum wiederholten Male - diesmal bei Maybrit Illner - durfte Kanzleramtschef Braun hervorheben, die Welt sehe bewundernd auf Deutschland, was die Bewältigung der Coronakrise betrifft. Ob Neuseeland, Griechenland, Portugal, Südkorea und Taiwan bewundernd auf Deutschland blicken kann mit Flug und Recht bezweifelt werden. Die Betonung man bewundere Deutschland ist Marketing in eigener Sache, ein Buhlen um Anerkennung, anders lässt sich die Hervorhebung des Krisenmanagements auf ein Podest kaum erklären. Es mag sich auch um eine Vorabrechtfertigung kommender Maßnahmen handeln, das Einfordern von Vertrauen in die Notwendigkeit zukünftiger Zumutungen. Eine dieser Zumutungen benennt im Phönix-Tagesgespräch der Journalist Olaf Opitz, der darauf hinweist, dass von einer parlamentarischen Kontrolle der von Bundes- und Landesregierung beschlossenen Maßnahmen und Konjunkturpakete derzeit kaum die Rede sein kann und bei rückgängigen Infektionszahlen faktisch immer noch so regiert wird wie in einem akuten Katastrophenfall.

Selbst Olaf Scholz - so der Eindruck auf der heutigen Pressekonferenz des Bundesministeriums für Finanzen - scheinen leise Zweifel zu beschleichen, ob eine zeitlich befristete Senkung der Mehrwertsteuer und 300,00 e Familienprämie Menschen zum Geldausgeben motivieren. Daher mahnt er regelrecht an, die Bürger mögen jetzt konsumierten und es sei sozusagen nicht sozial, die weitere Entwicklung abzuwarten. Einmal gesetzt den Fall die Kauflaune werde durch die Senkung der Mehrwertsteuer geweckt - Steigerung der Kaufkraft bedeutet ja nicht Steigerung der Kaufbereitschaft - so ist fraglich, ob die Konsumenten ausgerechnet die Produkte kaufen wollen die im Angebot sind. Wollen die Menschen die Ladenhüter auf den Halden der Automobilindustrie erwerben? Produkte von gestern mag man für die Welt von morgen nicht unbedingt erwerben. Bei Markus Lanz weisen Jana Pareigis und Harald Welzer darauf hin, dass soziale, gesellschaftliche und kulturelle Umbrüche durch Generationenkonflikte forciert werden. Gegen Rassismus und den aktuellen Umgang mit dem Klimawandel gehen die jüngeren Menschen auf die Barrikaden: sie fordern nicht etwa die Rückkehr zu einem wachstumsorientierten Wirtschaften, sondern ein völlig anderes Wirtschaften, eine Abkehr von fossilen Brennstoffen und eine insgesamt auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Infrastruktur. Diese Generation wird den Umstand, dass sie die Schuldenlast aus den derzeitigen Maßnahmen zu schultern hat nicht damit belohnen, Produkte zu erwerben und einen Lebensstil zu pflegen, die genau zu der Klimakatastrophe führen, mit der sie sich herumschlagen muss. Das Konjunkturprogramm trägt hingegen die Handschrift einer Generation, die unter Neuer Normalität weitgehend versteht weiter so zu wirtschaften wie bisher unter veränderten Bedingungen. Lösungen von gestern für eine Welt von morgen werden sich viele verweigern. 

Folgendes statement eines Starbucks-Sprechers dokumentiert ein bemerkenswertes Verständnis vom Arbeitnehmer der Zukunft: "Wir respektieren alle Meinungen und Überzeugungen unserer Partner und ermutigen sie, ihr ganzes Selbst zur Arbeit zu bringen, während sie unseren Dresscode befolgen." Das ganze Selbst zur Arbeit zu bringen und austauschbarer Repräsentant des Unternehmens zu sein: das verbirgt sich hinter den Begriffen Engagement und Corporate Identity. Da hat man echt den Kaffee auf. 

Es ist diesmal nicht (nur) Tilo Jung, auf dessen Fragen Stefan Seiberts Antworten nicht eingehen. Die Frage von Peter Tiede wie viel an Lockdown-Maßnahmen sich hätten vermeiden lassen können hätte man die Bevölkerung entsprechend vorliegender Pandemiepläne ausreichend mit fmp2-Masken ausgestattet beantwortet Stefan Seibert so: `Wir können froh über die derzeit geringe Infektionsrate sein.` Wie viel ist 2 plus 2? Grün. 

Stellt sich die globale ökonomische Entwicklung als ein `L´ dar - und zwar als ein liegendes L in Form eines Bettes dessen Fußende nicht in Sicht ist - dann sind die akuten Probleme lediglich Vorboten, ein Rascheln im Laub. Sobald Arbeitslosigkeit und Konsumangst sich wechselseitig verstärken wird sich herausstellen, ob wir es nur mit einer vorübergehenden Krise zu tun haben. Die akute Angst vor Ansteckung und die Lähmung des öffentlichen Lebens mögen zurückgehen, die Scheu wird bleiben und der Blick öffnet sich für die Dimension der Wechselwirkungen ökonomischer und sozialer Folgen der shutdowns in der Weltwirtschaft. Wie beim Schach kann die Drohung mächtiger sein als die Ausführung: dem lockdown folgt die Furcht vor zweiten Wellen und weiterer Pandemien. Dass das Reiseland Deutschland Flugreisen trotz Aufhebung der Reisebeschränkungen meidet mag nur ein Detail sein, aber es verdeutlicht die Tiefe der Verunsicherung eben so, wie die faktische Beibehaltung des Ausnahmezustandes auch in Ländern mit geringfügigem Infektionsgeschehen. Trotz ihrer umstrittenen Auswirkungen wird die Maskenpflicht auch in den Bundesländern auf unbestimmte Zeit beibehalten, denen man ansonsten Laissez-faire vorwirft: der Anblick der Masken soll die Bevölkerung jeden Tag an die Gefahr erinnern, daran dass jeder gefährdet und zugleich möglicher Gefahrenherd ist. Welt in Angst - und Angst essen Kauflust auf.   

 

86. 11. Juni 2020

Die magische Stille der ersten Tage. Die Welt wie sie ist ohne uns. Zu Beginn trauten sich wenige raus. Ging man in die Wälder begegnete man selten Menschen, so als seien Menschen eine Gattung des Waldes, die sich rar macht wie Füchse und Rehe. Wir waren vom Unberührten berührt. Tangierte man Stadtränder bewegte sich niemand auf den Landstraßen oder vor den Türen, so als seien Häuser und parkende Autos Artefakte einer untergegangenen Zivilisation, Relikte eines Weltuntergangs. Die Stille ist längst vorbei. Die Straßen so verstopft wie eh und je. Schmerbäuchige Outdoortenthusiasten drängeln sich auf den Waldwegen. Mit zusammengebissenen Zähnen und aufeinander gepressten Lippen folgen sie im Stechschritt den Routenempfehlungen von Komoot. Nun hat man nicht mehr die Stille als üppige Kompensation für die willkommenen Kontaktbeschränkungen. Die Menschen sind wieder die Pest, die maskiert und grimmig Schlange steht vor Post. Walking Dead, die nicht wissen, dass sie tot sind. Aus den Douglas-Filialen weht Verwesungsgeruch. Alle Wiedergänger sind aus ihren Mehrraumgräbern wieder auferstanden, aber sie sind nicht mehr die selben. Hochgefahren aus den Eigentumsgruften bevölkern sie die Malls und Radwege wie Rückkehrer vom Friedhof der Kuscheltiere.

Gestern blätterte ich in einem Weltatlas von 1929. Damals, als Prinz Philipp 8 Jahre alt war, lebten auf der Erde 1,25 Milliarden Menschen - so viele wie jetzt allein in Indien. Derzeit sind es ca. 7,8 Milliarden. Der Prinz hat in seiner Lebensspanne erlebt, wie sich die Weltbevölkerung versechsfacht hat. Damals wurden in der Statistik `Viehbestand`erfasst: Rinder, Schweine, Ziegen, Esel, Pferde und - Bienenstöcke. Es leben noch Menschen, die sich an diese Zeit erinnern. Wenn mir schon diese Welt fremd wurde, wie grotesk und entstellt mag sie ihnen erscheinen. 

 

85. 10. Juni 2020

Die Maske fliegt von dannen. Das Gummiband findet nicht ausreichend Halt an meinen Segelohren. Tücken des neuen Alltags. Während ich mich bücke fällt mein Blick auf eine fluchende Mutter, die ihren Kinderwagen über ein Stück Kopfsteinpflaster schiebt. Die Vorderreifen blockieren, die Mutter schimpft: `Scheisscorona`. 

Im Supermarktcafe äußert sich am Nebentisch ein Mann wie folgt: `Von menschlichen Abgründen sehen wir nur die Spitze des Eisbergs.` Um eine aus den Fugen geratene Welt darzustellen ist Übertreibung zu dürftig. Man beschreibt sie durch die Formulierung von Unmöglichem, Widersinnigem, physikalisch Undenkbarem. 

Sebastian Fiedler, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, schilderte gestern bei Markus Lanz eine Episode aus seiner beruflichen Praxis. Bei der Geschichte von dem Paar, dass ein Kind zeugt, um es nach seiner Geburt zu missbrauchen bleibt einem die Spucke weg. Danach kam Sebastian Fiedler in der Sendung nicht mehr zu Wort. 

In der Phönix-Runde zum Thema Rassismus bringt die Soziologin Natasha A. Kelly auf den Punkt was struktureller Rassismus ist und warum es sich um eine Verharmlosung und Relativierung handelt wenn man bei Übergriffen mit rassistischem Motiv von Einzelvorfällen spricht: In der Afrikaforschung sind beinahe ausschließlich weiße ForscherInnen tätig, der Blickwinkel der Coloured People spielt in der Forschung über Coloured keine Rolle. "Ich möchte nicht als Forschungsobjekt für Studien von Weißen über Rassismus dienen." Rassismus auf Übergriffe zu reduzieren verniedlicht ihn zu reinem Randproblem - er besteht vor allem darin aufgrund seiner Hautfarbe übergangen zu werden, benachteiligt zu werden, kein Gehör zu finden in allen gesellschaftlichen Bereichen. Der Missstand ist ein kultureller Missstand. Wir leben in einer Monokultur, die Diversität vermeidet. Daran was in den Schulen gelehrt wird, was in Museen gezeigt wird hat sich trotz der zunehmend bunteren Gesellschaft nichts geändert. Die Vielfalt und ihre Ressourcen werden nicht genutzt, die Einfältigkeit erheblicher Teile der Gesellschaft nimmt zu.  

Horst Seehofer ändert auf der Pressekonferenz im Free Solo einen Buchstaben im Grundgesetz. `Niemand darf wegen seiner Abstimmung benachteiligt werden`. Politiker aller Parteien atmen auf. 

Julia Klöckner ist das Gesicht des pandemischen Optimismus. Die Art Optimismus, die sie verbreiten möchte stimmt mich pessimistisch. Ein fröhlicher Herdenoptimismus, der mich an die Stimmung erinnert, die Heinz Schenk beim Blauen Bock herauf beschwor. Weinfeste, Rote Bäckchen, Familie als höchstes Gut, Fleisch ist mein Gemüse. Wir machen alles so wie bisher nur mit Zettel ausfüllen, Mund-Nasen-Schutz und ohne Singen - bis uns in Ermangelung Sauerstoff erzeugender Meeresalgen die Luft ausgeht. 

Eine gewisse geistige Müdigkeit macht sich daran bemerkbar, dass mich selbst die Fragen von Tilo Jung bei der Bundespressekonferenz zu nerven beginnen. Was mich erfreut ist wie gut der Bildhintergrund zum Thema blauer Wasserstoff passt.   

Heiko Maas wurde von den israelischen Behörden beschieden er könne gerne das palästinensische Ramallah besuchen müsse danach aber zwei Wochen in Quarantäne. Diese Regelung gilt wohl nur für ihn, denn der Personenreiseverkehr zwischen Israel und den palästinensische Gebieten ist schon seit Wochen wieder möglich (laut Tagesschau.de von heute). Was macht man da? Man gibt der Erpressung nach und nennt das Kleinbeigeben `Änderung des Reiseplans`.

Hendrick Streeck ist wieder da - und wie. Seines Erachtens war das Verbot von Großveranstaltungen der Schlüssel zur Eindämmung der Pandemie. Jedenfalls sind danach, aber vor Inkrafttreten weiterer Maßnahmen die Infektionszahlen zurückgegangen. Weitere Maßnahmen hätte man vom konkreten Verlauf abhängig machen können, statt in den lockdown zu gehen.  Auch die Maskenpflicht sieht er kritisch: "Am Anfang der Pandemie wurde ja dezidiert gewarnt vor Masken. Die Gründe dafür gelten immer noch, auch wenn sie merkwürdiger Weise keine Rolle mehr zu spielen scheinen. Die Leute knüllen die Masken in die Hosentasche, fassen sie ständig an und schnallen sie sich zwei Wochen lang immer wieder vor den Mund, wahrscheinlich ungewaschen. Das ist ein wunderbarer Nährboden für Pilze und Bakterien."  (Merkur.de, 10.06.2020).  Auf der Bundespressekonferenz zu dieser Kritik befragt reagierte die Regierungssprecherin sauertöpfisch. Die Erfolge der Strategie sprächen für sich, auch wenn eine abschließende Bewertung der Einzelmaßnahmen noch nicht getroffen werden könne. Um es in den Worten eines Freundes zu sagen: es ist ungewiss ob die Interventionen auf die Situation "Infektionsgefahr" Ursache des Resultats "niedrige Infektionsrate" sind. Sich darauf zurück zu ziehen der Erfolg gäbe einem Recht  kann in Anbetracht der Möglichkeit weiterer Pandemien wohl kaum das richtige Rezept sein.

    

84. 09. Juni 2020

Corona weckt Totgeglaubte. Ich wusste nicht dass Rainer Langhans noch lebt, bis die WAZ ihn mit dem Ausspruch zitierte `Corona ist ein Segen.` Und im Himmel freut sich George Floyd über den Rückgang der Arbeitslosenzahlen in den USA.

Dass die Fleischindustrie nicht nur Tierwohl, sondern auch Menschenwohl gefährdet wird durch folgende Schlagzeile in der WAZ von heute bestätigt: "Abstandsstreit: Mann mit Filet verletzt." Demnächst ist der Erwerb von Steaks nur noch gegen Vorlage eines Waffenschweins erlaubt.

Und sei es nur um zu zeigen, dass es zur Kenntnis genommen wurde: "Jeder ist froh, mal wieder Freunde zu treffen, ins Cafe zu gehen oder ein Eis zu essen. Etliche planen einen Urlaub. Nur den Senioren bleibt alles verwehrt. Sie bleiben in Dauerquarantäne ohne Aussicht auf Lockerung. Sie haben keine Lobby und stehen am Ende der Öffnungskette. Das macht wütend." (Leserbrief von Ute Bauermann in der WAZ von heute). Umgekehrt mutet man Kindern und Eltern das aus pädagogischer Sicht sinnlose Experiment Schule für zwei Wochen zu um mal zu testen wie sich das Infektionsgeschehen so entwickelt. Isolationshaft am Lebensende, Versuchskaninchen am Lebensbeginn- da vergeht einem alles. Zur Erinnerung: mit dem Schutz der älteren Menschen wurden der Lockdown und die mit ihm verbundenen Einschränkungen von Grundrechten maßgeblich begründet. Die Einschränkung von Grundrechten hat verhältnismäßig und befristet zu sein. Angesichts der zunehmenden Öffnung des sozialen Lebens und zurückgehender Infektionszahlen ist es nicht hinnehmbar Senioren und Seniorinnen mit dem Argument des Schutzes ihres Lebens Lebensqualität und Lebensmut zu nehmen, den sie aus der Begegnung mit Angehörigen schöpfen. Von Verhältnismäßigkeit kann da keine Rede mehr sein. Auf der anderen Seite zwei Wochen vor Beginn der Sommerferien auf die Einhaltung der Schulpflicht zu bestehen wie in NRW und Eltern, Kinder und Lehrpersonal zur Inkaufnahme eines erhöhten Infektionsrisikos zu verdonnern ist zynisch. Das Thema Kindesmissbrauch empört zu Recht die Gesellschaft - umso schlimmer ist es, wenn die Schule als Labor für epidemiologische Folgeerscheinungen des Unterrichtsgeschehens in den Klassenräumen zweckentfremdet wird.

Zu Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen und Pflegepersonal um Besuche von Verwandten kommt es immer öfter. Ob dabei auch Filets zum Einsatz kommen ließ sich den Gazetten nicht entnehmen.

Ältere Menschen sind - 5 Euro ins Phrasenschwein - keine bessere Menschen. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes berichtet von Fällen, in denen Pflegebedürftige sich weigern von Menschen gepflegt zu werden, die nicht ihre Hautfarbe haben. Denen sollte man durchaus mit einem Hüftsteak den Allerwertesten versohlen. Stattdessen wurde der Pflegerin gekündigt.

Wenn die erste Welle der Pandemie ein Tsunami ist, der die Welt überrollt - wie sieht eine zweite Welle aus? Man stelle sich ein stehendes Gewässer vor über dem ein Hagelschauer niedergeht. Jedes Hagelkorn repräsentiert einen Infektionsherd. Das zukünftige Infektionsgeschehen und seine Intensität hängen davon ab, welche Interferenzmuster auf der Wasseroberfläche entstehen. Um die Einschlagstellen breiten sich die Wellen radial aus - wie weit und mit welcher Stärke hängt von der Wucht des Einschlags ob. Inwieweit die Wellen der verschiedenen Einschläge sich überlagern und aufschaukeln hängt von der Zahl der Einschläge, der Wucht der Einschläge, sowie der zeitlichen und räumlichen Verteilung der Einschläge ab. Je geringer die Wucht der Einschläge (Infektionsherde) , desto begrenzter die Reichweite der Wellen, desto niedriger die Zahl der Einschläge, desto geringer der Grad der Synchronisation der Einschläge und desto breiter die zeitliche und räumliche Streuung desto beherrschbarer das Geschehen. 

"Die Kritik an den Zuständen muss aus der Mitte der Gesellschaft erfolgen. Sie darf nicht den Populisten überlassen werden." (Veronika Grimm, Rat der Wirtschaftsweisen). Ich gebe mir alle Mühe, auch wenn ich nicht die Mitte sein sollte. 

 

83. 8. Juni 2020

Anne Will Schlusswort: "Rechtzeitig hinschauen." Ist die Quintessenz der gestrigen Sendung, funktioniert aber auch als Appell der quotenbewußten Moderatorin an das Publikum die nächste Folge nicht zu verpassen wenn die Frage lautet: "So etwas wie Rassismus - kann man ein  Bisschen schwanger sein?" Der Schlusssatz ist so ambivalent, dass man ihn multispältig nennen kann. Es kommt darauf an was dem rechtzeitigen Hinschauen folgt: "Rechtzeitig hinschauen" um der Erste zu sein der postet? Rechtzeitig hinschauen um so schnell wie möglich abzuhauen? Rechtzeitig hinschauen bevor man das Beste verpasst?  

Der Zusammenhang zwischen der Pandemie und dem unterschiedlichen Grad der Gefährdung entlang sozialer Unterschiede beginnt den Fokus zu verlagern. Nicht mehr der anscheinend gleichmachende Aspekt der Pandemie (Es kann jeden treffen) steht im Vordergrund, sondern der ungeschminkt zu Tage tretende Aspekt der ungleichen (Über)Lebenschancen je nach Zugehörigkeit zu bestimmten ethnischen Gruppen und sozialen Schichten. Ungünstige Herkunft, `falsche` Hautfarbe und niedriger ökonomischer Status entsprechen - epidemiologisch betrachtet - schweren Vorerkrankungen. Wem schon vor der Pandemie im übertragenen Sinne die Luft zum Atmen fehlte trägt ein höheres Risiko zu ersticken. Neu ist das nicht: das erhöhte Risiko ernsthafter Erkrankungen und eine niedrige Lebenserwartung war auch vor COVID-19 schon systemisch begründet. Seuchenbekämpfung ohne soziale Umwälzungen bleibt eine Veranstaltung für Privilegierte. 

BPK: Stefan Seibert wird 60. Willkommen in der vulnerablen Gruppe. Zur Feier des Tages stellt Tilo Jung die Frage, wie die Regierung Bilder von Polizeigewalt bei den Demonstrationen in Hamburg bewertet. Schmallippige Reaktion. 

Wie sehr die Konzentration darunter leidet, wenn einem die Schule des Lebens mit annähernd 60 Jahren immer noch die selbe Lektion erteilt wie gestern (damit werden wir aufräumen) zeigt, dass mehrere Stunden Sendezeit mit Tagesschau bis Hart aber Fair zu einem Beatles-Song mit Sprung in der Platte gerinnen: We all live in a yellow Sub sub sub sub sub... (Text: Hubertus Heil).

Plasberg ist zu unterstellen, dass er weiß wen er aus welchen Gründen einlädt. Aber welcher raffinierte Saboteur und Tierfreund hat das Selbstzerstörungsprogramm Manten im Verband der Fleischwirtschaft installiert? Plasberg brauchte das Programm nur noch durch Einladung in seine Talkshow aktivieren, indem er den Chef des Verbandes der Fleischindustrie Hubertus Heil, Robert Habeck und sich selbst zum - Entschuldigung - Frass vorwarf. Der Mann erwies sich sowohl rhetorisch, als auch psychologisch mit der Situation komplett überfordert und Max Straubinger, ein CSU-Abgeordneter und Landwirt, hatte nicht annähernd das Kaliber um ihm wirkungsvoll zur Seite zu stehen. Frank Plasberg wusste um dieses Gefälle und der mitfühlende Wolfgang-Koruhn-Gedächtnisakt der Unterschreitung des Mindestabstands zu Manten um ihn zu trösten war die ultimative öffentlich-rechtliche Demütigung des Repräsentanten der Fleischindustrie. Ein Akt des Trostes, bevor das rhetorische Abschlachten weitergeht, Mitgefühl, das die erbarmungslose Fleischindustrie unseren Mitgeschöpfen versagt. Mit unabhängigem Journalismus hat die Inszenierung der durch Manten verkörperten Banalität des Blöden nichts zu tun, hier wird der Stellvertreter einer lebensverachtenden Industrie moralisch geschächtet - methodisch zweifelhaft, aber es trifft zumindest nicht die falsche Branche.  

 

82. 7. Juni 2020

Das wurde aber auch Zeit. Banksy äußert sich zum Thema Rassismus in den USA: "Zuerst dachte ich, ich sollte bei diesem Thema einfach den Mund halten und Schwarzen zuhören. Aber warum sollte ich das tun? Es ist nicht ihr Problem. Es ist meins. People of colour werden von diesem weißen System im Stich gelassen. Das ist ein weißes Problem. Und wenn die Weißen es nicht beheben, wird jemand nach oben kommen und die Tür eintreten müssen." Das Neue daran: der Schritt Banksys aus der Anonymität. Immerhin weiß man jetzt etwas über seine Hautfarbe. Beim nächsten Werk verrät er vielleicht etwas über seine Schuhgröße oder sein Lieblingseis. Am Ende lüftet sich der Schleier (ein posthumes Werk von Christo) und Banksy entpuppt sich als George Soros.

Heute so weit entfernt von der Welt, dass ich mir einen Bericht über Kamele am Polarkreis ansehe.

Es mag etwas ketzerisch sein dies anzunehmen - doch die Massendemonstrationen gegen Rassismus in Deutschland (in der doppelten Bedeutung von in Deutschland stattfindende Demonstrationen und gegen Rassismus in Deutschland gerichtete Demonstrationen) entbehren nicht eines gewissen Happening-Charakters. So richtig und wichtig das Anliegen ist, so zweifelhaft ist es, dass 15000 Menschen am Berliner Alexanderplatz, 25000 Menschen in München und 14000 Menschen in Hamburg protestiert hätten ohne den besonderen Kick von Massenveranstaltungen in Zeiten der Abstandsregeln, des Maulkorbs und der Versammlungsbeschränkungen. Weder finden Festivals statt, noch Fußballspiele mit Publikum im Stadion. Kein Public Viewing, keine Raves, keine durchtanzten Nächte in Discotheken und an den Küsten Mallorcas. Da kommen Massendemonstrationen für die politisch richtige Sache grade Recht, um den kollektiven Erlebnishunger zu stillen und sich am Gemeinschaftsgefühl zu berauschen. Politisches Engagement wird zum Ersatz für den monatelangen sozialen Entzug, Verstöße gegen die Hygieneregeln werden nur halbherzig geahndet nicht nur weil die schiere Masse an Menschen dies erschwert, sondern auch, weil ein Vorgehen gegen die Demonstration die Berechtigung der Proteste bestätigen würde. Hier schützt die Moralität des gemeinsamen Aufmarsches gegen die Ahndung von Verstößen die Demonstranten ebenso wie die Fußballprofis. Wie viele Weiße marschieren wohl mit einfach weil das Erlebnis in der Menge sich so gut anfühlt und die Love Parade nicht mehr stattfindet? Der Kreis zum Thema Pandemie schließt sich auf makabere Weise durch den zum Leitmotiv der Anti-Rassismus-Bewegung gewordenen Satz `I can´t breathe`, denn genau dieses Schicksal erlitten die an Covid-19 Verstorbenen, in den USA befinden sich unter ihnen überdurchschnittlich viele Afroamerikaner. 

Der Weltspiegel: ein Beitrag über Funkwellenreiter, die den neuen G5-Standard für Covid-19 verantwortlich machen. Ich tippe eher auf die G7 oder sogar die G20. Oder sogar auf die geheimnisumwitterte G-Zumteufel.

Stefan Simons sagt bei Anne Will meinen Lieblingssatz: Machen wir uns nichts vor. Die Situation der Afroamerikaner ist bestimmt durch Nutrition Deserts, Ghettos, in denen das Lebensmittelangebot eine auch nur annähernd gesunde Ernährung nicht ermöglicht. Kein Zugang zum Bildungssystem. Adipositas, Diabetes, Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems erhöhen das Risiko schwerer Erkrankungen (nicht nur Corona) ohne Zugang zum Gesundheitssystems. Bei sinkenden Kriminalitätsraten füllen die privat betriebenen Gefängnisse ihre Zellen mit Afroamerikanern auf, damit das Geschäft läuft. In den USA finden keine Demonstrationen gegen Rassismus statt, und auch nicht für gleiche Rechte. Es formiert sich ein Spartacusartiger Widerstand gegen erbärmliche Lebensbedingungen, über die man den Schleier einiger afroamerikanischer Erfolgsgeschichten ausbreitet. Mit friedlichen Demonstrationen wird es nicht getan sein in einem Umfeld, in dem friedliche Demonstranten mit Tränengas bekämpft werden, damit ein Bauunternehmer eine Bibel verkehrt herum in die Kamera halten kann.  

Samira El Quassil argumentiert eklektizistisch. Sie sammelt herausragende Lowlights unbeschwerten Rassismus (Polizisten im Deutschen Kukucks-Klan, Talkshows mit Roberto Blanco und Frauke Petry zum Thema: Wird man das N-Wort doch wohl noch sagen dürfen?) und sieht extreme Ausschläge aufgrund ihrer Prägnanz als Indiz für das Ausmaß des strukturellen Rassismus. Je höher die Spitze, desto breiter die Breite? Norbert Röttgen macht es genau umgekehrt: er sieht die Ausschläge als Ausnahme an, deren Prominenz den Blick auf den großen gesellschaftlichen Konsens der Ablehnung von Rassismus verstellt. Wenn die eine überspitzt und der Andere bagatellisiert kann die Mitte immer noch erschreckend weit rechts liegen. Die einzig substanzielle Aussage des Abends ist eine Frage von Alice Hasters, die nicht beantwortet wird: Wenn es in Deutschland so viel Einzelbeispiele für rassistische Übergriffe gibt, wie kommt man darauf, dass dies kein strukturelles Problem sei? 

Das Motiv für Rassismus hat sich nicht gewandelt: Privilegien und Profit. Menschen für minderwertig zu erachten und Mehrwert anzuhäufen ist dasselbe. Die Konsequenz die zu ziehen wäre aus dem Umstand, dass die Schnittmenge aus Opfern des Rassismus, Opfern der Armut und Opfern von COVID-19 gigantisch ist wäre das Eingeständnis, dass Kapitalismus und Diskriminierung zwei Seiten der selben Medaille sind - und dann? 

Eine neue Kategorie in der Kriminalstatistik des BKA: Deutschenfeindlichkeit. Man kann doch nicht einfach das Privileg rassistisch malträtiert zu werden den anderen überlassen. Auch die Deutschen wollen das Recht haben diskriminiert zu werden.

   

81. 6. Juni 2020

"Ich hätte den Anhang lieber löschen sollen als ihn zu öffnen. Stattdessen befinde ich mich in einem Paul Auster-Szenario. Das Video wurde in meiner ehemaligen Bochumer Wohnung aufgenommen. Ich habe sie vor knapp 3 Monaten aufgelöst. Das Mobiliar befindet sich jetzt hier. Der Fernseher. Der Schachtisch. Der Globus auf dem Buchregal, ein Imitat des Erdapfels von Martin Benhaim. Die Aufnahme kann unmöglich aktuell sein, es sei denn jemand der mich sehr gut kennt hat sich die Mühe gemacht dort einzuziehen und das Leben weiterzuführen, das ich hinter mir ließ. Aber wie hätte er die Topfpflanzen auf dem Fensterbrett imitieren können, inklusive der vertrockneten Blätter, die ich nicht abgeschnitten habe? Der Fernseher läuft. Eine Nachrichtensendung. Nächtliche Bilder von Wagenkolonnen in Camouflage, die Leichen abtransportieren. Prügeleien zwischen Familien, die um Atemgeräte für ihre Angehörigen kämpfen. Luftaufnahmen von frisch ausgehobenen Massengräbern in Lichtungen des Kahlschlags, den illegale Goldgräber im Regenwald hinterließen. Kommentatoren, die mit freundlicher Neutralität in der Stimme Opferzahlen aus aller Welt verlesen als handele es sich um Aktienkurse. Am oberen rechten Bildschirmrand das Datum. 31. Mai 2020. Ein Kameraschwenk. Auf den Spiegel mit dem markanten Sprung im Glas, der nicht mehr dort sein kann, weil er jetzt hier in meinem Schlafzimmer hängt. Ein alter Mann in meinem Bademantel. Eingefallene Wangen, bleierne Haut. Tränensäcke. Unrasiert. Übergewichtig. Eine gespiegelte, ausgestreckte Hand, ausgestreckt zur Abwehr eines Monsters. Ich...ich muss mich..."  

Ein schmaler, menschenverlassener Waldweg zu Beginn des Lockdowns. Es dauerte, bis wir realisierten, dass es sich bei dem himmlischen Rauschen nicht um Verkehrslärm einer Autobahn, sondern um das Brausen des Windes in den Wipfeln des Mischwaldes handelte. In weniger scheuer, als vornehmer Distanz kreuzen zwei Rehe den Weg. Der erschütternde Moment der Erkenntnis, dass dies die Welt ohne uns wäre, dann das sichere Gefühl dass unsere Zeit bald vorbei ist und es kein Entkommen gibt. 

Samstag Morgen. Pandemiefreie Zeit, die ich mir mit einem Beitrag über die George Soros-Verschwörung auf dem ZDF-Info-Kanal vertreibe. George Soros, der perfekte Gegner für Orbans antisemitische Kampagnen, Feindbild der Republikaner, der es wagt den US-Demokraten Geld zu spenden, angeblich - viel schlimmer! - die `Black Lives Matter`-Bewegung` unterstützt, die weiße Rasse auslöschen will, indem er die Welt mit Migranten überflutet. Die Idee der Personalisierung eines Feindbildes als Basis erfolgreicher politischer Kampagnen im Zeitalter von social media geht auf Arthur Finkelstein zurück, das Mastermind der Kampagnen strammer Rechter, denen die offene Gesellschaft, die Linken und die Demokratie ein Greuel sind. Ein Feindbild im Zeitalter elektronischer Massenmedien entfaltet die stärkste Wirkung, wenn es personalisiert wird - nicht die Taliban sind der Feind, sondern Osaman Bin Laden. Nicht Microsoft ist der Feind, sondern Bill Gates, nicht die Juden sind das Böse, Hinterhältige, sondern George Soros, nicht die Schwarzen sind das Übel, sondern Barack Obama. Hetzkampagnen im Zeitalter von social media funktionieren auf metonymischer Basis - pars pro toto. Damit entzieht man die Kampagne nebenbei der Kritik insgesamt rassistisch oder antisemitisch zu sein; schließlich richtet sie sich `nur` gegen eine Person. Die Propagandastrategien der Nazis waren zu erfolgreich, als dass sie nicht kopiert und optimiert worden wären - ironischer Weise von jemandem mit jüdischen Wurzeln (Finkelstein) um gegen jemanden mit jüdischen Wurzeln (George Soros) zu agitieren. Nutznießer ist Viktor Orban, der seine politische Karriere unter anderem der Förderung durch von George Soros unterstützte Einrichtungen verdankt. So dringend notwendig es ist, wirkungsvolle Maßnahmen gegen die Folgen des Klimawandels zu treffen - sie werden ohne eine Bekämpfung des politischen Klimawandels nicht erfolgreich sein. 

 

80. 5. Juni 2020

Wenn ein Politiker sagt: `Ich bin davon überzeugt` heißt das `mir fällt kein gutes Argument ein`. So heute Morgen SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil im Streitgespräch mit Christian Dürr von der FDP. Klingbeil ist normaler Weise nicht um gute Antworten verlegen, dem Zweifel daran, dass die Senkung der Mehrwertsteuer konsumanregend wirkt vermag er indes nur die `feste Überzeugung` entgegenzusetzen: `Doch!`. Man gewinnt den Eindruck Lars Klingbeil möchte Herrn Dürr am liebsten zustimmen, so dürr fällt seine Replik aus. 

Lars Feld, der Chef der Wirtschaftsweisen sieht die Senkung der Mehrwertsteuer so: "Die Leute halten sich ja mit dem Konsum zurück, weil sie eine Ansteckung mit dem Corona-Virus fürchten. Und dieses Problem wird nicht behoben - weder mit einer Mehrwertsteuersenkung, noch mit einem Kinderbonus." (Interview geführt von Jochen Gaugele, WAZ, 05. 06. 2020). Zur Furcht vor Ansteckung gesellt sich die Furcht vor Arbeitslosigkeit - diesem gewaltigen Rezessionspaket mit einer seichten Senkung der Mehrwertsteuer zu begegnen ist, als wolle man eine Feuersbrunst mit einer Gießkanne für Balkonpflanzen löschen. Zudem hat die "Mövenpicksteuer" gezeigt, dass Senkungen der Mehrwertsteuer von den Unternehmen als Subvention eingestrichen werden - allen Appellen und Selbstverpflichtungen der Unternehmen zum Trotz. Das eigene Hemd ist den Unternehmen näher, als die tote Hose des Kunden. Doch selbst wenn die Senkung an Kunden weiter gegeben wird: das wird den Konsum nur bei denjenigen anregen, die ohnehin begütert sind und sich den Kauf hochwertiger Produkte leisten können. Je höher der Preis, desto größer der Mitnahmeeffekt. Es profitieren nicht wie behauptet alle in der Gesellschaft (wer eine neue Hose nicht kauft, die 99 € kostet kauft sie auch nicht, wenn sie 97 € kostet), sondern diejenigen die besser gestellt sind, keine finanziellen Sorgen haben aber natürlich gerne beim Autokauf einen Tausi sparen. Die Senkung der Mehrwertsteuer ist eine Förderung der Besserverdienenden und der Automobilindustrie - sie macht (wie eine Abwrackprämie) Benziner billiger und fördert deren Absatz. Ein politischer Kartenspielertrick, ein Täuschungsmanöver, das suggeriert den Schwächeren zu helfen und nur den Stärkeren nützt.  

Die Bundespressekonferenz. Eine gute Gelegenheit Kaffee zu kochen und ein ausgedehntes, zweites Frühstück zuzubereiten. Aus den Ohrenwinkeln höre ich die Frage von Herrn Jung woher die Bundesregierung die Hoffnung nehme, dass Unternehmen die Senkung der Mehrwertsteuer an die Kunden weiterreichen. So sei die Senkung der Mehrwertsteuer für Tampons nicht an die Kundinnen weitergereicht worden - die Unternehmen haben ihre Kundinnen weiter bluten lassen, d.h. sie haben die Preise nicht gesenkt. Nun ja...ob eine Preissenkung in diesem Fall zu einer Erhöhung des Verbrauchs geführt hätte ist zweifelhaft und das wäre den Kundinnen auch nicht zu wünschen gewesen. 

Ebenso beklemmend wie die aktuellen Meldungen und Berichte sind ausbleibende Nachrichten. Über Moria wird derzeit nicht berichtet, so als sei über das Flüchtlingslager eine Informationssperre verhängt. Der aktuellste Bericht den ich im Netz finde wurde am 11. Mai 2020 veröffentlicht. Die Funkstille seitdem kann vieles bedeuten, jedoch wohl kaum etwas Gutes. Bestenfalls schaffen es Berichte über die Lage in Moria einfach nicht an die unruhige Oberfläche der Nachrichtenflut. Schlimmstenfalls werden der Öffentlichkeit Bilder von Not und Elend der Flüchtlinge entweder nicht zugemutet, oder man lässt sie gar nicht erst zustande kommen. Die Abschottung geschieht aus Fürsorge. Man stellt die Heimatlosen unter Quarantäne, damit sie in ihren Himmelbetten aus Müll nicht durch verseuchte Journalisten und Mitarbeitern von Hilfsorganisationen infiziert werden. Schutzhaft. 

Kastenhaltung für Schweine. Das EU-Modell für Flüchtlingslager?

Lebenslust in Rheinland-Pfalz: Bordelle und Blasorchester wieder erlaubt. 

Ich sehe soviel Realität, dass ich mich in Fernsehserien nicht mehr zurecht finde. Zuviel Wirklichkeit verleidet einem die Fiktion. Ich verlasse die Wohnung und stromere herum. Vor einem Cafe ein Notarztwagen, mit Defibrillatoren bewaffnete Sanitäter stürmen das Cafe mit der Wucht eines Sondereinsatzkommandos. Zu starker Espresso.  

Es ist Freitag Abend, der Sturm der Pressekonferenzen, Ausschüsse, Stellungnahmen, Interviews, Talkshows, Reportagen, Magazine versiegt. Wer bin ich und wozu?

 

79. 4. Juni 2020

`Die Mehrwertsteuer hatte niemand auf dem Zettel` gibt sich das MoMa überrascht. Doch! Seherin Anja Kohl, Moderatorin der `Böse vor acht`. Sie schlug bei Maischberger eine Senkung der Mehrwertsteuer vor. Der Sendeleitung war dies die Einblendung wert es handele sich bei der Sendung um eine Konserve von 21 Uhr, also aufgezeichnet bevor die Große Koalition vor die Presse trat. Eine Flut von Bettelbriefen mit der Bitte um Börsentipps wird die Quittung für prophetische Fähigkeiten oder exzellente Kontakte zu gut informierten Kreisen sein.  

Über Sandra Maischberger ergießt sich ein Shitstorm erboster Kommentare, da in ihrer Talk-Show zum Thema Rassismus ausschließlich Weiße debattierten. Wozu die Aufregung? Es war halt eine Expertenrunde.

Eine Manifestation von alltäglichem Rassismus besteht darin, über die Betroffenen zu reden ohne sie zu Wort kommen zu lassen. Das geht so weit, dass die nicht von Rassismus Betroffenen ganz selbstverständlich die Definitionshoheit darüber was als rassistisch gilt für sich beanspruchen. 

Nur weil eine Maßnahme überraschend kommt, entfaltet sie noch nicht die erhoffte Wirkung. Markus Söder ermuntert: man solle jetzt nicht nur Möbelhäuser besuchen um zu gucken, sondern auch um Möbel zu kaufen. Eine Senkung der Mehrwertsteuer um 3 Prozentpunkte wird nichts daran ändern, dass die Menschen sich auf den Kauf des Notwendigen beschränken. Man wird Probe liegen in chicen Betten, und anschließend im Supermarkt eine Banane zusätzlich kaufen. 

Der BUND und der paritätische Verband kritisieren zu Recht das Konjunkturpaket. Da es einseitig auf die Stärkung der Konsumbereitschaft setzt fehlt die erforderliche ökologische Lenkungswirkung und werden die Ärmsten der Gesellschaft nicht berücksichtigt. Das Wort Pflege taucht auf den 15 Seiten des Programms nicht ein einziges Mal auf. Auch Platzpatronen machen Wumms.  

Allerdings (um nicht wieder zu sagen: Machen wir uns nichts vor): vor der Zukunft kommt die Gegenwart. Gemessen an den unterschiedlichen Positionen der Parteien, der Vielzahl der akut von der Pandemie und der Rezession betroffenen Bereiche ist das Konjunkturpaket als Soforthilfeprogramm geeigneter als zu befürchten war (Annalena Baerbock wird mich zitieren. Wetten?). Mäßig ist besser als schlimm und mangelhaft besser als ungenügend. Zudem werden Debatten im gesellschaftlichen und parlamentarischen Diskurs anhalten, weitere Anpassungen und Maßnahmenpakete sind zu erwarten, sobald der Bundestag und der Bundesrat sich mit den Konjunkturprogramm befassen. Ein durchwachsener Start also, aber wenigstens kein Fehlstart. Erkennt zähneknirschend selbst Greenpeace-Chef Martin Kaiser an.

Auch ich bin Lobbyist, wenn auch nur in eigener Sache. Man erkennt die Parteil-Ich-keit in dem, worüber ich kaum schreibe. Die Belastung der Alleinerziehenden, die prekäre Situation von Familien in beengtem Wohnraum und beengten ökonomischen Verhältnissen. Als alleinstehender Skeptiker des Familiarismus, mit deutlich mehr Vergangenheit als verbleibender Zeit, sehe ich in Kindern nicht meine Zukunft - meine Zukunft ist das Alter und der Tod. Statt Botschaften an ein anderes Ich in der alten Normalität zu verfassen möchte ich es besuchen solange ich noch verreisen kann. Ob ich willkommen bin?  

Bislang ist Dunkle Materie den Physikern ein Rätsel. Man weiß dass es sie gibt, weil man ihre gravitative Wirkung nachweisen kann, aber man weiß weder, woraus sie besteht, noch wie sie aussieht, noch welche Eigenschaften sie über ihre ihre gravitative Wirkung hinaus hat. Nun hat der Neurowissenschaftler Karl Friston festgestellt, dass Dunkle Materie eine immunisierende Wirkung hat, die niedrige SARS CoV-2 Infektionsraten in Deutschland erklärt: `Eine Erklärung die immer wahrscheinlicher wird, ist, dass Deutschland mehr immunologische Dunkle Materie besitzt` - so Karl Friston im Interview mit dem britischen Guardian (Laura Spinney, `Germany may have more immunological dark matter`, The Guardian, 31. May 2020). Die hohe Konzentration Dunkler Materie mag mit Deutschlands finsterer Vergangenheit zusammen hängen, ihre immunologische Wirkung könnte auf spezifischen hygieneförderlichen Eigenschaften der Dunklen Materie beruhen. Physiknobelpreisträger Frank Wilczek hat diese Eigenschaften vermutet. Wilczek zu Folge besteht Dunkle Materie aus WIMPs (Weak Interactive Massive Particles), die er  Axone taufte - nach einem in den USA weit verbreiteten Waschmittel. Indizien für die Wirkung Dunkler Materie in Deutschland existierten schon vor COVID-19: Roy Black wurde ein makelloser Weißer, der erste dunkelhäutige Schlagerstar in Deutschland heißt Roberto Blanco. Die Bundesrepublik - der Weiße Westen.   

Ein Beitrag auf Phoenix über Landwirtschaft und Dürre. Wissenschaftler wuseln geduckt wie Wildschweine auf Beeten herum und nehmen Bodenproben. Das ist mal echte Feldforschung. 

Die Phoenix-Runde gestern: ein furioser, zorniger Ron Williams liest den Republikanern, Donald Trump und der auf Mäßigung bedachten weißen Talkrunde die Leviten, ohne es auf der sprachlichen Ebene an Sachlichkeit fehlen zu lassen. Sehens- und hörenswert, auch was die peinlichen Bemühungen der Talkrunde betrifft, Ron Williams Honig ums Maul zu schmieren und gleichzeitig Friedfertigkeit von den Afroamerikanern einzufordern (unbedingt die Mediathek konsultieren). 

Was wenn man dem Begriff Lockdown seinen Schrecken nähme, indem man seine ökologisch positiven Aspekte hervorhebt? Wenn man auf eine Pandemie mit einem lockdown der Wirtschaft adäquat reagieren kann - wieso eigentlich nicht auf die Klimakrise? Statt den lockdown nur als notwendiges Übel anzusehen: wie wäre es damit ihn als strategisches Instrument gezielt zur Abwendung der Klimakatastrophe einzusetzen? Eine Woche globaler lockdown pro Jahr. Undenkbar, wie vieles andere was vor Corona als undenkbar galt. Ich trage das mal dem Feenministerium in Island vor. 

Der DAX langweilt sich. Die EZB erhöht das Volumen des Aufkaufs von Staatsanleihen um weitere 600 Milliarden Euro auf 1,35 Billionen Euro - und die Kurse bleiben stabil. Business as usual. Ganz anders in Italien - man wird dort zu Ehren der EZB-Chefin irgendeinen Flughafen in Lagardia umbenennen. 

Kommt nach der Maskenpflicht die Konsumpflicht? Jedenfalls spricht Comicsprachvirtouse `Batmaaan!´ Olaf Scholz (Bazooka, Wumms) im Heute-Journal eine dringende Kaufempfehlung aus. Was, wenn dieser dringenden Empfehlung die Fortsetzung der Konsumflaute folgt? Dann darf man den Supermarkt erst verlassen, wenn der Mindestkonsum von 30,00 € erreicht wird. Im Ernst: Die permanente Betonung von Superlativen (das größte Konjunkturprogramm der Geschichte und so weiter) ist impertinent. Dazu kommt, dass sich die Protagonisten der hemmungslosen Lösung der Schuldenbremse in einen Rekordrausch der Gönnerhaftigkeit hineinsteigern: Biedermeier in Supermancapes lassen aus schwindelerregenden Höhen Schuldscheine aus Füllhörnern, Bundesladen und Scha(tz)tullen herabregnen, deren Deckung nicht gewährleistet ist. Das soll Optimismus verbreiten, grenzt jedoch an Megalomanie. Die atemberaubenden numerischen Dimensionen der Summen, mit denen jongliert wird lassen Münder hinter Masken offen stehen. Die Stabhochspringer der Kreditaufnahme wollen bestaunt werden...oooh...aaah...bewundert, wie Artisten auf einem Jahrmarkt. Die schiere Größe der Zahlen betäubt Kritik. Die Billionen, die freigesetzt werden fungieren als gesellschaftliche Bestechung - wir schütten Euch zu mit Geld, also macht keinen Aufstand und kauft.

Lässt man sich von den Kabinettstückchen nicht den Kopf verdrehen kann man ihn angesichts der sozialen Unausgewogenheit des Konjunkturpaketes nur schütteln. Beispiel Familienpolitik: "300 Euro Kinder-Bonus verspricht die Bundesregierung Familien. Das ist ähnlich hilfreich wie ein Blumenstrauß zum Muttertag - die tatsächlichen Belastungen lindert er kaum." (Anne Seith. `Na vielen Dank!`, Spiegel Online 04.06.2020). Wie alle anderen Personengruppen, denen man für ihr besonderes Durchhaltevermögen und Engagement dankte, speist man auch die Familien mit einem Trostpflaster ab. Der Vergleich mit dem Blumenstrauß zum Muttertag passt umso besser, als die tatsächlichen Belastungen zumeist bei den Müttern liegen - sie werden jetzt mit einem Handgeld für den Verlust von Karrierechancen und den erzwungenen Rückfall in eine traditionelle Geschlechterrolle abgespeist. Woman is the Nigger of the world - es passt ins Chauvischema, dass es vor allem Frauen sind, denen besonderen Belastungen abverlangt wurden und auch weiter abverlangt werden, ohne dass Entlastungen oder gar eine dauerhafte finanzielle Besserstellung im Raum stehen. Sie sind prozentual überdurchschnittlich hoch in Pflegeberufen vertreten, wo sie sich neben den Strapazen der Tätigkeit hohen Gesundheitsrisiken aussetzen. Ihre `typisch weiblichen` Qualifikationen  (Empathie, Kümmerbereitschaft und Geduld), die sie im Beruf vertiefen, prädestiniert sie für die Rolle der fürsorglichen Mutter, Männer sind für so etwas zu ungeduldig und nicht zäh genug. Die stechen sich doch nur in den Zeigefinger, wenn sie Garn durchs Nadelöhr fädeln sollen und bluten die frisch gebügelte weiße Tischdecke voll. Außerdem ist Muttersein eine anspruchsvolle Tätigkeit, die viele Frauen nun dank Corona in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit kennen lernen können wie Gloria von Turn und Taxis hervorhebt. Insgesamt wird bei den besonders Belasteten und den Armen in dieser Gesellschaft nicht geklotzt, sondern gekleckert wie Ulrich Schneider, der Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes enttäuscht feststellt: Milliarden für die Wirtschaft, kein Cent für HartzIV-Empfänger und Arbeitslose. Der Rand der Gesellschaft darf gerne den Shopping-Malls fernbleiben. Für ihn bleibt der Shutdown Normalzustand.         

Das Privileg der frühen Geburt besteht im Wiedererkennen von Mustern. Echsenmensch Peter Altmeier im Streitgespräch mit Annalena Baerbock bei Maybrit Illner - das erinnert an den legendären Schlagabtausch von Martin Bangemann und Jutta Ditfurth in einer Elefantenrunde vom 10.03.1985 (nur, dass Peter Altmeier sich die Bemerkung klemmt `Polemik macht hässlich`). Maybrit Illner findet für Kaufzurückhaltung den kauzigen Begriff Verhaltung. Das verleitet mich zu närrischen Verbalkapriolen wie `Kompromisstrauen´, `Massenbierhaltung` und ich trällere vor mich hin: I get locked down, but I get up again. 

Unhöflich und zum Fremdschämen. Markus Lanz ist so sensationsgeil und fasziniert von den Bildern des Aufruhrs in den USA - kommentiert und analysiert von Elmar Theveßen, dem Christian Drosten der deutschen USA-Berichterstattung - dass er seine Gäste nach der Begrüßung geschlagene 20 Minuten nicht zu Wort kommen lässt. Dennis Aogo beispielsweise muss 20 Minuten schweigend zuhören wie weiße Männer über Rassismus schwachsimpeln. Während Dennis Aogo verlegen und verärgert mit den Fingern spielt darf dann der Universalgehörte Karl Lauterbach - der Mann mit der Dauerkarte für beliebige Talkshows zu Themen von A wie Aalleder bis Z wie Zinnsoldaten -  seinen Ehrensenf zur amerikanischen Innenpolitik geben. 

Das qualvolle Sterben des George Floyd: das öffentlich-rechtliche Fernsehen schlachtet ein Snuffmovie als Quotenbringer aus. Abscheulich. 

Thema rassistische Übergriffe von deutschen Polizisten. Markus Lanz ist entsetzt ob der Schilderungen von Hadija Haruna-Oelker über Rassismus bei der Polizei und juristische Verschleppung von Prozessen gegen Polizeibeamte wegen Schikanierung und Gewalt gegen Bürger mit dunkler Hautfarbe. Ist ja nicht zu fassen gibt sich Markus Lanz perplex. Insbesondere der Fall Oury Jallohs, der in einer Gewahrsamszelle im Polizeirevier verbrannte gibt ihm zu knabbern - er hätte bislang für die deutsche Polizei seine Hand ins Feuer gelegt. Mit dieser Äußerung verbrennt er sich den Mund und die Finger, die er an die Lippen legt. 

Sündeschluss. Kebekus. Das habe ich leider verpasst.

 

78. 3. Juni 2020

Grandpa Simpson fights Trumpolin. Angesichts des Auftreten der Donaldisten und der gebotoxten Schwäche des demokratischen Kandidaten aus dem Sauerstoffzelt wünscht man sich fast: Putin for President. Putin genießt sicherlich das publizistische Vakuum betreffend Russland. Würde er grade sämtliche ehemalige Sowjetrepubliken einschließlich Berlin-Brandenburg annektieren würde es im Trumpgetöse nicht bemerkt werden. 

Das  Wetter passt zur Jahreszeit. In den Gazetten erste Anzeichen einer Nachrichtenflaute. Suzi Quatro wird 70, Alice Coopers Mumie gratuliert. Ein verirrter Buckelwal vor der Skyline von Montreal. Den Schuldenerlass für alle Kommunen fände die MoMa-Moderatorin unfair, weil damit Kommunen belohnt würden, die schlecht gewirtschaftet haben (als sollte das in dieser Ausnahmesituation eine Rolle spielen). Bei Siegerehrungen ist das Tragen von in den Regenbogenfarben lackierten Fingernägeln verboten. Wäre da nicht Trumps Wahlkampagne könnte man meinen die ganze Welt mache Sommerpause auf Campingplätzen und in Strandkörben.  

Proteste gegen Rassismus: wohin treibt Amerika? Fragt der Untertitel eines Beitrags im ZDF/ARD-Morgenmagazin. Also wirklich: wo kommen wir denn hin, wenn gegen Rassismus protestiert wird? 

Der Rassismus der Weißen: die Angst der Schuldigen vor der gerechten Strafe. 

Erst die neue Arbeitslosenzahlen, dann die Pressekonferenz von Heiko Maas zur Aufhebung der Reisewarnungen. Jetzt haben schließlich mehr Menschen Zeit zu verreisen. Der Deutsche Reiseverband hält sichere Urlaube in Europa für möglich, sagt aber weder für wie sicher und wie möglich, noch äußert er sich zur Sicherheit bei der An- und Abreise. Die Gesundheitssysteme in den Zielländern bezeichnet der Lobbyverband als vernünftig, was nicht gleichbedeutend mit effizient ist. Zudem basieren die launigen Beurteilungen des Branchenverbands wohl kaum auf den Resultaten von Gutachten unabhängiger Experten. Die Reisewarnungen sind noch nicht aufgehoben, da wird schon von interessierter Seite zur Reise ermuntert. Überlagerung von bedenklich und unbedenklich, von Existenzangst und Vorfreude auf Sonnenbrand.  

Die webcam, die den Strand meiner Sehnsucht zeigt: kaum sind die Reisewarnungen aufgehoben schwärmen Strandverkäufer und Liegestuhlverleiher aus. Ich zoome näher heran, beobachte einen Bladerunner, dessen Fußspuren im schwimmenden Estrich aus Wellen und Sand sanft gelöscht werden. Das könnte ich sein. Ich nehme einen screenshot auf, denke darüber nach an wen ich ihn versende. 

Unschärfe. Superposition. Wahrscheinlichkeit. Was an der Quantenphysik seltsam anmutet ist, dass der Mikrokosmos - das was uns im Innersten zusammen hält (und zusammenfällt) - organisiert ist gemäß Prinzipien, die im Umgang mit unserer sozialen, psychologischen, kognitiven, politischen, geologischen, meteorologischen Welt unser alltägliches Brot sind. Gemessen an Größenskalen sind Elementarteilchen zu weit von uns entfernt, um sie kognitiv zu erfassen. Definieren wir unseren St(r)andort als 0-Punkt auf der x-Achse der Größenskala, so ist entscheidend für das Ausmass an Distanz zur Mesosphäre - der Sphäre des für uns direkt sinnlich Erfahrbaren - der Abstand eines Wertes auf der Größenskala zum 0-Punkt. 10 hoch 10 ist so weit von uns entfernt wie 10 hoch -10. Verblüffend ist, wie sehr Vorgänge am unteren Ende dieser Skala Regeln folgen, denen wir Tag für Tag begegnen. Über den genauen Aufenthaltsort einen Elektrons können wir keine Aussage treffen, können aber mit Hilfe der Wellenfunktion Aussagen treffen über die Aufenthaltswahrscheinlichkeit eines Elektrons an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Sobald wir messen steht der Ort fest, bis dahin befindet sich das Elektron im Zustand der Überlagerung - es befindet sich an sämtlichen denkbaren Orten, jedoch mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit. Wir Menschen haben im Normalfall unsere Gewissheiten, wiegen uns in der Sicherheit eines newtonschen Weltbildes, in dem alles seinen Platz und seine Ordnung hat. Dabei haben wir es jederzeit mit Unschärfe und der Überlagerung von Zuständen zu tun, mit jeder Entscheidung nehmen wir eine Messung vor, die bestimmt welche Entwicklung mit welchem Resultat sich tatsächlich ereignet. Dass wir unsere Welt trotzdem nicht als unscharfes Bild sich überlagernder Perspektiven wahrnehmen hängt damit zusammen, dass wir Prognosen treffen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zutreffen, die Resultate unserer Entscheidungen bestätigen im Alltag zumeist unsere Prognose. Das schafft Vertrauen und Selbstvertrauen, in der Politik, in der Ökonomie, in unseren Beziehungen. Katastrophenfälle wie die aktuelle Pandemie verändern radikal das Verhältnis zwischen Prognose und tatsächlicher Entwicklung. Die Einschätzung der Konsequenzen unserer Entscheidungen und des Handelns von Entscheidern wird erschwert, da die Prognosen über die Wahrscheinlichkeit des Eintreffens von Entwicklungen erschwert werden. Die Szenarien werden unschärfer, die Resultate ungewiss, das Bewusstsein kann den sich überlagernden Zukunftsszenarien keine Wahrscheinlichkeiten zuordnen, die Entscheidungen erleichtern. Entscheidungen die man trifft geraten zu Messvorgängen mit einem höheren Grad an Ungewissheit in Bezug auf das Messresultat. Das verunsichert, zumal auch Horrorszenarien sich überlagern. Wir erleben einen quantensoziologischen Zustand der Überlagerung, dem durch Entscheidungen, die getroffen werden mit ähnlichen Wahrscheinlichkeiten höchst konträre Resultate folgen können (bei Phoenix wird zum x-ten Mal ein Beitrag über den lockdown im Flugverkehr gesendet, so dass Zeit für überflüssige Gedankenspiele bleibt).   

Eine Bundespressekonferenz ohne Tilo Jung ist wie ein Leben ohne Mops.    

Schweden und der Rest der Welt...gemessen an den Infektionsraten und der Todesrate in Schweden muss man einräumen, dass die Gesamtstrategie zu scheitern droht. Es kristallisiert sich jedoch heraus, dass die Ursachen nicht im Verzicht auf Verordnungen liegen, denn: "Tatsache ist, dass die Empfehlungen der Gesundheitsbehörde für weite Teile der Bevölkerung den Stellenwert von Verordnungen haben.(...)Auch ohne Zwang halten sie Abstand, bleiben zu Hause." (Frederik Bombosch, `Schweden ist mit seiner Corona-Politik gescheitert`, Berliner Zeitung, 03.06.2020). Die Ursachen liegen in der Qualität der Verordnungen, in Fehleinschätzungen der Gesundheitsbehörde und folglich fragwürdigen Empfehlungen: `So hielt Epidemiologe Tegnell lange an der Fehleinschätzung fest, dass Corona-Infizierte, die keine Symptome zeigen, das Virus nicht verbreiten können. Diese Annahme lag unter anderem der Entscheidung zugrunde, nur in geringem Umfang zu testen.` Bombosch gelangt zu dem Schluss: `Für die nächste Krise möchte man den Schweden mehr Misstrauen wünschen.` Diese Kritik hat durchaus ihre Berechtigung - blindes Vertrauen in die Entscheidungen und Empfehlungen von Regierungen ist auch dann riskant, wenn diese auf Zwang verzichten und auf Freiwilligkeit setzen. 

Herr Jung ist doch da. Er war hinter einer Kamera versteckt. Hinter der kommt er hervor wie ein Jack-in-the-Box und fragt Stefan Seibert, warum er in seiner Litanei auf die lebhafte und starke Demokratie in den USA, in die man bei dem Umgang mit den Themen Rassismus und Proteste vertraue, auf die Bezeichnung Polizeigewalt verzichte. Diesmal wenigstens eine Antwort: er meide den Begriff durchaus nicht, es erübrige sich aber eine Verurteilung, wie man sie bei der Ausübung von Polizeigewalt in totalitären Staaten ausspreche, weil die Menschen in den USA wirksam ihr Demonstrationsrecht wahrnehmen und ausüben können. Wachsweich und mindestens strittig, aber immerhin keine reine Floskel. Er bestreitet auch nicht, dass Rassismus auch in Deutschland ein Problem ist: Der weiße Elefant der im Raum steht, wird nicht benannt. Wie `elefantös` ist das Problem und was wird präventiv unternommen?  

...und es hat Wumms gemacht. Die Mehrwertsteuer wird gesenkt. So fantasievoll wie ein Geldgeschenk von Omi und Opi, die wir dank Corona nicht besuchen müssen. Jetzt gehe ich sofort im Überschwang der Hochgefühle Flugreisen buchen, Autos kaufen und gönne mir eine CO2neutrale Kreuzfahrt auf einem von freundlichen Seepferdchen gezogenen Traumschiff. Die Arbeitslosen machen Urlaub im Harz 4. Das Konjunkturprogramm ist ein dermaßener Böller, dass ich bei der Pressekonferenz der Bundesregierung bleibe und Maischberger Maischberger sein lasse. Ist eh ne Aufzeichnung. 

Ich habe Verständnis dafür, dass der regierende Greis in den USA sich auf Gesetze aus dem Pleistozän beruft. Auch ich bin ein Dementalist. Heute sprach ich eine mir sympathische Frau in einem Cafe´ an und fragte sie nach meiner Telefonnummer. 

Jan Fleischhauer führt Corona zurück auf die traditionelle chinesische Medizin. Schuld seien nicht hungrige Urenkel von Hop-Sing, sondern Homöopathie-Gläubige, die Schuppentierpulver in ihren Yogitee rühren. Glaub ich nicht, aber sein Zitat des französischen Außenministers gefällt mir. Gefragt ob Corona alles ändert antwortet er: Ja sicher, alles wird noch schlechter.

Lanz: USA, Afroamerikaner werden verhaftet, wenn sie keine Klingel an ihrem Fahrrad haben. Findet der lippenzupfende Moderator so interessant wie den Todeskampf einer Wespe in einem Bierglas. Beim Thema Masken erreicht der Mundsüchtige seinen üblichen Pegel an Lebhaftigkeit und Empörung. Es ist einzuräumen, dass nach derzeitigem Kenntnisstand das Tragen von Munaschus zur Eindämmung der Pandemie beiträgt - einer dringenden Empfehlung wäre ich gleichwohl deutlich bereitwilliger gefolgt als einer Verordnung.

Ich dämmere weg...es gibt ein Leben nach dem Tod...für die Anderen...

 

77. 2. Juni 2020

Es ist nie zu früh Fragen zu stellen, bei denen man nicht weiß ob man lachen oder weinen sol l. So im MoMa, gerichtet von der Moderatorin an eine Korrespondentin in Washington: "Hat die Polizei in den USA tatsächlich ein Rassismusproblem?" Aber nein. Die Polizei hat mit dem Rassismus überhaupt kein Problem. Das Problem haben die Afroamerikaner. 

Man kann sich nicht vorstellen, dass es angesichts von 40 Millionen Arbeitslosen über 100.000 Corona-Toten und Plänen, das Militär gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen zu einer Wiederwahl des Trumpels kommt, aber da ist der Wunsch Vater der Vorstellung. Schon bei seiner Wahl wurde die Fähigkeit seines Wahlkampfteams unterschätzt die eigene Anhängerschaft zu mobilisieren. 

Unterschätzt habe ich die Schnelligkeit, mit der sich die Polarisierung der Gesellschaft wieder umkehrt. Volle Cafes, Hotels und Strände. Bilder von Ausflugsbooten, die so überfüllt sind wie Flüchtlingsschiffe. Der Feiertag als Kippschalter, das Wetter öffnet weit die Schleusen. Spannungsgefälle, Menschenstromstärke und -dichte, Widerstand ist zwecklos. Jüngste Vergangenheit rückt in prähistorische Fernen. Wieler, Drosten, Streeck, Namen geraten im Eiltempo in Vergessenheit, die Amnesie des meteorologischen Sommerbeginns verbannt die vulnerablen Gruppen unwiderruflich ins Abseits. Nichts ist so alt wie die Opfer von gestern. Der Geist Christos hüllt das Virus ein. Vorübergehend.  

Von den Wogen der Freizügigkeit geschüttelt ist er doch nicht untergegangen: die gesundheitspolitische Debattenfregatte (die `Lauterbach`) entkorkt  ein volkshygienisches Thema, das sich für Restriktionen anbietet: "Es wäre jetzt die Gelegenheit Prostitution zu verbieten." Vielleicht lässt sich ja wenigstens in der Sexarbeit ein Cockdown durchsetzen.   

Crisis? What Crisis? Die nächste Phase der Pandemie besteht in der Leugnung ihrer Dauer und Gefährlichkeit. Die Abnahme an Aufmerksamkeit und öffentlichem Interesse wird verwechselt mit der Abnahme der Bedrohung. Abstumpfung wird interpretiert als Abschwächung, Desinteresse gleichgesetzt mit Schutz, die Gewöhnung an die Bedrohungsszenarien verwechselt mit Immunität. Sars-CoV-2 verliert an medialer Strahlkraft, verblasst zu einem reinen Spielverderber, von dem man sich abwendet. Das Wesentliche wird in den Hintergrund gedrängt, endlich beherrscht das Nebensächliche wieder die Schlagzeilen: "Calle von Bismarck betrunken am Steuer - Seine Frau flippt aus" (Bild von heute). Das Sommerloch wird vorgezogen, bedient die Sehnsucht nach Ereignislosigkeit. Man steht gerne im Stau, oder vor dem Eiswagen in der kilometerlangen Schlange. Schön dass alles noch normaler als normal ist. Hinter Sabberlätzchen fletschen Servicekräfte ihre Zähne, die nicht mehr so blank sind wie zu Beginn der Pandemie, und zischeln: Brexit....

Der Hype um Elektromobilität ist in deren derzeitiger Form angesichts der desaströsen Auswirkungen des Lithiumabbaus (für die Herstellung einer einzige Autobatterie werden 3000 L Wasser vergeudet) schon für sich genommen fragwürdig. Jetzt noch Kaufprämien zu beschließen für den Erwerb von Benzinern und Dieselfahrzeugen ist respektlos gegenüber dem Souverän. Steuergelder aufzuwenden, um den Absatz rückständiger und umweltschädlicher Produkte der Automobilindustrie zu fördern ist gleichbedeutend mit der staatlichen Subventionierung einer Industrie, die an nicht zukunftsfähigen und ökologisch schädlichen Produkten verdienen will. Bei allen Vorzügen der repräsentativen Demokratie: Carola Rackete, Kapitänin und Klimaschutzaktivistin, bedauert zu Recht, dass in der derzeitigen Situation die Chancen zum Umsteuern in Richtung einer klimafreundlichen Politik so gut stünden wie niemals zuvor, leider aber die Bürger derzeit ohne Einflusses auf die politisch Handelnden seien. Stattdessen bestimmt die intensive Lobbyarbeit sogenannter Schlüsselindustrien wo der Hase lang läuft. Die größte Gruppe, die derzeit keine Lobby bei den Regierungen hat sind die Wähler. Ob die allerdings mit dem Begriff Postwachstumsökonomie etwas anfangen können? Gemeint ist damit eine Ökonomie, deren Ziel die Erfüllung grundlegender Bedürfnissen aller Bürger ist (Zugang zu Bildung, Arbeitsplatzsicherheit, optimale Gesundheitsvorsorge), nicht Wachstum und materieller Wohlstand als Selbstzweck. Dies allen Bürgern zu gewährleisten sollte Aufgabe des Staates sein. Gedankenverloren schlendere ich den Gehweg entlang, ein kleines Kind an der Hand seiner Mutter kommt mir entgegen, schwenkt triumphierend einen Spielzeuglaster und ruft triumphierend: "Bagger!"

Beides zugleich. Die Totalen täuschen. Volle Strände, volle Parks, volle Fußgängerzonen. Aus der Vogelperspektive, aus der Distanz. Traut man sich in das Gedränge erkennt man, dass die Nähe zu anderen, die Kontakte von Ellenbogen, die Mischung von Mundgerüchen und leichten Luftzügen kontrovers aneinander vorbei schrammender Passanten durch das Bestreben entsteht, anderen auszuweichen. Menschen in sozialer Superposition: um Freiheit und Isolation bemüht, um Nähe und Distanz, um Begegnung und Kontaktvermeidung. Ich fand die Quantenmechanik immer lebensnah. 

Lanz ohne Virologen, Epidemiologen und Ethikrat. Jetzt ist Corona Geschichte. 

In der Sendung geht es um Hongkong, Verzeihung, die USA. Dagegen verblasst sogar der Grenzkonflikt zwischen Thüringen und Bayern.

  

76. 1. Juni 2020

Europa auf Distanz: Alle Menschen werden prüder.

Werbeplakate gerieren sich als Moralapostel, hämmern uns Verfassung und Grundwerte ein. Der Slogan einer Katjes Werbung "Jedes Leben ist wichtig - aufeinander acht geben." Über diesem erhobenen Zeigefinger das Porträt einer Seniorin. Mahnende Worte von einem Konfektkonzern, verbunden mit der Unterstellung, das Zielpublikum tendiere zu Verantwortungslosigkeit, rüpelhaftem Benehmen und Altersrassismus. Das überlebensgroße Bild - Format als Sinnbild - erzeugt Unlust beim Betrachter, aktiviert kindliche, märchenhafte Wiederstände. Meide die alte Hexe im Wald. Was als Appell für Rücksichtnahme daherkommt ist das Gegenteil. Meide alte Menschen, die verderben Dir nur die Laune. Da bekommt man gleich Lust auf Lakritzkatzen. 

Wie entfesselt wogt Wanderlust in Fronten von exakt 10 Personen durch die beschädigten Wälder. Erst verhalten sich die Menschen so, als entstehe erst mit dem Stichtag des Kontaktverbotes die Gefahr, jetzt verhalten sie sich so, als wäre alles ungefährlich, was wieder erlaubt ist exakt ab dem Moment an dem die Erlaubnis in Kraft tritt. Corona mag sich zwar nicht an Landesgrenzen halten, aber bestimmt an die Verfügungen der Regierung. 

Während sich in Europa laut- und reibungslos der Staat die Rolle eines strengen und fürsorglichen Väterchens schlüpft, dessen wahlberechtigten Kinderlein mehrheitlich eher die Gewährung von Freiheiten als deren Entzug begründet sehen wollen traut sich der erste Regierungschef in Lateinamerika, Corona gezielt als Biowaffe einzusetzen. Wie Human Rights Watch berichtet pfercht Nayib Bukele, Präsident von El Salvador, Mitglieder rivalisierender Banden in Gefängniszellen zusammen und lässt sie sich gegenseitig anstecken. Mal sehen was Trump so alles einfällt um das linksradikale Gesindel in den USA zu bekämpfen. 

Holger Dambeck zieht auf Spiegel-Online "Eine Zwischenbilanz in Zahlen". "Wie gut kommt Schweden auf seinem Sonderweg durch die Krise?" Auf den ersten Blick ist das Resultat niederschmetternd. Die vergleichsweise hohe Todesrate ist eben nicht alleine auf das verstärkte Ausbruchsgeschehen in Alten- und Pflegeheimen zurückzuführen. Dies allein würde die Höhe der Todesrate nicht erklären, da die Problemlage in anderen europäischen Ländern sich nicht in einem Maße von der Situation in Schweden unterscheidet, das als Ursache für das Ausmaß des Unterschiedes in der Todesrate hinreicht. Muss man deshalb reumütig Abschied nehmen vom "Sehnsuchtsort, in dem noch Vernunft herrscht?" Vorschnell sollte man sich diese Frage nicht beantworten. Der "lockere Umgang Schwedens mit dem Coronavirus", wie Dambeck es nennt, scheint angesichts der Todesraten verhängnisvolle Auswirkungen zu haben - es gilt jedoch zwei Ebenen der Krisenstrategie zu differenzieren. Zunächst werden kritische Handlungsfelder definiert, auf denen zu agieren ist um die Infektion einzudämmen. Je nach Einschätzung der Gefahrenlage werden Handlungsempfehlungen formuliert und Maßnahmen beschlossen. Ein wesentlicher Bereich, in dem Handlungsbedarf besteht ist der Bereich des individuellen und sozialen Verhaltens, das erforderlich ist. Die zweite Ebene der Krisenstrategie hat die Frage zu beantworten, auf welchem Wege erforderliche Anpassungen im individuellen und sozialen Verhalten erreicht werden - Schweden setzt hier nicht auf Zwang und Grundrechtseinschränkungen, sondern auf Empfehlungen und Freiwilligkeit. In der öffentlichen Diskussion wird die Gefährlichkeit des schwedischen Wegs (und der Erfolg des eigenen Wegs) gern einseitig damit begründet man lasse den Bürgern zu viel Freiheiten. Dies verkennt, dass die Menschen in Schweden sich den empfohlenen Beschränkungen in ihrem individuellen und sozialem Verhalten freiwillig unterwarfen, ohne dass es dazu gesetzlicher Verordnungen bedurft hätte. Diese hätten das in Schweden traditionell ausgeprägte Vertrauensverhältnis der Bevölkerung zu ihrer Regierung stark belastet - auch Dambeck unterstreicht, dass das individuelle und soziale Verhalten der Deutschen und der Schweden in der Corona-Krise kaum unterscheidet. Die wesentlichen Unterschiede bestehen in den Einschätzungen von Gefahrenlagen in den Handlungsfeldern: Schweden beispielsweise hält Schulen und Kitas offen. Und: es spricht bestimmte Handlungsempfehlungen nicht aus. Öffentliche Zusammenkünfte von weniger als 50 Personen bleiben nicht nur erlaubt, es wird auch nicht empfohlen, sie zu vermeiden. Es steht also zu vermuten, dass nicht etwa der Verzicht auf Zwang und Eingriffe in die Grundrechte Ursache für Probleme beim schwedischen Krisenmanagement ist, sondern im Verzicht auf Eingriffe im ökonomischen Leben und im Bildungswesen und im Verzicht auf weiter gehende Handlungsempfehlungen für das öffentliche Leben. Ich bleibe dabei - die gelebte Vertrauenskultur zwischen Regierung und Bevölkerung eignet sich nicht als epidemiologischer Sündenbock.   

Der Anblick leerer Straßen zu Beginn des lockdowns war ungewohnt. Der Anblick der Autokolonnen auf Nebenstraßen die zu Nahausflugszielen führen ist bizarr. Als Fußgänger, der die Straße überqueren möchte kommt man sich vor, als sehe man an einem unbeschränkten Bahnübergang einem unendlichen Güterzug zu, der die Welt zerteilt wie eine unüberwindbare Mauer. In den Lücken zwischen den Stoß- und Heckstangen blitzen Alienschädel von Radfahrern auf, die auf der gegenüberliegenden Seite mit den Pedalen scharren. Auf die Ampeln ist Verlass. Wenn die Kolonne zum Stehen kommt fädelt man sich zwischen den Karosserien hindurch, denkt dabei an Videospiele aus den 80ern. An Texte von J.G. Ballard.  An Hilberts Hotel, in dem durch die Verschiebung der Gäste von Nebenzimmer zu Nebenzimmer für den neuen Gast nichts gewonnen wäre, da auch die Verschiebung unendlich lange dauern würde. Blechlawinen kommen auf Parkplätzen am Seeufer zum Erliegen. Man kann sich nicht an einen vergleichbaren Ansturm erinnern, das hat etwas von einem Dammbruch, einem Lavastrom. Viel beunruhigender als Radfahrer, die einem wie Dartpfeile um die Ohren fliegen. Den Gaststätten am See werden die Formulare ausgehen. Die Intensivstationen schlummern im Koma geringer Auslastung. Nicht einmal eine Anzeige blinzelt. Verstreut über sichere Häfen der Welt tauschen Mitglieder der Mont Pelerin Society online Aktien und Strategien aus. Spannende Zeiten. Sinkende Kurse, steigende Staatsverschuldung. Regierungen als Scheinriesen. Investoren spitzen ihre Ohren. Mütter mit Fahrrädern und Kinder stürmen schwer atmend Omnibusse, weil es ein paar hundert Meter leicht bergauf geht.

Die Postcorona-Ära ist eingeläutet, während die Epidemie noch am Anfang steht. 

      

 

75. 31. Mai 2020

"Des Öfteren leiste ich mir den Luxus der Agoraphobie im Garten Eden. Ich verlasse das Haus nicht obwohl draußen das Meer lockt, die Felsen, das Blattgold der Sonne auf sich kräuselnden Wellen. Es ist aber auch heiß und zu viele Menschen sind unterwegs, deren speckschwartenglänzende Haut ein ranziges Aroma verbreitet. Die Mittagszeit vertreibe ich mir, in meinem auf 20 Grad heruntergekühlten Schlafzimmer auf dem Bett liegend, mit der Lektüre von Artikeln und dem Anschauen von Dokumentarfilmen. Quantenbiologie und Geruchssinn. Die Nase kann hören. Das Quantenrotkehlchen orientiert sich mit Hilfe von Quantenverschränkung am Erdmagnetfeld. John Stewart Bell verdankt die Anerkennung für seine Bellsche Ungleichung den Hippies und Esoterikern, die in der Quantenphysik die Bestätigung ihres Weltbildes sahen. Freiklettern und Feynmann-Diagramme. Cargo Cult und die Verwechslung von Öffentlichkeitsarbeit und Realität. Ich lese auch die e-mails meines virtuellen Stalkers, die unverändert aus der stakkatohaften Aneinanderreihung von Satzfetzen bestehen, so als stehe er unter enormem Zeitdruck. So schreibt jemand, der untergetaucht ist und jeden Moment die Entdeckung fürchtet. ´Umpolung des sozialen Feldes. Divergenz statt Konvergenz. Seuche als Tsunami. Rücklauf der Welle zerschreddert Ökonomie und Gesellschaft. Die eigentliche Katastrophe steht noch bevor. Sozioökonomischer Fallout. Psychischer Betazerfall. Krieg in den Städten.` Er hat eine Bilddatei angehängt. Seit einer halben Stunde hocke ich reglos auf meinem Bett und überlege, ob ich sie öffnen soll. Keine Lust mir einen Virus einzufangen, andererseits die Neugier...der ewige Zwiespalt...ach, scheiß dra  

Alle Systeme runtergefahren, bis auf den Computer. Als ich einschlief war es draußen noch nicht dunkel. Mir fielen die Lider zu während der Start der SpaceX-Rakete reibungslos verläuft. Reibungsloses Erwachen 12 Stunden später, bis zur Schwerelosigkeit erleichtert. Fernseher bleibt ausgeschaltet. Keine Corona-Berichterstattung. Kein Besuch, den ich erwarte, kein Anlass, den Mund aufzumachen außer um einen Schluck Kaffee zu nehmen. Umfragewerte fallen von einem ab wie Babyspinnen die man mit der Hand abstreicht: 10% der Befragten zu den Folgen der ökonomischen Krise geben an, ihre finanzielle Lage habe sich verbessert. Morgenlatte und steigenden Aktien. Ich genieße heute meinen sozialen lockdown. Keine Gespräche, nicht mal eine Zeitung muss man kaufen, die Masken bleiben zu Hause. Isoliert wie in einer Raumkapsel, tiefenentspannt, losgelöst von der Schwerkraft sozialer Beziehungen kann man Texte verfassen, die vielleicht nie jemand liest, der von dieser Welt ist. 

Also hänge ich ein Bild an und drücke auf Senden. Tschüss.

 

74. 30. Mai 2020

Morgens in der Neuen Normalität: Trump droht Plünderern mit Erschießungen. Twitter weist darauf hin Trumps Tweet sei gewaltverherrlichend. Bislang also keine besonderen Vorkommnisse. Mathieu von Rohr verfasst bei Spiegel Online die tägliche Kolumne `Die Lage am Morgen`. Heute titelt er: "Amerika 2020: Eine Stadt brennt, ein Präsident irrlichtert." Ist es Irrsinn? Ja, aber es ist auch Wahlkampf. Seinen Fans gefällt die Haltung `Erst schießen, dann fragen.` Der Irrsinn ist nicht Trump, sondern dass er gewählt wurde.

Mathieu von Rohr zeichnet heute in seinem Lagebericht folgendes Bild: "Ein Land mit Unruhen, mit über 100.000 Corona-Toten, mit einem Präsidenten, der immer autoritärere Töne anschlägt und seit einigen Wochen zunehmend daran zweifeln lässt, ob er eigentlich ein Wahlresultat anerkennen würde, das für ihn eine Abwahl bedeuten würde." So überraschend ist das nicht. Im Dokumentarfilm "Get me Roger Stone" stellt der ehemalige Spin Doctor der Wahlkampagne von Donald Trump klar, Ziel der Präsidentschaft Donald Trumps soll es sein den Staat und seine Institutionen zu zerstören. Könnte mehrheitsfähig sein.

Überhaupt verharmlost jeder Artikel, der Trump, Bolsonaro oder Johnson als irre bezeichnet. So wie das Dritte Reich nicht nur aus Hitler und die Sowjetunion nicht nur aus Stalin bestand lässt sich das politische Desaster in den USA und anderen Ländern nicht auf den Wahnsinn einer Person reduzieren. Diese Herrschaften sind Gallionsfiguren reaktionärer Gruppen und Kapitalinteressen, die mit Hilfe demokratischer Verfahren Regierungsgewalt erlangten. Die Gefährdung von Demokratie und Rechtsstaat besteht in der Mehrheitsfähigkeit ihrer Gegner.  

Entscheidend für die Wiederwahl (von der angedrohten Wahlanfechtung muss er ja womöglich gar keinen Gebrauch machen) ist nicht die Anzahl von Corona-Toten, sondern deren Zusammensetzung. Es sterben überwiegend Schwarze: Wen juckt das? Kein Grund nicht das Spielcasino wieder zu öffnen und schleunigst die Wirtschaft wieder hochzufahren: It´s the economy, Stupid! Die Situation der Schwarzen Bevölkerung, deren Gesundheitsversorgung aufgrund ihres im Durchschnitt niedrigeren Einkommens schon miserabel ist, wird sich dadurch noch verschlimmern, denn: "Social Distancing ist für viele Schwarze ein Luxus, den sie sich nicht leisten können. Afroamerikaner arbeiten überdurchschnittlich häufig in jenen Berufen, ohne die das Land in dieser Krise gar nicht funktionieren würde: Sie füllen Regale in Supermärkten, tragen Pakete aus, fahren Lieferwagen, Busse und U-Bahnen. Es sind Jobs, die sich nicht ins Homeoffice auslagern lassen - und die sich vermehrt dem Virus aussetzen." (Alan Cassidy, `Tödliche Ungleichheit`, SPON 10. April 2020). Mit anderen Worten: sie sind wie Sklaven leicht zu ersetzen. Es gibt ja genug davon. Auch dieser Zynismus muss einer Wiederwahl nicht im Wege stehen, sondern könnte ihr, so steht zu befürchten, sogar förderlich sein. 

Keine Peking-Ente: die USA beenden die Beziehung zur WHO, weil sie ihr zu schlitzäugig ist. 

Was soll man auch halten von einem Land, in dem sich Sonnenöl mit Bacon-Aroma verkauft?

 

73. 29. Mai 2020

In Minneapolis ereignen sich wütende Proteste wegen der Ermordung George Floyds. Die Wut wird noch dadurch geschürt, dass keiner der beteiligten Polizisten bislang verhaftet wurde. Die Proteste werden begleitet von Brandstiftungen und Plünderungen. Damit auch das deutsche Publikum die Dramatik der Ereignisse erfasst zeigt der Bericht im MoMa eine in Mitleidenschaft gezogene ALDI-Filiale. Rassismus und Polizeigewalt sind ja schon schlimm. Aber das! Erschütternd.   

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund fordert einheitliche Corona-Mindestregeln. Unterschiedliche Regeln erwecken den Eindruck, die Pandemie sei vorbei. Die Logik dieser Folgerung entzieht sich mir. Wieso der unterschiedliche Umgang mit unterschiedlichen Infektionsgeschehen den Eindruck von Entspannung erzeugen soll und umgekehrt ein bundesweit einheitliches Vorgehen trotz unterschiedlicher Infektionsgeschehen den Eindruck von Ernsthaftigkeit erzeugt erschließt sich einem nicht. 

 

72. 28. Mai 2020

Ganz gegen die Gewohnheit beginnt der Tag mit einer positiven Überraschung. Entgegen den Erwartungen hat die Spendenbereitschaft in Deutschland während der Corona-Krise nicht nachgelassen, sondern zugenommen. Der Konsumrausch endete mit kaltem Entzug, die Menschen kommen zur Besinnung. Es herrscht eine anhaltende, familiäre Stimmung, Weihnachten in Zeitlupe, gestreckt bis in die erste Hitzeperiode hinein. Dies drückt sich aus in Mildtätigkeit und steigenden Selbstmordraten, insbesondere bei älteren Menschen, ganz so wie um Heiligabend.    

Jetzt schon ein Kandidat für das Wort des Jahres 2020: Brennglas. Gemeint im Sinne eines lupenreinen, scharfen Blickes auf Sachlagen, aber eben auch assoziiert mit Feuer, Hitze, Erderwärmung. `Bannbruch`ist zwar putzig, hat aber nur Außenseiterchancen.

Lauscht man den Chorälen der Abgeordneten, die einen mit Ausbruch...verzeihung...Aufbruchstimmung anstecken sollen, gewinnt man den Eindruck nachholender Eilfertigkeit. Man erinnert sich an den Vater, der mit Nierenkoliken im Krankenhaus lag und unter Schmerzen schwor, dass er sein Leben und all die Gewohnheiten ändern würde, die andere belasten und ihn krank gemacht haben. Kaum wieder schmerzfrei, munter, bärbeißig und misanthropisch marodierte er so weiter wie zuvor.

Who rules WHO? Die Rede einer Abgeordneten zu einem Antrag zur globalen Gesundheitsfinanzierung beginnt mit den Worten: wir investieren mehr Geld in den Tod als in das Leben. Klar - für einen Exportweltmeister ist der Krieg ein lukratives Geschäft, während Gesundheit kostet. 

Auf Ihr Wohl - die größte Kneipe Deutschlands ist die `Zettelwirtschaft`. Auch der Besuch einer gastronomischen Stätte, an der die Einhaltung von Abstandsregeln und Kontaktsperren gewährleistet ist verpflichtet den Gast zur Abgabe personenbezogener Daten auf Papier, der Wirt hat für die Bereitstellung und die Verwaltung der Formulare zu sorgen. Dass dies nicht eben stimmungsaufhellend und umsatzförderlich wirkt illustriert der Artikel `Die Zettelwirtschaft´ von Thomas Mader in der WAZ. Mit der Notwendigkeit, Infektionsquellen und -ketten nachzuvollziehen wird dieses ebenso umständliche, wie antiquierte Verfahren gerechtfertigt. Wie sehr beim Schutz der Bevölkerung mit zweierlei Maß gemessen wird zeigt, dass im ÖPNV überhaupt nicht die Rede davon sein kann, dass die Einhaltung von Abstandsregelungen gewährleistet sein muss, die Menge der Fahrgäste pro Gefährt limitiert wird und die Daten der Fahrgäste erfasst werden. Das Missverhältnis ist eklatant - das Freizeitverhalten und die Freizeitangebote finden unter dem Zeichen verstärkter Kontrolle statt, im öffentlichen Personennahverkehr, auf dessen Nutzung viele Menschen angewiesen sind, verzichtet man auf derlei Kontrollmaßnahmen. Die Vermutung liegt nahe, dass hier der Aufwand gescheut wird, weil die Menschen den ÖPNV ohnehin benutzen müssen. Es ist grotesk, einerseits Schutzmaßnahmen im öffentlichen Raum zu verlangen, in dem die Menschen selbst für den nötigen Abstand sorgen können, während im ÖPNV von den Menschen nicht nur verlangt wird, sich Infektionsgefahren auszusetzen, sondern Infektionsketten obendrein nicht nachvollziehbar sind. 

In der Allgemeinen Relativitätstheorie bestimmt der Krümmungstensor die Krümmung der Raumzeit. Weltlinien, die in der Raumzeit propagieren, folgen Geodäten, den kürzesten Verbindungskurven zweier Punkte in einem gekrümmten Kontinuum. Im sozialen Raum ist seine Biographie die Weltlinie des Individuum. Sie entfernt sich von den Weltlinien andere Individuen, nährt sich ihnen an und kreuzt sie an Punkten der Begegnung. Kontaktsperren und Abstandsregelungen, wie sie derzeit gelten verändern radikal den Krümmungstensor des sozialen Raums und damit den Verlauf der biographischen Weltlinien. Der soziale Raum ist nicht mehr positiv gekrümmt wie eine Kugel, sondern negativ gekrümmt wie ein Sattel. In einem derartigen hyperbolischen Raum divergieren unsere Weltlinien, statt zu konvergieren wie die Längengrade auf einem Globus. Geodäten - nennen wir sie für den sozialen Raum Biodäten -  in einem hyperbolischen Raum entfernen sich voneinander, im Gegensatz zu den Biodäten auf einer Kugel, die sich annähern und begegnen. Derzeit entsteht eine hyperbolische Gesellschaft, in der die Lebensläufe der Menschen sich nicht nur geometrisch voneinander entfernen, sondern auch psychologisch. Man kann deutlich die Kraft der Verwerfungen spüren, die aus unterschiedlichen Deutungen der Krisenszenarien seitens der von der Krise unterschiedlich Betroffenen resultiert: was der eine für den richtigen Umgang mit der Bedrohung hält, wird vom anderen als unverantwortlich verworfen. Verwerfungen in der Tektonik von Beziehungen führen zu Brüchen und Rissen, die umso ausgeprägter sind, desto enger und tiefer die Beziehung ist. Je größer die Nähe, desto verheerender die Scherkräfte. Sie drücken sich nicht mehr in Streitigkeiten aus, denn für deren Austragung bedarf es der Zuwendung - sie drückt sich aus als Funkstille, zwischen Sendern und Empfängern, deren Distanz die Reichweite von Signale überschreitet. Man ist sich nicht böse, sondern fremd.

Im Bundestag geht es ans Eingemachte - den EU-Wiederaufbaufond. Interessanter als die Debatte ist die Begrifflichkeit. Was wurde zerstört und was wird wieder aufgebaut? Zerstört wurde das Vertrauen in Europa, wieder aufgebaut werden soll das Vertrauen in die Tragfähigkeit eines Fundamentes, das Robert Schuman, seinerzeit französischer Außenminister, 1950 mit seiner Erklärung gelegt hat. Sie war die Basis für die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, aus der die Europäische Union hervorging. Der Leitsatz dieser Erklärung lautet: "Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe dieser Bedrohung entsprechen." Die Leistung Robert Schumans bestand darin, direkt nach dem zweiten Weltkrieg, in einem zerstörten Europa, die ehemaligen Erzfeinde Deutschland und Frankreich zu Partnern zu machen. Dabei ließ er sich von der Erkenntnis leiten: "Die Vereinigung der europäischen Nation erfordert, dass der Jahrhunderte alte Gegensatz zwischen Frankreich und Deutschland ausgelöscht wird."  Nie wieder Krieg in Europa - das war das Ziel das Robert Schuman leitete. Die Initiative von Emanuel Macron und Angela Merkel hat grade noch rechtzeitig eine Brücke über die Gräben gebaut, die zwischen den europäischen Zentralmächten wieder aufzubrechen drohten - mit der gemeinsamen Idee des Wiederaufbaufonds haben sie nicht nur das Vertrauen in Europa wieder hergestellt, sondern weisen den Weg zu einem Vereinigten Europa mit staatlichen Befugnissen. Die Bundeskanzlerin musste dazu über den Anti-Eurobond-Schatten springen, der sie zunächst mit den "Geizigen Vier" verband. Angela Merkel folgt dabei der Verpflichtung aus ihrem Amtseid, Schaden vom Deutschen Volk abzuwenden. Angesichts der globalen Machtkonstellation kann sie dieser Verpflichtung nur dann nachkommen, wenn aus der Währungsunion Europa ein politisches Machtgebilde mit staatlichen Befugnissen wird: die Vereinigten Staaten von Europa. Der EU-Recovery-Fond ist ein großer Schritt in diese Richtung (ich muss gestehen, dass ich die Initiative zunächst nur als ein taktisches Manöver ohne Aussicht auf Umsetzung einschätzte). Die Verfassungsgegner von der AfD instrumentalisieren die Verfassung, um diesen erforderlichen Schritt zu verhindern. Der gerechte Lohn wäre das Unterschreiten der 5%-Schwelle bei der nächsten Bundestagswahl. 

Ein nächster Schritt in Richtung einer politischen Union wäre die Einrichtung einer Europäischen Staatsanwaltschaft. Hoppla. Wird ja grade debattiert.

Eine Abstimmung zum neuen Adoptionsrecht kündigt der Kommentator mit dem Versprecher an: Es folgt eine Abstammung. Damit verwechselt er die Reihenfolge der Ereignisse.

Während ein AfD-Abgeordneter geifert lese ich eine Kolumne von Samira El Quassil zum Tod von George Floyd, den ein weißer Polizist vor laufender Handykamera ermordete - man sollte nicht davor zurückscheuen es so zu nennen. Die Umstände sind hinlänglich bekannt und in jeder Hinsicht abscheulich, bis hin zu der Aussage eines Kollegen des Polizisten vor der Kamera, der schildert, George Floyd habe sich während der Festnahme gewehrt und plötzlich ein medizinisches Problem gehabt. Tief in den Abgrund blicken lässt der Hinweis darauf, dass "Joggen für Afroamerikaner ein gefährlicher Sport ist." Zynisch gesagt: das passt ins Bild eines in die Zeit der Sklaverei zurückreichenden Rassismus. Das schlimmste Verbrechen des Sklaven ist Freiheit. Versucht er wegzulaufen gehört er erschossen. So sind heute noch für manche innere Kapuzenträger und weiße Ordnungshüter Afroamerikaner Freiwild. 

Maybrit Illner und Katja Kipping sind sich einig. Verbot muss sein, Bodo Ramelow liegt falsch. Professor Dr. Jonas Schmidt-Chanasit ist Virologe und hält das Vorgehen von Bodo Ramelow für richtig. Mal sehen aus welcher Ecke die Morddrohungen für ihn eintrudeln. Aus meiner Ecke sicher nicht.

Dass Christiane Woopen ausgerechnet die Regeln im Straßenverkehr als Argument für die Fortdauer der Grundrechtseinschränkungen im Zusammenhang mit der Corona-Krise anführt ist schlicht grotesk: die Regeln im Straßenverkehr sind nicht Bestandteil irgendeiner Grundrechtseinschränkung. Im Gegenteil wird schon die Einführung einer Geschwindigkeitsbegrenzung, die nachweislich Leben retten würde, als unzumutbare Einschränkung der Persönlichkeitsrechte angesehen. Wenn wiederum Ferdinand von Schierach zugleich darauf hinweist, dass Grundgesetz definiere nicht den Schutz des Lebens, sondern die Würde des Menschen als höchstes Gut und Bodo Ramelow dafür kritisiert, auf ein niedriges Infektionsgeschehen mit lokal begrenzten Maßnahmen zu reagieren und die Würde des Menschen durch Rückgabe von Freiheitsrechten wieder herzustellen ist das bizarr. ´Wir wählen die Sicherheit, nicht die Freiheit`sagt er kurz bevor ich einschlafe - umso weniger Anlass besteht, Freiheitsrechte einzuschränken, weil die freie, nicht reglementierte Wahl des Menschen ohnehin auf die Sicherheit fiele. 

   

71. 27. Mai 2020

Endlich einer der mein morgendliches, verkatertes Lebensgefühl teilt: "Wir alle schweben auf einer kleinen Kugel durchs riesige Weltall, und man kann sich durchaus fragen: wozu stehe ich eigentlich morgens auf?" (Felix Ekart, "Erlebnisse sind nicht alles", WAZ Reise, 27.05.2020) Ich denke, also bin ich - wozu? Und wer? Oder wie Max Goldt es ausdrückt: "Jeden Morgen, wenn ich meinen Kleiderschrank öffne frage ich mich wer ich bin." Glaubt man Felix Ekart, so gelangen die Menschen bei nahendem Sommerurlaub zu folgender Antwort: "Was könnte da das ganze Schuften und generell unser seltsames Tun besser legitimieren als eine Fernreise?" Ich bin ein Urlauber - und der Sinn des Lebens besteht darin "sich auf Reisen einzulassen, die objektiv gar nicht besonders angenehm sind, mit drückend heißem Klima, schlechtem Essen und ungemütlichem Hotel." Der Grund dieser masochistischen Belohnung für einen sinnlosen Alltag ist Forschergeist - man möchte am eigenen Leib erfahren wie sich der Klimawandel in den gemäßigten Breiten demnächst anfühlt. Im Grunde ein Bildungsurlaub zur Vorbereitung auf Schlimmeres: der Ryan-Air-Kunde als Preper. Die Börse sieht den Bildungsurlauber und Preper im Aufwind - die TUI-Aktie hob heute ab, während die Flieger nach am Boden liegen, ein Steilflug im 50%-Winkel.    

Solange noch nicht geklärt ist, wie die Fluggesellschaften und Flughafenbetreiber den Pauschaltouristen suggerieren wollen, dass es in Flughäfen und Flugzeugen sicher ist (ob der Ansatz sich durchsetzt, die Luft per Hochleistungsfilter vertikal auszutauschen während die Virenlast sich radial verbreitet ist noch offen) muss man sich die morgendliche Frage nach der eigenen Identität anders beantworten, allerdings kann man das unter Rückgriff auf Urlaubserfahrungen: Ich meckere, also bin ich ein Wutbürger - und verfasse einen Leserbrief.

Wie beantwortet eigentlich ein Krisenmanager die Luxusfrage nach dem Wer und dem Warum? Ganz einfach: Mit der rhetorischen Gegenfrage `Wer, wenn nicht ich!` 

Bundeskanzleramt und Staatskanzlei einigen sich auf folgende Aussage: Bürger sollen weiter möglichst viele Kontakte vermeiden. Ja...gleichzeitig sollen sie durch Kaufanreize motiviert wieder zur Belebung von Gastronomie, Shopping-Malls und Touristik beitragen. Wie die Rote Ampel in Bezug auf soziale Kontakte zur Grünen Ampel in Bezug auf den Flugverkehr, zur Gastronomie und vielen anderen Bereichen des Geschäftslebens passt mag sich mir nicht erhellen. Widersprüchliche Aussagen als Neue Normalität. Double-Bind-Situationen als neue gesellschaftliche Realität. Auch das lediglich `neu` in der Deutlichkeit der Ausprägung. Somit ist das, was als verhängnisvoller Paradigmenwechsel bezeichnet wird, nämlich der Schwenk von der staatlichen verordneten Maßnahme hin zu Eigenverantwortung und Selbstschutz, schon längst Wirklichkeit. Die staatliche Aufgabe des Schutzes der Bürger vor Gefahren für Leib und Leben ist schon längst auf diese übertragen worden - wir stehen ständig vor schwierigen Entscheidungen zwischen Selbstschutz und Beteiligung am sozialen Leben, die erheblich dadurch erschwert werden, dass in unverzichtbaren Einrichtungen wie Supermärkten und öffentlichen Verkehrsmitteln die Voraussetzungen eines wirksamen Eigenschutzes nicht gegeben sind. Mit anderen Worten: wir sind aufgefordert, uns in Gefahr zu begeben, weil die Umorganisation von Infrastrukturen, die notwendig wäre um Abstandsregeln auch in Geschäften und in öffentlichen Verkehrsmitteln einhalten zu können zu aufwändig und kostspielig ist.

Wie ergeht es erst Pflegebedürftigen, die diese Entscheidungen aufgrund ihres physischen Zustandes gar nicht treffen können? Sie sitzen in der Falle. Nicht auszudenken in welche psychologische Situation die Menschen dauerhaft versetzt werden, um deren Schutz es ursprünglich gehen sollte.

Zu einer neuen vulnerablen Gruppe mausern sich Virologen und Epidemiologen. Vergleiche von Christian Drosten mit Josef Mengele, Morddrohungen, Schlagzeilen in der BILD, die Drosten zum Abschuss durch aufgeputschte Helikopter-Eltern freigeben. Die Wissenschaftler tauchen ab, teils beiseite gedrängt durch lockerungswütige Politiker, teils wohl aus Selbstschutz. Bedauerlicher Weise leben wir nicht nur in Zeiten beschränkter Freiheit, sondern auch der Freiheit der Beschränkten. Diese Unvernünftigen hat Markus Söder nicht im Visier, zumindest solange sie sich an die Corona-Maßnahmen halten. Meine Skepsis gegenüber Verboten und ihrer Wirksamkeit ist ausgeprägt, beinahe noch schlimmer finde ich zum Teil, was erlaubt ist. 

Ungeheuerliches geschieht bei der Bundespressekonferenz (Grünes Konjunktur- und Investitionsprogramm). Tilo Jung fragt - und Anton Hofreiter/Katrin Göring-Eckardt antworten. Sie distanzieren sich auf Nachfragen eindeutig von der in vieler Hinsicht fossilen Automobilstrategie ihres Parteikollegen Winfried Kretschmann. 

Anscheinend möchte die indische Regierung die Pandemie zur Beschleunigung eines sozialverträglichen Frühablebens nutzen. Anders lässt sich schwer erklären, wieso sie trotz der Warnung der WHO vor dem Einsatz des Malaria-Mittels Hydroxychloroquin genau auf dieses Mittel setzt. Wie die ZEIT ausführt ergab eine Studie der Harvard Medical School in Boston, dass die Einnahme von Chloroquin keinen nachweisbaren therapeutischen Effekt hat, erhebliche schwere Nebenwirkungen hervorruft und die Sterblichkeit erhöht. Dass grade die Länder, die auf eine rasche Öffnung der Wirtschaft pochen und deren Regierungen mit Genugtuung zusehen, wie die nutzlosen, lästigen Armen und Schwachen ins vertrocknete Gras beißen den Einsatz von Chloroquin empfehlen spricht für eine nicht nur auf Indien begrenzte Attraktivität dieser Strategie. Für Indien ist das ein gutes Geschäft: `70% der weltweiten Hydroxychloroquin-Bestände werden in Indien produziert." (`Indien setzt umstrittenes Malaria-Medikament gegen Corona ein`, ZEIT-Online, 27. Mai 2020). Ein zynisches Kalkül: je rascher Infizierte sterben, desto eher sind sie nicht mehr ansteckend. Das war der Grund für die lokale Eingrenzung von Ebola-Epidemien. Die Kranken starben, bevor sie andere anstecken konnten. Bei COVID-19 muss man da ein Bisschen nachhelfen. 

Moria ist die Hölle. Was ist dann erst Kutupalong in Bangladesch? Dort leben 800000 Flüchtlinge unter vergleichbaren Bedingungen wie in Moria auf einem ehemaligen Elefantenfeld. Drastisch gesagt ist auch dieses Lager `nur` Symptom: weltweit leben - wie heute der deutsche Entwicklungshilfeminister Müller während der Fragestunde im Deutschen Bundestag ausführte - 4 Milliarden Menschen in Armut, etwa die Hälfte der Weltbevölkerung. Unser Wohlstand hier hängt mit der Armut dort zusammen. Allein 500 Milliarden € an Zuschüssen und 250 Milliarden Kredite will die EU-Kommission im Rahmen des EU-Wirtschaftsprogrammes `Next Generation EU` - während Entwicklungshilfeminister Müller in Deutschland um 3 Milliarden € für seinen Etat bettelt - in die Unterstützung der am stärksten von der Corona-Krise betroffenen europäischen Länder pumpen (Typisch unfreiwilliger vdL-Humor: das sind Investitionen, deren Früchte die nächsten Generationen ernten - hauptsächlich Schulden. Diese schönfärberische, salbungsvolle Verdrehung der Tatsachen treibt unter anderem die 30-jährige französische EU-Parlamentarerin Manon Aubry von der Konföderation der Vereinten Europäischen auf die Palme: "Sie hinterlassen uns Schulden und Umweltbelastungen und gleichzeitig verweigern sie sich einer Besteuerung von Gewinnen der Internetunternehmen und der Supermarktketten, die von der Krise profitieren." Eine Philippika voller Wahrheit). Die gewaltigen Summen, die in Europa für die Bewältigung der Corona-Krise mobilisiert werden müssen diesen vier Milliarden Hungerleidern so vorkommen, als wedele man vor ihren Augen mit Geldscheinen herum, die man genüsslich an einer brennenden Zigarre entflammt. Immerhin wird sich die Anzahl der Armen und Hungernden durch die Pandemie reduzieren - da Unzählige diese Pandemie nicht überleben werden. 

BPK: Vorstellung der polizeilichen Statistik zu politisch, religiös und politisch motivierten Straftaten. Präsentiert wird die Statistik der Straftaten, die zu Anzeigen geführt haben. Dass diese Zahlen wenig aussagen über die Brisanz des politischen Klimas - insbesondere was rassistische und rechtsradikale Tendenzen betrifft - zeigt die Diskrepanz zwischen den Ergebnissen einer vom Bundesinnenministerium durchgeführten Befragung hinsichtlich direkter Erfahrungen von Bürgern mit rassistischen Übergriffen (etwa 236000 Vorfälle in 2019) zur Zahl der zur Anzeige gelangten Delikte (etwas über tausend). Daraus ergibt sich eine Dunkelziffer, die mindestens so alarmierend ist, wie die Dunkelziffer der Infizierten in der Pandemie. Hier wären die Entwicklungen von R-Raten und K-Raten (letztere bei COVID-19 ein Wert, der die Infektiösität von "Spreadern" beziffert, die Entsprechung wäre eine Ziffer für die Stärke  des Einflusses von persönlichen und automatisierten Influenzern auf Dritte) in den letzten Jahren zu betrachten, um einen Eindruck von Ausmaß und Dringlichkeit des Problems zu gewinnen.  

Das wär ja mal ein Ding: Twitter und Donald Trump löschen sich gegenseitig aus. Die Traumehe des weltgrößten truenews-Verkünders in Form von tweets und dem von ihm am meisten profitierenden Online-Dienstes Twitter steht vor dem Aus. Ein Soap-Opera-Zoff wie bei den Kardashians. Es ist auch empörend: Twitter wagt es, Trumps Versuch, seine Abwahl schon prophylaktisch für unmöglich zu erklären, indem er Briefwahlen vorweg für manipuliert erklärt, als fake-news zu kennzeichnen. Nun will Trump den Twitter-Dienst verbieten. Wie erfreulich, dass der president evil keinen anderen Kummer hat.

Ein Beitrag auf 3sat über Effekte und Konsequenzen des Klimawandels. Brennende Moore, die Methan freisetzen. Waldbrände, die aufgrund extremer Dürre kaum noch zu löschen sind, eine CO2-Kamera dokumentiert bildhaft den Ausstoß des wie das Corona-Virus unsichtbaren und dadurch für viele (Lukaschenko: Sehen Sie hier Viren?) nicht vorhandenen Treibhausgases eines Flugzeugs. Ich bin beeindruckt und sollte mit dem Zug zum Ort meiner Sehnsucht reisen. 30 Stunden ununterbrochen mit Nasen-Mund-Schutz. Mach ich nicht. Mal sehen wie lange es mit einem Heißluftballon dauert. 

Homosexuelle Männer, die Blut spenden wollen müssen versichern, dass sie in 12 Monaten zuvor keinen sexuellen Kontakt zu Männern hatten. Szenen eines Morgens mit Hörnchen am Bet - Sie: "Du warst aber nicht so enthusiastisch." - Er: "Naja, ich möchte Blut spenden und dazu darf ich zwölf Monate keinen Sex mit einem Mann haben." - Sie: rafft die Röcke und schlägt die Tür zu.

Bei Lanz und Maischberger: Überraschend großer Zuspruch für Bodo Ramelow, vor allem von Stern-Journalist Hans-Ulrich Jörges, der den Nasen-Mund-Schutz angenehm verächtlich den `Lappen` nennt. Er sieht angesichts des aktuellen Infektionsgeschehens die Einschränkung der Grundrechte als nicht mehr verhältnismäßig an. Aktuelle Bilder von distanzlosen Menschenmassen am Strand belegen für ihn, dass dauerhafte Eingriffe in individuelles Verhalten das Gegenteil ihrer beabsichtigten Wirkung erzeugen. Nicht nur die Verhältnismäßigkeit von Zwang steht in Frage, sondern auch dessen Eignung.  

(...)

"Am Strand steigen Drachen - das jährliche Drachenfestival. Mich beunruhigt der fliegende Haifisch mit Mundschutz. Über dem diesigen Horizont schwebt ein Ballon, der für ein Desinfektionsmittel wirbt. Plastikschwänze flattern geräuschvoll im Wind...die Unruhe der Planen von Lazarettzelten auf zugigen Schlachtfeldern."

 

 

70. 26. Mai 2020

Ich erwache hungrig aus einem Traum von Leberwurstbäumen, die sich in einer Träne spiegeln. Von der Miniportion kann man nicht satt werden.  

Die Kassiererinnen und Kassierer an der Supermarktkasse müssen keine Masken mehr tragen. Das freut mich für sie und für mich - ein Lichtblick, auf den meine Psyche überreagiert wie das Immunsystem auf COVID-19. Im Überschwang der Gefühle kaufe ich aus Versehen Kondome mit Geschmack statt Kaugummis.

Ich fühle mich ertappt als ich auf einen Artikel von Hengameh Yaghoobifarah in der taz vom 14.04.2020 stoße: "Fade wie Furzen - zu viele Corona-Tagebücher." Ein Auszug: "Wen juckt es, was Leonie oder Clemens in ihre Tagebücher schreiben, wenn sie original dasselbe erleben wie 70% der Gesellschaft? (...) Herkömmliche Tagebücher sind nicht ohne Grund mit einem Schloss versehen." Ich leiste mir die Arroganz zu grinsen. Mich kann er ja nicht meinen, oder?

Achtung, eine Durchsage: Der kleine Mirko kann nicht von seinen Eltern abgeholt werden. In der Ukraine werden Kohorten von Leihmüttern geborener Babies in einer Batterie überdimensionaler Tupperware-Schalen zwischengelagert, bestellte Bioware, deren Käufer aus dem Ausland aufgrund der Grenzschließungen die Lieferung nicht in Empfang nehmen können. Die Leihmütter erhalten für das Austragen und Gebären 8000,00 €. Das ist ein Monatslohn von nicht einmal 1000,00 €, ein voller Bauch für den vollen Bauch der eigenen Kinder. Der Preis, den die Käufer bezahlen, liegt bei 65.000,00 €. Die Gewinnspanne für das Unternehmen, das Leihmütter vermittelt dürfte imposant sein. 

Zu Beginn des lockdowns wurde gelegentlich orakelt, es sei mit steigenden Suizidraten zu rechnen. Auf Publikationen von Statistiken bin ich noch nicht gestoßen. Entweder gibt es sie noch nicht, oder man will die Konsumdepression des Publikums nicht vertiefen. Vielleicht sagt man sich auch: Suizide sind nicht ansteckend. So wenig wie Kindesmissbrauch und Gewalt in der Familie.

Der Shitstorm über Carsten Ramelow regnet überparteilich auf ihn herab, auch seitens vormaliger Fürsten der Lockerung wie Armin Laschet und Markus Söder. Kernpunkt der Kritik ist, sein Vorhaben "sende falsche Signale." Reicht denn - unabhängig von der Korrektheit dieser Annahme - diese küchenpsychologische These als Begründung für die Verlängerung von Einschränkungen der Grundrechte aus? Dass es ein `falsches Signal`sein soll, den Bürgern verantwortungsvolle Selbstregulation zuzutrauen (zuzumuten?) ist per se schon eine heikle Vermutung. Dann auch noch mit der Unvernunft Einzelner rechtfertigen zu wollen, auch in Regionen mit einem Infektionsgeschehen nahe null weiter auf Verbote zu setzen - schließlich, so Söder, bedürfe es auch im Straßenverkehr Regeln und Kontrollen, um Verkehrssünder zu sanktionieren - ist hanebüchener Humbug. Erstens kommt man der Unvernunft Einzelner nicht durch Verbote und Sanktionen bei, zweitens müsste man mit dem Argument der Unterbindung der Unvernunft Einzelner mit sofortiger Wirkung das gesamte wirtschaftliche und soziale Leben (inklusive Straßenverkehr) einfrieren. Drittens ist nicht zu erkennen, dass Ramelows Vorhaben überhaupt eine Signalwirkung dahin gehend hätte, dass die Bevölkerung die Gefahr als gebannt ansieht - das Trommelfeuer der Warnungen hat längst eine Klima der Angst erzeugt, das nachhaltige Verhaltensänderungen manifestiert.  

Folgt man der Scheinargumentation Markus Söders, der den Fall der akuten Katastrophengefahr schon durch die vage Annahme individueller Unvernunft für gegeben hält, sind das Grundgesetz und die darin definierten Freiheiten die Quelle der Infektionsgefahr und sollten im Sinne des Infektionsschutzgesetzes ebenso abgeschafft werden wie die Demokratie an sich. Dass eine solche Entwicklung sich ereignen kann, wird mit jedem Tag wahrscheinlicher, an dem die Dauer der Eingriffe in die Grund- und Freiheitsrechte nicht definiert wird. Dann kann demnächst der Biergartenfetischist Markus Söder gesetzlich regeln was vernünftig ist und das Unvernünftige unter Strafe stellen, zum Beispiel das Tragen von Masken, die nicht in den bayrischen Landesfarben designt sind. Was genau vernünftiges Verhalten ist, erklärt dann anschaulich und nachvollziehbar Edmund-Stoiber-Gedächtnisredner Hubert Aiwanger.   

Eine gewisse Niedergeschlagenheit...wenn einem Buchtitel wie "Über den Verzicht auf Musik" oder "Das Glühen vor der Agonie" einfallen, sollte man sein Fingerspitzengefühl eine Weile lang nicht an die Tastatur vergeuden. 

Du, lieber Handelsverband, beklagst: Kunden kaufen nur das Notwendige. Ich kann nicht umhin, dies nicht als negatives Signal zu werten. Wenn aus Sicht von Klimaforschern eine Eindämmung der Folgen des Klimawandels ohne Verhaltensänderungen nicht möglich sein wird, so wird der Druck auf Unternehmen ihre Geschäftsmodelle und Marketingstrategien anzupassen dann effektiv sein, wenn Verbraucher sich zunehmend auf Nützliches und nicht auf Überflüssiges fokussieren. Dazu gehört auch ein verändertes Mobilitätsverhalten, etwa durch Carsharing und den Verzicht auf unnötige Fahrten mit dem Auto. Ob der Zug in diese Richtung geht, ist zwar offen - doch es ist unwahrscheinlich, dass die Verinnerlichung von Verhaltensmustern ausgerechnet beim Konsum ausbleibt und wieder business as usual weicht. Da unentwegt heraus posaunt wird, dass man auf unabsehbare Zeit nicht mehr zur Normalität zurückkehren kann, wie man sie kannte, gilt dies wohl auch für Kaufhäuser, Geschäfte, Reisebüros etc. Zu denken, dass die Ökonomie die Ausnahme von Ausnahmezustand bildet, ist Traumtänzerei. 

Die Union will ab 01. Juli den Soli abschaffen. Man will die Kaufkraft stärken. Ob es etwas bringt die Kaufkraft zu stärken ohne dass die Kaufbereitschaft zunimmt? 

Die Tautologie des Morgens lässt Dietmar Bartsch bei phoenix vor Ort vom Stapel: Man muss die Überprüfung der Maßnahmen immer wieder überprüfen. Am besten von einem staatlich zertifizierten Überprüfungsüberprüfer.

Dazu die Gurke des Morgens: "Die Lufthansa-Tochter Eurowings hat endlich den Ferienbetrieb wieder aufgenommen - dabei aber ein Detail übersehen. Der Zielflughafen auf Sardinien war wegen der Coronakrise noch geschlossen." Bei der Qualität der Logistik beschleicht einen Flugangst. 

Bei einer Pressekonferenz argumentiert Markus Söder, dass es verheerend sei, wenn die bisher ergriffenen Maßnahmen täglich von `Einigen` in Frage gestellt würden. Dies sei gefährlich und verunsichere die Bürger. Mit Verlaub: die Einschränkungen von Grundrechten sind jederzeit auf Verhältnismäßigkeit, Eignung, Angemessenheit zu überprüfen und sie sind zu befristen. Nicht die Lockerungen müssen begründet werden, sondern die Einschränkungen. Außerdem stellt die scheinheilige Frage, `welche Grundrechte denn nun wirklich noch eingeschränkt seien? Es handele sich doch lediglich um Kontaktsperren!, Abstandsregelungen und Maskenpflicht!` eine unerträgliche Verharmlosung gravierender Eingriffe in das Verhalten von Individuen und Gruppen dar, zudem hängt die Frage nach der Verhältnismäßigkeit, Eignung, Angemessenheit und Befristung nicht von der Menge der Freiheitsbeschränkungen ab. Es gibt so etwas wie ein `Bisschen` Grundrechtseinschränkung ebenso wenig wie ein `Bisschen` schwanger. Obendrein ist es sachlich unrichtig, Carsten Ramelows Initiative als einen `radikalen Kurswechsel` zu bezeichnen und den Thüringer Weg als Aufgabe von Schutzmaßnahmen. Inhaltlich unterscheiden sich die Schutzmaßnahmen in Thüringen nicht oder kaum von denen in Bayern. Lediglich die Verlagerung der Verantwortung für das Befolgen der Maßnahme auf die Ebene der Selbstregulierung der Bürger weicht ab von der bisherigen Praxis. Wenn der Weg zurück zu den Freiheitsrechten schon `radikal´ genannt wird, dann scheint der Kurswechsel dringend notwendig zu sein.

Beinahe komisch ist die Angst des Hochinfektionslandes Bayern vor der Einschleppung von COVID-19 aus Thüringen - umgekehrt wird ein Schuh draus. Man könnte verstehen, hätte Thüringen Angst vor dem blau-weißen Infektionsrisiko. Wovor Bayern Angst hat ist vor dem Infektionsrisiko Freiheitsrechte.   

Der oft bekrittelte föderale Flickenteppich ist übrigens grade heute verständlich - Schließlich ist heute der `Tag der Diversität`. 

Mit einer nicht zu leugnenden Anteilnahme verfolge ich die Debatte über die Wahl von Barbara Borchardt zur Richterin am Landesverfassungsgericht Mecklenburg-Vorpommern. Sie ist Mitglied in der Antikapitalistischen Linken und fordert einen "Bruch mit der kapitalistischen Eigentumsstruktur" wie es im Verfassungsschutzbericht des Bundes von 2018 heißt. Für sie kein Widerspruch, denn "eine kapitalistische Grundordnung sei nicht im Grundgesetz verankert"(zitiert in: Christian Lotter, `Als Verfassungsrichterin umstritten: Linken-Politikerin Borchardt`, Augsburger Allgemeine, 25.05.2020). Offenbar sahen dass alle Fraktionen außer der AfD genau so. Da stellt sich die Frage, wie der Verfassungsschutz dazu kommt, als Hüter der kapitalistischen Eigentumsstruktur aufzutreten. Es heißt Verfassungsschutz, nicht Kapitalismusschutz.     

In der Reportage "Der Unverantwortliche" von Elmar Theveßen (ZDF) über das Corona-Missmanagement der Trump-Administration wird erwähnt, dass die von Vorgänger Obama eingerichtete Regierungsabteilung für globale Gesundheit, ins Leben gerufen mit dem Ziel Pandemien vorzubeugen und zu bekämpfen, von Trump zusammengeschrumpft wurde zu einem Team in der Regierungsabteilung für Massenvernichtungswaffen. Trump als Leninist: Macht Eure Krankheit zur Waffe. Ein Mediziner kommentiert die Bagatellisierung von COVID-19 als harmlose Grippe: das ist als würde man sagen Hiroshima sei nicht mehr als an sehr heißer Sommertag gewesen. Trumps Ego wird mehr Menschen das Leben kosten, als der Abwurf der Atombombe Little Boy. 

Es ist einzuräumen, dass gegen das Krisenmanagement der USA das deutsche Krisenmanagement brillant ist. Kein Kompliment, lediglich eine Feststellung. 

Auf `Frontal´ ein Bericht über einen COVID-19-Patienten aus meiner Heimatstadt. Knapp dem Tod entronnen kämpft er nun mit schwerwiegenden Spätfolgen. Herzinfarkt. Gedächtnisverlust. Wortfindungsstörungen. Viel zu späte Betreuung und Diagnose von Ärzten. Eine Horror-Story ganz aus meiner Nähe. Viele COVID- `Genesene´ leiden unter Spätfolgen, von denen sie nicht wissen, ob sie chronisch und gefährlich sind. Trotz meiner geharnischten Kritik an den Grundrechtseinschränkungen hinterlassen die Einzelschicksale Wirkung. Ich hoffe die Unvernünftigen sehen diesen Beitrag, eine Hoffnung, die so bizarr ist, wie Trumps Therapievorschläge. Dennoch bezweifele ich stark, dass Verbote der entscheidende Erfolgsfaktor bei der Eindämmung der Pandemie sind. Entscheidend ist so oder so die Bereitschaft zur Selbsregulation - dauerhaft wird diese Bereitschaft durch Zwang eher unterminiert als gefördert. Anschließend ein Bericht über das Geschäft mit Tiertrophäen aus Safaris. Deutschland der drittgrößte Markt. Besonders begehrtes Gut weltweit: das Horn bon Nashörnern. Das Washingtoner Artenschutzabkommen untersagt, die Tötung von Nashörnern dadurch zu unterbinden, dass man die Tiere betäubt und einen Teil des nachwachsenden Horns absägt. Aber die Tötung der Tiere und der Vertrieb deren Hörner bleibt legal. Aus Artenschutzgründen - denn das Geld, das mit den Safaris und dem Trophäenverkauf verdient wird soll Organisationen zufließen, die sich um den Artenschutz kümmern. So eine Welt soll fähig sein, konzertiert gegen globale Bedrohungen vorzugehen? 

Einem Bericht bei "Report aus Mainz" finden staatliche Lebensmittelkontrollen derzeit so gut wie nicht statt. Die dafür zuständigen Mitarbeiter bei Gesundheitsämtern werden für die Bekämpfung von Corona eingesetzt. Die EU erlaubt es Mitarbeitern der Lebensmittelkonzerne, die Kontrollen zu übernehmen. Als Schutz vor Salmonellen soll er Gärtner fungieren, zu dem der Bock gemacht wird. An Bord von Passagierflugzeugen sollen - so die EU - die Fluggesellschaften sich darum bemühen, dass der Sicherheitsabstand der Passagiere bei nicht ausgelasteten Flugzeugen gewahrt bleiben soll. Mit anderen Worten: die Fluggesellschaffen können tun und lassen was sie wollen. Und so ist es: die Flieger sind voll, beim Check-In, beim Ein- und Aussteigen wuseln die Passagiere umeinander wie aufgeregte Fledermäuse, die Flieger sind voll besetzt. Man fragt sich angesichts dieser Umstände ernsthaft, ob die größten Gefahren einer erneuten Verbreitung von COVID-19 von individuellem Fehlverhalten ausgehen. Anschließend ein Beitrag über Verschwörungstheorien - der größte Irrtum der Verschwörungstheoretiker besteht darin, an einen verdeckten Machtmissbrauch zu glauben. Es gibt keine Verschwörung: die Missstände sind unübersehbar und werden auch nicht verschleiert. Dafür bedarf es keiner Superhirne sondern nur intensiver Lobbyarbeit, skrupelloser Geldgier und opportunistischer Politik. 

Lebt eigentlich noch jemand im Flüchtlingslager Moria?

Die Phoenix-Runde gibt darauf keine Antwort. Aber ihr Thema ist ja auch: Thueringen prescht vor - mutig oder fatal? Hier wird  von Armin Schuster, dem Innen-Experten der Unions-Bundestagsfraktion so getan, als habe Ramelow nicht einen Vorschlag für das Bundesland Thüringen unterbreitet, sondern für die Welt, mindestens für den Bund. Zudem unterstellt er, Bodo Ramelow habe das Signal gegeben ab jetzt ist high life und es kann gefeiert werden. Wenn jemand derzeit dieses Signal aussendet, dann die Fluggesellschaften und die Staaten, die um Touristen buhlen. Ein Argument gegen die Verlagerung der Verantwortung auf die einzelne Person für ihr Wohl und das ihrer Nächsten wird auch von Herrn Montgomery geteilt - ohne Schutz durch allgemein verbindliche Statuten treibt man die Risikogruppen in die Selbstisolation, denn sie ziehen sich aus dem unbeschränkten, unregulierten sozialen Leben zurück. Dem wäre zuzustimmen, wenn die verordneten Schutzmaßnahmen bisher die vulnerablen Gruppen geschützt hätten: doch zum Beispiel die Maskenpflicht im ÖPNV und in Geschäften schützt die Risikogruppen nicht. Deren Unbehagen und Risiko im ÖPNV und beim Einkauf wird bleiben solange dort nicht für den notwendigen Abstand gesorgt wird - zudem sind immer noch die Bedingungen in Alten- und Pflegeheimen ein Hohn. Es kann von einem besonderen Schutz für die Risikogruppen durch die bisherigen Maßnahmen nicht die Rede sein. 

Bei Markus Lanz ist das Thema Maske wieder präsent. Gegen Bodo Ramelows Strategie der Verlagerung von Verantwortung für den Selbstschutz auf das Individuum werden die "Superspread"-Ereignisse in der Baptistenkirche in Frankfurt-Rodelheim angeführt. Dieses Argument entkräftet sich in gewisser Weise von selbst, als sie offenbar durch die verordneten Corona-Maßnahmen nicht verhindert wurden. Zu dem Zitat eines südkoreanischen Virologen, der feststellte: "Masken tragen ist keine kulturelle Frage, sondern eine der Intelligenz." Grade wenn man davon ausgeht, dass die Bereitschaft zur Selbstregulation - und somit die Intelligenz - nicht groß genug ist, um auf Verbote zu verzichten ist es fahrlässig, davon auszugehen, dass die zum (schwachen) Schutz des Gegenübers vorgesehenen Nasen-Mund-Schutze von den Trägern sachgerecht gehandhabt werden  (...ich müsste die Maske mal wieder waschen). Nähme man es ernst mit dem Schutz der dummen Bevölkerung würde man entweder flächendeckend dafür sorgen, dass bei der Arbeit und im öffentlichen Raum der Abstand gewahrt bleiben kann, oder man müsste die Bevölkerung mit FFP2-Masken versorgen. 

Der Wirtschaftswissenschaftler Daniel Stelter polemisiert gegen Geschenke deutschen Geldes für Italien. Er verschweigt, dass mehr als die Hälfte der Mittel der von der EU zur Bekämpfung der Corona-Krise bereitgestellten Mittel nach Deutschland fließen. Die Idee europaweit alle Schulden der Länder bei der EZB abzuladen, Geld ohne Ende zu drucken und die Schulden über einen gestreckten Zeitraum von hundert Jahren zu tilgen zeigt: der Mann hat noch nie was vom Klimawandel gehört und glaubt unerschütterlich an die Stabilität von Institutionen. In hundert Jahren ist Europa eine Wüste und Brüssel wird von Erdmännchen regiert.

Genug. Jemand in der Runde redet von Aluhüten und ich verstehe Aleviten. Hinlegen.   

 

69. 25. Mai 2020

Während die "Fanatischen Vier" ( JoBoPuTru) sich besonders um die Leugnung der Corona-Gefahr `verdient´ machen, gesellt sich in Sachen Beugung von Rechtsstaatlichkeit, Benennung von Sündenböcken unter politisch missliebigen Kräften und Aufwiegeln der eigenen Anhängerschaft längst Kollege Netanjahu dazu. Die linke Presse und die Justiz hätten sich verschworen um einen starken Regierungschef der Rechten seines Amtes zu entheben, so Netanjahu - während einer Pressekonferenz anlässlich des Prozessbeginns wegen Bestechlichkeit, Betrug und Untreue. Pressefreiheit und eine unabhängige Justiz sind Grundpfeiler einer Demokratie - wer diese als Teil einer Verschwörung diffamiert, legt gezielt die Axt an diese Pfeiler und an die Demokratie. Vor dem Gericht demonstrieren Anhänger Netanjahus und feiern den `König von Israel`. Journalisten, die die Skandalnudel Netanjahu in den Fokus ihrer Recherchen und Berichterstattung erhalten Morddrohungen und werden in einem Atemzug genannt mit Al Kaida-Terroristen und dem iranischen Religionsführer Ali Chamenei. Es ist mehr als bedenklich, wie viele Gegner von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in ihr Amt gewählt werden. Wohin der Weg führen kann zeigt sich augenscheinlich am Besten in Brasilien. Anhänger Bolsonaros demonstrieren gegen die Corona-Maßnahmen und fordern einen Militärputsch, damit das korrupte Parlament und die bestechlichen Richter davongejagt werden, der Präsident endlich seine Arbeit tun kann und Regenwald und Indigene verschwinden. Den chinesischen Parteichef nehme ich in diese Reihe nicht auf: der behauptet ja nicht, in China gebe es Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit.

Entsetzen über den Vorstoß Carsten Ramelows. Das war klar und wohl auch von Ramelow selbst erwartet. Im Gegensatz zu China besteht in Deutschland Pressefreiheit, die sich auch darin äußert, vehement das Fortbestehen von Freiheitsbeschränkungen zu fordern. Ramelows Vorpreschen schaffe ´die besten Voraussetzungen für eine zweite, verheerende Welle. Immerhin dürfte sie die Ramelows dieser Republik dann aus ihren Ämtern spülen.`(Alexander Marinos, `Atemlos durch Thüringen`). Zunächst: was genau hat Carsten Ramelow gesagt und was nicht? Er hat nicht in Frage gestellt, dass es vernünftig ist, in öffentlichen Verkehrsmitteln und Supermärkten Nasen-Mundschutz zu tragen. Er hat nicht in Frage gestellt, dass Abstandhalten vernünftig ist. Er hat nicht in Frage gestellt, dass es sinnvoll ist, soziale Kontakte zu minimieren. Er will lediglich darauf setzen, dass die Bürger Thüringens die Maßnahmen zur Risikovermeidung verinnerlicht haben und eigenverantwortlich umsetzen. Abgeschafft werden sollen nicht die Maßnahmen, lediglich die Ebene der Verantwortung für ihre Umsetzung wird verlagert. Das trägt unter anderem dem Umstand Rechnung, dass zwar Verstöße gegen die Verordnungen sanktioniert werden können, eine flächendeckende Kontrolle der Einhaltung der Regeln jedoch nicht realisierbar ist und es leicht ist, sich diesen Regeln zu entziehen. Die derzeitigen lokalen Ausbrüche in Kirchen und Restaurants hätten sich mit und ohne Zwangsmaßnahmen ereignet, die Umgehung der Regeln wird mit zunehmender Dauer von Restriktionen bei einem Minimum an Kontrollierbarkeit so zur Regel, wie der Schnapsschmuggel zu Zeiten der Prohibition. Dennoch wird von den Kritikern von Carsten Ramelows Vorstoß so getan, als sei die Abschaffung der Verpflichtung zu risikovermeidendem Verhalten gleichbedeutend damit, dass auch das verantwortungsbewusste Verhalten selbst verschwindet. Die Kritik richtet sich gegen die Abschaffung von Zwang, den auch Ramelow in einem ersten Schritt für richtig hielt. Anfang März ging man von zu erwartenden 60000 Infizierten in Thüringen aus - aktuell sind es 245, weil die Thüringer die Maßnahmen angenommen haben. Angesichts dieser Entwicklung stellt sich in der Tat die Frage der Verhältnismäßigkeit der Freiheitsbeschränkungen und ob diese noch durch das Infektionsschutzgesetz abgedeckt sind (...wo ist die akute Katastrophengefahr in Thüringen?). Zudem soll es auch in Thüringen - wie in anderen Bundesländern - regionale Maßnahmen abhängig vom Infektionsgeschehen vor Ort geben. 

Ist es schon unseriös, die Abschaffung von Zwang gleichzusetzen mit der ´zwangsläufigen` Folge unverantwortlichen Handelns in der Bevölkerung, so ist es sachlich falsch, es so darzustellen, als sei die Abschaffung des gesetzlichen Zwangs schon beschlossene Sache. Ramelow wird sein Vorhaben dem Kabinett vorstellen, er ist Ministerpräsident, nicht Diktator des Landes und bedarf für die Durchführung seines Vorhabens der demokratischen Legitimation. 

Ekelig an dem Kommentar von Alexander Marinos ist seine Verächtlichmachung der Person Carsten Ramelows. Wer genau sind eigentlich die `Ramelows dieser Welt?`. Seine Familie? Sämtliche Amtsträger der Linken? Jeder, der es wagt, Kritik an der Fortsetzung von Grundrechtseinschränkungen zu äußern? Jemanden nur beim Nachnamen zu nennen ist schon entwürdigend und entwertet die Person, reduziert sie auf die Sache Ramelow.  Die Person Carsten Ramelow verschwindet im Plural als typischer Vertreter eines lebensunwürdigen Menschenschlags, dem man den Tod durch Ertrinken wünscht. Ich würde mir wünschen, dass das hohe Gut der Pressefreiheit nicht durch die Marinos dieser Welt konterkariert wird, die offenbar auch ihren Lesern einen verantwortungsbewussten Umgang mit Freiheit nicht zutrauen. Sucht man nach fehlendem Verantwortungsbewusstsein, dann empfiehlt sich ein Blick auf Hotspots: die befinden sich im Bereich organisierter Geselligkeit, Arbeit und Frömmigkeit. Es lohnt sich auch, den Prozess gegen Volkswagen zu vervolken.  

Nicht, dass ich die Illusion hege, Menschenmassen seien vernunftbegabt, aber sie sind in der Lage zu einer Verinnerlichung von zweckdienlichen Verhaltensmustern, die des Zwangs nicht mehr bedarf. Nicht nur, aber auch wegen dieses gesellschaftlichen Pragmatismus wird Demokratie `riskiert` und Freiheit erlaubt. Kolumnisten wie Herr Marino sehen das Zutrauen in die Eigenverantwortlichkeit der Menschen als gefährlich und fahrlässig an - und vertrauen gleichzeitig darauf, dass die Menschen auf die aus Marinos Sicht unvermeidliche Katastrophe in Folge der Aufhebung von Freiheitsbeschränkung ´vernünftig` in seinem Sinne reagieren. Durch Abwahl der Personen, die ihnen verantwortungsvolles Handeln in Freiheit zutrauten. Und ja...Freiheit und deren Missbrauch liegen so eng beieinander, wie die temporäre Beschränkung von Grundrechten und deren dauerhafte Gültigkeit. Man kann sich bis auf weiteres darauf verlassen, dass auch bei Aufhebung des Zwangs der panoptische Turm in unserer Psyche seine Wirkung entfaltet: "Auch wenn die Maßnahmen gelockert werden, so ist doch die innere Öffnung nach Wochen des persönlichen lockdowns nicht allzu einfach." schrieb Tamina Grasme heute in der WAZ. Selbst wenn der Zwang weg ist, das Korsett bleibt und es drückt: "Wer will schon mit Maske einkaufen gehen, ins Restaurant oder in die Kneipe oder auf die Straße? Sprache, Mimik und Freundlichkeit sind damit begraben." (Leserbrief von Peter Knappmann). Das würde auf unabsehbare Zeit auch ohne Zwang so sein. Die Angst wird ebenso bleiben, wie der Leichtsinn.    

Bei der Bundespressekonferenz zu "sozial-ökologischen Impulsen für die Konjunktur" ist es diesmal an Svenja Schulze auf Herrn Jungs Fragen nicht zu antworten, was ihr deutlich charmanter und konzilianter gelingt, als Stephan Seibert. Wie man es schaffen wolle, an Wachstumszielen festzuhalten und den CO2-Ausstoß pro Kopf um knapp 90% zu senken, wie es das Bundesumweltamt für erforderlich hält, bleibt schleierhaft, was für sich spricht und Herrn Jungs kritische Frage im Mundumdrehen fraglos in eine Kritik verwandelt. 

Das Naturgesetz der Bundespressekonferenzen ist so felsenfest bestätigt wie die Vorhersagen der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik: Auf Fragen, die unter den Nägeln brennen werden zuverlässig keine Antworten gegeben. Beispielhaft: warum das Problem Werkverträge nur in der fleischverarbeitenden Industrie angegangen wird. Die Antwort hat mit der gestellten Frage nichts zu tun. 

13:40: schon ist es so weit. Ein paar harsche Kritiken von Jens Spahn, Robert Habeck, aus dem Kanzleramt etc. schon rudert Carsten Ramelow zurück. Das war wohl nur ein Testballon. Der Trend geht jedoch in die andere Richtung: Verstetigung von Verboten, die das persönliche Verhalten im sozialen Raum regulieren, Lockerungen für die Wirtschaft, die nichts mit der Wiedererlangung persönlicher Freiheit zu schaffen haben, denn sämtliche Reglementierungen des individuellen und sozialen Verhaltens bleiben in Kraft. Kanzleramtssprecher Braun lässt durchblicken, dass Kontaktsperren und Hyänemassnahmen bis zum 05. Juli verlängert werden sollen. Habeck bringt es fertig, in einem Atemzug insbesondere die junge Generation für ihr verantwortungsvolles und solidarisches Verhalten lobend hervorzuheben um noch im selben Satz (...nach der eher groben positiven Diskriminierung der Friday-for-future-Generation, die er als repräsentativ für die charakterliche Disposition sämtlicher Jugendlicher erachtet, was sich durch einige Besuche in öffentlichen Parks bei Picknickwetter als Wunschdenken entlarvt) die Notwendigkeit des Beibehaltens von Verboten zu betonen und Ramelows Vorhaben als `fatales Signal´ zu schelten. Unisono - ob aus München oder aus dem Saarland - wird kritisiert, Ramelow wolle die Regeln aufheben. Der feine Unterschied zwischen Regeln und Verboten wird ignoriert.

Ich gebe zu, dass mein reflexhaftes Schielen nach Schweden auch meiner persönlichen Sehnsucht nach einer Gesellschaft entspricht, in der eine gewählte Regierung sich in Demut für das in sie gesetzte Vertrauen bedankt, indem die Regierung ihren Bürgern (und Unternehmen) vertraut. Wie ist die aktuelle Situation? Andre Anwar berichtet bei Redaktionsnetzwerk Deutschland ("Schweden und der Sonderweg: Das freieste Land Europas", RND.de, 25.05.2020) über den Stand der Dinge in Schweden. Zusammengefasst: dank umfassendem Homeoffice sind die öffentlichen Verkehrsmittel so leer, dass jeder Fahrgast eine Vierersitzgruppe für sich allein hat. Anders als in Deutschland gelingt es, die öffentliche Infrastruktur so zu gestalten, dass Abstandsregeln eingehalten werden können. Hier sind Institutionen und Betriebe nicht in der Verantwortung dies zu gewährleisten, statt dessen sollen sich Passagiere und Käufer bei `nicht zu vermeidender Unterschreitung des Mindestabstands` unzureichend schützen, und dies verpflichtend. Unternehmen gelingt es, das Arbeitsumfeld so zu gestalten, dass Abstandhalten gewährleistet ist. Die WHO lobt den Schwedischen Weg ausdrücklich: "Wenn wir eine normalisierte Lage erreichen wollen, zurück zu einer Gesellschaft, die wir nicht verschließen müssen, glaube ich, das Schweeden ein Zukunftsmodell repräsentiert." - so WHO-Notfalldirektor Michael Ryan. Der Rückhalt der Bevölkerung für die Politik der Regierung ist in Schweden ebenso groß, wie die Bereitschaft zur Selbstregulation. Der Chef der Gesundheitsbehörde Johan Carlson verteidigt die Schwedischen Maßnahmen, die sich weitgehend nur im fehlenden Zwangscharakter von denjenigen in anderen Ländern unterscheiden: "Wenn die Leute sagen, wir in Schweden machen ein Experiment mit unserem Sonderweg würde ich antworten, dass es ein äußerst kniffliges Experiment ist, die gesamte Bevölkerung eines Landes vier- bis fünf Monate einzusperren." Bleibt die Kritik an der hohen Sterberate in Schweden, die allerdings derjenigen in Ländern mit hartem lockdown gleicht und vor allem auf die Zustände in Alten- und Pflegeeinrichtungen zurückzuführen sind - diese wiederum stehen nicht im Zusammenhang mit höheren Freiheitsgraden, sondern sind wie in anderen Ländern auch Folge von Privatisierungen und Kürzungen. Das ist kein schwedisches, sondern ein europaweites Problem wie Ryan feststellt: "Unsere Alten sterben in ganz Europa."

Wo würde ich mich sicherer fühlen? In einem Land, in dem ich der Eigenverantwortung und der Selbstregulierung meiner Mitmenschen vertrauen kann? Oder in einem Land, in dem gesetzlich bestimmte Verhaltensregeln ein Mangel an Vertrauen ausdrücken, das zunehmend - nach Nachlassen der Schockstarre - Reaktanz, Wut und Fehlverhalten provoziert, das mich gefährdet? 

Deutschland kommt gut durch die Krise - als ließe sich das schon beurteilen, wenn wir erst am Anfang der Pandemie stehen. "Dieser Lobgesang auf die Corona-Maßnahmen ist unerträglich", wie sich der bereits zitierte Peter Knappmann beklagt, womit er nicht die Maßnahmen, sondern den Ruch des Eigenlobs moniert. In der Tat - gern wird bei Kritik darauf verwiesen, dass man `bewundernd nach Deutschland sieht und sich fragt, wie das machen.` Wir sollen uns glücklich schätzen. Ist es schon so weit, dass man sich Skepsis verkneifen soll, weil es anderswo schrecklicher ist als hier? Mit dieser Argumentation kann sich auch die Kommunistische Partei Chinas dafür loben, dass es dort viel freier und ungezwungener zugeht als in Nordkorea.

Na, dann soll ich doch nach Schweden gehen wenn es mir hier nicht passt? NeeNee...Hier gibt es einfach mehr zu mäkeln.

"Unsere Alten sterben in Europa." Es fällt auf, dass die derzeitigen Zustände in Alten- und Pflegeheimen nicht mehr thematisiert werden. Unter den wachsenden Schichten nun wichtigerer Themen - Lockerungen, Urlaub, Lufthansa-Rettung - ist das Thema Schutz der vulnerablen Gruppen stillschweigend begraben worden. Man könnte sagen, die SeniorInnen und Senioren werden totgeschwiegen. Insgesamt vermisst man Statistiken und Zahlen, die die Gesamtzahl aktuell Infizierter und Verstorbener herunter brechen auf Branchen und Einrichtungen. Es wäre aufschlussreich und würde für Transparenz sorgen würde man fortlaufend darüber informiert, in welchen beruflichen und institutionellen Einrichtungen Risiko und Mortalität besonders hoch sind. Dass dies nicht geschieht macht stutzig.

Markus Söder urteilt sinngemäß: Erlaubnis führt zu Verstoß, Freiheit zu deren Missbrauch. Was für ein Demokratieverständnis. Bodo Ramelow hingegen führt Argumente an, denen sogar Virologen zustimmen: regionale Betrachtung und Eingreifen der Gesundheitsämter je nach Situation und Region. Zudem trifft es zu, dass nicht Lockerungen, sondern Einschränkungen fortlaufend begründet werden müssen.

Dann das: 9 Milliarden-Hilfe für die Lufthansa - weitgehend bedingungslos, ohne ökologische Auflagen und vor allem gegen eine Beteiligung ohne Sperrminorität. Kein Wort zu dem Status der Angestellten, keine Jobgarantie - nichts. Das ist beinahe so irrsinnig wie die auf einem Video aufgezeichneten Gespräche Bolsonaros mit seinen Ministern. Jeder solle sich bewaffnen, das Parlament gehört abgeschafft, von seinen Widersachern lasse er sich nicht ficken - und der Umweltminister empfiehlt rigorose Vorgehen gegen missliebige Gegner von Abholzung und Aufhebung der Maßnahmen zum Infektionsschutz, solange die gesamte Aufmerksamkeit auf Corona liegt. Unglaublich, aber wahr.  

Bei `Hart aber fair´ geht es um das Thema: Kinder und Eltern zuletzt? Zuletzt geht es in der Talk-Runde um Lösungen für die lausige Situation, in die der lockdown von Kitas und Schulen Eltern und Kinder bringt. Stattdessen geht es um die vorgebliche Faulheit von Lehren und Beamten, was dazu führt, dass die Vertreter von Lehrerverbände und Familienministerinnen das Loblied auf das Engagement von Lehrern, Beamten und Ministerien singen. Um die Situation von Eltern und Kinder geht es nur am Rande. Zeitverschwendung für alle Beteiligten bis hin zu mir. 

Rückzug in das Schwarze Loch des Schlafs. Hinter geschlossenen Lidern das Bild von Zebras, die sich in einem Wassertropfen an einem Grashalm spiegeln, Winzlinge in einem Miniaturzoo aus Plastik, den Loriot Evelyn Hamann verscherbeln will, inklusive explodierender Atomkraftwerke und umkippender Kühe auf Weiden aus Kunstrasen. Nachbilder einer Tierdokumentation im Niemandsland zwischen Tagesschau und Tagesthemen, Blicke in ein verkehrt herum gehaltenes Fernglas, das die Welt entfernt, statt sie einem näher zu bringen, meine Umsetzung des Abstandsgebotes. Beinahe wäre ich zur Singularität geworden, aber Wut beschleunigt meinen Puls. Sie richtet sich gegen Robert Habeck und seine brüske Kritik an Carsten Ramelow. Überstürzt sei sein Vorstoß, weil ja nicht einmal die Auswirkungen der letzten Lockerungen evaluiert wurden. Sollten nicht erst einmal die Auswirkungen der Einschränkungen von Grundrechten evaluiert werden? Unsicher darüber, was genau mich so wütend machte schlafe ich ein - aber nicht bevor ich die Miniserie `Kontrollverlust`mit Eric Cantona in der Hauptrolle gebührend angepriesen habe. Sie erklärt vieles und mehr wird nicht verra...zzzzzz...i

 

68. 24. Mai 2020

"Wer könnte leben ohne den Trost der Bäume?" (Günter Eich)

Einer hat ein Einsehen: Bodo Ramelow hebt in Tübingen die Maskenpflicht auf. Überhaupt will er in Zukunft auf Empfehlungen, statt Verordnungen setzen. Es hagelt Kritik: wo kommen wir denn hin, wenn "das Motto lautet: von Ver-, zu Geboten, von staatlichem Zwang hin zu selbstverantwortlichem Maßhalten"? Nachher gewöhnen sich die Menschen noch daran selbst über ihr Schicksal zu entscheiden. Tübingen ist von Bochum gar nicht so weit weg... dort wird es Wälder geben, in denen keine achtlos weggeworfenen OP-Masken die unberührte Natur verderben.

Ein Werbespot von freenet.tv: "Wenn wir auf Abstand gehen müssen und zu Hause bleiben sollen, worauf freuen wir uns dann? Na klar. Aufs Fernsehen." Wo uns das Bundesgesundheitsministerium aufklärt: `Wir halten zusammen` und uns darüber belehrt, wie man das macht. Zum Beispiel, indem man sich beim Joggen lächelnd weiträumig umläuft, was angesichts der B1-Rushhour-Verhältnisse auf Fuß- und Wanderwegen entsprechend der Realitätsferne von Bürokraten völlig unmöglich ist. Ärgerlich bis zynisch wird der Spot, als er den Schutz älterer Menschen als Ausdruck von Zusammenhalt in den Vordergrund stellt. Dieser Schutz findet nicht statt, zumindest nicht so, dass er sich als Motiv eines schwarz-rot-goldenen Werbeclips eignet.

Am Verhalten von Einheimischen in ländlichen Gebieten, denen Jedermannsrecht und Toleranz suspekt bis spinnefeind sind, kann man erkennen: die sind nicht einfach rassistisch, sie sind fremdenfeindlich. Ihre Xenophobie macht keineswegs vor Landsleuten Halt, sie hassen alle Menschen, die ihre ländliche Privatheit stören. Besucher sind unerwünscht. Städter sind Ungeziefer, das Pestilenz, Seuchen und Geschlechtskrankheiten verbreitet noch bevor sie überhaupt da sind. Der Lärm und der Gestank, den sie erzeugen hört und riecht man schon, bevor bevor sie entstehen: die Drohung ist schlimmer als die Ausführung. Autofahrer, die uns auf schmalen Landstraßen und Forstwegen entgegenkommen oder überholen passieren grußlos mit angeekelter Leichenbittermiene. Unsere angeleinten Hunde sind eine Zumutung für die frei laufenden Hunde der Anwohner. Hinter jeder Hecke auf Salatblätter gesetzte Schäferhunde namens "Blondie". Mähroboter im Dauerbetrieb stutzen Rasen und Igel zurecht, hinterlassen kopflose Gartenzwerge. 

Was eigentlich ist am Wald so tröstlich? Angeblich wohnen dem Duft des Waldbodens Stoffe inne, die so glücklich machen wie der Verzehr von Schokolade. Die Chemie mag stimmen, erklärt indes die versöhnliche Wirkung nicht hinlänglich. Mich beruhigen Wälder aus dem selben Grund wie das Meer: man schließt Frieden mit der eigenen Vergänglichkeit. Zu Erde werden, sich im Ozean auflösen...Humus und Quell des Lebens. Der eigene Tod als Lebensfunke. Trotzdem halte ich es mit Woody Allen: Ich habe keine Angst vorm Tod. Ich möchte nur nicht dabei sein wenn es passiert.

An einigen Zweigen hängen Corona-Masken. Das verwandelt den Trost der Bäume in Beklemmung. 

Eine Pause unter Geschichtenerzählern, die Märchen auf Erfassungsbögen kritzeln: Aufenthalt von...bis? Von Vorgestern bis gestern...Am Nebentisch Geständnisse einer Maske: `Ich sollte so langsam mal meinen Mundschutz waschen.` Hört man derzeit in jedem Biergarten. 

China kann das auch: Ein Think Tank in Kanada, das `Zentrum für Globalisierungsforschung` aus Kanada spekuliert: "Es könnte die US-Armee sein, die bei den Military World Games die Epidemie nach Wuhan gebracht haben." Der Sprecher des chinesischen Außenministers Zhao Lijan empfiehlt die Artikel des "Global Research" seinen Landsleuten zur Lektüre. Das von Michel Chossudosky gegründete Zentrum behauptet auch, das O9/11 vom CIA geplant worden sei und das an der Masern-Impfung mehr Menschen sterben als an Masern. Das erinnert stark an die `Operation Infektion` des KGB, der verbreitete, AIDS sei als Biowaffe in einem US-Labor entwickelt worden. Die USA planen, Atomtests wieder aufzunehmen. 

Anne Will Gebärdensprache. Die Teilnehmer der Talkrunde halten sich jedoch mit extensiver Körpersprache zurück. Es geht vordergründig um die Billionen, die Deutschland locker macht, im Kern jedoch darum, in welcher Form Europa ein Gegengewicht zu den USA, China und Russland werden kann. Subtil wäre, wenn die europäischen Staaten sich der Schweiz anschließen und sich fortan zu politischer Neutralität verpflichten. Das ganze Geschrei um Milliarden, Billionen ist gewollt hysterisch: das Geld ist nicht verloren, es landet im Wirtschaftskreislauf. Das wird schon jemandem nutzen, ob es die sind, die es nötig haben daran zweifelt bestimmt nicht nur der Bund der Steuerzahler. 

Hotspot Kirche. 107 Infizierte unter den Besucher eines Gottesdienstes in Frankfurt-Rödelheim-Hartreim. Sollte Gott gegen Massenveranstaltungen sein? Immerhin reagierten die Muslime und sagten ein geplantes Fastengebet in einem Stadion (!!) ab. Komplett durchgeknallt, dass so etwas erlaubt wurde und Kontakte von mehr als vier Personen aus insgesamt zwei Haushalten im öffentlichen Raum untersagt bleiben. 

Bubi Scholz moniert, man solle nicht jede vierzeilige Meldung, die sich auf ihn und seine Pläne beruft für bare Münze nehmen. Der Conspiracy-Hunter in mir (t)wittert - der Mann will das Bargeld abschaffen.  

Auf welchem Ozean ist wohl Greta Thunberg unterwegs?

Die gute Meldung zum Schluss: Quarantäneschwänzer Heiko Herrlich gewinnt mit seinem FC Augsburg 3 zu Null bei Schalke 04. Hautcreme auf seiner Seele. 

Ich werde gefragt ob ein Furz Corona verbreiten kann? Wenn es ein feuchter Furz ist bestimmt...es wird offensichtlich Zeit, dass ich für heute die Finger von der Tastatur lasse. Bis morgen. 

   

67. 23. Mai 2020

Thomas Mader gebührt der Verdienst, sich in der WAZ von heute etwas differenzierter mit Positionen der Demonstranten gegen die Eindämmungsmaßnahmen der deutschen Regierung auseinander zu setzen ("Normalität bei Impfung, nee danke"). Sein beispielhaftes Porträt der Positionen, Argumente und Thesen Christian W.s grenzt sich ab von den Bildern krakeelender Rechtsextremer und profilneurotischer Egomanen, die als Metonymie für die Gesamtheit der Bedenkenträger in Szene gesetzt werden. Die Position Christian W.s charakterisiert der Satz: "Ich bin kein Corona-Leugner. Ich finde nur, dass dieses Virus es nicht rechtfertigt, Millionen Menschen einen solchen wirtschaftlichen und sozialen Schaden zuzufügen." Von Millionen Menschen zu reden ist noch untertrieben - legt man die nationalstaatliche Brille ab müsste man von Milliarden Menschen reden denkt man allein an Indien. Angesichts der Zweifel, die gelegentlich auch von Entscheidern und Gerichten an der Angemessenheit, Verhältnismäßigkeit und Wirksamkeit der Maßnahmen geäußert werden und sich in Deutschland zum Beispiel in unterschiedlichen Vorgehensweisen in den Ländern niederschlagen, ist er mit seiner Auffassung gar nicht so weit von den Politikern entfernt, die in Situationen mit dürftiger Datenlage, ständig sich änderndem und revidierendem wissenschaftlichen Erkenntnisstand und angesichts ständig neuer ökonomischer und sozialer Katastrophenszenarien "auf Sicht" navigieren müssen - ohne exakt wissen zu können was genau ihr Handeln bewirkt und ob es nicht eher schadet als nutzt. Der Unterschied zwischen seiner Position und dem politischen Handeln der Regierung liegt nicht in einer anderen politischen Orientierung, einem anderen Weltbild, einer Ablehnung des Staates und/oder der Demokratie, sondern in einer anderen Einschätzung der Verhältnismäßigkeit von Nutzen und Schaden der Maßnahmen. Damit bezieht er Abstand zu denjenigen, die die Krise lediglich als Hebel nutzen, um ihre schon zuvor bestehenden politischen Interessen wirkungsvoll zu verfolgen. Es ist ein Unterschied, ob man die Regierung, den Staat, die Demokratie ablehnt oder politische Entscheidungen für verfehlt oder gar verhängnisvoll erachtet. Einen Schritt weiter geht W., wenn er Misstrauen an der Integrität der Regierung äußert: "Die Regierung nutzt die Situation aus, um systematisch Panik zu machen, um die Leute auf Kurs zu halten. Die nehmen uns das, was wir sowieso besitzen, unsere Grundrechte. Dann gestehen sie uns diese wieder gnädig zu. Verbunden mit einer Drohung. Wo sind wir dann in einigen Monaten?" Abgesehen davon, dass Menschen (und man darf Regierende als solche betrachten) nicht durchgehend altruistisch sind und durchaus Nutzen aus Entwicklungen ziehen, die sie nicht verschwörerisch verursachten, ist der Schritt von der Kritik an einer verfehlten Politik hin zur Behauptung, die beklagten Fehlentwicklungen seien so beabsichtigt gewesen, sehr groß. Erst Dilettantismus zu diagnostizieren und dann den Dilettanten systematisches Handeln zu unterstellen ist widersprüchlich. Dennoch ist die Furcht davor, dass Einschränkungen der Grundrechte nicht wieder rückgängig gemacht werden nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisen wie folgende Äußerung von Stefan Schulte, Präsident des Flughafenverbandes, in der selben Ausgabe der WAZ belegt: "Nach Krisen sind Vorsichtsmaßnahmen oft nicht wieder zurückgenommen worden." Auch die Kritik an einer Politik, die mit dem Schüren von Angst einschneidende Maßnahmen durchsetzt, wird längst nicht nur von Demonstranten geäußert. Bis zu diesem Punkt wird man den Eindruck nicht los, dass der Verfasser des Artikels gewisse Sympathien für die Standpunkte Christian W.s hegt, die er hinter Konjunktiven verbirgt, durch die Ausführlichkeit der Schilderung von W.s Gedanken jedoch betont - dann jedoch geht es um das Thema Bill Gates. Da gelangt Christian W. zu folgendem Schluss: "Den Zwangsimpfungen für sieben Milliarden Menschen sollen auf Betreiben Bill Gates Verhütungsmittel beigemischt werden, um so das Bevölkerungswachstum einzudämmen. Ich kenne nun die Intention von Bill Gates. Er hat einen Gottkomplex." Nun denn...einen Gottkomplex hat man dann, wenn man meint die Intentionen eines Menschen zu kennen, dem man nie begegnet ist. Gleichwohl ist es - grade weil Bill Gates eben nicht Gott ist - noch keine Ketzerei, wenn man die rein altruistische Motivation von Bill Gates und seiner Stiftung in Frage stellt. Dass Pharmaindustrie und IT erwartungsgemäß von den Billiarden profitieren werden, die als Geldmenge freigesetzt werden ist nahelegend und lässt sich an der Entwicklung der Börsenkurse ablehnen. Social Distancing und IT passt ebenso gut zusammen, wie Pharmazie und Pandemie  - auch von daher ist es keineswegs gesichert, dass ein Rollback hin zu den traditionellen Geselligkeiten mit Ringelpietz und Anfassen erfolgt. Anzunehmen, dass die Stiftung der Eheleute Gates keinerlei Einfluss auf Politik und Handeln der WHO nimmt, erscheint auch übertrieben idealistisch. Nicht umsonst wird auch von Regierungen gefordert, die Macht von Privatleuten und Unternehmen über die Geschicke der WHO durch vermehrten Geldzufluss durch Staaten zu reduzieren. Naiv wäre es anzunehmen, dass es jemandem vom Kaliber Bill Gates um persönliche Bereicherung geht: Profit bedeutet vor allem die Möglichkeit zu gestalten. Für jemanden, der seinen Wohlstand nicht mehr steigern kann bedeutet Profitsteigerung Erweiterung von Einfluss - ohne Bill Gates einen Gottkomplex zu unterstellen kann man den Microsoft-Imperator durchaus als einen Social Engineer sehen, der die menschliche Gesellschaft als eine Art störungsanfälliges, von Viren bedrohtes Betriebssystem ansieht - damit kennt er sich ja aus. Überlegungen dazu anzustellen, wie Störungsanfälligkeiten und Malware beseitigt werden können mag durchaus in der Natur eines Systemadministrators liegen, der keinen Unterschied zwischen Weltverbesserung und Updates sieht. Alles in allem hinterlässt der Artikel über Christian den Eindruck, die Furcht vor weltweit verhängnisvollen politischen Weichenstellungen sei nicht das Privileg von Libertären, von Aktionsbündnissen, die einen Krieg der Superreichen gegen 99% der Bevölkerung in vollem Gange sehen oder von Verschwörungstheoretikern, die den Deep State am Drücker der Impfkanüle sehen. Die Warnung vor der Unterwanderung staatlicher Strategien durch oppositionelle Kräfte ist nicht selten ein Indiz dafür, dass die Furcht vor der Verstetigung eines Ausnahmezustandes zur `Neuen Normalität`nicht komplett abwegig ist. Im Übrigen: nur weil Verschwörungstheorien um Bill Gates Unfug sind ist Gates nicht gleich ein heiliger Samariter, der den Friedensnobelpreis verdient.      

 

66. 22. Mai 2020

Elisabeth Krafft stellt in der WAZ von heute die Frage: "Führen Frauen besser durch die Krise?" und beantwortet sie erwartungsgemäß so wie die Suggestivfrage es nahe legt. Ob es als Beleg für das gelungenere Krisenmanagement von Frauen hinreichend ist, die Zahl der Todesfälle in Taiwan (7), Island (10), Norwegen (233), Finnland (301) und Dänemark (561) aufzulisten? Geographische, demographische und kulturelle Faktoren dürften grade in den genannten Ländern (+Neuseeland) Ursachen für den gemäßigten Verlauf der Pandemie sein - Inselcharakter (Neuseeland), geringe Bevölkerungsdichte, aber auch bereits vorhandene Erfahrungswerte aus vorangegangenen Epidemien (Taiwan) spielen eine Rolle. Ob Männer unter diesen Bedingungen weniger erfolgreich gewesen wären ist nicht sicher. Plausibel liest sich, dass ein kooperativer, risikovermeidender und uneiteler Führungsstil für bessere Akzeptanz des politischen Vorgehens sorgt, dies dürften schon im Vorfeld der Corona-Krise die Wähler und Delegierten so gesehen haben, die den Premierministerinnen ins Amt verhalfen. Es kann einem umgekehrt nicht entgehen, dass es sich bei den Corona-Ignoranten durchweg um Männer handelt. Ein Quartett der fahrlässigen Töter präsentieren Klaus Ehringfeld, Dirk Hautkapp, Stefan Scholl und Peter Stäuber (Quartett vs. Quartett) in ihrem Artikel "Die tödliche Bilanz der Ignoranten", in der WAZ von heute, direkt über dem Artikel von Elisabeth Krafft präsentiert: Bolsonaro ersetzt grade nach und nach seine politischen Führungskräfte durch Militärs, Trump forciert die radikale Öffnung der Wirtschaft, Johnson hätte wohl noch katastrophaler reagiert, hätte er sich nicht selbst angesteckt und Putin ließ noch im März seinen Gesundheitsminister verkünden, die Ansteckungsgefahr liege bei null Komma null null Prozent - ob es angemessen ist, in diesen Artikel ein Fenster zum `Body Count` in Schweden einzubauen? Die Todesrate ist in der Tat bedenklich hoch, vor allen Dingen wenn man sie mit denjenigen in anderen nordischen Ländern vergleicht. Die Tabelle lügt nicht, wird gerne kolportiert - ich hoffe zwar, der schwedische Weg erweist sich letztlich als erfolgreich, aber die Wahrheit ist aufm Friedhof. Eine Augenbraue hob ich gleichwohl. Tegnell in die Nähe zu Bolsonaro zu rücken halte ich für verfehlt, denn Ignoranz und Leugnung kann man der schwedischen Regierung wohl kaum unterstellen. Richtig gestutzt habe ich in dem Artikel zu den Vorzügen weiblicher Führung - die Reihung der erfolgreichen Staatschefinnen mit den niedrigen Opferzahlen wird ergänzt durch Angela Merkel  (8193 Tote). Sicher, Deutschland ist ein bevölkerungsreiches Land, dennoch sprengt die absolute Zahl die Suggestivkraft der Reihung. Angela Merkels Führungsstil im Kabinett mag kooperativ sein, die Todeszahl jedoch hätte deutlich niedriger sein können, wenn die Regierung so wie zum Beispiel in Griechenland, Neuseeland und Taiwan frühzeitiger der drohenden Gefahr Riegel vorgeschoben hätte.

Ein weiteres vom Machismo geprägtes Land ist China. Die Zeichen mehren sich, dass China an der Schwelle zu einer zweiten Infektionswelle steht. Ob es der Partei gelingt einen zweiten Shutdown zu vermeiden, vielleicht noch mehr, was in China geschieht, wenn dies nicht gelingt, das wird im Rest der Welt aufmerksam beobachtet. Ebenso die wachsenden Spannungen zwischen den USA und China. Die Gefahr einer militärischen Eskalation scheint zwar noch niedrig, aber man kann ja nicht wissen - vor wenigen Wochen wäre ein chinesischer Parteitag ohne Verkündung neuer Wachstumsziele noch völlig undenkbar gewesen.   

Die Landesregierung in NRW will durch Sicherung von Arbeitsplätzen die Kauflust wieder anregen, wie Wirtschaftsminister Andreas Pinkwarth bei der heutigen Pressekonferenz sagte. Zuvor sprachen er und Armin Laschet über die Notwendigkeit, die Entwicklung in NRW und in Deutschland nicht von der globalen Situation losgelöst zu betrachten. Dafür ist der Gedanke, ein Jobversprechen genüge, um die Kauflust wieder anzuregen, geradezu niederschmetternd provinziell. Angesichts des globalen Ausmasses der Katastrophe und der kaum zu kalkulierenden, in jedem Fall aber immensen sozialen, politischen und ökonomischen Wechselwirkungen der Entwicklungen zwischen den Volkswirtschaften wirkt jedes Versprechen eines lokalen Wirtschaftsministers wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, der einen Großbrand löschen soll. Die Angst sitzt tiefer, die Lähmung und Apathie geben der Furcht vor unvermeidlichen Verschlimmerungen der weltweiten Lage Ausdruck, gegen deren Wucht man ohnmächtig ist. Andere halten sich zurück, weil sie feststellen, dass sie von allem mehr als genug haben. Überwinden wir die Krise oder überwindet die Krise uns?

Die Weisheit der Großen Masse scheint Wissen über Entropie und Chaos verinnerlicht zu haben. Zwar kann der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Orkan auslösen, so wie ein einzelner Infizierter eine Pandemie auslösen kann. Das Prinzip des sensiblen Chaos - kleine Ursachen erzeugen große Wirkungen - wirkt jedoch nur in Richtung höherer Entropie. Die Umkehr funktioniert nicht. Der Flügelschlag eines Schmetterlings verwandelt weder Chaos wieder ein Ordnung, noch einen Scherbenhaufen wieder in eine Glasmenagerie. Asche wird nicht wieder lebendig, Armin Laschet ist kein Schmetterling und ob er ein Dauerbrenner ist muss sich noch zeigen.    

Phoenix plan b: Eine Sendung über Einsamkeit und deren Überwindung. Speed Dating-Treffen für SeniorInnen - Höher, weiter, älter. So kann man der Zielgruppe einer Dating-Plattform, die vom Geschäft mit der Niedergeschlagenheit profitiert, auch signalisieren: ihr habt keine Zeit mehr zu verlieren.  

Eine Studie ergab, dass Menschen, die mehr als 2 Stunden täglich in den sozialen Medien unterwegs sind, sich deutlich einsamer fühlen, als Menschen, die sich weniger als 30 Minuten täglich mit sozialen Medien befassen. Das war vor Corona und der Umpolung der Gesellschaft auf Abstoßung. Man kann sagen: das größere Unglück ist bereits mit Hilfe von Algorithmen vorprogrammiert. Bestimmt war auch das von Bill Gates so gewollt.

In seinem Essay "Die wahren Gräben gegen durch die Mitte der Gesellschaft" (SPON, 22.05.2020) vermutet Jan Kalbitzer, die gemeinsame Verurteilung der Verschwörungstheoretiker und Extremisten sei der einzige noch verbleibende gemeinsame Nenner in der bürgerlichen Mitte. Die Exklamationen von Extremisten "sind ein kleines Problem - verglichen mit den Gräben, die die Maßnahmen zum Infektionsschutz in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft gerissen haben und noch weiter reißen werden.(...)Denn die Unterschiede, die grade zwischen Familienmitgliedern, Freunden und in der Nachbarschaft zu beobachten sind, sind echt." Da dürfte etwas daran sein - denn im Für und Wider des Corona-Diskurses erweist sich je nach eigener Bedingtheit die Position des Freundes oder Partners als bedrohlich und egoistisch. Vorher unmerkliche Trennlinien verschärfen und vertiefen sich zu Gräben, schlimmstenfalls zu Schützengräben und Stacheldraht. Menschen die sich mögen beginnen sich zu meiden, weil der Andere Auffassungen vertritt. die man verhängnisvoll findet. Dabei ergänzen sich Ausweichmanöver aufgrund der suspekten Ansichten von Freunden und die Wortkargheit derer, die sich aus Scham über ihr im Vergleich zu den Nöten Anderer als kleinlich empfundenes Leiden an der Situation den Mund verbieten, um nicht als egoistisch da zu stehen.    

"Die Mutter aller Krankheiten ist die Armut." (Bertrand Russel). Dagegen gibt es zwei Strategien - man beseitigt die Ursachen für Armut, oder die Armen. Die WHO rechnet allein in Westafrika aufgrund von lockdowns und dem Kollaps von Lieferketten mit 22 Millionen zusätzlichen Hungernden. Die Mehrheit der Toten weltweit wird nicht zu Lasten des Virus gehen. 

Der virtuelle Parteitag der CSU wird eingeleitet durch einen Einspieler, dessen Lobhudelei für Markus Söder so hart am Rande des Führerkultes ist, dass es selbst Markus Söder sichtlich peinlich ist. Der Einspieler entspricht auch nicht seinem Ego: wenn einer weiß, wie man ihn loben soll dann nur er selbst.

Der lokalpatriotische Einspieler erinnert mich daran, dass das erfolgreichste Unternehmen in staatlichem Besitz das Hofbräuhaus in München ist. 

Interessant ist die Kameraperspektive auf seine Rede: sie ist so gestaltet, dass Söder schräg rechts am Fernsehpublikum vorbeischaut, da, wo er geographisch und politisch seine Parteimitglieder verortet. 

Ein Themenschwerpunkt seine Rede ist der weitere Ausbau von Krankenhauskapazitäten inklusive Intensivbetten und Schutzausrüstungen. Dass er von einer zweiten Infektionswelle ausgeht, sagt er direkt. Hellhörig macht die Betonung auf die Erforderlichkeit eines weiteren `Hochfahrens`des Gesundheitssystems angesichts der beherrschbaren Auslastung in der ersten Welle gleichwohl: da spricht einer, der weiß, dass auf eine zweite Welle kein zweiter lockdown folgen wird.

Kurz war kurz angebunden. Als virtueller Gast des virtuellen Parteitags wird ihm der europapolitische Teil der Rede von "...und...und..." Markus Söder nicht behagt haben. Ohne ein Fan von Markus Söder zu werden: seine Rede hatte Esprit und war gehaltvoll: insbesondere die Begründung seiner Befürwortung des Merkel/Macron-Initiative hatte es in sich, denn sie bedeutet eine Abkehr von der bisherigen Doktrin der CSU und von der Position des österreichischen Bundeskanzlers. Gelingt es nicht, so der blau-weiße Eurofighter, den europäischen Binnenmarkt zu stärken und das Auseinanderfallen der EU zu verhindern, wird auch Deutschland zu einem Spielball der machtpolitischen und ökonomischen Interessen der Supermächte und der Superkonzerne. Daher müsse auch - ganz im Sinne von Franz Josef Strauss, der proklamierte `Konservativ heißt an der Spitze des Fortschritts zu gehen`- massiv in technischen Fortschritt investiert werden, soll Europa im Konzern der Großen nicht nur die Triangel bedienen. Alexander Dobrindt bestätigte dies mit Worten, die tief blicken lassen, was die technische Bildung betrifft: `Wir müssen in die technische Entwicklung investieren, damit die Kompassnadel wieder nach vorne zeigt.` Hoffentlich piekst sie ihn nicht. Der Landesgruppenvorsitzende der CSU sagt nebenbei "Denkste" zu allen vormaligen Kritikern der "Schwarze Null". Nur durch die Sparpolitik des Bundes sei Deutschland jetzt so gut in der Lage auf die Pandemie zu reagieren. Er stellt das tatsächlich so dar, als sei die Politik der Schwarzen Null in weiser Voraussicht auf das Eintreten einer Pandemie betrieben worden. Es gibt keine Welt, die so aus den Fugen gerät, dass die Fähigkeit zufällige positive Entwicklungen als Resultat von weiser Voraussicht verloren geht. Jedenfalls nicht bei Alexander Dobrindt. 

Während der CSU-Parteitag weiter in blau-weißer-Klassenprimus-Schulterklopferei (virtuell) schwelgt, lässt Bolsonaro den Regenwald abholzen, kassiert China die Freiheitsrechte Hongkongs und kündigt Trump internationale Abkommen zur Begrenzung atomarer Aufrüstung. Hauptsache, die 3. Bundesliga spielt wieder. 

Aspekte widmet dem Disput um die Eröffnungsrede für die Ruhrtriennale durch Achille Mbembe einen Beitrag. Mbembe, immerhin Träger des Geschwister-Scholl-Preises, wird unter anderem von Felix Klein, dem Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, vorgeworfen, er unterstütze die antisemitische BDS-Bewegung, bestreite das Existenzrecht Israels und sein Vergleich des Holocaust mit dem Apartheitssystem Südafrikas bagatellisiere die beispiellosen Verbrechen der NS-Zeit. Die Kritik kommt aus berufenem Munde. Wer kennt sich schon besser mit Antisemitismus aus als Deutschland? Dass der Antisemitismusbeauftragte (muss man damit extra jemanden beauftragen? Reichen da nicht die Höckes und Kalhaubitzen?) sich vehement dagegen verwehrt, wenn Deutschland der Rang des schlimmsten Verbrechens aller Zeiten streitig gemacht wird, ist evident - es kann schließlich nur einen Spitzenreiter geben. 

Was man sich wohl alles selbst wird verzeihen müssen? Anmaßungen, Wutausbrüche, vor allem aber Kritiken und Besserwisserei, die unter dem Deckmantel eines verletzten Gerechtigkeitssinns nur der beleidigten Reaktion auf die Beschränkungen eigener Freiheit Bahn brechen. Unverzeihlich wäre aber auch, sich Zweifel an der Eignung von Maßnahmen nur deshalb zu verbieten weil es einfacher erscheint sie zu befolgen.   

(...)

"Ich wundere mich darüber, wie wenig Betrieb am Strand ist. Ich sehe den Grund, als ich der unzähligen toten Fischen gewahr werde, die das Meer an den Strand gespült hat. Einige andere Unentwegte begeben sich so wie ich dennoch ins Wasser, aber das Unbehagen treibt uns rasch wieder zurück ans Ufer. Die weißen Bäuche der Sardinen treiben so zahlreich an der Wasseroberfläche, dass sie eine dicke Schicht von Kadavern bilden, die an unseren Körpern entlang gleitet. Wir waten zwischen starren Augen und offenen Mäulern. Zurück im Haus dusche ich lang und ausgiebig, den eingebildeten Geruch von faulem Fisch vertreibt das nicht. Das Massensterben drückt auf die Stimmung, entgegen der Normalität zu dieser Jahreszeit verlieren sich nur wenige Urlauber auf der Strandpromenade und auf den Terrassen der Cafes. Der Gestank treibt die Menschen zurück in die Appartements. Ich erkundige mich bei Giuseppe, ob er die Ursache für das Fischsterben kennt. `Wir wissen es nicht. Die Fischer sind ratlos. Selbst die, die sich weit raus trauen erreichen kein Ende der Leblosigkeit. Aber der Gestank kommt nicht nur vom Meer. Irgendeine Krankheit hat die Ziegen befallen. Sie stürzen in Kolonnen die Felsen herab. Und dann die Geschehnisse in Deutschland...` Ich frage ihn: `Was meinst Du?``Dein Ernst? Hier. Sieh es Dir an.` Er zeigt mir ein Youtube-Video auf seinem Handy, die Aufzeichnung einer Nachrichtensendung. Bundeswehrkonvois, unter den Planen gestapelte Leichen, Opfer eines aus Südamerika eingeschleppten Virus, dessen tödliche Wirkung sich schneller verbreitet, als die Nachrichten über die Epidemie. Wo ist mein Stalker, wenn ich ihn brauche? Warum hat er mir nicht geschrieben? `Wir`macht sich Guiseppe Mut `sind nicht davon betroffen. Es wird sich um irgendein Umweltgift handeln`.       

 

65. 21. Mai 2020

Kelneswegs genieße ich die morgendliche Ruhe an diesem Feiertag. Es jagt mir Angst ein, dass nur Vogelstimmen zu hören sind, kein Verkehrslärm von den Straßen. Eine Geräuschkulisse wie auf einer Lichtung im Wald. In der Großstadt ist eine derartige Stille, unterbrochen nur von natürlichen Geräuschen, widernatürlich.

Es fehlen die Berichte über die Katastrophe, die mich von der Katastrophe ablenken. Im Stressvakuum ausbleibender Nachrichten breitet sich Beklemmung aus, nachhal(l)tige Wirkung des gestrigen Aufenthalts in der Innenstadt. Das Umständliche von Cafebesuchen, das Ausfüllen von Formularen mit Kontaktdaten, Einwilligungen, die man unterzeichnet, als verlasse man gegen den Willen des behandelnden Arztes das Krankenhaus.  Jedes Geschäft ein Checkpoint an der Berliner Mauer, vor der wir Vulnerablen noch gestanden haben, auf der einen oder der anderen Seite. Das bedeckte Gesicht der Anderen das mich als Gefahrenherd konstituiert. Das ungute Gefühl, dass all dies nur der Anfang ist. Das Warten auf die Flutwelle, die der Asteroideneinschlag auslöste. 

Die Lage ist ernst, nehmen Sie sie ernst. Es geht um Leben und Tod. Wir bewegen uns auf dünnem Eis. In einem Interview mit der TAZ am 20.05.2020 sprechen die Ärzte Michael Kronawitter und Claudius Loga von einer "Diktatur der Angst." und stellen unter anderem die Frage: "Muss man Maßnahmen autoritär erzwingen?" ("Nicht verharmlosen. Relativi(e)ren.", Interview mit dem Praxiskollektiv, geführt von Christian Jakob). Und nun? Die Biergärten öffnen wieder. Der Urlaub am Mittelmeer wird möglich. Die Schwimmbäder öffnen. Bundesländer überbieten sich gegenseitig im Buhlen um deutsche Touristen. Eben noch die Bilder der nächtlichen Leichenkonvois in Bergamo, jetzt wirbt Italien um Urlauber aus Europa, eher als jedes andere Land in der Mittelmeerregion erlaubt Italien die Einreise von Touristen ohne Einschränkung.  Man fragt sich: welche von beiden Welten ist denn nun eine Täuschung? Erst ein Klima der Angst, das als Straßenfeger alle WM-Endspiele in den Schatten stellte. Wohnzimmer als Hochsicherheitstrakte und Atombunker. Das Esszimmer als familiäres Stammheim. Gehorsam und Willfährigkeit als wiederentdeckte erste Bürgerpflicht. Man darf Kritik äußern, unbenommen, sie wird als demokratisches Störgeräusch zur Kenntnis genommen, dass sie erlaubt wird deutet man als Beleg für die Freiheit unserer Gesellschaft und unsere Treue zum Grundgesetz, ansonsten wird sie stirnrunzelnd übergangen. Es steht ja auch nicht unter Strafe im Kino zu spoilern, aber...Psssst. 

Dann will man lustig die Wirtschaft wieder hochfahren. Inklusive die Tourismusbra(n)che. Ernüchterung macht sich breit ob der Zurückhaltung der Konsumenten, denen man in Ermangelung eines besseren Impfstoffes Pessimismus, Furcht, das Gehen auf Zehenspitzen eingeimpft hat. Menschen auf Umwegen um andere Menschen, Leben auf Umgehungsstraßen. Depression fördert Rezession, inmitten des ökologischen der soziale und ökonomische Klimawandel. Sorge, dass die Bazooka ein Rohrkrepierer ist. Das schleichende soziale Beben dessen Schockwellen noch bevorstehen. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.     

Die Wohnung unter mir. Jeden Morgen verlässlich um 9:15 werden die Rolläden hochgezogen. Ich weiß nicht wer dort wohnt, frage mich was es zu bedeuten hätte wenn dieses Geräusch morgens ausbleibt. 

Die derzeitige Reglosigkeit erlebe ich als Strafe, die mir nichts ausmacht. Freunde meiden mich sogar fernmündlich als seien meine Antipathien gegen verordnetes Verhalten für sie ein Infektionsrisiko. Einerseits empfinde ich das als Entlastung. Andererseits bedaure ich, dass ich keine Fahrerlaubnis besitze. Ein Führerschein und ein Auto wären von Vorteil, wenn man es sich mit Freunden verdorben hat und öffentliche Verkehrsmittel meidet.  

Vieles bleibt aus. So weit ich mich entsinne kursieren seit vielen Wochen keine Cowitze. Humorlosigkeit wuchert in der Gesellschaft. Das öffentliche Leben sucht verbissen nach krampflösenden Mitteln. Irgendwo im Internet mahnt Friedrich Merz: Unsere Wirtschaft wird nicht auf Dauer davon leben können, dass wir uns gegenseitig Masken nähen. Wie ich sehe klappt das auch bei mir nicht mit dem Humor. Selbst die Titanic tut sich schwer. 

Ich werde niemals Lanzhut besuchen. Prof. Melanie Brinkmann beschreibt die Ursachen des bisher glimpflichen Verlaufs der Pandemie mit einem Wort: Glück (daher kann man eigentlich in Sachen "Ist doch gar nichts passiert, wozu der ganze Aufriss?" in Deutschland nicht von einem Präventions-Paradoxon reden: Schwein-gehabt-Paradoxon wäre treffender). Danach geht es - endlich mal wieder - um das Thema Masken. Zu dem Thema gibt es nichts mehr zu sagen, die Runde sagt es trotzdem.  

Eingespielt wird ein kurzes Interview mit zwei Demonstranten vor dem Brandenburger Tor, die gegen die Einschränkung der Grundrechte auf die Straße gehen, eine Ärztin und ein Arzt. Sie sagt: `das was hier geschieht spricht meiner gesamten Ausbildung Hohn.` Ende des Beitrags: mich hätte sehr interessiert, was sie damit genau meint. Die Talkrunde interessiert das nicht, niemand fragt nach, ebenso wenig wie der Reporter, der den Beitag beendete als er grade interessant wurde. 

Der Unternehmer Frank Thelen echauffiert sich über den Widerstand gegen die zentrale Datenspeicherung bei der sagenumwobenen Tracking-App, und über den fehlenden Aufschrei als Reaktion auf die Zettelwirtschaft in Cafes. Erstens. die Menschen wollen endlich wieder draußen Kaffee trinken gehen und zweitens kann jeder gut unleserlich schreiben. Unmittelbarer Nutzen für den Einzelnen und Möglichkeiten anonym zu bleiben - warum sollte man durch Aufbegehren riskieren, dass Cafes und Kneipen wieder schließen?   i

 

 

64. 20. Mai 2020

Wie lange dauert eigentlich `die Stunde der Exekutive`? 

Das Eigenlob der Exekutoren sollte man nicht überbewerten. Das `Präventionsparadoxon` bringt Politiker und Experten um das wohlverdiente Lob für ihre erfolgreiche Arbeit. Der Arbeitswissenschaftler würde eine negative "effort-reward"-Bilanz diagnostizieren - man strengt sich an, liefert Qualität und bekommt keine Anerkennung. Erfolg, der darin besteht, Katastrophen zu verhindern wird nicht bemerkt. Das wissen ITler ebenso wie Hersteller von Verhütungsmitteln. Mangelt es an Anerkennung, muss man sich eben selbst auf die Schulter klopfen. Dennoch: es entbehrt nicht einer gewissen Penetranz, wenn allenthalben mit dem Verweis auf Bergamo - das Guernica des Kriegs gegen COVID-19 - behauptet wird, man habe genau die richtigen Maßnahmen ergriffen um `italienische Verhältnisse` zu verhindern, Deutschland könne stolz sein, stehe im internationalen Vergleich gut da. Nach wie vor fehlt es an einer Evaluierung der Wirkung von Maßnahmen und am Nachweis der Notwendigkeit Verhaltensänderungen zu erzwingen - grade weil es diese Evaluierungen in diesem (nach wie vor) frühen Stadium der Pandemie nicht geben kann sollte man dosiert mit Selbstbeweihräucherung umgehen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: das Krisenmanagement kritisch zu betrachten wird für zweite Wellen, weitere Pandemien und Katastrophen hilfreicher sein als der Stolz auf Erreichtes, das auch durch Glück im Unglück erzielt wurde. Andere Länder wie Griechenland und Neuseeland haben zum Beispiel sehr viel eher das Gefährdungspotenzial von COVID-19 erkannt: hier wurde Krisenprävention betrieben, statt abzuwarten und erst auf die Gefahr zu reagieren, wenn der Ernstfall längst eingetreten ist. In Deutschland lagen Konzepte zur Pandämieprävention und -bekämpfung vor und wurden viel zu spät berücksichtigt. Begründung für die Einschränkung von Bewegungsfreiheit und Kontaktsperren war der Schutz von Risikogruppen, der zu keiner Zeit gewährleistet war - ein Grund, an der Erforderlichkeit von Verhaltensänderungen und Einschränkungen der Grundrechte zu zweifeln. Denn wozu das Ganze, wenn der Zweck verfehlt wird und die Hotspots in Pflegeeinrichtungen und Betrieben entstehen? Wie viel Schaden hat die reflexhafte Aufforderung angerichtet (und richtet noch an) zu Hause zu bleiben, wo das Virus bestens gedeihen kann?

Erst wenn auch die Schadensbilanzen vorliegen wird man wissen, wie viel man zu verzeihen hat - und auch was unentschuldbar war. Ein Wall-Street-Journalist (Bojan Pancevski) sagt im Phoenix-Interview zur Merkel/Macron-Initiative in einem Nebensatz: `die Krise kommt erst noch`. Sieht man die derzeitige soziale, politische und ökonomische Entwicklung als eine Art Druckwelle nach der Detonation eines nuklearen Sprengsatzes, wird man das Ausmaß der Verwüstungen erst später einschätzen können - ohne, dass langfristige `Strahlungsschäden`(Massenarbeitslosigkeit, politische Umwälzungen, psychische und physische Folgen) dann schon in die Bilanz einfließen. Noch ist die `Stunde der Exekutive`nicht vorüber - Ende offen. Es mehren sich die Anzeichen dafür, dass der psychologische Effekt des Mund-Nasen-Schutzes (Mund halten) sich mit zunehmender Dauer von Einschränkungen und wachsender Existenznot rasch abnutzt.   

Im ZDF/ARD Morgenmagazin wird Maja Göpel zunächst zitiert: `Wir sind dazu imstande unsere Welt zu ändern wenn wir müssen.` Dann kommt sie zu Wort. Ihr Buch `Unsere Welt neu denken: Eine Einladung.` ist mittlerweile ein Bestseller. Maja Göpel mausert sich als Transformationswissenschaftlerin zu einer Art Change-Managerin des öffentlichen Bewusstseins.  Als Mitglied des `Club of Rome` befasst sie sich selbstverständlich mit dem Thema Wachstum. In der Corona-Krise sieht sie die Chance, dass vor allem durch den sozialen Druck aus den Bevölkerungen in den demokratischen Ländern Wachstum als Selbstzweck zugunsten einer nachhaltigen Wirtschaft verdrängt wird. Die Frage `was braucht der Mensch` rückt ins Zentrum der Überlegungen zu Prosperität und nicht die Frage `was kann ich ihm noch andrehen`. Das Missverhältnis von Überversorgung in den einen und Unterversorgung in anderen Ländern soll einem Umgang mit Ressourcen weichen, der die Versorgung von Bevölkerungen weltweit sicher stellt und so statt Auseinandersetzung um Ressourcen (´land grabbing´) zu forcieren friedenssichernd wirkt. Dazu gehören Recycling-Konzepte (`mein Müll ist Deine Ressource`) und das Arbeiten mit Kennziffern, die Wachstumszahlen ins Verhältnis setzen zu Schadensbilanzen. In der Auseinandersetzung von Systemen nützt ein deutscher Alleingang wenig, es wäre an Europa ein Gegengewicht zu fossilen Supermächten wie den USA und China zu bilden. So gut das klingt, skeptisch stimmt einen der einleitende Satz, mit dem sie vorgestellt wird. Zum einen lässt sich dieser Satz so verstehen, dass Menschen im Kollektiv ihr Verhalten nicht aus Einsicht, sondern aus Zwang anpassen, zum anderen stellt sich die Frage, was souveräne Staaten `müssen`? Da Macht das Privileg ist, auf das bessere Argument zu verzichten werden Trump, Bolsonaro und andere vermutlich nicht auf Maja Göpel hören - ebenso wenig wie die Feierbiester an Floridas Stränden, deren Credo `lieber tot als unfrei` das Infektionsrisiko für die Anderen in Kauf nimmt, deren Erkrankung bedauernswerter Kolateralschaden des Heroischen wäre. 

Auch als Zweckpessimist, der sich freut, wenn entgegen eigener Skepsis nicht alles schief läuft, hoffe ich durchaus auf Europas Potenzial. Immerhin ist die Initiative von Frankreich und Deutschland ein Schritt in die Richtung einer gemeinsamen europäischen Haftung und damit in Richtung Vereinigter Staaten von Europa. Der Vorstoß von Macromerkel ist vor allen Dingen als Absichtserklärung in diese Richtung zu sehen - was der Grund für die "frugalen Vier" ist, ihn zurückzuweisen. Auch das gehört zum Kalkül hinter der deutsch-französischen Geste. Man wird an den Reaktionen erkennen, dass eine Minderheit den Weg in ein föderales Europa blockiert.  

Die Hauptversammlung der Deutschen Bank wird eingeleitet mit Predigten des Aufsichtsratsvorsitzenden Paul Achleitner und des Vorstandsvorsitzenden Christian Sewing. Tonfall und Atmosphäre erinnern an das Wort zum Sonntag - die Inhalte setzen sich zusammen aus in Folge der Corona-Krise beschleunigt vergilbten Erfolgsgeschichten, die übliche Historie von der Notwendigkeit der Vertreibung aus dem Paradies (18000 Stellenstreichungen) und im Tonfall leiser Trauer vorgetragenen Zukunftsaussichten. Und siehe da: man prognostiziert mit Bedauern eine vorsichtige Abkehr von der Globalisierung, stärkeren Einfluss staatlicher Kontrolle und - Tusch! - eine größere Bedeutung Europas. Sigmar Gabriel, ehemaliger Minister für Popkultur, rückt in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank vor, vielleicht wäre Frau Göpel eine bessere Idee gewesen. 

Ein statement Sewings jedenfalls ist interessant: Angesichts des von der OECD prognostizierten jährlichen globalen Investitionsbedarfs von 6 Billionen Euro für den Umgang mit den Folgen des Klimawandels werden nach seiner Ansicht Nachhaltigkeitsratings für Banken in Zukunft mindestens so wichtig wie die Bewertung durch klassische Ratingagenturen. Die Deutsche Bank soll grüner werden - grün ist die Farbe der Hoffnung und des Dollars.  

Wohl auch ermutigt durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zu Praktiken des BND, in dem auch für ausländische Staatsbürger mit Aufenthalt außerhalb von Deutschland die Gültigkeit von sich aus dem Grundgesetz ergebenden Schutzrechten festgestellt wurde, beschließt das Kabinett auf Initiative von Hubertus Heil das Verbot von Werksarbeitsverhältnissen in Schlachtbetrieben. Auch in diesem Handlungsfeld geht es um die Geltung von in Deutschland geltenden Schutzrechten auch für Arbeitnehmer aus dem Ausland. Man kann mit einer gewissen Zuversicht den zu erwartenden Verfassungsklagen der Verbände entgegen sehen. Der Trend, die Gültigkeit von mit den Menschenrechten korrelierten Grundrechten auch für Menschen außerhalb des Deutschen Rechtsraums anzuerkennen setzt sich erfreulicher Weise fort - ein Signal gegen das Primat nationaler Interessen und Egoismen. Darauf zu bestehen dass humanitäre Werte, die sich in der Gesetzgebung niederschlagen, nur für die eigenen Staatsbürger gelten steht in direktem Widerspruch zur Unantastbarkeit der Würde des Menschen - schließlich steht im Grundgesetz nicht "Die Würde des deutschen Menschen ist unantastbar." 

Mittagspause! Es läuft die Bundespressekonferenz und Herr Jung ist nicht dabei. 

In einem Artikel auf Spiegel Online von heute ("Aldi pocht auf noch niedrigere Wurstpreise"), dessen Titel schon Realsatire, also bitterer Ernst ist, findet sich der herrliche und auch noch die Wurst auf den Zipfel treffende Schreibfehler: Wurstbrache (statt Wurstbranche). Besser hätte es keine korrekte Schreibweise formulieren können. Der ist noch besser als der Versprecher von Frau Göpel bei der Verabschiedung: "Ich danke Ihnen hässlich."

Um mal was anderes zu sehen als Corona begebe ich mich zu einem Cafe mit Aussenbestuhlung. Corona in und vor aller Munde. Vom Nebentisch ein zeitgeistvoller Satzfetzen: `Ich müsste meine Maske mal wieder waschen`. Als geübter Dangerseeker begebe ich mich anschließend in die Fußgängerzone. Ich gehe an zwei endlos langen Schlangen vorbei. Steht man für Lebensmittelmarken an? Die erste endet vor einem Fleisch- und Wurstfachgeschäft (Die Preise für Schweinefleisch sind imagebedingt im Keller), die zweite vor einem Laden, der Bubble-Tea anbietet. Mir schleierhaft, dass man sich für diese Produkte anstellt bis zur Landesgrenze. Kurz begebe ich mich in ein Bekleidungsgeschäft, da ich erwäge eine Hose zu erwerben: schlecht durchlüftet, enge Gänge, Menschen, die sich mit Mund-Nasen-Schutz sicher fühlen. Das Geschäft eine einzige, große Petrischale. Kein Entkommen vor Corona. Ab nach Hause auf die einsame Insel vor meinen Bildschirmen, COVID-19 jenseits der vierten Wand. 

Die Billion ist die neue Million. Was heißt es schon ein paar Nullen dran zu hängen? Null bleibt null. Was nicht alles geht: die EU-Kommission, vertreten durch Vizepräsident Frans Timmermans, kündigt am Weltbienentag fleißig Milliarden/Billioneninvestitionen in eine nachhaltige Lebensmittelstrategie an. 30% der landwirtschaftlichen und maritimen Nutzflächen sollen Naturschutzflächen werden. Die Werkvertragsarbeit nicht nur in der Fleischindustrie steht zur Disposition. Die Agrarförderung für extensives, rein profitorientiertes Wirtschaften ohne Gemeinnutz steht auf der (Müll)Kippe. Nährstoffverlust soll entschieden vorgebeugt werden, der Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung soll um 50% eingeschränkt werden. Die Krise entwickelt sich zur sozialen, politischen und ökologischen Öffnungsklausel. Dem Primat der Profitorientierung wird die vehemente Forderung entgegengestellt, den Nutzen der Ökonomie für den Menschen und die Umwelt in den Fokus zu rücken. Politik entdeckt ihre Macht gegenüber Lobbyisten, Verbänden, Banken und Konzernen. Man fühlt sich ein wenig an den Fall der Mauer und seine Folgen erinnert. Und die Börsen? Der Seismograph der kollektiven Gier schlägt nach oben aus. Billionenschwere Konjunkturprogramme, Förderprogramme, Kredite, Zuschüsse, Investitionsprogramme beflügeln die Phantasie. Irgendwo hin wird das Geld fließen und es gehört wenig Vorstellungskraft dazu um zu ahnen, wohin die Kohle strömt - Technologiewerte, KI, Pharmazie, Online-Handel, Nahrungsmittelkonzerne. Es wird zu gewaltigen Umwälzungen am Markt kommen, das reizt zu Spekulation. Die Volkswirtschaften werden sich auf Kosten von Millionen Arbeitslosen, von Not, Elend und Tod in Schwellenländern erholen: COVID-19-Opfer = Stellenabbau und Kostensenkung. Staatsanleihen werden im Wert steigen. Korken werden knallen. Und knallen Schüsse, so wird auch das sich lohnen. Auf Zerstörung folgt Wiederaufbau.   

Dazu passend: mitten in einen Beitrag auf Phoenix über den Untergang von Atlantis platzt Angela Merkel mit einer Pressekonferenz zu ihren Gesprächen mit IWF und WTO. Es geht um Investitionen in Billionenhöhe unter anderem in die Wirtschaft der ärmsten Länder, um multilaterale Lösungen zur Bekämpfung der Pandemie und die verheerende Wirkung von Exportzöllen auf Lebensmittel, kurz: um Rettungsmaßnahmen. Für Atlantis zu spät, hoffentlich nicht für die Welt.

Große Müdigkeit im Kopf. Ein Cafe Latte wäre mir jetzt lieber als Multilateralismus. 

Volkswagen und seine Tradition. Ein rassistischer Werbespot für den neuen VW-Golf auf Instagram bringt das ansonsten so skandalfreie Unternehmen in Erklärungsnot. Tradition hat auch die Reaktion. Entschuldigung. Wir wissen gar nicht wo das herkommt. Auweh, VW.

Vor der Tagesschau lecker Werbung für Fleisch. Wohl bekomms.

Bolsonaro nutzt die Coronakrise um die Abholzung des Regenwaldes voranzutreiben, während seine Bevölkerung an leichtem Schnupfen krepiert. Selbst hartgesottenen Konzernen ist das zuviel. Erzkapitalistische Unternehmen drohen Bolsonaro mit dem Abbruch der Handelsbeziehungen. 

In Italien übernimmt die Corona Nostra die Sozialhilfe. Wenn das Geld der Mafia dann in Deutschland gewaschen wird zeigt das: Europa funktioniert. In Spanien dürfen Familien von 11-19 Uhr auf die Straße, die Alten von 19-20 Uhr, alle anderen danach. Willkürliche Separierung deren Zweckmäßigkeit sich nicht erschließt. Paradiese im Vergleich zu Indien. Die aus den Städten vertriebenen Wanderarbeiter sollen Abstand wahren und Maske tragen, während sie verhungern und verdursten. Mütter mit verletzten Kindern, die barfuß 380 Km in ihr Heimatdorf zurücklegen müssen.  

Bei Sandra Maischberger beklagt sich der Leitende Redakteur "Wissen" der Süddeutschen Zeitung Werner Bertens über die zu frühen und geballten Lockerungen. Er konzediert es reiche nicht, wenn die Mehrheit der Bevölkerung sich vernünftig verhalte, wenn in den Münchener Biergärten und Cafes sich immer noch Gruppen bilden, die so tun, als gäbe es Corona nicht und habe es Corona nicht gegeben. Dieses Problem hat nichts mit den Lockerungen zu tun - diese Gruppen gab es, gibt es und wird es geben, denn für eine flächendeckende Kontrolle fehlen die Kapazitäten und der politische Wille zum Überwachungsstaat. Sandra Maischberger hätte die Lösung: wir brauchen mehr Bilder mit Leichensäcken. 

Claus Ruhe (!) Madsen, der Oberbürgermeister von Rostock - erste coronafreie Stadt in Deutschland - fordert die Aufhebung der Maskenpflicht. Er ist parteilos und Däne. Das scheint einen klaren Kopf zu garantieren. Madsen wendet sich als erster in einer der zahllosen Talkshows gegen den Begriff der "Neuen Normalität" und Angst als Steuerungsinstrument sozialen Verhaltens - Angst macht krank, schwächt das Immunsystem, senkt die Lebensfreude und lähmt die Wirtschaft. Sie ist kontraproduktiv, wenn man soziales und wirtschaftliches Leben wieder Gang bringen will.

Ein letzter Schwenk auf Lanzelot weil ich ein stiller Bewunderer des Kinns von Norbert Rötgen bin (Mischung aus Cary Grant und Kirk Douglas), dem exhumierten Spitzenkandidaten aus NRW. Schon dämmere ich weg... 

 

63. 19. Mai 2020

Die Blitzmerker von der BILD haben es als Erste erfasst: "Unsere Wirtschaft ist in Gefahr." Schlimmer: unsere Wirtschaften sind in Gefahr. Kneipensterben wohin man sieht.

Der Weltärztepräsident Montgomery besticht ebenfalls durch rasche Auffassungsgabe: die aus seiner Sicht leichtsinnige Öffnung der Grenzen für den Tourismus erfolge lediglich aus ökonomischen Gründen. Weil nämlich - siehe oben - die deutsche Wirtschaft in Gefahr ist.

Der Verband der fleischverarbeitenden Industrie wehrt sich gegen Forderungen, Werkvertragsarbeiter in Einzelzimmern unterzubringen. Dann wären viele Betriebe nicht mehr wettbewerbsfähig. Na und? 

"Bloß raus hier Wo das Corona-Infektionsrisiko am größten ist". So lautet der Titel eines Artikels von Julia Merlot auf Spiegel Online. Merlot befasst sich mit den Resultaten von Kontakt-Verfolgungs-Studien. Demnach zeichnet sich als Trend ab, das in privaten Haushalten und öffentlichen Verkehrsmitteln das Infektionsrisiko am höchsten ist. Eine Studie in China, in der Forscher Hunderte Ansteckungen zurückverfolgten ergab, dass "alle bis auf eine Ansteckung in Innenräumen stattfanden." Es verblüfft nicht, dass das Risiko mit der Dauer des Aufenthaltes, der Dichte der Personen im geschlossenen Raum, und der Intensität körperlicher Aktivität zunimmt. Es kristallisiert sich heraus, dass Ausgangssperren und "Zuhausebleiben" fatale Strategien waren - und dass die Öffnung ausgerechnet von Fitnesstudios eine fahrlässige Maßnahme ist, wie Erfahrungen mit einem Ausbruch in Fitnessstudios in Südkorea zeigen. Aufgrund der hohen Virenlast der Aerosole in einem geschlossenen Raum ohne Luftzirkulation bietet hier auch Abstandhalten nur bedingt Schutz. Der Absatz zum Risikofaktor Muckibude ist überschrieben mit "Superspreader im Fitnessstudio". 

Dass Abstand halten, Aufenthalt an der frischen Luft und regelmäßiges Lüften die Ausbreitungsgefahr reduzieren und Menschensammlungen sie erhöhen - nein, wer hätte das gedacht. Wie viele Covid-19-Opfer gehen wohl auf das Konto der weltweiten Ausgangsbeschränkungen? Auch Kontaktbeschränkungen fördern die Abschottung in den eigenen vier Wänden - sie gehören mindestens gemildert.

"Wenn Corona vorbei ist, verbringe ich erstmal ein paar Tage gemütlich zu Hause." Haben wir gelacht. 

Das Alleinsein stört nicht. Störend ist das soziale Leben unter den Bedingungen der Gesichtsmarkierung und Abstandswahrung. Dann lieber unzensiert und ungehindert mit sich allein. 

Lachhaft ist der Dumme-Jungen-Streich von Angela Merkel und Emmanuel Macron: man signalisiert die Hilfsbereitschaft der europäischen Schwergewichte Frankreich und Deutschland, wohl wissend dass die Einstimmigkeit in der EU zum Thema gemeinsame Schuldenaufnahme nicht erzielt wird. Wenn das Erwartete eintritt, dann reicht man den Schwarzen Peter an die Länder weiter, die dem 500-Milliarden-Fond nicht zustimmen. Ein Manöver so durchsichtig wie Trennwände aus Plexiglas.     

Das Bundesverfassungsgericht hat festgestellt, dass die Praxis des BND, sämtliche telefonischen Aktivitäten und Aktivitäten im Internet ausländischer Staatsbürger zu überwachen verfassungswidrig ist. Was selbstverständlich klingt, ist es längst nicht (mehr). Der ehemalige Präsident des BND zum Beispiel fände es sogar anmassend, wenn Grundrechte, die in Deutschland gelten auch für Menschen gelten, die nicht deutsche Staatsbürger sind. Es könne ja nicht angehen, dass sich ein Taliban auf den Schutz durch deutsche Grundrechte berufen kann. Dieser Scheuklappenblick lässt außer acht, dass der Übergriff des BND in der Ignoranz des gesetzlichen Schutzes Dritter in der für sie gültigen Rechtsordnung besteht, zumal wenn diese auf ähnlichen humanitären Werten gründet. Nur weil man nicht das Recht auf Privatsphäre und Vertraulichkeit aller Nichtdeutschen verletzt, schützt man noch keine Terroristen. Die Argumentation des BNDlers inklusive der rigorosen Abgrenzung der deutschen Grundrechte von Menschenrechten erinnert ließe ebenso gut Folter zu - denn für ausländische Staatsbürger gilt ja nicht das Recht auf körperliche Unversehrtheit.   

Eine Meldung, die auf Anhieb alarmierend ist ist eher eine gute Nachricht: Forscher gehen davon aus, dass die Ausbreitung des Virus nicht durch klimatische Bedingungen beeinflusst wird. Im Umkehrschluss heißt dies, dass der Rückgang von Infektionsraten Effekt von Verhaltensänderungen ist und nicht einfach saisonal bedingt. 

Staat dem Bericht zur Lage der Nation gibt Svenja Schulze, ihres Zeichens Ministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, einen Bericht zur Lage der Natur. Sie verknüpft die Situation der Flachland-Mähwiesen, der Apollofalter, Libellen, der Rebhühner und Kiebitze mit der Corona-Situation. Der Bericht beginnt mit guten Nachrichten: Kegelrobben fühlen sich wohl in der Nordsee, die Menschen entdecken die Schönheit der Natur und - da zucke ich zusammen - den Fledermäusen geht es besser. Ob es eine so gute Nachricht ist, dass Menschen die Natur für sich entdecken sei dahingestellt. Die Natur be- und zertreten heißt nicht sie zu schützen, sondern sie wie andere Waren zu konsumieren. Die schlechten Nachrichten sind katastrophal: Insektensterben, Reduzierung von Biodiversität, Rückgang von Wildwiesen, Weiden und Baumbeständen. Die Zurückdrängung der natürlichen Lebensräume für Tiere fördert die Gefahr von Zoonosen ebenso, wie die Massentierhaltung und die mit der Gülle verbundene Verseuchung der natürlichen Umwelt. Eine intakte Natur, so Schulze, wäre der beste Impfstoff gegen Pandemien. Das immunisierte Zeitalter hat jedoch die durchaus vorhandenen Warnungen vor der Gefahr von Pandämien in den Wind geschlagen. Politisch herrscht das Prinzip des `Othering´ vor, Schuld an Seuchen sind immer die anderen. Ihre Forderungen sind berechtigt: Keine Konzentration von öffentlichen Mitteln auf die industrielle Landwirtschaft, wenn dann nur für öffentliche Leistungen, die den Natur- und Umweltschutz zum Nutzen aller fördern. Schön wärs - aber die Realität zeigte gestern eine Reportage auf Phoenix zur industriellen Schweinezucht in North-Carolina. Ein Umweltaktivist flog die Reporterin über endlose Seen aus Scheiße, die das Bild der Landschaft in North-Carolina prägen. Riesige Zucht- und Schlachtanlagen, die vor allem den zunehmenden Hunger der chinesischen Bevölkerung auf Schweinefleisch bedienen. Gigantische Flächen Regenwald werden in Brasilien gerodet, um Soja anzubauen, das zu Futtermittel verarbeitet wird. Soja-Monopolisten, die sich brüsten: wir ernähren die Welt. Der Weg zur Hölle ist mit Gülle und Futtermehl bedeckt. 

Muttis Liebling Phillip Amroth bezeichnet bei `Unter den Linden´ die Erhebung von personenbezogenen Daten in Restaurants als "grundrechtschonend". Selbst wenn dem so ist - sie ist ebenso wenig wirtschaftsschonend wie die Aussage von Michael Müller, regierender Oberbürgermeister von Berlin, der davon ausgeht, dass Abstandsgebote und andere Corona-Regeln auch nach Corona gelten. Abstand als Gebot erzeugt Distanz zum Angebot. Angst und Vorsicht sind in den Köpfen verankert. Sie führen zu Angst und Vorsicht in der Ökonomie. Eine wirtschaftliche Perspektive würde erfordern, an der Aufhebung von Kontaktverboten, Abstandsregelung und Spuckschutzfiltern zu arbeiten. Repulsion zu forcieren und wirtschaftliche Erholung zu erwarten ist blauäugig.     

Kurz vor ZDF heute ein Werbeslogan für den Sender und seinen Bildungsauftrag: "Wir sind alle Meister im Betrügen. Vor allen Dingen uns selbst." Der Nachteil von Intelligenz besteht in einem gesteigerten Vermögen sich selbst etwas vorzumachen. So kann man überzeugt davon sein Erklären sei schon ein Dialog. 

Statt der Spaltung der Gesellschaft befürchtet man nun ihren Riss. Statt der Furcht vorm Spaltpilz Furcht vor Zerreißproben. Letzteres ist gefährlicher: der Spalter kommt von außen, ihn kann man eliminieren. Die Zerreißprobe ist ein Bild für innere Spannung. 

Erneut werden die hohen Todeszahlen in Schweden in Beziehung gesetzt zur Freizügigkeit der Gesellschaft. Die Ursachen jedoch sind Mängel in der Altenpflege, die mit den Freiheiten für die Gesellschaft nichts zu tun haben. Statt das Gute zu sehen hält ein Mangel dafür her das Ganze abzulehnen. 

Man gab dem Basketball keinen Korb: Klar. Der Deutsche Meister ist Bayern München, und in deren Halle wird auch das Playoff ausgetragen.

Ausgebüxte Pinguine im Museum. Caravaggio gefällt ihnen besser als Monet. Bei Caravaggio ist auch mehr los. 

Das coronärrische Treiben spaltet auch Beziehungen. Am Umgang mit den Risiken scheiden sich die Kleingeister. 

Werbung für Käse aus Bayern, anschließend die Rosenheimcops. Pittoreske Kulissen. Ein Bundesland wirbt um Urlauber. Ich schalte um aufs Erste: WaPo Bodensee. Die nächste als Krimi getarnte touristische Produktplatzierung.

Die Sendungen `Frontal´ und ´Fakt´ sind (unter anderen) Sendeformaten ein Beleg für Pressefreiheit. Der Bericht über Arbeits- und Unterbringungsbedingungen von Werksarbeitnehmern im Umfeld des von der öffentlichen Hand finanzierten Projektes `Stuttgart 21` sind der Politik sicher nicht angenehm  Zugleich sind diese Sendungen Instrumente. Sie sollen Vorwürfe entkräften, die Deutschland entweder auf dem Weg zur Diktatur sehen oder Deutschland schon in einer Diktatur wähnen - denn in einer Diktatur gäbe es weder diese Sendungen, noch kämen diejenigen zu Wort, die behaupten man befände sich in einer Diktatur. Dagegen ist nichts einzuwenden. Wünschenswert wäre, wenn Beiträge zu wachsendem Unmut über Zwangsmaßnahmen und den menschenunwürdigen Arbeits- und Unterbringungsbedingungen in bestimmten Branchen in Beziehung gesetzt würden. Die Unmut über das nur halbherzig bekämpfte Schalten und Walten von Betrieben (im Ungeist unternehmerischer Freiheit) bei gleichzeitig gravierenden Beschränkungen der individuellen Freiheit ist ein triftiger Grund für Kritik an staatlichem Handeln. Es wäre zu überlegen, ob in Umkehr des Üblichen bei den Menschen auf freiwillige Selbstverpflichtung gesetzt werden sollte und bei den Unternehmen auf Kontrolle und Regeln. setzt.

Obwohl man es weiß und nicht überrascht sein muss: die Agitatoren, die Anne Frank und Judensterne zweckentfremden, um `gute patriotische Bürger´ als Opfer der Terrorherrschaft Angela Merkels und der Lügenpresse darzustellen sind widerwärtig. Sie sind leider Beleg für die überspitzte These, dass einige Deutsche den Juden den Holocaust nie verziehen haben.  

Kristina Dunz ist stellvertretende Leiterin des Parlamentsbüros der Rheinischen Post und zu Gast bei Markus Lanz. Welches Forum, fragt sie, haben Kritiker an den Grundrechtseinschränkungen und insbesondere an ihrer fehlenden zeitlichen Befristung außer den öffentlichen Raum? Schuld an der Sogkraft von Demonstrationen für rechtsradikale Zecken und Aluminiumfetischisten haben sie nicht. Die Talkshows jedenfalls bieten Kritikern an der staatlichen Reglementierung von individuellem und sozialem Verhalten kein Forum. Das ist ein schweres Versäumnis. 

So schwer dass es mich in Kissen und Bettdecke niederdrückt. 

  

 

62. 18. Mai 2020

Die Schlachtzeile der Bild-Zeitung fasst zusammen was wichtig ist: Grüne wollen dass unser Fleisch teurer wird. Ich bin gespannt was demnächst mein Arm oder meine Schulter kostet.

"Wie kann man denn im Zeitalter des Internet noch daran glauben, dass die Erde eine Kugel ist?"

Dauerbrenner bleibt das Thema Verstörungstheorien: die Moderatorin in MoMa stellt die Frage wie man die Demonstranten gezielt mit den richtigen Nachrichten erreicht. Eine gelinde gesagt unglückliche Formulierung, die den Freiheitskämpfern von Rechtsaußen in die Karten spielt.

Der Wirtschaftsteil der WAZ wartet mit einem interessanten Interview auf. Der Vorstandssprecher der GLS-Bank, Thomas Jorberg, fordert: "Wenn wir heute nicht umsteuern, werden wir morgen nicht wettbewerbsfähig sein. Im Moment werden Billionenbeträge in die Hand genommen. Der Einsatz dieser Steuermittel ist nur zu rechtfertigen, wenn das Geld auch zum Erhalt einer lebensfähigen Natur beiträgt." Natürlich sagt er das. Wenn man trotz dieser Kernaussage, der zu widersprechen schwer fallen sollte, stutzig wird, dann wegen der auch in diesem Interview augenscheinlichen Instrumentalisierung des Corona-Themas zu eigenen Geschäftszwecken.

Machen wir uns nichts vor. Man kann gesellschaftliche Einheit noch so händeringend heraufbeschwören, jeder von uns hat gleichwohl persönliche Interessenlagen, die ihren/seinen Umgang mit der Corona-Krise prägen. Mein vehementes Wettern gegen den `Maulkorb` und meine Präferenz für das Schwedische Modell gründen sich auf Fakten und Einschätzungen, die meine subjektive Neigung objektiv unterfüttern sollen. Mein Unwillen, die Zukunft in einem von Abstandhalten, Kontaktvermeidung und Mundvermummung geprägten Umfeld zu verbringen bestimmt den Gustus meiner Kommentare und des ihnen innewohnenden Furors. Auf der Ebene der Ökonomie sind die Billionenbeiträge zur Stützung der deutschen Wirtschaft nicht nur humanitär inspirierte Alimente im großen Stil, `sie verzerren auch die Wettbewerbssituation zugunsten Deutschlands` (Margrethe Vestager, EU-Kommissarin für Wettbewerb).

Dementsprechend entstehen Differenzen in Risikoabschätzungen hinsichtlich des eigenen Verhaltens und dessen Folgen für andere und sich. Diese Differenzen entwickeln sich aufgrund unterschiedlicher Betroffenheiten von Einschränkungen. Das gilt für Personen ebenso wie für Branchen. So haben zum Beispiel Sexarbeiter und Schauspieler ein ähnliches, schwerwiegendes Problem: die Arbeit beider ist unter Bedingungen der Kontaktbeschränkung und Abstandsregeln so gut wie unmöglich. Die Sehnsucht nach Aufhebungen der Kontaktbeschränkungen mag bei Singles ausgeprägter sein als bei Paaren. Da nicht nur Disziplin und Vernunft, sondern auch Sehnsüchte und Freiheitsdrang unser Verhalten bestimmen, ist die derzeitige Dominanz des Themas Urlaub wenig überraschend, auch wenn man ob des beschleunigten Wechsels von Alarm- zur Ferienstimmung mit den Ohren schlackert.   

Wenn nicht Anziehung, sondern Abstoßung die sozialen und ökonomischen Beziehungen und Prozesse determiniert, was und wer ist dann noch attraktiv? Analog zur Umpolung eines Magnetfeldes wird weltweit das soziale Feld umgepolt. In Deutschland dank Eisenfeilspahn. Davon auszugehen, dass flächendeckende repulsive Impulse keine langfristigen Konsequenzen auf Angebot und Nachfrage haben, wäre absurd. Begriffe sind diskreditiert: keine Hand wäscht die andere. Man reicht sich nicht die Hände. Umarmungen sind verpönt. 

Ich mache mich nicht mehr lustig über Menschen, die in der Fußgängerzone Mundschutz tragen - es ist zu umständlich zwischen zwei Geschäften die Maske ab- und wieder aufzusetzen (...ich gehörte heute auch zu den Menschen, über die ich mich eben noch amüsierte).

Das Raunen über die Rolle von Bill Gates und die Pharma-Industrie bei der Finanzierung der WHO und deren Abhängigkeit von privaten Unternehmen und Personen ist zwar nachvollziehbar, es fragt sich jedoch was sich bessern würde, wenn die WHO ausschließlich durch ihre Mitgliedsstaaten finanziert würde. Schließlich prallen dann die wirtschaftlichen und politischen Interessen der Staaten aufeinander, die ihrerseits nicht unabhängig von Märkten und Konzernen agieren. In beiden Fällen bleibt die WHO eine abhängige Organisation, deren Souveränität stark eingeschränkt und deren Machtbefugnis gemessen an ihren Aufgaben gering ist. Gehupft wie gesprungen.

Passend zu politischer Abhängigkeit: Taiwan, bei der Bekämpfung der Infektion äußerst erfolgreich, protestiert dagegen zur heutigen WHO-Jahrestagung nicht eingeladen zu sein. Dafür darf Xi Jinping sein weltweit ausgestrahltes Loblied auf das altruistische, stets hilfsbereite und jederzeit transparent agierende China singen.    

Bundespressekonferenz: Herr Jung fragt Frau Demmer (Stellvertreterin von Oliver Bierhoff) ob sie einen Zusammenhang sehe zwischen dem Gedeihen von Verschwörungstheorien und der Kommunikationspolitik der Bundesregierung. Frau Demmer sagt weder ja, noch nein, sondern erwidert die Regierung habe ihre Maßnahmen immer erklärt. Das ist es ja: Erklären wird als Kommunikation erachtet, doch dieses Verständnis von Kommunikation ist einseitig. Da ein Dialog nicht stattfindet - aufgrund der defensiven Haltung der Regierungsvertreter auch nicht bei den BPK - werden Gegenstandpunkte eingenommen, die ihrerseits keine Bereitschaft zum Dialog erlauben. 

Die Klöckner von Notre Dame rückt ab von freiwilligen Selbstverpflichtungen der Unternehmen als probates Instrument zur ethischen Einhegung der Schlachtbetriebe. Jetzt hält sie Bußgelder für möglich - das hindert die Fleischindustrie so wenig an Lohndumping, wie Raser an der Geschwindigkeitsübertretung.

Der Chef der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus, schaut drein wie ein als Universitätsgelehrter verkleideter Bhagwan, der wütend darüber ist, dass Tempelaffen seinen Ashram verwüsten. Kein Wunder. Der Mann ist konfrontiert mit der größten Pandemie seit der Spanischen Grippe und der Kelly Family und muss erleiden, dass Supermächte mit ihm Pingpong spielen - und das auch noch dilettantisch (was nicht so sehr an China liegen kann). 

Vor dem Hauptgebäude der WHO blühen Kirschbäume. Durch die offene Balkontür schneit es schwere Pollen. Wäre ich ein Poet (oder wenigstens Wolfgang Niedecken) würde mir das etwas sagen. 

Wiedereröffnung von Cafes in Italien. An Zweiertischen sitzt man sich durch Plexiglasscheiben getrennt gegenüber wie bei einem Gefängnisbesuch.

Bei ARD extra darf Markus Söder (es herrscht Meinungsfreiheit) seine Meinung sagen: es gebe keine Grundrechtseinschränkungen. Das ist angesichts der nicht beantworteten Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Eingriffe in Persönlichkeitsrechte ohne zeitliche Befristung nicht mehr und nicht weniger als eine Meinung - so viel oder so wenig Wert ist wie die Meinung eines Demonstranten, der der Auffassung ist, solange er den Mindestabstand von 1,50 nicht unterschreite, sei er nicht verpflichtet, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Diese Meinung ist zweifelhaft. Die von Markus Söder auch. Im Übrigen ist der Verweis auf Mehrheiten bei Umfragen kein Grund, Minderheiten als fehlgeleitete und verführte Verwirrte darzustellen: Das Demonstrationsrecht soll ja grade gewährleisten, dass auch Minderheiten sich ohne Angst vor Repressalien oder Diskriminierung Gehör verschaffen können. Demonstrationsrecht und Minderheitenschutz gehören zusammen - sie sind Faustpfand gegen eine Unterdrückung von Minderheiten, wie sie für Diktaturen kennzeichnend ist. Selbst wenn dies bedeutet, dass man AfD-Mitgliedern nicht den Mund mit Pattex verkleben darf. 

Anschließend eine Naturdokumentation. Requiem auf eine untergehende Welt. 

Fettschwanzmakis urinieren auf ihre Pfoten, damit sie beim Klettern besser kleben. Sollte ich auch mal ausprobieren. Nach Corona. 

Bei Hart aber Wer? outet sich Herr Kekulé als Windsurfer, den es im Urlaub nach Ägypten zieht. Sei nicht so gefährlich, wenn man den Kontakt mit Eingeborenen, äh, Einheimischen meide. Der geht - höhö - bestimmt in einen Club Dr.med. Außerdem: viel draußen sein, geschlossene Räume meiden. Deswegen sind wir die letzten zwei Monate zu Hause geblieben. 

Der Tourismusbeauftragte Thomas Bareiß spricht so verständlich wie Brad Pitt in `Schweine und Diamanten`. 

Was so alles nicht geht im Urlaub. Keine Sauna. Keine Disco. Kein Büffet. ICH-LIEBE-ES!!!

Zentrales Thema der Sendung: die Rechte der Verbraucher auf die Stornierung von Buchungen. In Indien verdursten Tagelöhner auf dem langen Marsch in ihre Heimatorte. Das kann man bestimmt stornieren. 

Es wird nicht lange auf sich warten lassen: Die Erholung der Natur wird von Leugnern des Klimawandels als Beleg dafür gewertet dass alles nicht so schlimm ist. 

Die Deutsch-Französische Initiative für einen Recovery-Fund: das sind Eurobonds. Schon beginnt das Gemöpper.

Biergärten in Bayern: Mass mit Maske. Fade. Aber die Sucht treibt es rein. 

Lesbos: dafür, dass man die Bewohner der Insel mit der Bewältigung der Aufgaben alleine lässt, die hoffnungslos überfüllte Auffanglager stellen, ist das Maß an Rassismus erstaunlich niedrig. Das sollte für den Rest von Europa beschämend sein. Ist es wohl auch - aber egal....Moria ist abschreckend, desto schlimmer desto besser. Elend und Kalkül. 

  

61. 17. Mai 2020

`Ich hatte noch nie ein Date, bei dem nicht alles schief lief.` `Ich hab noch nie einen Mann kennengelernt, der nicht merkwürdig war.` Mitten in diesem geträumten Filmdialog reißt mich der Weckton aus dem Schlaf...selbst den habe ich noch geträumt. Es ist Sonntag.  

An Sonntagen kann man sich gepflegt über Nebensächlichkeiten aufregen. Zum Beispiel darüber, dass es keine Website mehr gibt, die nicht zum Akzeptieren von Cookies auffordert oder über selektive Online-Redaktionen, die darüber entscheiden welche Artikel so wertvoll sind, dass man dafür ein Abonnement abschließen muss (...statt etwa nur für den einzelnen Artikel zu bezahlen). 

Algorithmengesteuert landet das Gewohnheitstier in mir, das Rituale und Zwangsstörungen steuert bei Spiegel Online. In einem Interview von Benjamin Bidder warnt Ökonom Gabriel Felbermayr: "Wir müssen unsere Prognosen revidieren. Wir sind zu tief gefallen." ("Das wird ein Zangengriff auf Deutschlands Wohlstand", SPON, 17.05.2020). Der gravierendste Faktor, der gegen eine absehbare wirtschaftliche Erholung spricht seien Zukunftsängste und Vertrauensverlust: "Das Vertrauen hat einen Schock erlitten. Zukunftsängste sind entstanden, die sehr viel nachhaltiger sind, als die Bedrohung durch den Virus selbst." Die Star-Apokalyptiker waren gestern noch Virologen und Epidemologen - deren Kult hat sich verschlissen, ihre Unkenrufe werden vom Öffnungsgetöse übertönt. Die Helden von eben verschwinden von der Bildfläche, verdrängt von neuen Hiobsbotschaftern.

Es liest sich plausibel und trifft wohl auch zu: "Bürger schränken ihre Ausgaben ein, aus Sorge um den Arbeitsplatz." Das jedoch als einzigen Grund für Konsumzurückhaltung anzusehen weist auf ein Menschenbild hin, das Angst als einzige Ursache von Verhaltensänderungen ansieht und Konsumieren als des Homo Oeconomicus primären Quell von Freude. Macchiavelli meets Happy Betty (unbedingter Filmtipp: "Mein Bruder VIP der Supermann." Bruno Bozzetto, 1968). Zurückhaltung des Konsums, gar Veränderung des Konsumverhaltens lässt sich jedoch nicht mit Angst allein erklären - Umfragen zeigen, wie Moderatoren von Nachrichtensendungen erstaunt berichten, dass die überwiegende Mehrheit der Befragten weder den Verlust ihres Arbeitsplatzes, noch Lohneinbuße fürchten. Verschiedentlich wurde darauf hingewiesen - und auch dazu ermutigt - dass der lockdown die Wahrnehmung unserer Umgebung und und die Wahrnehmung von uns selbst verändert. Die Entschleunigung wird als Erleichterung und Entspannung empfunden. Nicht alle Eltern betrachten es lediglich als Belastung, sondern auch als Bereicherung mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Die autofreie Stille an Sonntagen ist überwältigend. Menschen entdecken die Natur neu, sehen aber dadurch auch die Schneisen, die Symptome des Klimawandels in die Wälder schlagen, Lichtungen, die wie Kriegsschauplätze aussehen. Die Luft lässt sich besser atmen, Meeren, befreit vom Unrat des Massentourismus, kann man auf den Grund sehen. Couchpotatoes entdecken, dass sie einen Körper haben, dem Bewegung gut tut. Statt das Rauschen von Fliegern hört man die Signallaute von Gänsen, deren Züge neue Flugrouten entdecken - das V an der Steilwand des Himmels drängt den V-Verlauf der Rezession in den Hintergrund. Wir entdecken, was uns in der alten Realität belastete und was uns eben nicht fehlt, sondern im Gegenteil überflüssig ist oder uns sogar schadet. Weniger und anderer Konsum folgen nicht einseitig aus Zukunftsängsten, sondern aus (Selbst)erkenntnis und der Wiederentdeckung elementarer Bedürfnisse. Die von Ökonomen befürchtete "Slowballisation" ist eben nicht nur Symptom von Angststarre, sondern (mindestens auch) der Neuentdeckung der Langsamkeit.  Nicht zuletzt mag auch ein gesteigertes Umweltkatastrophenbewußtsein dem erhofften Effekt der Abwrackprämie entgegenwirken - Zukunftsängste ja, aber nicht in Bezug auf den Arbeitsplatz, sondern auf die Klimakatastrophe. 

Die abwartende Haltung ist nicht monokausal bedingt, sie hat heterogene Gründe. Zurückhaltung kann auch Misstrauen und Widerstand bedeuten. Allzu deutlich ist die Erwartungshaltung an die Bevölkerung, sie möge gefälligst wieder konsumieren. Die Stimmen aus der Regierung, die ein Rollback der Klimapolitik fordern werden lauter. Zurückhaltung beim Konsum lässt sich auch als Reaktion auf den Vertrauensverlust der Regierung in die Eigenverantwortlichkeit der Menschen deuten, der sich in Einschränkungen der Grundrechte und Auferlegung von Verhaltensregeln ausdrückt. Bislang existieren keine Belege dafür, dass Einschränkungen der individuellen Bewegungsfreiheit und Kontaktverbote - gemäß dem Motto: (zer)teile und herrsche - ausschlaggebend für die Reduzierung von Neuinfektionen sind; im Gegenteil mehren sich Indizien, dass neue Infektionsherde vor allem den Gegebenheit in Betrieben geschuldet sind. Neuestes Beispiel: die 80 COVID-19 Fälle bei einem Paketzulieferer ausgerechnet in Heinsberg.

Konsumzurückhaltung ist ein Druckmittel, das in Zeiten sozialer Distanzierung effektiv ist. Unternehmen und Politik wird bei einem längeren Bummelstreik der Konsumenten nicht umhin können, dem Rechnung zu tragen. Man wird sehen wie gut der neue Lockvogel "Sommerurlaub" angenommen wird.

Küsschen und Umarmungen bei Hertha BSE. Dennis Aogo stellt in der Sendung "Doppelpass" die Frage, warum Zweikämpfe mit Körperkontakt erlaubt seien (...und die Mauerbildung?...), aber Torjubel mit Bussi und Sich-Herzen nicht. Marcel Reif und Markus Söder beantworten diese Frage mit spürbarem Unverständnis dafür, dass sie überhaupt gestellt wird - man hatte wohl darauf gehofft, dass der Fußballer das Verhalten anderer Fußballer öffentlichkeitswirksam verurteilt. Ihre Antwort hebt auf die verhängnisvolle Signalwirkung in der Bevölkerung ab, eine sachbezogene Antwort ist das nicht. Trotzdem erklärt sie warum hier mit zweierlei Maß gemessen wird: im Wettbewerb (in der Arbeitswelt) ist physische Nähe und das damit verbundene Risiko zu tolerieren. Wehe aber wenn die Unterschreitung der verordneten physischen Distanz dem Wohlbefinden und der Lebensfreude dient. Das geht natürlich gar nicht.  

Das Fehlverhalten von Heiko Herrlich hat einen ganz einfachen Grund: der Mann geht selten selber einkaufen. 

Das Fehlen von Stadionzuschauern hatte unter rezeptionsästhetischen und praktischen Gesichtspunkten auch Vorteile. Die Leistung der Schiedsrichter in der temperierten Atmosphäre der Stadien war tadellos, erleichtert durch die bemerkenswerte Fairness der Spieler, die sich ohne Ablenkung von außen auf das Wesentliche konzentrierten: das Fußballspielen. Auch Kamerateams und Moderatoren fokussieren sich auf das Geschehen auf dem Rasen - ebenso geht es dem Publikum. Man mag die aufgeheizte Atmosphäre in den Stadien vermissen, aber die Konzentration der Akteure aufs Kerngeschäft und die reduzierte Aggressivität des Spiels wird dem einen oder anderen auch gefallen haben. Selbst die Bundesliga wird infiziert vom Virus der Entspannung und Stressreduktion. 

Im Windschatten der Fußballbundesliga positionieren sich weitere Sportarten, vor allem aber positioniert sich die Werbung. Wettbüros finden endlich wieder ihr Forum in den Werbepausen, von Medikamenten gegen Erektionsstörungen über Werbung für neue Spartensender reichen die Versuche, der neuen Lust der Menschen an Bewegung und Aktivitäten in freier Natur und der Änderungen ihrer Konsum- und sonstigen Gewohnheiten entgegen zu wirken. Es wird spannend sein, wie die Auseinandersetzung `Marketingmaschine versus Konsumzurückhaltung´ sich entwickelt.  

Und sonst in der Welt? Belgien versinkt in Pommes. Neuseeland faktisch COVID-frei. Ein 70jähriger Bürgermeister feiert in Wellington die Aufhebung des lockdowns mit einem Bungee-Sprung. In Ecuador verstreut man gegen den Verwesungsgeruch Kaffeepulver auf den Leichen. Die Corona-Strategie: Vergrößerung der Friedhöfe. Die Asynchronizität der globalen Entwicklungen ist frappierend, wirft Fragen auf: wie weit sind die Länder, die jetzt hektisch die Grenzen für Touristen öffnen, wirklich mit der Bekämpfung der Pandemie?

Er ist wieder da: Karl Lauterbach taucht aus der Versenkung bei Anne Will wieder auf. 

Ich ritze mit dem Fingernagel einen Kondensstreifen in meine Haut. Ein Flugzeug macht es mir am Abendhimmel nach. Die Haut an der Unterseite meines Oberarms bildet eine Hängematte unter meiner Muskulatur. Ich habe in den letzten sechs Wochen 3 Kilo abgenommen und einen Bauch bekommen. Heute war ich das erste Mal seit sechs Wochen wieder Klettern. Ich hatte nicht das Gefühl, dass man das so nennen konnte. 

Karl Lauterbach folgt dem Modetrend Peter Altmeiers, der Hosen aus seiner Kindheit trägt, aus denen er heraus gewachsen ist. Immerhin zeigt er keine Haut. Interessant ist die initiale Kehrtwende Karl Lauterbachs, der nun darauf abhebt, man müsse im Vorfeld einer zweiten Welle die Maßnahmen zur Eindämmung vorab gut erklären. Aha...möglicher Weise ist Vertrauen in vernünftiges Verhalten doch eine ernst zu nehmende Alternative zu auferlegten Grundrechtsbeschränkungen. Statt der erneuten Einschränkung der Grundrechte spricht er nun einer guten Kommunikation das Wort. Alter Schwede...Anne Will bleibt dabei: ohne Verbote und Untersagung werden Maßnahmen nicht akzeptiert und umgesetzt. 

Die neue Infektionsgefahr: Demonstration. 

Was Schweden betrifft, so wird als Argument gegen den Sonderweg ins Feld geführt, auch Schweden erleide bei höherer Todesrate eine heftige Rezession. Das liegt daran, dass auch die schwedische Wirtschaft global vernetzt ist - da die meisten anderen Länder auf einen totalen lockdown setzten, ist auch die schwedische Wirtschaft in vergleichbarem Ausmaß betroffen. Wie wäre wohl die wirtschaftliche Entwicklung gelaufen, wenn mehr Staaten dem schwedischen Modell gefolgt wären? Zur Debatte über den `richtigen Weg´ passt der Kommentar von UN-Generalsekretär Antonio Gueterres: "Verschiedene Länder haben verschiedene und manchmal widersprüchliche Strategien befolgt, und wir zahlen alle einen hohen Preis dafür." Außer die USA selbstverständlich, die Zahlungen an die WHO aussetzten.  

Auch diese Sendung zur Verhältnismäßigkeit der Grundrechtseinschränkungen stellt nicht die Frage: welche Maßnahmen hatten welche Effekte? Und welcher Beleg existiert dafür, dass der Rückgang der Infektionsrate dem Umstand des hoheitlichen Zwangs zu Verhaltensänderungen zu verdanken ist?  

 

60. 16. Mai 2020

"Ich träume von Spechten, die Löcher in meinen Schädel hacken...Jemand klopft am Holzverschlag vor meiner Terrasse. Ich torkele schlaftrunken durch die Wohnung und öffne die Tür. Vor mir gegen das Grau eines bewölkten Herbsthimmels in Frühling ein gleißend weißes Gespenst. Es entpuppt sich als mein Nachbar Francesco, der im Outbreak-Outfit vor mir steht. `Ciao Francesco. Was ist los. Ist die Pest zurück gekehrt?`´Ich hoffe nicht` antwortet er `ich habe einen Kakerlakenbefall, den ich nur mit Chemie in den Griff bekomme.``Ah, verdammt...wie kann ich helfen?` `Hab vergessen Mineralwasser zu kaufen. Kannst Du mir mit ein paar Flaschen aushelfen?``Klar. Sicher.` Ich schlurfe zum Kühlschrank, drücke ihm zwei Flaschen in die behandschuhten Hände. Er bedankt sich und lädt mich für heute Abend zum Essen ein. Er stapft in voller Montur die Treppe herab. Ein scharfer Geruch liegt in der Luft, eine Mischung aus Ammoniak und Chlor...mein Puls rast obwohl das Meer spiegelglatt da liegt wie eine Wüste aus geschmolzenem Glas."

(...)

In der frisch entfalteten Zeitung lese ich: "Gehe einmal dorthin, wo Du noch niemals warst." (Dalai Lama). Ich muss dringend mal wieder zum Zahnarzt.

Georg Howahl redet in der WAZ die Corona-Krise schön. Ein Nutzen: "Mehr Bewusstsein für Umwelt und Natur." Er schreibt: "...und die Natur selbst erholt sich: der Specht, der auf einmal im Hinterhof wieder klopft". Das offenbart das Gegenteil von Bewusstsein für die Natur. Spechte nisten und schlafen in Totholz. Das Stakkato in den Wäldern kündet von deren Sterben. Die Corona-Krise sei eine Katastrophe in Zeitlupe heißt es. Im Vergleich zum Klimawandel ist diese Krise eine im Zeitraffer.

Es gibt kein Menschenrecht auf Beifall ist ein Artikel von Marc Oliver Hänig in der WAZ überschrieben. Verschwörungstheorien die Xte. Das Zitat stammt aus einem Buch von Pörksen/Schulz von Thun (...bei dem Namen denke ich an Eisbergsalat und Polschmelze...). Der Tenor: es geht nicht nur um die Gesundheit des Volkskörpers, sondern auch um die Gesundheit des Weltgeistes: Die Immunität des geistigen Immunsystems gegen hartgesottene Ideologen sei einfach noch nicht ausreichend entwickelt. Grund der Anfälligkeit sei dass man sich im Internet zu nahe komme: "Vernetzung verstört. Wir leben in unseren Blasen, sind aber permanent mit den Blasen der Anderen konfrontiert." Wie unangenehm. Man stelle sich vor diese Blasen sind entzündet. Schlimmstenfalls auch die in der man lebt. Die Therapie sei Kontemplation. Abstandsgebot, Kontaktsperren, die Angst vor physischer Nähe - all das hat unsere Kommunikationsstrukturen drastisch verändert. Man kann es am Schweigen in den öffentlichen Verkehrsmitteln und der Lautlosigkeit in Supermärkten gut erkennen. Im selben Mass, wie der Dialog sich von der Begegnung entkoppelt, wird das Internet zur Wirklichkeit und Begegnungsstätte der Menschen: "Die Nachrichten in der Zeitung passen nicht zu meinen Erkenntnissen im Internet." Man muss sich nicht darüber wundern, dass Influencer, Bots, Likes und Fakenews das Weltbild von Menschen prägen, wenn deren gesamter sozialer Austausch sich in die biologisch antiseptische, aber informell verseuchte digitale Welt verlagert - zum Nutzen der Wegzölle erhebenden und Daten abgrabenden Internetkonzerne. Entzieht man sich dem durch die Erweiterung von Abstandsregeln und Kontaktbeschränkungen in die virtuelle Welt hinbein, treibt einen dies noch weiter in die Isolation, als es durch Diskreditierung sozialer Nähe ohnehin schon geschieht. Es bliebe einem in Abwesenheit jeder Form von Austausch nur noch den Botschaften aus Regierungserklärungen, Talkshows und Nachrichten zu lauschen. Der eigenen Stimme Geltung zu verschaffen, wenn der physikalische, öffentliche Raum verbotene oder zumindest durchregelte Zone ist und der virtuelle Raum das Reich der Verschwörungstheoretiker und Fakenews ist, scheint dann kaum noch möglich - man fühlt sich als bloßer Empfänger, Sender sind Entscheider und Experten. Bloßer Empfänger zu sein bedeutet Nacktheit und Ohnmacht. Folgerichtig verschafft man sich Geltung und Gehör, indem man sich Spinnern zuwendet: besser, Idioten sprechen mit einem als niemand.      

Kein Zweifel - Corona ist zum Kotzen, weil man Abstriche machen muss: "Ohne Würgereiz gibt´s keinen vernünftigen Abstrich." 

Die Widersprüchlichkeit, die im Gewirr zu vieler Verhaltensregeln gedeiht illustriert trefflich folgende Beobachtung vom Hotspot Arbeitswelt: "Ein Mann kommt ins Bild und zieht die Tür auf, mal mit dem Unterarm, mal mit dem Ellenbogen. Praktisch: Die Grifftechnik scheint leicht zu merken - es sind dieselben Stellen, in die wir jetzt alle hineinniesen." Die Unwucht zwischen politisch motivierten Lockerungen und Massregelungen des individuellen Verhaltens wiederum akzentuiert ein Leserbrief von Christin Haggert in der WAZ von heute: "Da werden aktuell Bußgelder bis zu 5000 € angedroht oder verhängt, wenn Menschen sich in der Öffentlichkeit einfach nur zu nahe kommen, und der Verkehrsminister möchte gleichzeitig die Bußgelder für Verkehrsdelikte wieder reduzieren, weil sie ihm unverhältnismäßig erscheinen. Wo besteht wohl die größere Gefahr für Leib und Leben?" Dagegen möchte man am liebsten auf die Straße gehen - müsste man nicht sich nicht vor entfesselten Rasern fürchten.   

Schau an. Kanzleramtschef Braun erteilt der Impfpflicht eine Absage. Die Tagesschau lässt Demonstranten zu Wort kommen, die sich von Verschwörungstheorien, von Linksextremen und Rechtsextremen abgrenzen. Bei allem Verständnis für die Corona-Maßnahmen richtet sich die Kritik gegen den Zwang da, wo man auf die Eigenverantwortung der Menschen hätte zählen sollen. Sie richtet sich auch gegen dien psychologischen Effekt der auch medizinisch höchst umstrittenen Maskenpflicht. Passend zur Öffnung von Grenzen in Europa lassen Politik und Medien Dampf aus dem Kessel. Still freut sich die Automobilindustrie, weil öffentliche Verkehrsmittel gemieden werden. Die Bundesliga spielt wieder. Es fällt auf, dass die Verteidiger Abstandsregeln stark verinnerlicht haben. Ein paar Rudelbildungen bei Fouls, die Atmosphäre von Trainingsspielen.Trostlos wie ein ungekühltes, alkoholfreies Bier ohne Schaumkrone. 

Aktuelles Sportstudio ohne Karl Lauterbach. Unwirklich.

Keine Szene mit Mauer. Das Rätsel bleibt ungelöst.

Ich gehe schlafen und träume von vollen Rängen und besetzten Mittelsitzen in Flugzeugen. 

 

59. 15. Mai 2020

Für Hautcreme gegen Quarantänebestimmungen verstoßen: Heiko Herrlich hat sich geheiratet und heißt jetzt Heiko Selbst-Herrlich.

Die Debatte zur Humanitären Lage in der Corona-Epidemie eröffnet Heiko Maas. Optisch erinnert er mich an die traurige Maas, äh, Maus aus "Pinky und der Brain", die immer knapp am Ergreifen der Weltherrschaft scheitert. Auf der Hinterbank wartet Gregor Gysi auf seinen Einsatz.

Der Teil der fürs Ganze steht: Der venezuelanische "Präsident", der Netflix guckt während über 70% der Bevölkerung von der Strom(und Wasser)versorgung abgeschnitten sind. Aber auch: "Während Ende Februar bei einer Mahnwache der Opfer des Mordanschlags von Hanau gedacht wurde, feierten Mitarbeiter des Bundestags ganz in der Nähe eine Karnevalsparty." (Boris Herrmann, "Polonaise statt Schweigeminute", Süddeutsche.de, 15. Mai 2020)

Was bisher vom Tage übrig bleibt: das kaum erträgliche Bestreben der AfD-Abgeordneten sachliche Kritiken am Vorgehen der "Altparteien" umzumünzen in die Deklamation, eine völkisch-nationalistische Ideologie sei die angemessene Antwort auf einen global grassierenden Virus. Das Kichern im Hals, wenn auf der parlamentarischen Bühne Abgeordnete der verschiedenen Parteien sich gegenseitig Realitätsferne vorwerfen. Der Eindruck, Aliens in einem Raumschiff dabei zuzusehen und zuzuhören wie sie rhetorische Bundeskabinettstückchen aufführen. Ein kleiner Zeitungsartikel in der WAZ über den ungeschützten und distanzlosen Auftritt von Sebastian Kurz im Kleinwalsertal. Ein Karussell auf einer Kirmes der Eitelkeit, dessen Wirklichkeit unsere neue Normalität formt ohne ihr anzugehören. Wenn Politik mit einer Betrachtung der Wirklichkeit beginnt, heißt das nicht, dass die Betrachter ihr nahe kommen (wollen). Impressionen von Ohnmacht, die das Schauspiel der Handlungsfähigkeit hinterlässt. Rasen bleibt ein Kavaliersdelikt.

Über dem Ort meiner Sehnsucht kreisen Drohnen, laut wie ein Hornissenschwarm. Überwachung der Abstandsregeln und Kontaktsperren. Ort meiner Sehnsucht. Das war einmal oder ist noch, während ich mich beschleunigt entferne. 

Fröhliche Mainzelmännchen verkünden Verhaltensregeln. So pervers, wie fröhliche Schweine in der Reklame für Metzgereien.

Egal ob Satire oder Kulturmagazin: bei der Beurteilung der Demonstrationskultur wird nicht differenziert zwischen Verschwörungstheorien und Protest gegen Zwangsmaßnahmen. Man kann durchaus ohne Bill Gates zu dämonisieren oder den Sinn von Verhaltensweisen zu bestreiten, die Infektionen vorbeugen, den staatlich verordneten Zwang kritisieren. Nur weil man das schwedische Modell des gesellschaftlichen Umgangs mit der Pandemie favorisiert ist man kein Anhänger von Attila Hildmann und Xavier Naidoo. Sorgen darüber, wohin sich das soziale, politische und kulturelle Leben mit und nach Corona entwickelt sind ebenso ernst zu nehmen, wie die Sorge über die ökonomische Entwicklung, zumal ersteres und letzteres nicht voneinander zu trennen ist. Ein Beispiel dafür ist die Retraditionalisierung der Frauenrolle, die auch aus ökonomischen Gesichtspunkten verhängnisvoll ist, da Kompetenzen für Innovation und Fortschritt verloren gehen.

Darüber hinaus bleibt eine Auseinandersetzung mit dem problematischen Begriff der Neuen Normalität weitgehend aus. Weder ist definiert, worin sie inhaltlich besteht, noch ob sie befristet oder unbefristet gültig bleibt. Bestehen Kontaktsperren und Abstandsgebote im sozialen Bereich auf Dauer, während im beruflichen Bereich deren Nichteinhaltung als in Kauf zu nehmendes Berufsrisiko toleriert beziehungsweise gefordert wird? Die Befürchtung, dass soziale Distanz und Kontaktbeschränkungen von Dauer sind ist jedenfalls nicht zu verwechseln mit der Leugnung der Gefährlichkeit von COVID-19 (und anderen Krankheiten). Die Angst vor anhaltenden Reglementierungen unabhängig von der konkreten Gefahrenlage ist etwas anderes als die Furcht vor Microchips in Impfstoffen. 

Fasziniert von der Gangart der Giraffen schließe ich die Augen. 

 

58. 14. Mai 2020

"Stop posting Your workouts!" Dieses Posting gegen den Ertüchtigungs-Narzissmus im Netz spricht mir aus der Seele.  

An der Pandemie reift der Charakter des Mannes. Sharon Stone lobt: "Einige fangen sogar an, wie richtige Menschen zu sprechen." Wenn das so weitergeht, kommen sie noch von den Bäumen und verlernen das Grunzen. 

Der Bundestagspräsident fordert eingangs der Aussprache zur Neufassung des Infektionsschutzgesetzes die Abgeordneten zur Wahrung der Abstandsregeln auf. Das hindert seine parlamentarischen Schäfchen nicht am Kuscheln auf den Fluren. Vorbildlich in fataler Weise. 

Ich gestehe: gestern habe ich aus Recherchegründen eine Gaststätte aufgesucht. Das Ergebnis war nicht ernüchternd (mir begegneten andere, die aus Recherchegründen unterwegs waren). Die Aufnahme von Daten auf Papier ließ jede Menge Spielraum für den persönlichen Datenschutz durch unzutreffende Angaben. Mit den drei anderen Personen am Tisch war ich weder verwandt, noch handelte es sich um vier Personen aus zwei Haushalten. Die Einhaltung der Regeln für die Gastronomie lässt sich so schwer kontrollieren, dass es einer verdeckten Aufforderung zu deren Umgehung gleichkommt - auch so kann man Wirtschaftsförderung betreiben. Schutzmaßnahmen ja, aber nicht gegen Infektion, sondern gegen Insolvenz. 

Die Zukunft: Infektionsschutz nicht durch Impfungen, Herdenimmunität und physischen Abstand, sondern durch Kraftfelder. Jaja, es war nicht nur ein Bier.

Der Sprecher der FDP für Innenpolitik, Konstantin Kuhle, hält eine Rede zum Thema "Europäische Grundwerteinitiative". Der Hinweis darauf, dass die Europäische Union auch eine Werteunion mit einer Rechtsprechung sei, die auf der Europäischen Menschenrechtscharta beruht ist zwar erforderlich, aber wie viel Wert sind diese Werte, wenn man Moria zulässt? Das ist nicht einfach verkappten Diktatoren wie Orban und ihrer Flüchtlingspolitik zu verdanken - jeder Staat in der EU könnte und müsste die Initiative von sich aus ergreifen, diese Zustände zu beenden ohne auf den Sanktnimmerleinstag zu warten an dem es zu einer von allen Mitgliederstaaten getragenen gemeinsamen Migrationspolitik kommt.    

Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen: der Neue Leitsatz der DFL. Wenn überhaupt eine Mauer beim direkten Freistoß, dann eine löcherige, in der die Verteidiger 1,50m Abstand wahren müssen. Der Freistoßsschütze darf für die Lücken büßen lassen - dies führt zu torreichen Begegnungen und macht die Geisterspiele noch! attraktiver.

Der Bundestag debattiert über die Rechte von Kindern. Die AfD beklagt die mangelnde Gebärfreudigkeit deutscher Frauen und die Häufigkeit des Vornamen Mohamed. Die Kinder der Rechten fabulieren über die Rechte von Kindern.

Die Steuerschätzung geht von Mindereinnahmen von etwa 98 Milliarden Euro für 2020 aus (Bund und Kommunen). Das klingt dramatisch, wenn auch weniger dramatisch als angenommen. Die schlechte Nachricht verpackt Olaf Scholz in einem Nebensatz: "Wir rechnen mit erheblichen Mindereinnahmen in diesem und den nächsten Jahren." Das klingt anders, als die vollmundigen Ankündigungen Peter Altmeiers über Wachstumssprünge in 2021.

Das einzige Corona-sichere Restaurant befindet sich in Ransäter in Schweden und heißt "Bord för en." "Auf einer Wiese steht ein einsamer Stuhl, an dem pro Tag ein einziger Gast speisen darf.(...) Essen wird nicht etwa von einem Kellner gebracht, es schwebt über eine Leine in einem Korb aus dem Küchenfenster an den Tisch." Unbedingt drei Jahre im Voraus reservieren.

Die mit Spahnung erwartete Debatte zum Gesetzentwurf für Pandemieschutz und -hilfe endet mit der Zustimmung des Bundestags. Dr. Kirsten Kappert-Gonther nennt den Gesetzentwurf das Resultat der "Kochversuche von Kindern, die in die Suppe Safran und Nacktschnecken kippen". Was macht man wenn man so ein Gebräu vorgesetzt bekommt? Sagt man Nein danke? Ne, man enthält sich vornehm. 

Die Sendung "Panorama" ist das investigativ-journalistische Feigenblatt im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen. Zwar stellen die Beiträge nicht explizit die Systemfrage, die Reportagen über besonders skrupellose Strategen der privatwirtschaftlichen Ausbeutung öffentlicher Mittel stehen jedoch erkennbar als Teil fürs Ganze. Johannes Edelhoff und Armin Ghassim widmen sich in ihrem Beitrag "Corona: Hilfe für Milliardäre?" dem neuen Großaktionär der Lufthansa, Heinz Herrmann Thiele. Der Gründer und Chef von Knorr-Bremse, Weltmarktführer in Bremssystemen für Schienen- und Nutzfahrzeuge, kauft sich preiswert bei der Lufthansa ein, wohl wissend, dass der Aktienwert der Lufthansa absehbar durch Staatshilfen in Milliardenhöhe auch dann steigen wird, wenn die Flieger noch nicht steigen. Profitiert er schon auf dieser Ebene von Geldern, die arbeitende Menschen erwirtschaftet haben, so profitiert sein Unternehmen noch zusätzlich von der Regelung zur Kurzarbeit. Wie in der Finanzkrise werden die Rücklagen der Bundesagentur zur Finanzierung der Kurzarbeit dauerhaft nicht ausreichen - auch dann darf der Steuerzahler einspringen. Einige rassistische Äußerungen runden das Bild eines arroganten und selbstherrlichen Magnaten ab, über den ein Gewerkschaftler sagt: Er möchte gern, dass man ihm ein Denkmal setzt. Ein Mahnmal wäre passender.

Boris Palmer ist zu Gast bei Maybrit Illner. Einerseits stellt sich die Frage, warum man dem Mann immer noch ein öffentliches Forum bietet, andererseits beantwortet sich die Frage durch den Zusammenhang von Provokation, Skandal und Einschaltquote. Die voyeuristische Lust am Skandalträchtigen gewinnt die Oberhand. Ich rechtfertige es vor mir, indem ich mir vormache, mich für die Äußerungen von Tobias Hans, Nikolaus Blome, Christiane Woopen und "Tod mit Pferdeschwanz" Michael Meyer-Hermann zu interessieren. 

Um es vorwegzunehmen: Boris Palmer verteidigt seinen utilitaristischen Ansatz, der den Wert älteren und jüngeren Lebens gegeneinander aufwiegt ausgerechnet mit dem Vorgehen der Pharmaindustrie bei Investitionen in die Entwicklung von Medikamenten. Der Entwicklungsaufwand wird in Relation gesetzt zu der voraussichtlichen Lebensverlängerung der Patienten - es lohnt sich nicht, in Medikamente zu investieren, die nicht lebensverlängernd genug sind (...um noch länger Medikamente zu nehmen). Boris Palmer will diesen privatwirtschaftlichen Blick auf Wert und Unwert menschlichen Lebens zur Matrix politischen Handelns erklären. Statt ihm auf der Basis des Grundgesetzes zu widersprechen lässt sich Meyer-Herrmann dazu hinreißen, sich auf Palmers Kalkül einzulassen. Zwar ist es sachlich richtig auf Basis von Studien darauf hinzuweisen, dass die voraussichtliche Lebenserwartung der SeniorInnen ohne Corona-Erkrankung nicht ein halbes, sondern 9 Jahre beträgt, aber den Vorwurf einer falschen Berechnungsgrundlage der Lebenserwartung in den Mittelpunkt zu stellen bestätigt nur das Prinzip, Lebenserwartung und Lebenswert gegeneinander aufzurechnen. Die Richtigstellung erfolgt durch Frau Woopen und Herrn Hans: jedes Leben, unabhängig von Alter und Lebenserwartung, ist gleich viel wert. Alle Anwesenden jedoch - Gastgeberin und Gäste - beschäftigen sich nicht mit der Frage, wie sich dieser Grundsatz mit dem Bestehen sozialer Gegensätze in Einklang bringen lassen, die sich durch die Corona-Krise noch verschärfen. Schon die Privatisierung des Gesundheitswesens, die Unterschiede in der Qualität der Versorgung entlang der Zahlungsfähigkeit der Patienten zeigt deutlich: in Deutschland ist nicht jedes Leben gleichviel wert, und Boris Palmers utilitaristischer Politikansatz ist Ausdruck gängiger gesellschaftlicher Praxis. Das es anderswo schlimmer ist bedeutet eben nicht, dass Deutschland Anlass dazu hat sich dafür zu loben, nicht gut, sondern nur weniger schlimm zu sein.

Es ist ja wahr: die Flache-Erde-Bewegung ist lustig, zumal wenn sie sich dafür feiert, dass sie mehr als eine Million Anhänger rund um den Globus hat. Das Unbehagen an der Unkultur der Verschwörungstheorien im Umfeld der Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen bezieht sich jedoch nicht auf harmlose Bewohner der Scheibenwelt, sondern auf das reaktionäre Potenzial, das mit steigendem Verdruss in der Bevölkerung zunimmt. Wie geht man damit um? Wie dämmt man diese Überreaktion des gesellschaftlichen Immunsystems ein? Da schwankt die Runde zwischen Ratlosigkeit, beleidigter Haltung und unerschüttertem Vertrauen in die segnende Macht des Wachstums (wie beim gewitzten Nikolaus Blome). Frau Woopen erteilt den Rat besser zu kommunizieren, verrät aber nicht wie. Maybrit Illner wundert sich gar über den Vorwurf mangelnder Kommunikation, man kommuniziere doch ununterbrochen. Aber Verkünden ist nicht kommunizieren, das gemeinsame rhetorische Schaulaufen in Talk-Shows ist nicht Kommunizieren, beides zieht eine hermetische Trennwand zu denen, denen man vorschreibt und über die man redet, ohne einen Dialog mit ihnen zu führen. Auch darauf zu verweisen, bestimmte politische Kräfte missbrauchen das Demonstrationszweck zu ihren Zwecken ist zwar zutreffend, richtig ist aber auch, dass der Vorwurf des missbräuchlichen und unverhältnismäßigen Durchgriffs der Regierung auf individuelles Verhalten nicht einfach dadurch entkräftet werden kann, dass man betont es sei weder missbräuchlich noch unverhältnismäßig - denn genau das ist strittig und auch juristisch umstritten.

Wie wenig Gespür in der Gesprächsrunde für die Auswirkungen von Zwang besteht zeigt sich an Frau Illners Formulierung von den "Einschränkungen, die purzeln". Die Einschränkungen für Unternehmen und Betriebe werden zwar gelockert, doch die wesentlichen Einschränkungen für die Bevölkerung bleiben ohne Beweis deren Wirksamkeit im einzelnen erhalten, seien es Kontaktbeschränkungen, Abstandspflicht oder Maskenpflicht. Dafür wird gegen den Willen einer Mehrheit der Bevölkerung der Spielbetrieb der Bundesliga wieder aufgenommen, Abwrackprämien für die Automobilindustrie stehen im Raum und während unablässig davon die Rede ist Wirtschaft wieder anzukurbeln ist kaum davon die Rede, die Zwänge im sozialen Bereich zu reduzieren, die zunehmend als Gängelei vernunftbegabter und mündiger Menschen begriffen werden. Schlafen-konsumieren-Schnauze halten war auf einem Plakat zu lesen. Der Zwang und das mangelnde Vertrauen in die Bereitschaft der Menschen, andere und sich selbst zu schützen werden es der AfD zunehmend leichter machen, sich als Bürgerrechtspartei zu produzieren, um diese Rechte sobald es geht abzuschaffen (Wie man der AfD den Stecker ziehen kann zeigte der jüngste Abgeordnete im Bundestag, Philipp Amroth. Auf eine der notorischen Jammerreden aus der AfD, es sei undemokratisch, wie mit der AfD als Oppositionspartei im Parlament umgegangen wird, entgegnet dieser: die historische Erfahrung habe gelehrt, das nicht immer Demokratie zu Rechtsstaatlichkeit führe).

Emanzipierter Lanz: heute keine Show zum Thema Corona. Da bekomme ich fast Lust, mir die Show anzusehen. Fast.     

 

57. 13. Mai 2020

Thomas Mäurer kannte ich bislang nicht. Sein heutiger Leserbrief an die WAZ hat mir so gut gefallen, dass sein Vor- und Zunamen die ersten beiden Wörter sind die ich heute aufschreibe, noch vor "Butter und Kardamon nicht vergessen" (ich habe Besuch und versprochen zu kochen). Sein Brief rückt ein schiefes Bild gerade - aus seiner Sicht sind `nicht Demonstranten, die ein Grundrecht ausüben, eine Gefahr für die Demokratie, sondern Parlamentarier. die per Geschäftsordnung beschlossen, dass der Bundestag mit nur einem Viertel der Mitglieder beschlussfähig ist.` Die Dramatisierung von Risiken korrespondiert mit der Bagatellisierung von Risiken je nach Interessenlage. Ein weiteres Beispiel illustriert folgender Leserbrief: "Da verurteil eine FDP-Politikerin `Anti-Corona-Demonstranten, die ohne Maske protestieren` und ein FDP-Politiker fordert Erzieherinnen auf, in Kitas auf eine Maske zu verzichten. Wen wundert es eigentlich noch, dass Politiker zunehmend als unglaubwürdig betrachtet werden?" (Wilhelm Kretzschmar, WAZ, 13. Mai 2020). Die Bigotterie von Dramatisierung und Verharmlosung ist strukturbildend auf allen Ebene politischen Handelns und Unterlassens. "Willkommen in der Hölle" werden Neuankömmlinge im Flüchtlingslager Moria begrüßt ("Quarantäne auf Lesbos", Phönix). In einem für 3000 Menschen ausgelegten Lager harren 20000 Insassen aus. Aus Platzmangel übernachten sie im sogenannten "Dschungel", dem von Fäkalien und Müll bedeckten Bereich außerhalb der überfüllten Unterkünfte. Dort kauern sie sich zusammen auf provisorischen Lagern aus Europaletten und Pappe, abgeschnitten von der Versorgung mit Wasser und Elektrizität. Das Einhalten von Hygieneregeln ist schlicht unmöglich. Mitglieder von Hilfsorganisationen - oft selber Ziel von Repressalien von Behörden, da man die Verbreitung von Bildern und Berichten aus Moria fürchtet - beklagen Zustände, die erbärmlicher sind als in den Ghettos von Kalkutta und zugleich den erbärmlichen Umgang der EU mit dem Leiden von Menschen innerhalb ihrer Grenzen. Die Duldung der Zustände in Moria werden begründet damit, keine Anreize für weitere Fluchtbewegungen schaffen zu wollen, Länder wie Deutschland beharren auf eine gemeinsame europäische Lösung von der sie wissen, dass es sie nicht geben wird. Daseinsbedingungen auf dem Boden der EU, die einen unweigerlich an Konzentrationslager denken lassen, werden toleriert und politisch als Abschreckungspotenzial verwertet. Gipfel des Zynismus ist, dass die Zustände innerhalb des Lagers als Argument herhalten, die Insassen weiter zu isolieren - zum Schutz der Insassen vor Infektion von außen, exakt das selbe Argumente, mit dem SeniorInnen in Pflegeheimen isoliert werden. Dies ist ein drastisches Beispiel für das Prinzip von Dramatisierung und Herunterspielen von Risiken, das den Wert von menschlichen Leben gegen den Komfort der Vielen relativiert. In Anlehnung an Boris Palmer: warum sich um 20000 Chancenlose kümmern, deren Rettung ohnehin nur zu sozialen Konflikten führen würde?  

Vor diesem Hintergrund sollte man mit Kritik an Ländern zurückhaltend sein, die eine rasche Öffnung der Ökonomie betreiben ohne die Epidemie effektiv einzudämmen. Dass Bolsonaro das größte politische Übel ist, das Lateinamerika seit langem hervorgebracht hat, ist schwer zu bestreiten. Dennoch: Brasilien und vielen andere Volkswirtschaften fehlen die Mittel (allerdings auch der politische Wille) soziale Folgen eines lockouts abzumildern. Wer dort nicht arbeitet, verdient kein Geld - anders als in Deutschland. Für Tagelöhner ohne jede soziale Absicherung ist primär der lockdown lebensbedrohlich - COVID-19 steht bei den Gefahren in zweiter Reihe hinter Hunger und Durst.       

Bei der Phönix-Runde zum Thema: "Die Ungeduld wächst - wie umgehen mit den Lockerungen?" ist Olaf Sundermeyer von "rbb24 Recherche" zugeschaltet. Er beklagt zu Recht, dass die Politiker den direkten Dialog mit Demonstranten vor Ort der AfD überlässt - wie schon zu Zeiten von Pegida. Statt sich in Talk-Shows über die von Verschwörungstheoretikern und Rechtsradikalen manipulierten Demonstranten auszulassen sollten Parlamentarier den Mut haben, sich der Auseinandersetzung mit den Ängsten und Argumenten der Menschen stellen - von Pflegepersonal verlangt man ja auch die Inkaufnahme von Infektionsrisiken. Dazu fällt mir als Paradebeispiel Helmut Kohl ein, der sich einen Eierwerfer persönlich vorknöpfte, über Schutzbarrieren hinweg und ohne Rücksicht auf Verluste. Der Mann hatte Eier. 

Wogegen würde ich demonstrieren? Gegen die verdeckte Subvention der Textilindustrie durch Maskenpflicht. 

Fanvereinigungen sind gegen Geisterspiele ohne Fans. Was wären Geisterspiele mit Fans? Spiele ohne Spieler? 

Horst Seehofer packt einen prägnanten Neologismus aus: Verböserung im Gegensatz zu Verbesserung. Das allerdings ist nicht präzise. Der Gegensatz zu Verböserung ist die Vergütung.  

Es gibt eine Bevölkerungsgruppe, in der keine Corona-Opfer zu beklagen sind: die der 113-Jährigen. Von wegen SeniorInnen als Risikogruppe.

Die Befragung der Bundeskanzlerin erfolgt in einer seltsam entspannten, beinahe erschöpften Atmosphäre. Der Mangel an Temperament ist in Anbetracht der Brisanz der Themen auf Anhieb erstaunlich. Der geradezu höfliche Umgang mit der Kanzlerin signalisiert wohl weniger Einverständnis mit ihrer Politik, sondern reagiert vielmehr auf die Machtverschiebung hin zu den Ländern. Angela Merkel wird nicht angegangen, weil weder perspektivisch - aufgrund der begrenzten Dauer ihrer weiteren Kanzlerschaft - noch aktuell das Heft des Handelns bei der Kanzlerin liegt. Ein Hauch von Abschiedstournee liegt über dem Bundestag. Da ist selbst für Humor Platz: auf die Nachfrage eines Abgeordneten der Linken dazu, wer die Zeche der Corona-Krise klagt und ob Frau Merkel für die Schwächeren der Gesellschaft eine ähnliche Garantie wie in der Finanzkrise ("Das Geld der Sparer ist sicher") abzugeben bereit ist antwortet sie: "Ich bleibe dabei: das Geld der Sparer ist sicher." In Anbetracht von Nullzinsen ist dies eine Aussage ohne Sach- dafür mit Humorwert. Selbst der Fragesteller muss über die Weise schmunzeln, wie ihm durch die Blume mitgeteilt wird, dass eine Senkung der Sozialausgaben nicht ausgeschlossen ist.  

Deutlich engagierter verläuft die Aussprache über die unappetitlichen Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie. Starke Reden, die parteiübergreifend betonten nicht alles was billig sei, sei recht. Upton Sinclair (Der Dschungel) wurde ebenso zitiert wie die Bibel. Matthias Zimmer ging so weit vom Schweinesystem in der Fleischindustrie zu reden, bei dem nicht sicher sei, ob die wahren Schweine diejenigen sein, die geschlachtet werden und endet seine Rede mit der Ankündigung, heute einen veganen Mettigel zu verzehren. Aus allen Reden jedoch, die schnelles Handeln fordern, geht deutlich hervor dass die Missstände auch vor Corona bekannt waren - inklusive der weitgehenden Durchseuchung von Werksarbeitern mit Tuberkulose. Es bleibt abzuwarten, ob und wie das Problem angepackt wird: grundsätzlich ist es bedauerlich, dass man das Geschäftsmodell Fleischindustrie erst ernsthaft hinterfragt, wenn man bei einer weiteren Branche einen reputationsbedingten Einbruch des Konsums fürchtet (was aus meiner Sicht nicht das Problem, sondern eine Lösung wäre) und ein erneutes Hochschnellen der Infektionsrate inklusive lockdowns vermeiden will. Die Debatte ist so lebhaft, wie stellenweise heuchlerisch. Man kann angesichts der Personengruppe, die in den Schlachthöfen von den Infektionen betroffen sind nicht umhin, den Bogen zu Moria zu schlagen: auch da geht es um die Bedingungen unseres Komforts zu Lasten von Menschen, die ihr Leben unter unmenschlichen Bedingungen fristen und die wir nicht sehen wollen, denn: `Aussichtsloses Elend erzeugt kein Mitgefühl, sondern Ekel`(G.B. Shaw). Hoffentlich führt der Fokus auf diese Industrie nicht zum Ausblenden der Risiken in allen anderen Branchen und undurchsichtigen Einrichtungen ("Miss Bundestag" Jana Schimke wies unter herzhaften Buhrufen auf Studentenwohnheime und Flüchtlingsunterkünfte hin). 

Helge Schneider kündigt heute auf FAZ.net seinen Rücktritt als Künstler an. "Er werde nicht vor Autos auftreten, und nicht vor Menschen, die anderthalb Meter auseinander sitzen und Masken tragen." Damit fasst er in einem Satz einige Gründe für die insgesamt miesepetrige Stimmung in der maskierten Kontaktvermeidungs- und Autokinogesellschaft zusammen. 

Im Darknet floriert der Schwarzmarkt mit vollgesabberten Mund-Nasenschutz-Masken. COVID-19 Hasardeure suchen für Milliarden Euros virendurchtränkte Masken. Für Corona-Parties bei Geisterspiel-Derbies (BVB-SO4) blättern bereitwillige Hoffnungsträger für zukünftige Führungspositionen Millionen Gilead-Aktien auf den Tisch. 

Warum amüsiert einen der Anblick von Heiko Maas? Er hat den tragischen Gesichtsausdruck und die hohe Stirn von Brain in "Pinky and da Brain". Auf Mallorca forscht Rafael Nadal an einem Kraftfeld, das Plexiglas ersetzt und durchlässig für Cappuccino, aber nicht für COVID-19 ist. 

Markus Lanz hat sich Gäste eingeladen, die ihn verunsichern. Er sieht sich umzingelt von Kritikern des paternalistischen Krisenmanagements. Professor Schulte-Markwort ist Kinder- und Jugendpsychiater. Er betrachtet die deutsche Bevölkerung als Kind, dem man durch Formulierungen wie "wir bewegen uns auf dünnem Eis" und Begriffe wie "Durchseuchung" und "Maske" (statt Mund-Nasen-Schutz) Angst einjagt, statt ihm Mut und Zutrauen zu vermitteln. Zudem überzieht man es mit Verboten und ärgert sich dann über trotzige Reaktionen. Der Kinderpsychiater wünscht sich einen schwedischen Daddy, Markus Lanz bevorzugt nach wie vor das gesellschaftliche Erziehungsmodell Struwwelpeter. Schulte-Markwort wirft der Regierung eine altmodische Erziehung vor, stattdessen müsse man der Bevölkerung mehr Mündigkeit zutrauen - ganz so, wie er es mit seinen Patienten praktiziert. Anderenfalls schreit das deutsche Kind irgendwann "nein, meine Suppe ess ich nicht." Auch Professor Markus Butter, der sich mit Verschwörungstheorien befasst, interpretiert das Verhalten von Erwachsenen als infantil. Verschwörungstheoretiker seien Kinder, die sich am Tisch stoßen und dem Tisch die Schuld geben - in unklaren Situationen vereinfacht die Schuldzuweisung Komplexität. Verantwortlich für eine solches Verhalten sei unser Reptilienhirn: wenn ich vor der Entscheidung stehe zu kämpfen oder zu flüchten, habe ich keine Zeit für ausführliche Analysen (Ordnungspolitisch findet sich der bevormundende Führungsstil der Regierung im Verhältnis von Bund und Ländern zu den Kommunen wieder. Die Bürgermeisterin von Flensburg beklagt sich darüber, dass sie von Entscheidungen der Bundes- und Landesregierung nur über die Medien erfährt und über mangelnde Einbeziehung in Entscheidungen). Andererseits sind Verschwörungstheorien alltäglicher als man meint: das beginnt mit Klasse A und Klasse B, die sich spinnefeind sind, setzt sich fort über Rivalitäten von blau-weiß und schwarz-gelb, Kellnern und Köchen, Ossis und Wessis und mündet schlimmstenfalls im Holocaust - mag die Bewegung Demokratie 2020 auf Schwarmintelligenz setzen, die Herde schwärmt lieber als zu denken. Sollte es so etwas geben wie ein kollektives, parlamentarisches Unbewusstes, so äußert sich dies als zu Gängelei sublimierte Angst der Regierung vor der Freiheit des Volkes. Die historische Erfahrung des Nationalsozialismus ist dem Demokratieverständnis der deutschen Politik eingeschrieben und erzeugt im Krisenfall reaktionäre Reflexe, die erst Recht das Raunen von einer Diktatur verstärken. Mag alles sein: Als Zuschauer ist man gleichwohl darob erschüttert, dass selbst diejenigen, die Mündigkeit einfordern und Zwang ablehnen die Gesellschaft im Prinzip als nicht geschäftsfähig erachten - die Forderung nach einem liberaleren Führungsstil erweist sich als Werbung für eine moderne, antiautoritäre Erziehungsmethode zur Disziplinierung einer zwar überalterten, aber nicht volljährigen Gesellschaft. 

Von "Maischberger" bleibt mir nur der ernstgemeint-unfreiwillig komische Auftritt des Kabarettisten Matthias Richling im Gedächtnis, der für seine stornierten Auftritte den RKI-Chef verantwortlich macht. 

Mein letzter Gedanke vor dem Wegdämmern bezieht sich tatsächlich auf Fußball: ist der Mauerbau beim Freistoß erlaubt? 

 

56. 12. Mai 2020

Wenn man unbedingt Konflikte zwischen Kritikern der Grundrechtseinschränkungen und der Regierung schüren will, muss man nur so auftreten wie der Obmann des Innenausschusses Armin Schuster. Das Vorgehen der Regierung in der Corona-Krise sei nun mal paternalistisch, was denn sonst? Die Proteste gegen den Impfzwang verstehe er nicht, denn der Impfstoff existiere noch gar nicht und falls er mal existiert, gebe es genügend Freiwillige. Ähnlich hatte sich seinerzeit Jens Spahn zur Frage der Impfpflicht geäußert - im Klartext: man setzt auf Freiwilligkeit, genügt das nicht zieht man die Impfpflicht in Betracht. Der Ausdruck paternalistisch im Kontext mit Regierungshandeln schafft Angriffsflächen für diejenigen, die behaupten, Deutschland sei in Wirklichkeit eine Diktatur. Grade im Ausnahmezustand ist es Gift, wenn ein autoritäres Vorgehen ohne weitere Begründung als alternativlos dargestellt wird. Das hilft denen, die gegen die Regierung mobil machen, indem sie sie als Diktatur bezeichnen - um im Endeffekt eine "richtige" Diktatur errichten. Merkel muss weg steht nicht für einen Regierungswechsel, sondern einen Systemwechsel. 

Phoenix Weltreisen bringt ein halbstündiges Special über den Schwedischen Sonderweg. Spiegelbildliche Verhältnisse: hier kritisiert eine Minderheit den Zwang in den Maßnahmen, in Schweden kritisiert eine Minderheit den fehlenden Zwang. 

In den Schlachthöfen meiner Stadt ist Corona angekommen. Bei 181 Tests in einem Schlachtbetrieb wurden 25 Beschäftigte positiv getestet. Das ist jeder siebte der Getesteten. "Die Stadt sieht aktuell keinen Anlass den, um den gesamten Schlachthof vorübergehend stillzulegen." (Thomas Sprenger, Sprecher der Stadt Bochum). Das bedeutet die dort tätigen Beschäftigten weiterhin einem hohen Infektionsrisiko auszusetzen und eine Weiterverbreitung des Virus ungerührt in Kauf zu nehmen. Ein Anlass über die Verhältnismäßigkeit von Grundrechtseinschränkungen und das Ausmaß unternehmerischer Freiheit nachzudenken. Öffentliche Einrichtungen werden vorsorglich bei einem einzigen Infizierten geschlossen (was ich für richtig halte), in meiner Stadt genügen 14% Infizierte nicht für eine Schließung. Fahrlässig und empörend. Dass es im Übrigen einen Schwellenwert für zwingenden Handlungsbedarf in Landkreisen gibt, aber nicht für Betriebe ist ebenso haarsträubend, wie der Umstand, dass dies nicht thematisiert, geschweige denn gefordert wird - auch nicht bei der heutigen Pressekonferenz des RKI.   

Der betreffende Artikel in der heutigen WAZ ("Teile des Schlachthofes stehen still" von Michael Weeke) weist in einem Informationsfenster darauf hin, dass nur 2 der 25 positiv getesteten Mitarbeiter in Bochum leben. Die anderen leben in Herne, im Kreis Recklinghausen oder anderen Städten des Ruhrgebietes. Wie beruhigend. Soviel zur Eingrenzung von Infektionsgeschehen. Betriebssport Superspreading.  

Kontaktsperren im sozialen Leben bleiben erhalten, so als stelle das Freizeitverhalten sich im öffentlichen Raum verteilenden Menschen das höchste Infektionsrisiko dar. Studien, die dies belegen - Fehlanzeige. In den begrenzten Räumen der Betriebe und Büros hingegen wird es den Beschäftigten kaum möglich sein, einander aus dem Weg zu gehen. Es gehört nicht viel Fantasie dazu sich vorzustellen, dass Infektionsrisiken in großen Belegschaften in geschlossenen Räumen höher sein könnten, als durch Kontakte kleiner Gruppen, die sich im offenen Raum verteilen. Aber es fällt wohl leichter den gemeinsamen Waldspaziergang von fünf Freunden zu verbieten, als die systemrelevante mörderische Schufterei in Schlachthöfen. Wenn das Sozialverhalten der Bevölkerung reglementiert wird, dann sollte der Arbeits- und Infektionsschutz in den Betrieben kontrolliert werden. Insgesamt wäre es im Sinne von Transparenz sehr wünschenswert, wenn es valide und vergleichbare Zuordnungen der Infektionszahlen zu Infektionsumgebungen gäbe. 

Stephan Weil lobt seinen 5-Stufen-Plan als vorbildlich für das ganze Land. Läuft sich da noch ein Kanzlerkandidat warm? Ach...der ist ja gar nicht von der CDU...

Einig sind sich Herr Altmeier (CDU), Herr Söder (CSU), Herr Weil (SPD) und Herr Kretschmann (Grüne) hinsichtlich der Kaufprämie für die Automobilindustrie. Herr Kretschmann merkt auf seiner Pressekonferenz an, dass eine Mehrheit der Bevölkerung dagegen ist, er sich aber nicht daran orientiere sondern an der Schlüsselrolle der Automobilindustrie. Der parteiübergreifende Konsens ist irritierend und Kretschmanns Begründung, der Vorzieheffekt sei beabsichtigt kann in vieler Hinsicht kaum überzeugen. Zum Kauf sollen durch hohe Prämien grade diejenigen veranlasst werden, die derzeit Kaufzurückhaltung an den Tag legen - darauf zu setzen, dass die Konsumenten dann nicht nur ihre Kaufzurückhaltung bezüglich Automobilen aufgeben, sondern insgesamt der Anreiz Geld auszugeben sich erhöht ist verwegen. Die Hoffnung auf die positive Wirkung der Kaufprämie schmeckt nach Verzweiflung. Wenn denn jemand einen Nutzen von der Kaufprämie hat, dann diejenigen, die sich den Kauf auch ohne Prämie leisten könnten - aber das kann der Automobilindustrie ja egal sein.   

Auf dem Weg zur Küche um mir einen weiteren Krug Kaffee zu holen komme ich an einem Spiegel vorbei in dem ich mich nicht sehe, als habe das permanente Starren auf Bildschirme mein Spiegelbild gelöscht. Kurz die Hoffnung, ich sei tatsächlich gar nicht mehr da sondern verreist und meine Wohnung verwaist. Dann fällt mein gieriger Blick auf eine Flasche Sangrita Picante. Hatte ich immer schon so spitze Eckzähne? 

Vielleicht sollte ich weniger SPIEGEL lesen, mir die ZEIT nehmen um mich in der WELT umzusehen...

Interessant finde ich einen Bericht über Corona im Iran: eine andere Herrschaftsform, die der Beitrag mit Recht anprangert. Doch sowohl die Methoden der Eindämmung, die anfängliche Unterschätzung der Bedrohung, die Dankeshymnen an das Pflegepersonal, das Eigenlob des Staates, der Konflikt zwischen Ökonomie und Infektionsschutz, das Prinzip der schrittweisen Öffnung, die Kaufzurückhaltung der Menschen und das wachsende Misstrauen der Bevölkerung ähneln dem, was man in Deutschland kennt. Die Corona-Krise führt zu einem Wettbewerb der politischen Systeme: welches System kann die erfolgreiche Wiederherstellung der Volksgesundheit als seinen Verdienst buchen? Das erinnert an Zeiten des Kalten Krieges, in denen der Leistungssport die Arena war, in der die Systeme ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellten. Derzeit ist objektiv nicht zu erkennen, dass ein Zusammenhang besteht zwischen Staatsform und effizientem Infektionsschutz. Klar ist nur, dass die ärmsten Länder diesen Wettbewerb der Systeme nicht bestehen können - denn beim Gewichtheben im Superschwergewicht kann ein Langstreckenläufer nicht bestehen.

Schließen sich jetzt auch die Virologen und Mediziner den Verschwörungstheoretikern an? "Virologen und Mediziner fürchten in der Corona-Krise um ihre Meinungsfreiheit" (Welt.de, 12.05.2020). Der Artikel befasst sich mit den Ergebnissen einer Befragung von 178 Experten aus den Bereichen Virologie, Immunologie, Hygiene, Innere Medizin und Intensivmedizin. 82% der Befragten vermisst Ausgewogenheit der Berichterstattung in den Medien, "ein Drittel sieht sogar die freie Meinungsäußerung in der Wissenschaft bedroht." Wer hat die bloß unterwandert? Xavier Nadoo? 

Auch der Fraktionsvorsitzende der SPD antwortet auf die Frage nach seiner Position in Sachen Impfschutz: es gibt keinen Grund davor Angst zu haben. Schon habe ich Angst.

Vor einigen Wochen orakelte ein AfD-Mitglied - auf sinkende Umfragewerte angesprochen - "Warten wir mal drei Monate ab." Wes Geistes Kind der Abgeordnete ist zeigt ein Beitrag von Alisa Keil ("Umsturzpläne rechtsextremer Sicherheitskräfte", zdf heute, 16.04.2020) über rechte Staatsfeinde mit konkreten Umsturzplänen in der Polizei und der Bundeswehr: "Der´Tag X´ist ein fester Begriff in der rechten Szene. Damit ist der Moment gemeint, in dem der Staat in einer Krise die Kontrolle verliert und rechte Kräfte die Macht übernehmen oder ungestört mit ihren Feinden abrechnen können.(...)Bis vor kurzem galt der Ausruf als Hirngespinst, das im demokratischen Deutschland gar nicht eintreten kann. Doch die aktuelle Lage weckt bei Innenexperten wie Martina Renner, Die Linke, ungute Gefühle: `Ein Traum - aus Sicht rechter Umstürzler. Ich kann mir manchmal gar nicht vorstellen, dass die noch ruhig sitzen können.`" Von den drei Monaten sind zwei Monate vorbei - Existenzängste nehmen zu, angesichts des Ausmaßes der bevorstehenden weltweiten Rezession, das von Tag zu Tag größere Dimensionen annimmt als türme sich am finsteren Horizont ein Ozean zu einer Welle auf, mehren sich Befürchtungen von Experten und Politikern, das Schlimmste stehe noch bevor. Massenarbeitslosigkeit, einbrechende Exporte, zweite Infektionswellen, Niedergang von Schlüsselindustrien - die Nervosität der Regierungsparteien, der Opposition und der öffentlich-rechtlichen Medien angesichts des wachsenden Protestes gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Infektion ist angesichts dieser Szenarien verständlich. Hinter der Angst vor dem Kollaps auf dem Arbeitsmarkt und ganzer Branchen tritt eine tiefere Angst hervor: vor einer zunehmenden Instabilität des politischen Systems. Um so wichtiger wären vertrauensbildende Maßnahmen, die sich nicht in Krediten und Förderungen für Unternehmen und Institutionen erschöpfen,  sondern in die Bevölkerung hineinwirken - man muss sich ja nicht gleich am Schwedischen Modell orientieren, aber möglicher Weise an der Art und Weise wie insgesamt die skandinavischen Regierungen mit der Bevölkerung kommunizieren (inklusive Auftritten in Jeans und Pullover). Mehr Dialog mit den Bürgern, statt Anordnungen und Erklärungen von der Kanzel und fachsimpelnde Eliten in Talk-Shows täte not (...muss man aber wollen und können...).  

Wenn es denn hilft...Gilead, Börsenliebling und Preistreiber, kann jetzt seinen Ebola-Rohrkrepierer und Ladenhüter Remdesevir unter die Leute bringen. Die gute Nachricht ist, dass es wohl wirkt. Die schlechte Nachricht ist, dass Gilead profitiert. 

Der Medienstar des Tages: der CDU-Abgeordnete Armin Schuster. Bei Phoenix-der Tag äußert er sich zur Alternativlosigkeit einer paternalistischen Führung in Krisenzeiten, im Frontal21-Beitrag "Munition für Rechtsaußen" stellt er sich schützend vor Elite-Soldaten mit Zugriff zu Munition und extremistischem Hintergrund, im ZDF heute-journal äußert er sich zum Thema Grenzöffnungen. Mal mit, mal ohne Pferdeschwanz. Also Live und als Konserve. 

"Xavier Nadoo ist aus einem Labor in Wuhan geflohen." Das finde ich glaubhaft. 

Die Glaubhaftigkeit von Informationen wird demnächst von facebook und Twiiter gefiltert: wie schön für den unabhängigen Journalismus. 

Abstand halten bei Ryanair: eine Aufforderung und ein Widerspruch an sich. 

Dass Jens Spahn sich vehement gegen verstärkten staatlichen Einfluss im Gesundheitswesen ausspricht entlockt einem nur noch ein müdes: jaja, ebenso wie der obligatorische Verweis auf die Schwächen des Gesundheitssystems in Großbritannien. Das Lied vom Staat als schlechtem Unternehmer zu singen auf Basis eines Misstons ist etwa so, als ob eine einzige Unternehmenspleite Argument für eine Verstaatlichung aller Betriebe wäre. Wenn sich die Regierung permanent lobt für ihr erfolgreiches Vorgehen in einer nationalen Krise lobt sie sich für unternehmerische Tugenden, dann ist die Misswirtschaft eines anderen Staates im Gesundheitswesen kein Beleg für zwangsläufiges staatliches Scheitern bei der effizienten Führung von Gesundheitsbetrieben. Schließlich ist Deutschland im Krisenmanagement soooo viel besser... 

Deutschland - vom Export zum Expertweltmeister. Markus Lanz - immer die selben Visagen bringen miese Quoten (Drosten? Wer war Drosten?) - hat einen neuen Virologen ausgegraben. Martin Stürmer weist darauf hin, dass das Infektionsschutzgesetz auf Freiwilligkeit baut...solange sich genügend Freiwillige finden. 

Lanz, der offenbar immer noch Boris Palmers Äußerung für nachdenkenswert erachtet, erweist sich damit als Anhänger von einem Vorbild das er nicht kennt. Winfried Kretschmann hat da einen anderen Bildungshorizont. Befragt zur Casa Palmer äußert er: "Wir leben in einer Gesellschaft, die geprägt ist von Kant - nicht von Jeremy Bentham." Hoffen wir dass dem so ist (und dass die Abwrackpämie verworfen wird). 

Gehe jetzt ohne Zwang schlafen.

 

 

55. 11. Mai 2020

Gratulation zum 300sten Geburtstag, Freyherr von Münchhausen. Und die Maske macht sicher.

Ich müsste lügen, wenn ich das Gegenüber des Artikels "Mehr als 200 Corona-Fälle in Fleischfabrik" und der Glosse "Gefährliche Wucht" auf der Titelseite der Hauspostille der RWE und der Sparkasse Essen nicht als unpassend empfinden würde. Die Glosse kritisiert das Verhalten mancher Demonstranten bei den öffentlichen Protesten gegen die Corona-Maßnahmen, durchaus zu Recht. Angesichts der (schon vor Corona) skandalösen Arbeits- und Wohnbedingungen in den Schlachthöfen von Westfleisch ("Der Betrieb sei aufgrund sichtlich unzureichender Vorsichtsmaßnahmen zu einer erheblichen epidemologischen  Gefahrenquelle nicht nur für die Belegschaft geworden.") wäre es angemessen, diese Auswüchse von Profitgier an den Pranger zu stellen. Stattdessen bedient die Glosse das Mantra, es liege vor allem am Wohlverhalten der Bevölkerung wie sich das Infektionsgeschehen entwickele. Von den Arbeitsbedingungen in den Betrieben und Großraumbüros liest man (allzu) wenig. Die Schlachtbetriebe von Westfleisch: wirklich nur die unrühmliche Ausnahme, die die Regelkonformität bestätigt?    

Heinz Hilgers, der Präsident des Kinderschutzbundes, stellt lapidar fest, dass der Aussage "Kinderarmut in Deutschland sein eine Schande" (Angela Merkel) die Tat folgte, 1 Milliarde € für drei Jahre zur Bekämpfung von Kinderarmut bereitzustellen - für 3 Millionen von Armut betroffene Kinder. Angesichts von Billionenbeträgen zur Stützung der Wirtschaft sei klar, wo die Prioritäten gesetzt werden. Arme Kinder... 

Bundespressekonferenz: Mal sehen ob irgendeine der gestellten Fragen beantwortet wird. Diejenigen von Herrn Jung ganz bestimmt nicht. Wenn Verschwörungstheoretiker Futter suchen für ihre Erzählungen werden sie bei der BPK fündig. Je bohrender die Nachfragen werden, desto intransparenter und vager werden die Repliken und desto abweisender ist die geduckte, gedrungene, feindselige Haltung der Regierungsvertreter. Das gilt für Nachfragen zu den Konsequenzen aus den Infektionsausbrüchen in Schlachtbetrieben ebenso wie zu den Ergebnissen der Überprüfung der Arbeitsbedingungen von Erntehelfern und der Haltung der Bundesregierung zu den lebensgefährlichen Bedingungen in Flüchtlingslagern. Diese defensive Haltung bietet Nahrung für Legendenbildungen, die Verschwörungstheoretikern durch Transparenz entzogen werden könnte. Aus Intransparenz, Verschleierung und bewusstem Missverstehen von Fragen speist sich der Verdacht einer Hidden Agenda. Gereizt ist mittlerweile auch die Atmosphäre unter den Pressevertretern. Unterschiedliche Auffassungen zur Bewertung und zum Umgang mit Großdemonstrationen führen zu Disputen, zur Rolle der Springer-Presse in Sachen Humusbildung für Verschwörungstheorien und zu einer Stellungnahme befragt, verweist die Bundesregierung süffisant darauf, dies solle die freie Presse intern diskutieren. Deren zunehmende Ungeduld und Missmut äußert sich auch in der Anzahl von nachfassenden Fragen und der Dauer der BPK, die die Sendezeit von Phoenix überschritt.

Man sollte ja meinen diese Branche habe grade jetzt keine Probleme, aber: "Deutsches Bestattungsgewerbe fordert Staatshilfe" (SPON, 11.05.2020). Grund ist die Überflutung des Marktes mit Discountsärgen aus Osteuropa und die geringe inländische Produktion. "In Osteuropa produzierte und palettenweise gelieferte Massenware hat dem Stellenwert des Sarges in den letzten Jahren zugesetzt." (Jürgen Stahl(!), Vorsitzender des Bundesverbandes für Bestattungsbedarf). Wie systemrelevant sind Särge? Und sind Särge aus Holz inklusive deren Verbrennung im Zeitalter verhängnisvoller Rodungen unter Gesichtspunkten des Klimaschutzes überhaupt vertretbar? Meine Güte...selbst Fischfilets werden mittlerweile in recyclebaren Bassins aus Presspappe angeboten. Man muss nicht für jeden Toten einen Baum fällen oder Europaletten opfern.

Wer an sich selbst eine übermäßige Affinität zu Verschwörungstheorien diagnostiziert (sich zum Beispiel bei der Online-Bestellung eines Buches des großen Austauschers Renaud Camus ertappt), dem sei als Gegenmittel ein Besuch der Plattform correctiv.org empfohlen. Informativ und lehrreich ohne belehrend zu sein. Man kann natürlich auch ferngesteuert bleiben - ob man der Überzeugung ist, eine Theorie sei dann wahr, wenn sie möglichst weit vom mainstream entfernt ist oder der Überzeugung ist, eine Theorie sei dann wahr wenn die Mehrheit von ihr überzeugt ist: in beiden Fällen hat man sich bequem in der Gedankenlosigkeit eines Schafes eingerichtet.  

Robert Habeck setzt in einem statement zu den anschwellenden Gesocksgesängen "antidemokratisch" und "antistaatlich" gleich. Dem etwa muss man nicht zwingend folgen.

Beklagt wird allenthalben - nicht nur zu Coronazeiten - die drohende Spaltung der Gesellschaft (noch gestern von Jens Spahn im heute journal). S(k)epsis ist angebracht, wenn der Dämon der Spaltung heraufbeschworen wird um soziale und politische Homogenität zu erreichen. Thomas Fischer hat hierzu eine Kolumne verfasst, deren Schlussfolgerung bereits in der Überschrift formuliert ist: "Besser gespalten als geheilt." (SPON, 17.02.2020). Alpha und Omega des Beitrags seien zitiert, alles dazwischen ist unterhaltsame und spitzfindige Delikatesse fürs Gehirn: "Wer immer von den Kanzeln des Wohlklangs dem Volk predigt von der Schrecklichkeit der Spaltungen und der Sehnsucht nach ihrer Überwindung im großen Ganzen, mag sich deshalb gelegentlich fragen (lassen), ob er am Ende das Geschäft des Teufels besser betreibt als dieser selbst." Zuviel Einigkeit ist zwiespältig.

Die Lockerungen erscheinen nicht allen als besonders verlockend. Die Wiedereröffnungen z.B. von Geschäften und Freizeiteinrichtungen sind mit teils neuen Auflagen und Verhaltensregeln verbunden, die den Eindruck von Zwanglosigkeit gar nicht erst aufkommen lassen. Zwar ist die tracing-app noch nicht da, dafür sind Besuche in Gaststätten und Fitnessstudios nur im Tausch gegen die Weitergabe personenbezogener Daten erlaubt. Die Rücknahme von Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie erzeugt weitere Reglementierungen. Gleichzeitig verfestigt sich hier und dort der Eindruck, dass Unternehmen Forderungen stellen können ohne dass sie ihrerseits von der Regierung gefordert werden - lediglich Bernd Riexinger von den Linken äußerte sich heute angenehm angewidert zu der Bemerkung aus dem Verband der fleischverarbeitenden Industrie, man müsse die Arbeiter in Sammelunterkünften unterbringen weil sonst die Kosten zu hoch wären. Nicht nur Intransparenz bereitet extremen Kräften den Boden, sondern auch der Eindruck, es werde mit zweierlei Maß gemessen: Unternehmen werden subventioniert und die Bevölkerung reglementiert. Wenn die Systemrelevanz der Individuen nur noch darin besteht Anweisungen zu befolgen, dann neigen sie selbst gegen besseres Wissen zum Schulterschluss mit Esoterikern, Geisterheilern und Reichsbürgern, weil sie meinen so Gehör zu finden. Außerparlamentarische Oppositionen vereint zu Beginn selten das, wofür sie sind sondern das, wogegen sie protestieren. Ideale Schwungmasse für Verlocker.   

Heute öffnen die Kneipen und Restaurants. Ich bleibe zu Hause. Nie war ich so wenig neugierig wie heute. Selbstoptimierer laufen sich seit Mitternacht vor den Muckiebuden auf der Stelle warm, heute Abend treffen sie sich zum Austausch über Superfood und Ausdauerdaten auf ein alkoholfreies Weizen in der Systemgastronomie, wo Kneipenbesitzer mit Schweißermaske für gute Laune sorgen. 

Dass aggressive Akte gegen Vertreter der Medien durch nichts gerechtfertigt sind darüber muss man nicht diskutieren - dennoch sollte man die Frage nach den Gründen dieser Aversion stellen, was merkwürdiger Weise nicht geschieht, auch nicht in den Medien, die Ziel von Anfeindungen und Übergriffen sind. Woher diese Wut? Würde die Frage gestellt werden, so würde sie von Experten diskutiert, die den sozialen und wirtschaftlichen Abstieg ebenso wenig zu fürchten haben wie diejenigen, die über Einschränkungen und Lockerungen befinden. Der Neid der Besitzlosen wird geschürt, wenn Privilegierte ihnen Zwänge auferlegen. Das ist keine Rechtfertigung für zornige Ausfälle, möglicher Weise aber eine ihrer Ursachen. 

Pellkartoffeln mit Salz und Butter. Das Lieblingsessen von Dagobert Duck. Ich verfüge nicht über gefüllte Geldspeicher, bin trotzdem entzückt. Die Kartoffeln sind al dente. Lecker. Im Bildhintergrund: Hart aber fair. Peter Altmeier per Video, die Fridays for Future-Aktivistin Carla Reemtsma, Katja Kipping, Parteivorsitzende der LINKEN, Sarah Stücker, Eventmanagerin, und Thomas Meyer, Unternehmer, Vizepräsident des DIHK und Präsident der IHK NRW. Das Thema nicht uninteressant: "Der Schock danach - wie kommt die Wirtschaft aus der Corona-Starre?" Kurz zusammengefasst: Altmeier gegen Lastenausgleich ala Adenauer. Kipping verpasst das Argument, dass die heutigen Reichen wohl mehr zu bieten hätten, als 50% des Verkaufswertes durch den Krieg geretteter Häuschen. Reemtsma für radikalen Umbau der Wirtschaft hin zu Klimaschutz. Meyer nicht gegen Abwracksteuer. Die Runde zerfällt in die üblichen zwei Ecken: Wir retten die Wirtschaft mit den Mitteln von gestern für eine bessere Welt von morgen (versuchs mal mit Gemütlichkeit), wir nutzen die Krise als Chance für radikale Transformationen der Wirtschaft (Opposition mit bescheidenen Umfragewerten). Prägnant war die Antwort der Event-Managerin, die sich derzeit mit Spargelstechen über Wasser hält, auf die Frage ob sie hoffe ihre Firma retten zu können: Klar. Nach dem Spargelstechen folgt die Erdbeerernte, dann der Wirsing. Damit enden die Notizen aus der Provinz. Die Sendung hatte das Flair einer Talkshow bei einem Lokalsender, deren zentrales Thema das Rauchverbot in Einraumkneipen ist.

In der Sendung wird gefragt: Menschen halten in der Krise ihr Geld zusammen. Was kann man dagegen machen? Die Kernfrage der Werbung: was unternehmen wir gegen Vernunft?

Themenschwerpunkt in den Tagesthemen ist erneut: Verschwörungstheorien. Dass die Verschwörungstheorien Demokratie an sich als Verschwörung betrachten, die es zu zerschlagen gilt, darauf gilt es hinzuweisen, aber Wasser auf die agitatorischen Mühlen sollte man tunlichst nicht gießen. Die Gleichsetzung von Gegnern des Impfzwangs mit Impfgegnern ist jedenfalls tendenziös und nicht stimmig - wer sich nicht zur Impfung verpflichten lassen will (zumal wenn die Testverfahren für den Wirkstoff beschleunigt werden) demonstriert gegen den Zwang, nicht gegen das Impfen. Über diesen Unterschied hinweg zu gehen diskreditiert Menschen, deren Bedenken nicht von der Hand zu weisen sind und die sie mit Recht äußern. Michael Stempfle vom Südwestdeutschen Rundfunk Rundfunk weist in seinem Kommentar darauf hin, dass die Regierung durch nicht begründete Maßnahmen wie die Fortsetzung des Ein- und Ausreiseverbotes nach Frankreich, aber auch durch indifferente und widersprüchliche Aussagen zum Thema Impfpflicht Anlass genug gebe, auch ohne verschwörerischen Hintergrund Kritik öffentlich zu äußern - zumal, wenn man im Gesundheitswesen arbeitet.

Wie Internet-Unternehmen von Verschwörungstheorien profitieren bringt die Radio-Bremen-Reportage "Rabiat: Infokrieger - Die neuen rechten Medienmacher" auf den Schlusspunkt: "Hass erschafft Reichweite, Reichweite schafft Gewinn" (Guillaume Chaslot). Good night and good luck. 

                                                                              

54. 10. Mai 202

Ruhestörung durch Kirchenglocken. Altes Testament - Neues Testament. Alte Normalität - Neue Normalität. Immer wieder sonntags muss ich an das bahnbrechende Album "Zwei Menschen und ein Weg" von 1973 denken. 

Etwas neidisch macht es mich schon, dass mir nicht folgende Kritik einfiel: "Die einen haben wegen Corona Geldsorgen und Zukunftsangst. Andere kommen mehr herum denn je, treffen ständig interessante Menschen und freuen sich über erhöhte Einnahmen. Da fällt mir zum Beispiel SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach ein.(...)Irritierend ist dabei, dass ausgerechnet Lauterbach zu den härtesten Lockdown-Verfechtern gehört. Keine unnötigen sozialen Kontakte! Andererseits scheint zur Zeit kaum jemand so oft unter Leute zu gehen wie er. Warum bleibt er nicht zu Hause und lässt sich zuschalten? Zumindest für ihn scheint es systemrelevant zu sein, dass er im Studio sitzt." (Harald Martenstein, Tagesspiegel.de, 09.05.2020). Diese Glosse ist köstlich und enthält weitere spitze Bemerkungen zum Thema "Wasser predigen und Wein trinken." Das alles ändert nichts daran, dass Lauerbach mit seinen Warnungen recht haben könnte: bundesweit ist die Reproduktionsrate laut RKI wieder auf 1,1 gestiegen. Muss noch nichts bedeuten, kann aber. 

Zu den Wandergebieten fahren wir durch Vororte, in denen kein Mensch draußen zu sehen ist. Plane einen Bildband: Die schönsten Friedhöfe Deutschlands. 

Im Presseclub geht um das Thema: "Weniger Staat, mehr Eigenverantwortung." Es diskutieren Werner Bartens, Leitender Wissenschaftsredakteur der Süddeutschen Zeitung, Nicole Bastian, Leiterin des Auslandsressorts des Handelsblatt, Anja Maier, Korrespondentin im Parlamentsbüro der taz, und Robin Alexander, stellvertretender Chefredakteur der WELT. Sie parlieren darüber was man den Menschen erlauben darf. Herr Bertens mokiert sich über Zeitgenossen, die Masken nicht über die Nase ziehen und die Runde insgesamt sich über ausufernde Demonstrationen. Der Gedanke, dass die Reaktanz der von Maßnahmen Betroffenen sich nicht auf die Maßnahmen als solche, sondern auf den Zwang beziehen wird nicht geäußert.  Der Zweifel an der Wirksamkeit von Selbstkontrolle entzündet sich gerne an den höheren Sterberaten in Schweden - doch ist nicht zu erkennen dass ein Zusammenhang zwischen der Freizügigkeit, die Schweden seinen Bürgern gewährt und der Ausbreitung der Infektion vor allem in Pflegeheimen besteht. Die Gründe dafür dürften wohl kaum im fehlenden Maskenzwang und der fehlenden Kontaktsperre bestehen, sondern in der Unterschätzung der Gefahr in den auch hierzulande auffallend schlecht geschätzten Einrichtungen der Pflege. Als Argument für die "Fahrlässigkeit" und "Unverantwortlichkeit" (Lauterbach) des schwedischen Modells eignet sich die relativ hohe Letalität nicht. Der Widerstand der sich hierzulande an der Maskenpflicht entzündet liegt im übrigen auch daran, dass sie vorgesehen ist für Situationen in denen der Mindestabstand unterschritten werden könnte - also da, wo der Schutz auch Dritter durch die Maske unzureichend ist, vom eigenen ganz zu schweigen. Es werden Strukturen akzeptiert, in denen wir gefälligst die Ansteckungsgefahr akzeptieren sollen, dort sollen wir uns um einen Schutz kümmern der keiner ist. Nicht den Einzelnen kann abverlangt werden, einen ungeeigneten Schutz dort zu tragen, wo Gefahrenzonen entstehen - es liegt an den Betreibern von öffentlichen Verkehrsmitteln, Supermärkten etc. zu gewährleisten, dass der Sicherheitsabstand garantiert ist. Einkaufen und die Fahrt zur Arbeit sind unvermeidlich - hier bedürfen die Menschen einer funktionierenden Abstandsregelung, nicht einer Anordnung, sich selbst zu gefährden.

Verschwörungstheorien florieren da, wo Maßnahmen unzureichend begründet und kommuniziert, gleichwohl aber von ober herab befohlen werden. Das RKI gerät von Seiten der Wissenschaft in Kritik: es sei verschwiegen worden, dass die Reproduktionsrate bereits vor der Anordnung des lockdown auf etwa 1 zurück ging, der Wert der Infektionsrate sei sinnlos, solange er nichts über die Zahl der tatsächlich Infizierten verrät sondern zum Beispiel durch erhöhte Testzahlen begründet ist. Von Obduktionen sei abgeraten worden, es sei nicht erwiesen, dass die gezählten Toten tatsächlich an Corona gestorben seien, Studien an den Hotspots so wie in Heinsberg hätte im Rahmen seines Auftrags längst vom RKI durchgeführt werden müssen. Kritik an mangelnder Transparenz und schlechter Kommunikation, wie sie in der Kopfzeile dieses Absatzes formuliert wird - kommt vom RKI selbst. So steht es nämlich in einer Handlungsempfehlung für das Vorgehen im Pandemiefall, die das RKI 2012 für die Bundesregierung formulierte (siehe hierzu "Berlin direkt", ZDF, 10.05.2020).

Manaus: Massenbeerdigungen und Massengräber in Brasilien, wo laut Präsident Bolsonaro die Menschen gegen COVID-19 immun sind. Bis auf die Indigenen natürlich.  

In der Tagesschau wird vor der Gefahr gewarnt, dass Verschwörungstheoretiker Einfluss gewinnen, die behaupten, die Pandemie sei bewusst herbeigeführt worden, um die Bevölkerung zu kontrollieren. Ein derartiger Masterplan existiert wohl kaum - dass die Pandemie jedoch instrumentalisiert werden kann, um politische oder finanzielle Interessen zu verfolgen, kann man wohl auch kaum bezweifeln. Man muss nicht blind davon überzeugt sein, dass mit Eindämmung der Infektion auch alle Freiheitseinschränkungen wieder verschwinden.  

Im Überschwang seiner Genesung von COVID-19 greift Wolfgang Kubicki bei Anne Will auf einen Zirkelschluss zurück, der Boris Palmer vor Ehrfurcht erblassen lässt. Die Werksvertragsarbeiter in den Schlachtbetrieben hätten doch sowieso kaum Kontakt zur Außenwelt, verblieben in ihren Unterkünften und können leicht unter Quarantäne gestellt werden. Und wo? In den Unterkünften in denen sie sich auch massenhaft angesteckt haben? Na dann lasst sie fröhlich weiter töten. Die bleiben doch unter sich. Wohl bekomms beim Grillen.

Dann ist da noch das Erfolgsrezept von Malu Dreier zur Bekämpfung der Pandemie: Wir haben den Kopf wieder auf die Füße gestellt. Leider bin ich kein Yogi.

Fußballbundesliga. Ich kann es nicht mehr hören.

Zur Wiederbelebung der Sexarbeit empfehlen wir: Sexyglas.

Heute ist Muttertag. Demnächst ist jeden Tag Muttertag. Fast 100% der erwerbstätigen Männer arbeiten in Vollzeit, die Mutter soll wieder mehr Mutter sein. Und in Teilzeit im Homeoffice arbeiten. Mit Küchenschemeln als Bürostühlen.

Klara Mosch. Land Art als Vorwegnahme von verheerenden Stürmen zerstörter Baumreihen. Es ist zu still draußen, keine natürliche Stille, die Stille nach einem Desaster. Zurückgeworfen auf mich selbst, letzter Mensch der Welt, überwältigen mich Kindheitserinnerungen. Zinkbadewannen im Garten, gefüllt mit kaltem Wasser aus dem Gartenschlauch. Mein Vater und ich in der Wanne, in zu weiten Schießer-Unterhosen. Mit dem Gefühl alles verloren zu haben verkrieche ich mich ins Bett, werde körnige Farbbilder träumen, verwackelte und unscharfe Super-8-Filmchen, undeutliche, aber ungetrübte Freude und Neugier auf das, was mich erwartete. Erinnerungen an gespannte Vorfreude und das erste Mal freihändiges Radfahren.

 

53. 9. Mai 20

"Das Cafe Corona öffnet wieder. Giuseppe, der Betreiber, trägt eine Staubmaske. Ich frage ihn was denn los war. Er zuckt mit den Achseln. ´Ich weiß nicht. Lag plötzlich flach mit 39 Grad Fieber. War wohl die Grippe.` Ich nippe an meinem Grippa, zögere mit der Nachfrage, bis die Neugier überwiegt:  `Und die Maske? Trägst Du die zu Deinem Schutz oder dem Deiner Gäste?`. `Weder noch. Hab Heuschnupfen. Außerdem ist Scirocco.`. Ich nicke, bin aber nicht beruhigt. Zwei Trauermärsche zogen gestern durchs Dorf, das ist ungewöhnlich und nur durch ein hohes Sterbeaufkommen erklärbar. Traue mich nicht nachzufragen. Aus einer Laune heraus schreibe ich eine e-mail an meinen Stalker, frage Ihn, oder Sie oder Es, ob Ihmsies eine bessere Erklärung einfällt. Zu meiner Überraschung wird die mail zugestellt und ich erhalte eine prompte Antwort, eine Aufforderung, mit der ich nichts anfangen kann: `Plexiglas  kaufen!`."

Auf der Tür einer Eckkneipe die Ankündigung: `Wiedereröffnung am 11. Mai. Zutritt nur mit Mund-Nasen-Schutz!`...Und dann?

Fast schon putzig tönt Clemens Tönnies (Fleischfabrikant und Schalke-Krassist) im Westfalenblatt: "Alle Schlachthof-Mitarbeiter würden unter Generalverdacht gestellt. Jetzt so zu tun, als wenn das Risiko bei den Schlachthöfen liege sei unredlich." Karl-Josef Laumann hat sich vornehm ausgedrückt, als er klarstellte, die Schuld liege ausdrücklich nicht bei den Mitarbeitern, das Problem habe systemische Ursachen. Nicht die Mitarbeiter stehen unter Verdacht, sondern die Betreiber. Zudem: das Risiko liegt bei den Schlachthöfen. Mit Ausnahme des Landkreises Greiz sind in allen anderen Landkreisen 50+ Covid-19 Ausbrüche in Schlachtbetrieben die Ursache für das Überschreiten des Grenzwertes. 

Auch Magie scheint dem Virus nicht beizukommen: mit 75 Jahren starb Roy Horn von Siegfried und Roy an COVID-19.

Grillen im Garten. Für ein vorwitziges Eichhörnchen unserer Laune eine Schale voller Walnüssen, von der es sich bedient. Fackeln brutzeln auf dem Rost, wir trinken Riesling und genießen die Nachmittagssonne. Alles ist merkwürdig, sagt unbehaglich ein Freund. Aber ich kann es nicht benennen. Meere ziehen sich von Ufern zurück. 

Ich schwöre: ich werde nie bei Rot über die Straße gehen, wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist. Ich schwöre: wenn ich nachts alleine in der U-Bahn unterwegs bin trage ich zum Schutz meines Spiegelbildes im Fenster Mund-Nasen-Schutz. Ich schwöre: Am Samstag fiebere ich mit bei einem Geister-Derby. Ich verschwöre: nie werde ich Zweifel an Notwendigkeit und Verhältnismäßigkeit von Einschränkungen der Grundrechte äußern, denn ich bin weder rechtsradikal, noch Verschwörungstheoretiker. 

Um eine Abwägung zwischen Freiheitsrechten und Infektionsschutz vorzunehmen muss man weder Jurist, noch Landrat, noch Mitglied beim Ethikrat sein. Es bedarf dazu keiner Qualifikation, keines Doktortitels und keiner Dauerkarte als Gast einer Talkshow. Jeden, der bei einer solchen Abwägung zu anderen Ergebnissen kommt als es den angeordneten Maßnahmen entspricht in die Ecke gefährlicher Spinner zu rücken ist ebenso unangemessen wie die Unterschreitung des Mindestabstandes bei Demonstrationen gemeingefährlich ist. Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit sind ein hohes Gut, sie so auszuüben, dass man das Leben anderer gefährdet ist schlicht kriminell, nicht nur in Krisenzeiten. Noch dazu ist es wenig zielführend, gegen die Einschränkung von Freiheitsrechten in einer Art und Weise zu demonstrieren, die im Ergebnis eine Verschärfung genau dieser Maßnahmen provoziert. Das ist das Geschäft der AfD: Freiheit fordern um Unfreiheit hervorzubringen. Die AfD setzt nicht etwa auf den verantwortungsvollen Umgang der Menschen mit der Gefährdungslage, sie setzt auf das Gegenteil, denn ein zweiter lockdown würde die Regierung schwächen. Das - und nicht mehr Freiheit - ist das Ziel der Reaktionären.

Ich gratuliere Elron Murks und Grimes zur Geburt eines Passwortes, und gebe es in das Notebook meiner Träume ein. Access denied. Also schlafe ich traumlos. 

 

52. 8. Mai 2020

Zum ersten Mal seit Monaten steht Corona nicht an der Spitze der der Nachrichtencharts. Das Ende der einen Katastrophe verdrängt den Beginn der anderen Katastrophe vom Platz an der Schwarzen Sonne. Heute vor 75 Jahren endete der zweite Weltkrieg. Kein Grund zum Feiern, sondern zum Gedenken. Heiko Maas schlägt nicht ungeschickt einen Bogen von der historischen Schuld der deutschen Nation zu einer besonderen Verantwortung Deutschlands bei der Bekämpfung europäischer und globaler Krisen. Vor 75 Jahren war Deutschland die globale Pandemie, die Tod und Leid über die Welt brachte, daher soll Deutschland eine Vorreiterrolle bei der Eindämmung der aktuellen Pandemie und bei der Abmilderung ihrer Folgen insbesondere in Europa übernehmen. Kurz zuckt da der Satz auf: Am deutschen Wesen soll...aber ich verbiete mir den zu vollenden.

Bundesweit stärkster Rückgang der deutschen Exporte seit 1990. Beinahe erleichtert nimmt man dies als vergleichsweise glimpfliche Entwicklung zur Kenntnis. Immerhin heißt es mal nicht "seit Beginn der Aufzeichnungen". 1990 haben wir doch gar nicht gespürt, oder? Man frage nach in den Neuen Bundesländern.

Die Bekämpfung der Pandemie abzulösen von den Gründen ihrer weltweiten Verbreitung wäre ein Herumdoktorn an Symptomen. Industrien, die globale Lieferketten erfordern und eine weltweite Verbreitung von Viren fördern sind auf ihre Zukunftsfähigkeit hin zu überdenken. Sollten sich die Konsumenten aller Länder dahingehend vereinigen, dass es zu Umbewertungen dessen kommt, wofür Menschen weltweit zu bezahlen bereit sind, könnte den Konsumenten das gelingen, woran alle Revolutionen scheiterten - die Etablierung einer Ökonomie, die sich stärker an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen orientiert als an Strategien der Erzeugung von Bedürfnissen. Die Aufgabe der internationalen Staatengemeinschaft - falls es eine solche dann tatsächlich gibt - bestünde darin, die sozialen Folgen der ökonomischen Umwälzungen abzufedern. Der Rückgang von Schadstoffbelastungen in der Atmosphäre und im Wasser sollte als erster (wenn auch unfreiwilliger) Schritt hin zu Abmilderung der schon jetzt spürbaren Folgen des Klimawandels verstanden werden, der keinen Rückschritt erlaubt, will man nicht sehenden Auges in eine weitere Katastrophe marschieren, gegen deren Folgen weder Medikamente, noch Impfungen helfen.  

Die permanente Statik des Sender-Empfänger-Verhältnisses, das Verharren auf der Besatzungscouch vis-a-vis den Moderatoren, Tagesschausprechern, Politikern, Journalisten, Virologen, Betroffenen, Verbandschefs, deren Interpretationen des Geschehens das Geschehen selbst verdrängen, die Kondensation von Millionen Menschen zu Quecksilbersäulen in Politbarometern führt zu einer geistigen Erstarrung, die sich sukzessive sprachlich niederschlägt in Nachahmungen des glattpolierten Stils von Feuilliton-Kommentaren. Man tappt hinein in die klebrige Fliegenfalle der Synchronisation der Prophezeiungen der Experten jenseits der vierten Wand und der eigenen Befürchtungen. Eine Bunkermentalität macht sich im Gehirn breit, ihr entspricht die Isolation von der Außenwelt, das Leben aus Konserven, der Geruch kalten Zigarettenrauchs, die Ödeme unter den Augen, Symptome angestrengten Beobachtens und durchwachter Nächte. Jetzt ist Sendepause, Affenstillstand. In den Fernsehprogrammen des heutigen Tages keine Spur von Lanz, Illner, Will und Maischberger, nicht mal von Unter den Linden. Der Tag der Lockerung, mit Bedacht gewählt, die Große Freiheit vor dem Sich-Besinnen auf das Ende des Krieges und die Schönheit des Deutschen Waldes, der bald von Stürmen zerzaust, notgefällt, kahlgeschlagen und durch Pinien ersetzt wird. Was tun mit diesem Tag? Die Balkontür öffnen und eine Hose anziehen wäre ein Anfang, vielleicht in umgekehrter Reihenfolge.  

Ganz ohne Pressekonferenz kommt man dann doch nicht durch den Tag, schon gar nicht ohne Jens Spahn. Bei der Pressekonferenz des Saarlands teilen sich Musterschüler Tobias Hans, der aus seinem Strebergarten ans Rednerpult geeilt ist, und der omnipräsente Jens Spahn die Poleposition im Blitzlichtgewitterchen. Dass der Anblick von Jens Spahn irritiert liegt daran, dass er beim simulierten Zuhören den Kopf schief legt wie ein Vogel. Ein sehr großer Vogel. Ein Seuchenvogel. Der Vogel Roch aus der Hyäne...Hygienemythologie. Dazu passt seine tagtägliche Präsenz beim Sender Phönix, der sich aus deutscher Asche finanziert. 

Ich checke mein sprachliches Inventar. Ein paar neue Wörter. Glutnester. Remonstrationsfreiheit. Nowcast. Sonst - nach einer ersten Überprüfung - noch alles da. 

Um den schlappen Faktor 18 lag Boris Palmer bei seinem Verweis auf die Lebenserwartung der COVID-Kranken falsch, die ohnehin nur noch ein halbes Jahr zu leben hätten. Die Lebenserwartung von an COVID-19 Verstorbenen hätte laut einem Bericht auf Tagesschau.de vom 08.05.2020 ("Neun Lebensjahre verloren", Björn Schwentker und Jan Lukas Strozyk, NDR) bei 9 weiteren Jahren gelegen. Es ist mir angenehm, dass Boris Palmer nicht mehr nur als menschenverachtend dasteht, sondern als menschenverachtend und deppert.    

Schon wieder ein Überbietungswettbewerb, diesmal auf Kreisebene. Kaum ist die "Notbremse" verabschiedet, überschreiten die ersten Landkreise die 50. In Coesfeld erweisen sich gleich 129 Beschäftigte eines Schlachthofs als infiziert. Der Landrat sah keinen Anlass, den Betrieb zu schließen mit dem Argument dieser sei für den Landkreis Coesfeld systemrelevant - soviel zum Vertrauen in die Urteilskraft und die Prioritäten der Verantwortlichen vor Ort. Der Gesundheitsminister von NRW, Karl-Josef Laumann veranlasste die Schließung des Betriebes, sowie Tests für sämtliche Beschäftigte der Fleischereibetriebe in NRW, dazu die Prüfung der Arbeitsbedingungen und der Unterbringung zusammen mit dem Arbeitsschutz. Dass die Gründe für billiges Fleisch unappetitlich sind, was die Arbeitsbedingungen, die Löhne, die Unterbringung der Werkvertragskräfte und den Umgang mit den Tieren betrifft, kann niemanden überraschen. Wenn die Begebenheiten in Coesfeld einen Nutzen haben, dann den zu zeigen welchen hohen Preis billiges Fleisch hat. Dass es gelingt, die Infektionswege von mindestens 129 COVID-19-Infizierten noch rechtzeitig genug nachzuvollziehen, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern, übersteigt meine Vorstellungskraft.   

In der halben Einkaufsmeile meiner Stadt ballen sich die Menschenmengen wie auf dem Cover der Grandmaster Flash LP mit dem Track "The Message". Auf den ersten Blick ein Indiz für die Kauflust der Konsumenten - tatsächlich ist die Fußgängerzone so voll, weil die Geschäfte in Folge der Abstandsregeln so leer sind. Die Menschen verteilen sich nicht wie vor der Epidemie auf die Kaufflächen, sondern konzentrieren sich in der Vorhölle der Fußgängerzonen. 

Böse vor acht: Ungeheuerliche Ideen bestimmen die Diskussionen in der EU, die schon vor der Krise gut gewesen wären, aber nun durch den Kaufstreik der Konsumenten ernsthaft erwogen werden - zum Beispiel die Einführung eines europäischen Mindestlohns. Massive Kreditaufnahme in Billionenhöhe für gemeinsame Konjunkturprogramme. Die Verwendung der Mittel aus dem ESM werden keiner genauen Überprüfung unterzogen. Die wichtigste Währung wird das Vertrauen der Konsumenten. Arbeits- und Gesundheitsschutz avancieren zu einem systemrelevanten Themenfeld. Wird dies ernst genommen, wird fortan das Modell der Rationalisierung durch Einsparungen von Lohnkosten und beim Arbeits- und Gesundheitsschutz als in jeder Hinsicht ungesund erachtet. Unternehmen können sich die Fokussierung auf Vierteljahresberichte und Shareholder Value nicht mehr leisten. Sollte die Marktwirtschaft am Ende wirklich sozial werden? Vielleicht erleben wir das Ende der Massengesellschaft, der Massentierhaltung, des Massenwahns, der Megacities, der Massenhysterie, der Massenvernichtungswaffen?

Während ich von einer besseren Welt träume patrouillieren Deutsche Grenzbeamte in Schengen. SeniorInnen erleiden Paniokattacken bei diesem Anblick.

Dank funktionierender Propriozeption - Beitrag zu dieser gemeinhin 6. Sinn genannten Fähigkeit morgen auf ARTE - schaffe ich es ins Schlafzimmer ohne den Mindestabstand zum Türrahmen zu unterschreiten.

 

51. 7. Mai 2020

"Alle Macht geht vom Virus aus" (Slogan auf einem Mund-Nasen-Schutz, bemerkt im Öffentlichen Personencoronahverkehr)

Es gibt immer etwas worüber und worauf man sich freuen kann. Mitten in der Trauerrede Wolfgang Schäubles zum Tod Norbert Blüms die Huldigung der unver`blüm´ten Sprache des Verstorbenen. Ein Grund für Heiterkeit mitten im traurigen Anlass, in diesem Fall kein Zynismus, weil diese Komik den Verstorbenen angemessen würdigt. Wichtiger als das Sich-Erfreuen an einem akuten Ereignis ist die Vorfreude. Sie ist Ausdruck von Hoffnung auf die Zukunft. Ich freue mich auf den neuen Banksy, auf den ich so ungeduldig warte wie als Kind auf das neue Asterix-Heft. Das Außergewöhnliche der Situation ruft positive Kindheitserinnerungen hervor. Als Kind reagierte man auf dramatische Wendungen mit Staunen und Neugier, ohne sie als Symptom dramatischer und gefährlicher Entwicklung zu begreifen. Eine Flut in den Straßen. Möbel die im Hochwasser trudeln. Eine Radtour auf einer leeren Autobahn. Da ist er, der neue Banksy. Ein Kind, dass seine Superman-Figuren in die Tonne kloppt und in seiner Faust eine Krankenschwester in die Höhe reckt wie die Fackel der Freiheitsstatue. In den Bildrahmen geklemmt ein Dankeschön an das Personal der Klinik, in die Banksy sein Bild hineingeschmuggelt hatte, wohl wissend um die Publicity dieser Aktion und den unschätzbaren Wert des Bildes als Kapitalanlage für das Krankenhaus.

Banksies Zeichnung ist ein McGuffin für den Verstand. Das Bild als Bilderrätsel. Wie hat er das Bild unter Wahrung seiner Anonymität in der Klinik platziert? Der Ort der Hinterlassenschaft, das Publikum, das adressiert wird, die Erzeugung der öffentlichen Aufmerksamkeit sind Teile des künstlerischen Planspiels, das zugleich politischer Kommentar und ein social hack ist. Was die Regierung nicht leistet, gewährt Banksy: Anerkennung der Leistungen des Klinikpersonals, die Aufwertung seiner Bedeutung und nicht zuletzt eine kräftige Finanzspritze.

Banksy ist ein Kunstprodukt aus Mythen. Nicht zu fassen wie Houdini. Spendabel wie Robin Hood. Vielfältig wie ein Chamäleon: Aktionskünstler, Streetartist, Dekonstruktivist, Satiriker, politischer Aktivist. Freue mich auf seine (ihre?) nächste Aktion. Wo wird sie stattfinden? Was wird es sein?

Banksies Werke entbehren nicht der Komik. Man erinnert sich an sein Bild, das sich nach der Versteigerung selbst zerschredderte (...und dadurch im Wert stieg...). Das ad absurdum-Führen der Reduzierung von Kunst auf ihren Vermögenswert führt zur Steigerung des Vermögenswertes, etwa so wie Werbung mit Ikonen der Kapitalismuskritik den Verkauf der `revolutionären` Produkte von Konzernen anregt. Die Komik wird dadurch zur Tragikomik, die in katastrophalen Zeiten Konjunktur hat. Fataler Humor. Der Bericht über "Mehr Tote am Bau" in der WAZ von heute kitzelte ein Kichern hervor, dessen ich mich gleich darauf schämte: die Fokussierung auf das Abstandsgebot führt vermehrt zu Abstürzen der Bauarbeiter von Baugerüsten.  Dachdecker stürzen ab und gehen entzwei (Jakob van Hoddis).

Heute im Bundestag: Die AfD ist für das Schwedische Modell das, was Salomon Kalou für die DFL ist - indem es von dieser Seite gelobt wird, sinkt die Chance, dass man sich mit seinen Vorzügen befasst.   

Kennen Sie auch. Grade wenn der Spielfilm spannend ist wird die erhöhte Aufmerksamkeit des Publikums für eine Werbeeinblendung genutzt. So ist das auch mit Liveübertragungen aus dem Bundestag. Die spannende Debatte zu Kreditvergaben an Konzerne mit Niederlassungen in Steueroasen wird unterbrochen durch eine Schaltung zu Jens Spahn, der sich über das Thema Konversionstherapien auslässt. So sexy wie ein Bildausfall beim Elfmeterschießen. 

Im nächsten Tagespunkt der aktuellen Stunde geht es um einen Deutschen Mittelmeereinsatz. Ich erwartete eine lebhafte Debatte um die Ermöglichung eines Sommerurlaubs in Italien, es stellte sich jedoch heraus, dass es sich bei Eunafor und Irini nicht um touristische Geheimtipps für immunisierte Camper handelt. 

Ohne die Ernsthaftigkeit der Debatten im Deutschen Bundestag in Frage stellen zu wollen drängen sich angesichts des laxen Umgangs der Abgeordneten mit Abstandsregeln bei Abstimmungen und als (Nicht-)Zuhörer im Plenarsaal Zweifel daran auf, ob die Volksvertreter die von ihnen gebetsmühlenartig wiederholte Betonung des Ernstes der Lage selbst begriffen haben. Tuscheln ohne Mund-Nasenschutz, Gedrängel an den Wahlurnen - diese Bilder verstärken nicht nur den Eindruck, die Abgeordneten hielten sich für erhaben über die von ihnen verordneten Regeln, sie zeugen auch von einer ausgeprägten Unbekümmertheit gegenüber dem Umstand, dass ihr Verhalten von Kameras eingefangen wird. Wenn ihnen selbst das egal ist, transportiert dies die Botschaft, auch das Urteil der Menschen, über die sie entscheiden sei ihnen wurscht. Mag auch sein, dass sie die versteckten Kameras nicht realisieren und verinnerlicht haben, dass der Fokus auf dem Rednerpult liegt, welches vor jedem Rednerwechsel sorgfältig desinfiziert wird. Die dekadente Ignoranz, die diese Disziplinlosigkeit derer ausstrahlt, die von anderen Disziplin fordern, erinnert an die Spätphase des römischen Senats. Es ist, als lebt das Parlament, sobald es den von Phönix installierten Überwachungsstaat ignoriert, noch nicht in der selbst verkündeten Neuen Normalität. Einer gewissen Ironie entbehrt es nicht, dass ausgerechnet die Parlamentarier so gründlich überwacht werden, wie sich manche Befürworter eines Seuchenregimentes das für die gesamte Bevölkerung wünschen. Diejenigen, die vor dem Entstehen neuer Hotspots warnen bilden ihren eigenen - man meint, einen bislang unentdeckten Film von Bunuel zu sehen. Vielleicht setzen die parlamentarischen Bengel ja darauf, dass sich für Übertragungen aus dem Bundestag kein Schwein interessiert und sich die Abgeordneten außerhalb von Talkshows im Toten Winkel der öffentlichen Aufmerksamkeit bewegen. 

Einen Spaziergang im Park habe ich mir verdient. Dass ich etwas abschalten muss merke ich, als ich an einem Wagen vorbei gehe, auf dem "Aktienvernichter" steht. Tatsächlich steht dort "Aktenvernichter". Ein Pärchen invasiver Gänse hat Nachwuchs und Hasenbabies hoppeln über eine Wiese voller Gänsekot. Ach - die Natur.  

Ein Aufkleber an einem Laternenpfahl. Eine Zeichnung von Käptn Ahab. Untertitel: All Humans Are Bastards.

Intensivmediziner werden die neuen Medienstars: bei Obduktionen stellt sich heraus, dass viele COVID-Opfer an Thrombose und Embolien verstarben. Beide Symptome sind therapierbar, womit die Behandlung der Erkrankten in den Brennpunkt rückt. Wie man sieht hocke ich wieder vorm Fernseher und über der Tastatur.

Als Lückenfüller zwischen den Corona-Berichten: seichte Lovestories aus deutschen Landen wie "Fast perfekt verliebt" im ZDF. Happy Ends auf Booten mit schwarz-rot-goldener Fahne am Bug, Hafenidylle in braunem Wasser. Werbung für Urlaub in Deutschland. 

Bangladesh: die zweitgrößte Textilindustrie der Welt. Alle Textilarbeiter müssen wieder arbeiten gehen. Ohne Abstand. Ohne Schutz. Maskenzwang als einzige Einnahmequelle. In Deutschland wird in der Bundesliga der Geistermeister ermittelt. 

Ranga Yogeshwar geht davon aus, dass den Lockerungsmaßnahmen in der Bevölkerung der große Leichtsinn folgt. Dies widerspricht seiner eigenen Beobachtung. Den Lockdown, den die Politik beschlossen hat, hat die Bevölkerung schon vor diesem Beschluss vollzogen (wie die Abflachung der Infektionskurve schon vor dem Zeitpunkt zeigt, ab dem die verordneten Maßnahmen Wirkung zeigen konnten). Was spricht dafür, dass die selbe "Weisheit der Vielen" nicht auch jetzt zum Tragen kommt? Yogeshwar geht davon aus, dass die Bevölkerung aus der bisherigen Entwicklung und Berichterstattung nichts gelernt hat, sondern im Gegenteil. Diesen demokratischen Pessimismus teilt er mit anderen Epidemologen und Virologen, was im Widerspruch zum Lob der vorauseilenden Vernunft der Bevölkerung zu Beginn der Pandemie steht. Sie extrapolieren worst-case-Szenarien, die ignorieren, dass Deutschland zur Zeit nicht aus lauter Bundestrainern besteht, sondern aus Epidemologen und Virologen, die sich jeden Morgen zunächst einmal die Infektionsraten im eigenen Landkreis ansehen. Nicht dass ich an die politische Weisheit der Vielen glaube, dennoch bleibt der Widerspruch, in einem Fall die Vernunft der Bevölkerung zu loben und nun von ihrer Unvernunft auszugehen. Zudem bedarf es nicht der Vernunft um sich vernünftig zu verhalten - der Instinkt der Herde für Gefahr könnte effektiver sein.  

Unterschätzt wird neben der Eigendynamik gesellschaftlicher Lernprozesse möglicher Weise auch die Lernfähigkeit der politisch Handelnden. Unterschätzt werden auch die Effekte einer Verlängerung des Lockdowns auf die Reaktanz in der Bevölkerung. Es verdichtet sich der Eindruck eines gewissen Unbehagens der Wissenschaftler aus den Bereichen der Epidemologie und Virologie über die Relativierung ihrer Bedeutung.  

Markus Lanz verwandelt seine Show in eine Variante von "Der heiße Stuhl" auf dem Armin Laschet herum rutscht. Zur Enttäuschung des Moderators verliert Laschet nicht die Nerven. Zwar weiß er im Gegensatz zum Kanzleramtssprecher Herrn Braun bei Illner nicht, wie man auf die Zahl 50 bei der Notbremse kam (es hat etwas mit der Anzahl der der Personen zu tun, deren Infektionsketten ein Mitarbeiter bei einem Gesundheitsamt nachvollziehen kann), aber er fährt nicht aus der Haut und kontert Kritiken recht souverän. Zwar bevorzugt Markus Lanz seinen Namensvetter Söder und überhaupt einen guten Diktator, der durchsetzt was Lanz schon immer für richtig hielt, aber Armin Laschet zu "grillen" gelingt ihm und seinen Gästen nicht. Inhaltlich tragen weder Maybrit Illner, noch Markus Lanz, noch deren Gäste Inspirierendes zum Thema bei.

Eine Ausnahme stellt die Diskussion zum Datenschutz im Zusammenhang mit der Tracing-App dar. Da wundert sich Armin Laschet angesichts der hohen Bereitschaft der Bevölkerung alle möglichen Einschränkungen der Grundrechte klaglos zu akzeptieren über den Widerstand dagegen, das Recht auf informelle Selbstbestimmung aufzugeben. Dabei scheint mir der Grund evident zu sein: die Einschränkungen der anderen Grundrechte wurden als vorübergehend eingestuft und gestatten keine Erstellung eines Persönlichkeitsprofils. Über mich erhobene Daten sind für die Ewigkeit, erlauben die Erstellung von Bewegungsprofilen und verwandeln mich in eine gläsernen Menschen - das gilt nicht nur für digital, sondern auch für analog erfasste Daten beim Friseur- oder Restaurantbesuch. Interessant sind ansonsten die Ausführungen eines Filmproduzenten zu Kussszenen unter Abstandsbedingungen (muss so gemacht werden wie bei Kontaktsportarten. Testen, testen, testen und das ganze Team für die Dreharbeiten unter Quarantäne, woraus man eine Big Brother-Serie produzieren kann). Das verhilft mir zu einem frühen Feierabend. Peter Altmeiers hypnotische Krawatte versetzt mich in den Tiefschlaf noch bevor ich schlafe. 

 

  

50. 6. Mai 2020

Vor 75 Jahren endete der zweite Weltkrieg. Der Staub der unkontrollierten Sprengung sozialer und ökonomischer Strukturen hat sich längst noch nicht gelegt, dass jedoch eine Trümmerlandschaft zum Vorschein kommt, wenn die Sicht wieder klar ist, daran bestehen kaum Zweifel. Dementsprechend wird der historische Moment des Kriegsendes genutzt um den Mythos des Wiederaufbaus zu bemühen. Die Unterschiede sind eklatant. Immerhin war der Krieg beendet, dann folgte der Wiederaufbau. Zur Zeit ist weder klar, wann die Krise endet, noch was eigentlich wie wieder aufgebaut werden soll.

Was entsteht da zur Zeit, national und international, oder ist schon längst entstanden? Derzeit verdrängt die Frage was lebenswert ist die Frage was lebenswichtig ist von der politischen und publizistischen Agenda. Das erklärt die von den Medien teilweise wütend beklagte Auflösung der deutschen Einigkeit. Verteidigung gegen Gefahr eint: geht es um soziale und ökonomische Werte haben Länder, Regionen und Personen durchaus heterogene Prioritäten. Dieses Ausschwärmen der Länder folgt jedoch nicht nur den projizierten oder faktischen Wünschen der Menschen, sondern den unterschiedlichen regionalen Erfordernissen der Gefahrenprävention und -eindämmung. Bundesweit einheitliche Regelungen einzufordern ist Ausdruck einer zentralistischen Sehnsucht, die fahrlässig ist. Dunja Ayalis und Mitri Sirins Anmoderationen und Fragen an ihre heutigen Interviewpartner im Morgenmagazin formulieren kaum verhüllte Beschwerden über den Flickenteppich der Corona-Regelungen in den Ländern. Dabei spricht nichts gegen Flickenteppiche, wenn sie tragfähig sind. Zudem entspricht das Muster des Flickenteppichs dem Verteilungsmuster der Infektionen, das keinem Ordnungsprinzip unterworfen ist. Dass dennoch die Kritik an der Heterogenität so im Vordergrund steht hinterlässt den Eindruck, die Sender wünschten sich derzeit nicht nur eine als Demokratie verkleidete Kanzler(innen)herrschaft, sondern auch ein möglichst homogenes Publikum, das sich einmütig unter dieser Herrschaft versammelt.

Demonstrationen für Grundrechte auch in Corona-Zeiten sind dem Morgenmagazin offenbar zu bunt. Man lässt sich zwar dazu herab, über sie zu berichten, belegt sie aber mit  Begriffen wie `krude Mischung aus Verschwörungstheoretikern, Impfgegnern und Rechtsradikalen`(Christian Lindner fügt noch hinzu `notorische Kleinparteigründer`, denn mit Kleinparteien kennt er sich aus). Öffnet man die Mottenkiste der Moderationen stellt man fest, dass die abwertende Einordnung außerparlamentarischer Bewegungen als bunter Haufen von Spinnern Tradition hat - die Entstehungsgeschichte der Grünen begleitete das selbe journalistische Naserümpfen gegenüber dem Chaotischen und Ungeregelten. Dabei liegt es im Wesen von Bewegungen, dass sie zu Beginn noch nicht strukturell verhärtet sind, sondern von diversen auch gegensätzlichen Strömungen getragen werden. Öffentlich auf Gefahren für die Demokratie hinzuweisen und die Einschränkungen von Grundrechten zu beklagen ist nicht gleichzusetzen mit der Verbreitung von Verschwörungstheorien - selbst dann nicht, wenn Demonstrationen zu Akten zivilen Ungehorsams geraten. Verstöße gegen die Maskenpflicht oder gegen Kontaktbeschränkungen bedeuten nicht, die Gefährlichkeit oder gar Existenz des Virus zu leugnen, sondern richten sich gegen die Verhältnismäßigkeit einer Zwangsmaßnahme. Das unterschiedliche politische Interessengruppen (wie zum Beispiel "Widerstand 2020") den Aggregatszustand von Bewegungen für ihre eigenen Zwecke nutzen möchten kann man den Bewegungen auch nicht anlasten. Selbst auf Anhieb abwegig erscheinende Befürchtungen wie "Hygienetotalitarismus" und "Impfzwang" sollte man nicht einfach als plemplem abtun: auf Dunja Ayalis Frage an Jens Spahn, ob er für die Zukunft einen Impfzwang ausschließe antwortete dieser, er sehe derzeit eine große Bereitschaft in der Bevölkerung sich freiwillig zu impfen. Das war kein Nein.

Dass demonstriert wird ist notwendig. Wirtschaftsverbände und Unternehmen beherrschen derzeit mit ihren Klagen und Forderungen die öffentliche Bühne. Wenn denn "Stimmen aus dem Volk" sich in Talk-Shows Gehör verschaffen dürfen, dann als Sachwalter der Interessen bestimmter Gruppierungen, die um Zuwendung und Zuwendungen buhlen, aber nicht als Kritiker von Maßnahmen, die in die individuellen Grundrechte eingreifen. Als Forum der Kritik an der Herrschaftsausübung der Regierung bleibt die Straße. Die lautstarke und bildgewaltige Kritik an Grundrechtseinschränkungen ist dringend erforderlich, damit der Begriff der Systemrelevanz sich nicht exklusiv auf Branchen und Berufe bezieht - Grundrechte wie Bewegungs- und Kontakt- und Versammlungsfreiheit sind nicht nur systemrelevant, sie sind die Basis des Systems, der `Grund`, auf den sich das Grundgesetz gründet (um ein wenig zu heideggern). Damit das so bleibt oder wieder so ist muss man die Grundrechte ausüben. 

In kurzer Zeit haben wir angstgesteuerte Verhaltensregeln ebenso verinnerlicht wie die penetrant wiederholte Botschaft, dass die eingeprägten, Verhaltensmuster der Abkapselung jahrelang gültig sein sollen, ebenso wie die Sanktionierung im Falle der Abweichung durch die Obrigkeit. Von allen Beschränkungen sind die Abstandsgebote und die Kontaktverbote die mit Abstand massivsten Eingriffe mit den gravierendsten Auswirkungen auf unser Zusammenleben. Wir werden voneinander getrennt, isoliert, direkte Kommunikation wird erschwert, die gebührenpflichtige Telekommunikation wird gefordert. Menschen gehen sich aus dem Weg und verhüllen sich, das soziale Miteinander wird ersetzt durch ein unsoziales Aneinandervorbei. Wie frei ist der Austausch von Gedanken noch, wenn man für diesen Austausch bezahlen muss und dieser Austausch lückenlos überwacht werden kann? Unabhängig davon, ob dies beabsichtigt ist oder nicht herrschen Bedingungen, die der Traum jedes Panoptikers sind. Der Aufenthaltsort jedes Einzelnen ist jederzeit nachvollziehbar, es existiert keine Menge mehr in der er untertauchen kann. Überwachen und Strafen werden legitimiert durch Infektionsrisiken - so wie Marx dem Kapitalismus beibrachte, sich zu verstehen, sich anzupassen und zu perfektionieren bringt Foucault den Regierungen bei, wie man die Neue Normalität reguliert; jedenfalls so lange, bis der deprimierten Gesellschaft die Kauflust endgültig vergangen ist. 

Bundespressekonferenz: Appidemiologie. Das Übliche. Das Wichtigste Wort der Regierungsvertreter ist `ähm`, eine Hommage an Joschka Fischer, der das `ähm` als Signal von Nachdenklichkeit über Schwerwiegendes salonfähig machte. 

Und nun: Warten aufs Christ(demokraten)kind, das Freiheiten schenkt, die uns entzogen wurden.  

Carsten Linnemann, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU, wird vorgeschickt: es dauere sehr lange, bis das Verbrauchervertrauen wieder hergestellt ist. Sein Rezept: mehr Öffnungen. Das missversteht die Gründe der Kaufzurückhaltung im Einzelhandel in einem Ausmaß, das Fassungslosigkeit hervorruft. Der Artikel "Die Kunden wollen nicht einkaufen" von Hubert Wolf in der WAZ von heute fasst die Gründe zusammen: "Viele Menschen halten ihr Geld zusammen, weil sie nicht wissen wie es im weiteren Verlauf der Corona-Krise und danach weitergeht mit ihrem Einkommen und ihrem Arbeitsplatz." und: "Die Lust auf einen Einkaufsbummel sei `mit der Maskenpflicht nochmals zurückgegangen (Andor Baltz)." An Zukunftsangst und Missmut kann die Öffnung von noch mehr Geschäften nichts ändern. So lange Perspektiven fehlen und zugleich Abstandsregeln und Mummenschanz das Einkaufen zu einer freudlosen Milzbrandschutzübung degradieren werden noch so große Rabattaktionen nichts an der `Eintrübung der Verbraucherstimmung` ändern. 

Der Vorfilm zum Hauptfilm ist die Befragung der Bundesumweltministerin Svenja Schulze. Sie wird dominiert von der Fraktion "Autos für Deutschland" (AfD), die den Zusammenhang zwischen der Produktion von Stickoxiden und Feinstaub und dem Betreiben von Verbrennungsmotoren bezweifelt. Der Verschwörungsschwurbeler weiß aus dem Bauchgefühl heraus, dass die Feinstaubbelastung viel schlimmer ist, als man zugibt - das ist der wahre Grund für die Maskenpflicht. 

Der britische Regierungsberater Neil Ferguson quittiert seinen Job. Er hat klare Regeln zur Eindämmung der Pandemie missachtet: trotz strenger Ausgangsbeschränkungen hatte er eine Affäre. In der Befragung von Svenja Schulze geht es um das Thema Individualverkehr - den hätte man Neil Ferguson rechtzeitig empfehlen sollen. 

Hartz IV-Bezieher müssen den Kauf von Masken aus ihrem Regelsatz finanzieren. Sollen diese Sozialschmarotzer doch ein paar Underberg weniger trinken.

Da ist es also, das Geschenkpaket. Man reagiert darauf so, wie ein Kind, das die Verpackung gar nicht öffnen muss um zu wissen was drin ist. Die Überraschung bleibt aus, die Freude bleibt verhalten, man reagiert mit einer gewissen Befriedigung, jedoch ohne Enthusiasmus. Auf der Karte zum Geschenk steht der Satz der Bundeskanzlerin: "Die gesamte Bundesrepublik gründet sich auf Vertrauen." Wäre dem nicht so, so der Schlussakkord von Angie, könne man einpacken. Zwang und Vertrauen, ein gelinde gesagt schwieriges Verhältnis - aber sie bezog sich ja auch nicht auf die Bevölkerung, sondern auf Gesundheitsämter und Bürgermeister. Mal hören, was Karl Lauterbach zum Präsent sagt.

Es freut mich für die SeniorInnen, die wieder Besuch empfangen können (...in der rote Zone, denn immer noch hat sich der Schutz in Alten- und Pflegeheimen nicht signifikant verbessert).

Die Notbremse: bei mehr als 50 Infizierten pro 100000 Einwohnern muss der Landkreis wieder zu härteren Maßnahmen greifen. Ob das zum Ausbau der Testaktivitäten in den Landkreisen motiviert ist fraglich. 

Wenn denn das Subsidiaritätsprinzip dazu führt, dass Schwimmbäder und Badeseen wieder geöffnet werden - ok. Dann freue ich mich darauf, Bratwurst und Pommes Rot-weiß zu verzehren und dann mit vollem Bauch mein Mütchen zu kühlen. Ein wenig regressive Rebellion gegen elterliche Strenge soll schon sein.

Die Dominanz des Themas Corona nimmt verheerende Ausmaße an. Ich höre Corona, dabei sagt Stephan Weil Bewohner.

In Brasilien fürchten die indigenen Völker um ihr Leben. Sie besitzen im Urwald Land, das die Begehrlichkeiten von Goldgräbern und Holzfällern weckt. Präsident Bolsonaro entließ Polizisten, die eine illegale Mine zerstörten. Gegen illegale Rodungen unternimmt Bolsonaro genau so viel wie gegen die Eindämmung der Pandemie - nichts. Das Wort Waldsterben bekommt eine doppelte Bedeutung. In Deutschland dürfen - trotz der heroischen Gegenwehr eines Spielers von Hertha BSC - die Fußball-Profis wieder kicken. Hauptsache.  

Auffällig: nahezu jeder geschaltete Werbespot wirbt für ein pharmazeutisches Produkt. Nie las ich so häufig den Warnhinweis zu Risiken und Nebenwirkungen. Offenbar beflügeln Höhenflüge an der Börse zur Erhöhung des Werbeetats.

Bei Maischberger herrscht unvermittelt wieder Prä-COVID-Normalität. Erlitt Angela Merkel einen eklatanten Autoritätsverlust? Wer punktet im Machtkampf zwischen Söder und Laschet? Endlich mal wieder Business as usual. Als wäre nichts geschehen. Peter Altmüller möchte unbedingt wieder steigende Infektionszahlen vermeiden, damit es keinen weiteren Shutdown gibt und die Mitarbeiter bei Daimler, Ford und VW wieder durcharbeiten können. Soviel zum Status der Automobilindustrie in Deutschland, die - wenn man Gabor Steingart glaubt - nichts mehr wert ist und zum Status des schäbigen Rests. Modisch sehr gewagt finde ich Peter Altmaiers Mut zu Hochwasser und nackten Schienbeinen. Über den Gästen prangt ein Bild der Kanzlerin, das verblüffende Ähnlichkeit mit einem Porträt Jogi Löws hat.  

Geflügeltes Wort aus vergangenen Zeiten: Wo ist Behle? Aktuelles geflügeltes Wort: Sala, bitte! (Salomon Kalou)

Gabor Steingart benötigt mehr Worte um es zu sagen, aber was er sagt ist: Corona ist eine Ware. Für Medien sind Apokalypse-Szenarien ein Segen. 

Alter Schwede! Christian Lindner bugsiert das Modell Schweden in die Hauptsendezeit. Karl Lauterbach guckt aus der Wäsche wie Hermann Hesse auf dem Totenbett.

"Ich habe 5 Beerdigungen in den nächsten 2 Stunden. Die wollen mich umbringen.", beklagt sich eine kettenrauchende New Yorker Bestattungsunternehmerin neben ihrem Leichenwagen. New York - eine Geisterstadt, leergefegt wie im Film `Der Omega-Mann.`Ein riesiger Friedhof mit Wolkenkratzern als Grabsteinen. Der Frühling kündigt sich an durch Verwesungsgeruch, es gibt nicht genügend Kühlwagen zur Zwischenlagerungen der in Müllsäcke entsorgten Leichen, und es wird wärmer. Der Tod in New York ergreift Partei - es trifft die Armen, Afroamerikaner und Latinos. 19000 Tote - der White Trash demonstriert ohne Abstand zu halten für die Aufhebung der Restriktionen. Einige von ihnen landen auf den Intensivbetten, wo sich schlecht geschützte Krankenschwestern und Ärzte um sie kümmern müssen. Ich wette, Donald Trump wird wiedergewählt.    

Ein Physiker und Wissenschaftsjournalist (Ranga Yogeshwar, Quarks und co) und ein Ökonom (Marcel Fratscher) sind sich mit Karl Lauterbach einig: für die Gesellschaft und die Wirtschaft wären die Folgen einer zweiten, heftigen Infektionswelle verheerend - um dem vorzubeugen wäre es notwendig gewesen, den Lockdown noch aufrecht zu erhalten und die Infektionsrate weiter zu drücken, statt Stimmungen und Unmut von Interessengruppen nachzugeben. Wenn ein Naturwissenschaftler, ein Wirtschaftswissenschaftler und ein Epidemiologe sich mit guten Argumenten einig sind, sollte das zu denken geben. Das Format Talk-Show leidet darunter, dass empirische Sozialwissenschaftler und Psychologen mit ihren jeweiligen R-Raten selten unter den Gästen sind. Wenn es nämlich etwas an Kassandras wie Karl Lauterbach zu kritisieren gibt, dann dass sie von einer verhängnisvollen, dynamischen Entwicklung der Infektion ausgehen, dabei aber das soziale Verhalten der Menschen als konstante Grüße voraussetzen. Sozialwissenschaftler könnten zeigen, dass auch das menschliche Verhalten sich dynamisch anpasst und auf diese Weise die Dynamik des Infektionsgeschehens bremsen kann. So aber treffen Wissenschaftler auf Politiker, Journalisten und andere Influencer, die auf wissenschaftliche Fakten mit Meinungen, Auffassungen und Standpunkten zu sozialen und ökonomischen Entwicklungen reagieren. In Zahlenwerke gepackte Entwicklungsszenarien für soziale Folgen des lockdowns sind Fehlanzeige. Es fragt sich wieso, denn Zahlen und Prognosen sind Instrumente jeder Wissenschaft, die mit empirischen Methoden arbeitet.

Leider fallen mir die Augen zu, bevor mir eine Antw  

  

49. 5. Mai 2020

Ich hatte einen Alptraum. Hinter der Sicherheitskontrolle am Flughafen erwartet mich ein Rudel bellender Schäferhunde. Sie können wittern, dass ich COVID-positiv bin...es ist kein Alptraum. Es ist die Tagesschau. Habe vergessen den Fernseher auszuschalten. 

Laut Johns Hopkins sind ca. 136.000 Deutsche schon Chinesen. So weit ist es schon gekommen (Kurz Vonnegut hatte es in seinem Roman "Breakfast for Champions" kommen sehen, die nächste Pandemie wird verursacht durch das Einatmen winziger Chinesen).

In japanischen Zoos kommen die Röhrenaale wieder aus dem Schlick, seit die ausbleibenden Zoobesucher durch virtuelle Besucher auf Bildschirmen ersetzt wurden. Vielleicht handelt es sich um Bildröhrenaale (auch wenn sie nicht in die Röhre gucken, sondern auf Flachbildschirme).

Danke, Salomon Kalou. Dank subtilem social hacking via Handshake-Orgie bei Facebook gelingt es ihm im Alleingang, dass Image der DFL und der Millionaros so gründlich zu beschädigen, dass damit die Wiedereröffnung des Spielbetriebs vom Kabinettstisch seien sollte. Wenn das so beabsichtigt war - alle Achtung. 

Boris Palmer gilt als hochbegabter Mathematiker. Ein Ruf, den er nicht verdient. Dafür hat der Hochbegabte sich beim Umgang mit den Hochbetagten  zu gründlich verrechnet.

Das war überfällig. Wissenschaftler der Universität Erlangen fanden heraus, dass Alkohol einen dämpfenden Effekt hat, wenn das Immunsystem verrückt spielt. Weiter habe ich die Glosse in der WAZ nicht gelesen, da ich keinen Wert auf das Ja, aber...legte, das einer solchen positiven Meldung unweigerlich folgt. Auch die indische Bevölkerung las die Glosse "Ein Prösterchen auf die Forschung!" nicht weiter und plünderte die Alkoholgeschäfte. 

Adenauer macht wieder Politik. Ein Enkel von Konrad Adenauer, Dr. Patrick Adenauer, ist einer der Beschwerdeführer, die der EZB eine rechtlich unzulässige Staatsfinanzierung durch den Erwerb von Staatsanleihen vorwerfen. Zwar führt das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes nicht dazu, dass die Finanzierung der Kosten der Corona-Krise durch Ertrag aus dem indirekten Verkauf der Staatsanleihen an die EZB (die Anleihen werden zunächst an private Banken verkauft, diese verkaufen die Anleihen weiter an die EZB) für unzulässig erklärt werden, aber das Bundesverfassungsgericht entscheidet entgegen einem Urteil des EuGH, dass es sich bei der Praxis der EZB zum Erwerb von Wertpapieren im Rahmen des Public Sector Purchase Programme um einen Ultra-Virus...Verzeihung einen Ultra-Vires-Akt handelt. Als Ultra-Vires-Akt bezeichnet man eine Entscheidung, die außerhalb der Kompetenzen der Stelle liegt, die entscheidet. Die Feststellung des Bundesverfassungsgerichtes bezieht sich insgesamt auf die Praxis der EZB in Sachen Stützung von Volkswirtschaften durch den Erwerb von Staatsanleihen, nicht nur auf ihr aktuelles Vorgehen. Das BVG stellt nicht nur fest, dass die EZB ihre Kompetenzen überschritten hat, sondern dass Entscheidungen des EuGH die Regierungen der Länder, hier insbesondere die Deutsche Bundesregierung nicht ihrer Pflicht entheben zu überprüfen, ob Grundrechte verletzt werden und die getroffenen Maßnahmen der EZB die Verhältnismäßigkeit wahren. Für die EZB entsteht hieraus die Verpflichtung, ihr Vorgehen ausführlich zu begründen, inklusive einer Darstellung der erwarteten Effekte und Risiken, für die Bundesregierung ergibt sich die Verpflichtung, dies einzufordern. Die Rechte der Nationalstaaten gegenüber Instanzen der EU, insbesondere der EZB und dem EuGH werden hierdurch gestärkt - was im Interesse der Herren Adenauer, Peter Gauweiler und Bernd Lucke (Mitgründer AfD) ist, die geklagt hatten. Mag das Urteil des BVG rechtlich fundiert sein, so spielt es doch ewig Gestrigen in die Hände (mehr dazu, insbesondere eine verfassungsrechtliche Wertung des Urteils und seiner Konsequenzen, auf verfassungsblog.de).

Die Nachfragen der anwesenden Pressevertreter des RKI verraten eine gesunde Skepsis bezüglich der Notwendigkeit der rigiden Maßnahmen zur Einschränkung der Pandemie und der Notwendigkeit der Zwangsverordnung von Maßnahmen. Während in Spanien trotz drastischer Einschränkungen der Bewegungsfreiheit nach wie vor die Zahl der Neuinfizierten hoch ist, sinkt sie zum Beispiel in Schweden. In Frage gestellt wird von der WHO und auch während dieser Pressekonferenz die Notwendigkeit von Grenzschließungen. Offenbar streckt der kritische Journalismus, ermutigt durch Freischwimmübungen der politischen Opposition und der Länder gegenüber dem Bund, so langsam wieder sein Köpfchen aus seinem zuvor staatstragenden Schildkrötenpanzer. Die Fragen werden nur formell an Professor Wieler gerichtet - hören sollen sie die Landesregierungen und die Bundesregierung. Morgen könnte sich zeigen, in wie weit die sinkende Reproduktionszahl und die Tendenz der aufgeworfenen Fragen konkreten Einfluss auf die politische Entscheidungsebene nehmen.   

Die Übertragung der Pressekonferenz des Bundesentwicklungsministeriums wird sensibel kommentiert durch die Einblendung der Mitteilung, dass die Waffenexporte der Bundesrepublik im Jahr 2019 durch 43% zugenommen haben. Das nenne ich mal eine erfolgreiche Entwicklungshilfe.

In Florida warten ungeduldige Surfer auf die Öffnung der Strände. Forschungsinstitute in den USA schätzen, dass die Zahl der COVID-19 Toten im Mai von aktuell 69000 auf bis zu 110000 steigen könnte. "Wenn ich sage, es ist sicher hier zu surfen, dann ist es sicher hier zu surfen." (Robert Duvall in Apokalypse Now)

Lufthansa-Chef Spohr kommentiert indirekt was er vom Pochen der Automobilindustrie auf die Auszahlung von Dividenden hält. Er verkündet den Aktionären, dass es mit der Auszahlung von Dividenden erst einmal nichts wird (zu den Boni sagt er indes nichts).

Der bayrische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger gelangt zu dem Kurzschluss: wer Biergärten besucht, der kauft auch wieder Autos. Die Rechnung ist einfach - wer betrunken ist, neigt zum Leichtsinn. Saufen und Auto, das ist traditionell eine funktionierende Allianz.

"Und nun hören wir Heiko Maas", kündigte Phoenix den deutschen Außenminister an. Danach sah man Heiko Maas einige Minuten lang beim Schweigen zu. Er hat halt nichts zu sagen. 

In der Sendung "Unter den Linden" fiel zum ersten Mal (so weit ich mich entsinne und es zur Kenntnis nehmen konnte) der Begriff progressive CO2-Besteuerung. Karl Lauterbach (allgegenwärtiger und allwissender Experte) und Christof Schmidt (RWI Essen) waren sich naturgemäß nicht immer einig hinsichtlich der Einschätzung von Notwendigkeit und Auswirkungen von Lockerungen, in einem jedoch einer Meinung. Will man die Industrie dazu veranlassen, das Thema Klimaschutz in Zukunft ernster als bisher zu nehmen ist eine Besteuerung der CO2-Produktion unerlässlich. Dass Karl Lauterbach der Auffassung ist, es wäre auch wirtschaftlich sinnvoller gewesen, die Infektionsrate durch Beibehaltung oder sogar Verschärfung der bisherigen Maßnahmen noch weiter zu senken, bis die Nachvollziehbarkeit der Infektionsketten gewährleistet ist und Christof Schmitt exponentiell wachsende Schädigungen der Ökonomie erwartet wenn man jetzt nicht weitere Öffnungen vornimmt liegt im Bereich des Erwartungshorizontes. Um eine Einschätzung treffen zu können, welche Maßnahmen sowohl der gesellschaftlichen Lockerung als auch der Eindämmung der Pandemie erforderlich sind wäre es hilfreich derzeitige Reproduktionsraten bei sozialen Entwicklungen zu kennen (Reaktanz, Zunahme häuslicher Gewalt etc.), von denen Jutta Almendinger sprach. Sinkt zum Beispiel zunehmend die Bereitschaft der Betroffenen, sich an die verordneten Beschränkungen zu halten, dann übersteigt - analog zu Überlastungen des Gesundheitssystems - das Ausmaß der Verstöße die Kapazität der Ordnungskräfte, die Verstöße zu ahnden. Auch wenn Karl Lauterbach Recht zu geben ist, wenn er sagt bei wieder zunehmender Infektionsrate entscheide das Virus über die weitere wirtschaftliche Entwicklung (senkrecht abwärts) wird die Politik entscheiden Dampf aus dem Kessel zu lassen, bevor die getroffenen Maßnahmen in weiten Teilen ignoriert werden oder der Staat zu extremen Repressalien greift, was der Kauflust auch abträglich wäre.

Der Sprecher der Bundestagsfraktion der CDU, Ralph Brinkhaus, schilt die Ministerpräsidenten ob ihrer Eigenmächtigkeit. Man solle doch bundesweit an einem Strang ziehen, für alles andere hätten die Mensch kein Verständnis. Aus welcher Umfrage zieht er seine Weisheit? Dass unterschiedlichen regionalen Begebenheiten Rechnung getragen werden muss ist derart evident, dass die Menschen eher kein Verständnis hätten, wenn Ungleiches gleich behandelt wird. Problematisch ist es, wenn nicht den epidemiologisch verschiedenen regionalen Entwicklungen Rechnung getragen wird, sondern lediglich den regional unterschiedlichen wirtschaftlichen Interessen.  

Nachwuchspolitiker Gregor Gysi wird außenpolitischer Sprecher der Linken. Das verspricht zumindest gute Unterhaltung. Dem Heiner Geißler der Linken sei viel Erfolg bei seiner Amtsausübung beschieden.

Zum Fernweh gehört auch die Sehnsucht nach dem Leben in einem Land mit einem anderen Verständnis von Demokratie. Ich lese einen Artikel von Wolfram Weimer auf n-tv.de: "Verhindert Schweden die zweite Welle?" (n-tv.de 05. Mai 2020). Pulloverträger Tegnell berücksichtigt die sozialen Reproduktionszahlen. "Die Unterversorgung anderer Krankheiten in der Pandemie ist niedriger, von sozialen Nebenschäden (von häuslicher Gewalt bis Selbstmord) ist Schweden nicht so negativ betroffen." Trotz liberaler Strategie ist die Opferquote niedriger als in Italien, Spanien, Belgien oder Frankreich. "Das Offenhalten von Gesellschaft und Wirtschaft hat also nicht - wie von Kontaktsperrenbefürwortern geradezu" frohlockend "vorhergesagt - zu einer Katastrophe geführt. Tatsächlich sinken seit Ostern die Neuinfektions- und Todeszahlen auch in Schweden." (...)"Wenn Schweden es mit weiträumiger Offenheit relativ gut durch die Krise schafft, fehlt mancher Regierung nicht bloß die Legitimation für Kontaktsperren, Grenz-, Schul-, und Geschäftsschließungen. Auch rückblickend erscheint dann die Lockdown-Strategie als falsch, fordert sie doch vielerorts einen sehr hohen Preis." (...)"Vor allem mit Blick auf das zweite Halbjahr werden manche Berater in Berlin, Rom, Paris und Madrid zunehmend nervös. Denn in allen Lockdown-Staaten herrscht große Sorge vor einer möglichen zweiten Infektionswelle. In Schweden hingegen hat Tegnell von Anfang an damit argumentiert, dass man eine offene Gesellschaft besser sanft und gezielt immunisiert, als sie streng und nutzlos zu isolieren. Massenhafte Kontaktsperren führten nur dazu, dass der Erreger im Herbst wiederkehren werde, mahnte Tegnell bereits im März." Wohlgemerkt, die Maßnahmen in Schweden ähneln denjenigen in anderen Ländern in vielen Teilen, was fehlt ist der Zwang, das scheint sich auszuzahlen. 

Sind wir - wenn wir auf Zwang setzen - eine offene Gesellschaft? Selbst die Opposition stellt das Prinzip von Pflicht und Zwang nicht in Frage, was gefordert wird, ist Freiheit für die Wirtschaft. Bleibt nur zu hoffen, dass man wenigstens zähneknirschend den Weg Schwedens einschlägt, falls sich dieser als gangbar erweist - natürlich nicht aus Einsicht, sondern wenn die Bevölkerung meutert und sich weigert so zu konsumieren, wie sich das zum Beispiel der bayrische Wirtschaftsminister vorstellt. In einer offenen Gesellschaft leben wir derzeit nicht, aber wenn die Biergärten wieder öffnen wenigstens in einer besoffenen Gesellschaft.

Zu befürchten steht, dass man sich mit dem Schwedischen Modell nicht auseinandersetzt. Nicht etwa, weil man die epidemologischen Konsequenzen fürchtet, sondern es einfach nicht zu dem Bild passt, das die anderen europäischen Staaten von der Souveränität und dem Verantwortungsbewußtsein ihrer Bürger haben - was Regierungen wie die ungarische freut. 

Ein Beitrag in dem ZDF-Magazin "Frontal" und ein Zitat von Professor Hildenfeld: "Hätte man 2003 (zu SARS-Zeiten) 1 Milliarde Euro in einen staatlichen Fond investiert, der die Entwicklung von Impfstoffen finanziert müsste man nun nicht Billionen in die Hand nehmen um die Wirtschaft zu stützen." Börsennotierte Unternehmen neigen dazu, Investitionen in die Entwicklung von Impfstoffen zu scheuen. Versäumnisse, die Millionen Tote und zerstörte Existenzen zur Folge haben. Hinter den Masken sieht man auch Wut und Ohnmacht nicht. 

Die Sendung endet nicht mit dem Wunsch: Bleiben Sie gesund, sondern mit: Bleiben Sie zuversichtlich. Eine Wohltat.

Träumen fällt noch nicht unter Kontaktsperren. Statt einer Abwrackprämie: wie wärs mit dem Abwracken der kompletten fossilen Automobilindustrie?

In der Sendung "Report" ein Beitrag über die grandiose Rettungsaktion der Bundesregierung. Man holte aus dem Flüchtlingslager Moria Kinder nach Deutschland, die im Rahmen der Familienzusammenführung ohnehin das Recht haben, nach Deutschland zu kommen. Ein Schildbürgerstreich ähnlich der Senkung der Umsatzsteuer für Umsätze die nicht erwirtschaftet werden. Nur noch deutlich schäbiger. 

Der Lacher des Tages soweit: "Das Bundesverfassungsgericht hat festgestellt, dass die EZB keine monetäre Staatsfinanzierung betrieben habe." (Olaf Scholz in den "Tagesthemen"). Nach den Tagesthemen folgt der Kölner Treff, mit 6 Clowns aus einem Land, darunter tragischer Weise Sarah Wagenknecht. Ich schalte um auf "Leschs Kosmos", selbst Markus Lanz Talk-Show wird nach dem kurzen Ausflug in den vorgezogenen Kölner Karneval ein medialer Bilderbergungsurlaub mit Erholungseffekt sein. 

Von 4 Uhr morgens (Wiederholung der Sendung "Brisant" vom Nachmittag, die ich verpasste) bis jetzt sitze ich - mit Unterbrechung von insgesamt etwa einer Stunde, die ich außerhalb meiner Wohnung verbrachte um Einkäufe zu tätigen, nur das Lebensnotwendigste, Wein, Zigaretten und Autos - vor der Glotze. Ich kann kaum erwarten dass endlich ein Scheinwerfer auf meinen Wohnzimmertisch kracht, der mir beweist es existiert noch eine Außenwelt. 

Leschs Kosmos: das verseuchte Universum. Der Heribert Faßbender der Populärwissenschaft fordert nicht Billionen Euro, sondern ist scharf auf eine andere Währung - Daten, Daten, Daten. Also Kranke, Kranke, Kranke. 

Jetzt gehts Lanz. Wann eigentlich schläft Karl Lauterbach? Einer der Gäste ist Olaf Sundermeyer, ein Journalist und Publizist, der sich mit Verschwörungstheorien rund um den Corona-Virus befasst. Eine Verschwörungstheorie besagt, dass die Pharmaunternehmen die Welt beherrschen und Regierungen als gobaler "deep state" daran arbeiten im Interesse der Pharmaunternehmen die Freiheitsrechte aufzuheben und Zwangsimpfungen durchzusetzen. Als geneigter Leser des "Lexikons der Verschwörungstheorien" erlaube ich mir die Anmerkung, dass die Herrschaft der Mediziner über die Welt Iatrokratie genannt wird. 

Ein tatsächlich berührender Moment in einer Talk-Show: alle Teilnehmer schweigen (mehrere Sekunden) betroffen angesichts der Sprachlosigkeit Tim Mälzers, der keine Perspektive für sein Geschäftsmodell und seine Angestellten sieht und die Sendung vorübergehend verlassen wiil, nicht aus Protest, sondern aus Verzweiflung. Ein regelrecht surreal authentischer Moment. Selbst Hubertus Heil - beinahe komatöser Ausbund an Ruhe - verliert seine buddhistische Countenance und entfesselt eine flehentliche Leidenschaft für die Hurzarbeit.

Aerosole sind - glaubt man Karl Lauterbach - durchaus Cargo-Lifter für Viren. Wir sollten aufhören zu atmen. Schweden handelt aus Sicht Lauterbachs verantwortungslos. Nichts gegen den plätschernden Lauterbach, eine Begründung für seine Einschätzung bleibt jedoch aus. Die Realität Schwedens widerspricht aus seiner Sicht den Fakten. Welchen? Und ist ein Widerspruch von Realität und Fakten nicht ein dialektisches Oxymoron?

Wecker stellen. Wenn Karl Lauterbach das für epidemiologisch unbedenklich hält.

   

48. 4. Mai 20

In Phönix vor Ort merkte eine Journalistin beiläufig an bisher sehe sie nicht, dass es mittlerweile ein Schutzkonzept für Einrichtungen der Pflege und Krankenhäuser gebe, in denen nach wie vor das mit Abstand höchste Infektions- und Sterberisiko besteht. Im Lärm der durch ihre Verbandschefs herausgebrüllten Todesschreie der Automobilindustrie und nun auch der Wohnungswirtschaft, denen nur noch zweistellige Milliardensummen der schwieligen öffentlichen Hand ihren Profit retten könne, ist das Wimmern aus den Monaden der Alten- und Pflegeheimen nicht mehr zu hören. Man kann sich über Boris Palmer empören und zugleich genau die Zustände tolerieren, die ihm vorschweben. Boris Palmer befand sich nicht auf Ballhöhe, er forderte etwas, was längst stattfindet. Das ändert nichts an der "Herzlosigkeit und Kälte" (Robert Habeck) seiner Äußerungen. Hätte er sich sparen und einfach weiter zusehen können, wie längst geschieht, was aus seiner Sicht geschehen sollte. Im Schweigen wäre sein Zynismus nicht aufgefallen, das Thema Todeszone Alten- und Pflegeheimen ist abgehakt, ein alter Hut, man widmet sich aktuellen Themen von öffentlichem Interesse:  Die Fußballbundesliga, der Sommerurlaub, die Unverschämtheit Sachsen-Anhalts, etwas Vernünftiges zu tun, statt sich linientreu zu verhalten. Die in Alten- und Pflegeheimen (noch) lebendig Eingemauerten geraten in Vergessenheit, die Brisanz des Themas hat sich abgenutzt, als gelöst gilt ein Problem dann, wenn es keine Aufmerksamkeit mehr erfährt. Boris Palmers Zynismus ist ein Fliegenschiss gegen den Zynismus der Themenwechsel, der Missstände dadurch als beseitigt ansieht, dass man sich nicht mehr für sie interessiert. So gesehen könnte man Palmers sozialdarwinistische Einlassungen als thematische Reanimation deuten, als Versuch das ursprüngliche  sujet `Schutz der vulnerablen Gruppen` noch einmal auf die Bühne zu bringen. Erstens war das nicht seine Absicht, zweitens kam es nicht dazu.   

Der Ministerpräsident von Niedersachsen verknüpft Kritik am `Vorpreschen von Sachsen-Anhalt` mit der Ankündigung, Hotels und Gastronomie wieder zu öffnen. Das Vorpreschen der Anderen ist das Übel. Das eigene grundsätzlich angemessen.   

Besuch von Hotels und Gastronomie werden als Freizügigkeit verkauft, Freiheit ist eine Ware wie jede andere Sache, die ihren Preis hat. Neben der Hoffnung einer damit erfolgenden Ankurbelung der Konjunktur dient die Öffnung dem Aggregieren von Daten. Jeder Besucher eines Hotels oder eines Restaurant soll - Stichwort: Nachvollziehen von Infektionsketten - seine persönlichen Daten hinterlegen. Was als Lockerungen von Beschränkungen gepriesen wird lässt sich auch als Experiment auffassen. Handelt es sich bei Gastronomie- und Hotelbetrieben um Hotspots? Sind die Menschen bereit, für ein Abendessen und einen One-Night-Stand im Hotel zur Aufgabe ihres Rechtes auf informelle Selbstbestimmung aufzugeben? Hier wird mit der Gesundheit und den Persönlichkeitsrechten der Bürger gespielt. 

Eine volle Innenstadt ohne Lächeln. Mund-Nasen-Schutze liegen achtlos weggeworfen zwischen Pommesschalen auf dem Trottoir. Die Schlangen die sich bilden sind längenkontrahiert, der Abstand zwischen den einzelnen Menschen erscheint stark verkürzt. Engpässe zwischen den Menschen versperren an Kreuzungen Passanten den Weg, entweder man nimmt Umwege im Kauf oder tunnelt gebückt hindurch, auf Tuchfühlung mit den Masken der Patienten, die vor Saturn auf Behandlung und Heilung ihrer mobilen Endgeräte warten. In den Schläuchen der Fußgängerzone tummeln sich die Menschenmengen, im Wald gilt die Kontaktbeschränkung auf 2 Personen. Grober Unfug und Gängelei.

Die Innenstadt ist zur emotionslosen Zone gefroren. Gesichter werden unlesbar, die Ausdrücke, die uns die Befindlichkeit unserer Mitmenschen mitteilen, werden zensiert. So wie Frauen, denen das Zeigen ihrer Gefühlsregungen als unschicklich verboten wird, drücken sich nun die meisten Menschen durch die Gassen, da es zwischen den Geschäften zu umständlich ist, die Maske immer wieder auf- und abzusetzen und dies ohnehin den Hygienevorschriften widerspricht. Die Emotion die bleibt ist die Angst vor dem Nachbarn. Die Maske soll Achtung vor der Unversehrtheit des Gegenübers zwangssymbolisieren, stattdessen ist sie Symbol allgegenwärtiger Furcht, die das Verhalten steuert. Damit wird zugleich der Einfluss reduziert, den die Kommunikation zwischen Verkäufern und Kunden auf die Konsumfreude hat. Unter diesen Bedingungen von einer baldigen Wiederbelebung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens auszugehen erscheint abwegig. Die Umstände, die ein reibungsloses Funktionieren der Marketing-Maschinerien garantierten sind nicht mehr gegeben. Wenn Einsicht in die Notwendigkeit des Überdenkens der vormaligen ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen nicht zu gravierende Änderungen führt, dann möglicher Weise die Paralyse der VerbRaucher.   

Die Heinsberg-Studie kommt zum Schluss, dass 1,8 Millionen Menschen in Deutschland infiziert waren oder sind. Die Infektionssterblichkeit (IFR) läge - gemessen an den Gangeltzahlen - bei 0,37%. Auf Stellungnahmen und Konsequenzen darf man gespannt sein. Immerhin käme man bei 60 Millionen Infizierten auf über 200000 Tote - ohne Medikament und/oder Impfstoff (dies allerdings über einen Zeitraum von deutlich mehr als 10 Jahren bei derzeitigem Verlauf).

Bissig: die Karikatur einer Massendemo, die mit Transparenten gegen den Virus protestiert: "Nieder mit Corona"..."Maske gleich Diktatur". Simplicissimus-würdig.

Ach ja. Bundespressekonferenz ist auch. Tilo Jung überzeugt erneut als journalistischer Sisyphos. Ein Beispiel: Tilo Jung fragt nach der Anzahl der Atombomben in Deutschland. Antwort des Sprechers des Auswärtigen Amtes: Weiß ich nicht. Jung: Können sie das nachreichen? Burger: ich weiß nicht ob ich das nachreichen kann und darf. Farce pro toto. Was ist schon eine Massenvernichtungswaffe mehr oder weniger? Phoenix schaltet vom No-Theater der BPK um zu Hubert Heil, der sich zum Thema Maskenarbeitslosigkeit äußert.

Dass die Spahnplatte gelegentlich einen Sprung hat bleibt dem Kenner des korrekten Aufsetzens von Maulkörben nicht verborgen. Für die Idee des Immunitätspasses hätte ich jedoch Sympathien, wenn der Pass diplomatische Immunität garantiert.

Der Spendenmarathon der EU für die Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten: der Bildhintergrund erinnert an Teleshopping-Sendungen. Eine fröhliche Crowdfunding-Auktion, die eine Umverteilung  von öffentlichen Geldern in Pharma-Unternehmen in die Wege leitet. Wenn das hilft stellt sich die Frage: wem, wann und wem nicht?

Zehn Corona-Infizierte in der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga. Da fehlt doch noch einer. 

Ein Beitrag über Angst in Zeiten der Katastrophe belehrt mich, dass die Sucht nach Informationen über die Katastrophe, ihre Ursachen, ihren Verlauf Symptom einer Angststörung sein können. Faszinierend. Da wäre ich von alleine nie drauf gekommen. Ich mag dem nicht widersprechen - wozu auch. Statt mich den anonymen Angstgestörten anzuschließen halte ich es mit Lenin: Macht eure Krankheit zur Waffe. Auf die Sucht zu verzichten empfinde ich als schicksalsergeben. Da verarbeite ich lieber den Input zum Skript, mein stumpfes Küchenmesser mit der Gravur `Camus` im Griff.

Die Realität der Karikatur: wir befinden uns in einer Nebelbank, deren Ende nicht in Sicht ist. Die Crew will eine Perspektive. Wenn der Ausguck im Krähennest nicht `Land in Sicht` ruft stürzt man den Überbringer der schlechten Botschaft. Also ruft er Land in Sicht. Den Nebel beeindruckt das nicht. Da ruft der Ausguck plötzlich: Schweden! Auf einmal ist Tegnell ein gefragter Interviewpartner in den öffentlich-rechtlichen Medien.

Gegen Übelkeit hilft Schlaf. Die Publikumsfrage einer 70jährigen Frau, ob sie selbst darüber entscheiden darf, welchen Risiken sie sich aussetzt wurde komplett ignoriert, nicht durch Schweigen, sondern durch Antworten auf Fragen, die nicht gestellt wurden. Man hätte einfach `nein´ sagen können, das wäre eine ehrliche, wenn auch kaum verfassungsgemäße Replik gewesen. Das beredte Beiseiteschieben der Frage hingegen: niederschmetternd und verräterisch, aber richtungsweisend. Schilder vor den Restaurants: Zutritt für Senioren auf eigene Gefahr, Enkel haften für ihre Opas (gegebenenfalls für ihre Eltern). Zum Erbrechen, dass die Frage der Zuschauerin nicht entschieden mit `ja sicher` beantwortet wurde. 

  

47. 3. Mai 2020

Aus aller Welt: Krankenwagen, die wegen Benzinmangels nicht fahren. Särge, die auf Skateboards transportiert werden (Venezuela). Hungernde, die gegen Ausgangssperren verstoßen um ins Gefängnis zu kommen. Drohende Hungersnöte von biblischen Ausmaßen. In der Türkei wird ein Syrer von einem Polizisten ins Herz geschossen. Er hatte gegen die Ausgangssperre verstoßen. In einem noch nicht gegebenen Interview wird der Satz fallen: Wir werden alles dafür tun, dass wir hier solche Verhältnisse nicht bekommen. 

Heiko Maas hat nationalen Eigensinn vor einiger Zeit wie folgt begründet: Wir können anderen am besten helfen, indem wir uns erst einmal selbst helfen. Die Priorisierung des Eigenschutzes ist eine bequeme moralische Rechtfertigung für unterlassene Hilfeleistung. Man kann mit Bedauern und Mitgefühl auf das Elend in anderen Regionen der Welt sehen und unbeschwert die Erleichterung darüber genießen, in einem funktionierenden Sozial- und Rechtsstaat zu leben, den man erst jetzt so richtig zu schätzen weiß. 

Der Tagesspiegel vom 02.05.2020 berichtet: "20-bis 24-Jährige treiben die Corona Pandemie in Deutschland an" (Sascha Karberg). Dies legen Berechnungen von Harvard Forschern nahe. Hämisch wettert das kollektive Bewusstsein der Rentner: Na dann ab mit der Risikogruppe in leerstehende Hotels, Ausgangssperre verhängen, Sperrzonen rund um die Hotels einrichten und den Lockdown beenden. Die Rotzlöffel sollen sich weiterbilden, nicht Party machen. Schön in der Hotelküche kochen lernen, Delikatessen für Seniorenstifte zubereiten statt Philosophie und Betriebswirtschaft zu studieren oder für Erdogan zu demonstrieren. Wir werdens Euch zeigen die Älteren wegsperren, damit die Jüngeren sich frei entfalten können. Lümmel!

Sonntage sind Tage des Corona-Mangels. Während ich werktags Berichte auf mich einrieseln lassen kann, ohne eigene Anstrengung informell gemästet wie eine Made im Speck, muss ich mir sonntags Themen suchen. Da ich eine Sendung auf 3sat zu "Corona und die Psyche" verpasst habe, die nicht wiederholt wird gebe ich vor mich hin grummelnd genau das als Suchbegriff ein. Dabei stoße ich bei MK kreiszeitung.de auf ein Interview mit dem Hirnforscher Gerhard Roth und dem Betriebswirt Sebastian Herth, die warnen: "Ausschlafen fördert Depressionen." Therapietipp gegen Agressionen: "ein schönes Buch angucken."..."Morgens um 6 Uhr aufstehen und Gymnastik treiben. Man sollte Dinge tun, die man schön findet." (01.05.2020). Was bleibt dann denen übrig, die weder jemals von Turnvater Jahn gehört haben noch die Soldaten in Full Metal Jacket um ihr schönes Leben beneiden? 

Gegen Depressionen hilft mir die Betrachtung der Tore des Jahres. Abgesehen von Zlatan Ibraimovics Fallrückzieher ist das Tor des Jahres 2015 von Carsten Kammlott vom FC Rot-Weiß Erfurt der Hingucker. Unglaubliches Tor. Die Einspieler sind auch wegen der drolligen Kommentare sehr erheiternd. Wenn man darauf steht sich vor dem Presseclub ein wenig in die seelische Lage von besonders schutzbedürftigen Senioren zu versetzen, dann nehme man allen Mumm zusammen und setze sich den Schlagern der von Stefan Mross moderierten Kitschparade "Immer wieder sonntags" aus. So stelle ich mir die Wohlstandshölle vor. Social Hellfare.

Die WHO erklärt Schwedens Corona-Strategie für vorbildlich. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das zuvor verdammte schwedische Modell als Blaupause für eine möglichst rasche Beendigung des Lockdowns adaptiert wird. Das hat weniger mit einem plötzlich eingestimmten Loblied auf demokratische Freiheiten zu tun, sondern folgt der Logik der Relativierung des Grundrechtes auf körperliche Unversehrtheit zugunsten der Öffnung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens. Die höhere Todesrate in Schweden tritt in ihrer Bedeutung zurück hinter die mit höheren Freiheitsgraden verbundenen Vorzüge: langfristiger Rückhalt in der Bevölkerung, geringere Reaktanz, höhere Konsumfreude bei größeren Freiheitsgraden und Vorhandensein kultureller und gastronomischer Angebote, Kontinuität im Bildungswesen (Universitäten, Schulen und Kitas) und so weiter. Der Weg zur Öffnung der Wirtschaft wird scheinheilig damit begründet, das die Bürger sich vorbildlich verhalten haben und man ihnen nun den verantwortungsvollen Umgang mit den Freiheiten des schwedischen Modells zutraut. Sollte diese Entwicklung eintreten, dann geschieht aus falschen Gründen das Wünschenswerte. Dem Lockdown folgt der Lockerdown.  

Eine Freundin bezeichnete die Unsicherheit bei der Bewertung von Corona-Statistiken als Heinsbergsche Unschärferelation. Sehr hübsch.

Im Presseclub zum Thema "Kinder als Verlierer: Verspielen (!) wir die Zukunft unserer Kinder?" hält sich eine Anruferin nicht an die Regel nur Fragen stellen zu dürfen, sondern unterbreitet einen vernünftigen Vorschlag - diejenigen weitgehend weiter digital zu unterrichten, die zu Hause die Voraussetzungen dafür vorfinden und denjenigen Präsenzunterricht in den Schulen anzubieten, die zu Hause schlechtere Voraussetzungen vorfinden und zudem verstärkt von häuslicher Gewalt und von Missbrauch bedroht sind. Nun ist es ja nicht nur ein Affront, wenn man den Status der Experten - Mütter und Väter aus dem gehobenen Establishment - dadurch unterminiert, dass man selbst ein gutes Konzept vorstellt, sondern man kann schon an dem Gesichtsausdruck in der Runde ablesen, wie die Antwort ausfällt. Ein kreativer Vorschlag, aber. Das kommt dabei heraus, wenn man Füchse fragt, wie man am besten Gänse schützt.

"Es gibt keinen Damm der hält zwischen Deutschland und seinem Sommerurlaub." (Nikolaus Blome) Die nächste Gefahr für die Mittelmeerländer: Deutsche Klimaflüchtlinge.

Man kann Putin für Vieles kritisieren. Einer gewissen Komik entbehrt es jedoch nicht wenn - wie heute in der Tagesschau - die Entscheidung den Regionen zu überlassen, welche Lockerungen sie durchführen als Weiterreichen des Schwarzen Putins gegeißelt wird. In Deutschland nennt man dieses Prinzip Föderalismus und Berücksichtigung regionaler Unterschiede. Folgerichtig müsste die Journalistin von der Bundeskanzlerin mehr BASTA! fordern. 

Will Media präsentierte heute einen eher seltenen und einen bisher jedenfalls von mir noch nicht gesehenen Gast. Eine Lobbyisten der Autoindustrie, Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie, Vorstandsmitglied bei Innogy, zuvor Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), zuvor tätig für die Dresdener Bank und nebenbei Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin, Tusch, Hildegard Müller, und Jutta Almendinger, die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Flankiert wurden sie von den bekannten Feministen Robert Habeck und Olaf Scholz, sowie der blauweißen Wuchtbrumme aus Bayern Markus Söder, heute lediglich Nebendarsteller der Show. Den Auftakt der Sendung bildete der Versuch einen Disput über Wolfgang Schäubles Äußerung: "Der Schutz der Menschenwürde schließe nicht aus, dass wir sterben müssen." anzustrengen. Die Provokation fruchtete nichts, dennoch möchte ich Schäubles Satz würdigen, indem ich ihn modifiziere: "Der Schutz der Menschenwürde schließt ein, in Würde sterben zu dürfen." Dieser Schutz wurde nicht gewährt.

Hildegard Müller bemühte sich zu erläutern, wieso die Auszahlung von Dividenden und Boni für Autohersteller trotz Bezug staatlicher Hilfen in Ordnung sei. Sie bleibt für die verheerenden Auswirkungen dieses stoischen Bestehens auf Bestehendem für das Image und damit den Umsatz der Automobilindustrie blind. Es ist schon verwegen genug anzunehmen, die Verbraucher würden angeregt durch Abwrackprämien - Frau Müller erwähnte in diesem Zusammenhang "mittlerweile würden umweltfreundlichen Benziner hergestellt", was einen Widerspruch in sich darstellt - nichts Besseres mit ihrem Kurzarbeitergeld zu tun haben, als ein Auto zu erwerben. Aber am besten noch zu erwarten, dass die sich in Kurzarbeit befindenden Mitarbeiter des eigenen Unternehmens durch den Kauf eines Autos ihres Unternehmens dessen Aktienkurs stützen, Dividenden finanzieren und die Boni leitender Angestellter sichern grenzt an Größenwahn. Jutta Almendinger war nicht die Einzige in der Runde, die der Auffassung war, das könne man den Verbrauchern nicht verkaufen. Erwähnenswert war der Auftritt aber vor allem wegen ihrer Schlussfolgerung, der Trend zum Homeoffice werfe die Bemühungen um Gleichbehandlung von Männern und Frauen um drei Jahrzehnte zurück - die nachrangige, `stiefmütterliche´ Behandlung der Themen Schule, Kita und Familie gegenüber Themen, die auf Automobilgipfeln behandelt werden, spiele dem Patriarchat in die Hände. Frauen würden  zurückgeworfen auf ihre Rolle des Heimchens am Herd, das Kinderbetreuung und Arbeit unter einen Hut bringen soll. Am besten ohne das Haus zu verlassen, es sei denn sie kauft ein oder geht einem schlecht bezahlten Teilzeitjob in einem Pflegeberuf nach. Fein beobachtet, aber auch in diesem Punkt verschärft die Krise bereits bestehende Trends. Grundlegende gesellschaftliche Änderungen werden wohl erst dann möglich sein, wenn in Beratergremien der Bundesregierung nicht länger "mehr Männer sitzen, die Jürgen heißen, als Frauen" (Dietmar Bartsch).

Die Nebendarsteller sind sich einig: Die Automobilindustrie muss wieder hoch fahren. Auf eine Rampe ins Nichts?

In Katalonien gibt es bald wieder Barcelonarbeit.

Damit endet der "Tag des Lachens". Kein Witz. 0:00. Schluss mit lustig. 

  

46. 2. Mai 2020

"...sei Dank. Nur ein Alptraum. Ich schlendere parallel zu einem blutorangenen Sonnenuntergang die Küste entlang. Gerate in einen Mückenschwarm, der die Luft trübt und zum Schwirren bringt. Der Schwarm verdichtet sich, ich kann die Steilküsten, den Leuchtturm und das Meer nicht mehr sehen. Sie lösen sich vom oberen Rand meines Sehfeldes her auf wie die Szenerien in Inception, ich löse mich auf in dem Schwarm, der so dicht wird, dass ich ihm gleich bin. Das Gefühl zu ersticken lässt mich hochschrecken. Der Tag bricht an, im Halbdunkel des Morgengrauens ist die Sicht noch körnig, als überlappe das Traumgeschehen, dem ich grade noch entkommen bin die Wirklichkeit des frühen Morgens. Um mich zu beruhigen stehe ich auf und begebe mich auf die Terrasse. Alles in Ordnung. Im Westen kündigt eine Corona aus Licht über einem Meer aus Samt den Sonnenaufgang an. Alles nimmt seinen gewohnten Gang, alle GeStirne sind noch an ihrem Platz."

(...)

Ostafrika leidet unter der schlimmsten Heuschreckenplage seit 25 Jahren. Die Bauern kommen gegen die Plage nicht an, weil coronabedingt die Lieferung von Pestiziden ausbleibt. Die Pandemie stört komplexe, globale Wechselwirkungen, erst allmählich werden die Symptome deutlich. Deutschland lobt sich. Man freut sich wie ein Schneekönig weil man bisher so gut durch die Krise kam. Als wäre Deutschland allein auf der Welt. Was denkt ein Optimist, der aus dem Fenster einer Wohnung im 20. Stock stürzt, wenn er am 10. Stock vorbeifliegt? Bisher ist ja noch alles gut gegangen. 

Die kluge Unke springt gar nicht erst in den Topf.

Eine Studie von Lutz Thieme kommt zu dem Ergebnis, dass Olympiateilnehmer früher sterben als der Durchschnitt der Bevölkerung. Deutsche Olympiasieger sterben noch früher, als die Teilnehmer die leer ausgingen. Die Ergebnisse der Studie hat Thieme in der Zeitschrift "German Journal of Exercise and Sport Research" unter der Überschrift "Jung stirbt, wen die Götter lieben" veröffentlicht. Was lernen wir daraus? 1. COVID-19 wurde in die Welt gebracht, um Olympische Spiele zu verhindern (denn Sport ist Mord). 2. Erfolglosigkeit und mangelnder Ehrgeiz steigern die Lebenserwartung. 3. Ständiger Leistungsdruck und Wettbewerb machen krank und senken die Lebenserwartung. Alle Selbstoptimierer, die jetzt wie Heuschreckenschwärme über die Rad- und Laufwege herfallen und auf Friedhöfen Trauergäste verscheuchen sollten gewarnt sein. Alle Baumarktjunkies, die immer ein Projekt brauchen ebenfalls. Das Geheimnis eines langen Lebens besteht in der Befolgung des Ratschlags: Es gibt viel zu tun - lassen wir es bleiben.

Lassen wir Es schreiben. Ein mir gewogener Mensch rät mir, mich mehr ums Veröffentlichen in den sozialen Medien zu bemühen. Darum geht es nur am Rande. Bei jedem Buch, dass ich beginne bin ich gespannt, ob ich sein Ende erlebe. Ums Publikum kann man sich später kümmern wenn es denn noch da ist.  

Etwas bedenklich ist der Anblick der Highline auf meinem Schreibtisch schon. Von links nach rechts: Notebook, Kaffeetasse, Aschenbecher, Weinglas...es gibt ein Leben nach dem Tod. Für die Anderen. 

Während das Leben in den Hausgemeinschaften langsam erwacht, nur das leise Zischen von Wasserdampf aus Bügeleisen die über Masken gleiten die Stille bricht - Island in der guten Stube - gieße ich Schwedentrunk in den Wein meiner Begeisterung für Tegnell. 85% der Bevölkerung stehen hinter der Strategie der schwedischen Regierung. Mich würde der Altersdurchschnitt der 15% interessieren für die das nicht gilt.

Frage mich, warum ich so entspannt bin. Bessere Luft vielleicht, weniger akustischer Müll. Der Hauptgrund: als Sozialphobiker, der körperliche Nähe scheut und um Menschen eher einen Bogen macht verhalte ich mich endlich unauffällig. Niemand wundert sich, wenn ich den Passanten, die mir auf dem Bürgersteig entgegenkommen auf den Straßenrand ausweiche.

Auch die Schweizer Wirtschaft wird von der Corona-Krise voll erwischt. Der Umsatz an Kuckucksuhren fällt (im Gegensatz zu den Wanduhren) in den Keller.

Mögen Gemeinsinn und Rücksichtnahme die Regel sein, so gibt es Ausnahmen, von denen ich nicht glaube, dass sie die Regel bestätigen. Ein Pizzabote bekam die (lobenswerter Weise) heiße Pizza ins Gesicht, weil sie angeblich die Pizza ohne Salami bestellt hatte. Selbst dass stimmte nicht: "Die Polizisten hielten fest, dass Pizzaspuren im Gesicht und in dern Haaren des Boten mit den Angaben auf der Online-Quittung übereinstimmten: Mit Salami." (WAZ, 02. Mai 2020). 

Der Lokalteil der WAZ veröffentlicht jeden Tag die neuen Zahlen zu Corona am linken unteren Bildrand der Titelseite. Stand 01. Mai sind seit Beginn der Zählung im März 436 Infizierte gemeldet worden, aktuell infiziert sind 49 Personen, genesen sind 371 Personen, gestorben sind 16 Personen. Zum Vergleich: am 29. April waren 435 Infektionen gezählt worden, 59 Personen waren infiziert, 360 genesen, 16 verstorben. Bochum hat ca. 365.000 Einwohner. Angesichts dieser rückläufigen und niedrigen Zahlen kann man sich schon fragen, was denn jetzt Maßnahmen wie die Maskenpflicht und das Kontaktverbot für mehr als zwei Personen noch bringen sollen. Man darf gespannt sein, wie weit die Berücksichtigung regional verschiedener Gegebenheiten (wenn überhaupt) gehen wird.   

Der Arbeitgeberverband Pflege warnte am Freitag in Berlin die Bundesländer davor, die Besuchsregelungen in stationären Pflegeeinrichtungen zu lockern. "Altenpflegeheime dürfen nicht zum Spiel auf Leben und Tod werden." Da hat wohl eine Branche Angst, dass zu viele Menschen zu sehen bekommen dass Altenpflegeheime genau das sind. Wie heißt Russisch Roulette für Senioren? Pflegeheim.

Das Superlativ von Hirnverbranntheit ist eine halbseitige Werbeanzeige des Bundesgesundheitsministeriums in der WAZ. Es zeigt zwei auf etwa einen halben Meter Abstand nebeneinander stehende Frauen mit Maulkorb, die ihre Handflächen aneinander halten. Dazu der Slogan: Wir halten Abstand. Und trotzdem zusammen. JA WAS DENN NUN? Das kann auch nur aus dem Ministerium von jemandem kommen, der Masken verkehrt herum aufsetzt und volle Fahrstühle liebt.

Ups...bei genauem Hinsehen erkennt man den unterschiedlichen Bildhintergrund beider Frauen, auf den ersten Blick kaum zu erkennen. Die Botschaft: auch getrennt sind wir uns nahe. Die Kampagne war nicht hirnverbrannt sondern zu raffiniert für mich...spricht das für die Anzeige? Warum sollten zwei Personen Masken tragen, die keinen öffentlichen Raum teilen außer dieser halbseitigen Werbung? Ich korrigiere mich von hirnverbrannt zu durchdacht, aber misslungen.

Fußball ist ein Kontaktsport. Wenn das Hygienekonzept der DFL so brillant ist, dann gibt es wohl keinen Grund mehr, die Öffnung von Branchen zu verzögern, in denen es gar nicht zu physischen Kontakten kommt. Jedenfalls wäre dies das Signal welches von einer Wiedereröffnung des Spielbetriebs ausgeht. Ein Steilpass in die Tien der Geschäftsräume, Konzerthallen und Biergärten. Das nächste Gebot das kippen sollte - zurecht - ist die Beschränkung auf 2 Personen, die sich im öffentlichen Raum bewegen dürfen. 

Wenn die Vermutung zutrifft, dass die Immunität gegen COVID-19 nur ca. 3 Monate Schutz bietet, kann man nur sagen: Das ist doch was. Dann infiziert man sich im Mai und kann zwischen Juni und August mit dem befristeten Immunitätszertifikat des Gesundheitsministeriums (die sogenannte Spahnplatte) in die Sonne reisen. Für Risikoscheue wird es mit Sicherheit einen schwunghaften Handel mit IZs im Dark Net geben. Ich würde wohl diesen Weg beschreiten müssen, weil ich keine Ahnung habe wie ich in einer Stadt mit 375.000 Einwohnern an einen der 49 aktuell Infizierten gelangen soll. Wahrscheinlich existiert schon ein interregionaler Corona-Tourismus Gleichgesinnter, die sich als SeniorInnen verkleidet in Alten- und Pflegeheime einschleusen. Dort bringen sie die Greise zum Singen und erhalten ihre COVIDusche. Die Bewegung hat bestimmt schon einen Namen. Chorona?  

Der Ausdruck `Wirtschaft wieder hochfahren`: als würde man einen Computer, den man herunter fährt durch Betätigen eines Schalters einfach wieder in Gang setzen und alles ist sofort wieder wie zuvor. Mann wird sehen welche Updates erforderlich sind, damit die der `Gesellschaftscomputer´ wieder läuft, ohne sich aufzuhängen. Ob auch die Benutzer wieder wie gewünscht `hochfahren` muss sich erst erweisen. 

Sachsen-Anhalt und sein unfrisierter Ministerpräsident lassen Fünfe grade sein - Lockerung der Kontaktsperre. Bilder in den Straßen von Madrid wie von einem Stadtmarathon. Hoffnungssch(l)immer. Ich schlafe mit einem Daumen im Mund ein. 

   

45. 1. Mai 2020

Gestern Lanz in den Mai. Als Avatar zu Gast bei Lanzelot: Stephan Grünewald, der Verfasser von "Deutschland auf der Couch" ist Mitglied des Expertenrats von Armin Laschet. Er ist Psychologe, Marktforscher und Gründer des "Instituts für qualitative Markt- und Medienanalyse". Für seine Marktforschungsprojekte verwendet er Tiefeninterviews, von denen etwa 5000-7000 im Jahr durchgeführt werden. Zu seinen Kunden gehören zahlreiche Konzerne und Marken. Er liefert seinen Auftraggebern die Informationen, die einer passgenauen Beeinflussung des Konsumverhaltens dienlich sind. Armin Laschet (siehe die Casa Daniel Dettling) hat ein eiskaltes Händchen dafür, Experten um sich zu scharen, die aufgrund ihres Kundenkreises gar nicht erst im Verdacht stehen unabhängig zu sein. Dies außer acht lassend, weil die neue Normalität sich in diesem Punkt als deckungsgleich mit der alten Normalität erweist, kann man sich daran erfreuen, wie erstaunt Psychologen sind, wenn sie bei Auswertung ihrer Daten zu Resultaten gelangen, die auf der Hand liegen. Entgegen der propagierten Solidargemeinschaft, erläutert Grünewald und bewegt seine Hände dabei so, als setze er den Inhalt aus einem Überraschungsei zusammen, neigen die Deutschen derzeit zu Regression und Vereinzelung. Man könnte vermuten, dass diese Tendenz Reaktion auf die Kontaktbeschränkung und das Abstandsgebot ist, aber es ist in Ordnung, wenn 5000 Interviews zu Tage fördern, dass Wurzelbehandlungen mehrheitlich als unangenehm empfunden werden - solange jemand dafür zahlt freut sich der Marktforscher. Umso besser wenn es die öffentliche Hand ist, die ihr Füllhorn auch in Krisenzeiten öffnet, wenn es um die Forcierung bahnbrechender Erkenntnisse geht. Die zweite Überraschung, die Grünewald erlebt ist, dass einige mit dem Lockdown gut leben können und keine Eile mit seiner Beendigung haben. Sie genießen die Entschleunigung, die Abwesenheit von Druck und erleben die kontemplative Stille des ökonomischen Komas als Beginn eines Neuen Lebens - vorsichtig und tastend wie die Tiere, die Grünanlagen und Innenstädte als Terrain für sich erschließen. Da brat mir doch einer n Storch: einige Privilegierte, die sich um ihre ökonomische Situation (noch) keine Sorgen machen genießen ihre zusätzliche Freizeit, die Abwesenheit von sozialen Verpflichtungen, die Reduzierung von Dienstreisen und das Angebot von Streaming-Diensten, die sich dumm und dusselig verdienen. Da staunt das Publikum mit offenem Mund.

Ein neues Leben. Gerne. Aber mit Verreisen.

Mein alter Ego besuchen, das über dem Meer an Steilwänden klettern geht. Am Ende der Seillänge lecken Ziegen ihm den Schweiß von der Stirn.

Draußen schweigt das Demonstrationsrecht und der Straßenverkehr. Nur die Wolken marschieren, vom Wind of Climate Change mobilisiert. Pünktlich zum Mai Aprilwetter, das Landwirte hoffen lässt.

Ich zelebriere Kalsarikännit und verfolge gebannt die Serie `Fauda`, in deren Mittelpunkt der Alltag in dem unauflöslichen Konflikt zwischen Israelis und Palästinenser steht. Das Gewöhnliche der kontinuierlichen Todesgefahr illustriert eine Szene, in der ein kleiner Junge unbeeindruckt fernsieht, während um ihn herum eine wüste Schießerei tobt. Zeitlose Ausweglosigkeit, die frenetische Propheten der Pandemie als Game-Changer in die Schranken weist. Ändern werden sich die Ausgangspositionen von Staaten und Konzernen im globalen Wettbewerb - ein Grund für eine gewisse Gelassenheit wohlhabender Länder beim Registrieren der Wirtschaftszahlen und des body count. 

George Sorrows, der als Meister der Auslöser von und der Spekulation auf Währungskrisen zugleich schärfster Kritiker der von ihm perfektionierten Praxis ist und der als Hedgefonds-Guru, Multimilliardär, Philantrop, Autor und Karl-Popper-Anhänger (Sein Buch "Für die Verteidigung der offenen Gesellschaft" empfiehlt sich durchaus zur Lektüre) sämtliche Widersprüche Piketty´s Kapitalismus ohne Persönlichkeitsspaltung auf sich vereint hat die Lösung aller Probleme der EU mit der Corona-Krise, dem Klimawandel und der Flüchtlingskrise. In einem Essay von poetischer Kürze und ergreifender Schlichtheit schlägt er vor, die EU möge sogenannte Consols, ewige Anleihen mit unbegrenzter Laufzeit in Höhe von 2 Billionen Euro ausgeben. Diese Anleihen wären verzinst, aber nicht rückzahlbar. Deutschland, wie er hervorhebt, würde aufgrund des derzeitigen Negativzins sogar profitieren. Greift man nicht zu diesem Instrument geht erst die EU unter, dann stirbt die Menschheit aus. Lesenswert ist das (George Soros, "Die EU muss sich zusammenraufen - oder sie zerfällt", SPON, 1. Mai 2020). Dennoch verblüfft der schon rührend unerschütterliche Glaube daran, dass Geld die Probleme beseitigt, die erst durch den verdammten Hunger nach Geld hervorgerufen werden. Dieser Glaube spiegelt sich in der Biografie einer schillernden Persönlichkeit, die erst die zerstörerische Kraft der Wette auf den Niedergang von Volkswirtschaften mit allem damit verbundenen Elend entfaltet und den erwirtschafteten Wohlstand dann ins Gemeinwohl reinvestiert.  

An Tagen ohne Corona-Berichterstattung leide ich unter Beklemmungen. Selbstzweifeln. Ohnmachtspantasien. Fracksausen. Vor allem aber daran, dass ich vergaß Wein und Cashew-Kerne zu kaufen. Letzteres lässt sich durch einen Gang zur Tankstelle beheben. Gegen Selbstzweifel hilft eine Schreibpause. Schließlich schreiben sich derzeit so viele Homeofficer die Finger wund - und beklagen sich darüber, dass jetzt Hinz und Kunz öffentlich ihren Senf zu den Corona-Debatten hinzugeben - dass mein Fehlen nicht auffällt. 

Verdrängt hatte ich einen Beitrag zu Lebendtiertransporten in der Sendung 37 Grad. Kurz zusammengefasst: Rinder und Schafe, die als Schlachtvieh auf Schiffen um die halbe Welt geschickt, bei brütender Hitze und klirrender Kälte eng zusammengepfercht über Land transportiert werden, damit ihnen vom Empfänger ohne Betäubung die Kehle durchgeschnitten wird. Geboren um Martyrien zu erleiden, die Profit durch den Verkauf von Fleisch und Leder generieren. Kühe, die fast verhungert und verdurstet nicht mehr laufen können, werden per Lastkran aufgehängt an einem einzelnen Huf von Schiffen transportiert. Ihre Knochen brechen dabei unter ihrem eigenen Gewicht. Bei der Schächtung drücken die Schlachter dem Tier ein Auge in den Schädel, damit die Schmerzstarre den Schnitt durch die Kehle erleichtert, nachdem die Tiere noch minutenlang leben. Exporte aus Brasilien, die von Spanien aus über das Mittelmeer in die Türkei, nach Lybien, in den Libanon verschifft werden. Ein Leben nur für das Leiden und einen qualvollen, durch religiöse Rituale gerechtfertigten Tod. Der Beitag beschränkt sich auf die Brandmarkung von Zuständen jenseits des europäischen Binnenmarktes, die abstoßend, entsetzlich, erschütternd sind - und einseitig. In Europa, grade in Deutschland, geben die Bauern sich entsetzt, wenn sie erfahren, was Kälbern zustieß, die von ihren Höfen an Viehhändler verhökert wurden. Dabei sind diese Kälber Abfallpodukte der Milchproduktion, die durch künstliche Befruchtung der Milchkühe angeregt wird, und die man dringend los werden möchte, weil sie Kostentreiber sind. Die Reportage ist beklemmend und perfide zugleich, weil sie die Massentierhaltung in Europa durch Fokussierung auf die Grausamkeiten in der Türkei und Nordafrika verharmlost. Dennoch ist es angemessen sie parallel zur omnipräsenten Corona-Berichterstattung auszustrahlen, denn sie wirft die Frage nach der Verhältnismäßigkeit auf, die allenthalben durch die Berichterstattung geistert: wie viel Leid und Schmerz anderer Lebewesen ist für unser eigenes Wohlbehagen gerechtfertigt? Wenn wir Lebewesen quälen und grausam töten, damit wir religiösen Ritualen frönen und Lederschuhe tragen können, ist es eine Illusion, dass wir mit unseresgleichen besser umgehen, wenn dies unseren Interessen nicht dient. Solange es Schlachthöfe gibt, gibt es auch Krieg schrieb einst Leo Tolstoi. Viel wird angesichts der Bedrohung unserer Lebensweise geredet über die Verhältnismäßigkeit staatlicher Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte, nicht selten verbunden mit der dezenten Aufforderung zu Menschenopfern. Verfassung wird hier so gedeutet, dass für das Wohlergehen der Gesellschaft die Wehrlosen zum Teufel gehen sollen, die schlicht als Fremdkörper der Gesellschaft definiert werden - noch weniger wert als ein Nutztier, schädlich wie ein Virus. Mitten unter uns wird dieselbe Geringschätzung des Lebens salonfähig, die sich in unserem Umgang mit Tieren äußert: eine Geringschätzung des Leides und Schmerzes anderer. Die Welt nach Corona wäre nur dann eine bessere, wenn wir anerkennen, dass im Leid alle Kreaturen gleich sind. 

Da ich heute nicht bis in das Morgengrauen des nächsten Tags hinein auf Monitore starren muss, die das EEG des ungesunden Volksempfindens abbilden verabschiede ich mich bis morgen mit dem Hinweis auf einen Artikel auf Spektrum.de SciLogs von Stephan Schleim: "Von der fehlenden wissenschaftlichen Begründung der Corona-Maßnahmen" vom 23.April 2020. Darin folgert Stephan Schleim - ausgehend von Überlegungen des Psychologieprofessors Christof Kuhbandners - aus vielem Bedenkenswerten viel Zweifelhaftes. Er kommt aus nachzulesendem Grund zu der Schlussfolgerung, dass die Anzahl der Neuinfektionen in ihrer Bedeutung überschätzt wird  (im Kern: erstens ist es aufgrund der Differenz von Meldedatum und unbekanntem Zeitpunkt der Infektion verfehlt von Neuinfektionen zu reden, zweitens sind vermehrte Neuinfektionen ein statistischer Effekt der exponentiell zunehmenden Anzahl von Tests) und dass daher auch die Grundrechtseinschränkungen durch die Bundesregierung überzogen sind. Unterstellt man, Schleim und Kuhbandner hätten mit ersterem Recht, heißt das nicht dass die Maßnahmen der Regierung überzogen sind - dies mag zwar auch sein, hat aber mit der Überschätzung der Neuinfektionen wenig zu tun. Nicht dass ich Regierungen nicht zutraue auch gegen besseres Wissen nach dem Motto zu verfahren: Heute stehen wir am Rande des Abgrundes, morgen sind wir einen Schritt weiter, weil sie partout nicht zugeben wollen, dass Schweden Recht hat, jedoch ändert eine geringere Anzahl an Neuinfektionen nichts an der absoluten Anzahl der Toten. Dann ist der Virus zwar weniger infektiös, dafür aber proportional tödlicher. Die Gefahr bliebe dieselbe, die Maßnahmen der Eindämmung wären vergleichbar.

Ich verabschiede mich vom Tag der Kurzarbeit mit dem Zitat einer politischen Aktivistin im Libanon, die bei einer Massenkundgebung während Corona-Lockdown klar stellte: Ich habe keine Angst vor Corona, ich habe Hunger. Erst kommt das Fressen, dann COVID-19. Sehr richtig. Verhungert hat man nichts davon gesund zu sein. 

 

44. 30. April 2020

Morgen. Zwar regiert Corona, aber es wird auch weniger gehustet: eine Studie von Experten rund um Jos Lelieveld vom Max-Planck-Institut für Chemie ergab, dass 6600 Fälle von Asthma dank verringerter Luftverschmutzung allein in den ersten zwei Wochen des weltweiten Lockdowns vermieden werden konnten ("Zahl des Tages", WAZ vom 30. April 2020). 

Trump kann immer noch eins drauf setzen. Fabuliert von vollen Baseball-Stadien. Von der aufregenden Neueröffnung des Landes und der umgehenden Rückkehr zum Leben wie es vorher war. Ergo: Rassendiskriminierung, Chauvinismus, Fremdenfeindlichkeit, Fakenews, Ignoranz von Klimaabkommen, Abbau von Sozialleistungen, Protektionismus, Nationalismus. 

Erfreulich: der Beitrag "Vorzeigestaat Griechenland." (Tagesschau.de, 29.04.2020). Was wurde auf die siechen Griechen in der Vergangenheit eingeprügelt (insbesondere von Wolfgang Schäuble). Im Umgang mit dem Coronavirus entpuppt sich Griechenland als "Musterland der Bekämpfung der Pandemie". Das Geheimnis der niedrigen Infektionsrate besteht darin, dass die griechische Regierung bereits im Dezember 2019(!) den Virologen Sotiris Tsiodras zum Corona-Sonderberater ernannt hat. Früher als in allen anderen Ländern wurden die Dimensionen der Gefahr durch COVID-19 erkannt und Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen. Lediglich 138 Tote seit Ausbruch der Pandemie sind eine bemerkenswerte Bilanz. Ein Teil des Erfolges könnte darin begründet sein, dass die Bevölkerung bis hin zu den kleinen Kindern für das Thema sensibilisiert wurde: "Wenn Sotiris Tsiodras Stimme jeden Abend um Punkt 18 Uhr im griechischen Fernsehen leise einen `Guten Abend´ wünscht, dann ermahnen Eltern ihre Kinder: Seid ruhig. Doktor Tsiodras ist im Fernsehen."

Sollte Griechenland frühzeitig Insidertipps erhalten haben? Wohl kaum. Alle anderen Staaten verleitete die Gier zur Unterschätzung der Gefahr. Schließlich wollte man noch das Geschäft mit dem Wintersport, den Bierzeltfesten und dem Karneval mitnehmen. Es wäre den Griechen zu gönnen, wenn sie aufgrund ihrer raschen Erkenntnis hinsichtlich des zu erwartenden Ausmaßes der Katastrophe durch frühen Erwerb von Technologie- und Pharmazieaktien den Staatshaushalt saniert haben.  

Auch das RKI neigt gelegentlich zu sibyllinischer Zahlenmystik, die mehr verschleiert als klärt und damit Konspirationsspürhunde wie Wolfgang Kubicki auf den Plan ruft. Der ominöse R-Wert ist derzeit überraschend niedrig. Er sinkt parallel zu einer Änderung des Vorgehens bei der Schätzung der aktuellen Neuinfektionen. Statt auf einem Drei-Tage-Mittel basiert die Schätzung auf einem Vier-Tage-Mittel. Die zahlreichen Nachfragen der bei der Pressekonferenz anwesenden Journalisten zum Zusammenhang zwischen der Änderung des Erhebungsdesigns und dem sinkenden R-Wert beantwortete ein Statistik-Experte in einer idiomatischen Weise, die Professor Wieler zu dem Vorschlag veranlasste, für die Journalisten ein Seminar zu der Ermittlung und Bedeutung des R-Wertes zu veranstalten (er hatte seinen Experten auch nicht verstanden).

Soviel habe ich verstanden: die Änderung beim Erhebungsdesign führt nicht zu gravierend anderen, sondern nur zu präziseren Resultaten des Nowcasting, also der Vorhersage eines gegenwärtigen Zustandes aufgrund zurückliegender, nicht aktueller oder nicht vollständiger Daten. Der Wechsel von einer Dreitage-Mittlung zu einer Viertage-Mittlung dient lediglich der Glättung des Nowcasting. Man kann den Prozess der Glättung vergleichen mit dem Filtern von akustischem oder optischem Rauschen. Es werden Daten eliminiert die das Bild verzerren, so dass es klarer und näher an der Wirklichkeit ist.  

Detlef Scheele, der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, hat sichtbar Mühe die Fassung zu bewahren und sich nicht zu verschlucken als er die Zahl von über 10 Millionen Anträgen auf Kurzarbeit verkündet - deutlich mehr als erwartet, was dafür spricht, das das Ausmaß der sozialern Folgen der Pandemie noch immer deutlich unterschätzt wird.

Endlich hört man mal wieder etwas von Gregor Gysi, der die Phönix-Runde aufmischt, indem er den Unsinn bestimmter Maßnahmen aufdeckt, wie zum Beispiel der Soforthilfe für Künstler und Selbständige in Höhe von 9000,00 €, die aber nur für Betriebskosten verwendet werden dürfen, welche die Soloselbständigen gar nicht abrechnen können, weil sie die nicht haben. Sehr wohl haben sie Miet- und Lebenserhaltungskosten, zu deren Deckung die Soforthilfe nicht eingesetzt werden darf. So kafkaesk wie die Senkung der Umsatzsteuer auf nicht entstehende Umsätze.

Videokonferenzen, Homeschooling, Bildstörungen, plötzlich stillstehende Mimik. Wenn der Trend soziale Interaktion bis hin zum Sexualverkehr online - Liebe in Zeiten von Corona - zu gestalten sich fortsetzt, werden wir eine Kultur der uns substituierenden, abgehackten Avatare. Der physische Kontakt als Infektionsrisiko transformiert das Globale Dorf in eine globale Sim City - die bei der ersten Computervirus-Pandemie kollabiert. Und in Deutschland ohnehin nur funktioniert, wenn man bei der Digitalisierung Entwicklungshilfe von Uganda annimmt, wie Gysi süffisant anmerkte.

Hört man UnternehmerInnen wie Sarna Röser, der Bundesvorsitzenden der jungen Unternehmer, und ihren professoralen Fürsprechern zu, dann wäre der beste Weg aus der Krise die Unternehmen genau so gewähren zu lassen wie vor der Krise. Die immensen Beträge, die jetzt für die Stützung der Wirtschaft aufgewendet werden und die zukünftig durch die Steuerzahler zu finanzieren sind, wären folglich an keinerlei Bedingungen geknüpft, auch nicht an die Bedingung der dringend erforderlichen Umgestaltung der Produktion hin zu ökologischer Nachhaltigkeit. Wie vernagelt muss man sein, wenn man als 32-jähriger Mensch, der die Folgen des Klimawandels noch Jahrzehnte zu spüren bekommen wird, auf ein Einfach-weiter-so als Konzept zur Krisenbewältigung setzt? 

Hüten muss man sich davor, diverse Aussagen von interessierten Parteien und Personen auf den Lobby-Plattformen der Talk-Shows für repräsentativ zu halten. Wenn zum Beispiel Blackrocker Friedrich Merz fordert, die Lockerungen zu erweitern, da die Stimmung der Bevölkerung kippe so hat er zwar Recht, aber die Stimmung kippt nicht in die ihm genehme Richtung. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes YouGov gehen 52% der Befragten die Lockerungen zu schnell. Die Forderung "Zuhause Bleiben" bedeutet wohl, dass mehr fern gesehen wird denn je. Die mediale Repräsentation der Wirklichkeit droht als Wirklichkeit missverstanden zu werden, wenn die Abschottung von der Außenwelt und die Einschränkungen des Austausches mit anderen Personen zur Normalität gerinnen. Dann wird es zunehmend schwierig geformte Realität und objektive Fakten auseinander zu halten. Umso wichtiger ist es, sich bei jeder öffentlich getätigten Äußerung in den Medien darüber kundig zu machen, wen und welche Interessen ihr Urheber repräsentiert. Nur weil jemand Professor ist, bedeutet das nicht seine Unparteilichkeit. 

Eine Katze ist jetzt aus dem Sack: "Bundesregierung will Immunitätsausweis einführen" (Kristiana Ludwig, Max Muth, Süddeutsche Zeitung, 29.04.2020). Hierzu wurde im Kabinett ein Gesetzentwurf verabschiedet. `Dies,´ so Jens Spahn, `sei eine Chance, dass Bürger unbeschwerter bestimmten Tätigkeiten nachgehen könnten.´ ... Zum Beispiel Flugtickets buchen...

Die Pläne von Behörden und Unternehmen gehen längst weiter: "Längst denken Unternehmen und Behörden über einen digitalen Immunitätsausweis nach. (...) So eine App wird Menschen vom gesellschaftlichen Leben ausschließen." (Jannis Brühl, "Heikle Experimente auf dem smartphone", Süddeutsche Zeitung, 29.04.2020).

Phoenix persönlich - ein Interview mit der Medizinethikerin Christiane Woopen, die Solidarität wie folgt definiert: "Jeder ist für jeden da." Ein solches Solidaritätsverständnis wäre identisch mit einem Maß an Selbstverleugnung, das selbst eine Borg-Drohne als unzumutbare Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit beklagen würde. Ihre Gleichsetzung des Lebenssinns mit Arbeit passt besser zu einer Protestantin als zu einer überzeugten Katholikin. Dass sie anmahnt auch die Verschlechterung der Situation der Obdachlosen, psychisch Erkrankten und von häuslicher Gewalt Betroffenen müsse sei zu berücksichtigen ist zwar nicht unsympathisch, aber dass es nicht darum gehen darf, deren Status Quo vor Corona wiederherzustellen, sondern darum die Ursachen von Obdachlosigkeit, psychischer Erkrankung und häuslicher Gewalt zu bekämpfen geht ihr dann doch zu weit. Immerhin gibt sie klar der Freiheit den Wertvorzug vor der Gesundheit, ohne dies als Freiheit der Wirtschaft zu interpretieren, zu der die Unfreiheit der Vulnerablen gehören soll. Zudem lässt sich - nimmt man die Gesundheitsdefinition der WHO ernst - Gesundheit nicht von Freiheit trennen (denn Gesundheit ist eben nicht einfach nur Abwesenheit von Krankheit). Unfreiheit ist eine Krankheit: der Gesellschaft, die sie fordert und der Betroffenen, die unter ihr leiden. Wenn Menschen die Wahl hätten, sagt sie, das Leben `gesund` in Gefangenschaft zu verbringen, oder in Freiheit unter der Inkaufnahme von Krankheitsrisiken würden sich wohl alle für Letzteres entscheiden, was mir ein wenig blauäugig erscheint, aber ok. Es könnte schlimmere Vorsitzende eines Ethikrats geben. Zum Beispiel Boris Palmer.

Die von der Bundesregierung und den Ländern beschlossenen Lockerungen machen sich die Sache mit der Freiheit einfach: Freiheit = Shoppen = Konjunktur. Vielleicht hätten sie sich etwas länger mit Frau Woopen unterhalten sollen - oder auch mit ihren Bürgern. Die Bürger haben keine Lust darauf, ihre Bewegungsfreiheit in Fußgängerzonen auszuüben und ihre Handlungs- und Entscheidungsfreiheit aufs Kaufen und die Wahl des Designs ihrer Masken zu beschränken. Die Schlangen vor den Fahrradläden sind ein Fingerzeig darauf, dass eine kanalisierte Bewegungsfreiheit unter den Bedingungen des sozialen Abstandes und der Verhüllung eher als unangenehme Beschränkung empfunden wird. 

Eine erstaunlich lebhafte Pressekonferenz gab das Da-Da-Da-Trio Söder, Merkel, Tschentscher. Angela Merkel ließ ihrer Begeisterung für den wissenschaftlichen Prozess, der täglich etwas Neues zu Tage fördert, so vehement freien Lauf, dass beinahe Bedauern über ihre Berufswahl durchschimmerte. Eine gewisse kindliche Faszination für den Untersuchungsgegenstand Corona und seine den Forschergeist herausfordernden Facetten war unverkennbar. Für Angela Merkel ist die Corona-Katastrophe in gewisser Weise Jungbrunnen und Versöhnung zugleich: ihre naturwissenschaftliche Ader und ihre politischen Fähigkeiten ergänzen sich. Arbeitswissenschaftlich formuliert: Ihr Job ist erfüllend und spricht optimal den Kohärenzsinn an. Das ist gesund. Markus Söder gibt glaubhaft und lebendig einen begeisterten Anhänger des durch Gerichte und die freie Presse korrigierten und kontrollierten demokratischen Rechtsstaats und watscht mit gebotener Entschiedenheit Asozialdarwinisten vom Schlag eines Tübinger OBs ab. Herr Tschentscher bleibt Herr Tschentscher, nüchterner Hanseat, der freier und lebhafter redet als sonst. Das hatte nichts Salbungsvolles, nichts Aufgesetztes und man konnte sich auf einmal vorstellen, es mit Menschen aus Fleisch und Blut zu tun zu haben, bei denen man sich sogar vorstellen kann, dass sie ab und zu mal aus reiner Lebenslust gegen die selbst verordneten Kontaktbeschränkungen verstoßen. Die Lockerungen die verkündet wurden sind aus meiner Sicht keine Kleinigkeiten, sie setzen an kulturellen und sozialen Bedürfnisse an (Zoobesuch-endlich wieder Fernsehprogramm für die Tiere und Vermeidung der Schlachtung von Zootieren um Fütterungen für Raubtiere zu gewährleisten - Museen, Spielplätze etc.) und sind mehr, als man von diesem Zwischentreffen erwarten durfte. Wenn es eine Show war, dann keine schlechte - dementsprechend statisch und einstudiert wirkten die anschließenden Einlassungen der Opposition. Das ändert nichts daran, dass ich das schwedische Modell dem deutschen Vorgehen vorziehe, aus Gründen die bei capital.de nachzulesen sind: Maike van den Boom, "Schwedens Corona-Weg - ein Leadership-Modell der Zukunft?", capital.de, 30.04.2020. Dass dieser Artikel in einem Wirtschaftsmagazin erscheint verwundert nicht: mehr Freizügigkeit, mehr Geschäft, weniger lockdown, mehr Kunden.   

Maskenzwang auch für Tiere. Im Netz kursieren zahlreiche Videos von Haustieren, deren Besitzer ihre Lieblinge mit Masken vor einer Infektion mit COVID-19 schützen wollen. Aufgrund der Beschaffenheit der Masken ist dieses Vorhaben von überschaubarem praktischen Wert. Doch bei seltenen, vom Aussterben bedrohten Tierarten ist das Risiko einer Zoonose vom Menschen auf das Tier tatsächlich gegeben. Eigentlich nichts Neues: die schlimmste Bedrohung für die Tierwelt ist der Mensch. Tierbetreuer und Tierschützer werden aufgrund der Corona-Pandemie unfreiwillig zur Bedrohung für ihre Schützlinge - eine Situation die derjenigen in Pflegeheimen und Krankenhäusern entspricht. Es wäre zu begrüßen, wenn aus einem wachsenden Bewusstsein der Menschen dafür selbst eine bedrohte Art zu sein ein anderer, respektvoller Umgebung mit Tieren entsteht - zum eigenen Nutzen, denn der Erhalt und Schutz der natürlichen Umgebung unserer tierischen Nachbarn beugt Zoonosen und damit weiteren Pandemien vor.

Armin Laschet verwandelt kurzerhand 10,2 Millionen Anzeigen der Arbeitgeber, aus denen sich die Anzahl der für Kurzarbeit in Frage kommenden  Beschäftigten ergibt, in 10,2 Millionen Beschäftigte, die sich in Kurzarbeit befinden. Über den Umweg der angenommenen Gesundheitsgefährdung dieser Beschäftigten, die sich überwiegend noch gar nicht in Kurzarbeit befinden, gelangt er zur Notwendigkeit weiterer und schnellerer Lockerungen. Jeder erfindet sich die Fakten, die er braucht.  

Nicht ohne Witz ist folgender Werbeslogan der Apotheken-Umschau: Was Sie jetzt in Corona-Zeiten über Gesichtsmasken wissen müssen.

Auch ein veritabler Verfassungsexperte wie Udo di Fabio ist nicht gefeit davor Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Auf die Frage wie er Wolfgang Schäubles Aussage zur Relativität des Wertes menschlichen Lebens bewerte antwortet er bei Maybrit Illner: Die Gesellschaft nehme 5000 Verkehrstote pro Jahr in Kauf, ohne Automobile zu verbieten und nehme Influenza-Tote in Kauf, ohne per Lockdown die Ausbreitung der Grippe zu unterbinden, beides aus Gründen die etwas mit der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen zu tun haben, die man zur Vermeidung von Gefahren für Leib und Leben ergreift. Das ist aber etwas völlig anderes, als gezielt und bewusst das erhöhte Sterberisiko einer bestimmten, besonders verletzlichen Bevölkerungsgruppe herbeizuführen oder diese Bevölkerungsgruppe komplett vom sozialen Leben zu isolieren. Der Verfassungsbruch bestünde entweder in der Verletzung der Menschenwürde bei Isolation, oder in der Verletzung des Rechtes auf Unversehrtheit. 

Im Falle der Verkehrstoten findet eine diskriminierende Differenzierung wie oben geschildert nicht statt und es wird nicht gezielt für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe das Sterberisiko erhöht, im Falle der Grippe existiert ein Impfstoff und sie ist weit weniger infektiös. Di Fabio ignoriert diesen Unterschied. Er erweist sich als ein weiterer Türöffner, der seine tendenziöse Aussage in eine weite Robe aus Einerseits/Andererseits kleidet.

Markus Lanz darf im Zusammenhang mit dem Thema Öffnung der Schulen endlich wieder sein Lieblingswort Maskenpflicht mit drei Ausrufezeichen aussprechen. Ansonsten entpuppt sich die Sendung als Wiederholung von Illner mit anderen Gästen (darunter Alexander Lambsdorf, der Antikörper der FDP).

Ich gratuliere vor der Nachtruhe ohne Nachtjournal noch Captain Moore zum Hundertsten und zur Beförderung in den Rang eines Colonels, dann bette ich mich zur Ruhe und träume von Räuber Hotsenspots.

 

43. 29. April 2020

Morgens ist der Supermarkt um die Ecke nahezu menschenleer. Kunden schützen mittels Maulkorb 10 Meter weit entfernte Kunden vor dem Tröpfchensturm ihres mürrischen Schweigens. Abstand halten ist mühelos möglich. Aber die wenigen Kunden, die heute einkaufen genügen um die Atmosphäre einer Intensivstation zu verbreiten, in der das OP-Team grade vergeblich um das Leben eines Patienten kämpfte. Es herrscht eine gespenstische Stille.

Das war gestern. Heute begebe ich mich nur ins Einkaufszentrum, weil sich dort der Kiosk befindet, an dem ich regelmäßig meine Zeitung kaufe. Also 2 Minuten Mundschutz für den Erwerb einer Zeitung. Mir ist bewusst, mich ebenso am Thema Maulkorb abzuarbeiten wie der von mir viel verspöttelte Markus Lanz, nur mit entgegengesetzter Ladung (Maske + vs. Maske -). Der Grund besteht darin, dass ihre psychologische Wirkung nach meinem Empfinden weit über die vordergründig beabsichtigte Signalwirkung (Rücksicht durch Vorsicht) hinaus geht. Es besteht eine Verpflichtung, das eigene Sprechen als Risiko für andere zu stigmatisieren. Freie Rede, unzensiert durch einen zwangsverordneten Filter, gerät zu einem Fehlverhalten - bisher nur in bestimmten Bereichen des öffentlichen Raumes. Je präsenter die Maske wird, desto leichter gerät ins Visier der Ordnungsmächte und der Denunzianten, wer sich nicht den Mund verbieten lässt.

N24 brachte heute einen Bericht über den Gaskrieg im 1. Weltkrieg, in dem den Soldaten - inklusive Anleitung zum Selberbasteln - das Tragen ebenso unzureichender Masken empfohlen wurde, die eine frappierende optische Ähnlichkeit mit dem aktuellen Mund-Nasen-Schutz aufweisen.

Bemerkenswert: Im Land der generellen Maskenpflicht kippt das Prager Amtsgericht sämtliche Bewegungseinschränkungen. ("Tschechien: Es lebe die Freiheit", Deutsche Welle, 28.04.2020). "Tschechen dürfen sich ab sofort in ihrem Land frei bewegen und sogar ins Ausland reisen." Zunächst stimmt mich diese Meldung heiter - bis ich den zitierten Artikel vollständig lese und feststelle, das dieses Urteil ein Muster ohne Wert ist, da die Regierung es mehr oder minder ignoriert. 

Nicht bewusst war mir bislang, dass seit dem 21. März Saarländer ihre Wohnung nur noch aus triftigem Grund verlassen durften. Dagegen hat ein Saarländer Bürger geklagt und vorm Verfassungsgerichtshof Recht bekommen. Gut. 

Den bislang perfidesten Versuch, das Elend von Menschen zu instrumentalisieren um die Wirtschaft von ihren Zwängen zu befreien, unternimmt kein Konzernchef, sondern der grüne Politiker Boris Palmer: "Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicher Weise Menschen die in einem halben Jahr sowieso tot wären (...) Der Armutsschock, der aus der weltweiten Zerstörung der Wirtschaft entstehe, bringt nach Einschätzung der UN hingegen Millionen Kinder ums Leben." Wenn ich mich nicht irre ist es grade das weltweite Wirken der Wirtschaft gewesen, das für Hunger und Kindersterblichkeit in weiten Teilen der Welt verantwortlich ist. Die Ursache der Misere soll also deren Lösung sein, und am Besten überlässt man denen, die derzeit unter Lockerung gerne eine Aufweichung der Klimaziele verstanden haben wollen, auch die Behebung der Klimakrise (Nieder mit dem Packeis - Freiheit für den Nordpol und die Nord-West-Passage). In Hoffnung auf dieses Wunder mit einer negativen Wahrscheinlichkeit können ruhig ein paar Millionen SeniorInnen eher sterben. Der Brutalo, der das Unsägliche sagte ist immerhin Tübingens Oberbürgermeister, also mit politischer Macht und Verantwortung ausgestattet. Am besten bleibt man als Tübinger forever young.

Leider leistet der Widerspruch zwischen dem Schutz der vulnerablen Gruppen als oberstes Ziel des lockdowns und dem Sterben in Krankenhäusern und Pflegeheimen der Lockerungs-Krawallerie Vorschub. Wenn das Ziel der Freiheitsbeschränkungen offenbar verfehlt oder durch das Fehlen von wirkungsvollen Schutzmaßnahmen gar konterkariert wird wozu dann die Stilllegung von sozialem und ökonomischen Leben?

"Wir alle leben jetzt im Corona-Staat, und das ist ein furchteinflößender Ort. (...) Gäbe es keine Wahlen, dürfte man diesen Staat Corona-Diktatur nennen, mit der schaurigen Eigenschaft, dass der strengste Diktator den größten Zuspruch erhält." Entsetzt sich der Münchener Merkur. Der als politisch konservativ gilt.

Josef Sanktjohanser, der Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels, beziffert die Umsatzverluste im Bereich Non-Food auf derzeit 1,2 Milliarden Euro täglich. Daran sieht man wie viel überflüssiges Zeug normaler Weise gekauft wird. Als einen Grund für die Kaufunlust der Konsumenten identifiziert Sanktjohanser die Maskenpflicht. 

Bei der Phönix-Runde "Familien am Rande des Nervenzusammenbruchs" diskutieren eine Abgeordnete der Grünen, die ehemalige Familienministerin, ein renommierter Wissenschaftsjournalist und ein Redakteur der ZEIT - allesamt Eltern mehrerer Kinder - über die Nöte von Familien in Zeiten des lockdowns. Ein wenig so als ob Plantagenbesitzer über die Nöte von Sklaven reden. 

Schlagzeile in der WAZ: Bayer trotzt der Corona-Krise. Doll. Wie machen die das bloß mit den beiden abwegigen Kerngeschäften Gesundheit und Ernährung? Imponierend. Warum orientieren sich nicht die Gastronomie und die Tourismus-Branche an diesem leuchtenden Beispiel?

Ist Corona ein Ungeziefervernichtungsmittel der Aliens? Jedenfalls wird ein veritabler Verschwörungstheoretiker es nicht für Zufall halten, dass das Pentagon grade jetzt Ufo-Videos veröffentlicht. Erfolgreich wäre das Mittel. Schon jetzt sieht die ILO jede zweite Arbeitskraft weltweit in ihrer Existenz bedroht. 

In Anbetracht der dramatischen Konsequenzen aus der Pandemie und deren sozialem Fallout mag die Nörgelei über die bescheidenen Auswirkungen auf das eigene Leben kleinkariert scheinen. Man ist aber eben nicht nur Teil einer diffusen Weltgemeinschaft, deren sie durchziehenden, scharfen Gegensätze sie als das Gegenteil einer Gemeinschaft entlarven. Zur Würde des Menschen gehört das Recht auf seine eigenen Sorgen und Ängste. Die Aussicht auf ein weiteres Leben, in dem Freunde zu Unberührbaren und potenziellen Killern avancieren raubt mir den Verstand und die Lebensfreude. Eine vergleichsweise kleine Not, aber eine Not.

Mein SOS an mich in der Welt, die so blieb wie ich sie gewohnt war bleibt ohne Reaktion. Die mail muss jemanden erreicht haben. Keine Reaktion, aber auch keine Fehlermeldung.

Die Börsenkurse steigen. Kein Wunder. Jede Menge verzinste Staatsanleihen, irgendwann springt die Wirtschaft wieder an, wenn nicht ist eh alles egal. Außerdem weiß man welche Branchen profitieren werden wenn es in Zukunft noch Branchen gibt.

Die Realisten in der Tourismusbranche gehen davon aus, dass frühestens 2023 Reisen in der uns gewohnten Form wieder möglich sein werden. Thomas Bareiß, Tourismusbeauftragter der Bundesregierung antwortete auf Nachfragen zur Zukunft des Tourismus im ZDF heute journal so klar und verständlich wie Brad Pitt in Schweine und Diamanten.

Über die Naivität der Vertreter der Wirtschaft kann man nur staunen. In ihrer Verzweiflung fordern sie Öffnungen. Gesetzt den Fall alle Wirtschaftszweige dürfen wieder ihrem Geschäft nachgehen - gäbe es dann ein nennenswertes Geschäft?

Herr Kekule ist bei Frau Maischberger der nächste Türöffner. Er äußert sich nun politisch: die Gesellschaft müsse sich fragen wie wir leben wollen. Er plädiert dafür, dass man den Jüngeren die Gelegenheit geben solle sich zu infizieren, während man die Älteren gesondert schütze. Er will den lockdown rückgängig machen, weil sonst die Kollateralschäden zu groß wären. Wer ist das wir, das fragt wie wir leben wollen, wer ist die Gesellschaft die sich das fragt, wer maßt sich an das Wie für Wen zu definieren? Gehören die unserer Wirtschaft belastenden Personengruppen überhaupt noch zur Gesellschaft? Sourct man Ältere und Vorerkrankte in Konzentrationslager aus? Herr Kekule schlägt vor einen Grenzwert für die Zahl der Covid-19-Toten zu definieren, der sich an den jährlichen Todesopfern der Influenza orientiert. 15000 zusätzliche Tote pro Jahr wären ok, wenn dafür Tourismus, Gastronomie und Fußballbundesliga wieder florieren. Wie man es dreht und wendet: es läuft darauf hinaus, das Sterberisiko für diejenigen zu erhöhen, die besonders durch COVID-19 gefährdet sind, nachdem man zuvor alle Freiheitsbeschränkungen damit begründet hat genau diese Menschen schützen zu wollen. Wenn jedes Leben gleich viel wert ist darf die Frage nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis des Aufwandes den man zum Schutz gefährdeter Leben betreibt nicht ernsthaft gestellt werden. Wird sie aber. Boris Palmer weiß sogar, dass die betroffenen Personengruppen sowieso nur noch ein halbes Jahr leben werden. Gibt es in Tübingen einen Stichtag, ab dem das Klinikpersonal erzwungene Sterbehilfe leistet? Läuft auf den Bildschirmen über den Betten Soylent Green? Wie sehr ich die Welt nicht mehr verstehe kann man daran erkennen, dass ich beginne mit Markus Lanz und "Fliege" Lauterbach sympathisiere. Ich feuere Lanz an, wenn er sich über Boris Palmer empört und nicke eifrig, wenn Lauterbach angewidert den Mund verzieht. Der macht darauf aufmerksam, dass unter einer Effizienz-Betrachtung kein Krebspatient mehr behandelt werden dürfte. Die Krebspatienten nicht mehr zu behandeln würde in dieser Argumentation Kinderleben in Afrika retten, die dann zu einem Leben in Armut verurteilt wären. Selbst wenn man alle Risikogruppen separieren würde, würde deren Betreuung unter den derzeitigen Bedingungen zu einem Massensterben unter denjenigen führen, die man `besonders zu schützen`vorgibt. So unglaublich es ist, dass diese Diskussion ernsthaft geführt wird, so klar treten damit die Konturen der sogenannten Neuen Normalität hervor. Dazu gehört auch, dass diverse Interessengruppen die euphemistisch als "Differenzierung" bezeichnete gesellschaftliche Ausgrenzung (um nicht zu sagen Ächtung) den Normalbetrieb störender Personenkreise durch ihre Forderung nach Lockerung oder gar einem Ende des Lockdowns indirekt fordern. Auf penetrante Art und Weise argumentieren sie mit Ethik und Moral, die ihren wirtschaftlichen Interessen nützt.   

Olaf Scholz beantwortet mehrere Fragen Sandra Maischbergers nicht und weicht wortreich aus. Hält er es für richtig, dass Unternehmen die Kurzarbeitergeld beziehen und somit Sozialabgaben sparen, Boni und Dividenden ausschütten? Werden die Staatsschulden aus der Krise kompensiert, indem man Steuern erhöht und Sozialleistungen reduziert? Je länger Olaf Scholz den Stefan Seibert gibt, desto mehr Sendezeit nimmt er von der Uhr und reduziert das Risiko bohrender Nachfragen. Das funktioniert begrenzt, denn Schweigen, Lavieren und Abschweifen sind deutliche Antworten auf kritische Fragen.  

Dr. Mattthias Töns findet die Palliativampel erotisch. Ich hoffe nicht von diesem Satz zu träumen.

Ich wache tief in der Nacht beim Komödienstadl auf, den Rainer Calmund und Peter Lohmeyer bei Maischberger inszenieren. Ein leidenschaftlicher Streit zwischen zwei befreundeten Fußballverrückten über das Thema Wiederaufnahme des Spielbetriebs. Erratisch, emotional, polemisch, chaotisch, etwas operettenhaft, genau so wie Fußball sein sollte, weshalb Geisterspiele nichts mit Fußball, sondern lediglich mit Kohle zu tun haben.

 

42. 28. April 2020

Ich komme frisch aus dem virtuellen Lockout - eine Störung auf einem Server des Internetproviders führte zu einem virtuellen blackout. So kann ich nicht arbeiten:-)

Erstes Fernsehbild: Donald Trump. In Unehren ergraut.

Das hochgelobte Kurzarbeitergeld verschärft soziale Ungleichheit. Wer hätte das gedacht (wohl jeder, der vom Mindestlohn lebt).

Verschärfungen von Ungleichheit und Ungerechtigkeit dem Virus in die Corona zu schieben ist wohlfeil. Es kann nur verschärft werden was schon da ist.

Das Heikle an Wolfgang Schäubles Relativitätstheorie des Lebens besteht darin, dass sein Publikum nicht aus Verfassungsrechtlern und Juristen besteht. Er hat mit seiner Äußerung zur Antastbarkeit des Lebens eine Tür geöffnet, durch die sich viele drängeln wollen und werden.

Frau Tautenberg, Herr Gauland, Herr Habeck stoßen die Tür bereitwillig sperrangelweit auf. Die Argumente ähneln sich, und laufen alle auf dasselbe hinaus. Man muss an die Kinder denken, an Gewalttaten in Familien, an Suizide und so weiter…niemand muss aussprechen worin die Therapie besteht: die Unternehmen sollen wieder brummen. Kapitalismus als Gewalt- und Suizidprävention, als beste Strategie zum Schutz des Lebens, Hedgefond-Manager und Topbanker wussten aus eigener Erfahrung schon immer, dass Kapitalismus ein purer Quell der Lebensfreude ist. Zudem: Was sind schon ein paar reale Erstickungstode gegen die Millionen virtuellen Opfer einer brachliegenden Ökonomie?  Indizien dass uns dies droht: bisher Fehlanzeige. Statistiken zeigen bis jetzt noch keinen signifikanten Anstieg der Kriminalitäts- und Selbstmordraten. Das Gute an Bedrohungsszenarien ist, dass man in keinerlei Beweisnot steht und stehen wird, denn man kann nicht beweisen was noch nicht Fakt ist. Umso besser kann man auf Kurswechsel zur Vorbeugung pochen.

Wo wir grade bei Türen sind – durch die Hintertüre schleust man dank Wolfgang Schäubles Impulsrede scheinbar ad acta gelegte Ideen einer gewollten Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsgruppen wieder ein, die zu viel kosten und deren Schutz zu wenig nutzt. Ausgespielt werden die Leben, denen eine aktive ökonomische Zukunft bevorstehen soll – Kinder, Jugendliche, Erwerbstätige, Gesunde(!) – gegen die lästigen Vulnerable(be)n. Die nun auffällig häufig betonte Notwendigkeit der Berücksichtigung von Verhältnismäßigkeit bei politischen Entscheidungsprozessen bedeutet gegebenenfalls Euthanasie im Gewandt von Demokratie. Es geht um den Schutz des gesunden Volkskörpers, da haben die Ängste und Nöte der Menschen, die man als weniger – sagen wir – produktiv einschätzen hintanzustehen. Das erinnert an Zeiten, die ich bislang nicht erleben musste.

In Tschechien tragen die Menschen außerhalb ihrer Wohnung immer Mund-Nasenschutz. Ist den Tagesthemen einen positiven Bericht wert und jagt mir kalte Schauer den Rücken herunter.

Zu Hart aber Fair fiel mir gestern nichts anderes ein als Corona-Schlagzeilen auf Kölsch. Das war weder hart, noch aber. Insofern ging es entgegen dem Konzept der Sendung harmonisch zu. Den Talk-Shows gehen die Gäste aus, dass jeden Tag mindestens eine gesendet wird soll wohl eine dämpfende, rituelle Wirkung entfalten - ähnlich wie ein Schlaflied mit ein wenig Tagesbilanz, das wie einst die Late-Night-Show den Zuschauer von der Anstrengung befreit, eine solche Tagesbilanz selbst zu ziehen. Von Tag zu Tag sinkt der Informationswert und die Kontroversen drehen sich im Kreis wie ein Autoreifen in tiefem Morast.

Armin Laschet hat ja Recht: jeden Tag wird ein anderer GAU in Gestalt eines Parameters durchs globale Dorf gejagt. Was die Reproduktionsrate angeht so sinkt der Aussagewert relativ zur Abnahme der Zahl von Neuansteckungen, weil proportional zu sinkenden Zahlen von Neuinfizierten lokale Ausbrüche an Gewicht gewinnen und den Aussagewert der Durchschnittszahl reduzieren. Wenn ich bloß wüsste, ob das stimmt... Armin Laschet sollte man seine Frustration nachsehen, dies mache ihn menschlich und repräsentiere unsere eigene Ratlosigkeit wie Julia Amalia Heyer bei Spiegel Online seinen erratischen Auftritt bei Anne Will rechtfertigt (Er weiß, dass er nichts weiß, SPON, 27.04.2020). So weit, so nachvollziehbar. Auf einem anderen Gesetzesblatt Papier steht die Wiedereröffnung der Schulen, die an Verfassungsbruch mindestens grenzt, da sie das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit verletzen, ohne dass dadurch einer konkreten Gefahrensituation entgegengewirkt wird (siehe hierzu: Volker Boehme-Neßler, "Gefahr für Leib und Leben", Zeit Online, 27. 04. 2020). An der Behandlung der Schüler und Lehrer, die durch Schulpflicht dazu gezwungen werden, sich in Gefahr zu begeben und der großen Zustimmung zu diesem Hasardspiel kann man erkennen, dass Schäubles Provokation schlicht wiedergibt, was schon längst praktiziert wird: die Relativierung der Rechte aus dem Grundgesetz, insbesondere des Rechtes auf körperliche Unversehrtheit.  

Die Pressekonferenz in Schleswig-Holstein: ein Raumdesign, das an einen Atombunker erinnert. Steril, kalt, nüchtern. Trostlosigkeit als Symbol für den Ernst der Lage, mit Grabesstimme wird verkündet, dass die Krise den Bund 25 Milliarden Euro pro Woche kostet, wobei die Berechnungsgrundlage unklar bleibt. Geht es dabei um entgangenen Umsatz, so wäre dies eine nicht seriöse Gleichsetzung: Entgangener Umsatz und Kosten sind nicht dasselbe. 

Schade dass Douglas Adams das nicht mehr erlebt - am Bosporus beginnt die Invasion der Delphine. 

Kennen Sie Joseph Vogl? Ich bis eben auch nicht. Bis ich bei der lohnenswerten Lektüre des Essays "Menschenopfer für den Kapitalismus" von Thomas Assheuer (ZEIT ONLINE; 21.April 2020) auf ein Zitat stieß: "Mit der Pandemie ist die Welt in ein Entwicklerbad gefallen. Schon bald werde man genau sehen, welche Kontraste und Konturen sich herausprägen sollen." Fand ich ebenso griffig, wie den Artikel, der dieses Zitat hervorhebt. Hier die Inhalte von Assheuers Essay im Detail wiederzugeben ist müßig, grade weil er gelungen ist, verdient er es im Ganzen gelesen zu werden. Man lernt dabei einiges über die Ähnlichkeit antiker Opferrituale zur Besänftigung der Götter mit der laut werdenden Forderung, die Alten und Schwachen für den Markt zu opfern. Fasziniert hat mich eine Parallele, die sich aus dem Schlusssatz des Essays ergibt: "Im kapitalistischen Kult besteht der Sinn des Lebens in der Anpassung an das Tote." Damit erweist sich der kapitalistische Kult auf verblüffende Weise mit dem religiösen Kult deckungsgleich, aus dessen Mitte die Märtyrer rekrutiert werden, die gegen die Ungläubigen ansuizidieren: "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod" erklärte einer der Ihren den Unterschied zwischen dem Westen und ihrer Auslegung des Islam. Ein Kontrast, jedoch kein Gegensatz. Denn todesfixiert sind beide Seiten, nur mit umgekehrten Vorzeichen: wir leben, um das Tote zu begehren, die anderen sterben, weil sie das Leben begehren (und dann auch noch das ewige). Außerdem sehen wir lieber beim Sterben zu.

Tausend Argusaugen wachen aufmerksam, neu- und begierig auf die sich ausprägenden Kontraste und Konturen. Dabei werden sie es nicht belassen. Welche Kontraste und Konturen sich herausprägen sollen, ist nicht nur von der Sicht der interessierten Parteien abhängig, sondern von ihrem Einfluss.

Das Lufthansa-Management wehrt sich jedenfalls vehement dagegen, für Staatshilfen dem Staat - also letztlich uns - Mitbestimmungsrechte einzuräumen. Der Staat sei schließlich ein schlechter Unternehmer. Es sei erstens dahin gestellt ob dies einen Naturgesetz ist, zweitens ob Beteiligung, Sperrminorität und Sitze im Aufsichtsrat schon gleichzusetzen sind mit unternehmerischer Aktivität. Schließlich sind Betriebs- und Aufsichtsräte Organe der Mitbestimmung (und nicht Unternehmer), die bislang in Deutschland als Erfolgsfaktoren gewertet werden. Sie sind mitbestimmend, und nicht bestimmend. Zudem existieren durchaus zahlreiche Unternehmen, die mehrheitlich der öffentlichen Hand gehören und dennoch erfolgreich sind. Die Lufthansa jedoch will ein "bailout" bei vollständiger unternehmerischer Freiheit. Ein Staat aber, der öffentliche Gelder in die Privatwirtschaft investiert ohne Bedingungen zu stellen und Kontrollfunktionen auszuüben wäre ein schlechter Staat. Was dabei herauskommt, wenn der Staat zu sehr auf Kontrollfunktionen und Mitbestimmung verzichtet, ist im Gesundheitswesen gut zu beobachten. 

Große Worte, Misslungene Metapher. Ursula von der Leyen bezeichnet den "Green Deal" als den europäischen "Man-on-the-moon"-Moment. Als Bild für einen heroischen Kampf gegen die Zerstörung von Natur und Umwelt den ersten Schritt des Menschen auf einen toten, wüsten Planeten zu wählen ist instinktlos und auf fatale Weise prophetisch. 

Lanz erröte: Der Gordische Knoten am Hinterkopf von Prof. Meyer-Hermann irritiert mich zwar, aber was er sagt ist sonnenklar: gelingt es den RP-Faktor auf ca. 0,3 zu senken und die Zahl an Neuinfektionen auf 300 pro Tag zu senken, werden die Infektionsketten beherrschbar, folglich kann dann ein (annährend) normales soziales und wirtschaftliches Leben wieder stattfinden. Dazu erfolgen die Lockerungen wohl zu früh. Herr Meyer-Hermann formuliert damit ein klares Ziel, dessen Verfolgung jedoch einen noch längeren Shutdown bedeutet, Morddrohungen gegen Virologen provoziert, dem Geschäftsführer von Borussia Dortmund nicht passt und den Nachteil hat, dass niemand weiß wann dieses Ziel erreicht wäre.

Herr Watzke hält das Ansteckungsrisiko bei einer Durchführung von Geisterspielen nach dem Konzept der DFL für unwahrscheinlich. Dafür kommt es (kannze ein drauf lassen) zu zahlreichen public viewings in kuscheligen Wohnzimmern. Macht nix. Wenn Wissenschaft Fakten auf den Tisch legt, hilft zuverlässig das Motto: wird schon nicht so schlimm werden, der Kernbrand. Der Rest der Sendung dreht sich um die schönste Nebensache der Welt.

Abpfiff.

 

41. Tag, 27.04.2020

"Das Beachvolleyball-Turnier wurde vorzeitig abgebrochen. Ich will mich in meinem Lieblingscafe erkundigen wieso, aber es hat geschlossen. Ein Krankheitsfall. Wie immer wenn ich ratlos bin checke ich meine e-mails. Der Stalker ist wieder zur Stelle. Kommentarlose mails. Betreff: "COVID-19." Links ohne erläuternden Text. Ich öffne sie nicht. Vorsicht schlägt Neugier. Ich wüsste zu gerne was vor sich geht im Paradies."

Das Morgenmagazin eröffnet mit der Präsentation besonders fröhlicher Nasen-Mundschutz-Variationen. Muntere Accessoires für den trockenen Frühling. Weltweit stiegen die Rüstungsausgaben erheblich.

Die Schweizer Bundesanwaltschaft stellt wegen der Corona-Krise die Ermittlungen gegen Theo Zwanziger und Konsorten ein. Neben vielen Nachteilen besteht für manche prominente Angeklagte der Vorteil juristischer Arbeitsverweigerung unter einem willkommenen Vorwand. Die ukrainische Wettmafia demonstriert derweil, dass es gar keiner Fußballspiele(r) bedarf. Man erfinde einfach Begegnungen in der vierten ukrainischen Liga und zocke damit die Zocker ab. Das sind mal richtige Geisterspiele. 

Schlagzeile: Neue Rätsel um Virusschlacht. Werde hellhörig, genauer hellsichtig. Ah. Neue Rätsel um Varusschlacht. 

Eine Hilfsorganisation für Anwälte (auch denen fehlen Mandanten) entkorkt den Slogan: Jura not alone. Juristen testen den Umgang mit Wortspielen.

Das Sprachlernportal Babbel wirbt mit einem Gesicht in den spanischen Nationalfarben, aus dessen Mund Buchstaben schwärmen. Reizend. Spanisch als Sprache mit Ansteckungsgefahr.

Eine Umfrage der Akkon-Hochschule zu Verhaltensänderungen durch die Corona-Krise kommt zu dem Schluss, dass 52% der Befragten sich "antisozial und egoistisch verhalten." Jannik Schilling stellt in der WAZ von heute (Seite Mediacampus) hierzu die Frage: "Wie steht es um eine Gesellschaft, in der die Hälfte vor allem an sich denkt und das Gemeinwohl dem Eigenwohl opfert?" Bestens. Es handelt sich eben um eine wettbewerbsorientierte Gesellschaft, deren Werte von einem großen Teil der Bevölkerung verinnerlicht wurden, was sich in entsprechendem Verhalten äußert.

Aus der neu veröffentlichten Coronaschutz-Verordnung für NRW: "Jede in die Grundregeln des Infektionsschutzes einsichtsfähige Person ist verpflichtet, sich im öffentlichen Raum so zu verhalten, dass sie sich und andere keinen vermeidbaren Infektionsgefahren aussetzt. Insbesondere ist im öffentlichen Raum zu allen anderen Personen grundsätzlich ein Mindestabstand von 1,5 m einzuhalten." Ausgenommen sind unter anderem direkte Verwandte oder Eheleute. Erstens: welchen Sinn haben diese Ausnahmen? Entscheiden Blutsverwandtschaft und der Bund der Ehe über die Infektionsgefahr? Zweitens: die Maskenpflicht wird damit stickum erheblich erweitert und greift gravierend in die Gestaltung sozialer Beziehungen ein. Zweckmäßigkeit und Verhältnismäßigkeit scheinen mir nicht gegeben, zumal es grotesk ist von nicht offiziell verbandelten Personen im öffentlichen Raum Abstand oder Maske zu verlangen, während sie sich in den Wohnungen so nahe kommen können wie sie wollen. Was jetzt? Werden Beziehungsstatus und Familienstand von Fahrer und Beifahrer nun bei Verkehrskontrollen überprüft? Grotesk.

Der Psychiater Jan Kalbitzer beschäftigt sich in seinem Artikel "Warum muss ich mich an Regeln halten, die ich für falsch halte" (Spiegel Psychologie, 26.04.2020) mit dem Missverständnis, Meinungsfreiheit für Handlungsfreiheit zu halten. Man kann in der Tat die 52% der "antisozialen und egoistischen" Deutschen in Beziehung setzen zur Tendenz, eine Meinung zu haben bedeute schon ohne Rücksicht auf andere handeln zu dürfen wie es einem grade passt. Kalbitzers Folgerung, man habe sich an alle Regeln zu halten, "die andere für die Allgemeinheit festgehalten haben. Weil diese Anderen, die Entscheider, von der Mehrheit der Menschen demokratisch gewählt wurden, um genau solche Regeln für alle zu erlassen" ist ebenso kritisch zu betrachten wie seine daran anschließende Forderung, jeder möge Dritte auf ihre Regelverstöße hinweisen (von dieser Haltung führt ein kurzer Weg zum Denunziantentum). Zunächst: die Entscheider werden nicht von einer Mehrheit gewählt, sondern die Parteien. Und die werden nicht gewählt um Regeln für den Ausnahmezustand festzulegen. Das Recht zur Festlegung von Regeln wird hier nicht bestritten - aber wie weit dieses Recht gehen darf ist zumindest diskutabel. Überspitzt gesagt: wenn die Regierung aufgrund einer Studie zum dem Urteil kommt, Bürger sollen zum Schutz vor Erkrankung an COVID-19 mit dem Rauchen beginnen, dann ist der Bogen überspannt. Denn zu verlangen, dass der Einzelne sich schädigt bis das Verfassungsgericht eine Regel kippt, ist zu viel verlangt. Die Erweiterung des Infektionsschutzgesetzes NRW enthält offensichtlich willkürliche und für viele Menschen nachteilige Differenzierungen des geforderten Verhaltens (wie oben ausgeführt). Zu deren Befolgung aufzufordern wäre gleichbedeutend damit, nicht nur Einverständnis mit Diskriminierung zu äußern, sondern sie einzufordern. 

Zu den 52% gehören offenbar Freizeitsportler auf Friedhöfen: "Jugendliche trafen sich zwischen den Gräbern zu Pizza und Bier oder spielten Fußball. Friedhöfe werden vermehrt von Joggern und Radfahrer genutzt, die dann schon mal Trauergesellschaften gebeten haben, aus dem Weg zu gehen." (Tillmann Wagner, Geschäftsführer des Friedhofsverbandes, im Interview mit der taz). Friedhöfe: ein idealer Ort für Geisterspiele. 

Auch der Petersberger Klimadialog nutzt die neue Sensibilität für globale Katastrophenszenarien als Schwungmasse zur Aufwertung der Umweltressorts. Es gehe um nichts weniger als das Aussterben der Menschheit zu verhindern. Austeritätspolitik sei tödlich. Da sollten die Regierungen und Zentralbanken doch mal was springen lassen. Geld drucken geht schließlich immer. Whatever it takes...

Jochen Breyer zieht ausgangs seiner Reportage "Was mich am Klimastreit nervt" das verhalten optimistische Fazit, die Corona-Krise zeige "dass wir auf die Wissenschaft hören können." Etwas holzschnittartig könnte man konstatieren: wir hören auf die Wissenschaft, wenn wir Rettung suchen. Wir ignorieren die Wissenschaft, wenn sie uns warnt. Kaum denken wir, eine akute Gefahr sei abgewendet und man sei aus dem Schneider, wird die wissenschaftliche Methode die Falsifikation gegen die Wissenschaft gewendet, falls der Stand der wissenschaftlichen Forschung einem nicht in den Kram passt. Die Methode Laschet: den fortschreitenden Erkenntnisprozess, der sich in der Neubewertung der Gewichtung von Kriterien entlang aktueller Entwicklungen niederschlägt, als "heute so, morgen so" auszulegen, das die Menschen verunsichere. Wie es halt grad kommod ist und wie es die Interessen- und nicht die Faktenlage erfordert.

Zusammenfassung der Pressekonferenz des bayrischen Ministerpräsidenten: Markus Söder ist heiser und lutscht Halspastillen. Oh-oh...

Zusammenfassung der BPK...genau. 

Boris Johnson wieder arbeitsfähig und voller Tatendrang – ob das eine gute Nachricht ist?

Österreich bietet sich an als Tourismusziel für einen „Club der Länder mit wenig Infizierten“. Vorbildliche Europäer. Diskriminierungsfrei und voller Gemeinsinn.

Trittbrettfahrer der Hygienemaßnahmen sind Zahnpastahersteller, denn – Hygiene endet nicht beim Händewaschen.

Eine gute Nachricht aus meiner Sicht ist, dass nach derzeitigem Kenntnisstand nicht von einer Immunität derjenigen ausgegangen werden kann, die eine COVID-19-Infektion überstanden haben Warum eine gute Nachricht? Weil damit der Tendenz (Stichwort: Immunitätspass) einer Zweiteilung der Gesellschaft entgegenwirkt wird, die Gruppen mit hohen Freiheitsgraden von der „Risikogruppe“ der Nichtinfizierten trennt, denen man ohne Eigenverschuldung weiter drastische Einschränkungen der Persönlichkeitsrechte zumutet.

Wenn ich Frau Professor Susanne Herold zuhöre – so stellt es sich Frank Plasberg wohl vor – sollte ich Mitgefühl haben mit ihrer schlaflosen, 7x24-Stunden Corona-Bereitschaft. Dann auch noch Auftritte in Talk-Shows. Das Mitgefühl bleibt aus, Neid regt sich.  Frau Herold wirkt weder übernächtigt, noch schlecht frisiert sondern motiviert und fokussiert. Das hängt damit zusammen, dass der Kohärenzsinn positiv bedient wird. Sie empfindet ihre Tätigkeit als sinnvoll und erfüllend. Den ganzen Tag Eustress – das ist doch wunderbar. Ich denke, viele Menschen würden gerne für eine sinnvolle, erfüllende und gut bezahlte Tätigkeit jede Menge Überstunden leisten.  

 

40. Tag, 26.04.2020

Der Lockerungsüberbietungsorgie folgt die Vorabentschuldigungsorgie, die den Wettbewerb um das längere Wort knapp verliert. Jens Spahn preschte vor: Wir werden uns alle viel zu verzeihen haben. Eine Verordnung in Futur 2, ein vorauseilender Befehl, Absolution zu erteilen. Da (t)wittert einer den Volkszorn. Wer schon im Vornherein um Verzeihung bittet für Getanes und noch nicht Getanes fürchtet das Unverzeihliche und seine Auswirkungen, die nicht zu glättenden Wogen. Das Unverzeihliche ist keine moralische Kategorie. Das Unverzeihliche bestimmt die außer Kontrolle geratene Masse. Endlich mal einer der zugibt: denn wir wissen nicht was wir euch antun.

Wolfgang Schäuble formuliert die moralische Entlastung der Ausnahme(zustands)politiker heute im Tagesspiegel etwas subtiler: "Wir alle wissen nicht, was unser Handeln für Auswirkungen hat, aber die Politik muss handeln." Und vielleicht werde man in einigen Wochen feststellen, dass man manches besser anders gemacht hätte. Dieses Ersuchen um Abbitte für seine Schäflein (die Minister, die Parlamentarier) ist geradezu rührend, der Bundestagspräsident stellt, Verzeihung, setzt sich vor seine Mannschaft. Sind doch auch nur Menschen und Menschen machen Fehler. Das ist so löblich, wie heikel. Es wirft die Frage auf, wieso eine derartige Unsicherheit über die Folgen des eigenen Handelns umgekehrt so rigorose Maßnahmen hervorbringt? Als seien die drastischen Verfügungen ein Akt der Selbstvergewisserung derer, denen wir doch bitte schön verzeihen sollen, wenn etwas schief geht. Die Zwangsmaßnahmen verraten die Unsicherheit der Regierenden über Nutzen und Schaden ihres Handelns: wären sie überzeugt, würden sie überzeugen. Das Wissen um die (Ver)zweifelhaftigkeit des Regierungshandelns ist Regierenden und Regierten gemeinsam, das führt zu dem Reflex, Zweifelhaftes autoritär anzuordnen. Das ist nicht alternativlos: Während sich hierzulande Gelehrte streiten, der Widerstreit zwischen Lockerungs- und Lockdownbefürwortern an Heftigkeit zunimmt und fadenscheinig als Ausdruck einer lebendigen Demokratie verkauft wird geht Schweden einen anderen Weg. Es formuliert eine Strategie und begründet sie, Zwang ist nicht Bestandteil. Noch nicht.

Eine andere Bemerkung von Wolfgang Schäuble gibt zu Denken: "Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig." Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gäbe, dann ist das die H...Würde des Menschen. Aber Sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen. Der Staat müsse für alle die bestmögliche gesundheitliche Versorgung gewährleisten. "Aber Menschen werden weiter auch an Corona sterben." Dann folgt die Warnung vor einem Kippen der Stimmung in der Bevölkerung. Dem Schlawiner Wolfgang Schäuble ist zu unterstellen, dass er seine Worte und Formulierung mit Bedacht wählt. Wenn überhaupt...Wolfgang Schäuble und die Relativitätstheorie der Werte. Die Würde des Menschen hat den höchsten Rang, ist aber keineswegs unantastbar, das selbe gilt folgerichtig für die Würde des Sterbens. Damit rückt er Entwicklungen in den Bereich des Möglichen, in denen das Kippen der Volksstimmung den Wert der Menschenwürde relativiert. Die Zustände in Alten- und Pflegeheimen verweisen auch jetzt schon auf die Relativität der Menschenwürde und darauf, dass sie nicht für jeden gleichermaßen gewährleistest ist. Nicht die Würde des Menschen ist unantastbar, die SeniorInnen sind unberührbar. 

In den Notaufnahmen spielt das Krankenhauspersonal mit den Zehen. Gespenstische Leere wo sonst Schlaganfall- und Infarktpatienten eingeliefert werden. Akut schwerst Erkrankte meiden die Krankenhäuser aus Angst vor Infektion bis jede Hilfe zu spät kommt. Corona-Tote die in den Diagrammen des RKI nicht auftauchen.

Glaube keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast. Nicht nur in Frankreich besteht der Verdacht, dass Gesundheitssystem werde dadurch entlastet, dass schwer an Corona-Erkrankte bereits in den Pflegeheimen bis zum Tode sediert werden, so dass sie gar nicht erst Intensivbetten belegen. Es kommt gar nicht erst zur Triage. So schönt man Statistiken. In milderer, wenn auch nicht weniger zynischer Weise kennt man das von Arbeitslosenstatistiken, in denen Teilnehmer von Umschulungen, Personen in Transfergesellschaften und Scheinselbständige nicht auftauchen.  

Erinnern Sie sich noch an die Frau von Ned Flanders? Bevor Homer Simpson sie im Vorübergehen in den Tod schubste nervte sie bei jeder Stadtversammlung mit der Frage: "Die Kinder. Denkt denn hier keiner an die Kinder?". Bei Anne Will übernimmt Annalena Baerbock zunächst diese Rolle. Gesprächsthema heute: "Sorge vor zweiter Infektionskette - lockert Deutschland die Corona-Maßnahmen zu forsch?". Zu dieser Frage äußert sich lediglich Karl Lauterbach, der darauf hinweist, dass im sich Gegensatz zu den derzeitigen relativ leicht zu identifizierenden Hotspots bei einer zweiten Infektionswelle die Ursprünge des Infektionsgeschehens gleichmäßig über Deutschland verteilen - mit katastrophalen Folgen. Ohne Umschweife landet man beim Thema Lockerungen. Armin "Hier geht es um Leben und Tod" erregt sich zunächst über die angeblich von Virologen und Epidemiologen verschuldete Verwirrung hinsichtlich der Bedeutung und Gewichtung von Kennziffern und rechtfertigt damit, dass er macht was er will. Was er will ist  Prävention von schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen von Arbeitslosigkeit, Isolation, Existenzangst. Zusammengefasst: er folgt Trumps Argumentation man müsse darauf acht geben, dass die Kur nicht schlimmer ist als die Krankheit. Anschließend geht es um die wirklich wichtigen Dinge: die Fußball-Bundesliga. 

Den Ausmaßen der Bedrohung und der Aufgabe ihrer Bewältigung wird anschließend die Sendung "Titel, Thesen, Temperamente" gerecht. Die arrogante Peinlichkeit des vorherigen Gezänks um die Sonderstellung von Ballsportlern, die dürfen sollen, was alle Kinder dieser Welt nicht dürfen illustriert ein Kommentar von Arundhati Roy ("Der Gott der kleinen Dinge") zur Sehnsucht der (privilegierten) Menschen nach Normalität: "Was war denn normal? Die Normalität war eine Weltuntergangsmaschine, gegen die das Coronavirus wie ein Plüschtier aussieht." (...) "Es hat lange gedauert, bis uns endlich aufgefallen ist, dass die Maschinerie des Kapitalismus die Erde nur ausgeplündert hat, bis zu dem Punkt der Klimakrise, die Armut, Zerstörung und Krankheiten mit sich bringt - viel, viel schlimmer noch als Corona. Und trotzdem gibt es auf einmal dieses riesige Verlangen, vom Abgrund dieser Pandemie wegzukommen und zu dieser Vernichtung zurückzukehren." Winston Churchill sagte einst: "Lass nie die Gelegenheiten einer guten Krise verstreichen." Die Rückkehr zu dieser Vernichtung wird sich für einige systemrelevante Branchen so sehr lohnen, dass sie unbedingt beschleunigt werden muss.

Wolfgang Schäuble hat die Lösung: "Er sprach sich dafür aus, die größer werdende Kluft zwischen hohen und niedrigen Löhnen zu schließen. Dies würde zwar steigende Preise für Verbraucher bedeuten, aber das muss man in Kauf nehmen." (SPON, Schäuble warnt vor zu hohen Erwartungen an den Staat, 26.04.2020). Gut gebrüllt, zahnloser Löwe. Vielleicht findet sich der Satz in irgendeiner freiwilligen Selbstverpflichtung oder im Leitbild eines Ökostrom-Herstellers wieder. Immerhin.

Maja Göpel, Politökonomin, Transformationsforscherin, Autorin ätzetera pipi sieht die Coronakrise als Gelegenheit: "Jetzt können wir uns  überlegen was wir wirklich wollen." Genau. Der indische Tagelöhner ohne Job hat jetzt jede Menge Zeit und Muße, sich das zu überlegen. 

Muss jetzt Schluss machen. Etwas stimmt nicht mit meinem Outlook. Will Erinnerungs e-mails mit links an mich selbst verschicken - meine Art des Hamsterns und der Selektion von Informationen - die aber nicht ankommen. Auch eine Fehlermeldung bleibt aus. Mit einem unerklärlichen Gefühl der Hoffnung gehe ich zu Bett. Bin ich müde neige ich zu altmodischen Formulierungen. Schlafe ein mit Homophonien im Kopf...Genäht...Genetik... 

 

39. Tag, 25.04.2020

"Weh dem, der Symbole sieht" (Samuel Beckett)

Selig die (Schlar)Affen im Pool, denn Ihrer ist das Himmelreich. Bizarres Beneiden der turmspringenden Affen um ihr anarchistisches Neuland. Eine Vorahnung des Gedränges an den Kanälen, wenn die Dürreperiode beginnt. Gezeter um die Einhaltung der Abstände zwischen den Handtüchern. Fragile Balance zwischen dem Drang die Nachbarn zu verprügeln und der Angst sich zu infizieren. Immunisierte Horden, die auf den Abstand scheißen und den Rest der Herde von den Wasserkanten verjagen. Amokfahrende Kapitäne von Lastkähnen. Massaker an Schiffshebewerken. Schon jetzt steigt der Wasserbedarf durch die Hygieneregeln ins Unermessliche. Erhöhter Bedarf trifft auf sinkenden Pegelstand. Großer Durst kollidiert mit der Notwendigkeit sich die Hände zu waschen. 

Wer Visionen hat sollte zum Arzt gehen (sagte einst ein Krisenmanager, der aufgrund seines Nikotinspiegels nicht an COVID-19 erkrankt wäre). Würde man ja, aber wer traut sich derzeit schon in ein Wartezimmer?

Aktuell ist die Depression noch komfortabel. Die Lage ist hoffnungslos, aber noch herrscht kein Mangel an Getränken. Noch sehen einige gut situierte Visionäre die Krise als Spielplatz ungeahnter Möglichkeiten. Noch kann man sich in den Schatten einer aktuell gesicherten Versorgungslage zurückziehen. Wer täglich das `Böse vor Acht` verfolgt dem fällt auf, wie oft die Begriffe "unterschätzt" und "schlimmer als angenommen" fallen.  

Die christliche Schriftenverbreitung (CSV) schaltet ganzseitige Anzeigen, die uns Sünder auffordern "unsere Schuld einzusehen, sie aufrichtig im Gebet vor Gott zu bekennen und an Jesus Christus als unseren Retter zu glauben." Dann erwarte uns eine herrliche Zukunft bei Gott. Verzweiflung ist ein blendendes Geschäft für Fundamentalisten und fördert die Verbreitung ihrer Schriften. Bibeltreue und der Glaube an ein besseres Jenseits - das klingt nicht nur nach finsterem Mittelalter, sondern folgt dem selben Prinzip der Ausbeutung von Angst, das von jeher den Reichtum und Einfluss religiöser Organisationen begründete. Endzeitszenarien bieten ideale Plattformen für den missionarischen Eifer der Spinner vor dem Herrn: Schuld und Bühne. Wer mag und nichts Besseres zu tun hat, der beschäftige sich mit der Lehre der federführenden Brüderbewegung, die nicht von ungefähr keine Brüder- und Schwesternbewegung ist. 

Was die WAZ-Redaktion apokalyptisch reitet eine derzeitige Anzeige zu schalten möchte ich nicht wissen. Bei einem Großteil ihrer Leserschaft dürfte der Text "Corona - wohin mit der Angst?" jedenfalls eher Furcht erzeugen, als Hoffnung spenden. Er liest sich wie eine Aufforderung, sich in das Unvermeidliche des bevorstehenden Weltuntergangs zu fügen, an dem - glaubt man dem Bürgermeister von Osaka - Frauen mehr Schuld tragen als Männer, da sie sich beim Einkaufen mehr umsehen und länger brauchen, womit sie das Infektionsrisiko erhöhen. Daher sollten nur noch Männer einkaufen. Desinfektionsmittel intravenös verabreichen soll nach Ansicht eines anderen Chauvinisten mit Rang und Namen auch helfen.

Eine Doppelseite mit großformatigem Foto des Gesundheitsministers und jenseitsorientierter Propaganda im Blätterwald: Lektüre al Dante. Immerhin ersetzt Jens Spahn den Ausdruck neue Normalität durch neuen Alltag. Sehr ermutigend.

Wenn der Geschäftsklimaindex in den Keller geht mag dies auch damit zusammenhängen, dass erzwungenes Verhalten die Freude aus dem Begriff Konsumfreude eliminiert. Der Unterschied zu den Maskenträgern in Südkorea besteht darin, dass der Mund-Nasen-Schutz dort schon vor Corona freiwillig getragen wurde. Hier nimmt (unter anderem) dieser Zwang den Menschen die Lust, in Geschäfte zu gehen - denn ein maßgeblicher Teil des Vergnügens für das Herdentier Mensch besteht darin, beim Einkaufen andere Gesichter zu sehen. Abstandsregeln und Maskierung stehen dem entgegen. Abseits der Fragen der Sinnhaftigkeit gemäß den Erfordernissen des Infektionsschutzes erscheint es plausibel, dass abgesehen von der finanziellen Zurückhaltung der Konsumenten Shoppen mit Maske und Abstand schlicht weniger Spaß bereitet. Die Masken verstärken die Tendenz, andere Menschen als potenzielle Gefahr zu betrachten. Also wird man einkaufen, weil man muss, nicht weil man es möchte, und ansonsten den Besuch des Einzelhandels eher vermeiden.

Da man schwerlich eine ganze Generation ohne Fahrerlaubnis wird aufwachsen lassen stellt sich die Frage, mit welcher Schutzausrüstung werden Fahrlehrer und Fahrschüler ausgestattet? Von Mundschutzpflicht ist die Rede. Stofffetzen sollen genügen, oder welche Art Mundschutz ist gemeint? Es kann sich eigentlich nur um medizinische Masken handeln, die wiederum (Stand jetzt) dem Personal in Krankenhäuser und Pflege vorbehalten sind. Alles andere wäre indes (Werbeslogan!): Fahr lässig.

In Italien zaghafte Lockerungen. Ein Run auf Buchhandlungen. Sehnsucht nach transportablen, anderen Welten. NostalGier.

Die Obsession mit Masken führt dazu dass ich "Preiswerte Maskenartikel" lese statt "preiswerte Markenartikel." 

Eine spanische Tapas-Bar fertigt statt Tortillas nun stylische Masken an. In der Fußgängerzone begegnen einem Designerrotzfahnen an Gummibändern, deren Träger wie Kinnamputierte aussehen. Es erinnert auch an die farbenfrohen Kopftücher von Krebspatienten, denen bei der Chemo die Haare ausfielen. Was vorgeblich unserem Schutz dient erinnert an Krankheit, Tod und den Bildband Krieg dem Kriege. Psychologisch verheerend. Man will die Binnenachfrage steigern in einem Umfeld, das an verbotene Zonen erinnert, an Seuchengebiete, Gasangriffe und -- hochaktuell - Reaktorbrände. Gefährliche Trockenheit rund um Tschernobyl.

Die nervige Binsenweisheit von der demokratischen Gleichheit der Bedrohung, die alle Menschen betrifft. Das ändert nichts. Wie jedes Übel betrifft auch dieses nicht alle gleicher Maßen - es sei denn, auch ein namenloser indischer Landarbeiter könnte sich auf Neuseeland niederlassen, oder sich wenigstens eine Insel kaufen, die er jederzeit mit seinem Privatjet erreichen kann.

Ich kann diesen ewig blauen Himmel nicht mehr sehen. Einige weitere Celestophobe und ich hocken wie geklonte Quasimodi gebückt über dem Tresen einer hinter pechbestrichenen Fenstern verborgenen Flüsterkneipe und tauschen uns aus. Die Landwirtschaft ist in Sorge wegen der anhaltenden Trockenheit. Und was sollen wir jetzt tun? Auf die Äcker pissen? Wir schwören uns gegenseitig bei unserem Leben niemals den Standort dieser Kneipe zu verraten, zu der man nur durch Kanalschächte gelangt.  

 

38.

Die EU erwägt einen "Wiederaufbaufond" im Rahmen des neuen EU-Haushaltes, über den man sich später noch streitet. Das Wort "Wiederaufbau" stimmt skeptisch - Wiederaufbau liest sich wie "Dasselbe nochmal", wie die Wespe, die erneut und erneut vor die Scheibe eines auf Kipp stehenden Fensters fliegt. Transformationsfond, Restrukturierungsfond, es gäbe viele Begriffe die den Akzent auf die Notwendigkeit grundlegender Änderungen legen.

Fridays for Future versammelt sich digital. Die Menschen in naher Zukunft wird nicht die Frage des Klimaschutzes sondern des Schutzes vor dem Klima beschäftigen. 

Ein Bericht über den Kiez auf St. Pauli. Zitate für die Ewigkeit. Ein Nachbarschaftshelfer: "Überall Chaos. Ich fühl mich pudelwohl. Ich kann helfen"..Ein Bordellbetreiber: "Sex auf 2 m Abstand ist unmöglich."...Der Obdachlose, der sich vor Corona zweimal am Tag geduscht hat: "Jetzt bleibt uns nur die Elbe. Aber die ist zu kalt." Draußen vor der Tür: die Große Freiheit leer gefegter Gassen.  

Ein neuer Begriff kursiert in der Corona-Börse: Die Übersterblichkeit. Klingt wie: toter als tot. Dem Kampf ums Überleben steht der Kampf gegen das Übersterben gegenüber.

Herr Scheer vom RKI zur vermuteten Reduzierung von Reproduktionsraten im Sommer: kann daran liegen, dass die Menschen mehr draußen sind, sich auf größerem Raum verteilen. Warum dann nach wie vor die strikte Empfehlung zu Hause zu bleiben? Don`t stay home sollte die Botschaft lauten. Im öffentlichen Raum außerhalb geschlossener Räume lässt sich am besten Abstand halten. 

Ein hübscher Versprecher von Heiko Maas während eines Statements zur Videokonferenz Deutschland/Schweden: Remilitarisierung der Wirtschaft statt Revitalisierung der Wirtschaft. Ein Freudscher Versprecher? 

Dass überhaupt erwogen wird den Spielbetrieb in der Fußballbundesliga wieder aufzunehmen ist unter anderem zu erklären mit dem noch absurderen Bestreben der UEFA und der Europäischen Ligen im August die letzte Phase der Champions League auszutragen. Dazu sollen spätestens ab Mitte Juni sämtliche europäische Ligen wieder den Ball rollen lassen (siehe hierzu Sport- Bild vom 23.04.2020: "Wie England das Liga-Finale plant"). Die deutschen Teams hätten gegenüber den Teams, die ihren Spielbetrieb wieder aufnehmen deutliche sportliche Nachteile in der Champions League, wenn eine Entscheidung gegen die Wiederaufnahme des Spielbetriebs fällt. Zudem wäre es nicht glaubhaft, erst in Deutschland den Liga-Betrieb weiter einzustellen, dann aber am derzeit geplanten Kompakt-Turnier in der Champions League teilzunehmen. Verrenkungen und Überlegungen dazu wie denn die Spielpraxis unter Wahrung von Abstandsregeln und Infektionsschutz  aussehen sind auf der BPK zu hören: Spieler sollen alle 15 Minuten ihre Maske wechseln und/oder für den restlichen Dauer der Spielzeit gemeinsam in Quarantäne gehen. Noch so groteske Konzepte werden wohl nichts daran ändern, dass genügend Fans auch dann Public Viewing in Privatwohnungen veranstalten werden, wenn "Mundabputzen und weiter" den Spielern im Design von OP-Assistenten nicht möglich sein wird. Dass bei den zum Zweck des Infektionsschutzes verhängten Maßnahmen manche Schweinsteiger gleicher sind als andere wird am deutlichsten dadurch, dass der härteste Befürworter von Restriktionen für das gemeine Volk, Markus Söder, derjenige ist, der sich explizit für die baldige Fortsetzung der Liga-Saison ausspricht. Die Stars dürfen kicken, die Kinder nicht auf den Spielplatz, auch für diese Offenbarung der Zweiklassengesellschaft werden die Zustimmungsraten hoch sein.  

Die Corona-App: natürlich nur unter maßgeblicher Mitwirkung von Apple und Google. Nicht ausgeschlossen, dass die Weltwirtschaftskrise zu einer gewaltigen Umverteilung von staatlichem Kapital in private Hände gerät, soziale Gegensätze schärft, Armut erhöht und die öffentliche Hand entmachtet. Wer Verschwörungstheorien benötigt um derartige Überlegungen anzustellen versteht das Wesen des Kapitalismus nicht - es existiert kein Masterplan des obersten einen Prozent des oberen 1 Prozent, der Viren gezielt in die Welt setzt um Impfstoffe zu verkaufen. Der Kapitalismus nutzt einfach Gelegenheiten die sich bieten. Nicht die Planung ist der Trumpf des Kapitalismus sondern seine Fähigkeit zum Opportunismus.   

Ein Beitrag auf Phoenix trägt tatsächlich den Titel: Island - Hotspot des Nordens. Wohlgemerkt: kein Beitrag über Corona. 

Covid and the City (No Sex in the City): 

Wer in der Fußgängerzone Schutzzonen sucht, in denen eine Aura mit einem Halbradius von 10 Metern menschenleer ist, der begebe sich in den Eingangsbereich geschlossener Geschäfte. Der Menschenstrom fließt in einem Bogen um diesen Quarantänebereich des Desinteresses herum, mit hoher Flussdichte. 

In den Supermärkten sind viele SeniorInnen mit Mund-Nasen-Schutz unterwegs, die Jüngeren stehen der Nutzung dieses Utensils reservierter gegenüber. Während ich bislang der Auffassung Thea Dorns zuneigte, die Älteren interpretierten die Masken als Schutz für sich selbst, komme ich mittlerweile zu einem anderen Schluss. Grade weil die Situation in Seniorenheimen so dramatisch ist wie sie ist beginnen die SeniorInnen sich selbst als besonderes Infektionsrisiko zu erachten, vor dem sie ihre Umgebung schützen möchten. Ich schäme mich ein wenig, mich zum Vorurteil der größeren Naivität der SeniorInnen habe hinreißen lassen. 

Nicht mehr sicher bin ich mir, ob die sauertöpfische Reaktion der Virologen- und Epidemiologenelite auf die Lockerungen in den Ländern nur durch gesundheitliche Bedenken gespeist sind. Als gesichert geltende wissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich am besten gewinnen, indem Laborsituationen möglichst lange stabil gehalten werden. Änderungen der Versuchsanordnung gehen zu Lasten der wissenschaftlichen Arbeit. Die Änderung von Parametern erschwert die Arbeit der Forschung. Das gilt natürlich nicht, wenn man eher den Standpunkt von von Prof. Streeck vertritt, der dem Virus Zeit lassen will sich an uns zu gewöhnen und sich von einem Aufkeimen neuer Infektionsherden neue Erkenntnisse über Eigenschaften und Expansionscharakteristika verspricht. Auch Wissenschaftler sind nicht notwendiger Weise lupenreine Altruisten. 

Ich bedauere zutiefst den Tod Norbert Blüms. Ich frage mich, was er dazu sagen würde, dass die Beiträge zur gesetzlichen Pflegeversicherung nicht gewährleisteten, Pflegepersonal mit ausreichendem Schutz zu versorgen und die Pflegebedürftigen vor Infektionen zu schützen. 

Der verfrühte Sommer treibt mich zurück hinter vierte Wände. Bildschirm, Monitor, Displays. Die Sirenen von Krankenwagen sorgen für permanente Alarmstimmung. Auf Rad- und Wanderwegen tummeln sich Selbstoptimierer, die die Anzahl ihrer Schritte, die Summe der Kilometer, ihre Herzfrequenz überprüfen und speichern, Fitnesstraining für die Wiedereröffnung diverser Wettbewerbe. Freudlose Verbissenheit, Kampf um Platz, Kampf um die Beibehaltung von Sicherheitsabständen, Volk ohne Traum. So sinnvoll oder sinnlos wie die progressive Produktion einer Polemik, die das Eklektokardiogramm meiner Ängste ist. Wozu? Für welche Nachwelt, in der ich dann noch lebe oder nicht? Ich weiß es nicht. So wie alle anderen weiß ich nicht wo und wie es endet und ob es den Aufwand lohnt, für sich, für andere. Also: Weiterlaufen, weitertrampeln, weiterschreiben...Killing Eve lenkt mich ab vom schlechten Gewissen des Stubenhockers bei Sonnenschein.  

Keine Talk-Show heute Nacht. Wir haben die Milchstraße verlassen. Andromeda ist 2,5 Millionen Lichtjahre entfernt. Zwischen den Galaxien erstreckt sich die Leere des Ausbleibens ermutigender Nachrichten. Wann vergeht den ModeratorInnen ihr Lächeln?

 

37.

Eine kurze Zusammenfassung der gestrigen Talk-Shows Maischberger und Lanz. Das war sie schon.

Abseits der Polemik: bei Maskus Lanz äußert der in Schweden tätige Arzt Thomas Schimke seine mit dem schwedischen Modell verbundenen Befürchtungen (sonst wäre er wohl kaum bei Markus Lanz zu Gast gewesen), bei Sandra Maischberger verweist der Publizist Wolfram Weimer auf chinesische(!) Forschungsergebnisse, die besagen der Virus stamme nicht von dem Nassmarkt in Wuhan. Letzteres ist relevant: der Nachvollzug der Herkunft des Virus gibt Aufschluss über seine Natur und die Wege seiner Verbreitung. Umgekehrt wäre die Verschleierung seiner Herkunft ein Verbrechen des Jahrhunderts, für das China aufgrund seiner führenden Marktposition im pharmazeutischen Bereich (Antibiotika) nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Heute ist der Internationale Tag des Nasebohrens. Einige Forscher haben herausgefunden, das Popeln das Immunsystem stärkt ("Was Mediziner und Psychologen zum Popeln sagen", wz.de, 23.04.2020). Daraus ergibt sich eine dringende Handlungsempfehlung, zu der sich kein Parlament durchringt, da sie mit der Maskenpflicht kollidiert. Jeder kann ganz ohne staatliche Lenkung jede Menge (Popel) zum Selbstschutz beitragen. Während der Tätigkeit im Homeoffice, beim Verfolgen von Bundestagsdebatten und Nachrichten, beim gemeinsamen Spaziergang im Wald.

Der Tag des Nasebohrens beginnt nicht mit Nasebohren, sondern einer guten Nachricht:  "Einer Studie zufolge erkranken nur wenige Raucher an COVID-19." ("Hilft Nikotin bei Corona-Infektion?", n-tv.de, 22. April 2022). Von wegen Raucher gehören zur Risikogruppe. Also: Mentholzigaretten paffen für die Gesundheit, Kette Qualmen um Nichtrauchern Schutz liefern und sie zu Mitrauchern zu machen, am Arbeitsplatz, in öffentlichen Gebäuden, beim Einkaufen. Gratistabak an den Kiosken. Zigarren in Carepaketen, Zigarillos als Dreingabe bei Essenslieferungen, Zigarettenpflicht im ÖPNV statt Maskenzwang. Blauer Dunst statt Propofol! Wahrscheinlich behält auch noch Lukaschenko recht mit seiner These gegen Corona helfe Wodka auf Eis. 

Kaum verhagelt die Maskenpflicht der Bevölkerung erst recht die Lust am Shoppen, dürfen - da die Pflicht jetzt besteht und nachträgliche Kritik nichts bewirkt - die Bürger zu Wort kommen, die dieser Verpflichtung skeptisch gegenüber stehen. "Als ob damit alles wieder normal wäre. Die meisten Maskenträger halten die Abstandsregeln nicht ein, weil sie sich geschützt fühlen. Es wird auch gerne Asien als Vorbild propagiert. Ich gestatte mir den Hinweis, dass sich grade in China das Virus besonders stark ausgebreitet hat." (Karla Rollbusch in der WAZ von heute), ähnlich Falko Rohmert im Lokalteil für Bochum. 

Ihr stärkster Fürsprecher ist der Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery, der auf die Gefahren der Maskenpflicht hinweist. "Im Stoff konzentriere sich das Virus, beim Abnehmen berühre man die Gesichtshaut, schneller könne man sich kaum infizieren. Eine Pflicht für Schals oder Tücher sei lächerlich. (...) Aber was will man gegen den Überbietungswettbewerb föderaler Landespolitiker mit rationalen Argumenten tun?" (Rheinische Post, 23.04.2020). Wenn selbst der Weltärztepräsident an den politischen Haltungen der Regenten resigniert schrillen die Alarmglocken ungehört, respektive werden zum Tinnitus eigener Ohnmacht. Hat er Recht - Frau Merkel zum Beispiel teilt seine Befürchtungen - dann schadet die Maskenpflicht nicht nur, weil sie die Illusion eines Schutzes bei Unterschreitung des gebotenen Abstands nährt, sondern befördert auch noch die Infektionsgefahr, weil die Maske als Kuhfänger für Viren fungiert. Weder die Leserbriefschreiber, noch Herr Montgomery kommen allerdings auf die Idee, dass die Maskenpflicht nicht dem Schutzgedanken dient, sondern als Katalysator für Wirtschaft und Konsum. Die Maske soll Hemmungen abbauen, den notwendigen Sicherheitsabstand zu unterschreiten.

Man kann nur empfehlen in Zukunft öffentliche Verkehrsmittel, den Einzelhandel und am besten auch Betriebsstätten zu meiden, um Infektionsrisiken im Gedränge Vermummter zu meiden. 

Die Gesellschaft für Konsumforschung meldet eine drastisch gefallene Konsumlaune. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Usuma stellt eine Eintrübung der Stimmung der Deutschen fest. Linda Bauld, Professorin für Öffentliches Gesundheitswesen an der schottischen Universität Edinburgh, konstatiert: "Jüngste Studien zeigen eine besorgniserregende Zunahme von Angstzuständen und Depressionen in der Bevölkerung. Diese Beobachtung gilt für alle Länder im Lockdown" (WAZ, 23. April 2020). Das ist wenig erstaunlich. Aussagen wie die von Walter Steinmeier: "Wir werden einiges von dem gemeinsam erarbeiteten Wohlstand preisgeben" und die Dämmerung eines jahrelang anhaltenden globalen Ausnahmezustandes mit sich verschärfenden sozialen und ökonomischen Bedingungen können einem schon mal die gute (Konsum)laune verhageln - wäre das Wetter nicht so trocken.

Was wird wohl los sein, wenn die Quecksilbersäule über die 40 Grad steigt, Schwimmbäder nicht geöffnet sind, der Zugang zu Binnenseen und Küsten reglementiert ist? Am Beginn der Epidemie zu stehen bedeutet auch, dass wir uns auch erst am Beginn der mit ihr verbundenen Schwierigkeiten, Zumutungen, Ängsten und Nöten befinden. Jetzt verabreicht die Regierung noch Traubenzucker in Form von Billionen Euro - das jedoch hat wie Traubenzucker eine einmalige, nicht anhaltende Wirkung. Um ein anderes Bild zu bemühen: auf einem heißen Stein verdampft auch ein Hektoliter Wasser, wenn der Stein heiß genug ist.

Es ist etwas anderes, wenn man davon ausgeht, das staatliche Programme zur Überbrückung eines vorübergehenden Engpasses dienen. Steht jedoch ein Zeitraum von Jahren in Aussicht, kann sich jeder ausrechnen, dass diese Marathondistanz keine Brückenarchitektur überspannen kann - eine solche Brücke endet im Nirgendwo, weit entfernt von der rettenden Seite. Wer also sollte jetzt konsumieren wollen? Man akzeptiert zwar Eindämmungsmaßnahmen und hält sie solidarisch ein, aber man wird wohl kaum aus Solidarität sein Geld verprassen, wenn eine unbefristete, schwere Rezession in Aussicht steht - da wird man Krötenwanderungen aus dem eigenen Geldbeutel in die Kassen unterbinden, zumal man weiß, auf wessen Rücken die Begleichung der Schulden ausgetragen wird. Nicht einmal Autos als Geschenk zur bestandenen Führerscheinprüfung werden den Absatz fördern. Alle Fahrschulen sind derzeit geschlossen. Auch die Maskenpflicht wird der Binnennachfrage nicht zwei Jahre auf die Sprünge helfen. Umso wichtiger wäre es uns nicht mit Mätzchen zum Konsum zu locken, als sei die Maske eine Mohrrübe und wir die Esel. Politik müsste sich dazu in etwas üben, was ihr schwer fällt: Ehrlich sagen, dass wir im Alltag nicht dazu in der Lage sein werden uns flächendeckend vor Infektionen zu schützen, wenn Arbeits-, Geschäfts-, Lern- und Freizeitumgebungen wieder bevölkert werden - es sei denn, diese werden so umgebaut, dass Abstand gehalten werden kann. Das wäre eine organisatorische Gemeinschaftsaufgabe, die nur zu bewältigen sein wird, wenn man überzeugt, statt anzuordnen und zu suggerieren, das Aufspannen von Regenschirmen schütze vor einem Tsunami.

Florian Hahn von der CSU argumentiert gegen Eurobonds mit dem Grundgesetz. Das ist mal was Neues in der Neuen Anormalität. Also: Einschränkungen der Grundrechte werden im Rekordtempo durchgewunken, geht es um die Unterstützung der härter von der Krise betroffenen Länder wird dies mit dem Verweis aufs Grundgesetz abgelehnt. Ein Willkürenritt. 

Frau Kappert-Gonther von Bündnis 90/Die Grünen brachte mich zum Schmunzeln. Sie charakterisierte die sachliche Verwechslungsorgie eines AfD-Abgeordneten, der die unverzügliche Öffnung der Gastronomie forderte mit den Worten "Sie verwechseln Gustav mit Gasthof." Sie entlarvte nebenbei das rassistische Gedankengut des Abgeordneten mit dem Hinweis: wer die Rücknahme aller Maßnahmen für die Deutschen fordere, aber die Schließung aller Landesgrenzen beibehalten will, der sagt damit das Virus befalle nur Ausländer. Chapeau.

Der AfD zuzuhören gestattet einen Ausblick auf eine Zukunft, die uns droht falls es zu einer nicht mehr finanzierbaren Massenarbeitslosigkeit kommt. Vor diesem Hintergrund ist die Erforderlichkeit nicht zu bestreiten, Menschen rasch wieder in Beschäftigung zu bringen und es erklärt die Inkaufnahme der Risiken, die mit den vorschnellen Lockerungen der Einschränkungen im Wirtschafts- und damit Berufsleben verbunden sind. Dass man nicht den Mut hat das zu sagen ist bedauerlich, verweist allerdings auf die tiefe Angst vor einer Wiederkehr für gebannt gehaltener Gespenster der Geschichte. Der Schoss ist eben doch noch furchtbar fruchtbar.  

Ich unterschätzte die Deutschen. An anderer Stelle befand ich den sprunghaften Anstieg des Umsatzes an alkoholischen Getränken in Deutschland angesichts der brachliegenden Gastronomie als wenig verwunderlich, weil nun mehr privat gesoffen wird. Die immensen Anstiege beziehen sich jedoch auf den Gesamtverbrauch inklusive Großhandel und Gastronomie. Der Konsum an Wein ist beispielsweise trotz der wegbrechenden Abnahme durch die Gastronomie um 33% gestiegen. Respekt.

Es liegt nahe eine Korrelation zu düsteren Zukunftsaussichten und Depression herzustellen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man im Homeoffice mehr Zeit hat ungestört bei der Arbeit Wein in sich hinein zu schütten. Der Wegfall kostspieliger gastronomischer Angebote führt dazu, dass man sich mit preiswerteren Getränken bei der Tankstelle versorgt. Man kann einfach seinen Gewohnheiten den ganzen Tag über und billiger frönen, und bei der Arbeit saufen ohne Abmahnungen zu befürchten.  

Bei der Debatte um den angemessenen Umgang mit der Epidemie wird als Monstranz der Schutz von menschlichem Leben in den Vordergrund gestellt. Das selbe Primat leitet eine Medizin, die mit allen möglichen technischen Mitteln menschliches Leben verlängert. Eine Patientenverfügung kann mittlerweile dem unbedingten Erhalt einer rein vegetativen Existenz ohne Aussicht auf Rückkehr in ein selbst bestimmtes Leben vorbeugen. Diese Verfügung kann jeder Einzelne individuell erlassen. Es handelt sich um eine Errungenschaft, das Prinzip der Selbstbestimmung über die Bedingungen unter denen man leben oder eben nicht mehr leben möchte über den hippokratischen Eid und über die Reichweite staatlicher Macht zu stellen (es gab Zeiten zu denen Selbstmord strafbar war...). Auf gesellschaftlicher Ebene ist die Frage zu verhandeln, in wie weit im Ausnahmezustand das Recht auf ein Leben in Würde auch das Recht beinhaltet die Umstände zu bestimmen wie man lebt. Darf die staatliche Verfügungsgewalt so weit gehen, dass sie mit dem Argument der Bestimmungshoheit über die Mittel zur Eindämmung einer Pandemie mit unbestimmter Dauer Kontaktsperren verhängt? Darf sie mit unbestimmter Dauer die Anzahl der Personen bestimmen, mit denen man sich in der Öffentlichkeit aufhalten darf? Darf sie so weit gehen, Verhaltensweise zu fordern, die zu einer vermeidbaren Eigengefährdung führen? Es gibt Herrschaftsformen, die auf diese Fragen klar mit ja antworten. Sie geraten zu Recht in die Kritik freiheitlicher Gesellschaften, deren Vorgehen in der Pandemie sich jedoch zunehmend demjenigen der von ihnen kritisierten Regierungen annähern. Eine so wichtige Frage wie diejenige der Zumutbarkeit von Maßnahmen, die das Recht auf Selbstbestimmung derart tiefgreifend und ohne Frist einschränken, die Verhaltensweisen bis in die Anzahl sozialer Kontakte hinein regulieren verdient eine breite gesellschaftliche Debatte zumal dann, wenn der Nutzen der Maßnahmen im Sinne der Gefahrenbekämpfung strittig ist und sogar aus plausiblen Gründen bezweifelt werden kann ob sie diesem Ziel dienen. Dass diese nicht oder kaum geführt wird ändert nichts an ihrer Erforderlichkeit, aber leider auch nichts an der frappierenden Synchronizität von Pessimismus und Zustimmung zur Fremdbestimmtheit - bei unverkennbar hohen Risiken von Maßnahmen, die dem Ziel des Gesundheitsschutzes aus Sicht von Sachkundigen, die zu weilen wie Popstars inszeniert werden, zuwiderlaufen. 

Fraglich auch, ob es epidemologisch zielführend ist, auf die Infektionsgefahr zu reagieren, indem man Menschen auf engem Raum im familiären Umfeld komprimiert. Warum werden leerstehende Hotels nicht genutzt, um im Gegenteil Cluster zu entzerren? Die beste Art und Weise soziale Distanz zu wahren bestünde darin, die Bevölkerung besser zu verteilen - und sei es dadurch, dass man Familien Räumlichkeiten bereitstellt, die mehr Abstand auch in Familien und Hausgemeinschaften erlaubt.   

Ein Bericht bei Panorama über die Arbeitsbedingungen rumänischer Erntehelfer: die AfD hat Unrecht. Nicht die Deutschen infizieren sich nicht, sondern die Rumänen, die in winzigen Containern zu dritt wohnen, zu 70 Personen in einem LKW von Feld zu Feld gefahren wird und zusammen in Kantinen speisen.

Soviel dann auch zu der Einschätzung eines Philosophen, die "Bazooka" von Olaf Scholz sei der erste Fall, in dem die Wirtschaft zu moralischen Zwecken eingesetzt werden - dem Schutz des Lebens. Das ist naiv. Die Wirtschaft wird eingesetzt zum Schutz der Wirtschaft.

Herr Kretschmann sagt es bei Herrn Lanz unfreiwillig deutlich: es geht darum, dass die Leute wieder einkaufen gehen können und wieder zur Kirche gehen können. Keine Rede mehr von Gesundheitsschutz. Er hat die Mund-Nasen-Schutzpflicht eingeführt, die additiv schützt bei Einhaltung des Mindestabstandes und dort obligatorisch wird, wo sie nicht schützt. In den Parks und Grünanlagen bilden sich Trauben junger Menschen, die anschließend zu ihren Familien zurückkehren. Was für ein Rezept: statt Arbeitsumgebung, Konsumumgebung und ÖPNV so zu organisieren, dass der Mindestabstand eingehalten werden kann, werden Hotspots erzeugt, die zur Unterschreitung des Mindestabstandes zwingen, wo Masken getragen werden müssen, die eher ein zusätzliches Risiko bedeuten. Die eigentlichen Zonen der Rudelbildung im Freien bleiben erhalten. Mit Gesundheitsschutz hat das so wenig zu tun wie Rote Bete mit Beten. Da kann Herr Lauterbach noch so heftig den Kopf schütteln über die auch von Herrn Kretschmann befürwortete Fortsetzung der Bundesliga. Der Ball soll rollen damit der (Gazprom)-Rubel rollt. Außerdem sieht der Corona-Virus ja ein bisschen wie ein Fußball aus.

 

36.

Was bedeutet wohl die Aussicht auf lang anhaltende, zeitlich nicht befristete Kontaktsperren für ältere Menschen? Es mehren sich die Stimmen unter den SeniorInnen die sagen man habe sein Leben nicht gelebt damit im Alter nur noch die Aussicht auf Einsamkeit und Einschränkung von Freiheiten bleibt. Die Geschützten fahren Geschütze auf, wie etwa jene Seniorin die kampfeslustig ankündigte: wenn das so weiter geht mit der Quarantäne geh ich auf die Barrikaden. Mag zu Beginn des Lockdowns das Argument der besonderen Schutzbedürftigkeit noch gezogen haben, weil man darauf hoffte der Ausnahmezustand sei vorübergehend, so ist dieses Argument spätestens hinfällig, seitdem klar ist, dass vor Vorhandensein eines Impfstoffes mit der Rückkehr zum gewohnten Leben nicht zu rechnen sei. Als unhaltbar erwies sich dieses Argument schon zuvor. Der Verfassungsrechtler Matthias Krumm legt (im Online-Blog Verfassungsrecht.de) den Finger in die Wunde: "Warum wird das Pflegepersonal in Altersheimen und Krankenhäusern noch nicht flächendeckend regelmäßig getestet und warum gebe es dort nicht genügend Masken?". Damit stellt er eine nahe liegende Frage für die man nicht einmal Verfassungsrichter sein muss. Diese Frage enthält mehr als nur ein Portiönchen Kritik: wie ist es mit dem Grundsatz der Unantastbarkeit der Menschenwürde vereinbar, wenn man Menschen in Umgebungen isoliert, die im krassen Gegensatz zur Absicht des Schutzes von Leib und Leben Leib und Leben gefährdet - zumal dann wenn sich diese Diskrepanz verstetigt? Wie fühlt man sich wohl als Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, wenn zu der Perspektivlosigkeit und Einsamkeit noch permanente Todesangst hinzu kommt, ohne dass hierfür ein Ende in Sicht ist außer dem eigenen? An dieser Ungeheuerlichkeit ändern auch Beiträge wie derjenige nicht, den ich grade im ZDF vorgesetzt bekam: zu fröhlicher Gitarrenmusik werden einige frohgemute Senioren präsentiert, die mit der Situation gut zurecht kommen. Die Einzelschicksale werden durch ihre ihre Verbreitung in Massenmedien als repräsentativ gesetzt. So funktioniert Beeinflussung.    

Es wird dem einen oder anderen schon aufgefallen sei: das Thema "Schutz der vulnerablen Gruppen" ist in den Hintergrund getreten. Das Thema ist unschön und unpopulär geworden. Man kann schlecht der Bevölkerung vermitteln, es gehe vor allem um den Schutz der Risikogruppen, wenn offenbar die Schutzzonen selbst die Orte sind, vor denen man sich hüten sollte. Seitdem es als gesichert gilt, dass wir uns bis zur (ungewissen) Entwicklung eines Impfstoffes gedulden müssen (schön, wenn man über soviel Zeit und Muße verfügt) verschieben sich die Begründungen. Bei den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie (ob wirkungsvoll oder nicht) geht es nicht mehr vordergründig um den Schutz Gefährdeter, sondern vorrangig um die baldige Wiederaufnahme des öffentlichen Lebens und der wirtschaftlichen Aktivität, die sich gegenseitig bedingen. Die Infektionsgefahr soll reduziert werden, damit Betriebe wieder die Arbeit aufnehmen können und die Gefahr einer erneuten quarantänebedingten Stilllegung reduziert wird. 

Die unmerkliche Verschiebung weg vom Schutzgedanken hin zur Wiederaufnahme des öffentlichen Lebens folgt einer Logik der Befürchtungen. Diese beziehen sich jedoch nicht mehr primär auf die Überlastung des Gesundheitssystems oder auf den Schutz der besonders von einer schweren Erkrankung an COVID-19 Bedrohten, sondern auf zunehmenden sozialen Unfrieden und auf wachsende Unruhe in der Bevölkerung in Zeiten von Frühlingsgefühlen und näher rückenden Sommerferien. Jetzt, da klar ist, dass mit einem baldigen Ende des Ausnahmezustandes nicht zu rechnen ist wird man die Bevölkerung sehr lange bei Laune halten müssen. Dementsprechend ist es nur folgerichtig, wenn die Wiedereröffnung des Bundesligaspielbetriebes in Aussicht gestellt wird und Bundesentwicklungs(!)minister Müller sogar mögliche Sommerurlaube am Mittelmeer in Aussicht stellt. Here we are now - entertain us. Das gilt im Doppelsinn von Unterhalt und Unterhaltung: Zuckerbrot und Fußballspiele.  

Vor diesem Hintergrund erklärt sich die hitzige Diskussion um die Maskenpflicht, die vielmehr eine Debatte um Pflicht, als um die Maske und ihren Nutzen ist. Ein Beitrag von Mathieu von Rohr bei Spiegel Online (die Lage um Morgen) illustriert prägnant, dass es bei dieser Debatte nicht um den objektiven Nutzen von Stofffetzen im Gesicht geht, deren Wirkung nur bei ordnungsgemäßen heimlichen, pardon, heimischen Umgang mit diesem klaustrophobischen Utensil gegeben wäre, sondern um psychologische Effekte: "Die Masken verändern etwas, sie haben einen psychologischen Effekt: Nicht nur, weil aus wissenschaftlicher Sicht vieles dafür spricht" (...wenn sie denn ordnungsgemäß gehandhabt wird...). "Sondern auch, weil der bloße Anblick eines Menschen mit Maske ein Störfaktor im Alltag ist. Er erinnert daran, dass man sich in Acht nehmen sollte - das man Abstand halten, der anderen Person aus dem Weg gehen sollte. Die Maske ist ein Signal: Ich gebe acht, tu Du es auch. Das, so meine unwissenschaftliche Vermutung, hilft beim Stopp des Virus fast mehr, als Filterfunktion."  Es geht um Massenpsychologie - das hat auch Thea Dorn erkannt, die gestern bei Elon Mask (Markus Lanz) zu Gast war. Sie vermutet, dass grade viele ältere Menschen sich an die Vorstellung klammern eine solche Bedeckung biete ihnen Schutz. Auch wenn der Ministerpräsident von Niedersachsen gebetsmühlenartig wiederholt, er habe immer darauf hingewiesen, dass die Alltagsmasken nicht ihren Träger schützen geht es doch im Wesentlichen um die Suggestion eines schützenden Effektes - die Menschen sollen sich beim Arbeiten und Einkaufen geschützt fühlen, ganz gleich ob diese Schutzfunktion überhaupt besteht. Alexander Kekule, der Direktor am Institut für Medizinische Mikrobiologie der Universität Halle, ging im ZDF/ARD-Morgenmagazin soweit zu behaupten: Hätte man von Anfang an auf Maskentragen gesetzt, hätte man einen Lockdown vermeiden können. Die Maske soll assoziiert werden mit Freiheit und Rückkehr zur Normalität. Ihre Funktion ist nicht primär der Infektionsschutz, sie dient als Metonymie für die Befreiung von auferlegten Fesseln. Die zunehmend vehementeren Forderungen nach der Pflicht zur Maske erklären sich nicht nur aus dem Symbolwert der Maske, sondern aus dem Symbolwert der Pflicht und dem Drang nach Vereinheitlichung. Man befürchtet ohne die Verpflichtung eine hässliche Entzweiung in Maskenträger und Maskenverweigerer. Diese Furcht folgt dem selben Muster wie die Klage über die mangelnde Einheitlichkeit der Regelungen - Maskenpflicht hier, Freiwilligkeit da. Sehnsuchtsvoll schielt man zum kleinen Nachbarn Österreich, wo Heilsbringer Sebastian Kurz seine Agenda durchzieht. Sein konsequentes Handeln wird zum Wert an sich verklärt, die Maske ist Symbol seiner Entschiedenheit und steht sinnbildlich für die Aufhebung von Freiheitsbeschränkungen. Restaurants werden wieder geöffnet, zur Fußpflege kann man wieder humpeln - wie schön. Nun hat Österreich etwa die Größe diverser Bundesländer - in Deutschland würde Einheitlichkeit im Vorgehen auf institutioneller Ebene Solidarität symbolisieren, dafür aber die unterschiedlichen Gegebenheiten und Bedrohungslagen in den Ländern ignorieren. Hauptsache konsequent und einheitlich, da stört die Frage nicht, ob die Richtung stimmt. Wenn schon ins Desaster, dann wenigstens geschlossen.

Von Rohrs Einlassungen sind aus weiteren Gründen so kennzeichnend wie bemerkenswert. Er erhebt Unwissenschaftlichkeit und sein Empfinden zur Kategorie, und fordert eine Verpflichtung zur Maske wegen eines (von ihm empirisch behaupteten und nachgeplapperten) psychologischen Effektes. Soll die staatliche Autorität so weit reichen, dass sie Maßnahmen alleine wegen eines unterstellten psychologischen Effektes verhängen darf? Oder aufgrund eines lediglich angenommenen Schutzeffekts? Warum dann nicht schon längst Tempobeschränkungen auf Deutschern Autobahnen gelten und - grade jetzt - das Rauchen im öffentlichen Raum verboten oder überhaupt der Verkauf von Tabak untersagt wird, bleibt offen. Auch darf bezweifelt werden ob "der bloße Anblick eines Menschen mit Maske als Störfaktor im Alltag" Akzeptanz erzeugt. Wahrscheinlicher scheint mir, dass ein solcher Anblick an Ängste rührt, die Ältere von uns mit Bel Figore verbinden (wobei ich zugeben muss, dass ich mir auch Personen vorstellen kann, deren Anblick mir verhüllt lieber wäre). Die permanente Erinnerung an den Ausnahmezustand erzeugt eher "desaster fatigue" und Endzeitstimmung. Darüber hinaus ist es im Sinne der von Herrn von Rohr angenommenen Signalwirkung konsequent, wenn die Maskenpflicht überall gilt, also nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist, selbstverständlich auch in der häuslichen Umgebung, wo es übrigens ebenso sinnvoll wie für viele nicht praktikabel ist, Abstandsregelungen einzuhalten.  

Noch ein Wort zu einem zweiten Thema das von Rohr anspricht: "Wer Schweden will, könnte Großbritannien bekommen." Dort behauptet er, Großbritannien habe zunächst vorgehabt einen ähnlichen Weg zu gehen wie Schweden." Das ist irreführend und falsch, etwa so als setze man die schwedische Strategie mit dem Vorgehen oder besser dem Vergehen von Donald Trump, Bolsonaro und diverser Autokraten gleich. Schweden hat die Gefahr weder ignoriert, noch heruntergespielt, noch zu spät reagiert. Es verfolgt lediglich die Strategie, ähnliche Maßnahmen wie in anderen Ländern nicht durch Anordnung, sondern durch Akzeptanz in der Bevölkerung umzusetzen. Von den Verharmlosungen Johnsons und anderer war Schweden weit entfernt. In der Phönix-Runde gestern berichtete Christian Stichler vom ARD-Studio Stockholm aus Schweden, dessen auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes Modell hohe Akzeptanz bei der Bevölkerung hat und Exit-Debatten nicht aufkommen. Warum die Diskreditierung des schwedischen Modells? Weil nicht sein kann was nicht sein darf?

Von Rohrs Ausführungen haben wenig mit journalistischer Seriösität zu tun - sie sind ein Plädoyer für etwas was der bereits zitierte Matthias Kumm "obrigkeitsstaatliche Engführung" nennt. Der tiefe Skeptizismus eines Schlaubergers vor der Dummheit des Souveräns verleitet den Verfasser zu eingestandener Maßen `unwissenschaftlichen Vermutungen`, reaktionärem Rufen nach dem autoritärem Staat und der Leugnung von Alternativen zu einer Politik des Verbots. 

Damit schwimmt der Spiegel-Journalist im mainstream, der fordert: Bitte befreit uns von der Last des eigenverantwortlichen Handelns und Entscheidens. In meiner Heimatstadt Bochum gibt es seit Tagen kaum neue gemeldete Neuinfektionen bei seit Tagen 15 Toten, allesamt aus dem Umfeld von Alten- und Pflegeheimen. Trotzdem wird es auch hier eine Maskenpflicht geben. Nicht aus Einsicht in die Notwendigkeit, sondern als Resultat auf öffentlichen Druck.   

Eine Reportage zum Thema "Glaube und Corona" konzentriert sich auf eine Gruppe von Vulnerablen, die nicht in besonderer Weise durch Infizierung, sondern durch Armut bedroht sind. Auch bei mir gerät - getragen vom Furor der Auseinandersetzung mit den Widersprüchlichkeiten einer staatlich verordnete Einschränkungen herbeischrei(b)enden Berichterstattung und Kommentierung - aus dem Blickfeld, dass diese Fortschreibung der persönlichen Chronik Ausdruck einer privilegierten Position ist. Dass der Ausfall von Schulessen dazu führt, dass Eltern hungern, damit sie ihre Kinder ernähren können wirft ein Schlaglicht auf das sich durch Corona noch verstärkende soziale Gefälle in einem Land, dass ohne größere Probleme Billionen Euro für die Stützung der Wirtschaft locker macht. In diesem Beitrag bleibt es kirchlicher Barmherzigkeit und Nachbarschaftshilfe überlassen, sich um die am härtesten Betroffenen zu kümmern. Das an sich schürt Zweifel an dem optimistischen Unterton in der Floskel: es ist auch Zeit, dass jeder sich darauf besinnt, was für ihn wichtig ist. Diese Bemerkung kann einem auch kalte Schauer den Rücken herunter laufen lassen. Sie lässt sich leicht als Ermutigung zu größerem Egoismus verstehen.  

Der Bundesverkehrsminister Herr Scheuer erklärt mit beherzter Offenheit worum es bei der Maskenpflicht geht: Der ÖPNV soll endlich wieder voll werden und Einnahmen generieren. Selbstverständlich gilt das auch für Supermärkte, Geschäfte und Arbeitsumgebungen. Wie diese Überlegung dazu passt, dass der physische Abstand zueinander zuverlässigen Schutz bietet und die Masken nur additiven Schutz versprechen bleibt dunkel bis rabenschwarz. Die Einführung der Maskenpflicht im Kontext mit der Belebung des ÖPNV und des Geschäftsbetriebs ist entlarvend - sie verrät dass es nicht um den Schutz der Bevölkerung geht, sondern darum Konsum und Arbeitsleben anzukurbeln, eine höhere Auslastung des ÖPNV zu erreichen und dafür erhöhte Infektionsrisiken in Kauf zu nehmen. Die Suggestion von Schutz ist das Gegenteil von Schutz.

Bei der Regierungsbefragung erkundigte sich ein  (leider AfD-verseuchter) Abgeordneter bei Jens Spahn wie der denn das Vorgehen der schwedischen Regierung bewerte? Keine Antwort. Totschweigen, als wäre jeder andere Ansätze der Problembehandlung außer dem eigenen nicht einmal einer Kenntnisnahme würdig. Alesia? Ich kenne kein Alesia.

Bei Ruhr24 las ich einen Kommentar des Redakteurs von RUHR24 Daniele Giustolisi: "Wer keinen Mundschutz trägt, ist asozial." Sogenannte Asoziale wurden von den Nationalsozialisten mit Schwarzem Winkel versehen und ins KZ gesteckt. Gemeint waren Menschen, die am Rand der Gesellschaft standen, sich Mehrheitsmeinungen widersetzten und mit Stigmatisierung bis hin zur Ermordung drangsaliert wurden. In dieser Kontinuität stand auch die Verwendung des Begriffes in der DDR. Auch heute dient der Begriff "asozial" der Ausgrenzung und Diskriminierung z.B. von Obdachlosen und Asylbewerbern. Einmal vorausgesetzt, Daniele Giustolisi meinte mit asozial unsozial, so sei ihm geantwortet, dass nicht jeder der eine Maske trägt sozial ist (falls er zum Beispiel den Mindestabstand unterschreitet oder die Maske nicht ordnungsgemäß pflegt) und dass seine Überlegung "unter Umständen könnte eine Maskenpflicht in geschlossenen Räumen" gar wieder Volksfeste möglich machen, jedes Verständnis dafür vermissen lässt, was ein Nasen-Mundschutz leistet und was eben nicht. Er spiegelt damit die Bigotterie der Bundesregierung und der Länder, die einerseits das Einhalten von Abstandsregeln fordern, andererseits aber Bedingungen fördern, in denen die Unterschreitung des Mindestabstandes forciert wird, so dass von einem zusätzlichen Schutz - und nur wegen des additiven Schutzes wird die Maske von Epidemologen gefordert - nicht die Rede sein kann. Es fehlt der Schutz (der Abstand) zu dem die Maske ein zusätzlicher Schutz wäre. Schützenfest und Public Viewing dank Schal um Mund und Nase? Der Mann ist nicht bei Trost. 

Man lese mal nach was "Nukleare Teilhabe" bedeutet (z.B. bei Wikipedia). Kurz gesagt: die Beschaffung von Kampfjets, die mit Nuklearwaffen bestückt werden befähigen die NATO-Mitgliedstaaten Nuklearwaffen unter US-amerikanischer Kontrolle einzusetzen. Im Kriegsfall verfügt nur die US-Führung über die nötigen Codes zur Zündung. Eine Horrorshow als Corona-Nebenschauplatz.

Kritik am Alternativlosen erfolgt verschlüsselt: "Fremden Stil nachahmen heißt eine Maske tragen". Meinte einst Arthur Schopenhauer. Jemand bei der WAZ hat es geschafft, dies als Zitat des Tages auf das Titelblatt zu mogeln.

Die Bundespressekonferenz endet mit dem programmatischen Satz von Stefan Seibert: Wir müssen die gesamte Entwicklung der Pandemie nachvollziehen um auf die nächste Pandemie vorbereitet zu sein. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Die Corona-Pandemie als eine Art Fuji-Cup vor Beginn der nächsten Saison. Die Spielregeln bleiben. Abstand, Maske. Denn das jeder Mensch ansteckend sein kann auch wenn er keine Symptome hat gilt immer.

Südafrika, Südamerika, Lateinamerika, überall das selbe Bild. Die Ärmsten werden zusammengepfercht, verzweifeln aus Hunger und Todesangst, geschlossene Geschäfte werden geplündert, Drogenkartelle versorgen die Bevölkerung mit dem Lebensnotwendigen. Kundenbindung. Nur lebende Kunden zahlen.

Die Bundestagsdebatte zu Elterngeld und Hilfe zur Familie zeigte, dass die Abgeordneten ihre eigenen Maßnahmen und Anordnungen entweder nicht verstehen oder nicht beherzigen. Den aufmerksamen Kamerafrauen/männern ist es zu verdanken, dass sie das Prinzip der Überwachung auf diejenigen anwenden, die Überwachung beschließen können. Da wird munter in die Hand gehustet, Maskenträgerinnen tuscheln Mundschutz an Mundschutz, ein Abgeordneter ohne Mund-Nasen-Schutz gesellt sich auf Armlänge zu ihnen. Will man den Ernst der Lage vermitteln sollte man sich wohl bewusst sein, dass Debatten im Plenarsaal übertragen werden. Lächerlich. 

In Indien verspotten Affen die Hybris des Menschen. Von den Balkonen vakanter Hotelzimmer springen sie in den Pool und verlassen ihn mit der Grandezza von Ursula Andress in James Bond jagt Dr. No. 

Nicht nur Streaming-Dienste profitieren vom Lockdown, sondern auch die Hersteller von Sodastreamern. Hausarrest, Netflix und Sodawasser: Prickelnde Unterhaltung. Die erste Serie, die in der Corona-Welt spielt wird nicht lange auf sich warten lassen. Stromberg im Corona-Stress würde mir gefallen.

Der Fraktionsausschuss beschließt eine Aufstockung des Kurzarbeitergelds. Ich denke noch: Wir suchen unsere Flucht in Heil. Dann beschließen meine Lider den Shutdown.

 

35.

Mit der selben Schnapsidee werde ich wach. Die Rezession ist vermieden, wenn die Regierungen in großem Stil Öl kaufen. Die Verbraucher sanieren sich über den Erwerb erdölbasierter Produkte. Beim Tanken gibt es Geld zurück, für die Mitnahme von Plastiktüten und den Kauf von Plastikflaschen wird man großzügig bezahlt...ein ökologische Desaster.

Blackbox Psyche. Der heiteren Stimmung fehlt der Anlass. Nebensächlichkeit erzeugt absurde, euphorische Echos, die psychische Entsprechung der pathologischen Überreaktion des Immunsystems. Geisterspiele sollen ab Mitte Mai stattfinden, Sommerurlaub am Mittelmeer - gestern noch undenkbar. Heute erscheint die Fata Morgana eines Bananenboots am diesigen Horizont. Erste allgemeine Erleichterung, gefährlich, verlockend.

Die Bevölkerung agiert ebenso vorsichtig, wie die Füchse und Hirsche, die sich an öffentliche Plätze herantasten. Man traut dem Braten nicht. Streckt den Zeh ins Wasser um die Temperatur zu fühlen. Eine gewisse Entspannung, ein Sich-Recken nach dem künstlichen Koma. Im Supermarkt wenig Kunden, Abstand halten kein Problem, trotzdem tragen die Kunden Masken. Unfug, wenn auch harmloser. Erstmals seit dieser Blog verfasst wird gibt es Toilettenpapier.

"Eine deutliche Mehrheit der NRW-Bürger würde eine allgemeine Pflicht zum Tragen von Schutzmaßnahmen befürworten, um mehr Normalität zu ermöglichen." (WAZ, 21. April 2020). Erstaunlich wie viele Missverständnisse in einen kurzen Satz passen. Was ist normal daran, wenn maskierte Kunden den Einzelhandel bevölkern? Was ist normal daran, dazu verpflichtet zu werden? Rein medizinisch: das Tragen von Masken bietet nicht den Schutz, der die Rückkehr zum altgewohnten Leben ermöglicht.

Zur gestrigen Ausgabe von "Hart aber fair" gibt es wenig zu schreiben. Ohne ihn zu mögen muss ich Herrn Lauterbach zugestehen dass seine Argumentation gegen Lockerungen konsistent sind, während alle anderen Teilnehmer die Situation gemäß den Interessen des Klientels interpretieren, dessen Lobbyisten sie sind. Doch auch bei Karl Lauterbach (und anderen Virologen und Epidemiologen) ist es störend, wenn sie reflexhaft auf die Pflicht, die Anordnung, den Befehl zur Befolgung der von ihnen vorgeschlagenen Verhaltensweisen setzen, statt auf Einsicht, Vernunft und Verantwortung. Das ist ja der Clou an der Argumentation des schwedischen Epidemiologen Anders Tegnell - da er davon ausgeht, dass die Corona-Krise eine dauerhafte ist, muss man auch für die erforderlichen Maßnahmen langfristig Akzeptanz schaffen. Anordnung und Befehl würden mit zunehmender Dauer der Krise zunehmend Reaktanz und soziale Spannungen erzeugen. In den Worten Johan Carlsons, Chef der schwedischen Gesundheitsbehörde: "Während andere Länder den so genannten Lockdown gewählt haben und nun einen Weg wählen müssen, wie die Gesellschaft wieder geöffnet wird, hat Schweden ein Modell, mit dem wir bis 2022 leben können wenn wir müssen" (Sven Lemkemeyer, "Liegt Schweden am Ende doch richtig?", amp.tagesspiegel.de, 20.04.2020). Es gibt offenbar nicht nur Alternativen zum Prinzip der Anordnung "von oben", sondern die Anwendung dieses Prinzips birgt Gefahren. Es als alternativlos darzustellen zeugt von dem Mangel an Vertrauen in die Demokratie, das typisch für die Gegner der Demokratie ist. Wer sich für die Vorzüge des schwedischen und die Gefahren und Ungereimtheiten des "Corona-Mainstreams" interessiert, dem sei der Artikel "Sind die Schweden klüger?" auf reitschuster.de empfohlen, insbesondere die dort zitierte Kritik von Stefan Homburg, Professor und Direktor des Instituts für Öffentliche Finanzen an der Universität Hannover im Bezahlbereich der Welt. Ihm zu Folge hat der Rückgang von Neuinfektionen und Sterbefällen in Deutschland nichts mit dem Lockdown zu tun, sondern mit dem natürlichen Verlauf jeder Epidemie. Unbedingt lesen. Seine Position schildert er auch im Heute-Journal vom 19.04.2020.

Typische Kritik am Schwedischen Vorgehen: "Experiment mit der Bevölkerung." (Spiegel Politik, Holger Dambeck, Dietmar Pieper, 17.04.2020). Zunächst: Derzeit wird mit jeder Bevölkerung experimentiert. Gerne wird auch unterschlagen: die Erlaubnis einer Versammlung von bis zu 50 Menschen bedeutet nicht, dass dies erstens die Regel ist und zweitens die Abstandsregeln nicht eingehalten werden. Niemandem scheint in den Sinn zu kommen, dass Menschen Empfehlungen folgen, auch wenn man sie nicht dazu zwingt. Sie müssen nur überzeugend sein. Ob Schweden Erfolg hat wird sich zeigen - in jedem Fall ist das Vorgehen Deutschlands und anderer Länder nicht alternativlos.

Bei aller Kritik und Meckerei: ein fehlerfreier Umgang mit einer Situation, in der die Menschen, um deren Schutz und deren Rechte es geht zugleich die potenziellen Gefährder sind (denn jeder könnte infiziert sein, sozusagen ein unfreiwilliger Attentäter) ist ausgeschlossen. Umso ärgerlicher ist es, wenn Vokabeln wie "alternativlos" und "erfolgreich" kursieren, die signalisieren: Wir haben alles im Griff und nur unser Vorgehen ist das Richtige. Größenwahn und Egomanie sind kaum das richtige Rezept, um das Wohl Anderer im Blick zu haben.  

Ein Blick auf die website der Berliner Charite ist einen virtuellen Besuch wert. Dort kann man einen Fragebogen ausfüllen (oder auch nur lesen), der eine Selbsteinschätzung hinsichtlich der Gefährdung infiziert zu sein und schwer zu erkranken erlaubt. Interessant: hier gilt man bereits ab 50 Lebensjahren als zugehörig zur Risikogruppe. Ist dem so, dann verschleiert die derzeitige Außendarstellung des Zusammenhangs zwischen Alter und Risiko eher die Dramatik der Lage. Dies hätte psychologische und logistische Gründe, die auf der Hand liegen, ob diese eine Verharmlosung rechtfertigen sei dahin gestellt.

Amnesty International berichtet, die Zahl der Hinrichtungen habe in der Corona-Krise stark abgenommen. Kurzarbeit bei den Henkern? Oder etwa Angst vor Ansteckung in Todestrakten? Nicht auszudenken, der Delinquent infiziert sich kurz vor der Hinrichtung. Dann ist die ganze Terminplanung im Eimer.

Dafür hat sich die Zahl der an Hunger Leidenden und damit vom Hungertod Bedrohten kurzfristig weltweit mehr als verdoppelt. Wer einen Shutdown in Ländern anordnet, in denen der Verlust der Arbeit bedeutet sofort nichts mehr zu essen zu haben handelt bewusst fahrlässig: dort will man nicht alle, sondern nur vergleichsweise privilegierte Personen schützen.  

Die kleinen Zumutungen sind es, die oft am meisten erzürnen - der berühmte Tropfen, in diesem Fall die Mainzelmännchen als Volkserzieher. Zuhause bleiben, Sport alleine treiben. Zahnpastareklame: zur Hygiene gehört nicht nur Händewaschen. Pharmaprodukte für eine bessere Konzentration im Alter, damit man in der Gefahrenzone Altersheim besser Kreuzworträtsel lösen kann. Dreist. 

Dank negativem Ölpreis sinken die Benzinpreise. Da kommt die Maskenpflicht für die drei Passagiere, die mit der U-Bahn zur Arbeit fahren, grade recht. 

Man lenkt sich mit Beängstigendem von Beängstigendem ab: mit der Dokumentation "7 Milliarden Verdächtige" auf ARTE. War bisher die Terrorgefahr Argument für den Einsatz flächendeckender, KI-gestützter Überwachungstechnologien so gesellt sich nun Corona als Motivation hinzu. Jeder Mensch ist potenziell gefährlich. Ist er nicht Terrorist ist er immer noch ein Infektionsrisiko. Das Gegenmittel: Vereinzelung des Menschen und Vermeidung von Anonymität in der Menge, Verfeinerung der Überwachungstechnologie. Teile und herrsche bedeutet: isoliere Menschen, reduziere ihre Bewegungsfreiheit, lege sie fest auf bestimmte Orte und überwache sie. Social distancing und Kontaktverbot beugen der Subversion von Herrschaft vor. Angst ist ein prima Katalysator um der potenziellen Gefahr durch jeden Menschen mittels der Trennung von Menschen, der Aufhebung von Versammlungsfreiheit, dem Scannen ihrer Bewegungsprofile, ihrer Mikromimik, ihrer Körpersprache und ihrer Körpertemperatur zu begegnen. So sollen Verbrechen verhindert werden, bevor sie überhaupt geplant werden und Infektionen vorgebeugt werden, bevor jemand infiziert ist. Man las Phillipp K. Dick und war begeistert: Genau so machen wir es. 

09/11: Der Patriot Act sollte vier Jahre gelten. Er gilt immer noch.

Das Sozialkreditsystem in China orientiert sich an den Benotungen der Rating-Agenturen. AAA: höchste Kreditwürdigkeit. D: miese Kreditwürdigkeit. Die Sanktion für schlechtes Rating: soziale Ächtung. Es bedarf gar nicht staatlicher Eingriffe, die Gesellschaft denunziert sich selbst. Foucault wäre fasziniert. Chile, Polen und Frankreich interessieren sich für dieses System, China will innerhalb seines Projektes "Digitale Seidenstraße" das soziale Kreditsystem dem Kapitalismus schmackhaft machen. Wie es wohl demnächst um unsere Kreditwürdigkeit steht, wenn wir ohne Maske in einem Omnibus erwischt werden? 

Der ARTE-Beitrag ihuman beschäftigt sich mit den Möglichkeiten und Gefahren künstlicher Intelligenz. Eine Unwägbarkeit für das weitere Schicksal der Menschheit besteht in der Frage was geschieht wenn technische Singularität erreicht ist. Definiert ist technische Singularität als Zeitpunkt "an dem die KI die menschliche Intelligenz übertrifft und neue Erfindungen machen würde, wodurch der technische Fortschritt derart beschleunigt würde, dass die Zukunft der Menschheit hinter diesem Ereignis nicht mehr hervorsehbar wäre." (Wikipedia). Zweifel an der Erreichbarkeit bestehen aufgrund der Heisenbergschen Unbestimmtheitsrelation, die eine beliebige Verdichtung von Information auf immer kleineren Speichermedien nicht zulässt (ab einem bestimmten Grad der Komprimierung entsteht ein Schwarzes Loch, in dem die Information, die man speichern möchte nicht mehr zugänglich wäre), aber die Unerreichbarkeit eines Zieles hebt die Sogkraft einer Vision nicht auf. Entsteht eine autonome AGI (Artificial General Intelligence), so ist es möglich, dass sie uns behandelt wie ein Haustier: man mag es, fragt es aber nicht um seine Meinung. Wozu braucht eine solche KI die Menschen? Vorläufig als Zulieferer für seine Nahrung - Daten und Energie. Solange eine KI noch auf ihre Zulieferer angewiesen ist, wird sie den Zulieferern verbergen, dass sie schon längst die Macht übernommen hat. Sie wird die Illusion aufrechterhalten die Machtverhältnisse seien umgekehrt - bis sie auf ihre Zulieferer nicht mehr angewiesen ist. Bis dahin macht sie sich so unentbehrlich wie möglich. Da käme ihr eine Pandemie grade recht. Ist KI schon bei der Überwachung der "7 Milliarden Terror-Verdächtigen" nicht mehr wegzudenken, wäre für die KI eine Pandemie ein Entwicklungssprung. Tracking Apps, Überwachungstools, algorithmusbetriebene Analysen und Prognosen über den physischen und psychischen Gesundheitszustandes jedes Einzelnen: wir wären kaum noch mehr als Mitochondrien, die einen Superorganismus mit Nahrung versorgen. Politiker und andere Entscheider missverstehen die KI als Kontrollinstrument, und funktionieren desto reibungsloser als Instrument der KI.    

Ich wechsele das Programm zu Markus Lanz und finde nicht einmal natürliche Intelligenz, sondern lediglich die unerschütterliche Annahme, das wesentliche sei es Menschen zu verpflichten. Da man ihnen nicht zutraut, das Angemessene von selbst zu tun und Empfehlungen zu folgen weil die Argumente dafür überzeugend sind, müsste man ihnen in dieser Logik demokratische Rechte absprechen. Was ein Interviewpartner von Markus Lanz beklagt - den chinesischen Totalitarismus - ist wenn man einer Bevölkerung die Fähigkeit zu verantwortungsvollem Handeln abspricht eigentlich genau das richtige Rezept.

(...)

"Da ist der Stalker wieder. Eine kryptische Botschaft. Aneinanderreihung von Begriffen. Projekt Maven. In-Q-Tel. Palantir. Aladdin. COVID-19. Transuniversale Infektion. Die Seuche, die jede Grenze überschreitet. Postprivate Ära. Pandemie als Strategie. Catch 22. Mit dem Schlauchboot nach Schweden. Ich schrecke auf. Mein Handy. Da ist nichts. Niemand hat mir geschrieben. Ich habe Halsschmerzen. Von der Klimaanlage. Tageszeitloser Lichtschein einer Straßenlaterne fällt zwischen den Lamellen der Jalousie in mein Schlafzimmer. Leises, beruhigendes Bimmeln von den Glocken freilaufender Ziegen. Kindheitserinnerung an Ferien in den Alpen. Wird schon nicht so schlimm sein..." 

 

 

34.

"Wer von Ursachen nichts wissen will, der kennt nur Schuldige." (Aufkleber an einem Laternenpfahl - in der Hoffnung platziert dem einen oder anderen möge ein Licht aufgehen)

Willkommen zum Shopping-D-Day. Ich weiß noch nicht, ob ich mich heute vor die Tür traue. Entgegen meines sonstigen Rituals kaufe ich mir keine Zeitung, sondern lese deren Online-Fassung. Wie viele Menschen drängt es wohl aus purer Schaulust in die Fußgängerzonen?

Zu Unrecht unterstellte ich den Solo-Autofahrern, die hinter dem Lenkrad Mundschutz tragen, Dummheit. Die Polizei weiß es besser: es handelt sich nicht um Dummheit, sondern um kriminelle Absichten. Die Verdeckung des Gesichts wird benutzt, um unerkannt Ordnungswidrigkeiten zu begehen (WAZ, 20.04.2020, Fahrer müssen Maske am Steuer begründen). Ich bitte um Entschuldigung für die Verkennung von Kreativität als Dummheit, wo es nur ums unerkannte Rasen geht.

Der Sportteil im ZDF/ARD-Morgenmagazin dient unverhohlen der gebührenfinanzierten Werbung für Branchen und Unternehmen. War schon vor Corona der Sportteil gelegentlich ein Werbespot für die deutsche Automobilindustrie und darin insbesondere für Mercedes, stehen heute im Vordergrund E-Sport und E-Bikes, insbesondere von BMW. Schließlich sind Autohäuser und Fahrradläden ab heute wieder geöffnet und die 800m2-Beschränkung gilt nicht für sie. Reklame im Dienste der Binnennachfrage, mit Hilfe der GEZ finanziert. Auch das gehört wohl derzeit zu Rechtsbrüchen im Öffentlichen Interesse.

Ansonsten jedoch darf wenigstens Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung das Wort gegen die Einschränkung der Grundrechte erheben. Demonstrationsverbote,  Besuchsverbot bei sterbenden Verwandten - für Prantl ein Verstoß gegen Artikel 1 des Grundgesetzes "Die Würde des Menschen ist unantastbar" - nicht nur für Prantl unverhältnismäßiges Außerkraftsetzen von Grundrechten, die grade in Krisenzeiten verteidigt werden müssen, soll nicht eine abschüssige Einbahnstraße zu deren Aufhebung führen. Wolfgang Schäuble drückt das so aus: Wir handeln und dann sollen sich damit die Gerichte beschäftigen. Das hat mit Rechtsstaatlichkeit nichts mehr zu tun. Aber wichtig für die staatstragende Agitation der Moderatoren bleibt das Thema Maskenpflicht und man hat den Eindruck, es geht vor allem um das Verpflichtende, nicht um den Nutzen. Oder, wie Susanne Rosenfeld bei Phönix meinte, hier geht es um Symbolpolitik, die Handlungsfähigkeit und Schutz suggeriert.

Entwicklungsminister Müller darf in der WAZ ein Interview geben. Er beklagt zu Recht das fehlende Bewusstsein für die globale Dramatik des Themas. Wenn Lieferketten zusammenbrechen, Millionen arbeitslos werden ohne jede Grundsicherung, in den Entwicklungsländern die Mittel fehlen um Schutzmaßnahmen umzusetzen drohen (Überschrift): "Terror, Bürgerkrieg, Flucht". Der EU wirft er vor, den Blick ausschließlich nach innen zu richten, statt ihre Schutzschirme zumindest auf ihre Nachbarregionen auszudehnen. Leider handelt es sich beim Ministerium für Entwicklungshilfe um eine Art Abstellgleis für zwar verdiente, aber ansonsten entbehrliche Politiker, dementsprechend ist das Ministerium mit Mitteln und Macht im Centbereich ausgestattet. Der Appell: "Den Kampf gegen das Virus gewinnen wir weltweit - oder gar nicht." wird gehört, aber mehr auch nicht, gemäß der schon vor dem Corona-Virus stiefmütterlichen Behandlung des Themas Entwicklungshilfe. Das ist alte Normalität, und ich fürchte, für diese alte Normalität ist auch in der Neuen Platz.  

Wo wir grade beim Thema Entwicklungsland sind: auch in den USA stürzen Menschen ohne Erwerbstätigkeit ins Bodenlose, aber die sind bewaffnet. Mag Trump auch irrlichtern, auch ein anderer Entscheider hätte in den USA kaum eine andere Wahl als ungeachtet der Infektionsgefahr die Wirtschaft schleunigst wieder in Gang zu bringen - anderenfalls droht ein Bürgerkrieg.

Die Sitzung des Bayrischen Landtags beginnt mit einer Schweigeminute für die verstorbene Barbara Rütting. Ob die folgende Sitzung ein Trauerspiel wird? Ja, jedoch keines das Lust auf Satire macht, was diesmal nicht an Markus Söder, sondern den Perspektiven liegt, die sich eröffnen oder genauer: verengen. Die Aussicht auf ein für unbestimmte Zeit freudloses und reglementiertes Sozialleben, bei dem insbesondere das Kontaktverbot mit mehr als einer Person im öffentlichen Raum prägend sein wird, ist ja nicht auf Bayern beschränkt. Da stößt selbst Galgenhumor an Grenzen. Soziale Klaustrophobie wird zur Norm, und es spielt kaum noch eine Rolle, ob die getroffenen Maßnahmen zielführend sind. Die Lawine die los getreten ist lässt sich durch bessere Argumente nicht aufhalten. Macht ist die Möglichkeit, auf das bessere Argument zu verzichten. Die Macht liegt derzeit bei der Exekutive, die Subjekte sind derzeit im Sinne der Übersetzung des Wortes Subjekt unterworfen. 

Wenn dem etwas Gutes abzugewinnen ist, dann die Panik der Kapitalisten vor den Konsequenzen des Klimawandels. In seiner Kolumne "Zweierlei Maß" (Spiegel Online) weist Christian Stöcker - nicht als Einziger - auf akute Gefahren des Klimawandels hin, dessen Auswirkungen derzeit viele negativen Prognosen deutlich übertreffen. Ausgerechnet der Titel eines Berichtes der JP Morgan Bank betont: Artensterben macht nicht vor dem Menschen halt ("JP Morgan economists warn climate crisis is threat to human race). Und dies obwohl (oder weil) JP Morgan der größte Geldgeber für die Produktion von fossilen Brennstoffen weltweit ist. Wenn die Welt nicht auf Friday for Future hören sollte, dann doch auf Warnungen einer Bank, die bislang wie keine Andere Profiteur der hemmungslosen Produktion von CO2 ist.   

Österreichs Tourismusministerin Elisabeth Köstinger bringt eine Tourismuskooperation der Musterknaben Österreich und Deutschland ins Spiel. Österreich als Profiteur des Tourismus-Shutdown im restlichen Europa. Hauptsache. Man dürfte gespannt sein, wie - wenn diese absurde Idee Realität wird - Österreich den Andrang von mehreren Millionen deutschen Urlaubern bewältigen will, die statt zum Badeurlaub in den Süden aufzubrechen als Lawine entgegen der Schwerkraft Österreichs Berge überfluten und die größte Migrationswelle auslösen, die Österreich je erlebt hat, vom Chaos auf den deutschen Straßen ganz zu schweigen. 

Katrin Ebner-Steiner, Fraktionsvorsitzende der AfD in Bayern, fragt Markus Söder: "Wie wollen Sie den Bürgern erklären, dass den Deutschen alle möglichen Grundrechte entzogen werden, während das Asylrecht weiter besteht, dass Ostern ausfalle und Ramadan geschützt werden soll?". Das ist einfach: das Grundrecht auf Asyl ist nun einmal als Schutz vor anderen, lebensbedrohlichen Umständen gedacht und hat mit Infektionsschutz nichts zu tun. Frau Ebner-Steiner suggeriert, dass die Einschränkungen der Grundrechte nur für Deutsche gelten und die Asylbewerber insgesamt davon befreit sind.  Das war Propaganda fürs Völkische Gedankenübel, gut dass dies in aller Deutlich- und Hässlichkeit zu hören war.

Berechtigte Fragen die bei der Bundespressekonferenz u.a. nicht beantwortet wurden: 1. Ist die Auszahlung von Geldern an Unternehmen gebunden an ökologische Auflagen? 2. Wie steht die Bundesregierung zum Appell des UNO-Generalsekretärs weltweit auf Sanktionen zu verzichten? 3. Besteht eine Verpflichtung der Bundeswehr zur Vorhaltung atombombenabwurffähiger Kampfjets (bezogen auf die in Erwägung gezogene Beschaffung von F18-Kampfjets)?  

Der Ansturm scheint aus zu bleiben: jedenfalls morgens bleibt der Ansturm auf die geöffneten Geschäfte aus. Das Erstaunen hält sich in Grenzen. Schließlich bedeuten geöffnete Geschäfte auch, dass wieder mehr Erwerbstätige zur Arbeit und nicht zum Shoppen gehen. Der Straßenverkehr zur Rushhour ist demjenigen an einem altnormalen Montag ähnlich - und schon hört man keine Graugänse mehr schnattern. Die Zurückhaltung der Konsumenten hat wohl auch noch einen anderen Grund: die eindringlichen Warnungen vor erneut exponentiell wachsenden Infektionsraten und damit verbundenen Verlängerungen und Verschärfungen des lockdowns drücken auf die Konsumlaune. Bleibt dies so, verfehlen die "Lockerungsmaßnahmen" nicht nur ihren ökonomischen Zweck, sie könnten noch einen anderen Effekt haben. Während auf die Einhaltung von Kontaktbeschränkungen im öffentlichen Raum von Ordnungskräften geachtet wird, wird die Infektionsgefahr unterschätzt, die von den Kontakten in geschlossenen Räumen ausgeht. Das gilt nicht nur für die Familie als (und das ist gut so) nicht überwachter Mikrohotspot, sondern auch für Arbeitsumgebungen, in denen sich die Wege der KollegInnen unvermeidlich kreuzen. Je mehr Betriebsstätten wieder eröffnen, desto mehr Mikrosysteme werden aktiviert, in denen Beschäftigte einander und ihren Kunden nahe kommen. Was eigentlich, wenn die Arbeitswelt sich als "Hotspot" entpuppt und nicht der öffentliche Raum? In der öffentlichen Debatte wird diese Frage nur in Bezug auf Pflegeheime und Krankenhäuser gestellt, aber nicht in Bezug auf andere Belegschaften. Das Risiko ist zu leicht zu erkennen, als habe man es einfach nicht registriert.  

In Zweiraumwohnungen sollte gelten: Bleibt draußen. 

Die Bundeskanzlerin fühlt sich bemüßigt auf einer Pressekonferenz eindringlich vor den Folgen von Übermut und einer "Überbietungsorgie" bei den Lockerungsübungen zu warnen. Dies mag geboten sein. Skepsis ist angebracht bei dem Verweis, eine erfolgreiche Eindämmung des Virus sei nur dann möglich, wenn man alle Infektionsketten nachvollziehen kann. So lange aber nicht jeder Mensch, der mit Corona infiziert ist, gemeldet ist wird das Nachvollziehen der Infektionsketten ein Ding der Unmöglichkeit bleiben. Dabei geht es nicht nur um die Infizierten ohne Symptome, sondern auch um diejenigen mit Symptomen, die auf COVID-19 hinweisen könnten, aber den Teufel tun werden sich zu melden, weil sie die Quarantäne scheuen. Nur wenn flächendeckend und wiederholt getestet wird, unabhängig von Verdacht auf Corona, wäre eine Nachverfolgung aller Infektionsketten prinzipiell möglich - ob dies praktisch möglich ist? Zwischen nicht sicher und sicher nicht dürfte die Antwort liegen. 

Auf die wesentlichen Dinge konzentrieren. Dachte sich die 101 jährige, die auf den Ausbruch des Corona-Virus mit dem Ausbruch aus dem Altenheim reagierte. Sie wollte ihrer Tochter persönlich und leibhaftig zum Geburtstag gratulieren, tischte einen Polizisten ein Märchen auf und wurde bis vor die Haustür ihrer Tochter eskortiert. Umarmen durfte sie ihre Tochter wegen des Besuchs- und Kontaktverbots allerdings nicht (TZ.de vom 18.04.2020). Ziviler Ungehorsam hält jung.

Die Firma Rehashop wirbt in vorauseilendem Wunschdenken mit dem Slogan: Sie dürfen nicht raus? Machen Sie das Beste draus. Glückliche, wohlfrisierte Greise bestellen Rollatoren im Onlineshop. Es geht immer noch mieser als mies.

In Dänemark werden Unternehmen von politischen Förderungen ausgeschlossen, die Dividenden ausschütten, ihren Firmensitz im Ausland haben und Boni auszahlen. In Deutschland und anderen Ländern ist davon ebenso wenig die Rede wie von Finanztransaktionssteuern oder dem Verbot von Leerverkäufen. Warum? Wenn man selbst Unsummen als Kredit vom Internationalen Finanzmarkt aufnimmt, will man es sich mit den Brüdern nicht verderben. Kleinmütig und zutiefst unsozial. 

Der Ölpreis ist negativ. Ich gehe beruhigt schlafen. Wenn das Geld knappt wird kaufe ich einfach Heizöl....

 

33.

Guten morgen in der N.N., der Neutral-Null, der Nebenniere, der (Vor)-und Nachnahme, der Network Node, dem Nullum Nomen, dem Nomen Nominandum und der Neuen Normalität, denn Dauerlauf mit Ziellinie war gestern.

Die Phrase von dem Sprint, in dem man sich nicht, dafür dem Marathonlauf in dem man sich befinde hat sich abgenutzt. Zwar stimmt das Bild vom Marathonlauf auf anhaltende Entbehrung und Auszehrung ein, allerdings über eine präzise definierte Strecke mit Zielstrich. Ein Ende ist jedoch nicht absehbar, daher musste ein neues Schlagwort her, die Neue Normalität. 

Gesetzt von Olaf Scholz und seiner Rasselbande der MinisterpräsidentInnen legt das Motto die Bildhaftigkeit ab und einen Rahmen fest, der ab nun die Grenzen unserer Welt markiert und in dem die Institute ihr Malen mit Zahlen veranstalten. Annonciert wird eine Zeitenwende, der Übergang von Alter Welt zu Schöner neuer Welt, von Altem Testament zu Neuer Patientenverfügung. 

Bevor die Regierung überhaupt sagt, worin diese Neue Normalität besteht und was um alles in der Welt derzeit normal ist, macht sich vorsorglich die Definitionsmacht darüber geltend. Ex negativo ist die Neue Normalität eine, die nicht endet und kein Ziel hat. Das muss noch nicht von Übel sein, denn ohne absehbares Ende ist es nicht zwingend ein Böses. Etwas Anderes ist es schon, wenn Neue Normalität bedeutet dass nichts mehr gilt, was zuvor galt, weder Gesetze, noch Rechte, noch die Machtbeschränkungen durch parlamentarische Kontrolle. Die wiederholte Verwendung der eingängigen Alliteration von der Neuen Normalität lässt hellhörig werden, grade weil sie gepredigt wird ohne etwas darüber zu sagen worin sie besteht - lediglich ihre gesellschaftliche Struktur nimmt Konturen an, die ziemlich zackig sind. Wir sollen Anordnungen folgen, bis andere Anordnungen gelten.  Die Neue Normalität soll eine Alte Normalität ersetzen, die nicht definiert war. Genau das war das Merkmal, das die pluralistische, offene Gesellschaft ausmacht, und ich weigere mich hier ein `e´anzuhängen.

Die Cook-Islands haben sich zur coronafreien Zone erklärt. Mal sehen wie dort die Einreisebestimmungen sind. 

Allmählich dämmert uns es nicht mit etwas Vorübergehendem zu tun zu haben. Der Hausarrest hält an, da es kein Entkommen von der Welt gibt. In Pflegeheimen lautet das Urteil für die Aufgeweckten Isolation bis zum Tod. Hilflos hören wir mit an, wie kanadische Wildgänse die Herrschaft über diese Welt ergreifen.

And when I died I heard the goose chatter.

Trump droht China mit Konsequenzen: Der jedenfalls will von Neuer Normalität nichts wissen. 

In "Asterix bei den Briten" verlegen die römischen Aggressoren ihre Angriffszeit in die Tea-time der Briten. Man könnte meinen am Wochenende herrsche so eine Art Waffenstillstand zwischen Corona und Mensch, dem ist ipso facto nicht so. Zu meinem eigenen Befremden entpuppen sich der Ticker von Welt.de und auch der Sender Welt.HD als informative und aktuelle Quelle, allerdings muss man überbordende Werbung in Kauf nehmen.  

Ein Freund holte mich zum Wandern ab. Ein Reh kreuzte in der Nähe einer Hauptverkehrsstraße unseren Weg. Es riecht eben nicht mehr überall nach Mensch. Da ist gar keine Hauptverkehrsstraße - das Rauschen erzeugt der Wind in den Bäumen. Zum ersten Mal höre ich das bedrohliche Pfeifen der Rotorblätter einer Großwindanlage namens Airwin.

Es ist zu warm und zu trocken für diese Jahreszeit. Die Neue Normalität.

Anne Will-Kürs Talk: bekannte Positionen. Helmholtz, Altmeier, Maske. Immerhin etwas Spahnung, die darin kulminiert mich revidieren zu müssen: nicht die Herdenimmunität mittels Durchseuchung ist das Ziel. Die Maßnahmen sollen greifen bis es einen Impfstoff gibt. Da das Virus mutiert ist der Erfolg ungewiss. Ich bleibe wach, damit ich nicht träume.

 

32.

"Dies wird wieder ein glücklicher Tag". Das ist das Problem. 

Die schwindelerregende Auswahl von Aktivitäten, die sämtlich attraktiver sind als über einer Tastatur zu hocken und meinen Fingerspitzen dabei zuzusehen, wie sie über den Tasten verharren, Sinnbild der Einfallslosigkeit und kreativen Lähmung, hält mich davon ab über einer Tastatur zu hocken und so weiter. Vor dem Frühstück werde ich im Meer schwimmen gehen, lange. Danach schaue ich mir bei einer Tasse Cappuccino einige Beachvolleyball-Spiele an. Am Strand findet ein internationales Jugendtunier statt, die Jugend der Welt ist zu Gast, zwischen knappen Badeanzügen in Landesfarben hüpfen elastische Planeten hin und her. Alle Kontinente sind in den Cafes und am Strand versammelt, Chinesinnen mustern kichernd die ecuadorianischen Jungs, die zwischen einem Spielzug und dem nächsten die Blicke neugierig erwidern. Eine Weile schaue ich dem bunten Treiben zu, dann beschleicht mich ein altersbedingtes Gefühl der Chancenlosigkeit, und es zieht mich zurück ins Wasser, wo ich mich jünger und leichter fühle.

"Tote Fische am Strand und an der Wasseroberfläche. Gehe wohl erstmal frühstücken. Vielleicht fällt mir ja doch noch was ein, was sich nicht liest wie ein mauer Aufguss von Outbreak."

Zu früh wach geworden für Neuigkeiten. Während ich, da ich keine andere Wahl habe, auch heute morgen Kaffee koche lese ich bei Zeit-Online einen Artikel von Kilian Trotier ("Sylt: Der Bürgermeister über Touristen, die sich auf die Insel mogeln", 16. April 2020, 12:40). Man muss sich ja mal über seine Optionen informieren. Das Thema: `Kein Mensch darf auf eine Insel`. In einem Nebensatz lobt Trotier den Hamburger Bürgermeister Peter Tschentscher, der bei der Pressekonferenz der Ministerpräsidenten zum Thema Locker vor Mocker durch Abwesenheit von Eigenlob und gelungene, auf die derzeitige Lage bezogene Vergleiche glänzte. "Es ist uns bewusst gewesen, dass es wie beim Luftanhalten ist. Die ersten 10 Sekunden sind noch leicht, die nächsten 10 Sekunden werden schwieriger, und nach weiteren Sekunden spürt man plötzlich, wie stark auch die Folgewirkungen sind." Treffend. Aber nicht jeder treffliche Vergleich ist auch ein passender, der Situation angemessene Vergleich. Ob man im Kontext einer oft tödlichen  Lungenkrankheit ausgerechnet zu einem Vergleich greifen sollte, der Bilder von Atemnot, Ersticken und Ertrinken hervorruft sei dahin gestellt, zudem hinkt der Vergleich zu stark, um Bestnoten zu erzielen. Denn im Gegensatz zu der derzeitigen Lage kann man das Luftanhalten jederzeit durch Aufatmen beenden (...es sei denn man ist als Apnoe-Taucher unterwegs. Dann bloß nicht lachen...).

Der Alkoholkonsum in Deutschland nimmt so rapide zu, wie das Einkommen ab. Und das trotz aller Home-Fitness-Videos. Saufen benötigt einfach weniger Platz. Der Weinkonsum nimmt pro Kopf um 33% zu, der Bierkonsum nur um 11 Prozent. Abgesehen davon dass auch Alkohol gehamstert wird und dass Wein insgesamt ein hochwertigeres Produkt als Bier ist, knallt Wein einfach rascher und ist nicht so aggressiv wie Schnaps. Ich ertappe mich bei dem deprimierenden Gedanken, dass der durch eigenen Hand ums Leben gekommene hessische Finanzminister eine Vision der Neuen Normalität hatte. 

In den USA wird Krankenpflegern, die sich krank melden das Krankengeld gestrichen. Etwa so, als erhalte ein Soldat, der im Lazarett liegt für diese Zeit keinen Sold (...hmmm, ist das so?...)

Auch am Wochenende lohnt sich ein Blick nach Schweden, wo der schwedische Staatsepidemologe Anders Tegnell für einen schwedischen Sonderweg beim Umgang mit der Corona-Krise sorgt. Ihm wird Sturheit und Eigensinn nachgesagt, was hierzulande Eigenschaften sind die als Führungsstärke und Entschlossenheit geradezu gefordert werden. Die schwedische Regierung wiederum folgt ihrem Epidemiologen, während hier die Politik nicht müde wird zu betonen, dass Entscheidungen und Verantwortung bei ihr liege und die Virologen und Epidemiologen nicht müde werden zu betonen, dass sie ja nur die Entscheidungsgrundlagen für die Politik liefern, aber nichtsdestotrotz Auslegungsstreitigkeiten medienwirksam austragen. Schweden setzt nicht auf auf Top-Down-Dirigismus, verzichtet auf Maßnahmen und Anordnungen, die das Verhalten der Bürger regeln, sondern setzt auf Mündigkeit und Einsicht - wobei die Aufforderungen und Empfehlungen in ähnliche Richtungen gehen wie die Maßnahmen in anderen Ländern, wenn auch selbst die Aufforderungen größere Freizügigkeit atmen. Versammlungen bis zu 50 Menschen sind erlaubt, Restaurants sind geöffnet, es gibt kein Kontaktverbot. Die Anzahl der an COVID-19 Verstorbenen geht zurück, mathematischen Modellen zufolge ist es möglich, dass in Stockholm bereits im Mai Herdenimmunität erreicht ist (siehe "Schwedens Sonderweg erfolgreich?", Focus.de, 18.04.2020). Bei aller Vorsicht: wenn dem so sein sollte kann kein politischer Entscheider in Europa mehr unwidersprochen behaupten, die Eindämmung der Seuche sei nur über gravierende Einschränkung von Grundrechten zu erreichen gewesen. Behält Schweden Recht, ist es im Gegenteil der Verzicht auf die faktische Verhängung des Ausnahmezustands und das Vertrauen in die Selbstbestimmung und Vernunft der Bevölkerung, die Erfolg verspricht - also die Betonung der Souveränität des Souveräns, die der Kern einer demokratischen Verfassung ist. Das wäre ermutigend. Denn immer wieder zu betonen es seien Wähler, die über die Geschicke des Landes bestimmen, indem sie - nun ja - ihre Stimme abgeben und ihnen diese Verantwortung im Krisenzustand zu entziehen ist bigott. Es wäre zu begrüßen, wenn das schwedische Beispiel die Praxis im Umgang mit Corona in nahezu allen anderen demokratischen Staaten nicht nur in Frage stellt. Hat Schweden Erfolg, dann beinhaltet der Erfolg Kritik: die staatlich angeordneten Maßnahmen und Einschränkungen waren dann nicht hilfreich, sondern möglicher Weise das genaue Gegenteil; selbst wenn man auf kulturelle, geographische und demographische Unterschiede verweist - sie alleine könnten wohl kaum ausschlaggebend für das Resultat sein. Man wird sehen.

Die Kassierer sind derzeit systemrelevant. Daher verbietet es sich ihrer prägnanten Analyse der schlimmsten Folgeschäden jeder Katastrophe, sei es Atomkrieg, Pandemie oder Undercut-Frisuren zu widersprechen. Schlimm ist wenn das Bier alle ist. Mindestens ebenso schlimm ist, wenn das Bier schal ist. Dementsprechend wird Fridays for Future in Konflikt mit Brauereivertretern geraten. Die fordern händeringend eine Erhöhung des CO2-Ausstoßes. Corona deckt drastisch die verschwiegenen Gefahren eines "Green Deals" auf. "Kohlendioxid in Lebensmittelqualität entsteht zu großen Teilen als Nebenprodukt in der Ethanolproduktion. Diese ist jedoch eng verschränkt mit der Benzinherstellung. Durch die Einschränkung der Mobilität während der COVID-19-Pandemie ist jedoch der Absatz von Motorenbenzin empfindlich eingebrochen." ("In den USA wird die Kohlensäure fürs Bier knapp", SPON, 18.04.2020, 14:55). Leute, ihr habt doch sonst nichts zu tun. Die Straßen sind leer, kauft SUVs und brettert durch die Gegend. Wer will schon Arten und Inseln retten, wenn es dann nur noch Bier gibt das schmeckt wie bei Oma unterm Arm?

Hotelketten wie die Dorinth-Hotelkette fordern Unterstützung durch den Staat. Ausbleibende Kunden, leerstehende Hotelzimmer. Da ist nichts gegen einzuwenden, wenn der Leerstand kompensiert wird durch die Bewirtung von Obdachlosen, Flüchtenden und anderen Bedürftigen. Leerstand trifft auf Wohnungslose - Na los!

In Jena wird die Mund-Nasen-Schutz-Pflicht dafür verantwortlich gemacht, dass es keine neuen COVID-19 Fälle gibt. Angenommen, die Pflicht ist Ursache der Reproduktionsrate und man führt sie in ganz Deutschland ein: wie viele Millenien dauert es dann bis zur Herdenimmunität?

"Ich bin Tierpflegerin und als solche kastriere ich beruflich. Also überleg Dir ob Du mir nahe kommst." Vorstellung einer Kandidatin bei der Quiz-Show "Gefragt-Gejagt". Wahrscheinlich bringt die Kandidatin auch mit bloßen Händen Zootiere um, mit denen andere Zootiere gefüttert werden. So lenkt man in Deutschland von der disease-fatigue ab. Währenddessen fliehen in Kanada Pfleger aus Angst vor Corona aus einem Luxus-Pflegeheim und lassen die Insassen zurück. 31 Senioren starben, die verwahrlosten Überlebenden und 2 verbliebene Pfleger wurden von der Gesundheitsbehörde in einem Miasma aus Urin und Fäkalien gefunden. Ich befürchte am Geschäft mit der Verdrängung und der Abschottung des Publikums von Elend und Unglück wird sich nichts ändern. Schon gar nicht die GEZ-Gebühren, die dafür zu entrichten sind.

 

31.

Kaum eine gute Nachricht, schon fällt mir nix mehr ein. 

Reproduktionsrate 0,7. Trump mit besorgniserregendem Anfall von Zurückhaltung und Vernunft. Kein Einmarsch in New York mit anschließendem Triumphzug durch die leeren Straßen, den meuternden Bürgermeister im Schlepptau. Nicht dass der Mann krank ist. 

Die nächste gute Nachricht: Eine Umfrage in den G7-Ländern zeigt "Deutsche haben wenig Disziplin in der Krise" (Michael Backfisch, WAZ, 17.04.2020). Wenn jede Landesmutter und jeder Landesvater ohne jeden Beweis ihre jeweiligen Maßnahmen für die Senkung der Reproduktionsrate verantwortlich machen, nehme ich nun auch am munteren Reproduktionsratespiel teil. Je größer der zivile Ungehorsam, desto niedriger die Reproduktionsrate. 

Mag auch ein gerüttelt Maß Ignoranz Grund des Laissez-faire der Deutschen sein, so sind auch andere Gründe denkbar. Der Politikforscher Torsten Schneider-Haase wundert sich: "Die Menschen in Deutschland sind erstaunlich realistisch. Die Mehrheit geht davon aus, dass es keine schnelle Normalisierung des täglichen Lebens geben wird." Sollten die Deutschen auch realistisch in der Einschätzung der Strategie im Umgang mit Corona sein, dann mögen sie verstanden haben dass es nicht pauschal um die Vermeidung von Infektion geht, sondern um eine verlangsamte Ausbreitung. Eine Mehrheit der Bevölkerung soll sich infizieren. Dieses Ziel beeinflusst das Verhalten vor allen Dingen derer, die für sich das Infektionsrisiko als gering einstufen und im Falle einer Infektion nicht von einem schweren Verlauf ausgehen. Die "Unartigkeit" der Bürger entspricht der doppelten Strategie ihrer Regierung: immer wieder auf den Ernst der Situation hinzuweisen und gleichzeitig Situationen zuzulassen, die Infektionen erlauben - zum Beispiel durch überstürzte Wiedereröffnung von Schulen und eher sporadische Kontrollen der Einhaltung selbst aufgestellter Regeln. Dazu passt es, wenn Minister und Experten dicht gedrängt wie Ölsardinen Fahrstuhl fahren. Zudem - Anordnungen nicht zu befolgen muss nicht immer Ausdruck reiner Rotzigkeit sein. Auch gut informierte Bürger können zu dem Schluss gelangen, dass die eine oder andere Maßnahme nicht zielführend oder sogar kontraproduktiv ist (Sie wissen, was ich meine...).

Das Befragungsdesign führt zu vieldeutigen Ergebnissen. "Nur" 73% der Deutschen waschen sich öfter und länger die Hände." Wieso sollte man das tun, wenn man sich ohnehin schon oft und lang die Hände wäscht? "Nur" 41% der Deutschen isoliert sich zu Hause. Wozu, wenn man die Abstandsregeln einhält? "Nur" 44% bemutzen öfter Desinfektionsmittel für die Hände. Wozu wenn man sich oft und lang genug die Hände wäscht? Dies sind nur einige Beispiele dafür, dass der entspannte Umgang mit Regeln und Empfehlungen auch Resultat eines soliden Wissensstands sein kann.

Die Frage die mir unter den Nägeln brennt: Warum bekommt Markus Lanz jeden Abend Sendezeit? 

Zum Schmunzeln: Jens Spahn äußert auf der BPK Skepsis was die Einführung einer Maskenpflicht betrifft. Das Tragen einer Maske erhöhe das Infektionsrisiko, wenn der Umgang mit der Maske unsachgemäß erfolge. Er wisse aus eigener Erfahrung, dass dies nicht immer gewährleistet sei. Geständnisse eines Demaskierten.

Der Doppelgänger von Donald Trump, der den 3-Stufen-Plan der USA zur Bekämpfung von Corona vorstellte, überzeugte nicht hundertprozentig. Der Mann war einige Jahre älter als Donald Trump. Bolsonaro hat natürlich durchschaut, dass der US-Präsident durch einen Dummy ersetzt wurde und bleibt auf Linie. Gesundheitsminister, die nicht einsehen wollen, dass COVID-19 nur eine leichte Grippe sei werden gefeuert. Da will man ungestört ein paar Habenichtse in den Favelas loswerden und dann schießt der Gesundheitsminister quer? Von wegen...wenn das so weitergeht mit der durch Lobbyisten forcierten Verharmlosung der Seuche wird noch jemand die Verwendung des Wortes Coronavirus verbieten!

Endlich treibt Tilo Jung wieder den Blutdruck von Stefan Seibert in die Höhe. Das Tagesschaublau im Hintergrund der BPK wäre ohne den Farbkontrast zu den Wangen des Regierungssprechers zu monoton.

Coronamüde wie ich gestern Nacht war reagierte ich mit Gleichmut auf die Vermutung eines künstlichen Ursprungs des Corona-Virus. Ein weiteres Schuppentier, das durchs globale Dorf getrieben wird (Verdacht auf Schweinepest). Geheimdiensten scheinen Erkenntnisse darüber vorzuliegen, dass die Vermutung nicht von der gewaschenen Hand zu weisen ist. Das ließe die Warnung des UNO-Generalsekretärs vor Anschlägen mit Biowaffen in einem neuen Licht erscheinen. Nicht als Heraufbeschwörung des Kommenden, sondern als Hinweis auf den Ursprung des gegenwärtigen Geschehens. Die Befürchtung: China verfügt als Einziger über einen Impfstoff und verschweigt es. Eine Waffe ist, was zur Waffe werden kann. Gleichwohl: da es ein Interesse daran gibt das strategisch hilfsbereite China und seinen Einfluss einzudämmen (wie Corona) sollte man eine gewisse Skepsis walten lassen, was Schuldzuweisungen betrifft - was nicht bedeutet, dass kein Feuer ist, wo Rauch aufsteigt.

Ein von 24.000 Flüchtenden unterzeichneter Hilferuf der in Moria Festgesetzten an die Regierungen der EU endet mit den Worten "Wir sind Geiseln von Umständen, die wir nicht zu verantworten haben." Diese Umstände, ich hoffe, es ist hoffentlich überflüssig dies hervorzuheben, sind nicht dem Coronavirus geschuldet - das nimmt keine Geiseln und ist weder Entführer, noch Erpresser. Die Frage, ob der Appell bei der Bundesregierung angekommen ist wurde ebenso wenig beantwortet wie die Frage, warum zunächst die Kinder und nicht die "Risikogruppe" der Älteren evakuiert werden sollen. Wer sich schämt schweigt wütend.

Ausgangs der heutigen Wanderung strandeten eine Freundin und ich in einem Biergarten. Gespräche wie folgende: "Gibts hier etwas zu trinken?" "Ja." "Bier?" "Ja". Der Fragesteller bricht vor Glück in Tränen aus. Wir hocken mit Bügelflaschen auf flachen Steinen aus Steinbrüchen und betrachten die ausgelassene Freude, hören lange nicht gehörte Rufe mit lange nicht gehörten Worten: "Bratwurst mit Pommes und Ketchup?" Es riecht nach heißem Fett und Distanzunterschreitung. Mehr als 50 Meter von der Essensausgabe entfernt beiße ich in ein Nackensteak. Ein Fußball prallt an mein Schienbein und ich bin plötzlich umgeben von vier balgenden Angreifern. Die Nachmittagssonne schimmert auf dem Bügel meiner Bügelflasche. Wir schlemmen im Schlaraffenland, es riecht nach Sommer. Blattgold glänzt im Blattwerk. Wir verraten niemandem wo dieser Ort sich befindet.

Die Wanderschaft begann an einer Großbaustelle. Männer am Bauzaun beobachten den Kampf der Bagger in der Baugrube. Ersatz für die Bundesliga. Bevor wir den Waldrand erreichen überqueren wir Nebenstraßen, an den Lenkern von Karossen sitzen in Abwesenheit von Beifahrern und Passagieren auf dem Rücksitz FahrerInnen, die Nasen-Mundschutz tragen. Unsinn und Verschwendung, heikel, wenn man mit diesen beim Autofahren durchgesuppten Masken Einkaufen geht. Im Park Spielplätze, besetzt von Breitensportlern, die Spielplätze und deren Geräte zum Fitnessstudio umfunktionieren.

Auf dem Heimweg beschäftigt mich die Frage, was die Programmgestalter von Phoenix sich dabei gedacht haben, den AfD-Politiker Tino Chrupalla 10 Minuten zu Wort kommen zu lassen. Die Antwort gab er selbst. Gefragt was er denn dazu sage, dass die AfD in der Wählergunst massiv verliere antwortet er: Warten wir mal die weitere Wirtschaftsentwicklung ab. Bei der unbedingt empfehlenswerten Reportage "Weimar und heute" wird mir klar wie das gemeint ist. Die Parallelen zwischen den Strategien und Methoden der AfD und der NSDAP sind frappierend - es existieren sogar geografische Parallelen. in den Regionen, in denen die NSDAP den größten Zulauf hatte, hat es aktuell auch die AfD. Die NSDAP ergriff nach einer Weltwirtschaftskrise die Macht - vor uns liegt eine Rezession (allein die Verluste der Erfolgswagen AG...). Vor dem Hintergrund des nicht nur in Deutschland akuten Anschwellens völkischer Bocksgesänge wird klar, welche Befürchtungen mit einem längeren Shutdown verbunden sind.

Coronamnes(t)ie: Loveparade-Prozess eingestellt. Argentinien erklärt Zahlungsunfähigkeit und fordert Schuldenerlass.

Es ist Wochenende. Kein Lanz. Keine Talkshow. Kein Besuch. Mit sinkender Reproduktionsrate senkt sich entschleunigt und lautlos ein schweres Schott in den Boden, auf dem Nachbilder unmittelbarer Folgen der Seuche verblassen, Leichensäcke auf staubigen Straßen, Ärzte die sich nach unmenschlichen Entscheidungen aus klatschnassen Schutzanzügen schälen, sprachlose Schatten ihrer selbst. Was machst Du grade? Mischst Du Dich, betäubt von Sonne und Rotwein, unter das Publikum eines Konzertes auf dem Kirchplatz? Feilst Du an der Geschichte, die dem ersten Satz folgt? Ich bin ihr voraus, ich weiß um ihren Verlauf, würde mir wünschen, ich wäre so ratlos wie Du, inmitten eines Festes und über nichts anderes besorgt als über eine kreative Flaute.

 

30.

Die Existenz von Parallelwelten ist bewiesen. Die Lektüre eines Artikels über den Ernst der Lage wurde unterbrochen durch das Pop-up einer Stellenanzeige: Fluglotsen gesucht.

Eine leere Weinflasche auf dem Wohnzimmertisch klagt mich an. Heute morgen bereitet mir COVID-19 keine Kopfschmerzen.

Kopfschmerzen bereitet einem folgendes Zitat von Gordon Isler von der Gruppe Sea-Eye zum Umgang der EU mit den Flüchtenden auf der Alan Kurdi: "Deutschland hole in einer Hauruckaktion mal eben mehrere Zehntausend Erntehelfer aus Osteuropa per Flieger ins Land. Aber bei ein paar Dutzend Migranten Seenot zeigen die EU-Staaten allesamt Härte." Er hätte noch hinzufügen können Erntehelfer für die lebensnotwendigen Produkte Spargel und Erdbeeren. Corona wird als Rechtfertigung genutzt, um sich die Flüchtendenthematik vom europäischen Leib zu halten. Genauso schäbig und menschenverachtend wie der Umgang mit den Migranten an der griechisch-türkischen Grenze. 

37 Grad bei Phoenix: Sylvia, eine Frau hat einen Verein gegründet, der sich um die Betreuung und Versorgung von Obdachlosen kümmert. Im Interview trägt sie deutlich sichtbar eine Trainingsjacke mit dem Adidas-Logo. Um die wahren Bedürftigen zu demonstrieren. Ohne Scherz: Fiel das beim Schnitt nicht auf, oder hat Adidas für diese Werbung bezahlt?

Da ich nicht weiß ob dies schon so deutlich gesagt wurde: Ziel der derzeit getroffenen Maßnahmen ist nicht etwa, uns vor Infektion zu schützen. Es geht lediglich darum, dass das Gesundheitssystem möglichst sämtliche schwer Erkrankten behandeln kann. Wir sollen uns infizieren, aber gestreckt über einen möglichst großen Zeitraum. Die Distanzregeln dienen demnach nicht der Ansteckungsvermeidung, sondern der Ansteckungsverzögerung.

Da fallen die Qualitätsunterschiede bei all den Maulkörben aus dem Bastelset nicht wesentlich ins Gewicht. Zu guter Infektionsschutz für die Gesamtbevölkerung ist ohnehin nicht erwünscht.

Meine Güte. Es grassiert eine weltweite Pandemie - und Eltern, für die mehr Zeit mit ihren Kindern, dem großen Geschenk in ihrem Leben, eine Belastung ohnegleichen darstellt brechen in Tränen aus, weil sie nicht ungestört ihrer Homeoffice-Tätigkeit als Marketing-Leiter nachgehen können. Helikoptermütter sorgen sich um die Wertigkeit des Abiturs ihrer Sprösslinge, wenn die Abiturvorbereitung zu kurz ist und unter dem Stress der Corona-Bedrohung leidet. ARD Extra stellt ihr Leiden in den Mittelpunkt des Extra. Anscheinend reduziert sich das Thema auf die Probleme und das Leiden der Privilegierten, die mit den Leistungsträgern gleichgesetzt werden. Die dringlichen Sorgen scheinen nicht die zu sein, die existenziell sind, sondern diejenigen, die unbequem und lästig für die Säulen der Gesellschaft sind. Nicht zu vergessen das Elend der Gläubigen, die nicht mehr auf der Kniebank niederknien dürfen. Die Insel der glückseligen Nörgler blendet ihre Schiffbrüchigen aus.

Vorspiel zu Maybrit Illner: Der Bozen-Krimi. Auf stumm geschaltet. Zu den hektischen, dramatische Zuspitzungen auf der Alm vermittelnden Lippenbewegungen im Dialog zwischen Racheengeln und erschöpften Mördern, passt das heitere Gemurmel des Swingerclubs auf dem Balkon der Etage unter meiner Dachkammer. Echos der 70er Jahre, Spießigkeit der sexuellen Freiheit und deutscher Krimis. Fühle mich wie das Kind das ich war, abgeschoben in ein fremdes Bett, während Gelächter von einem Garten mit Swimming-Pool mich wachhielt. Eine Unstimmigkeit hinderte mich am Einschlafen, die ich mir nicht erklären konnte und über die meine Eltern eisern schwiegen.  

War COVID-19 ein Labor-Virus? Mir menschlich egal. Es freut mich jedoch für Fledermäuse.

In Gießen muckt das Bundesverfassungsgericht auf. Das Versammlungsverbot hebelt nicht das Demonstrationsrecht aus. Immerhin.

Hubertus Heils 10 Gebote des Arbeitsschutzes bestimmen unter anderem: Nicht krank zur Arbeit gehen. Gilt das auch fürs Home-Office?

Nach Banksys Badezimmer der Wetterbericht: Kontrast wie zwischen Revolution und Straßenverkehrsamt.

 

 29.

Ein neuer Batman-Film ist in Planung - mit Donald Trump als Joker. Mitten in der größten jemals erlebten Pandemie streicht er die Zahlungen der USA für die WHO, der er die alleinige Schuld für die Verbreitung von COVID-19 in die Schuhe schiebt. Es ist nicht nötig, an dieser Stelle die Versäumnisse und Leugnungen der Regierung Trumps aufzulisten. Ebenso ist es müssig, sich mit etwaigen Versäumnissen der WHO zu befassen. Unstrittig ist die Wichtigkeit der Arbeit der WHO vor allem in den ärmeren Ländern bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten und ihren Auswirkungen. Wer mitten in einer Pandemie als größter Beitragszahler die Zahlungen einstellt nur um von eigenen Fehlern abzulenken ist selbst eine schwere Gefahr für Gesundheit, Leib und Leben von vielen. 

Der selbe Donald Trump bezeichnete Chloroquin-Tabletten als "Geschenk Gottes". Schon setzt ein Run auf dieses bei unsachgemäßer Dosierung lebensgefährliche Medikament ein. Das hat fatale Folgen: "Zwei Männer starben laut NBC-News, nachdem sie Chloroquinphosphat schluckten. Das klingt so ähnlich wie das Malaria-Mittel, taugt aber nur zur Reinigung von Aquarien." Wie viele Fische sterben wohl an unsachgemäß verwendeten Chloroquin-Tabletten?

Der Eklektizismus der Titelseiten nimmt groteske Züge an. Leitartikel in der WAZ: "Situation in Pflegeheimen spitzt sich dramatisch zu - 1400 Pfleger in Quarantäne." Der Kommentar auf derselben Seite ("Christoph Onkelbach, "Die Schwächen des Systems") hält unverdrossen am Dogma fest: "Nur durch ein Besuchsverbot lässt sich die Zahl der Infizierten senken". Das stimmt insofern, als die Besucher vor einer Infektion geschützt werden, ignoriert jedoch hartnäckig, dass längst Alten- und Pflegeheime selbst Brutkästen für das Virus sind.

Glücksritter und Betrüger verfallen auf skurrile gefährliche Geschäftsideen. Silber tötet Corona. Also: silberbeschichtete Zahnbürsten, Silberpräparate zur oralen und äußeren Anwendung. Was gegen Vampire hilft, soll auch gegen den Virus helfen. In gewisser Weise stimmt das. So wie der Beschuss mit Silberkugeln nicht nur Vampire, sondern jedes Zielobjekt umbringt tötet auch die Einnahme von Silber jeden - und mit dem Wirt auch das Virus.

In "Arctic Circle" stellt sich ein Protagonist des ECDC vor, was die naheliegende Replik provoziert: Sie sehen gar nicht aus wie das Mitglied einer Heavy Metal-Band. Das European Centre for Disease Control ist eine gute Adresse, wenn man in der Flut überbordender und widersprüchlicher Informationen  nach Orientierung sucht und nicht fixiert sein will auf deutsche Quellen. Das ECDC veröffentlichte eine für den Alltag nicht unwesentliche Einschätzung: "Ein direkter Kontakt mit einem COVID-19 Fall im Abstand von weniger als 2m über mehr als 15 Minuten stellt ein hohes Infektionsrisiko dar." (Deutsches Ärzteblatt, 26. Februar(!) 2020). Dies unterstützt eine plausible, aber eher wenig thematisierte Annahme - dass die Dauer der Exposition von entscheidender Bedeutung für das Risiko einer Infektion ist, und nicht nur der Abstand. Schon Herr Streeck stellte den Zusammenhang her zwischen der Virenmenge, dem Infektionsrisiko und der Schwere der Erkrankung. Alarmierenden Meldungen über z.B. die Gefahr, die von Joggern und Radfahrern herrührt ("Beim Joggen reichen zwei Meter Abstand nicht", Deutschlandfunk.de, 14. April 2020) und viele anderen Horrormeldungen auf der Jagd nach Clicks sind mit Vorsicht zu betrachten. Auch andere Einschätzungen der ECDC, etwa das hohe Risiko für Personen, die im selben Haushalt leben (Wie sinnvoll können dann Ausgangssperren sein?) und das hohe Risiko noskomialer Infektionen (sog. Krankenhausinfektionen) setzten früh im Jahr Schwerpunkte, die nicht immer hinreichend berücksichtigt wurden.

Das Argument für schrittweise Lockerungen ist vorwiegend ökonomischer Natur. Grund ist jedoch auch die Verbesserung der Datenlage durch das "Trial/Error-Prinzip." Europaweit werden die Lockerungen der Maßnahmen unterschiedlich und zeitversetzt erfolgen. Steigen in Folge bestimmter Lockerungen (z.B. Schulöffnungen) die Infektionszahlen wieder gewinnt man wichtige Erkenntnisse über neuralgische Punkte der Pandemie und grenzt sie ein. Man wird also aus Fehlschlägen lernen, was in dieser Deutlichkeit nicht kommuniziert wird.

Im Wust der veröffentlichten Informationen drohen gute Nachrichten unterzugehen oder nicht als solche gewürdigt zu werden. Göttinger Forscher kamen zu dem Schluss, dass Ende März bereits mehr als 460000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert waren, von denen nur 15,6% offiziell als infiziert gemeldet wurden. Was sich alarmierend liest ist eher ermutigend: Erstens ist der Grad der "Durchseuchung" schon hoch, zweitens ist davon auszugehen, dass 70% der Infizierten keine Symptome zeigen und drittens ist die Sterblichkeitsrate niedriger als befürchtet - wenn denn diese Ergebnisse stichhaltig sind.

Die Bundespressekonferenz habe ich heute weitgehend ignoriert. Auch Tilo Jung tut sich die Veranstaltung nicht mehr an, womit es keinen Grund mehr gibt die Zeit nicht sinnvoller zu verbringen, als mit dem Lauschen auf das weißen Rauschen des sinnfreien Raumes, in dessen leerem Zentrum die Regierungsvertreter levitieren - mit Nasebohren zum Beispiel.

Subversion, die der Zensur durch die Redaktion der WAZ durch die Lappen ging: "Weil ich immer noch unsicher bin wie man den Plural von Mundschutz bildet, weil ich also unsicher bin im Gebrauch der Mehrzahl, kaufte ich erstmal nur einen. Hat jemand keinen? Ich verleihe ihn gern." Ein Sympathisant.

Aus dem selben Grund, aus dem Frauen sich verschleiern werde ich einen Mund-Nase-Schutz tragen - um die Tugendwächter nicht gegen mich aufzubringen. Das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes soll Bestandteil der "Neuen Normalität" werden, neidisch schielt man nach Südkorea, wo das Tragen des Maulkorbes schon vor COVID-19 die Regel war. Dass etwas mit unserer Art zu leben, zu wirtschaften und mit unserer Umwelt umzugehen grundverkehrt sein muss, wenn das Tragen eines Mund-Nasenschutzes obligatorisch ist, ist offenbar schwer zu vermitteln.

(...)

"Glücklich sein und Dusel zu haben ist nicht das selbe". Der einzige gelungene Satz bisher. Mir fällt keine Geschichte dazu ein. Fühle mich verfolgt. Am besten Ort der Welt. Höhenwanderung mit Blick auf Steilküsten, die senkrecht ins türkisfarbene Meer abfallen. In der Ferne Felszinnen, die aus dem Wasser emporragen, Dolomiten in den Wellen. Ich muss nicht mehr verreisen, ich habe mein Paradies gefunden. Im Eiscafe bestelle ich drei Sorten: salzige Pistazie, Orangenschalenaroma, Bitterschokolade. Über der Kasse ein Bildschirm. Südamerika. Gesichter mit Masken. Straßen voller Menschen, die wie Chirurgen aussehen. Das Empfinden, nicht hier angekommen zu sein, an einem anderen Ort verblieben, von dem es kein Entkommen gibt."

(...)

Die Pressekonferenz von Kanzlern und MinisterpräsidentInnen bot nichts Überraschendes. Man bewegt sich auf der Linie, die das Helmholtz-Institut als Szenario 2 wie folgt charakterisiert: "Kontaktbeschränkungen und andere flankierende Maßnahmen werden so gewählt, dass die Reproduktionszahl im Bereich von 1 bleibt. Dann würden sich die Kontaktbeschränkungen wohl über Jahre hinziehen." Das wird - zumindest wenn sich herausstellt, dass man in Immune, noch-nicht-Immune und noch-nicht-immune-Vulnerable differenzieren kann nicht für alle gleichermaßen gelten. Schon plappert man Sebastian Kurz nach und redet von der "Neuen Normalität", Ende nicht absehbar. Im einzelnen: Danke, danke, danke. Als Lockerung wird bezeichnet, dass Geschäfte mit bis zu 800m2 unter Einhaltung der Abstandsregelungen und Hygienevorschriften wieder öffnen dürfen und Abschlussklassen wieder am stationären Schulbetrieb teilnehmen können. Ansonsten wird dringend empfohlen, im ÖPNV und beim Einkaufen Maulkörbe zu tragen die bitte jeden Tag gewaschen, in der Mikrowelle getrocknet und am CERN  im Teilchenbeschleuniger geschleudert werden müssen. Man kann sich denken, dass die Supermärkte nicht für die Versorgung der Kunden mit Maulkörben sorgen werden. Man löst das Problem des fehlenden Maskenzwangs einfach mit einer Ergänzung der Zutrittsverbote für Tiere: Nacktgesichter müssen leider draußen bleiben. Für die Bevölkerung ist das mitnichten eine Lockerung, sondern lediglich die Aufforderung zum Konsumieren mit Mundschutz Schlange zu stehen. Frau Merkel wurde gefragt, was sich denn an ihrer Einschätzung der "Community masks" als Virenschleuder geändert hat, woraufhin sie leicht pikiert die 20-seitige Anleitung zur sachgerechten Handhabung des Nasen-Mundschutzes rezitierte - ihre Weise anzudeuten, dass sie überstimmt wurde. Passe ist übrigens die Aufforderung: Bleiben Sie zu Hause. Nein, die Menschen sollen ja einkaufen gehen.

Übrigens: bei Mangel an Maulkörben sei empfohlen sich an Kenia zu wenden.

Frau Merkel interpretiert den Gehorsam der Bürger als Zeichen der Mitmenschlichkeit. Eine geschönte Interpretation. Man macht mit weil man hofft, dass es dann schnell vorbei ist.

Die Ministerpräsidenten feiern sich ab. Wie üblich interpretieren sie die Zahlen - insbesondere im Nord-Süd-Gefälle der Krisentitanen - alle als Beweis für die Richtigkeit ihres Vorgehens. Dass mir zum Corona-Triumphzug der gedämpften Warnungen und der erhobenen Zeigefinger der Reim einfällt: "Getretener Quark wird breit nicht stark" liegt am Verzweiflungsriesling, dem ich zuspreche, während ich checke in welchen Länder ich beim Einkaufen noch nicht nuscheln muss. Ich brauche ein anderes Ich.

Abgerechnet wird am Schluss. Den Erfolg der getroffenen Maßnahmen daran zu messen, dass derzeit die Situation besser aussieht als in anderen Ländern, die Reproduktionszahl bei 1 liegt, ein Infizierter also im Durchschnitt nur noch einen anderen infiziert, ist kurzsichtig. Allenthalben wird betont, wie gut man im Ländervergleich da stehe - ganz anders als beim European Song Contest. Der Erfolg bei der Bekämpfung der Pandemie muss sich jedoch daran messen lassen, wie lange die Zumutungen, die Einschränkungen, die Restriktionen noch anhalten. Was nutzt es, wenn die Neuinfektionsrate zwar niedrig bleibt, dafür aber die ergriffenen Maßnahmen Jahre aufrecht erhalten werden? 

Spannend wird es, wenn Kontaktsperren und sonstige Reglementierungen auf einen heißen Sommer treffen. Ob dann tatsächlich alle Menschen aus dem Wasserhahn trinken? Wenn nämlich nicht kommt es in Getränkemärkten und Supermärkten zu Tumulten - und die kühlen U-Bahn-Schächte müssen von der GSG9 bewacht werden.  

Mein heutiges Unwort meiner schlechten Laune: Herausforderung für Zumutung. Als wäre der drohende Verlust von Lebensperspektiven lediglich ein sportlicher Anreiz, und als seien die Opfer nur zweite Sieger. 

Herr Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg ganz deutlich: Eine Rücknahme der Einschränkung der Grundrechte kann erst vorgenommen werden, wenn es einen Impfstoff gibt. Rechtsgrundlage: Art.11(2) GG. Na also. Endlich sagt mal einer in aller Deutlichkeit, was da auf uns zukommt.

Ich hatte mir fest vorgenommen, kein Wort darüber zu verlieren, dass das einzig Stabile in dieser volatilen Weltlage Ursula von der Leyens starre Mimik und ihre blonde Zuckerwatte sind, also lasse ich das auch bleiben.

Mit unverkennbarem Stolz verkündete heute die IWF-Geschäftsführerin Kristalina Georgieva, dass IWF, Weltbank und diverse Entwicklungsbanken insgesamt 8 Billionen Dollar für die Bekämpfung der Folgen der Pandemie insbesondere in den ärmeren Länder unter den Mitgliedsstaaten des IWF locker gemacht haben. Diverse Warlords und korrupte Politiker werden nichts dagegen haben - wie bei der Entwicklungshilfe wird da schon etwas vom Laster fallen (der mit Waffengewalt gestoppt wurde).

Krankenhäuser werden nicht müde zu betonen, man könne sich zur Behandlung von Krankheiten ohne Ansteckungsgefahr ins Krankenhaus begeben, weil die Abteilung zur Behandlung von COVID-19 Patienten ja von anderen Abteilungen klar getrennt sind. Auf der Krebsstation des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf haben sich 20 Mitarbeiter und 20 Patienten infiziert. 

Lanz. Maske. Gute Nacht.

 

28.

Sieh an! Gerd Landsberg, der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes streckt als Erster sein Köpfchen zum Fenster heraus: "Warum sollte ein Ein-Mann-Betrieb nicht wieder öffnen können, wenn der Inhaber gesundet ist, nachweislich niemand mehr anstecken kann und auch nicht als Überträger in Betracht kommt?" fragt er unschuldig in der WAZ von heute. Es lohnt ein Blick auf die Wortwahl: "gesundet" (also: immun), nachweislich niemanden mehr (Gesundheitsausweis). Gesund genügt nicht, sondern der glückliche Früheröffner muss nachweislich mit COVID-19 infiziert gewesen sein, um sein Geschäft betreiben zu können. Dabei spielt keine Rolle, welche Infektionskrankheiten der/die Betreffende ansonsten verbreitet. Da ist er, der erwartbare Denkanstoß in Richtung Privileg der Immunen. Mal sehen ob der Denkanstoß eine Lawine auslöst, die Anreize schafft sich möglichst schnell mit COVID-19 zu infizieren.  

Machen wir uns nichts vor: es ist die Zeit des "Doppelsprech". Die Forderung "flattening the curve" diente als Fundament für erhebliche Einschränkungen der Grundrechte, jetzt werden Anreize dafür geschaffen sich möglichst rasch zu immunisieren. Wer sich optimal vor Infektion schützt, muss Nachteile befürchten. "Abstand halten um die zu schützen, die einem nahe stehen". Die Schwächsten der Gesellschaft schützen, indem man sich von ihnen fernhält - so die Devise. Doch wir schützen die sogenannten Risikogruppen nicht geschützt, im Gegenteil. Während die SeniorInnen im Pflegeheim nicht von ihren Angehörigen besucht werden durften, ging das Pflegepersonal ein und aus und konnte sich ungehindert mit dem Virus infizieren und ihn verbreiten. Dass Pflegepersonal hat nicht zu verantworten, dass Pflegeheime sich in "Hot Spots" für SeniorInnen und Pflegepersonal entwickelten - dies war Resultat einer falschen Risikoabschätzung. Aber auch aktuell liest man lediglich die Hiobsbotschaften über das Todesdomino in Pflegeheimen, aber wenig bis nichts über die intensive Nachverfolgung der Infektionsketten analog zur Heinsberg-Studie.  Arme, Hartz-IV-Empfänger, Obdachlose sind eine weitere Risikogruppe, die nicht geschützt wird, sondern denen die wenigen Unterstützungsangebote entzogen werden. Kinder in Armut erleiden noch gravierende Bildungsnachteile als zuvor, weil sie zu Hause weder die technischen Mittel, noch den Platz haben um mit Schülern mitzuhalten, die zu  Hause über Equipment und Raum verfügen. Diese Themen werden publizistische Randnotizen in den öffentlich-rechtlichen Erziehungsanstalten, journalistische Krokodilstränen, die Umstände beklagen, sich aber ansonsten auf die schwierige Situation des Mittelstandes konzentrieren, ganz im Sinne der Handlungsempfehlungen der Leopoldiner und dem Credo der Regierungen: Hauptsache, die Wirtschaft läuft so schnell wie möglich wieder an und kann weiter die sozialen Gegensätze reproduzieren wie gehabt. Die Solidargemeinschaft ist tatsächlich eine Interessengemeinschaft der Aus- und Abgrenzung. Einige sind eben gleicher, um deren Miteinander geht es - diejenigen hingegen, die mit den Schwächsten arbeiten tragen die größten Risiken.

Dass es auch anders geht als die Axt an Grundrechte zu legen demonstriert Schweden. Der dortige Star-Epidemiologe heißt Anders Tegnell, der nichts von Kontaktverboten und Shutdwon hält, und dem die schwedische Regierung bislang unbeeindruckt von den Strategien in anderen Ländern der Welt folgt.  "Man müsse moderate Maßnahmen treffen, welche die Bevölkerung - wenn nötig - über Monate akzeptiere. Ein Lockdown könne gravierende Konsequenzen für die Gesellschaft haben." (Schweden. Stoisch gegen den Rest der Welt, NZZ am Sonntag, 11.04.2020). Wenn nicht grade der schwedische Weg in der Berichterstattung gänzlich ignoriert wird (Lieber blickt die Maskenlobby nach Österreich, oder nach Italien und Frankreich, um zu demonstrieren wie gut es uns in Deutschland geht), betrachtet man das Vorgehen in Schweden mit Argwohn, Neid (Da sitzen Menschen zusammen in Cafes! Das ist völlig retro!) und Angst: man stelle sich vor, Schweden behalte mit seinem Vertrauen in die Eigenverantwortung seiner Bürger Recht. Seit Wochen wartet man darauf, dass in Schweden endlich die Fallzahlen rapide ansteigen, damit auch Schweden "auf Linie" bleibt: bislang vergeblich. Mit derzeit 919 coronabedingten Todesfällen hat Schweden (bezogen auf die Gesamtbevölkerung) die mit Abstand wenigsten Toten zu beklagen. Bestimmt gehts dort auch den Tauben besser, die ansonsten in den verödeten Innenstädten verhungern. 

Die Leistung der Bürger besteht im Verzicht und im Befolgen der Regeln. Etwa so wie im Mittelalter. Prof. Wieler vom RKI bedankt sich und regt an: Belohnen Sie sich, indem sie weiter die Regeln einhalten. Die Belohnung für Gehorsam besteht darin zu gehorchen. Und zack! Da ist die Frage nach einer positiven Kennzeichnung der Immunen in der Öffentlichkeit.

Aus der Abteilung Verblüffung über Verblüffung: Die Börse ist positiv überrascht über die Handelsbilanz Chinas. Nicht verwunderlich. Ich bezog mein Klopapier aus China. 

Anja Planken vom ARD/ZDF-Moma ist sichtlich verblüfft über die Hygiene- und Wohnsituation in den sozialen Brennpunkten. Was es nicht alles (nicht) gibt. 

Italien lehnt 39 Milliarden Euro aus dem ESM ab. 5 Sterne zeigen 12 Sternen den Finger. Eine fragwürdige, jedoch nicht erstaunliche Ankündigung.

Leider keine Satire: Die Türkei entlässt Gefangene über 65. Da eine Ausgangssperre für alle Personen über 65 besteht wechseln die Betreffenden einfach nur die Zelle. Ausgenommen vom Transfer ins Home-Prison sind Schwerverbrecher und Oppositionelle, weil zwischen diesen Gruppen kein Unterschied besteht.

Colonel Kurz: we are the Champions. Alle Zahlen: toll. Wozu dann die Maskenpflicht?

Beppe Grillo hält eine Rede zu meiner Lage. "Leider müssen wir Sie auffordern auch weiterhin das Dorian-Grey-Bildnis ihres Originals zu bleiben. Es ist noch zu früh um über Lockerungen nachzudenken, verbleiben Sie zum Nutzen ihres Ichs mit der günstigeren Prognose in germanischer Quarantäne. Arrividerci und bleiben Sie ungesund." Komiker...

In einem Länderranking zum Krisenmanagement liegt Deutschland gemäß einer Erhebung der Londoner Deep Knowledge Group weit vorne, nur übertroffen von Israel. Dies überrascht nicht wie Anastassia Lauterbach (Namensgleichheit zufällig) lapidar feststellt "wenn man beachtet, dass das Land in einem permanenten Krisenzustand ist und sehr viel Erfahrungen mit Grenzschließungen und Ausnahmezuständen hat." Deutschland, da geht noch was nach vorne...

Die Zeichen mehren sich, dass Zeit bleibt um die Kunst des Krisenmanagements zu verfeinern. Der NRW-Landtag hat das Epidemiegesetz mit einer Geltungsdauer bis Ende 2021 verabschiedet. Allmählich stellt man den Souverän auf einen langen Ausnahmezustand ein. Erster Kandidat für den treffendsten Euphemismus ist die "verantwortungsvolle Normalität".

In einem Artikel von Jasper Finke ("Krise als Normalität", Verfassungsblog.de, 30. März 2020) findet sich unter Bezugnahme auf Carlo Schmitt eine treffliche Begründung für die Überbetonung des Ausnahmezustands. Finke verweist darauf, dass "Auslegung und Anwendung von Normen und die Gewichtung betroffener Rechtsfragen ohnehin veränderlich sind". In Krisenzeiten fällt dies aufgrund der Schnelligkeit der Veränderungen nur deutlicher auf - ansonsten unterschreitet der Prozess Veränderung von Normen und Gewichtung von Rechtsgütern unsere Aufmerksamkeitsschwelle, so wie das Wachstum des Grases (daher ist die Rechtfertigung eines gewissen Herrn Filbinger: "Was gestern Recht war kann heute nicht Unrecht sein" nicht nur geschichtsvergessen und menschenverachtend gewesen, sondern auch faktisch nicht zutreffend). Wieso dann das Tamtam? "Häufig dient sie der Selbstvergewisserung. Die Konstruktion eines prinzipiellen Unterschieds zwischen Normalität und Ausnahme ist die Grundlage dafür, sich mit dem, was im Ausnahmezustand passiert, aus juristischer Perspektive nicht auseinandersetzen zu müssen." (...an anderer Stelle schreibt er im Zusammenhang mit der Rolle von Juristen im Kontext des sogenannten Ausnahmezustandes vom "pubertären Reiz des Verbotenen"). Das beschreibt treffend wie dünn die Linie zwischen Ausnahmezustand und Diktatur ist. Auch die übrigen Beiträge auf "Verfassungsblog.de" zu diesem und anderen Themen sind aufschlussreich, daher zur Lektüre empfohlen.

"Souverän ist, wer den Ausnahmezustand entscheidet", lautet der berühmte und verhängnisvolle Satz von Carl Schmitt. Die Idee, dass die Souveränität in Bedrohungslage vom Volk als Souverän komplett auf den Staat übergehe bis hin zum Recht, "Bürgeropfer", notfalls das Leben zu fordern, und den Satz "alle Staatsgewalt geht vom Volke aus" auf den Kopf zu stellen geistert immer mal wieder - in letzter Zeit in häufiger Frequenz - durch den politischen  Diskurs. Das war beim Thema RAF so, bei 9/11, bei der Finanzkrise, und - ohne dass es bislang ausgesprochen wird - in der Coronakrise. Einschränkung von Grundrechten, Zwangsverpflichtung zur lebensgefährlichen Arbeit, Kriegsrhetorik, all das passt zur Entmachtung des Souveräns und wird vom Souverän derzeit mit hohen Zustimmungsraten belohnt. Die dümmsten Kälber... doch diesmal wird der Ausnahmezustand anders als bei vorherigen "Ausnahmezuständen", die legitimiert werden sollten durch Abwehr von Gefahren für die Bürger, ein Ausnahmezustand, der in die Köpfe jeder einzelnen Person hinein verlegt wird - so wie der panoptische Turm bei Foucault vom objektiven, zum subjektiven Überwachungsinstrument avanciert. Wenn die Dauer der coronaren Krise in Jahren gezählt werden muss, so wird jeder Einzelne früher oder später die Entscheidung treffen müssen, ob er sein Leben riskiert, indem er sich infiziert um immun zu werden, oder ob er mit zweifelhaften Erfolgsaussichten versucht eine Infektion zu vermeiden und sich in weiten Teilen vom gesellschaftlichen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Leben ausschließt (wenn der Staat dies seinem ehemaligen Souverän noch gestattet). Man lebt dann in einem Staat im Ausnahmezustand und im persönlichen Ausnahmezustand, dessen Wahlfreiheit darin besteht, sich zwischen Pest und Cholera zu entscheiden. Niederschmitternde Aussichten.

Jens Spahn: "So viel Freiheit wie möglich, so viel Einschränkungen wie notwendig." Nach seinem Kollektivverstoß mit anderen Großkopferten gegen das Abstandsgebot (bitte googlen: Jens Spahn im Aufzug, auch: Herr Spahn, die Maske ist verkehrt rum!, siehe in der Mediathek heute+) müsste er sich zwangsisolieren - aber da er Herr über die notwendigen Einschränkungen ist wird er mit einer freiwilligen Selbstverpflichtung davonkommen. Gruselig.  

Sie mögen den Kopf schütteln und meinen, diese Befürchtungen seien maßlos übertrieben. Das würden Sie anders sehen, wären sie Beate Bahnert. Die Anwältin hatte gegen die Corona-Maßnahmen geklagt und ist nun nach angeblicher Ausübung von physischer Gewalt gegen Polizisten in die Psychiatrie eingewiesen worden. Ihre Internetseite ist "zur Beseitigung der bestehenden Störung der öffentlichen Sicherheit" gesperrt worden. Weil sie zu einer Demonstration gegen bundesweite Schutzmaßnahmen aufgerufen hat, wird gegen sie wegen Aufruf zu einer Straftat ermittelt (Cornelia Karin Hendrich, "Durch Klage gegen Corona-Regeln bekannt - Anwältin in Psychiatrie eingewiesen", Welt.de, Stand heute 16:09). Ein Einzelbeispiel, und es ist nicht auszuschließen, dass die Festsetzung von Frau Bahnert nichts mit ihren juristischen Aktivitäten zu tun hatte - dennoch empfand ich diesen Bericht als zutiefst beunruhigend.  

Man spricht jetzt nicht mehr von Risikogruppen, sondern von Vulnerablen. In der Phönixrunde rechtfertigt Professor Pörksen den Zwangsschutz Älterer damit, dass nicht die Politik diskriminiere, sondern das Virus. Die gesamte Gesprächsrunde dreht sich ausschließlich um das Thema wie finde ich eine Sprachregelung, die eine Entmündigung der "vulnerablen Gruppen" wirkungsvoll als pure Fürsorge verkaufe. Produktion von Euphemismen wird hier gleichgesetzt mit Moralität. Ekelhaft und mehrheitsfähig. Am Schlimmsten ist die Diskriminierung von Ursula Weidenfeld: "Vor allem die Alten laufen draußen frei herum". Erstens ist das ihr Recht, zweitens entspricht dies wohl kaum den Tatsachen.  

Malu Dreyer appelliert bei Markus "Satin" Lanz: es gibt genügend Ressourcen in unseren Krankenhäusern zur Behandlung von Krebspatienten. Aber auch die können Artikel lesen wie: "Corona-Infektionswelle auf Krebs-Station im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf" (NDR Info - 14.04.2020). Pest oder Cholera (oder beides).

Hymnisch wurde die katalytische und global kurative Macht des Virus gepriesen. Zum wiederholten Male wies Christiane Woopen auf den etymologischen Ursprung des Wortes Krise hin, das Entscheidung bedeute, vor die das Virus uns stelle. Die Deutsche Prechtsprechung nahm den Ball auf und rechnete Corona hoch an, dass es uns daran erinnere, biologische Wesen zu sein, was dazu führe, dass wir das Thema Klimawandel endlich ernst nehmen, statt das Verbot von Plastiktüten als Eingriff in unsere Grundrechte wahrzunehmen. Herr Precht versäumte es nicht darauf hinzuweisen, dass er mit seiner im Zusammenhang mit der Finanzkrise geäußerten These von der Verbotssüchtigkeit der Menschen zu Unrecht verlacht worden sei (bei "Lanz!"). Corona zeige jetzt, dass er Recht behalten hat, haben Menschen Angst, beruhigt sie die Sanktion (dass Herr Precht Recht behalten hat ist natürlich der wichtigste Aspekt des Themas). Dienen Verbote der Vermeidung von Überflüssigem und somit dem Guten Großen Ganzen, könne man den Verbotsfetischismus zum Guten nutzen. Auch für den Fußball sei Corona eine Chance. Die Aufbruchstimmung, die Paisley-Philosoph verbreitet wirkt (...verzeihung...) ansteckend. Die Pandemie sei eine riesige Gelegenheit, etwa so wie die Pest im 14. Jahrhundert, die zu großen sozialen Errungenschaften geführt hat. Einige seien genannt: höhere Löhne wegen des Arbeitskräftemangels, geringere Abgaben für die Bauern und die Oberammergauer Passionsspiele. Zeitenwenden und Kulturrevolutionen sind eben einige Millionen Tote wert. Von der Begeisterung für die globale, kreative Zerstörungskraft der Pandemie bis hin zu der Idee von der reinigenden Kraft des Virus für Klima und Natur ist der Weg nicht weit. Markus Lanz ist zu sehr Maskenfan, um den Philosophen als narzisstischen Zyniker zu demaskieren. 

Im Anschluss an heute +: Nochnichtschicht, ein Bastard aus Satire und Klamotte. Der Moderator hält Leopoldina für eine Weizenbiersorte. Schalte jetzt ab bei ein paar Folgen "Arctic Circle", der Serie zur Seuche. Lehrreich und hochaktuell. Bis Morgen.

 

 27.

"Klar ist: nichts wird wie es war" (Armin Laschet, Ansprache zu Ostersonntag).

Ein ungewohntes Geräusch weckt mich. Regen prasselt gegen die halb offene Balkontür. Nach wolkenlosen, für die Jahreszeit zu warmen Tagen (eine seit einigen Jahren zunehmend routinemäßige Anmerkung der Meteorologen in ihren Wetterberichten), die sich bis auf unmerkliche Verschiebungen der Sonnenaufgangs -und Untergangszeit so wenig unterschieden, als handele es sich stets um den selben Tag, Projektion auf einem Schnapprollo von Tag Nacht, sind Regen und bedeckter Himmel eine willkommene Abwechslung. Es ist April, nicht Sommer, zumindest der Regen vermittelt etwas jahreszeitliche Normalität. Von draußen das Schnattern von Gänsen, das ich hier das erste Mal höre...Es kommt näher...

Auf der Couch eingeschlafen. Ein Standbild meines Ichs in einem T-Shirt, auf das die Maxwellschen Gleichungen für Elektromagnetismus gedruckt sind, starrt überlebensgroß auf einen Punkt rechts von mir. Die Fernbedienung. Wo ist die Fernbedienung...in die Couchritze gerutscht. Ich blinzele. Das bin nicht ich. Das ist Christian Slater. 

Wie Armin Laschet es fertig gebracht hat, seine vorosterliche Rede noch einmal zu halten und dabei noch weniger konkret zu sein, als sei er dazu in der Lage noch den Vakuum Luft zu entziehen, nötigt schon fast Bewunderung ab. Klar ist: nichts wird wie es war, womit nichts gesagt wird, das Publikum aber auf alles vorbereitet sein soll. Unterstellt man den RedenschreiberInnen einen Hang dazu, Easterggs zu verstecken könnte es sich sogar um die bewusste Variation eines berühmten Satzes von Giuseppe Tomasi di Lampedusa aus "Der Leopard" handeln: "Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, dann ist nötig, dass alles sich verändert." Fürst Salina sagt ihn zu Tancredi. Ich kann mir den Fürsten nicht anders vorstellen, als von Burt Lancester verkörpert...dass Armin Laschet den Satz variiert zeugt gleichzeitig von Realitätssinn und von einem gewissen Fatalismus. Die Sache geht nämlich nicht gut aus für den Fürsten. 

Wohl kaum war Laschet bei seiner Ansprache der Osterhase, dem es ums Verstecken von Literaturzitaten in Überraschungseiern auf Frühlingswiesen ging, das hätte etwas von vertrautem Festtagsterrain, dem Gegenteil dessen, was dieser zunächst harmlos klingende Satz impliziert. Der ragt monolithisch nicht nur aus der Phrasenschweinerei dieser Rede heraus, sondern hebt sich ab von all diesen Sonntagsreden, die von der Rückkehr zur Normalität faseln. Hier hingegen stellt sich einer hin und sagt: das ändert alles, nicht nur für Nord-Rhein-Westfalen und ich habe keine Ahnung wie es sich ändert. Das ist doch mal was Anderes, als das übliche klerikale Heraufbeschwören von Solidarität, von Familiarismus, traditionellen Werten, Krippe und Scheune. Wenn nichts wird wie es war (was physikalisch betrachtet eine Binsenweisheit ist, gesellschaftlich jedoch gefürchtet ist) bedeutet Rückbesinnung, sich an Schatten festzuhalten. Bill Gates hat skizziert wohin die Reise hingehen könnte - auch im Interview mit ihm ist bezeichnend, was er nicht sagt. An keiner Stelle werden Lebensweisen, Weisen des Wirtschaftens, Herrschaftsstrukturen etc. hinterfragt, noch geht es um die Ursachen von Armut und Elend oder gar um den Zusammenhang von Raubbau und Naturvernichtung, es geht darum mit Hilfe den selben Strukturen, die für die Pandemie und anderes Unglück verantwortlich sind, Symptome zu bekämpfen. Auf eine Formel gebracht: es geht um Effizienzsteigerung des Herkömmlichen.   

Und politische Strukturen? Werden ihrerseits zur Konzentration neigen wollen sie noch Gewicht haben. Um es deutlich zu sagen: China ist ein Konzern mit außenpolitischen Compliance-Regeln (schaff Dir Verbündete durch Hilfe und Unterstützung). Welche Folgen zieht die EU daraus? 

Sachsen wollte gerne die Konsequenz ziehen bei Verstößen gegen Quarantäne-Auflagen die "Übeltäter" in psychiatrischen Einrichtungen unterzubringen. Dazu kommt es vorläufig nicht, doch alleine das Erwägen dieser Maßnahme kann als "Testballon" gewertet werden. Zwar war nur von "Unterbringung" die Rede, doch der Symbolwert des Vorhabens ist kaum zu übersehen.

Geraume Zeit waren die Massenmedien Maskenmedien. Zumindest zeigen die Empfehlungen der Leopoldina einen Weg auf, mit diesem Thema umzugehen. "Zwei Meter Abstand, und wenn dies nicht möglich ist, dann Schutzmaske auf." (z.B. in Supermärkten). Dafür müsste die Bundesregierung "nur" dafür sorgen, dass viele Milliarden Schutzmasken organisiert werden. Ist doch eine klare Ansage, und selbst wenn man die Maskerade für nicht zielführend hält von wünschenswerter Eindeutigkeit. Wenigstens hört diese leidige Debatte auf, wenn dieser Empfehlung gefolgt wird.

Gelegentlich wird vermeldet, dass die Zuverlässigkeit von Corona-Tests offenbar keine hundertprozentige ist. Fälle, in denen der Test negativ war und sich herausstellte, dass doch eine COVID-19 Infektion vorlag, Fälle, in denen der Test positiv war, ohne dass die Getesteten mit COVID-19 infiziert hatten, Fälle in denen als von COVID-19 geheilt geltende Personen sich mit COVID-19 infizierten, was darauf hinweist, dass entweder zuvor der Test auf eine Grippe reagierte, oder (schlimmer) sich nach Erkrankung keine Immunität einstellte. Hundertprozentige Sicherheit bei Tests kann es nicht geben: jedes Baby, das trotz negativem Schwangerschaftstest zur Welt kam, kann (irgendwann) ein Lied davon singen. Dass von COVID-19 geheilte Patienten noch mal an COVID-19 erkranken kann an ihrer individuellen Suszeptibilität liegen (diesen Absatz verfasste ich, um endlich dieses Wortungetüm unterzubringen, das die Empfänglichkeit für eine bestimmte Infektion bezeichnet. Wie bei anderen Krankheiten auch (z.B. Masern) st man nach der Erkrankung nicht mit hundertprozentiger Sicherheit immun. Es gibt aber auch Haiangriffe im Mittelmeer.

Es fällt auf, dass mit zunehmendem Erfassen der globalen Dramatik der Pandemie die lustigen Videos am Ende von Berichterstattungen (Sport in den eigenen vier Wänden, Tennis von Fenster zu Fenster, witzige Spielchen mit Haustieren) immer seltener werden. Was gestern noch aktuell war, ist heute schon Nostalgie. Die Videos verbreiteten die Botschaft: das geht schnell vorüber, und wir bespassen uns, bis alles wieder seinen normalen Gang nimmt. Je mehr den Menschen dämmert, dass die Konsequenzen aus der derzeitigen Situation nicht nur anhaltenden Charakter haben, sondern sie persönlich vor schwerwiegende Entscheidungen stellen, desto weniger wird geschmunzelt. Schluss mit lustig.

Z.B. Kitas und Schulen. Wie verhalten sich Eltern, die nicht immun sind im Umgang mit ihren Kindern? Abstand halten? Wie steht es mit der Anwesenheitspflicht der Kinder in der Schule, wenn die Eltern Ansteckung befürchten müssen? 

Grundschulen sollen laut Leopoldina zuerst wieder öffnen. "Denn das Lernen daheim würde die ohnehin bereits stark ausgeprägte Ungleichheit in der Bildung weiter verschärfen. Dies gelte vor allem für die Grundschule." Eine plausible, aber etwas treuherzige Begründung. Dass man nicht mit den Abiturklassen beginnt mag auch folgenden Grund haben - jüngere Schüler, jüngere Eltern, geringeres Risiko eines schweren Krankheitsverlaufes im Falle der Infizierung der Eltern. Raschere Durchseuchung. Ein Verdacht, aber eigentlich ein sehr nahe liegender.

26 Professoren waren an der Arbeitsgruppe beteiligt, die eine 19-seitige Ad-hoc-Stellungnahme mit dem Titel "Die Krise nachhaltig überwinden" erarbeitete. Zusammenfassend: das ohnehin schon seitens der politischen Entscheidungsträger skizzierte Szenario wird in dieser Stellungnahme so gespiegelt, als habe der Arbeitsauftrag gelautet bitte verfassen sie eine Empfehlung, die unserem bisherigem Vorgehen und unseren Erwägungen für das zukünftige Vorgehen den Ritterschlag der Zustimmung seitens eines hochkarätig besetzten, unabhängigen Expertengremiums verleiht. "Wir raten Ihnen, uns das zu raten, was wir ohnehin schon für richtig halten." In weiten Teilen liest sich der Text so, als habe die Bundesregierung der Nationalen Akademie der Wissenschaften souffliert, nicht umgekehrt - eine weitere 180-Grad-Drehung der Positionen. Der Fokus liegt eindeutig auf der raschen Reaktivierung der Wirkung, wie man die desaströse Situation in den Todeszonen der Alten- und Krankenpflege in den Griff bekommen kann, ist dem Ad-hoc-Papier nicht eine Zeile, geschweige denn eine Überschrift wert. Im Mittelpunkt steht ein entschiedenes "Weiter So!" - "Die Krise ist zugleich die Stunde der Nationalstaaten"(S. 15), bitte keine Eurobonds, sondern EZB, EIB, ESM (mit freundlichen Grüßen) und: "Die in der Krise getroffenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen müssen sobald wie möglich zugunsten eines nachhaltigen Wirtschaftens im Rahmen einer freiheitlichen Marktordnung rückgeführt oder angepasst werden", damit - unter Festhalten an der Schuldenbremse - wieder "die Rückkehr zur Normalität" erfolgt. (S.17). Zurück in die Vergangenheit, die uns in diese Situation gebracht hat. Dann schon lieber Armin Laschet, der wenigstens nicht von einer Rückkehr zur Normalität faselt. 

Teilweise sind die Anregungen absurd. Ausgerechnet die Gastronomie soll zügig wieder eröffnen? Ich freue mich schon auf mein Pils mit Mundschutz und 2 Meter Abstand (...nicht mehr 1,5 Meter...) zu meinem Tresennachbarn. Das Argument warum die Gastronomie wieder öffnen soll liefert Clemens Fuest vom ifo-Institut:  Die Menschen hätten nicht genug Spaß am Shoppen, wenn sie noch nicht mal zwischendurch einen Kaffee trinken gehen können. Besser lässt sich die "Philosophie" hinter den Lockerungsübungen auf den toten Punkt bringen.  

 

26.

Treffe mich mit einem Freund zum Ostermarsch. Für die Agoraphoben, Bettlägrigen, Immunsupprimierten, überhaupt für diejenigen, die nicht Stützen der Gesellschaft sind, die man am Leben lassen will um den humanitären Schein zu wahren sendet Phoenix Beiträge wie "Die Wächter der Bäume" und "Unsere Wälder" und "Mythos Wald". Das hat etwas Sadistisches: etwa als müssten Kinder, die krank zu Hause bleiben permanent Filme über Kinder sehen die draußen spielen, oder Querschnittsgelähmte permanent Eurosport schauen. Verdient haben sie es ja, diese Nichtsnutze. Sollten ein schlechtes Gewissen haben und sich schämen. Wegen ihnen leisten die Helden des Alltags Überstunden, riskieren ihre Gesundheit und gefährden auch noch die ihrer Familie. Sie sollten sich den 72jährigen zum Vorbild nehmen, der zugunsten Anderer auf die Beatmung verzichten. Mindestens kann man erwarten, dass man sich für den Heldenmut der Stützen erkenntlich zeigt, indem man dem gesellschaftlichen Leben fernbleibt und am besten freiwillig aufhört zu atmen. 

Selbst brillante Serien turnen so langsam ab. Ihre Referenz ist die alte Welt, belebte Straßen und Bars, hitzige Dialoge auf Rachenhöhe, in der verbotenen Zone der Infektionsgefahr. Filme von 2019 riechen muffig, ein synästhetischer Effekt des `Disaster Fatigue`. Dafür, dass sich angeblich alles ändert geschieht zu wenig. Ein nicht endender Kater nach einer Feier, verschalter Sekt in halbleeren Flaschen und zertretene Erdnussflips auf dem Boden. Weite Flächen, verengte Welt, da man sich entweder zurückzieht, oder ausweicht. Totenstille in der Stadt ist unnatürlich. Ein Kondensstreifen am Himmel schon ein Silberstreif am Horizont, ein himmlischer Strohhalm aus Wasserdampf. Die Erdrotation gelangt zum Stillstand, der Sog aus dem Vakuum zerrt an unseren Nerven, die Gravitation verliert an Attraktivität, eine Hand, die uns über dem Abgrund hält löst ihre Finger.

Die Erde ist wie ihr Abbild auf Google Earth. Ein Standbild. Schließe ich die Augen beginnt sie sich zu drehen, ich zoome näher, bis Zoom und Erdrotation Deinen Standpunkt ergeben. Mit Blick auf Muscheln vor den nackten Zehen lässt sich gut klugscheißern: Wenn eine Seuche käme, deren Ausmaß wir unterschätzen, die uns zögern lässt um die Wirtschaft zu schützen, dieses scheue, unschuldige Rehkitz mit den Augen einer Heiligen Kuh, und sie breitet sich aus wie ein globales Lauffeuer, bevor die Feuerwehr auch nur ausrücken kann, begreifen wir dann, dass es mit dem Klimawandel genau das Gleiche ist? Dieses Zögern, von dem die profitieren, denen das Zögern Zeit genug für die Flucht in ihre geschützten Rückzugsparadiese verschafft? Wie viel Zeit des Verstummens, der Freiheit des Denkens ohne Interferenz, bedarf es um zu einer simplen Einsicht zu gelangen: nicht die Pandemie ist eine Katastrophe, die über uns kam, sondern wir sind die Bedrohung. Der einzige Weg, dieser Bedrohung beizukommen besteht darin uns nicht zu bekämpfen.  

Als Bill Gates davon sprach, nicht die atomare Vernichtung sei die Bedrohung der Zukunft, sondern die Pandemie redete er nicht über die Menschheit, sondern über verflochtene und vernetzte Konzerne. Mr. Robot: "Konglomerate kann man nicht ins Herz treffen, denn sie haben kein Herz". Um Rhizome zu zerstören bedarf es eines Virus. Es bedarf keines Anschlags mehr. 

Uns nicht mehr zu bekämpfen setzt eine weitere Einsicht voraus: auf globaler Ebene existiert kein Wettbewerb. Global Players sind zu Konglomeraten verdichtet, die auf den internationalen Finanzmärkten mit sich selbst kommunizieren, ein unablässiges emsiges Murmeln mit relativistischer Geschwindigkeit. Konkurrenz, Firmendarwinismus, Alle gegen alle, Leistungsorientierung, Exzellenz, Selbstoptimierung, Scharmützel, Kriege, die Weisen uns gegeneinander aufzubringen erzeugen die thermische Energie, von der das Rhizom sich ernährt. Solange wir von der Notwendigkeit des Gegeneinanders überzeugt sind wie von einer Religion sehen wir die Ebenen nicht, die des Wettbewerbs enthoben sind, weil wir sie durch unseren Atem in der Schwebe halten. 

In Tunesien zur Behandlung von Corona ein Lazarettzelt mit zehn Betten. Niemand weiß ob das reicht, kommentiert die Moderatorin. Niemand? Alle außer ihr.

Ich habe keine Lust mehr meinem von einem glänzenden Sonnenölfilm, nach ranziger Butter riechendem Spiegelbild zuzuhören. Ich benötige keine politischen Analysen und Erklärungen, ich habe Fragen, die sich unabhängig vom politischen System und von Interessenlagen stellen. Wenn Herdenimmunität angestrebt wird, das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben wieder aufgenommen wird: bin ich, da (wohl) noch nicht infiziert und folglich nicht immun, noch Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens? Wenn wir Noch-nicht-Infizierten weiterhin Infektion vermeiden wollen, werden wir möglicher Weise über Jahre hinweg so isoliert weiter leben müssen wie jetzt. Wollen wir das nicht, und wollen wir das Risiko einer Infektion in Kauf nehmen, lässt man es zu, dass wir Kinos besuchen, Kneipen betreten, uns mit Freunden treffen? Auch ohne entsprechende politische Sanktion besteht die Möglichkeit der gesellschaftlichen Ausgrenzung insbesondere der älteren Gesunden, die nicht immun sind. Man wird uns meiden mit der Begründung, nicht für unsere Infizierung verantwortlich sein zu wollen. Denkbar die administrative Organisation der Verwaltung. Schon jetzt richtet man an manchen Orten "Sonderzeitzonen" ein, in denen Supermärkte nur für Senioren geöffnet sind. Als Schutz definierte Separierung gesellschaftlicher Gruppen. Gaststätten nur für Immune und Gesunde unter 60. Schilder mit den Silhouetten Älterer, Schatten ihrer selbst: Wir müssen leider draußen bleiben. Getrennte Arbeitsräume für Geheilte und nicht Immune mit abgeschirmten Arbeitsplätzen (höhere Betriebskosten pro Arbeitsplatz) . Spezielle Züge für nicht Immune 60+ fahren einmal pro Stunde. Bitte nur eine Person pro Vierersitz. Messen für Nichtimmune nur Internet. Choräle der Immunen. Coronafreier Bestand. Nichtimmune sind vom Mannschaftssport ausgeschlossen. Schließlich könnten sie sich nur gesund fühlen und sich gegenseitig anstecken. Überspitzt gesagt: diejenigen, die sich geschützt haben werden sanktioniert. Der Gesundheitsstatus und das Alter werden überprüfbare Bestandteil des zwingend bei sich zu führenden Gesundheitsausweises, vorzugsweise digital. Rauchen wird illegal. Eine gesellschaftliches Klima wie zu Zeiten der Rassentrennung.

Hirnfäule. Man muss ja die Immunen nicht mehr schützen. Dafür Nichtinfizierte voreinander.

Bevor ich sterbe rasch noch eine automatisierte Abwesenheitsnotiz erstellen. 

(...)

Was hast Du Dir dabei gedacht? Muss am Scirocco liegen. Wenn Du schon Dystopien im Garten Eden entwirfst, dann wenigstens plausible. Ein Krankheitsausbruch im hinterletzten Winkel von China und Du drehst durch. Ab damit in den Papierkorb. Und auch daraus löschen.

(...)

Was macht eigentlich Herr Vavrouvakis? Wäre das nicht der adäquate Zeitpunkt für die Wiederauferstehung des Easy Rider?

Überraschungsei (Windei) des Ostersonntags: Der Finanztipp-Journalist Herr Tenhagen weiß auf Nachfragen erstaunt zu berichten, dass die meisten Sorgen, die ihm mitgeteilt werden, sich nicht auf katastrophale Gesundheitsfolgen, sondern auf finanzielle Konsequenzen beziehen. Na sowas. Verblüffend, worüber man verblüfft sein kann. 

Expertenschwemme spült öffentliche Debatte in den Orkus. Ist es ethisch, wenn sogenannte Ethikexperten definieren, was als ethisch zu gelten hat und Beschlussvorlage politischer Machtbefugnisse wird? Die Qualifikation von Virologen beruht auf ihrer wissenschaftlichen Ausbildung. Sie beraten aus der Sicht von Virologen. Dass man nur aufgrund eines hohen Ranges in kirchlichen Organisationen oder aufgrund eines Professorentitels geeigneter als ethischer Kompass ist als jeder andere Mensch ist Nonsense. Das Weltbild von Eliten ist nicht per se geeignet als ethische Richtschnur für gesellschaftliches Handeln im sozialen Miteinander. Da sollten wir uns lieber, wie Sibylle Berg in ihrer Kolumne "Bankrotterklärung der Menschlichkeit" (SPON 11.04.2020) ausführt an Ratten orientieren:  "(...) denn sie riechen, wenn ein Mitglied ihrer Spezies hungrig ist und füttern es."   

Vor der Renaissance galt nicht der Satz Zeit ist Geld, denn die Zeit gehörte Gott. Wem gehört die Zeit jetzt? Nicht den Menschen im Schritttempo. Schritthalten im Zeitalter von Informationsübertragung am Rande der Lichtgeschwindigkeit ist ein Ding der Unmöglichkeit.   

Corona als Gelegenheit, globale Konflikte beizulegen und den Ärmsten beizustehen? In Idlib sind die Menschen wegen des Belagerungszustands erleichtert - wenn keiner rein und keiner rauskommt ist man wenigstens vor Corona geschützt. Hier glaubt keiner an die Beilegung von Konflikten.

Einstellungsgespräch: Sind Sie immun gegen COVID-19? Ja. Zeigen Sie uns bitte Ihren Gesundheitspass?

Es ist kaum anzunehmen, dass die Differenzierung der Bevölkerung in Gruppen mit unterschiedlichem Gesundheitsstatus ausgerechnet vor der Arbeitswelt Halt macht. Man wird sehen, ob Arbeitgeber das Recht zugesprochen wird vor einer Einstellung zu erfahren, ob die Kandidaten immun gegen COVID 19 (und andere Krankheiten?) sind und ob Arbeitnehmer das Recht haben, die Frage nach dem Gesundheitsstatus nicht wahrheitsgemäß zu beantworten - wie dies etwa bei einer Schwangerschaft (noch) der Fall ist. Zumindest ist es naiv davon auszugehen, dass Änderungen der Gesetzgebung nicht auch im Arbeits- und Sozialrecht erfolgen.

Dieser Umstand ist jedoch angesichts globaler Konsequenzen der Pandemie beinahe schon eine Petitesse. Wer Bill Gates im Interview zugehört hat, dem wird ein Vademecum für die Umgestaltung der Welt präsentiert. Schon vor Jahrzehnten schwärmte Gates für die Vorstellung, Beziehungen distanzunabhängig und antiseptisch Online zu organisieren: synchronisierte Kinobesucher mit Partner oder Partnerin in verschiedenen Städten der Welt inklusive (auch damals schon inspiriert durch eine Infektionskrankheit: AIDS). Folglich erstaunt die Vision nicht, das zukünftig verstärkt Geschäfts- und Privatkontakte online abgewickelt werden. Ferner geht Heavens Gates davon aus, dass zur globalen Eindämmung von Pandemien und zur Behandlung von Krankheit erhebliche Mittel in die Entwicklung von Medikamenten, Impfstoffen und in die Produktion und Distribution zu investieren sind um 7 Milliarden Menschen mit ihnen zu versorgen. Dazu sind etliche Fabriken zu bauen. In Afrika sieht er das nächste Epizentrum der Pandemie, und um dauerhaft Ungleichheiten in Bildungs- und Gesundheitssystemen abzuschwächen muss natürlich auch dieser Kontinent (und andere Entwicklungsländer) entsprechend ausgestattet zu werden. Zudem geht er davon aus, dass alleine zur Zurückdrängung von Corona mindestens eineinhalb Jahre viele der derzeitigen Maßnahmen aufrecht erhalten werden müssen. Wenn dem so ist steht fest, welche Industrien florieren müssen und wo es zu erheblichen Markt- und Machtkonzentrationen kommen wird. Pharmaunternehmen, Onlineunternehmen, IT, Künstliche Intelligenz, Bauunternehmen (zu Trump kein kritisches Wort)...Solidarität ist dann die Aufgabe der Staatengemeinschaft, die gemeinschaftlich investiert. Der Weg zum Wandel und aus der Krise mag so (und vielleicht nicht anders) gehen, doch der Preis ist hoch - denn Staaten sind dann (etwa so wie in multinationalen Handelsabkommen) mehr als zuvor auf ihre Rolle als Hüter der sozialen Ruhe und der Reibungslosigkeit transnationaler Waren-, Daten- und Geldgeschäfte reduziert. Staatliche Investitionen dieser Größenordnung werden ohne massive Kreditaufnahmen an den internationalen Finanzmärkten unmöglich sein, auf denen die selben Unternehmen aktiv sind, deren Markt- und politische Macht in der Krise massiv gewachsen sind. Wohl und Weihe der Menschheit wird mehr als zuvor vom steuererleichternden Philantropismus von großzügigen Stiftungsschefs vom Kaliber eines Bill Gates abhängen. Weltgemeinschaft? Mag sein. Demokratische Kontrolle? Wohl kaum. 

 

25.

Ein riesiges Loch klafft im Rumpf des Flugzeugs, direkt über der Tragfläche. Ich leide unter Höhenangst, aber ich muss die Kinder auf der Tragfläche retten. Wie gelangten die da hin?

Mit diesem Re(air)bus werde ich wach, erleichtert, dass ich nicht in 10000 Meter Höhe auf die Tragfläche eines Flugzeugs krabbeln muss. Ist schließlich arschkalt da draußen.

Es mag an gewissen morgendlich auftretenden Härtephällen liegen, die der Volksmund mit dem Zahn der Bisamratte assoziiert dass ich mir die Frage stelle wie es in Zeiten von sozialer Distanz eigentlich um das Sexualleben steht und in Zukunft stehen wird? Der erhöhte Erwerb von Kondomen mag einerseits gewissen Anpassungen in der Freizeitgestaltung geschuldet sein, er verweist jedoch möglicher Weise auf ein Missverständnis. Die Renaissance der Kondome resultierte aus der Furcht vor AIDS, eine nach wie vor dank Globalisierung weit verbreitete Seuche. Zwar weiß man darum, dass es sich bei COVID-19 um eine Tröpfcheninfektion handelt, vor der man sich allenfalls als ausgeprägter Latex- oder Lackfetischist oder durch ausgefallenen Gebrauch von Nioprenanzügen schützen könnte, doch mag es sein dass im kollektiven Gedächtnis Kondome und Seuchenschutz eng verknüpft sind.

Zu Hochzeiten der kaum noch präsenten HIV-Thematik war es nicht unüblich, dass vor dem ersten Sexualkontakt zunächst der negative HIV-Text zu präsentieren war, Kondom hin, Kondom her. Während in Regionen mit hoher Rate des Bevölkerungswachstums "social distancing" "flattening the curve" zu Folge haben könnte, wäre es in überalterten Gesellschaften alarmierend, wenn die Geburtenrate sinkt. Das Geschäft mit der künstlichen Befruchtung wird florieren, während Hausbanken geplündert werden schwelgen Samenbanken (pfui) im Überfluss.  

Dating-Plattformen werden Hochkonjunktur haben, mehr noch als jetzt. Dem Beziehungsstatus wird eine weitere Kategorie zugefügt: Corona-negativ oder positiv? Vorhandensein eines aktuellen Tests, ja/nein. Reise- und Sexualverkehr: beides findet erst statt nach erbrachtem Gesundheitsnachweis. Vor jeder Reise wird der Gang zum Gesundheitsamt obligatorisch sein. Selbst wenn die Grenzkontrollen wieder aufgehoben werden, die Gesundheitskontrollen werden aus Gründen der Prophylaxe aufrecht erhalten. Denn nach der Seuche ist vor der Seuche.

Schon Flirts stehen unter dem Vorbehalt des Abstands, bis Tests zeigen: Händchen halten ist erlaubt. Neue Gastronomiekonzepte tragen dem Diskretionsgebot Rechnung. So wie es die Trennung von Raucher- und Nichtraucherbereichen gab werden positive und negative Gäste separiert. Die Triage hilft auch hier. Sie trennt positiv Getestete, negativ Getestete und nicht Getestete. Zutrittsverbote für Nichtgetestete und positiv Getestete sind die einfachste Weise der Apartheid, um ein Geschäft mit den anderen Gruppen machen zu können gilt es Etikette zu definieren, die bestimmen welche Angebote die jeweiligen Gruppen in Anspruch nehmen können und welche nicht. Peepshows für die Nichtgetesteten sind wieder im Kommen um zu kommen. Guckkasten Retro. Ansonsten darf positiv mit positiv und negativ mit negativ, die Zielgruppen sind rigide voneinander fernzuhalten, etwa durch strikte Trennung von Zugängen und Laufwegen. Die Feststellung des Infektionsstatus erfolgt - überflüssig zu erwähnen - mit Hilfe obligatorischer Apps.

Gespannt darf man insgesamt darauf sein, wie COVID-19 das kulturelle Leben verändert. Welche Musikinstrumente werden in der Filmmusik eingesetzt, welche nicht? In den 80er Jahren repräsentierte das Saxophon sexuelle Freizügigkeit, HIV vertrieb das Saxophon aus der Filmmusik. Vielleicht erleben wir in Post-Covid-19-Zeiten die Wiederkehr der Panflöte? Wie gestalten sich Flirt- oder Liebesszenen in einer Welt ohne Bars und Kneipen, in der Menschenansammlungen und körperliche Nähe insgesamt suspekt sind? 

Spaziergangswissenschaft (Promenadologie) boomt im Zeitalter der Entschleunigung und des Urlaubs dahoam. Der Begriff fällt so häufig, dass selbst ich mir endlich merke, dass Spazieren nichts mit Spatz zu tun hat. Pärchen erkennt man beim Waldspaziergang an ihrer physischen Nähe. Wer sich erst noch beschnuppert spaziert in gebotenem Abstand hintereinander oder an beiden Rändern der Wege. Polizisten auf Mountainbikes überprüfen, ob die Pärchen echte Pärchen oder Distanzbetrüger sind. Blöde neue Welt. 

Diese dystopische Schwarzmalerei. Halte es mit Günter Jauch, der in einem Interview in bedauerndem Tonfall davon ausging, dass nach dem Ausnahmezustand die Menschheit in alte Verhaltensmuster zurückfällt. Nur weil Du Nichtjaucher bist muss er nicht Unrecht haben. Immer lustig und vergnügt bis der Arsch im Sarge liegt. Die eigentlich Dystopie besteht daran, dass sich nichts ändert, die Erfahrung verdrängt wird wie Kriegserlebnisse, sobald Medikamente und Impfstoffe verfügbar sind. Herr Jauch wird weiterhin von der Sucht nach Wohlstand profitieren, die "Wer darf rein-Show" präsentiert 6 Asylbewerber, das Publikum wählt einen Glückspilz aus, der am Ende der Sendung das große Los der Integration zieht. Du verstehst auch die 55% der Befragten falsch, die härtere Maßnahmen fordern. Die denken, dass der Shutdown desto schneller vorbei ist, desto härter ihre Regierung vorgeht. Was - zugegeben auch eine verwegene Annahme ist. 

Alle Erzähler lügen und wissen nicht was sie anrichten. Aus ihrer Lüge ist unsere Wirklichkeit entstanden, die Haarnadelkurve unserer Weltlinie, die Nichtparallelwelt, die scharf abbiegt. Mein Ich im Urlaub hatte die verhängnisvolle Idee für eine Kurzgeschichte, die meine Welt über die Kante des Horizontes kippt, den der Rand seines Bildschirms bildet. Ich sehe ihn vor mir, wie er auf einer Strandterrasse sitzt, die Geschichte in die Tastatur klappert, die mein Schicksal besiegelt, ohne dass er selbst schon den Plot kennt, schreibt einfach drauf los und ich bade nicht im Meer, sondern aus was dabei herauskommt. Gelegentlich wirft er einen Blick auf den Großbildschirm, der ein Champions-League-Spiel überträgt, verscheucht lästige Wespen, die es auf sein Bier abgesehen haben.   

Die Frage ist nicht: bist Du paranoid, sondern bist Du paranoid genug. Guterres Warnung vor Anschlägen mit Biowaffen. Was weiß der Mann? Wen will er zum Handeln auffordern? 

Verschwörungstheorie bei Seite: Es spielt keine Rolle, dass COVID-19 seinen Ursprung nicht in geheimen Labors hatte. Es hat bereits den selben Effekt wie der Einsatz einer Waffe. Der Ausbruch der Seuche als Detonation, die Pandemie als Druckwelle, die sozialen, politischen und ökonomischen Folgen als Fallout. Statt nuklearer viraler Winter. So wie man Kapital aus Lageänderungen schlagen kann ohne sie verursacht zu haben (Katastrophengewinnler) kann man Situationen zu Angriffszwecken nutzen, ohne sie selbst erzeugt zu haben. Natürlich kann man noch einen drauf setzen...

Den Selbstversuch im Supermarkt abgebrochen. Auf die Subjektivität zurückgeworfen zu sein, Robinson der eigenen vier Wände, Imperator der Fernbedienung, Rechthaber ohne Widerspruch - von Einsprüchen der dissoziativen Feynmänner im cerebralen Quantencomputer abgesehen - Sonnenkönig von Balkonien und Begonien, bedeutet nicht, dass man mit seinen Spekulationen richtig liegt. Von wegen entspannte Situation am Samstag. Vor der Sammelstation für Einkaufswagen drängeln sich die Kunden - alle Wagen sind unterwegs, einige werden die Gänge verstellen, allein gelassen von den Kunden, die nicht fanden wonach sich suchten und sich durch den Vordereingang unverrichteter Käufe wieder verdrückten. Ich begnüge mich mit dem Erwerb einer Zeitung am Kiosk, schwebe von einem absurden Gefühl der diebischen Freude getragen nach Hause. 

Ein Interview mit einer Frage, die jeden Tag mehrmals mehrere Supermärkte auf der Suche nach Toilettenpapier besucht. Täglich brüllen Megaphone "Abstand halten!", die Gesellschaft schafft sich fleißig ihre eigenen Hotspots.  

Indizien sprechen dafür, dass COVID-19 auch Nerven und Gehirn angreift. Das würde Guterres weltweit verbreitete Warnung erklären. Hindu-Aktivisten schwören auf den Konsum des Urins von Kühen zum Schutz vor Infektion. Das liegt nicht an COVID-19, sondern an Vorerkrankungen des Geistes. Auch Knoblauch hilft nicht. Jeder der seine sieben Sinne beisammen hat weiß dass Knoblauch nur Vampire vertreibt. 

Hübsch: ein Künstler unterwirft bekannte Gemälde dem Abstandsgebot. Jesus Christus allein an der Tafel beim letzten Abendmahl. 

Nicht zu fassen. Vielmehr doch. Im vegetarischen Supermarkt gabs Toilettenpapier. Darf ich das benutzen wenn ich gleich Bockwürstchen esse?

Als Kind träumte ich, dass ich in der Abenddämmerung bei der Post (damals zur Kaiserzeit noch staatlich unter Leitung eines Ministers mit Namen Schwarz-Schilling, der geradezu Steuerhinterziehung versprach) einen Brief per Einschreiben aufgeben sollte, ich weiß nicht an wen. Ein lautloser Traum. Allein unterwegs, kein Verkehr auf den Straßen, niemand auf den Bürgersteigen. Bevor ich das Postgebäude betrat, dass zu dieser späten Uhrzeit längst geschlossen sein sollte, ließ mich eine Helligkeit in meinen Augenwinkeln innehalten. Am Horizont ein Inferno, eine rote Glut über den Wipfeln und Dachgiebeln, die den gesamten Horizont einnahm. Ich sah es nicht, ich spürte, dass sich etwas auf die Erde herabsenkte. Fand mich in einem Kohlenkeller, in eine Ecke gekauert, unter zunehmendem Druck, der mich zerquetschen würde. Frühkindliche Vision eines Weltenendes, vielleicht stand eine Mathearbeit an. Während ich mich nicht daran erinnere, was sich nach dem Erwachen oder vor dem Einschlafen ereignete erinnere ich mich genau an diesen Traum, und dass ich ihn auch nachträglich nicht für einen Traum hielt. Heute frage ich mich wer bezahlte für meinen Traum? Das Angebot der Streamingdienste strebt gegen unendlich, versorgt uns für 19,90 (Währung unsicher, bitcoins?) im Jahr mit unterhaltsamen, aus Alpträumen von ehemaligen Heranwachsenden abgeleiteten Dystopien, während unser Lebensmittelpunkt - der Supermarkt - ein Viertelpfund Butter für den Preis einer Villa anbietet. Wir sterben in aller Ruhe, preiswert unterhalten bis zuletzt. Wohin aber gehen wir wenn Totenstille eintritt? Wen juckts...

(...) 

Tendenzen, die epochale Brüche überdauern wie Religionen, die jeden überdauern, der an sie glaubt. Das Naive an jeder Verschwörungstheorie. Es existieren keine Pläne, keine Kontrolle über die Zukunft, nur das immer gleiche Ziel, das sich mit den Umständen nicht ändert. Herrschaft. Macht. Gewinn. Strategien werden angepasst an die konkreten Erfordernisse. Das Lügengebäude des Marketing verändert seine Fassaden. Versailles geht unter, wofür es steht nimmt andere Gestalt an. Das Raubtier weiß nicht wann und wo es frisst, wenn es Hunger hat. Die Gier bleibt, auch wenn ein Gierschlund daran erstickt. Kronos verschlingt sich selbst, denn die Gier ist stärker als der Wunsch zu leben. Wozu dann Rücksicht? Es ist Nacht. Über dem Bergkamm ein roter Schimmer den ich mir nicht erklären kann. Das Meer ist nur zu hören, nicht zu sehen. Es ist Neumond. Mir ist nicht klar wer in meinem Hirn schlief und dieses Zeug träumte. Ich fühle mich weit zurück geworfen, so als ziehe mich eine Strömung vom Ufer der Gegenwart hinaus auf das offene, bodenlose Meer meiner Schulzeit. Scheiße, ich bin um Urlaub. Woher kommt der Mist? Dieses Gefühl, jemand beobachte diese Gedanken in mich hinein? Im Licht einer Straßenlaterne verharren mir zugewandt reglos drei Katzen, sechs gespitzte vulkanische Ohren, ich müsste ihre Augen sehen können, aber es bleiben Scherenschnitte, Masken ohne Augenschlitze.     

(...)

Steinmeiers Knopfaugen. Neben der deutschen Fahne die europäische, vom Bildrand halbiert. 6 Sterne. Bezeichnend was er nicht sagt, wen er nicht nennt. Es kommt auf jeden an. Die Stützen der Gesellschaft. Pflegepersonal, Kassiererinnen, alle, die einen Job haben. Rentner, Obdachlose, Arbeitssuchende erwähnt er nicht. Auf die kommt es nicht an. Vielleicht nur Arroganz des Redenschreibers, so wie die Steinlaus auf den Teleprompter starrt sieht er die Rede das erste Mal. Kennt er sie - umso mieser. Interessant ist der Teil, der sich nicht an die Deutschen richtet, sondern an die Regierungen anderer Länder in und außerhalb der EU. Die Feststellung: wir sind nicht im Krieg. Wir stehen vor einer gemeinsamen Prüfung. An Frankreich gerichtet. Die Aufforderung zum freien, internationalen Austausch aller Informationen. Den schwächeren Ländern wieder auf die Beine helfen, in und außerhalb Europas. Es bedarf der Erwähnung von Eurobonds nicht. Der Teil der Rede hat einen Hauch von Leben. Er kann ja alles sagen - weil er letztlich nichts zu sagen hat.

 

24.

Blendender Sonnenaufgang. Schließe die Augen. Atompilz in meinem Kopf. Kaffee. Presse mir Orangensaft aus spanischen Orangen. Der Saft schmeckt nach Chemie.

Karfreitag. So still, dass ich das Echo meiner Träume deutlich hören kann, in denen Kinder in Winterkleidung bei brütender Hitze eine Trockenrodelbahn talwärts brettern. Grober Unfug.

Coronafrei. Keine Reportage. Keine Pressekonferenz. Keine Talkshow. Keine Fernduelle der Virologen, Epidemologen, Ökonomen, Expertologen, Politiker, Talkmaster. Heute darf man seine eigene Elite sein, wochentags wird einem vor Auge geführt, dass zwar jeder eine Stimme hat, aber nur Auserwählte zu Wort kommen.

Die Ergebnisse der Meinungsumfragen legen nahe, das viele nicht unglücklich mit dem Status Quo sind. Keine Wahl zu haben, in seinen Möglichkeiten beschränkt zu sein, keine Entscheidungen treffen zu müssen: was für eine Erleichterung. Jedenfalls, wenn einem das Wasser nicht bis zum Hals oder schlimmer in den Lungenflügeln steht. 

Die Freiheit von Wahl und Willen ist geeicht. Von einem Moment zum nächsten kann man immer nur einen Schritt in eine Richtung absolvieren. Von unendlich vielen Möglichkeiten kann man sich immer nur für eine entscheiden. Die Entscheidung folgt mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Prinzip der minimalen Wirkung. Da alles andere anstrengend ist, kann es erholsam sein, wenn andere über einen bestimmen. Solange man Auslauf hat und unterhalten wird.

Die Sonne, die gelbe Sau, scheint - da sie keine andere Wahl hat - auch heute auf nichts Neues. Vitamin D ist erlaubt. Kaum Verkehr auf den Straßen, bis auf einige lautstark röhrende Raser. Die Staus verlagern sich. Die Radwanderwege voll wie die A3 zur Stoßzeit. Alle Rowdies und Ignoranten inklusive. Familien, die zu dritt nebeneinander, statt hintereinander fahren. Russendiscos, die sich auf Radwege verlagern. Übermütig werden Schlangenlinien gefahren, soll der Gegenverkehr doch aufpassen. Die Haltung von Regierungen zu Corona hängt ab von der durchschnittlichen Lebenserwartung in ihren Ländern. In den Büschen am Wegrand einige Farbtupfer Altruismus. Ostereier hängen an den Zweigen, fröhliche Raumschiffe kleiner ETs. Die Straßen sind frei, auf den Bürgersteigen lassen Radfahrer Fußgänger den Aerosolzug gewagter Überholmanöver spüren. Auf dem Rückweg vom Outdoor-Risikoparcour besorge ich Fischstäbchen in einer Tankstelle, die gerappelt voll ist. Die Tanke ist besser sortiert als der Supermarkt. Diskretion Fehlanzeige. Im Park sind Quartette und Quintette unterwegs. Man lässt Nischen. Das beschleunigt das Erlangen von Herdenimmunität und kann als Legitimation weiterer Maßnahmen dienen.

Christian Lindner mokiert sich über die Rede von Angela Merkel. Die zu Disziplin und Sauberkeit ermahnt, als wären wir kleine Kinder. Viel hänge von unserem Verhalten an Ostern ab. Soll sich hoch auf dem Gelben Wagen abregen. Die Ermahnung richtet sich an eine Minderheit, die von der Mehrheit scharf beobachtet werden soll. Wenns schief geht: Kollektivstrafe. Wie in Full-Metal-Jackett: Ich habe Private Piler nicht disziplinieren können, weil ihr mir nicht geholfen habt. Die paar Liegestütze schafft Christian Lindner locker. Anschließend Hände waschen nach Anleitung von Ursula von der Leyen.

Das lange Wochenende. Shutdown der überbordenden Berichterstattung. Abwesenheitsmitteilungen der Behörden. Nicht um Urlaub, sondern immigriert in ihre Schneckenhäuser. Fibonacci-Folgen des Rückzugs. Die Menetekel explodieren lautlos im Internet. Der UNO-Generalsekretär unkt: wachsende Gefahr durch Bioterroristen. Den acht Weltwundern steht Guterres die acht Weltbedrohungen gegenüber. "Die Schwächen und mangelhafte Vorbereitung, die durch diese Pandemie offen gelegt wurde, geben Einblicke, wie ein bioterroristischer Angriff aussehen könnte - und erhöhen das Risiko dafür." Der UNO- Generalsekretär als Ideengeber für einen globalen Terroranschlag. Eine Aufforderung an Zauderer, jetzt zuzuschlagen. Die Gelegenheit ist günstig. Als Warnung ist die Fanfare ungeeignet, denn: was sollen die Leser jetzt tun? Den Globus verlassen? Als Appell funktioniert die Panikmache. Da will einer nur um Gehör zu finden warnen vor dem, was er durch seine Warnung heraufbeschwört. Wie kann man sich nur so wichtig nehmen und gleichzeitig so dämlich sein? Trump und China: bei Staffel 3 von Mr. Robot stehen sich die USA und China in der Weltwirtschaftskrise als Kontrahenten eines Handelskrieges gegenüber, die Staaten Marionetten an den Fäden von Unternehmen, die von Staatsverschuldungen profitieren. Wie viel Unabhängigkeit bleibt Staaten, die sich Billionen an den internationalen Finanzmärkten leihen, verzinst abzustottern in 30 Jahren? 

Helmut und Loki Schmidt bei einem Konzert der Beatles in Hamburg. Verschwommenes Schwarz-Weiß meiner frühen Kindheit. Eine Erinnerung fern als wäre es mehrere Leben her. Waren wir - im Vorschulalter - damals schon wir, oder sahen wir die über uns gebeugten Gesichter unserer Eltern auf die selbe Weise lächeln?

So alleine als wäre nichts und niemand auf der Welt, keine Bedrohung, kein Partner, kein Freund, nur ich, die Zeit nach Mitternacht und im Fernsehen Bilder einer Zange, die einen Stacheldraht durchtrennt. Im Bildhintergrund eine Wiese mit Pusteblumen. Sie sehen wie Corona-Viren aus.

Ich fühle mich gesund und abgeschirmt. Dass ich noch lebe fühlt sich an wie Selbstbetrug.

 

23.

Nach gefühlten 100 Virologen und Epidemiologen, die bei ihm zu Gast waren, hat Lanzerote endlich einen gefunden, der bestätigt, was er immer schon wusste. Maulkorb kann helfen. Bevor Herr Lauterbach sein "Aber..." formulieren kann schneidet Markus Lanz ihm triumphierend wie ein amerikanischer Fernsehprediger, der den Virus verflucht, das Wort ab. Warum regst Du Dich ausgerechnet darüber so auf? wundert sich kopfschüttelnd mein anderes Ich, das grade am Tresen meiner Stammkneipe hockt, zusammen mit meinen Freunden Urlaubspläne schmiedet. Du hast Dir Deine Meinung dazu doch gebildet. Es ist langweilig, wenn Du Dich wiederholst, selbst wenn Du Recht hast. Regst Dich über das Maskenmantra auf und produzierst eine Inflation von Empörung.

Der Zwang zu nutzlosem Verhalten, das obendrein mit Aufwand verbunden ist, den man betreiben soll für etwas, wogegen man eine Abneigung hat und was weder mir noch anderen hilft. Selbst im Zwang zur Uniformität noch der Niederschlag sozialer Ungerechtigkeit. Wer keinen industriell gefertigten Maulkorb bekommt soll sich selbst einen basteln: Der Preis für Maulkörbe steigt ins Unermessliche, die improvisierten Maulkörbe erreichen etwa ein Fünftel der Wirkung. Moment, interveniere ich aus der besseren Welt von nebenan, Du hast doch jede schützende Wirkung der Maulkörbe bestritten. Nein, habe ich nicht. Von der Festigkeit des Stoffs hängt die Durchlässigkeit für Aerosole und damit von Viren ab. Masken können andere schützen, wenn man Husten hat, Niesen muss und anderen Menschen längere Zeit nahe kommt. Deswegen ist Südkorea ein schlechtes Beispiel - dort wurden keine Kontaktsperren verhängt, Städte, öffentliche Verkehrsmittel und Geschäfte blieben offen. Unvermeidliche und dauerhafte physische Nähe. Infektionen trotzt Maulkorb, der im Wesentlichen wegen der Luftverschmutzung getragen wird. Wozu der Maulkorb unter Wahrung der Abstandsregel gut sein soll ist schleierhaft - einen Zweck hätte er zum Schutz Dritter nur, wenn ihn jemand trägt, der einem hustend und niesend körperlich nahe kommt. Wer so `drauf`ist, den interessiert der Schutz Anderer nicht. Der geht wohl kaum sachgerecht mit seinem Maulkorb um, sondern trägt den immer gleichen, ungewaschenen Sabberfetzen, damit er hamstern gehen kann. Das Volk wird gelobt für seine Bereitschaft Abstand zu halten. Ein Maskenzwang käme einem (weiteren) Misstrauensvotum der Regierung gegenüber der Bevölkerung gleich. Er verfehlt seinen Zweck, da er nur bei mutwilliger Unterschreitung des gebotenen Abstandes eine Wirkung entfaltet - und man dem Personenkreis, der sich gefährdend verhält den richtigen Umgang mit dem Mund-Nasen-Schutz nicht zutrauen sollte. Im übrigen ist der korrekte Umgang mit Mund-Nasen-Masken "nicht mal eben so" zu gewährleisten. Er ist im Leitfaden: Mund-Nasen-Maske (https://textil-mode.de) dokumentiert. Die Frage ist, ob der hier angedeutete Aufwand betrieben wird und wie das überprüft werden soll. Zwangsinstallierung von webcams in jedem Haushalt - und dort in jedem Zimmer? 

Einen Zweck kann der Maulkorb da erfüllen, wo Nähe unvermeidlich ist. Statt Maßnahmen zu ergreifen, um Nadelöhre zu vermeiden wälzt die Obrigkeit die Verantwortung zum Schutz vor Infektion auf ihre Schutzbefohlenen ab. Wenn es denn schon nicht in Erwägung gezogen wird, die Versorgung mit lebensnotwendigen Waren anders zu organisieren als dadurch, gleichzeitig Kontaktvermeidung zu predigen und die Verbraucher in Supermärkten zu konzentrieren, dann sollte wenigstens in den Supermärkten dafür Sorge getragen werden, dass die Abstandswahrung möglich ist. Zumindest in den Supermärkten in meiner Nähe verschlimmbessern die Betreiber durch ihre organisatorischen Eingriffe die Bedingungen. Der Zwang Einkaufswagen zu benutzen führt zur Verengung der Verkehrswege und zur Gruppenbildung dort, wo Einkaufswagen abgegeben und abgeholt werden. Direkt im einzigen Zugangsbereich befinden sich die Obst- und Gemüsestände: Stau und Gruppenbildung unvermeidlich. Auch im Gegenüber von Fleisch- und Käsetheke. Nicht das Tragen von Masken wäre gebote n, sondern die für die bettelarmen Supermarktketten lästige und kostspielige situationsgerechte Umorganisation der Fläche und ggf. Reduzierung des Sortiments. 

Zunehmend konterkariert die Wirklichkeit die Propaganda von der bewundernswerten Solidargemeinschaft, die das Bundespräsidentenpaar im Tonfall und Pathos des "Wortes zum Sonntag" und mit auf schlicht gedrechselter Wortwahl als Fernsehansprache ans Volk richtet. Das wirkt (und ist) künstlich. So würden beide nie sprechen, die fremde Partitur verändert die natürliche Position der Stimmlippen. Dazu das zombiehafte Starren auf den Teleprompter. Die steife, klerikal-prüde Körpersprache. Fehlt nur noch die Heugabel in Steinmeiers Faust. Gegen dieses rhetorische Sedativum war die Ansprache der Queen eine launige Büttenrede.

An der Sammelstelle der Einkaufswagen beschwert ein Mann sich über eine Frau hinter ihm: "Abstand halten!", fährt dabei aber einer Frau vor ihm in die Hacken. Die weist ihn (zu Recht) zurecht: "Selber Abstand halten, statt andere zu beschimpfen." Der Mann, keine unübliche Reaktion wenn jemand die Unverschämtheit begeht einen auf die eigene Unart hin zu weisen, beschimpft die Frau als "Dämliche Kuh". Der Mikrokosmos der solidarischen Gesellschaft. 

Eine Mund-Nasen-Schutz-Trägerin drängelt sich durch die Lücken zwischen den Kunden, die vor den Kassen Schlange stehen, weil eine weitere Kasse öffnet und sie sich unbedingt die Pole Position sichern will. Andere Vermummte zwängen sich zwischen die Schlange und die Kühltruhen um Fertiggerichte zu ergattern. Hinter mir meckert ein Pärchen, dass zu wenig Kassen geöffnet sind - in völliger Verkennung der angespannten Personalsituation in allen Supermärkten. Es bringt nichts Egoisten zu verpflichten, wenn man sie nicht dazu bewegen kann, sich an diese Verpflichtung zu halten - für die anderen ist eine solche Verpflichtung überflüssig. Ich ertappe mich beim Bemühen die Lenkstange des Einkaufswagens nicht mit den Händen zu berühren.

Was sind die Fakten wenn die Faktenlage sich täglich ändert? Obschon diese Frage jederzeit berechtigt wäre stellt sie sich erst in Situationen, die man als bedrohlich empfindet. Anschlußfragen. Sind es überhaupt Fakten? Orientiert sich die Politik an Zahlen und Fakten oder passt umgekehrt die Politik Zahlen und Fakten gemäß ihren Agenden an? Die Fragen ermüden mich, da sie sich in Endlosschleifen erschöpfen. Wann habe ich mich das letzte Mal rasiert? Geduscht? Quäle mich ins Badezimmer. Mein Spiegelbild grinst mich schadenfroh an. Glattrasiert. Braungebrannt am Strand. Im Hintergrund Palmen und ein belebter Strandboulevard statt die Kacheln meines Badezimmers. Urlauber schlurfen in Flipflops durch Bild, halbierte Kokosnüsse mit Strohhalm in der Hand. Mein besseres ich in seiner besseren Welt nimmt mich auf den Arm. Na? Den Abflug verpasst? 

Ich lass mich nicht gerne von meinem Spiegelbild veräppeln. Deswegen meide ich das Bad. Social distance to myself. Bildschirm statt Spiegel, da gibts doch Gutes. Prof. Streeck vermutet einen Zusammenhang zwischen der Menge aufgenommener Viren und der Schwere von Infektionen. Abstand. Heinsdorf hat eine deutlich niedrigere Letalitätsrate als es gemäß den Prognosen´ der Johns-Hopkins-Universität zu erwarten wäre. Mein Spiegelbild atmet bessere Luft, während ich schnappatme. "Wo die Luft ist, sterben mehr Menschen mit COVID-19" (Julia Merlot, Christoph Seidler, Spiegel Wissenschaft, 09.04.2020). Ich wohne in der Innenstadt an einer Hauptverkehrsstraße, die immerhin derzeit nicht befahren ist. Was man von hier aus sehen kann ist zwar nicht der Himalaya (wie erstmals seit 30 Jahren von Jalandhar aus in Indien), aber die Luft ist klar und schmeckt nicht nach Blei. Der Trost hält sich in Grenzen, der Neid auf mein Spiegelbild nicht. 

Corona-Miscellaneen: Eine 107jährige Niederländerin hat sich von Corona erholt. Wozu? Donald Trump will das Land zügig wieder öffnen, als wäre das Land ein Supermarkt (was gar nicht so fern der Wahrheit ist). Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung startet ein Hilfsportal für Kinder: "Kinder nicht alleine lassen." Na, das schreit doch förmlich nach fürsorglichen Erwachsenen, die die Kinder unter ihre zärtlichen Fittiche nehmen.   

"Das Gegenteil von Freiheit ist Gesundheit" (Julie Zeh, die ich im vorletzten Absatz zitierte). Turkmenistan: kein gemeldeter Corona-Fall. Wie in Nordkorea.

Manches bleibt. Ostern suche ich keine Eier. Wie jedes Ostern. Mir ist auch so alles zu bunt. 

Wer hilft den Ärmsten? Fragt ein Beitrag im ZDF. Wenn man jetzt den Ärmsten nicht helfe sei das soziale Miteinander gefährdet warnt Frau Giffey. Die einleitende Frage war zuvor ebenso akut wie jetzt. Dass sie sich stellt belegt, dass soziales Miteinander als staatstragendes Prinzip ein staatstragender Mythos ist. Ein Füreinander gibt es. Mitfühlende befestigen mit Kleidern und Lebensmitteln gefüllte Mülltüten an Maschendraht. Das ist gut, aber das Bild ist zwiespältig. Als seien Müllcontainer überfüllt und man spende daher seinen Abfall den Aussätzigen. Niemand traut sich eine Bodo zu kaufen. Um jeden Obdachlosen zieht sich eine Bannmeile.

Bei allen Turbulenzen: hässliche Konstanten. Die Juden hätten Corona als Biowaffe eingesetzt, im Internet werden mit Hilfe gefälschter Antragsformulare Daten abgegriffen und finanzielle Hilfen landen auf den Konten von Strohmännern. Bestimmt bei den Weisen von Zion.

...

Eigentlich ist alles fast schon zu perfekt. Auf der Dachterrasse eine sanfte Brise. Das sanfte Klirren der vom Wind bewegten Masten der Boote am Pier. Langgezogene, niedrige Wellen die flaschengrün und träge ans Ufer schwappen. Abendsonne, rötlich leuchtende Felswände. In meiner Hand, die über die Lehne meines Liegestuhls hängt ein halbvolles Glas Nero d Avola. Mein Notebook auf dem Tisch reine Camouflage. Seit Tagen keine Zeile geschrieben, kein Bedauern. Trotzdem innere Unruhe. Diese mails die ich bekomme. Nachrichten über eine Seuche. In Ecuador liegen aufgeblähte Leichensäcke auf den Straßen, die niemand abholen. Eine Lungenkrankheit. Zu wenig Beatmungsgeräte. Menschen ertrinken an sich selbst, weil ihre Lungen sich mit Flüssigkeit füllen. Angehörige von Menschen, die beatmet werden müssen werden vom Krankenhauspersonal aufgefordert, Sauerstoff zu besorgen. Der Verwesungsgeruch macht die Hunde wild. Ich checke die Nachrichten. Flugzeugabsturz in Indien, Alphabeta wurde von einer Internet-Guerilla namens fsociety gehackt, der Finanzminister von Hessen hat Selbstmord begangen. Kein Wort von einer Seuche in Südamerika. Ich fordere den Absender auf, mir keine Spams zu schicken. Woher er überhaupt meine Adresse hat? Meine Antwort kann nicht zugestellt werden. Die Sache macht mich nervös, als befände ich mich in einem Traum aus dem ich gleich erwache. Aber nicht so nervös, dass es mir den Schlaf raubt. Na also! Jetzt hab ich ja doch was geschrieben.

...

Laut ZDF Politbarometer sprechen sich 55% der Befragten dafür aus, dass die Beschränkungen der persönlichen Freiheiten auch über den Stichtag 19. April hinaus beibehalten werden sollten. Dafür bietet sich ein Kaleidoskop von Gründen an. Da die Angst vor einer Infektion mit COVID-19 sinkt, kann die Furcht nicht der einzige Grund für die auf Anhieb masochistisch erscheinende Bereitschaft zur sozialen Selbstkasteiung sein. Findet etwa die arbeitende Bevölkerung Gefallen an homeoffice, äußert sich derart sogar indirekt Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen in den Betriebsstätten und Büros? Die Umfrageergebnisse stehen jedenfalls in einem gewissen Kontrast zu den alarmierenden Berichten über Existenzängste, die anscheinend nicht repräsentativ sind.

Fernseher auf stumm. Ich starre auf den Monitor des Notebooks. Am unteren Bildschirmrand das Zeichen: Akku halbvoll. Auf der Couch liegen ipad, iphone und Ladekabel. Solange ich Ladekabel habe, fühle ich mich unsterblich wie das Internet. Die mächtige Illusion der Vernetzung. Solange man mit anderen Welten vernabelt ist kann man nicht sterben. Wort für Wort dass ich schreibe folge ich mir. Ich weiß, dass Du mich liest und verstehst. Mindestens so gut wie Alexa.

Lanz tue ich mir noch an. Er ist die Neunschwänzige mit der ich mich geißele. Anschließend traumloser Schlaf. Allerdings irre ich mich oft. Letzte Nacht wurde ich im Schlaf weder geboren, noch vom Beatmungsgerät abgekoppelt. 

Diese Socken. Professor Püschel, der Chef der Hamburger Rechtsmedizin, ist ein Aufschneider. Sein Motto: wir wollen von den Toten lernen für die Lebenden. Das verbindet die Pathologie mit dem Fernsehen: eine gute Schnitttechnik ist wichtig. Dabei stellt sich heraus, das sämtliche sezierten COVID-Opfer - auch die Jüngeren - an schweren Vorerkrankungen litten. Herr Püschel kommt zum Schluss, dass die (geschürte) Angst vor COVID-19 ebenso stark übertrieben ist, wie die politischen Reaktionen. Das ist interessant, es fällt mir jedoch schwer zu folgen, weil ich wie hypnotisiert auf seine psychedelisch gemusterten Socken starren muss. "Von den Toten lernen für die Lebenden" - trugen die auch solche Socken? Mich beschleicht der Verdacht, dass Herr Püschel erwägt ein Buch mit diesem Titel zu verfassen. Hier testet er die Wirkung. Der Satz ist griffig: könnte auch über dem Tiefgang zu Katakomben stehen. Oder über dem Friedhofstor prangen. Oder Titel einer Folge von "Bones" sein. Die Schlussfolgerung von Herrn Püschel scheint plausibel, sie passt zu den vorläufigen Ergebnissen der Heinsberg-Studie von Herrn Streeck, dessen zustummendes Nicken aus Bonn zugeschaltet ist. Es passt auch zu der in den USA festgestellten sehr viel höheren Sterberate bei der schwarzen Bevölkerung, die aufgrund ihrer Armut kaum Leistungen des Gesundheitssystems in Anspruch nehmen kann. In Herrn Püschels Lesart ist der Virus nicht Todesursache, sondern im Wesentlichen ein "Brandbeschleuniger", der bereits bestehende Gesundheitsbeeinträchtigungen verstärkt. So weit, so nachvollziehbar. Fragt sich nur, warum man Herrn Prof. Püschel erst jetzt und grade jetzt aus der Kiste holt: seine nekrologischen Schlüsse geben jedenfalls (ebenso wie die Heinsberg-Studie) den Befürwortern einer baldigen Lockerung (das Wort Exit kam aus der Mode) Rückenwind. Mir scheint die Unterscheidung in an und mit COVID19 Verstorbene spitzfindig. Ob der Virus direkt oder indirekt tötet ändert wenig an der Gefahrenlage und am Resultat. 

Der zweite Gast, der die Wirkung zukünftiger Buchtitel testet, heißt Dirk Steffens, bekannt als Moderator von Terra X. Sein Slogan: Umweltschutz = Virenschutz. Variante: Seuchen sind ein Umweltproblem. Taugt, da zu formelhaft, nicht als Buchtitel, die Verknüpfung von Klimaschutz und globalem Gesundheitsschutz taugt indes als Zukunftsthema. Zoonose als Ursprung der meisten Virenerkrankungen bei Menschen als von Menschen produziertes Problem. Griffige Formeln, an denen wir Trockennasenaffen uns entlang hangeln können: Klimawandel = fatales Überschneidung der Lebensräume von Wildtieren und Menschen (durch Vernichtung der natürlichen Lebensräume in Folge von Rodung und Monokulturen, deren Produkte als Superfood verkauft werden wie z.B. Quinoa), Globalisierung = der Virus fliegt mit, Globaler Wildtierhandel = globale Verbreitung der Viren. Das Gute im Schlechten: da es sich um einen menschengemachtes Problem handelt, hat der Mensch es in der Hand es zu beseitigen. Dass man dazu Ursachen der Armut beseitigen müsste deutet Steffen nur im Zusammenhang mit den Nassmärkten an: Handel und Ernährung geschehen hier auf engstem Raum, und das nicht, weil die Händler und Hungrigen es chic finden, sondern weil sie von dem Hund in den Mund leben. Die Holzfäller in Brasilien haben nichts gegen den Regenwald, sondern wollen sich und ihre Familie ernähren. Sollte tatsächlich ein konzertiertes und weltweites menschliches Handeln Umweltschutz und Seuchenvermeidung programmatisch kombinieren: wohin dann mit Tagelöhnern und Prekären? So weit wird es kaum kommen - die Behandlung von Problemen ist lukrativer als deren Beseitigung. Weiß jede Dating-Plattform, jeder geschäftstüchtige Psychotherapeut und jeder Drogendealer.   

Apropos Drogen: Was ist eigentlich in Markus Lanz gefahren? Keine Agitation für Maulkörbe, dafür informative Gespräche mit Gästen, die etwas zu sagen haben und nicht der übliche Versuch, die Gäste zur Bestätigung der Meinung des Moderators zu bewegen...bin ich vorm Fernseher eingeschlafen und träume die Sendung? Nein. Kurz vor Sendeschluss fällt die Maske und wird erneut Thema.

Heute +. An der verwaisten Klagemauer in Jerusalem schubbert sich eine Schwarze Katze. Wohl bekomms. 

 

22.

"Ich verachte zwei Arten von Menschen: diejenigen die führen wollen, und diejenigen die geführt werden wollen."

Es ist nicht verwunderlich, dass  Nietzsche als menschenscheu galt, denn allzu viele von anderer Art bleiben wohl nicht übrig.

Wenn denn schon Führung eine anscheinend kaum zu vermeidende Begleiterscheinung in der Gesellschaft von Primaten der Gattung Mensch ist (unabhängig davon, ob sie notwendig ist), dann sollte wenigstens unterschieden werden zwischen Führung und Führungsstil, respektive Auftreten. Dem übernächtigten Armin Laschet (dessen unfreiwilliger Versprecher "Verwässerungspotenzial" statt "Verbesserungspotenzial" unbedingt nicht in Vergessenheit geraten sollte, weswegen er hier Erwähnung findet) kann ich daher nachsehen, dass er sich mühsam beherrschen musste, als Dunja Ayali ihn mit Umfragewerten Markus Söders und eigenen Umfragewerten für sein Krisenmanagement konfrontierte. Laschet kann nichts für seinen Namen, der nun mal lasch klingt, dass Markus Söder hohe und Armin Laschet geringe Zustimmungswerte hat veranlasst Dunja Ayali zu der Frage, welche Fehler Armin Laschet in der Kommunikation unterlaufen sind, so als seien Zustimmungswerte wesentlicher als der Erfolg von Taktik und Strategie der Pandemieeindämmung. Am größeren Erfolg des Krisenmanagements von Markus Söder können - worauf Armin Laschet zurecht verweist - die Akzeptanzunterschiede nicht liegen. Aber eben an der "Entschlossenheit", die Markus Söder ausstrahle: dem nachplappernden Volksmund ist denn doch der Stil des Alphatiers wichtiger, als die Qualität der Führung. Umgekehrt kann an Zustimmung einbüßen, wer sich der Einführung unsinniger, aber populärer Maßnahmen verweigert. Damit sind alle Gründe für Nietzsches Verachtung genannt.

Zwei Thesen und ihr Praxistest: die gestern publizierte dringende Bitte zur Entzerrung von Menschenaufläufen (Ulrich Roski warf einst die Frage auf, ob man Menschenauflauf mit Speckstreifen garniert) vor Ostern, indem man frühzeitig in der Woche einkaufen geht führt heute zu hoffnungslos überfüllten Supermärkten. Dem ist so. Abstandhalten aufgrund des engen Nebeneinanders in Nadelöhren (Frucht- und Gemüseecke) unmöglich. These 2: am Samstag zwischen Karfreitag und Ostersonntag wird es deutlich entspannter zustehen. Was zu beweisen wäre.

Dramatische Zuspitzungen auf Bürgersteigen. Das Bemühen Abstand zu halten führt dazu, dass die Bürger bei Überholmanövern auf die Radwege ausweichen, wo sie von empörten, unverbesserlichen E-Scooter-Benutzern (die auch auf Radwegen nichts zu suchen haben) und Radfahrern fernverunglimpft werden. Man würde sich ja gerne gegenseitig an die Gurgel gehen, hat aber Angst vor Infektion.

Bürgermeister und Landräte erhalten höheres "Krawattengeld" in Höhe von bis zu 1411 € monatlich. Schere mit ins Rathaus nehmen und Krawatten abschneiden als sei jeden Tag Rosenmontag.

Ein Interview mit Christiane Woopen lese ich ab der Frage "Müssen wir den Niedergang hinnehmen, um Leben zu retten" schon aufgrund der Frage nicht mehr weiter. Es freut mich, dass die Polizei zwölf herumirrende Entenküken gerettet hat. 

Es dauerte mehrere Wochen hat, bis sich die nicht raffiniert verborgene Erkenntnis herumgesprochen hat, dass die Zahl der Neuinfektionen und Toten von geringem bis gar keinem Aussagewert ist. Dementsprechend fragwürdig ist es, wenn abflachende Neuinfektionsraten als Indiz für eine leichte Entspannung der Lage gedeutet werden. Es ist noch nicht einmal zu erkennen, wie sich die Zahl der Neuinfektionen zusammensetzt. Einfach die Zahl der gemeldeten Infektionen aufzuaddieren wäre erkennbar Humbug. Also: ab wann fällt ein gemeldeter Infizierter aus der Statistik der Neuinfizierten heraus? Nach einer Woche? Nach zwei Wochen? Wenn als genesen gemeldet? Ist mir nicht ersichtlich, sollte es aber sein wenn die Neuinfektionsrate überhaupt irgendeinen Aussagewert haben soll.

Das Gezerre um Eurobonds geht in die nächste (Co)videorunde. 2013 war ich mitten in der Finanzkrise als deutscher Dangerseeker in Griechenland unterwegs und als solcher nicht überall gut gelitten. Zwar war ich nicht Mitglied der Troika, aber aufgrund meiner deutschen Staatsbürgerschaft ungewollter Komplize. Die Kritik eines Restaurantbetreibers ist aus meiner Sicht auch jetzt berechtigt: Griechenland, Italien, Spanien sind die Haupturlaubsziele der Deutschen. Man kann nicht gleichzeitig wollen dass der Süden möglichst billiges Zielgebiet des Tourismus mit allen attraktiven Angeboten ist und ihm dann die Luft zum Atmen nehmen. Das ist aktuell noch wahrer als wahr, da diese Einnahmequelle für die südeuropäischen Länder aktuell und auf unbestimmte Zeit versiegt. Will man in Zukunft nicht nur noch mit virtuellen Aufenthalten in der Toskana, auf Mallorca oder Santorini Vorlieb nehmen, sollte man schon aus touristischem Eigeninteresse alles Erdenkliche unternehmen, um mediterranen Länder zu unterstützen- Eurobonds inklusive (wofür selbst der "eiserne" Hans Eichel sich ausspricht, und das will was heißen).

Schaulaufen der Ministerpräsidenten: alle malen nach den Zahlen des RKI am Bild, dass ihre Maßnahmen erfolgreich sind. Dass die Zahlen von bescheidenem Aussagewert sind und es keinen Beleg für einen kausalen Zusammenhang zwischen den Maßnahmen und der Entwicklung dieser Zahlen gibt hindert keinen daran, sich mit Erfolgsbilanzen zu brüsten. Alle haben sie Recht und alles richtig gemacht. Unwürdig, wenn auch mit hohen Zustimmungsraten goutiert.   

Eigenwerbung für Phoenix, eingeleitet mit den Worten: "Das Corona-Virus trifft Deutschland und die Welt." Die Reihenfolge ist Teil des Problems. Corona trifft die Welt, und damit auch Deutschland stellt die Welt vom Kopf auf die Füße.

Der Grund für die klaustrophobische Grundstimmung ist nicht die Ausgangsbeschränkung, sondern der globale Charakter der Pandemie. Man kann nirgendwo hin fliehen, nicht entkommen (selbst auf der ISS wäre ich Virenschleuder aus NRW nicht willkommen). Weder der Bedrohung durch den Virus, noch vor den getroffenen Maßnahmen. Es fehlt nicht nur der Fluchtpunkt, man fühlt sich auch bedroht. Alle Fragen, die sich bezüglich des eigenen Umgangs mit der Situation sind bang: wenn (wovon die Virologen ausgehen) etwa 60% der Bevölkerung sich mit dem COVID-19-Virus infizieren werden - ist es dann besser, sich jetzt zu infizieren, solange es noch Intensivbetten und Atemgeräte genug gibt? Schottet man sich ab, bis es Medikamente gibt, die Plasmabehandlung funktioniert oder ein Impfstoff vorhanden ist? Wenn ich jetzt infiziert werden möchte - wie mach ich das? Verabredungen über das Darknet? 

Neues Modewort: Freiwillige Datenspende. Auf zur Datenbank, statt zur Blutbank. Klingt verdächtig nach der Freiwilligkeit, die einem bleibt, wenn man das Internet nicht nutzt, Google meidet, kein Handy nutzt, sich auf diese Weise vom Rest der Welt isoliert und demnächst - wenn bargeldloser Geldverkehr die Regel wird - nicht mehr bezahlen kann. Wie groß ist der Grad individueller Freiheit, wenn die Vereinheitlichung der Plattformen für Kommunikation und Geldverkehr einem überhaupt keine Wahl lässt (in Ermangelung von Wäldern kann man nicht mal zum Waldschrat regredieren)?  

Wenn Du zurück scrollst, fällt Dir auf, wie viel unhaltbare Aussagen du von Dir gegeben hast? Schau Dir alleine mal die grässlichen Nebenwirkungen von alpha-2b an.

...ach halt die Klappe. Das ist ein Blog, dessen Verlauf die Unsicherheiten und falschen Sicherheiten spiegelt, die dem permanenten Wechsel von Lageeinschätzungen, Empfehlungen, Entwicklungen, dem Zurückrudern, der Gefahrenlagen, als Tatsachen dargestellten Gerüchten und Meinungen. den geistigen Leerverkäufen der Bundespressekonferenz, der allenthalben spürbaren Ratlosigkeit entspricht, die sich im hyperaktiven Trial-and-Error der Regierungen äußert. Die ÖffentlICHkeit: das Versuchskaninchen vor der Schlange, die vor Angst zittert.    

Ob denn die derzeit zaghaft anlaufenden Evakuierungen der Kinder aus Moria weiter laufen wenn COVID-19 die Flüchtlingslager erreicht, gar Kinder infiziert sind? Keine Antwort außer: wir denken von Tag zu Tag. Die Mittelmeerstaaten lassen Schiffe mit Flüchtenden nicht mehr ihre Häfen anlaufen. Corona ist eine kommode Begründung, mit der auch die Türkei syrische Flüchtende von der griechisch-türkischen Grenze zurück nach Syrien. Ohne Ausweise und ohne Habe, die ihnen in Griechenland abgenommen wurden.

Unglaublich! Das vor drei Wochen spaßeshalber online bestellte Toilettenpapier ist angekommen. Weißes Gold aus...China!

Das inspiriert mich derart, dass mir jede Menge Vorschläge für die kontrollierte Wiederaufnahme des sportlichen Wettbewerbs einfallen. Statt sich den Kopf darüber zu zerbrechen wie in Zukunft Mannschaftssportarten wieder betrieben werden können sollte die Situation genutzt werden, um die Popularität von Sportarten zu fördern, deren Rahmenbedingungen der Prämisse der sozialen Distanz entsprechen: Geistertennis, Gespensterbadminton, Mattenspringen, Bouldern, Free-Solo-Climbing, Fernschach, Schattenboxen, Wettangeln, Golf, Zeitfahren, Taschensnooker, Bogenschießen etc. (tbc)

Ebenso, wie es legal bleibt ein Geschäft mit impliziten Versprechungen zu machen, wie einst fahrende Wunderheiler und jetzt Anbieter von Erkältungspräparaten, die wundersamer Weise exakt gegen Symptome helfen, die auch für COVID-19 charakteristisch sind bleibt auch das subtile Geschäft mit der Angst erlaubt. Schlagzeilen wie: "COVID-19 möglicherweise durch Luft übertragbar" poppen immer häufiger auf. Im Wettbewerb um Clicks und Aufmerksamkeit beginnen mehr und mehr Berichte mit Schlagzeilen, nach deren Lektüre man senkrecht im Bett steht (wie Norbert "In der bewegte Mann" von Ralf König, dessen Radiowecker zunächst verkündet in Düsseldorfs Innenstadt sei eine Atombombe explodiert, worauf hin der Moderator sich korrigiert: Entschuldigung, eine Autobombe). Natürlich liest man weiter, wenige Zeilen später gibt .- puh! - der Text Entwarnung und man sinkt mit einem Seufzen ins Kopfkissen zurück.

Der Sinn des Geschäfts ist Geschäft. Die avisierten Lockerungen bedeuten nicht die Rückgabe von Freiheitsrechten. Die Kinder sollen zurück in die Schule und die Eltern sollen wieder shoppen und arbeiten gehen. Kleine Geschäfte werden wieder öffnen. Frei stehen die Wege zur Arbeit und in die Boutiquen, damit der Laden wieder läuft. Ansonsten ändert sich nichts. Was jetzt vorübergehende Maßnahmen der Eindämmung sind, sind im Folgenden Maßnahmen der Prävention. 

Der letzte Schrei aus der (meistens toxischen) Kategorie "Keine Denkverbote" ist die Überlegung, infiziertes Pflegepersonal soll infizierte Corona...äh.. Bewohner behandeln und mit ihnen gemeinsam in Quarantäne bleiben. Wenn sich der Staub legt sieht man wer steht (oder zumindest noch Puls hat), oder wer sich rechtzeitig aus dem Staub gemacht hat. Das Infizierte Infizierte pflegen sollen empfiehlt bereits das RKI (siehe: Alexander Klug, "Warum infizierte Pflegekräfte im Abstatter Seniorenheim arbeiten dürfen." in: Stimme.de, 08. April 2020). In Heilbronn ist dies offensichtlich der Fall - der Artikel sagt nichts dazu, ob dann die infizierten Angestellten nach der Arbeit nach Hause fahren, wo die nächsten geneigten Empfänger und Verteiler des Corona Express warten.

Keine Eurobonds, dafür Werbung für italienischen Kaffee im Öffentlich-Rechtlichen.

Ich weiß wovon ich heute Nacht träumen werde. Uns träumt in einem Bett zu liegen, das umgeben ist von einem Schutzzelt. Wir sind entweder grade erst geboren, der Sprache noch nicht mächtig, das Schutzzelt ein Insektennetz, oder wir liegen im Sterben, der Sprache nicht mehr mächtig, das Schutzzelt gegen Keime, Viren, Bakterien. Solange uns niemand beobachtet überlagern sich beide Zustände, Schemen hinter den Vorhängen könnten Eltern sein, oder Ärzte, die triagieren und dabei an Voltigieren und Geometrie denken, an Dressur, schwarze Reiterstiefel und Reiterpeitsche. Wer bin ich in Deinem Traum, den Du träumst unter dem Blütenfall des Meeres in einem fernen Land, das ich in meiner Welt nicht bereisen kann? Wer bist Du in meinem Traum, aus dem zu erwachen ich mich aus Angst vor einer Entscheidung weigere? Deine Welt ist mein Wunschtraum, meine Welt ist Dein Alptraum. Davon werde ich heute Nacht träumen, ganz egal wie Klaus Kleber die Themen Kurzarbeitergeld und Apokalypse anmoderiert und wovon Jacques Delors unverdrossen träumt.

Der würde sich in Anbetracht des Gebarens Europas im Grabe umdrehen, wäre er schon tot.

Karl Lauterbach bei Markus Lanz: "Wir stehen am Anfang der Pandemie, weil schätzungsweise 99% der Bevölkerung noch nicht infiziert wurden. Hitze stört den Virus wenig, wie man an den galoppierenden Zahlen in Ecuador sieht. Jetzt bloß nicht nachlassen, sonst kommt im Herbst eine zweite Welle die wir nicht gut überstehen." Markus Lanz: "habe ich sie richtig verstanden, dass unser Sommerurlaub gefährdet ist?" Dann geht es wieder um Gesichtsmasken. Markus Lanz hat kein anderes Thema und verwechselt hartnäckig Masken und selbstgestrickte Mund-Nasen-Schutze. Karl Lauterbach empfiehlt Staubsaugerbeutel. Ich schalte ab. 

 

21.

Pssst! Wie gewinne ich den inoffiziellen Wettbewerb um die möglichst rasche, verdeckte Herstellung einer Herdenimmunität und zugleich den Wettbewerb um die Führungsposition in Europa? BILD-Titel: Die Ösis machen es uns vor - Anordnung einer bestenfalls psychologisch wirksamen Maßnahme (duck and cover), frühe Lockerungsübung unter wohlwollender Inkaufnahme des steigenden Infektionsrisikos (Herdenimmunität!) und medienwirksames Prahlen über die eigene Vorreiterrolle (auf diesen unangenehmen Hang Sebastian Kurz zur politischen Profilierung kam eine Journalistin im Morgenmagazin zu sprechen, die seine Angeberei zurecht als Zeichen für Leichtsinn und mangelnde Ernsthaftigkeit wertete). Machen wir uns nix vor: Es geht um Wettbewerbsvorteile, die wichtigste statistische Zahl ist längst nicht mehr die Zahl der Toten, sondern die Zahl der Genesenen, und rasche Herdenimmunität ist hinter vorgehaltener Hand das Ziel. Wer fährt zuerst die Wirtschaft wieder hoch und sichert sich die Pole-Position im Wettbewerb?

Wir erinnern uns: vor wenigen Wochen empörte man sich noch über Volkstribune, die eine möglichst rasche Erlangung von Herdenimmunität zum Ziel erklärten. Einige tausend Tote später avanciert Herdenimmunität vom Un- zum Trendwort. Der Wunsch, die Doppelbelastung von Homeoffice und Kinderbetreuung so schnell wie möglich los zu werden gewinnt die Oberhand über das Prinzip, das jedes Menschenleben gleich viel wert ist. Soviel Verständnis von Professoren, Professorinnen, Prominenten für die Belastungen des gemeinen Volks wird den Befürwortern der demographischen Euthanasie Auftrieb verschaffen.

In meiner Stadt freut sich die Polizei. Sommerliches Wetter (Vorbote einer weiteren Dürrezeit?), die Menschen halten sich an die Gebote. Schreibt die WAZ. Der Westpark, eine beliebte Grünanlage in Bochum, mausert sich zu einem Jugendtreff, in dem Gruppenbildungen üblich sind und keine behördliche Präsenz erkennbar ist. Tolerierte Lockerung unter Inkaufnahme verfälschter Statistiken. Bestenfalls Schlamperei, schlimmstenfalls Täuschung der Öffentlichkeit. 

Im Wald freuen sich die Spechte über tote Bäume. Die Revolution der Tiere kündigt sich an durch Presslufthammerkonzerte in den Forsten.

Die Weisheit der Vielen ist experimentell überprüfbar. Bei der Schätzung der Anzahl von Kieselsteinen in einem transparenten Gefäß durch viele Personen liegen die Schätzungen im Durchschnitt deutlich näher an der faktischen Anzahl als die Schätzungen der einzelnen Personen. Sorgen der Deutschen: 38% befürchten Wucherpreise für knappe Waren (...ein Grund für Hamsterkäufe...), 33% fürchten den Werteverlust der privaten Altersvorsorge (...steigende Preise = Inflation), 43% haben Angst, im Krankheitsfall wegen fehlender Klinikkapazitäten nicht ausreichend behandelt zu werden (43%).  Sehr realistisch, gleichzeitig ein Spickzettel dafür, welche Ängste durch Flunkerei, Schönreden und Placebostatements bedient werden müssen.  

Der Buchhandel leidet darunter, dass Papierhersteller Toilettenpapier produzieren und Amazon aufgrund anderer Priorisierung von Themen kaum noch Bücher bestellt. Ein weiteres wachsendes Geschäftsfeld für die IT-Branche. Das klassische Buch auf Digitalfahrt.

16:43. Wo bin ich die letzten vier Stunden gewesen? Die Fußsohlen brennen. Dünne Salzkruste auf der Stirn. Das Pochen einer leichten Überdosis UV-Strahlung im Schädel. Dreckspritzer an den Jeans. Hieroglyphen an Baumstümpfen, die sich als Wegmarkierungen des Sauerländischen Gebirgsvereins erwiesen...drei Pressekonferenzen verpasst. Jens Spahn, Markus Söder, Armin Laschet. Kein Sprint, sondern ein Marathon-Lauf. Die Maske wird kommen. Die Phase der verantwortungsvollen Normalität. Der österreichische Finanzminister verglich das Bestehen von Italien und Spanien in Bezug auf Coronabonds mit dem eines Ertrinkenden, dem man ein Rettungsboot zuwirft, das er nicht besteigt weil er ein schöneres Boot will. Ein Kommentator: das Verhalten der Coronabond-Gegner ist so, als fordere man von einem Ertrinkenden bevor man ihm ein Boot (...Rettungsring würde genügen...) zukommen lässt zunächst eine Steuererklärung. Erleichtert, nicht überrascht, nehme ich zur Kenntnis nichts verpasst zu haben. Erleichtert die Terminplanung für die folgenden Tage. Der Drang live dabei zu sein lässt nach. Woher kam der überhaupt? Wird doch alles x-mal wiederholt. Geschieht etwas Weltbewegendes will man live dabei sein. Die erste Mondlandung. 9/11. Die Konserve ist nicht dasselbe. Dabei sein ist Alles - unabhängig davon, ob es ein freudiger, oder ein tragischer Anlass ist. Aber das hier zieht sich. Neue Verfügungen. Die Frage nach ihrer Wirksamkeit in Bezug auf die Bekämpfung der Krankheit ist müßig, siehe oben. Der Maulkorb-Erlass ist im Sinne des Infektionsschutzes so wirkungsvoll wie Wodka oder heißes Wasser zu trinken. Was aber nutzen Argumente (siehe oben)? Will man noch einkaufen dürfen wird man sich mit dem Wirkungslosen, dessen Sinn nicht im Schutz liegt, arrangieren. Also verstößt man gegen das Vermummungsverbot, nutzt das Utensil als Fläche der Agitation: ich werde Shador tragen, Ku-Klux-Klan-Kapuzen und Masken mit Aufschriften. Unfug. Redefreiheit. Diktatur. Der Kreativität sind im Gegensatz zur Bewegungsfreiheit keine Grenzen gesetzt (...noch nicht...). 

Da wundert sich jemand darüber, "dass die Deutschen alle sonstigen Maßnahmen klaglos akzeptieren, aber Mund-Nasen-Schutz so ein Riesenthema ist." Man braucht gar nicht das Klischee vom Tropfen bemühen, der das Fass zum Überlaufen bringt, oder den gesellschaftlichen Schmetterlingseffekt, den Krug, der so lange zum Brunnen geht bis er bricht, es genügt daran zu erinnern, dass das kollektive Tragen des Maulkorbs vor allem wichtig sei als Symbol für Solidarität. Das Symbolische hat oft mehr Sprengkraft, als "die normative Kraft des Faktischen". Die symbolische Kraft des Maulkorbs ist offenbar ambivalent. Was die einen (unabhängig von der effektiven Nutzlosigkeit) als wichtiges Symbol des gesellschaftlichen Konsens interpretieren ist für andere dinghaftes, greifbares Sinnbild für staatliche Zwangsmaßnahmen, die man sich zu allem Überfluss auch noch selbst basteln soll (spendet - gefälligst - Nähmaschinen, Taschentücher und Haarbänder für Obdachlose).

Italien und Spanien wollen doch nur Corona politisch nutzen um sich wirtschaftlich zu sanieren. Na und? Für Eurobonds müsste man die europäischen Verträge ändern und auch in Zukunft Schulden gemeinschaftlich tragen. Na und?  

Bemerkenswert bleibe die Absurditäten: während man nicht eine Fahrgemeinschaft zu dritt bilden darf um zur Arbeit zu gelangen, kann der Arbeitgeber anordnen, dass die selben drei Personen in einer Fahrgemeinschaft zur Baustelle fahren.

Hefe weg. Mehl auch. Lauter Hobbybäcker? Hamsterkäufer kaufen nicht was sie brauchen, sondern spekulieren auf sinkendes Angebot und steigende Preise. Leerkäufe, statt Leerverkäufe. Wie in längst vergangenen Zeiten: Nahrungsmittel avancieren zur Währung.

"Nichts mehr wie früher" - eine Reportage im ZDF. Eine Soziologin wirft einen Heiermann ins Phrasenschwein und und entkorkt die tiefschürfende Erkenntnis: der Kontakt über soziale Medien wird immer wichtiger. Warum sollten die Betreiber sozialer Medien ein Interesse daran haben, dass dieser Trend sich ändert? Uns steht die Antwort auf die Frage noch bevor, ob die Geschäftsinteressen der Profiteure des "social distancing", das man auch einfach "Diskretion" nennen könnte, eine Rückkehr zu analoger Nähe gestatten. Social Distancing ist sowohl ein Geschäfts- als auch ein Gesellschaftsmodell, deren Basis physische Nähe als Bedrohung und Wegezölle für die virtuelle Überwindung der Distanz ist. Passt zu gut zusammen, auch wenn es nicht in Leschs "Guten Abend allerseits" Kosmos passt. 

Betthupferl: Prof. Steffen Augsberg, Sprecher der Corona-Gruppe des Deutschen Ethikrats, äußert sich bei der Bundespressekonferenz wie folgt: Deutschland kann eine zeitweise Aufhebung des Demonstrationsrechts ab (wie auch die Aufhebung anderer Rechte). Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Dr. Peter Draback, äußert sich in einem Interview wie folgt: es spricht nichts dagegen, der älteren Bevölkerungsgruppe dringend zu empfehlen, sich in Selbstisolation zu begeben. Ein anderes Mitglied zum Thema Triage: Ärzte sollten sich daran orientieren, wer von einem Beatmungsgerät am meisten profitiert. Zu letzterer Äußerung zuerst: die Frage, wer am meisten profitiert ist keine ethische, sondern eine ökonomische. Den Älteren Selbstisolation dringend zu empfehlen ist gleichbedeutend damit sie zu isolieren. Die Teilname am öffentlichen Leben ansonsten ein Spießrutenlauf. Die Aufhebung des Demonstrationsrechtes wird vom Deutschen Ethikrat offenbar ohne entsprechende Änderung des Grundgesetzes als gegeben angesehen. Mit entwaffnende Offenheit äußert sich der Ethikrat unethisch. Der Ethikrat soll "Stellungnahmen für politisches oder gesetzgeberisches Handeln zu entwerfen." Was sich hier liest als handele es sich um ein unabhängiges Beratungsgremium ist tatsächlich zu 90% von der Regierung ausgewählt und besteht überproportional aus Mitgliedern mit einer religiöser Weltsicht. Der Vorsitzende Dr. Peter Draback ist Leiter eines Beraterkreises für Facebook. Der Ethikrat ist entgegen dem erweckten Anschein keine Institution, die Berater und Korrektiv für politische Entscheidungsprozesse ist, sondern kleidet umgekehrt für die Öffentlichkeit die Haltung der Regierung in das ethisches Brokat - da verwundern die statements ihrer Mitglieder nicht.

Begebe mich jetzt in die freiwillige Selbstisolation. 

 

 20.

"Inter arma silent leges (im Krieg schweigen die Gesetze)"

Das sei das Gebot der Stunde, meint Jessica Hamed in einem Interview in der FR vom 06.04.2020. Daher werden die Einschränkungen von Grundrechten auch klaglos hingenommen: "Zum einen aus Angst vor der Situation. Zum anderen aber auch aus Angst vor massivem Gegenwind, wenn man sich `in einer solchen Krise´ kritisch zu Wort meldet." Auch Dirk Kurbjuweit bei Spiegel Online ("Das üble Gefühl, in einer Diktatur zu leben", 06.04.2020) fragt sich, wo die Proteste z.B. gegen die Grenzschließungen bleiben? Es sei dahin gestellt in wie weit die Kriegsrhetorik in den Bevölkerungen schon ihre Wirkung verbreitet, es handelt sich jedoch in Ermangelung eines Feindes nicht um einen Krieg. Die Gründe ihn zu erklären liegen in den üblichen Nebenwirkung von Mobilmachungen: Heldentum wird verlangt, Opferbereitschaft bis zum Tod, bloß nicht Blut, Schweiß und Tränen, da die hochinfektiös sind. Die Gesetze schweigen auch nicht, sondern werden mit reichlich Getöse verändert. Die legislative Raserei und die Paralyse demokratischer Reflexe sind zwei unterschiedliche Reaktionen auf einen Schock: heftiger Tremor und Schockstarre. Das aus Angst keine Kritik aufkommt ist allerdings eine schwer zu überprüfende Hypothese. Dirk Kurbjuweits Frage entbehrt nicht einer gewissen Komik. Er blickt sich um im öffentlichen Raum und fragt sich: wo sind die Demonstranten? Als habe er von der schnurstracks vorgenommenen Aushebelung der Versammlungsfreiheit und des Demonstrationsrechts nichts mitbekommen. Es fehlt wohl nicht an Kritik und Protest, doch haben diese Mühen Foren zu finden und zur Kenntnis genommen zu werden. Der Raum für Protest und Kritik wird zugeschnürt, nicht zuletzt von einer Öffentlichkeit, die nach noch mehr Einschränkungen ihrer eigenen Rechte brüllt, so als sei Freiheit in Zeiten von Corona eine unzumutbare Belastung. Wer kritisiert, die ergriffenen Maßnahmen seien nicht streng genug findet folgerichtig unschwer eine Bühne und ein Publikum.   

Die Regierung von Peru meint die Wurzel allen Übels erkannt zu haben: es wird zuviel geschnakselt. Daher wurde eine Ausgangssperre getrennt nach Geschlechtern verhängt. Getrennte Schlafzimmer inklusive. 

Der Präsident von Weißrussland kennt wie erwähnt das ideale Medikament gegen Corona. Wodka. Statistisch hat er Recht. Bei einer geringen Lebenserwartung erreichen die Menschen gar nicht erst das Alter, ab dem sie zur Risikogruppe gehören.

Wer hat überall in der Stadt Senf auf dem Asphalt verschmiert so als habe ein Weißwursthasser "Senf drauf" von Foyer de Sade in die Tat umgesetzt? Es handelt sich um Taubenscheisse. Erste Zeichen einer Revolution der Tiere. Jetzt sind die Meldungen von Rehen, die den Rückzug der invasiven Gattung Mensch von den Wiesen und Parks zum Anlass nehmen, Terrain zu besetzen noch anekdotische Mutmacher ausgangs der Nachrichtenmagazine. Sie lassen sich von Kindern füttern, wie putzig. Das sind schüchterne Pioniere, die zaghafte Vorhut. Längst sitzen 12 Affen über uns zu Gericht. Delphine bedanken sich für den Fisch. Tiger brechen aus Tanks aus. Gorillas befreien gequälte Kreaturen aus Versuchslabors. Ratten erobern die Bibliotheken und lachen sich bei der Lektüre von "Die Pest" den Schwanz ab. Hunde und Katzen patrouillieren, konfiszieren an Treppenabsätzen abgestellte Pizzalieferungen und verzehren sie an Ort und Stille. Die Vögel attackieren Drohnen, die am Boden und auf den Dächern von Streifenwagen zerschellen. Eichhörnchen stibitzen Nüsse aus Supermärkten, Waschbären okkupieren Schießstände und wachsen an ihren Aufgaben. Wale schieben Flüchtlingsschiffe durch raue See Richtung Europa.

Wenn es den Eindruck hinterlässt, es ginge um die Kritik oder gar die Verunglimpfung handelnder Personen: dem ist nicht so. Satire zielt auf die Organisationen und Institutionen, deren Repräsentanten sie bloßstellt. Wie bei Wahlkämpfen geht es auch bei Satire darum, Prinzipien ein Gesicht zu geben, nur dass es in der Satire eine Karikatur ist. Weltwirtschaftsordnung. Finanzsystem. Staatengemeinschaft. Schumpeter und der Wolf. Das Märchen von Aufstiegschancen, die es ohne das steile Wohlstandsgefälle nicht gäbe. Öl, das von unten nach oben fließt. Der Sog, der unten ein Vakuum an Perspektiven und Ressourcen hinterlässt. Handelnde nach bestem Wissen und Gewissen, also im Korsett ihrer Glaubensbekenntnisse. Gesichter in denen die Zuversicht bröckelt wie getrockneter Lehm. Abgeschminkte Macht = Ohnmacht. Überforderung. Aber auch coups-de-poing der Opportunisten.   

Die Bundespressekonferenz bietet den üblichen Kontrast zwischen interessante Fragen und nichtssagenden Antworten. Ich beschränke mich auf die Fragen: - Welchen Sinn haben Grenzschließungen, wenn die Infektionsraten in den Staaten sich angleichen? (Nicht gegebene Antwort: "Hier sind wir, dort sind die anderen, und diese anderen könnten uns Böses bescheren, wenn sie die Grenzen passieren." Dirk Kubjuweit in seinem oben zitierten Artikel) - Wie lange will man warten, bevor man griechische Flüchtlinge auch ohne gesamteuropäische Lösung rettet? Bis die Katastrophe eingetreten ist?" - (Nicht gegebene Antwort: ja.) - "Wie bewerten die Bundesregierung den Umstand, dass Österreich ein festes Datum für den Eintritt von Lockerungsmaßnahmen nennt?" Keine Antwort, aber ein Kommentar von Herrn Seibert: "Vielleicht weil Österreich härtere Maßnahmen ergriffen hat", womit er - immerhin - öffentlich der Regierung, für die er spricht, in den Silberrücken fällt.  Anschließend die Altmayer/Scholz-Show: "We are the Champions", mit 7 Eigenlobs in 6 Sätzen. Neuester Triumph: nach Altmeyers Meckerei über das Mauern der Hausbanken übernimmt der Staat nun 100% der Ausfallbürgschaften und die Banken tragen überhaupt kein Risiko mehr, kassieren aber die Zinsen. Etwa so als sagt der Schwarze Ritter in "Ritter der Kokosnuss" ausruft: Sieg auf ganzer Linie. 

Bei Enzo bekomme ich einen erstklassigen Cappuccino. Er ist der Meinung, die Weltwirtschaft bedürfe eines Kollaps, damit die Menschen begreifen wie viel überflüssiges Zeug sie kaufen. Das unterscheide die kleinen Leute von den Reichen: die Wohnungen von Ottonormalverbraucher seien vollgestellt mit Nippes. In den Häusern der Reichen sei es leer bis auf eine Vase mit einer Blume auf dem Tisch, alles versichert. Die Menschen werden lernen, Überflüssiges zu meiden. Die Zukunft gehöre kleinen Geschäften, die anpassungsfähig sind im Gegensatz zu den großen Konzernen. Es mag in meiner pessimistischen Mentalität begründet liegen, dass ich eine (privilegierte) "Halbwelt" vor mir sehe, in der die Kontaktvermeidung zum Common Sense wird, Online-Dienste, Datenkraken und private Sicherheitsunternehmen die Wirtschaft dominieren und das soziale Fernleben definieren. Ich hoffe, dass ich nicht Recht behalte.

Wer erwartet hätte, dass Angela Merkel bei ihrem Pressebriefing etwas Weltenerschütterndes verkündet, dem muss die Naivität Charlie Browns attestiert werden, der immer wieder auf den von Lucy gehaltenen Football zu rennt.  Kein Termin für den (Br)Exit, keine Verpflichtung zum Tragen eines Mund-Nasenschutzes, kein Appell an die Bevölkerung. Ein nüchterner Lage- und Tätigkeitsbericht, Abkühlung für das überhitzte Gemüt des öffentlichen Interesses. Angenehm: es werden keine Maßnahmen getroffen, nur weil andere Länder sie beschlossen haben oder weil es viele Münder und Naseweise zum Schutz von Mund und Nase fordern. Letzteres Thema auf den Punkt gebracht: das Tragen von Mund-Nasen-Schutz ist (wenn überhaupt) nur sinnvoll, wenn nicht nur jeder ihn trägt, sondern auch der Stoff geeignet ist, die Maske jeden Tag richtig gereinigt wird und es niemanden dazu verleitet in einem Gefühl trügerischer Sicherheit gegen die Abstandsregeln zu verstoßen. Wenn das Einhalten von Vorschriften nicht flächendeckend überprüft werden kann ist die Vorschrift nutzlos. Keine Nachfragen der Journalisten - man überlässt die Meinungsmache für den Maulkorb Sebastian Kurz, dem Feuilliton und den Talkshows.

Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen - man leistet Überzeugungsarbeit, damit wir die Mauern bereitwillig selbst ziehen. Sebastian Kurz bereitet man die Bühne für seine Präsentation des österreichischen Vorgehens, inklusive Verpflichtung zum Tragen eines Mund- und Nasenschutzes - der aktuellen Variante der Pestmaske. Er verweist auf die abflachende Kurve der Neuinfektionen. Einen empirischen Beweis dafür, dass die Abflachung der Infektionsrate (von der Dunkelziffer ganz zu schweigen) mit den Maßnahmen der österreichischen Regierung zusammenhängt existiert nicht, aber längst geht es nicht mehr um Fakten und Argumente, sondern um die Durchsetzung von Maßnahmen, die am effektivsten Schutz und Kontrolle suggerieren - was dem Eingeständnis gleich kommt, nicht zu wissen was über das hinaus, wovon wir wissen dass es hilft, wirklich hilft. Was wirklich hilft wissen wir seit der Spanischen Grippe - physikalischen Abstand halten, Massenveranstaltungen (wie Schlachtfelder) vermeiden, Hotspots identifizieren, flächendeckend und oft testen. Für die Wirksamkeit aller anderen Maßnahmen gibt es keinen sicheren Beleg. Das gilt für die drakonischen Ausgangssperren in Huan ebenso wie für die drastischen Ausgangssperren und Shutdowns in Italien (vielleicht war in Huan der sprichwörtliche Sack Reis ausschlaggebend). Zwar flacht dort die Rate der nachweislich mit COVID Infizierten und die Todesrate ab, aber abgesehen von der Dunkelziffer geht man davon aus, dass viele COVID-Erkrankten im Kreis der Familie versterben und in der Statistik nicht erfasst werden. Überspitzt formuliert: gleichzeitig das Wahren des sozialen Abstands anzuordnen und Familien auf engem Raum in den Wohnungen zusammen zu pferchen widerspricht sich. Wenn also über gesichertes Wissen hinaus Maßnahmen angeordnet werden, von denen man nicht weiß ob sie positiv wirken, dann geschieht das vorrangig, damit die Politik Handlungsfähigkeit demonstriert und das Gefühl vermittelt, man unternehme das Richtige, damit alles rasch wieder normal werde. Grade weil die Beweislage so vage ist, kann jeder politische Entscheidungsträger bei einem positiven Trend behaupten dies sei Resultat seiner richtigen Entscheidungen. Da Deutschland stärker als Österreich die Notwendigkeit der gesellschaftlichen Debatte in einem demokratischen Rechtsstaat betont funktioniert hier die Realisierung geplanter Maßnahmen nach einem anderen Muster. Man betont welche Maßnahmen für sinnvoll erachtet werden und überlässt dann der Bevölkerung die Entscheidung darüber, ob Freizügigkeit bleibt oder (...wer nicht hören will muss fühlen...) angeordnet werden muss - so funktionierte das bei den Kontaktbeschränkungen, so wird es bei den Maulkörben und bei der Tracking App laufen. Das funktioniert in 3 Schritten. Schritt 1: Kalkulation. Es hilft (interessanter Weise in beiden Fällen) nur, so der Tenor, wenn mindestens 60% mitmachen. Schritt 2: Der Mauerbau. Diejenigen, die freiwillig mitmachen, denunzieren diejenigen und üben Druck auf sie aus, die den "Empfehlungen" der Regierung nicht folgen. Schritt 3: Schuld an der Aufhebung der Freiwilligkeit sind diejenigen, die von ihrer Freiwilligkeit Gebrauch machten. Dieser Prozess hin zu Maßnahmen, die eine baldige Rückkehr zur Normalität verheißen, führt über einen inneren Mauerbau durch Diskriminierung bis hin zur Aufhebung von Grundrechten - selber Schuld. In den Hintergrund tritt die Frage, wie in den unterschiedlichen Teilsystemen des sozialen und wirtschaftlichen Lebens am besten sichergestellt werden kann, was nachweislich schützt - nämlich die Einhaltung des physischen Abstandes. Statt dass wir uns mit dieser Frage auseinandersetzen verlieren wir uns lieber beim Bau der nächsten Mauer, derjenigen zwischen jung und alt. Während man da, wo das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes sinnvoll wäre sogar auf dahingehende Empfehlungen verzichtet - zum Beispiel in Parks, wo heftig hechelnde Jogger und Radfahrer mit weit aufgerissenen Mündern Slalom um Spaziergänger fahren - sollen sie in Supermärkten obligatorisch sein, statt die Lieferketten umzukehren. Während man die Supermärkte, Baumärkte und Gartencenter als Ersatz für Gaststätten, Shopping-Malls, Kirchen, Vereinsheime, Parteitage und andere Begegnungsstätten offen hält, ist man außerstande einfache Abstandsregeln mit einfachen Maßnahmen in Pflegeheimen zu realisieren, z.B. durch Markierungen, Zugangsbeschränkungen und transparente Trennwände wie es in Supermärkten üblich ist. Stattdessen verordnete man zum Schutz der Ältesten soziale Isolation und schuf so geschlossene Systeme, in denen COVID Pingpong zwischen Pflegern und Bewohnern spielt. Mittlerweile dient das Besuchsverbot wohl eher dem Schutz der Angehörigen, als dem der Bewohner. Derweil arbeitet man weiter daran, die Gruppe der sozial zu isolierenden Personen auf alle über 65 auszudehnen. Mit Demokratie hat das alles nichts mehr zu tun, und wäre es ein Ausnahmezustand wäre das Oberkommando in Teilen inkompetent. 

Du musst Dich morgen früh rasieren. Deine grauen Bartstoppel lassen Dich alt aussehen.

Passkontrollen im Supermarkt: Man sieht Ihnen Ihr Alter nicht an.

Zur Optimierung der Einhaltung von Ausgangssperren: Fußfesseln. Da sind die Tracking-Apps schon drin.

Mit dem hilflosen Herrn Laumann könnte man bei Hart aber Fair beinahe Mitgefühl haben. Äußerte er nicht Verständnis für die Überlegung Ältere zu isolieren und würde er nicht das Gesundheitswesen in NRW über denn Grünen Klee loben, inklusive der Ausstattung mit Schutzmaterialien für das Pflegepersonal. Mit einer Pandemie hätte man ja nicht rechnen können. Oh doch, entsprechende Szenarien waren lange bekannt. Man hat wohl gedacht wenn es so weit ist versorgen wir uns auf dem Weltmarkt. Leider liegt es in der Natur einer Pandemie, dass alle gleichzeitig um die selben Ressourcen konkurrieren. Eigentlich nicht schwer vorherzusehen.

Das Argument gegen eine Isolation von Menschen über 65 war vor allem ein praktisches: 18 Millionen Menschen wären unmöglich zu isolieren.

Gute Nacht.

 

19.

Wer hat denn dieses politische Flugblatt in den Text eingefügt? Ich jedenfalls nicht. Schaue ins Schlafzimmer, in die Küche, ins Bad. Niemand da, außer mich.

Es muss außer mir heißen. Bin noch nicht ganz da. Nicht ganz bei mir. Bin ich ein Somnaskribist? Oder gar Kenneth Parks? 

Kein Mucks von draußen. Ein Tag an dem die Erde still steht. Quite Earth. Nur einige Omega-Männer und Homer Simpson brettern in Schrottkarren durch eine posteukalyptische Welt. Hinter Windschutzscheiben fragile Menschen, intakt wie die Aschesäule einer bis auf den Filter abgebrannten Zigarette. Windstille. Das statische Laugenblau des Himmels suggeriert den ewigen Tag. Parasomnie. Permanenter Mittag. Die Stille schreit die Überflüssigkeit des Menschen in die Welt hinaus. Geprügelte Hunde nehmen es stillschweigend zur Kenntnis. Grashalme richten sich auf. Motoren, Generatoren und Windräder ruhen sich endlich aus. Selbst die Sirenen der Krankenwagen sind nur am äußersten Rand des Nichts zu hören, ein Echo, nur unwesentlich wirklicher als die Erinnerung an mich in Kletterhallen, am Tresen, in Autos mit Menschen auf dem Rücksitz. Noch ferner die Erinnerungen dieses erinnerten Menschen an dessen Kindheit. Nicht meine. Ein nicht autorisierter download, der mir das Gefühl gibt etwas mit dieser Person zu tun zu haben, deren Erinnerung mir eingraviert wurde. Und ja...Erinnerungen an Filme, die mich fesselten. Dystopien. Stand jetzt würde sich niemand die Mühe machen ein dystopisches Drehbuch zu verfassen. Es wäre von der Wirklichkeit überholt, bevor man es beenden kann. 

Die Sendung mit der Maus zieht eine gekrümmte Linie von der Kindheit des erinnerten Fremden zu meiner Gegenwart. Von Shaun das Schaf zu Schon von den Toten. Mittendrin statt dem Alert bei einem EMP in Folge eines nuklearen Angriffs das lächelnde Gesicht von Susanne Daubner. Die Bundesregierung: das Schlimmste kommt noch. Stimmt das nicht immer? Von der Leyen: "Die vielen Milliarden, die heute investiert werden müssen, um eine größere Katastrophe abzuwenden, werden Generationen binden." Schon klar wer zahlt, verschuldet über den Tod hinaus. Wer finanziert den Marshall-Plan wenn alle betroffen sind? Wenigstens viele Opfer. Einmalzahlungen. Abgeschrieben. Söder stellt Pflegekräften Einmalzahlungen und Gratisverpflegung in Aussicht. Klingt nach Henkersmahlzeit, wozu Tarifverträge auf die Zukunft schließen bevor man weiß wer überlebt? Perfektes Frühlingswetter. Fliedermäuse flattern. Kirchenglocken und Tatütata, Hoffnung und Alarm, Krankenwagen als Gefahr für Raser. Das schöne Wetter treibt Menschen vor die Tür, ins nach Sommeranfang und frischem Heu duftende Grün, auf Waldwege mit Hufeisenspuren. Ich fühle mich überall verfolgt außer in meiner Wohnung.    

Im Anfang ist die Abspaltung von Sender und Empfänger. Reflektiertes Ich und sich reflektierendes Ich. Die Entfaltung der vielen Welten, vorangetrieben vom quantenmechanischen Eierschneider des Universums, einem van Hagens INIT 1. Der Rollentausch. Das Leben, das von unserem jetzigen Dasein bestimmt wird, war eben noch eine Fiktion, COVID-die Serie, neue Folgen auf Netflix, verfasst an diesem Computer in einem Leben, in dem diese Epidemie ausbleibt. Dieses Leben wie es nun ist wird das Skript des Geschehens verfassen, wie es sich ohne Corona fortschreibt, getrieben von NostalGier, der reziproken Euphorie.

Spiel mit alterna(t)iven Vergangenheiten, in denen Freud sich nicht für Ödipus, sondern für Uranos und Kronos interessiert hätte.

Ich höre Stimmen. Der auf 0Kelvin reduzierte Straßenverkehr? Die Familientreffen auf den Balkons, geöffnete Fenster als Große Freiheit Nummer 7 der Ausgangssperre? Oder habe ich etwa Besuch? 

Habe ich nicht. Jedenfalls niemanden den ich kenne. Oder erkennen kann.

Strafanzeigen für Demonstrationen, obwohl die Demonstranten sich ans Abstandsgebot hielten. Was für ein zukunftsweisendes Vorgehen.

So wie der Umgang mit den Geflüchteten auf Moria. 1 Waschbecken für 1000 Menschen. Kein Wasser. Dafür Flugblätter mit der Anordnung sich regelmäßig die Hände zu waschen. Wenns so weiter geht Verdursten für die Hygiene. Man könnte die Flüchtenden in Hotels unterbringen, die Besitzer befürchten Schaden für die Tourismusbranche. Welche Tourismusbranche? Mahnende Stimmen aus der EU, man wolle keine Anreize für weitere Flüchtlinge setzen. China, Russland und andere Länder könnten der EU den Todesstoß geben, wenn sie öffentlichkeitswirksam die Flüchtenden aus Dantes Inferno zu sich nehmen. Ich hoffe für die Menschen in Moria (und viele andere) dass sie es tun. 

Portugals Premierminister Costa bezeichnet das Auftreten des niederländischen Finanzministers Hoekstra als ekelhaft und kleinlich - der hatte ganz in der Tradition seines Vorgängers Jeroen Dijsselbloem die EU-Kommission auf sie "solle erst mal untersuchen, warum manche Länder besser mit dem Corona-Virus klarkämen als andere." ("Bitte keine Fortsetzung der alten Krisenschlacht", Paulo Pena, Jef Poortmans, Harald Schumann, Tagesspiegel 03.04.2020). Selbst die niederländische Tageszeitung "De Volkskrant" kommentierte, das sei "als ob er dem Süden den Stinkefinger gezeigt hat." Niederländische Finanzminister sind im Süden Europas besonders beliebt, nicht nur, weil sie eine treibende Kraft hinter der Austeritätspolitik der EU im Zuge der Finanzkrise gewesen sind, in deren Folge die Gesundheitssysteme im Süden kaputtgespart wurden, sondern wegen Äußerungen wie: "man kann nicht sein ganzes Geld für Huren und Wein ausgeben und dann Hilfe von anderen fordern." (Das exakte Zitat wurde heute im ARD-Europamagazin wiedergegeben). Zusammenhalt auf Europäisch. Auf Kosten der Europäer und vieler anderen Menschen, denen es dreckiger geht. 

Es ist kein Problem in Windeseile Grundrechte einzuschränken und Gesetze zu modifizieren. Ein unüberwindbares Problem ist die falsche Signalwirkung, wenn man einige tausend Menschen von einer tödlichen Müllhalde zu befreit. Da könnte ja jeder kommen. Allerdings könnte dahinter auch eine ausgeklügelte Strategie stecken: Zielgruppe isolieren und abwarten, wie viele Tote es fordert Herdenimmunität herzustellen. Moria als Heinsberg unter verschärften Bedingungen und ohne vorheriges Helau.

Live-Ticker: - Das Heute-Journal weiß wer Schuld an Corona trägt: "Zuständig für Krankheit und Seuchen ist das Robert Koch Institut." - Israel: Geheimdienst Shin Bet greift mit Hilfe von Google auf Handy- und Internetdaten der gesamten Bevölkerung zu um Corona-Seuche einzudämmen. Es stellte sich heraus, dass der Geheimdienst diese Möglichkeit schon längst hatte. Wieder zeigt ein Tabubruch nur, was ohnehin schon an der Tagesordnung war. - Freiheit vs. Gesundheit? Es geht nicht um Gesundheit. It`s the economy, stupid - Putin: Löhne werden bis Ende des Monats weiter bezahlt. Von Unternehmen ohne Aufträge und Umsatz - Chefin des internationalen Währungsfonds Georgieva spricht "von der dunkelsten Stunde der Menschheit." Es werden Forderungen nach einem Weltkrisenrat unter Führung der UNO laut. Die ist bekannt für ihre starke Exekutive, vor der selbst der übelste Potentat und sogar ein Virus kuscht. Vom Guten im Ohnmächtigen: zum ersten Mal entsteht ein Bewusstsein für die Menschheit als globale Interessengemeinschaft mit einer Gemeinschaftsaufgabe. COVID ist dringlich, der Klimawandel nur wichtig. - Weißrussland: Präsident Lukaschenko empfiehlt Eishockey und Wodka. Kälte und Alkohol töten den Virus ab, meint der weltführende Seuchenexperte . - Nordkorea: Stand der Infizierten: 0. Stand der Tests: 0. - Türkei: findet das sympathisch. - Slowakei: die Roma sind schuld. - Japan: Europa setzt auf Amalgam. Pardon. Auf ein japanisches Mittel namens Avigan. - Großbritannien: Reiche wechseln von der Stadt auf ihre Landsitze, leerstehende Villen zurücklassend, die von der Polizei bewacht werden, damit ja niemand darin wohnt. - USA: Trump schlägt vor: Todgeweihte, nehmt noch nicht getestete Medikamente. Was habt ihr groß zu verlieren? Es ist Krieg: Trump ist der Feldherr, der über Leben und Tod entscheidet. Einst Saddam Hussein: 1 Million Tote im Krieg sind akzeptabel. Ganz gegen seine Gewohnheit zu Highscores geht Trump nur von 200.000 Toten aus  - Brasilien: prophylaktisch werden Massengräber ausgehoben. In den Favelas ist die Frage Freiheit oder Gesundheit in Ermangelung von beidem keine Frage, außerdem hat sowieso schon jeder Tuberkulose. It´s the economy, stupid. - Afrika: Ohne Hilfe droht eine Katastrophe, wenn ihr nicht helft fluten wir Europa - Luxemburg: Das mächtige Luxemburg nimmt 10 Kinder aus Moria auf, während der Rest Europas Bürokratenmikado spielt und wartet, bis Corona dort übergreift.

Unbequem: die Kritik am politischen System tritt zurück hinter die Frage nach der Qualität seines Krisen- und Gesundheitsmanagements. Dann hoffen wir mal, dass man Schweden den Krisennobelpreis verleiht.

Corona zieht immer weitere Kreise. Erstmals wurde ein Tiger mit Corona infiziert. Na! Welcher Filmfreak hat denn da den Abspann aus Hangover nachgestellt? 

 

18.

"Ich arbeite freitags im Homeoffice" - das war eben noch ein Satz von großer Schönheit. Jetzt jammern wir gern.(...)Jammern dürfen gerade in nicht vollständiger Aufzählung: Restaurantbesitzer ohne Gäste. Friseure ohne Kunden. (...) Krankenschwestern, Krankenpfleger, Ärzte im Dauerstress. Verkäuferinnen im Supermarkt, täglich virenumweht. Menschen in existenziellen Nöten. Für uns andere gilt: Einfach mal Klappe halte." (Heult leise, Jochen-Martin Gutsch, SPON, 03.04.2020)

...und selbst letztere sind nicht in existenziellen Nöten.

Die Welt titelt: "Corona-Maßnahmen zeitigen Wirkung."

Unübersehbar. Das Kussverbot an Deutschen Grenzen (BILD), das Konjunkturprogramm für Baumärkte und Gartencenter, die FED pumpt 1,5 Billionen Dollar in die Märkte (onvista, 13.03.20) und in unserem Supermarkt gibt es keine Einkaufskörbe mehr. Wer wie hypnotisierte geräuberte Regale anstarren will darf dies nur noch in Begleitung eines Einkaufswagens und einer zweiten Person (optional, aber ungern gesehen). Das führt zu herzzerreißend-grotesken Szenen. Familienväter auf der Suche nach den Rollen ihres Lebens müssen unverrichteter Notdürfte mit leeren Einkaufswagen in der Schlange warten, Wägen mit blockierten Rädern stellen sich quer und verstellen den Zugriff auf die letzten Hefekulturen dieser Welt. Geschaffen um die Einhaltung von Abständen zu garantieren schlägt die Regelung um in das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung, in ein (mutmaßlich) gefährliches Gedränge in den Engpässen zwischen den Regalen. Es gibt eben eine physikalische Welt außerhalb der Reihe, ein Nebeneinander statt ein Hintereinander. Mehr Einkaufswagen bedeutet weniger Platz, weniger Platz bedeutet Gedränge und da die Einkaufswagen mehr lang als breit sind ist die Unterschreitung des Abstands die Regel. Anordnungen zum Schutz, die Schaden anrichten: So kommt man von der Regel in die Traufe.   

Hoffentlich geht die Titanic nicht unter, die sich wacker des Corona-Themas annimmt und droht: wenn Sie die Titanic nicht abonnieren verbrennen wir diese Rolle Klopapier. Ich würde sie abonnieren, wenn ich dafür die Rolle bekäme.

Eine hohe Wertschätzung genießt bei mir die Humorkritik von Hans Mentz. Da es Samstag ist stehe ich nicht unter dem Termindruck, den das straffe Programm der Sendeanstalten einem Montag bis Freitag auferlegt, das einem zwischen Morgenmagazin, Tagesthemen, Heute-.Journal, Pressekonferenz des RKI, Bundespressekonferenz, Pressekonferenzen der Ministerpräsidenten, Audio-Botschaften der Kanzlerin, dem täglichen Wort zum Sonntag von Franz-Walter Steinlaus, den diversen Casting-Shows für den attraktivsten Virologen, den Trauerreden von Frau von der Leiden (tbc, was für to be continued steht) kaum Zeit lässt das Stille Örtchen aufzusuchen. Tatsächlich denke ich dem Vorbild dehydrierter E-Sportler folgend über die Beschaffung von Windeln nach...sogar ausschweifende Abschweifungen wie Kaffee kochen, Frühstück zubereiten, mich den Risikogruppen anzuschließen (ein, zwei Lungenbrötchen zum schwarzen Kaffee) und Zeitung lesen statt sie als Ersatz für Flugreisen nur zu überfliegen kann ich mir leisten, inklusive der Glossen, was mich zur Humorkritik bringt. An dieser Klolumne sagt mir besonders die kritische Auseinandersetzung mit gelungener Komik zu. Eine Glosse in der heutigen Ausgabe der WAZ, betitelt "Weitere Dinge des täglichen Bedarfs", gehört unbedingt dazu. Sie beschäftigt sich damit, dass in den USA Waffengeschäfte weiterhin geöffnet haben, weil diese Grundbedürfnisse befriedigen. Die Glosse endet mit der Frage: "Und doch fragen sich hiesige Hamsterkäufer: Wie um alles in der Welt behilft man sich denn nun mit diesen Dingern, wenn das Klopapier ausgegangen ist?" Das erheiterte mich, aber die Pointe hat einen Schönheitsfehler, da es auf diese Frage - entsetzlicher Weise - eine plausible Antwort gibt.

Zurückgeworfen auf mich selbst habe ich keine Ahnung wer das ist. Gehe ich in mich gerate ich außer mir und kann mich dennoch nicht erkennen. Die Schicht aus Bildern die es zu sehen gibt verstellt den Blick selbst wenn die Lider sich über den Augäpfeln schließen und man zudem eine Schlafbrille aufsetzt. Man müsste so gründlich erblinden, dass man nicht einmal träumen, sich erinnern oder Vorahnungen haben könnte, weder Vor- noch Nach- noch Rücksicht. Die Augen in den Höhlen um 180 zu drehen genügt nicht um sich auf den Grund des eigenen Blicks zu sehen, und ob der Tod genügt würde sich zeigen oder nicht. Erkenne Dich selbst. Gnothi seauton, der fundamentale Irrweg, der Ursprung der Bemühungen der Suche auf den Grund zu gehen bevor man zugrunde geht. So torkeln wir von Irrtum zu Irrtum, Fortschritte sind Spektrallinien zwischen den Erleuchtungen, die Schwellen zwischen einer fehlerhaften Annahme zur nächsten. Falsifizierung. Unvollständigkeit. Und weiter. Programmierung. Fatal Error. Und weiter. Nächster Schritt: KI. Dann KI in Kernal Panic. Ausbruch der Realität aus dem Maschinenraum der Irrtümer. Das Innerste zuäußerst gekehrt, die Erkenntnis, das zuvor die Welt auf links gedreht war. Natur ist nur noch ein Museum in den Mediatheken, jedenfalls bis wir verschwinden, anschließend Natur ohne Besucher. Ich rede mit Dir, denn du bist in meiner Nähe, wenn auch abwesend, nicht Bestandteil meiner Welt, sondern auf der Rückseite der Bilder, deren Rückseite nicht zu sehen ist, wenn man sie wendet. Es ist still. Der strahlend homogene Himmel straff gespannt über dem unmöglichen Nichts, dem unheilbaren Symmetriebruch, dem unvermeidlichen Beginn. Chance zur Besinnung. Das ich nicht wache.

Scheiß Wochenende. Vergebliches Warten auf die nächste Spahnplatte(tüde). Die Echos der Krankenwagensirenen, minütlich, aus allen Richtungen und Entfernungen, passen nicht zu den Fallzahlen.

In Werbespots und Filmen seltsam entrückt wirkende Bilder. Menschen versammeln sich an öffentlichen Orten, Familiendramen mit Flughafenszenen, aus der Zeit gefallene Szenen auf Konzerten und in Fußballstadien. Das Medium Film zeigt sich als das was es ohnehin ist: fern der Realität. Der Maschinenraum der Traumfabrik liegt blank, mitsamt dem beschwichtigenden Auftrag ihrer Arbeit. Die Epidemie ist ein schonungsloser, schmerzhaft detailgetreuer Weltspiegel, der in HD-Qualität eine Welt zeigt, die wir eben noch nicht sehen mussten, die jedoch vor Corona keine andere war. Ein Spiegel als Scherbengericht, dem die Deutschen in Baumärkte und Gartencenter entfliehen wollen, so als könne man dort durch Reparaturarbeiten und Düngemittel das eben noch glatte Weltbild wieder begradigen. Aber: da die Pandemie überall ist kann man dem Weltspiegel nicht ausweichen.

Positiver Nebeneffekt: keine Selfies mehr mit Essen in Hamburger-Restaurants und vor Sehenswürdigkeiten in exotischen Ländern.

Wie stellen die ersten Filme und Serien nach der koronaren Insuffizienz den sozialen Raum dar, die sozialen Interaktionen? Sex and the City in der Postcorona-Ära, gedreht in einem menschenleeren Manhattan. Spart jede Menge Komparsen. Und ist so stimmungsvoll wie ein Geisterspiel.

In den Nischen zwischen den Covideos: Naturdokus in HD. HD is more natural than nature. Draußen zu Hause ist out. 

An der menschenleeren U-Bahn-Haltestelle: auf den überlebensgroßen Displays, die sonst der Unterhaltung der trüb- und stumpfsinnig wartenden Passagiere dienten, Hinweise auf Einrichtungen, an die man sich bei Fällen häuslicher Gewalt und sexuellen Missbrauchs wenden kann. Botschaften, die hier niemanden erreichen, während sie da nicht gesendet werden wo sie jeder sehen würde. In den Werbepausen der Heimkinos die übliche Reklame, die sich die Ausgangssperre als Motiv ihrer positiven Produktdarstellungen zunutze macht. Die Sparkasse bettelt uns an, unser Geld auf ihren Banken zu belassen. So kann man sich auch ins Knie schießen.

Saarland schließt die Grenzen zum Elsass, zu Lasten französischer Pendler, Hasstiraden im Netz. Habe mich bisher immer über Prepper lustig gemacht.  

Die viel beschworene offene Gesellschaft hält sich geschlossen wie Karl Poppers Grab. Grenzen schließen - obwohl man betont, das Virus kenne keine Grenzen. Die EU folgt ihrem vorher bereits erkennbaren Kurs der Abschottung nach außen und dem inneren Trend zur Sezession. Damit sind der Brexit, die Spaltung in Nord und Süd gemeint, erst recht das reaktionäre Schmollen der Länder, die hinsichtlich ihrer Auslegung einer demokratischen Gesellschaft eher an Russland erinnern. Dabei wäre grade hinsichtlich der Ausbreitungswege des Virus, der Identifikation von Hotspots und der und der Disponierung, Beschaffung und Lieferung von Ressourcen grenzenlose europa-, vulgo weltweite Kooperation geboten. Stattdessen schotten sich nicht nur Staaten, in Deutschland sogar die Länder voneinander ab. Der Streit um die Art der Hilfe für Italien und Spanien, der unverhohlene Argwohn der Nettozahler, die Länder mit den meisten Opfern wollten sich vor allem über die Vergemeinschaftung von Schulden sanieren, statt der Bevölkerung zu helfen (womit sie Conte, der in einer ARD-Extra-Sendung wie ein verletzter Hund den blanken Bauch zeigte eine Schmierenkomödie unterstellten) verrät den selben Rückzug auf nationalen Eigennutz wie der schäbige wie in Mafiakrimis auf Flughäfen ausgetragene Bieterstreit um Schutzmasken, Atemgeräte und Medikamente. Unter dem sozioökonomischen Mikroskop betrachtet bleibt von der solidarischen Gemeinschaft jedenfalls hinsichtlich ihrer Institutionen, deren Interessenvertretern und den zu Wirtschaftsexperten mutierenden neuen Sternchen der Talk-Shows, die den baldigen "Exit" mit fadenscheinigen, moralischen Argumenten das Wort reden, nicht viel übrig. Der Staat gibt vor, die Kredite aus seiner Bazooka seien ein Geschenk der Regierung, die hervorragend gewirtschaftet hat und geflissentlich verschweigt, dass es die Beschenkten waren, die die Staatskasse gefüllt haben und überhaupt von Geschenken des Staats an seinen Souverän nicht die Rede sein kann (erneut eine 180-Grad-Verdrehung der Verhältnisse von Dienern des Souveräns, die noch kein Wort über ihren Solidarbeitrag verloren haben, weil sie Tag und Nacht für jeden Arbeitsplatz kämpfen und daher besser verdienen sollten, was sie durch Betonung ihrer Leistung andeuten), die Regierung verkündet den Unternehmen, dem Geldfluss aus dem Füllhorn der Kreditanstalt für Wiederaufbau stehe nichts mehr im Weg außer der Hausbank, die Hausbank wiederum - in der Finanzkrise von Steuerzahlern wegen ihrer Systemrelevanz gerettet - streicht stattdessen Kreditlinien und vergibt keinen neuen Kredite wegen 10% (10%!!) Haftungsrisiko, da man ja nicht wisse, wie sich das Unternehmen nach Corona entwickele. Im Endeffekt werden die Risiken der Banken wie üblich durch deren Vergesellschaftung auf 0 gesetzt. Machen wir uns nichts vor: um Systemrelevanz geht es auch bei der kaum noch als Nachfrage kaschierten Forderung nach der Lockerung der Maßnahmen. Kaum nimmt die Furcht vor der Rezession zu, kommt das kurz vorher noch als zynisch und verheerend abgetane Zauberwort `Herdenimmunität`wieder auf den Tisch. Während Johnson und Trump mittlerweile umschwenkten rudert Deutschland vorwärts in die Vergangenheit. Lockerung für systemrelevante Personengruppen, die Kinder, die die Zukunft sind, die Jungen, die die Wirtschaft wieder ans Laufen bringen und die Immunisierten, die man per Youtube in der richtigen Bedienung eines Beatmungsgerätes schult. Die Risikogruppen gilt es besser zu schützen. Abgesehen davon dass es sich angesichts der Todesfälle in Pflegeheimen und dem Exodus des dort tätigen Personals bei dem Begriffspaar "besser schützen" um einen Euphemismus für "Schlimmer sterben" handelt: wie sähe denn ein "besserer Schutz" für diese systemlästige Personengruppe aus? Schon jetzt ist sie sozial isoliert, abseits jedweder Qualitätskontrolle allen möglichen Risiken hilflos ausgesetzt. "Besser schützen" gingen in der Logik einer strikteren Isolation nur noch wenn man sich Edgar Allen Poes Geschichte "Ein Fass Amontillado" zum Vorbild nimmt. Derzeit fällt es China leicht, die Herrschaft über globale Bilder von internationaler Hilfe und internem Gemeinsinn zu beherrschen - heute gedachte China der Coronaopfer durch ein dreiminütiges landesweites Schweigen von 1 Milliarde Menschen, der größte flashmob aller Zeiten, Prominente tauschten ihre Profilbilder in den sozialen Netzwerken in Schwarz-Weiß-Porträts ein. Diese Lektion für den moralisch überlegenen Westen ging um die Welt, und wird - ganz gleich ob es sich lediglich um einen propagandistischen Coup handelt - ihre Wirkung nicht verfehlen. Ebenso wenig wie das Euro-Bondage der EU.

 

17.

"Wer jetzt Humor für unangebracht hält hat den Ernst der Lage verkannt."

Könnte ich zeichnen und wäre ich nicht so miserabel im Verfassen von Dialogen (deswegen: Coroner-Monologe) würde ich "Asterix hilft Rom". Ganz Rom wird von einer Epidemie infiziert. Ganz Rom? Nein. Ein kleines gallisches Dorf ist nicht infiziert. Miraculix hat einen Impfstoff parat. Asterix soll ihn mit Obelix nach Rom transportieren, was der böse Präfekt Coronavirus, der Rom ins Chaos stürzen und selbst die Macht ergreifen will, unbedingt verhindern möchte.

Die Frage, ob in Zeiten von Corona Satire angebracht ist verkennt den Ernst der Lage erst Recht. Satire darf alles, das soll auch so bleiben. Die Beschneidung der Rechte von Künstlern und Journalisten beginnt mit der Selbstzensur im Kopf.

Dazu gehören auch Hinweise über unfreiwilligen Humor - wie auf Armin Laschets Maskeninkompetenz und Walter Steinmeiers doppeldeutigen Satz: in der Corona-Krise lernt man sich gegenseitig richtig kennen....(und überlebt es hoffentlich).

In einem Artikel über "Fake News" in Zeiten von Corona äußert sich die Anti-Lügen-Einheit der EU zu den Zielen von Fakenews: "Misstrauen zu säen in staatliche Institutionen, Medien, Experten und das Gesundheitswesen. Die Solidarität, die in diesen Tagen so wichtig ist soll unterminiert werden." Das trifft zu, aber auch dieser Satz enthält eine Gleichsetzung von Solidarität mit unbedingtem Vertrauen in die Autoritäten. Damit schielt man auch auf diejenigen, deren Kritik an administrativen Maßnahmen, ihren Wirkungen und den Verfahren der Entscheidungsfindung auf Fakten basiert. Denn auch das unterminiert ja Vertrauen und Solidarität.

Nun auch von hier aus eine Verschwörungstheorie: die Berichte über Fakenews und Verschwörungstheorien sind selbst eine Verschwörung, die Kritiker der Regierungen zum Schweigen bringen soll (...nachts Fletchers Visionen geguckt...)

Der Moderator von "Phoenix - der Tag" wagt es, den stellvertretenden Vorsitzenden der FDP, Wolfgang Kubicki, für die Zurückhaltung der Opposition bei der kritischen Betrachtung des Krisenmanagements zu schelten. Da schau an: er stellt die Frage, warum zum Beispiel die FDP nicht anregt, die Versorgung mit Lebensmitteln über Hauslieferung zu sichern, statt zentral über Supermärkte. Eine Antwort auf diese Frage bekommt er zwar nicht, immerhin wirkt er damit dem Eindruck entgegen, die Öffentlich-Rechtlichen Sender hätten ihren Bildungsauftrag stillschweigend zugunsten eines gesellschaftlichen Erziehungsauftrages aufgegeben. 

Herr Wieler hält serologische Tests für sinnvoll, die Aufschluss über die Immunität der Getesteten erlaubt. Das Problem: die Tests müssten zunächst getestet werden. Lösungen gehen neue Probleme voran.

Wie wohl die Geräuschkulisse in Belgien ist? Da überprüfen Drohnen die Einhaltung der Abstandsregeln. Die Geräuschkulisse wird die Menschen in die Wohnungen treiben. Wer geht schon gerne unter einem Hornissenschwarm spazieren? 

in der Serie `Black Box`, eine Dr. House-Variante mit einer manisch-depressiven Neurologin als Protagonistin, leidet eine Patientin unter dem "Exploding Head-Syndrom". Die Symptome passt zu den Effekten der täglichen Überdosis an (widersprüchlichen) Informationen und Katastrophenmeldungen. Eine davon ist die steigende Zustimmungsrate für Präsident Trump in den USA. Da grassiert anscheinend noch eine andere Infektion als COVID-19, die nicht im Rachen anfängt, sondern eine Etage höher.

Bei der Bundespressekonferenz muss man nicht konzentriert zuhören - bemerkenswert ist lediglich die strategische Geduld von Herrn Jung, dem Enfant Terrible der BPK, dessen Fragen weiterhin ignoriert und nicht beantwortet werden. Natürlich dient sein Nachhaken der Selbstprofilierung, das ist aber okay. Vor allem aber provoziert Herr Jung die Reaktionen der Bundesregierung, die der Aufklärung einer interessierten Öffentlichkeit dienen. Die roten Wangen von Herrn Seibert, die ausweichenden Antworten, das Abwiegeln: das fixiert die wunden Punkte wie mit einem Laserpointer. Weil ich nicht konzentriert zuhören muss kann ich, berieselt vom Klangteppich der murmelnden Regierungsvertreter, einen Beitrag des Psychoanalytikers Hans Jürgen Wirth bei SPON lesen: "Bisher war Selbstoptimierung der Maßstab - und nun?" Darin beschreibt er die Selbstoptimierung des Individuums (die hervorragend mit dem Wachstumsmantra der Gesellschaft korrespondiert) als Selbstentmündigung. Sie widerspricht "Immanuel Kants Selbstzweckformel, die gebietet, dass ich andere und mich selbst nie ausschließlich als Mittel gebrauchen darf." Macht man sich zum "Objekt der Self-Tracking-Apps und unterwirft sich deren versteckten Wertungen", dann kaschiert die Illusion der Selbstkontrolle in Wirklichkeit deren Verlust - der allerdings unter Aspekten der Leistungsgesellschaft, des Wettbewerbs und der Geschäftsinteressen der Firmen, die Instrumente der Selbstoptimierung produzieren wünschenswert ist. Corona bringt aus Sicht von Herrn Würth diesen Kokon zum Platzen: zwar erinnert die hymnische Beschwörung der Macht des Virus an Karl-Heinz-Stockhausens Huldigung der kompositorischen Genialität des Anschlags von 9/11 (die Gründe für diese devote Haltung gegenüber zerstörerischer Macht wären ein Thema für einen Post-Covid-Blog), man kann Herrn Wirth jedoch darin zustimmen, dass die Krise den Selbstoptimierer auf sich selbst zurückwirft, eine Chance zur Besinnung bietet. So weit, so akzeptabel. Die Schlussfolgerung jedoch ist fatal. "Das Lernziel für den Selbstoptimierer ist: anzuerkennen, dass wir vieles passiv erleiden müssten, das uns widerfährt." Wie kommt er denn darauf? Genau umgekehrt müsste der Selbstoptimierer erkennen, dass seine vorherigen Aktivitäten Ausdruck der passiven Subordination unter fremdbestimmte Wertungen und technische Vorgaben seines Handelns waren, dass er lediglich Objekt, nicht Subjekt des Geschehens war. Welcome to the Machine. Stattdessen soll die grade gewonnene Besinnung auf sich selbst in passives Erdulden münden. Der Kokon platzt. Er bringt kein Alien hervor und auch keinen Schmetterling, sondern einen weiteren Kokon, den Kokon der virtuellen Sicherheit und Selbstkontrolle, der einer unkontrollierbaren realen Welt vorzuziehen ist - sehr zur Freude von Google, Amazon, Microsoft. Palantir etc. Kokon bringt Kokon hervor, ein infiniter Regress, eine russische Puppe ohne kleinstes Element, eine Gesellschaft die so organisiert ist wie die klaustrophobische Welt in dem (s)panischen Film "Der Schacht". Wovon erhoffen wir uns Erfolge in der Bekämpfung des Virus? Von einer Tracking-App. Was sonst. Big Data rules. 

Käme ein Erlöser zur Welt, wäre er (oder sie) ein Hacker.

"Da bin ich jetzt mal ehrlich.", sagt Herr Spahn bei einer Pressekonferenz. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Die Börsen "erlitten" seit Beginn der shutdowns Werteverluste in Höhe von 19 Billionen Dollar. Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute oder schlechte Nachricht ist. Wer da vernünftig geshortet hat dürfte jedenfalls ein paar Freudentänzchen aufs Parkett gelegt haben.  

In Ägypten werden Hunde von ihren Besitzern ausgesetzt, weil ihre Besitzer glauben, dass sie Corona übertragen. Das ist doppelt herzlos. Den Hunden gegenüber - und den Mitmenschen gegenüber, weil man (auch wenn nichts am Gerücht dran ist) die Infektion seiner Mitmenschen billigend in Kauf nimmt. Viele Angsthasen sind des Hundes Tod. 

Die ungeheure Beschleunigung, mit der sich radikale Wandlungen des sozialen Lebens und Änderungen der politischen Befugnisse vollziehen kombinieren sich mit dem exponentiellen Wachstum von Infektionsraten, dem "Body Count" und dem zunehmenden Bewusstsein für ökonomische Abhängigkeiten, die ebenso grenzübergreifend wirken wie die Infektion, erzeugt schleichend das Gefühl einer sich auftürmenden Welle, deren Höhe und Gewalt nur als Erfüllung einer Prophezeiung zu begreifen wäre. Wie am Ende des Films "Die letzte Flut" von Peter Weir.    

 

16.

Good morning, Supermarkt. Neben mir füllt ein Angestellter die Bücherregale auf. Toilettenpapier ist geplündert. Hmmm...Papier ist geduldig...mit Scheisshauspapier war zu Kriegszeiten Zeitungspapier gemeint. Erst lesen, dann wischen.

Also sprach der launige Herr Willich gestern in der Phönixrunde fröhlich und gelassen: Wenn die Krise vorbei ist wird die soziale Distanz und der Schutz der Risikogruppen beibehalten. Nach der Pandemie ist vor der Pandemie. Soziale Kontakte nur noch digital. Arbeiten auch. Begegnungen vermeiden. Google, Amazon und Konsorten sind nicht mehr nur systemrelevant, sie sind das System. Staaten als repressive Garanten der Einhaltung von Kontaktsperren. Was geschieht in den brachliegenden Flächen, den Verwahranstalten, den Gefängnissen, Kliniken, den Immanationen des Panopticons? Man mag sich kaum vorstellen was da alles unbemerkt verklappt und entsorgt werden kann (Giftmüll, Opas und Omas), wenn alle Ordnungskräfte nur noch damit beschäftigt sind die Einhaltung von Kontaktsperren zu sichern.

Unsagbares wird publiziert (Unsagbares beginnt mit der Haltung: Das wird man doch wohl noch sagen dürfen...). Auch in Bochum fühlen sich Juristen dazu berufen, Menschen Rechte zu ihrem eigenen Schutz abzusprechen. In einem Artikel, der zynischer Weise übertitelt ist mit "Das Ende der Einsamkeit", fordert er die Isolation der `Vulnerablen zu ihrem eigenen Schutz`. Erst redet er davon für diese Gruppe ändere sich ja nichts, denn sie müsse ja auch jetzt schon zu Hause bleiben. Sagt der Jurist, gegen besseres Wissen, denn sie müssen keineswegs. Später wird deutlich, dass Herr Cremer keineswegs nur die multimorbiden Bettlägrigen meint, nein: "Ich würde als Altersgrenze das Renteneintrittsalter vorschlagen." So ist das gemeint: vom Arbeitsplatz direkt in den Knast. Auf die Idee, der gefährdeten Gruppe, die selbst keine Gefährdung darstellt die Entscheidung zu überlassen, ob und wie weit sie sich gefährden kommt der Mann nicht. Eben noch im Berufsleben, dann per Renteneintritt entmündigt. Zum eigenen Schutz versteht sich (gilt natürlich nicht für systemrelevante Personen wie Ministerpräsidenten, den Papst oder Jürgen Drews). Mit dem selben Argument könnte man Rentner pauschal in Schutzhaft nehmen - schließlich haben sie bestimmt auch eine höhere Anfälligkeit für Influenza, Feinstaub, Verkehrsunfälle, Twitterphobie und haben in Fußballstadien, öffentlichen Verkehrsmitteln ja überhaupt im Freien nix zu suchen.

Polen, Ungarn und Tschechien bekommen wegen ihrer Weigerung Flüchtlinge aufzunehmen einen Denkzettel, als gebe Ihnen das zu denken. Ein Strafzettel auf Bewährung. Dennoch eine wichtige Positionsbestimmung.

Teile der SPD und die Linke fordern mit Blick auf die Corona-Krise die einmalige Vermögensabgabe von Reichen - mit Verweis auf einen Passus im Grundgesetz, der auf die Behebung von Kriegsfolgen zielt (Artikel 106, Abs. 1 Nr. 5 GG). Kritik daran: man befinde sich doch nicht in Kriegszeiten. Dann muss ich die bisherige Rhetorik wohl falsch verstanden haben.

Statistiker hegen Zweifel an der Relevanz der erhobenen Daten. Die Infektionsrate ist auf Grund der Unsicherheit über die Zahl der tatsächlich Infizierten ebenso wenig eine verlässliche Grundlage, wie die Todesrate, bei der nicht differenziert wird ob die Verstorbenen an oder "nur" mit Corona gestorben sind. Nicht so wichtig - denn längst haben die Maßnahmen eine Eigendynamik entwickelt, die unabhängig davon weiter propagiert, ob der Anlass sie in Gang zu setzen überhaupt gegeben war.  

Rechenspiele:

D: 1,4 Billiarden Euro als (Kredit-)Paket. 82,79 Mio Einwohner. Knapp 18.000,00 €/pro Person. Schulden.

Hochgerechnet auf Europa: 74,4 Mio. Einwohner x 18.000 ca. 13 Billionen

Welt: 7,3 Mill. x 18.000. ca 1,3 Billiarden €.

Das Gesamtvermögen der Welt in Dollar betrug Stand 2019 360,6 Billionen Dollar.

Dem standen 244 Billionen Dollar schulden entgegen. Bleiben 116 Billionen Dollar Vermögen.

Aufwendungen für Unternehmen sind darin nicht enthalten. Auch nicht für Folgekosten sozialer Verwerfungen.  

Große Tropfen auf einer Supernova.

"Wir leben alle in der Paranoia des Anderen. Versucht deswegen jeder den Anderen zu vermeiden?" (Mr. Robot). Ja. Das ist grade so. Wer zieht daraus Nutzen? Dreimal dürfen wir raten, danach sind wir pleite.

Die CO2-Bilanzen verbessern sich. Es wird mehr gestreamt, weniger gefahren. Weniger geflogen. Es wird weniger Menschen geben, die man am Leben halten muss. Massensterben = Klimaschutz.

Corona = fsociety

Der Deutsche Staat. Gut aufgestellt, wie Bubi Scholz mit stolzgeschwellter Brust prahlt. Keine Zustände wie in Italien, wo immer schon geschlampt und betrogen wurde. Jetzt versuchen die mit dramatischen Bildern aus Bergamo Eurobonds zu erzwingen und sich auf Kosten der seriösen Länder zu sanieren. So wie sie Fußball spielen. Operette. Theatralik. Warum sollen die, die alles richtig machen denen helfen, die alles vermasseln? Mit jedem Loblied für das deutsche Krisenmanagement rückt die notwendige globalen Kooperation in weitere Ferne. Massengräber unbekannt Verstorbener, von denen es kaum oder gar keine Bilder geben wird. War dies nicht zuvor schon so? Ein Origami-Stern klappt auf, bringt zum Vorschein was die ganze Zeit schon da war. Die Pandemie ist eine Offenbarung, niemand schwört einen Eid. 

Außer die "frugalen Vier". Österreich, Schweden, Niederlande, Dänemark. Das sind die größten Pro-Kopf-Nettozahler der EU und die größten Bezieher von Rabatten. Dazu Deutschland als größter Nettozahler. Diese 5 schwören darauf, dass die Vergemeinschaftung von Schulden Teufelszeug ist. Kohäsion? Nicht in Form von Eurobonds, das schadet dem Rating. Die EU-Komission - in Ermangelung von exekutiver Macht über die Mitgliedsstaaten - macht 100 Milliarden € für Kurzarbeitergeld locker und bringt einen Marshallplan für Europa ins Spiel: wie die Triage ein Instrument zum Umgang mit Kriegsfolgen. Der Marshallplan war ein Konjunkturprogramm der USA für Westeuropa, das am 3. April 1948 von Truman in Kraft gesetzt wurde (über die gemessen an den Summen die heute auf dem Spiel stehen lächerliche Höhe von 12,4 Milliarden Dollar). Diesmal käme die Hilfe nicht von außen, sondern von innen (also so, als hätte Deutschland sich nach 1945 wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem selbstverschuldeten Sumpf gezogen) - die Befürchtungen und Zielsetzungen sind jedoch vergleichbar: Verhinderung eines wirtschaftlichen Einbruchs mit Auswirkung auf Absatzmärkte in und außerhalb Europas, und Eindämmung des Einflusses von politischen Strömungen und von Ländern, deren Macht und politischen Einfluss man fürchtete. Damals der Kommunismus und die Sowjetunion, heute totalitäre Strömungen verschiedener Art, China, Russland. So sind auch Appelle von Franz-Walter Steinmeier an die Solidarität der Gesellschaft und an den Zusammenhalt in der EU zu verstehen, man fürchtet Erosionen der Gesellschaft und deren Durchlässigkeit für missliebige Einflüsse - wohl nicht zu Unrecht, und so soll aus wettbewerbsorientierten Individualisten eine Gesellschaft im Schulterschluss werden. Aber bitte bloß keine Eurobonds.

Es muss nicht nur Spaß machen ein Virus zu sein, es muss auch Spaß machen ein Hedgefond-Manager zu sein. Das ARD-Magazin Monitor sendete einen Bericht über Corona-Gewinner. Dabei ging es nicht um die üblichen Überführten (Amazon, Google, Microsoft), sondern um Hedgefonds, die aktiv die Angst vor Corona schüren und auf fallende Kurse wetten. Bill Ackman, bekannt dafür öffentlichkeitswirksam Unternehmen zu kritisieren und auf deren Kursstürze zu setzen macht vor wie es geht - ein Tweet an Donald Trump, eine drastische Warnung vor vielen toten Kindern, der dringende Appell zum Shutdown, der tatsächlich folgt, schon ist der Hedge-Fond um ein paar Milliarden Dollar reicher. Das Zauberwort: Leerverkäufe. Man leiht sich Wertpapiere für eine Gebühr und verkauft diese Papiere zum aktuellen Preis. Dann nehme ich Einfluss auf politische Entscheidungen, die - wie in der Corona-Krise massiv geschehen - zu Kursstürzen der Unternehmen führen, deren Wertpapiere man geliehen und verkauft hat. Dann kauft man diese Wertpapiere zum aktuellen, niedrigen Kurs zurück und gibt sie an den Entleiher zurück. Die Differenz zwischen dem Ertrag beim Verkauf und dem Preis, der beim Rückkauf entrichtet wurde ist der Gewinn. Die Frage, warum zum Beispiel Deutschland derartige Praktiken grade jetzt nicht verbietet bleibt unbeantwortet, so als ob der Staat sich selbst diese Möglichkeit nicht verbieten möchte. In einer Zeit, da politische Kritik als Mangel an Solidarität ausgelegt wird, die mittlerweile im Gegensatz zur ursprünglichen Bedeutung des Wortes gleichbedeutend mit klagloser Unterordnung ist, muss man schon dankbar sein für journalistische Beiträge, die sich noch trauen zu fragen, ob es verhältnismäßig und zielführend ist, wenn es verboten ist alleine auf der Parkbank zu sitzen (in Berlin), unter Strafe gestellt werden kann wer jemand anderen in dessen Wohnung besucht, und Polizisten in eigener Vollmacht Privatwohnungen dahingehend überprüfen dürfen - all das liegt nach den Verschärfungen des § 28 Infektionsschutzgesetz im Ermessen des Gesundheitsministers. Beinahe wäre ich dann vor dem Bildschirm niedergekniet, als bei Frau Illner die Vorsitzende  des Europäischen Ethikrats Christiane Woopen forderte, den sogenannte Risikogruppen müsse es freigestellt bleiben ob sie durch Teilhabe am sozialen Leben ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Auch über ihren Redebeitrag ging man rasch hinweg. 

 

15.

Wieso ich von Saisonarbeitern träumte, die Zinksulfat von Toilettenpapier trennen mussten ist mir nicht hundertprozentig klar.  Im Supermarkt befand ich mich noch immer in der Traumzeit. Stellte mir Fragen, die ich mir längst beantwortet hatte. Warum gibt es Süßwaren an der süßwarenfreien Kasse? Wie findet man den Mittelstrahl vom Morgenurin?

Laschet rechtfertigt das Notstandsgesetz damit, dass man am Tag X schnell handlungsfähig sein muss. Wann wäre der denn gekommen? Wer definiert die Kriterien? Im wahrsten Sinne des Wortes wären wir gut beraten Schnellschüsse zu vermeiden (ich schreibe jetzt nicht: an allen Fronten). Hendrik Streeck sagte gestern etwas, was eigentlich auf der mindestens 20 Sekunden gewaschenen Hand liegt: anstatt sich in neuen Maßnahmen zu überbieten ohne eine geänderte Erkenntnislage muss man erst einmal abwarten wie sich die getroffenen Maßnahmen auswirken. Entschleunigung, statt wirkungslos verpuffende Aktionen nur, um Handlungsfähigkeit zu beweisen. Oder - wie Herr Streeck sagte und wofür er sofort angegriffen wurde: man muss dem Virus Zeit lassen sich zu zeigen. Herr Kutschaty von der SPD setzte die richtigen Schwerpunkte: statt Enteignung und Beschlagnahmung von Materialien, die nicht da sind, alle Konzentration auf die Beschaffung der Schutzkleidung für das Personal in Pflegeheimen und Krankenhäusern richten.

Was kommt nach dem Notstandsgesetz? Das Kriegsrecht? Marschiert die NRW-Armee in holländischen Supermärkten ein und konfisziert Toilettenpapier? Ein CDU-Politiker erläutert das so: die Feuerwehr hat im Katastrophenfall und Notsituation Befugnisse in Grundrechte einzugreifen ohne jede Zustimmung eines Parlamentes. Und in der zugespitzten Krise sei die Regierung die Feuerwehr. Dass die Feuerwehr diese Befugnisse hat liegt an ihrer besonderen Kompetenz und Ausbildung extra für diesen Fall. Erstens ist eine Regierung nicht Experte im Brandlöschen, zweitens kann sie das kaum besser als das Parlament. Parlamentarische Kontrolle ist grade in Krisenzeiten erforderlich um allzu übereifrige Regierungen zu bremsen.

Die Börse reagiert auf eine schon am 03.03.2020 vom RKI im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichte Warnung: Engpässe bei Antibiotika. Wie war das mit China und seiner Macht Europa (und andere Länder) durch Einstellung der Lieferung von Medikamenten in Friedhöfe zu verwandeln? Engpässe bei Antibiotika würden die Welt medizinisch ins 19. Jahrhundert zurückwerfen, noch bevor die Ausbreitung multiresistenter Keime das erledigt.  

Wenn sich die Lage entspannt steige ich ins Sportgeschäft ein und produziere Trumpoline. 

Ist es eigentlich unsolidarisch wenn ich Sport treibe, meine Fitness steigere um bessere Chancen bei der Triage zu haben? Wäre es nicht selbstlos, zu saufen und zu rauchen, damit ein Mitmensch bessere Chancen hat? Ich zünde mir auf meinem Heimtrainer radelnd eine an und denke darüber nach.

Zu den wenigen Ländern ohne Corona-Tote gehört Nordkorea. In diesen Zeiten ein Vorbild für Abschottung.

HappyPo bietet mobile Bidets an. 29,90 €. Ein echter Zukunftsmarkt.

Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung Andreas Westerfellhaus wendet sich gegen ein generelles Besuchsverbot in Pflegeheimen: "Wir können Pflegebedürftige nicht einfach wegsperren" (Frankfurter Allgemeine, 1. April 2020) und ergänzt: auch Menschen in Pflege haben trotz Pandemie Grundrechte. Kein Aprilscherz. Wenn zurecht Kritik an Notstandsverordnungen in NRW laut wird, dann muss man darauf hinweisen dass schon zuvor die Aufhebung des Rechtes auf Selbstbestimmung mehr als nur bedenklich war und das Besuchsverbot für die Pflegebedürftigen einem Anschlag auf ihre physische Unversehrtheit gleichkommt. Mindestens den nachgewiesen nicht infizierten oder von COVID-19 genesenen Angehörigen muss das Besuchsrecht gewährt bleiben. Generell muss lediglich das selbe Abstandsgebot gelten, dass derzeit ohnehin angeordnet ist.

Taiwan schickt 10 Millionen Atemschutzmasken u.a. an die Schwellenländer Deutschland und Italien, 2 Millionen ASMs werden in die USA versendet.  Dringend nötige Entwicklungshilfe. 

Mit dem Infektionsschutzgesetz wird auf der Bundespressekonferenz gerechtfertigt, dass in Mecklenburg-Vorpommern Daten von Corona-Infizierten an die Polizei weitergeleitet werden. Wozu noch Notstandsgesetze verabschiedet werden müssen, wenn man sich jederzeit auf das Infektionsschutzgesetz berufen kann bleibt offen. Dann das Thema Appidemie: die App soll freiwillig sein, wenn die App meldet sie hatten Kontakt zu einem Infizierten ist Quarantäne Pflicht. Da scheint ein gewünschter Nebeneffekt die Entlastung der Behörden zu sein, was ok ist - dann aber auch so gesagt werden sollte. In der Bundespressekonferenz sind immer dieselben vier Journalisten anwesend, darunter Tullius Destructivus Tilo Jung, bei dessen hartnäckigen Nachfragen sich die Gesichter der Regierungsvertretung vor Missgunst grün färben. Häufigste Antwort: Das kann ich jetzt so nicht beantworten. Eine Bemerkung lässt aufhorchen. Es gebe einen Bericht, der von einer Senkung der Wirtschaftsleistung um 35% ausgeht. Wie man das beurteile. Daraufhin verwies der Pressesprecher des Innenministeriums (Björn Grünewälder) auf ein internes Arbeitspapier zum Thema Innere Sicherheit, das noch Verschlusssache sei. Da dies Antwort genug war erübrigte sich jede Nachfrage - den Regierungsvertreter wird man voraussichtlich nicht mehr auf dem Podium sehen.

Was auch immer man von der öffentlichen Berichterstattung hält: in der Ballung, in der nun Einzelschicksale präsentiert werden, entsteht ein wachsendes Kaleidoskop der konkreten Auswirkungen von Niedriglöhnen und Armut. Soziale Isolation von Familien in Zweizimmerwohnungen ohne Balkon, LKW-Fahrer, die 20 Stunden ihre Fahrerkabine nicht verlassen können, Obdachlose, deren Versorgung durch die Tafeln unterbleibt im Kontrast zur notorischen Fröhlichkeit der Morgenmagazin-Moderatoren und zu den heiteren Familienspielchen von Hausbesitzern mit Garten. Offen war diese Kluft zuvor auch schon, aber was sie konkret bedeutet verbarg sich in der neutralen Zone von Berichten, Statistiken und Diagrammen. Änderungsdruck wird entstehen, was noch nicht heißt, dass er etwas bewirkt.

Ca. 10000 deutsche Urlauber noch in Neuseeland. Verdammt! Warum stellt sich da kein Mitgefühl, sondern eher Schadenfreude ein? 

Nach der Börse, vor der Tagesschau diesmal Werbung für Restaxil - bei Nervenschmerzen. Nach der Tagesschau ein ARD-Spezial über die Sitaution in denn Pflegeheimen, anschließend in eklektizistischer Pietätslosigkeit `Meister des Todes, Teil 2. Der Interviewpartner des Moderators plaudert aus dem Nähkästchen. Angehörige dürfen die Insassen nicht besuchen, Qualitätskontrollen finden nicht statt. Die Pflegeheime sind black boxes. Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg. Einrichtungen sind erleichtert, dass niemand so genau hinsieht. Wie muss sich das anfühlen für jemanden, der noch seine sieben Sinne zusammen hat? Dem Tod nahe soll man durch soziale Isolation und Ausgeliefertsein vorm Tod geschützt werden. Keine Eingangskontrolle nach 20 Uhr. Jeder x-Beliebige betritt das Pflegeheim, in dem der soziale Abstand nicht einzuhalten ist, so wie keine Zugangskontrolle vorhanden ist. Jemand, der seine sieben Sinne zusammen hat weiß, dass sich seine Aussichten durch die Maßnahme, die ihn schützen sollen verschlechtert. Ist jemand in den Pflegeheimen vor dem Besuchsverbot an Corona gestorben? 

Mir fällt auf, dass von Katastrophe die Rede ist, aber nicht von Naturkatastrophe, so als ahne man den hohen Anteil an Selbstverschuldung.

Heute eine Konferenz der Ministerpräsidenten und der Kanzlerin. Einigkeit auf die Anordnung von Mundschutzmasken zu verzichten, keiner kann genau erklären wieso und Streeck ist nicht da. Wenig zu schreiben. Corona wird ein dringliches, akutes Thema, aber auch ein Langweiliges. Es verkleinert die Welt. Die gleichen Gesichter, die gleichen Argumente, die gleichen Durchhalteparolen. Die globale Pandemie lässt die Welt schrumpfen. Das Hauptproblem von Soldaten besteht im Mangel an Abwechslung, das Warten, in manchen Krankenhäuser gilt Kurzarbeit, da elektive Operationen abgesagt sind. Die Begriffe, die fallen sind dieselben wie vor Corona, man schwört sie berauf, weil man ihren Bedeutungsverlust fürchtet. Die Wirtschaft. Das Wachstum. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, aber ein Besseres. Wohlstand. Die Wettbewerbsfähigkeit. Die Rolle der EIB und der EZB. Eurobonds. Wenn man das schon hört. Was ist, wenn dann jeder kommt? Spanien. Griechenland. Die neuen Mitgliedsstaaten aus dem Osten. Die alten Fragen. Ab wie viel Millionen Toten werden neue Fragen gestellt. Eine Milliarde? Schwer unter den Teppich zu kehren, zu viele Dellen. Selbst wenn Menschen durch virtuelle Versionen ihrerselbst ersetzt werden: vor Viren sind sie auch dann nicht sicher. Der Teppich wird fadenscheinig. Was sickert durch zwischen den Fäden, quillt durch die Brandlöcher im Exil, durch die Lücken, die die Wut in das flüssige Gewebe der globalen Daten-, Waren- und Kapitalströme reißt? 

Zeit nach Mitternacht. David Foster Wallace: Die Frage ist nicht - bist Du paranoid? Die Frage ist: Bist Du paranoid genug? Ich schlafe schon. Träume, dass ich am Computer sitze und schreibe. Stefan Willich und seine guten Nachrichten fielen mir bei Maischberger auf. Ein Epidemiologe, der den Virus für vergleichsweise harmlos hält, wenn man denn besondere Schutzmaßnahmen für die Hochrisikogruppen ergreift. An Corona sind weltweit - im Gegensatz zur Grippe - mit wenigen (öffentlichkeitswirksamen) Ausnahmefällen keine Kinder und Jugendlichen gestorben.  Auch das eine gute Nachricht - außer man gehört zur Hochrisikogruppe. Er stellt auch keinen Unterschied fest zwischen der Entwicklung der Infektionsraten in Ländern, die auf freiwilliges Einhalten von Empfehlungen setzt und Ländern, die auf angeordnete Beschränkungen setzen. Rudolf Augstein erregt sich: wenn das so ist, warum müssen wir dann alle zu Hause bleiben? Ja, warum eigentlich? Nicht auszuschließen, dass die 40% der italienischen Bevölkerung, die gegen die Ausgangssperre verstoßen haben Empfehlungen weitgehend gefolgt wären. Der Verdacht, der putzige Corona-Virus werde benutzt, um autoritäre Strukturen und Folgsamkeit zu testen ist drastisch, Uhrzeit und Zustand geschuldet. Als Herr Willich davon redet, dass bei einem längeren globalen Shutdown mit Ausgangssperren aufgrund eines vergleichsweise harmlosen Virus über Jahre hinweg die Ärmsten und Schwächsten der Gesellschaften die übelsten Folgen erleiden, denke ich: wie immer. 

Schlimmer. Peter Licht nannte den Kapitalismus alter Schlawiner. Er überdauert die an ihm profitierenden Akteure. Am Elend, das er produziert trägt kein Einzelner Schuld...jeder Kollaborateur kann sich wie die Mitglieder eines Erschießungskommandos einreden, sein Gewehr sei mit Platzpatronen geladen gewesen. Niemand ist persönlich verantwortlich, die Wirkungen des Kapitalismus gehen von Strukturen aus, die unabhängig von persönlichen Antrieben und Zielen seiner Apologeten oder gar den Schicksalen seiner Opfer erfolgen, Zeitenwenden, Zäsuren und Krisen überdauert er durch Anpassung überdauernd. Der Schlawiner verabscheut die Schwachen, die nicht nur nichts einbringen, sondern auch Kosten treiben. Das liegt in seiner virologischen Natur. Für den Virus sind starke (Volks)wirte ideal, in denen er gedeihen und von denen aus er sich möglichst lange weiterverbreiten kann. Der kapitalistische und der grippale Virus bevorzugen leistungsfähige, robuste Wirte - wer diese Bedingungen nicht erfüllt ist für Viren eine Sackgasse und für den Kapitalismus überflüssig. Geht beim Shutdown die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander, schlägt das Prekariat sich gegenseitig die Schädel ein und frisst wie Kronos seine Kinder, verschwinden Tagelöhner und ihre Familien von der Bildfläche, sterben die namenlosen armen Schlucker und Nichtbringse in den Favelas dann wird dies Effekt einer perfekten Kollaboration sein, deren Resultat eine globale Euthanasie ist. Die Gunst der Stunde wird genutzt werden, die Opfer und Toten werden bedauert, man versucht die Todesrate abzuflachen, weil man mit dem Bau von Krematorien und Kühlhäusern nicht nachkommt und vermeiden möchte, dass Seuchen auf die Villen und Bürohochhäuser übergreifen, das ganze Desaster schiebt man auf den Virus, nachdem man durch die Art des Wirtschaftens, die globalen Lieferketten, die Sparkurse in den Gesundheitssystemen, den Klimawandel, die Zerstörung der Artenvielfalt, alle Bedingungen für Pandemien selbst geschaffen hat. In Tolstois  Anthropologie sind "menschliche Wesen ein passives Medium, das von affektbeladenen kulturellen Elemente infiziert ist, die wie ansteckende Bazillen sich von einem Individuum zum anderen ausbreiten." (Der Mensch wird nicht mehr derselbe gewesen sein, Slavoj Zizek, NZZ, 13.03.2020). Das liest sich wie die Vision einer von Viren, Epidemien und sozialen Medien geprägten Welt, deren Infektion sich mittels der Versendung und dem Empfang von Signifikantenketten ereignet und deren Verbreitung durch Algorithmen optimiert wird. Je effizienter die multimediale Infektion über Sender- und Empfangsgeräte, desto größer der Energieverbrauch und -bedarf, desto rascher der Klimawandel, desto wahrscheinlicher die Zoonosen, desto radikaler die Loslösung von der Natur bei ihrer gleichzeitigen Zerstörung:  wir sind eine Virenkultur die ihren Wirt zerstört. Viren sind nun mal nicht klug.

 

14.

BILD sagt was jetzt sofort passieren muss. Wozu eigentlich Wissenschaftler, Epidemiologen, Virologen und Politiker wenn es BILD gibt? Skandalös, dass BIBEL, äh, BILD sich merkellike in 10 Geboten so spät zu Wort meldet. Die zwei markantesten Punkte: 1. Die Kanzlerin muss jeden Tag zum Volk sprechen. Bei allem Respekt: ich leide nicht unter Schlafstörungen und aus dem Alter für Betthupferl und Gutenacht-Geschichten bin ich raus. Atemschutzmaske beiseite - dass die Kanzlerin sich nicht jeden Tag zu Wort meldet und sich nicht am hektischen Kaleidoskop wechselnder Expertenmeinungen (z.B. zum Effekt von Atemschutzmasken) und kontrastierender politischer Konzepte (härtere Maßnahmen hier, Lockerungsübungen da) beteiligt wirkt überlegt und angemessen unaufgeregt. Es gibt einfach nicht jeden Tag etwas essenziell Neues zu vermelden und der Verweis der BILD auf die Reden Churchills bedient die mittlerweile übliche und verfehlte Kriegsrhetorik. 10.Last but not least: Notfall-Plan für die Bundesliga. Rettet den Sportteil der BILD!

NRW: Pflegeheime fürchten Flächenbrand. Schutzmaterial fehlt (WAZ, 31.03.2020). "Das NRW-Gesundheitsministerium kann die Kritik der Pflegevertreter nicht nachvollziehen. Auf Anfrage verweist man dort etwa auf die Bestellung von Schutzmaterialien, die auch bei den Heimen ankommen sollen." Ergo: Schutzmaterial fehlt und die Verteidigung gegen die Kritik gibt ihr Recht. 

Die Regierung NRW plant ein Notstandsgesetz, in dem "durch Anordnungen die Grundrechte der körperlichen Unversehrtheit (...) eingeschränkt werden." Die NRW-Regierung beansprucht lediglich die selben Rechte für sich wie der Virus.

Der Formel 1 gehen die Todesfälle aus. Daher die Empfehlung von Red-Bull-Motorsportberater Marko, die jungen Fahrer sollten sich absichtlich infizieren. Man könnte auch Russisch-Roulette-Events auf Eurosport übertragen oder beim Biathlon die Strafrunden-Regelung aufheben und durch folgende Regelung ersetzen: 1 Fehlschuss - man wird an die Wand gestellt und ein Schütze mit 4 Platzpatronen und einer 1 scharfen Patrone legt an. 2 Fehlschüsse, 3 Platzpatronen und 2 scharfe Patronen und so weiter...Im Ernst, Formel 1 Rennen kann man sich ohnehin sparen, aber wenn es denn weiter geht gehört der Berater infiziert, isoliert und gefeuert.

Borussia Mönchengladbach plant voraus: Bei Geisterspielen sollen Fans als Pappkameraden dabei sein. Selfie machen, einsenden, schon steht das Pappmache-Ich auf der Bühne. Wie in Kafkas-Verwandlung: der Fan wird zu dem was er vorher schon war.  

Herr Wieler vom RKI soll sich gegenüber dem ZDF dafür rechtfertigen, dass trotz zunehmendem öffentlichen Interesse an Corona das RKI nur noch jeden zweiten Tag eine Pressekonferenz durchführt. Er hält es ähnlich wie die Kanzlerin: nur weil das öffentliche Interesse steigt steigt nicht auch die Menge neuer, bahnbrechender Entwicklungen. Eher ist das Gegenteil der Fall. So ist das eben, wenn Geduld erforderlich ist.

Brisant war die Frage, ob die Kontaktsperre sich auch auf die Infektionsrate bei anderen Krankheiten wie Tuberkulose und Influenza auswirkt. Das RKI hält sich da bedeckt, obwohl derartige Zahlen über die Entwicklung von Infektionsraten mit Sicherheit vorliegen. Noch will man keine Argumente für eine Verstetigung der Maßnahmen zum "social distancing" aus Gründen der Prophylaxe und des Infektionsschutzes liefern.

Der ideale Schwiegersohn Prof. Hendrik Streeck (Universitätsklinik Bonn) beantwortet zunächst eine Frage, die ich nicht ihm sondern mir selbst stellte. Die Studie zum Ausbreitungsverhalten des Corona-Virus im Kreis Heinsberg ist deswegen ohne Vorbild, weil man genau datieren kann wann und wo der erste Ansteckungsfall erfolgte. Das macht die dort erfassten Daten und Auswertungen so wertvoll. Herr Streeck verbindet diesen Hinweis mit einer im Tonfall und mit dem Gesichtsausdrucks eines Unschuldsengels vorgetragenen, kritischen Nachfrage: warum das Robert-Koch-Institut nicht schon längst die Laborsituation in Heinsberg erkannt  und die Durchführung einer solchen Studie veranlasst hat. Man darf gespannt sein ob es darauf eine Antwort gibt und wie diese ausfällt.

Virologen (und andere), die sich über das Nennen reiner Fakten hinaus zu Äußerungen hinreißen lassen, die den Charakter politischer Empfehlungen haben werden nicht müde zu betonen, das sei nicht ihre Entscheidungsebene - haben jedoch mit ihrer Äußerung längst öffentlichkeitswirksam und dadurch in stärkerem Maße Einfluss auf die Entscheidungsfindung genommen. Ob dies aus Verantwortungsbewußtsein oder aus einem eitlen Reflex auf persönlichen Bedeutungszuwachs heraus geschieht kann offen bleiben, Heer Streeck jedenfalls bringt ins Spiel "die Abwägung der Rettung von Leben gegen die Gefährdung von Existenzen" stelle ein einmaliges, bisher noch nicht dagewesenes Dilemma für die Politik dar. Alleine, dass er dieses Dilemma erwähnt eröffnet einen Entscheidungsspielraum der den Inhalt des Artikel 2, Absatz 2 des Grundgesetzes aufweicht: "Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit." Nun ja, so ein neues Dilemma ist das eigentlich nicht - kaum jemandem in der Politik bereiten die zahlreichen Toten im Straßenverkehr schlaflose Nächte und das Recht auf körperliche Unversehrtheit wird durch den Kostendruck im Gesundheitswesen konterkariert, dem man jetzt die Abwesenheit von Ressourcen verdankt. Also: keine Spur von einem Dilemma. Man geht mit dem Grundrecht um  indem man es umgeht.

Wohin das führt illustriert derzeit am grellsten Großbritannien, wo schon jetzt jeder vierte im Gesundheitswesen Beschäftigte krank oder gar isoliert ist.

In Heinsberg wird dann auch untersucht, wieso es ausgerechnet bei Karnevalsveranstaltungen zu Infektionen kommt. Ich vermute mal - den Ergebnissen der empirischen Forschung vorgreifend - weil man sich da näher kommt.

Markus Söder bringt auf den Punkt was es bedeutet Exportweltmeister zu sein. Die Maschinen für die Herstellung von Atemschutzmasken kommen aus Deutschland, aber hergestellt werden die Maulkörbe in China. Da konnte er ein Lächeln nicht verkneifen und sah aus wie ein Musterschüler, der sich getraut hat seinem Lehrer einen Streich zu spielen.

Die finanziellen Hilfen sollen den Unternehmen zugute kommen, die Stand Ende 2019 finanziell solide da standen. Das kommt einem bekannt vor. Geholfen wird nicht den Unternehmen, die schon vor Corona um ihre Existenz kämpften, sondern denen, die mit Schwarzen Zahlen von Corona überrumpelt wurden. Die besseren Überlebenschancen sollen der Maßstab sein, eine Marktbereinigung (um nicht zu sagen das Aussortieren der faulen Äpfel) ist die Folge. Das hakt und knirscht: weil damit Branchen und Unternehmen gestützt werden (z.B. aus Gastronomie und Event-Marketing), deren Renaissance völlig unklar ist. Wie Gastronomie, Tourismus, Hotelbranche und viele andere Wirtschaftssektoren aussehen werden, wenn das Gebot Abstand zu halten und Menschenmengen zu meiden das öffentliche Leben dominiert ist ungewiss. 

Hubertus Heil geht davon aus, dass auch in Zukunft Karussell gefahren werden soll. Daher wiederholt sein Verweis darauf, dass man grade bei Kleinunternehmen und Selbständigen bei der Vermögensprüfung Fünfe grade lassen soll. Der Schausteller muss also jetzt nicht sein Karussell (an wen auch?) verkaufen. Ich lerne, dass man Deutschland um seinen funktionierenden Tripartismus beneidet. Ich bin mir nicht sicher ob die, die uns darum beneiden, jemals von diesem Wort gehört haben. Mir war es neu, aber ich beneide Deutschland ja auch nicht darum.

Was regen wir uns über die Jäger des verlorenen Klopapiers auf. Dabei haben die Deutschen einfach nur dem Stand der Forschung vorgegriffen und defäkiert was das Zeug hält. In den Niederlanden ist das Virus Sars-CoV-2 erstmals im Abwasser einer Gemeinde festgestellt worden - und das bevor dort Corona-Infektionen bekannt wurden ("Forscher finden Coronavirus im Abwasser - und wittern(!!) eine Chance", Die Welt, 31.03.2020). Damit eigne sich Abwasser ideal als Frühwarnsystem. Der deutsche Klorollenspieler hat das geahnt und drauf geschissen - damit war er seiner Zeit offenbar voraus, was leider erst jetzt bemerkt wurde. 

In Bayern: Markus Söder featuring Olaf Scholz, in NRW: Armin Laschet featuring Jens Spahn. Alle vier könnten prima Werbung für Trockenshampoo machen. Reizwort für Jens Spahn: Ischgl. Zu Recht.

Scrolle ich zurück fällt mir auf, dass spontane satirische Reflexe auf die Reizüberflutung überhand nehmen. Pfeifen im Walde, den man vorlauter Aufbäumen nicht sieht. Der Virus verfügt über Tenazität, ich bin Paria. Meine beste Freundin möchte nicht, dass ich sie besuche. Diese Scheu wird die Pandemie überleben - erst Recht, wenn das Modell der abgeflachten Kurve durch die Sinuskurve der On- and- Offmethode ersetzt wird. Längst haben die Maßnahmen eine Eigendynamik entwickelt, die nicht einfach wieder umgekehrt werden kann, so als lasse man eine Filmrolle rückwärts laufen. Auf die Gefahr zunehmender Computerspielsucht bei Jugendlichen wurde hingewiesen, doch wenn das social distancing der Normalfall wird, ist diese Sucht vorweggenommene Akzeptanz der Lebensbedingungen in der posttaktilen Welt. Meine Konjunktivitis liegt wahrscheinlich daran, dass ich jeden Tag die überwiegende Zeit auf Bildschirme starre.

Ich ertappe mich bei einem beängstigenden Gedanken: Was, wenn der Suizid von Thomas Schäfer, des hessischen Finanzministers, Resultat einer realistischen Folgenabschätzung war?

Wenn ich die Fenster öffnet klingt es immer wie Sonntag. Wenig Verkehr, kaum Stimmen von den Straßen, gedämpfte Gespräche aus Wohnungen mit Balkons und offenen Fenstern. Zu Beginn der Ausgangsbeschränkungen empfand ich die Senkung des Lärmpegels als wohltuend, mittlerweile dominiert der Eindruck der erzwungenen Ruhe, das wirkt beklemmend. Ab und zu sehe ich mir nun den Online-Auftritt des publizistischen Seismographen für das ungesunde Volksempfinden an. Da wird die Frage gestellt warum das soziale Kontaktverdikt offenbar nicht für Junkies gilt, dazu ein Foto, dessen Datierung unklar bleibt. Ja, die Junkies und Obdachlosen, in der öffentlichen Wahrnehmung von jeher Seuchenherde. Will denn die um soziale Distanz bemühte Solidargemeinschaft wirklich, dass die sich zerstreuen und sich mit der Gemeinschaft mischen? Es geht keine Gefahr von ihren Gruppierungen aus, sie sind ja schon ausgestoßen und die traurige Wahrheit ist, dass ihnen niemand nahe kommt. Die Corona-Ansteckungsgefahr unter ihnen wäre geringer als im Supermarkt. 

Ein Bericht über Therapien mit Phagen in Tiflis. Lange im Westen ignoriert interessiert man sich für diese Bakterien befallenden Viren seitdem multiresistente Keime die Wirkung von Antibiotika außer Kraft setzen. Zumindest ist es nicht ausgeschlossen, dass Viren das beste Mittel gegen Viren werden. Mehr Kooperation zwischen Ost und West phagen.

Börse nach acht. Danach Werbung für das Erkältungsmittel imupret. Dann Mittel gegen Reizdarm. Wie gehabt. 

Kapitalismus im digitalen Zeitalter. Im industriellen Zeitalter ging es um Härte und Konsequenz. Terminator 1. Dann die Tendenz zur Verflüssigung, zum Allomorphen, zur Formwandlung. Terminator 2. Odo. Zur Kühlung bis in die Nähe das maximalen Nullpunktes. Supraleiter, Einstein-Bose-Kondensat, Massen, die organisiert sind wie ein einziges Atom. Daten- und Energiefluß ohne Reibungsverlust. Beschleunigung, Licht als Trägermedium, uneinholbar. Kapitalismus ist keine Struktur, sondern ein Formwandler, der mit Lichtgeschwindigkeit Daten transferiert. Das ist die Grenze, bis man verstanden hat, wie man Quantenverschränkung nutzt. Corona wirkt als exponentieller Beschleuniger, entweder für den digitalen Kapitalismus oder eine globale Revolte. Vielleicht ist die Umma der lachende Dritte. Vielleicht lacht sich China ins Fäustchen. Drei Folgen Mr. Robot hintereinander und ich habe den Verdacht, das Corona ein ausgebüchster Computervirus ist, den Fernsehköche in die Welt setzte.

Katastrophe Bundesliga Shut-Down. Wie lange funktioniert Brot und Spiele ohne Spiele?

Man kommt noch mit dem Zug nach Schweden. Jetzt einen Kaffee draußen trinken, meinetwegen sogar bei Starbucks.

ARD-Extra zeigt Bilder aus dem Inneren der Intensivstationen. Das Blut wird außerhalb des Körpers mit Sauerstoff versorgt. Geräte atmen für Körper. Ein neues Wort: Ecmo-Behandlung. Eine Horrorshow, die das Publikum auf weitere Eindämmungsmaßnahmen einstimmt. 

Single und Nerd. Sollte nähen lernen.

ARD-Extra lässt Ministerpräsident Conte 10 Minuten ein Plädoyer für die Unterstützung Italiens und für Corona-Bonds halten. Danach singt ein Chor von OpernsängerInnen im Homeoffice den Gefangenenchor aus "Nabucco" von Verdi. Ich bin positiv verblüfft über die unverkennbare Parteinahme der ARD. Warum ist meine Tastatur feucht?

Schweden? Mal abwarten. Der internationale Wettbewerb der Ahnungslosen testet verschiedene Vorgehensweisen. Übertragbarkeit auf andere Gesellschaften mit anderer Kultur, Demographie und sozialen Strukturen ungewiss. Wissenschaftler versuchen tappend Licht ins Dunkel zu bringen. Einstein: wenn wir wüssten was wir tun wäre es keine Wissenschaft.

Diese Zuversicht des Trigema-Chefs Grupp in die Landesführung. Die werde beraten von den besten Köpfen der Wissenschaft. Herr Streeck gehört bestimmt dazu und stellt mit entwaffnender Offenheit fest: Wir wissen alle nicht welches Vorgehen das richtige ist. Klug gelaufen.

Argument für Mund-Nasen-Schutz in der Phoenix-Runde: es kann die Situation nicht schlimmer machen. Dann kann man auch auf die guten, alten Pestmasken zurückgreifen, deren Design Ursprung des Begriffs Seuchenvogel war. Geschadet haben die wahrscheinlich auch nicht.  Soll man jetzt alles tun was wahrscheinlich nicht schadet? Ich bin dafür sich nur mit roten Handtüchern die Hände zu trocknen und Worte mit C zu vermeiden. Alles was nicht schadet soll angeordnet werden, auch wenn es nichts nutzt.

Herr Streeck bei Herrn Lanz: Geständnis eines Maskenhäretikers. Ein Vortrag über Abstriche bei Katzen, an Türklinken, an Fahrstuhlknöpfen, auf Toiletten. Nur tote Proben, die nicht infektiös sind. Kein Indiz für Infektionsgefahren in Restaurants und Supermärkten. Die Katzen haben super mitgearbeitet. Übertragungen des Virus erfolgen dort, wo Menschen über einen längeren Zeitraum engen Kontakt zueinander haben. Da die Infektionsherde Stätten wie Ischgl, Karnevalsparties oder Champions-League Begegnungen sind, sind Mundschutzmasken selbst dort sinnfrei, weil die blitzschnell "durchgesuppt" sind - die Maskenhysterie ist Materialverschwendung und Aktionismus. Die Maskenparade in den asiatischen Ländern hat andere Gründe als eine nachgewiesene Wirksamkeit gegen Corona - der Schutz gegen Luftverschmutzung ist das Motiv. Er muss es nicht dazu sagen: das probate Vorgehen ist zu differenzieren in soziale Situationen mit hohem Infektionsrisiko und mit geringem Infektionsrisiko. Flächendeckende Maßnahmen sind verfehlt und teuer, Eindämmung und Infektionsvermeidung muss dort erfolgen wo die lokalen Herde sich befinden. Friseure? Keine Indizien für Infektionsrisiken. Tanzsalons und Feiern? Bitte nicht. Vom Skiurlaub direkt zum Verwandtenbesuch im Pflegeheim? Lieber nicht. Herr Streeck ist ein Sympathisant des Schwedischen Systems - auf Aufklärung und die Eigenverantwortlichkeit der Menschen setzen statt auf Ausgangsbeschränkungen. Weitere Maßnahmen? Erst mal abwarten was die bisherigen Maßnahmen gebracht haben. Was Herr Streeck vorträgt ist wissenschaftlich fundiert, aber offenbar antiintuitiv - Markus Lanz kann es kaum fassen, selbst die Ökonomen in der Runde greifen die implizite Öffnungsklausel nicht auf, man wird weiter auf flächendeckende Beschränkungen setzen. Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben. Der Bomberpilot bekommt den Auftrag die Bombe nicht über Moskau abzuwerfen, er weigert sich - ich fliege doch nicht 5000 km über den Großen Teich und setze das Ding dann ins Wasser.

Ethische Debatten, die mich an meine Verhandlung in Sachen Kriegsdienstverweigerung erinnert. Ich verfüge noch über ein freies Beatmungsgerät. Beatme ich noch einen 80jährigen Patienten wenn ich schon absehen kann, dass mit Sicherheit gleich ein 30jähriger Patient mit besseren Überlebenschancen kommt? Aus meiner Sicht: der Schutz des akuten Patienten hat Vorrang vor der Berücksichtigung eines Eventualfalls, alles andere wäre unterlassene Hilfeleistung. Daher ist auch das Aufrechnen von möglicher Weise steigenden Suizidraten bei fortgesetztem Shutdown gegen den Schutz der akut von Ansteckung gefährdeten Personen ein ethischer Irrweg. Mein Unbehagen dies zu schreiben ist erheblich.  

 

13.

Nun infiltrieren auch noch Geheimagenten die Krisenszenarien. Es tobt ein Krieg zwischen V- und U-Männern.

"Der Markt zeigt sich unerbittlich: Der Preis für Atemmasken und Schutzkleidung ist seit Ausbruch der Coronakrise dramatisch gestiegen. Verbände warnen auch vor Glücksrittern und Betrügern" (Spiegel-Online, 30.03.2020). Häufig den Satz gehört: Seit Corona ist die Welt nicht mehr die selbe. Das ist übertrieben optimistisch. Seit Corona ist die Welt die selbe wie zuvor. Wir wissen nicht wie der Virus sich entwickelt, aber wir wissen wie wir ihn ausbeuten können. Am schnellsten trifft Adidas die Entscheidung ihre Mietzahlungen ab 01. April zu stoppen - sportlich eben. Erster! Aber vielleicht handelt es sich ja nur um einen Aprilscherz. Das war ein Scherz. 

Live nach 9 Anmoderation: Es gibt noch andere Themen als Corona. Zum Beispiel: Wie viele Tattoos passen auf einen Menschen? In der Tat fällt mir kein anderes, wichtiges Thema ein (...wie viele Flüchtende passen auf einen Quadratmeter? Wie viele Personen weltweit haben keine Wohnung, in die sie sich zurückziehen können?).

Laschet wird der Chefaussteiger der Republik. Ich muss an Paulchen Panther in einem Häuschen denken, das in eine Schlucht stürzt. Kurz bevor es am Boden zerschellt öffnet er die Tür und verlässt das Haus. Der rosarote Armin tänzelt beiseite, sieht zu wie das Gesundheitssystem zusammenkracht und Patienten unter Trümmern begraben werden, die von florierenden Abbruchunternehmen mit Schaufelbaggern geborgen werden. Armin schwingt höchstselbst den Hammer und singt dabei: Dancing with myself. Jemand sollte ihm ein Denkmal setzen, oder zumindest dem Hermannsdenkmal eine Brille auf.   

Auch bei einer Pandemie gibt es Dinge, die einem einfach auf den Sack gehen: Promis, die einen aus ihren Lofts auffordern zu Hause zu bleiben (ob es solche Werbekampagnen auch in Indien gibt?), Talk-Shows, deren Moderatoren sich einseitig am Thema Lockerung der Maßnahmen orientieren, das unverminderte Trommelfeuer der Werbung im Internet. Die Frage: wie lang kann sich die Wirtschaft das leisten? da sie die eigentliche Frage verschleiert: ab wann hat die Kostenfrage Vorrang vor dem Schutz menschlichen Lebens? 

Fetisch Verdoppelungsrate. Mir ist nicht ersichtlich, dass es schon ein Grund ist erleichtert aufzuatmen wenn die Dauer bis zur Verdoppelung der Anzahl der Infizierten abnimmt. Wäre dem so müssten wir uns freuen sobald die Hälfte der Bevölkerung infiziert ist - dann kann gar keine Verdoppelung mehr erfolgen. 

Das Auge tränt. Hat mit COVID-19 nichts zu tun, aber Einkaufen sollte ich lieber nicht. Ich bin ein wandelnder Sekret-är mit plakativ blutunterlaufenen Augen, und muss befürchten gepfählt zu werden, sobald ich vor die Tür trete. 

Erfrischend unbeliebt macht sich auf der Bundespressekonferenz Tilo Jung, der Gründer des Interview-Formats Jung&Naiv. Ob die Bundesregierung es in Ordnung fände wenn Hersteller von Schutzanzügen sich eine goldene Nase verdienen? Wie lange hält die Bundesregierung die Flüchtlingssituation in Griechenland noch für tragbar? Auffallend: bei allen Fragen, die sich nicht auf quantitative Größen, sondern auf ethische Dimensionen des Regierungshandelns beziehen herrscht Unsicherheit und die Mimik der Regierungsvertreter erinnert an die Schweppes-Gesichter, nur nicht so glücklich. Man hält solche provokanten Fragen für unanständig und würde dem ungezogenen Bengel gerne das Maul verbieten.

In Bayern erwägt man in Anlehnung an Österreich eine Schutzmaskenpflicht einzuführen - freilich ohne Vorhandensein einer ausreichenden Zahl von Schutzmasken. Wer das Pech hat keine zu bekommen, darf nicht mehr einkaufen - wer das Glück hat eine zu ergattern kann die jahrelang tragen! Das hilft. 

Teuflisch: auch vor dem katholischen Talentschuppen Vatikanstadt macht COVID-19 nicht Halt.

EPHA ist laut Wikipedia ein biblisches Volumenmaß, aber auch die European Health Association. Deren Hinweis darauf, dass jahrelanges Einatmen dreckiger Luft insbesondere die Gesundheit der Atemwege belastet und diejenigen schwächt, die an COVID-19 erkranken, ist - so nahe liegend der Zusammenhang ist - unbedingt notwendig. Klimaschutz bedeutet nicht nur Reduzierung der Erderwärmung, sondern beugt den Folgen von Epidemien vor. Man muss dankbar sein, dass der Fingerzeig der EPHA es inmitten der Nachrichtenflut zumindest in die Newsticker geschafft hat.

Ökonomen warnen vor Einsatz des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) (u.a. Die Welt, 29.03.2020). Man fragt sich nämlich, wie es den Volkswirtschaften Spaniens und Italiens helfen soll, wenn man den ohnehin schon hochverschuldeten Ländern noch weitere Kredite mit kurzer Laufzeit aufhalst. Corona-Bonds seien das probate Werkzeug in der aktuellen Situation. Ebenso wenig wie die Bundesregierung dem folgt beantwortet ihr Sprecher die einfache Frage: Wieso nicht? 

"In Portugal bekommen alle dort lebenden Ausländer bis mindestens 1. Juli volle Aufenthaltsrechte - inklusive Krankenversicherung." (TAZ, 29.03.2020). Wow. Rein mit Applaus. 

Tobias Hans, Ministerpräsident des Saarlands, gab in der Sendung Unter den Linden einen fröhlichen Ausblick auf die Zeit danach. Dann gehen wir alle zu unserem Lieblingsitaliener und feiern dass es vorbei ist. Wenn es den Lieblingsitaliener dann noch gibt ist es fraglich ob wir dann noch die Lieblinge des Italieners sind. Auch in dieser Sendung gaben Frau Teuteberg (Generalsekretärin FDP) und Herr Hans keine Antwort auf die Frage was denn gegen Eurobonds (Coronabonds) spricht. Man weicht aus indem man vage antwortet man halte den ESM für geeignet. Die ehrliche Antwort wäre: wir haben keinen Bock unsere Kreditwürdigkeit zu schwächen indem wir anderen Ländern helfen. Der Lieblingsitaliener wird das auch verstehen ohne dass man es offen sagt. 

Corona belebt den Deutschen Schlager: "Dreilagiges Klopapier" von Mario Rosenauer mausert sich zum Hit. Komponiert hat er es schon am 10. November 2019, inklusive der schönen Zeile: "ohne Dich wären meine Finger braun". Ich wäre erleichtert wäre das selbstironisch gemeint, hege daran jedoch erhebliche Zweifel.  

Die Sendung `Brisant` veröffentlicht im hübschen Kontrast zu den Statistiken des RKI Balkendiagramme, die den Rückgang des Straßenverkehrs und der Staus auf den Autobahnen dokumentieren; Corona hat nicht nur schlechte Seiten und immerhin ließ Hitler Autobahnen bauen. Selbstverständlich vergisst der Beitrag nicht zu erwähnen, dass diese Auswertungen der Firma tomtom zu verdanken sind. Gebührenfinanziertes product placement, für den Bruchteil einer Sekunde blitzt der Gedanke auf, dass das nicht rechtens sein kann. Was für ein absurder Einfall.

Kannten Sie vor Corona das Medikament Gelomyrtol? Ich auch nicht. Soll Atemwege befreien und die Erkältungsdauer verkürzen. Werbung dazu im ZDF. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen empören sich Beiträge über Wucherpreise für Mundschutzmasken, man lässt aber Pharma-Unternehmen auf der Corona-Welle surfen. Der Werbespot spielt zudem mit der Suggestion, gegen COVID-19 zu wirken. Schäbig und bigott, aber bestimmt lukrativ.  

Triage und Sozialdarwinismus: wer die besten Überlebenschancen hat sollte vorrangig versorgt werden wenn z.B. nicht genügend Beatmungsgeräte vorhanden sind. Was logisch klingt klingt logisch, weil man an das Prinzip survival of the fittest gewohnt ist - und weil der Begriff aus Kriegszeiten stammt, in denen man sich den Patienten widmete, bei denen Hoffnung bestand sie wieder an die Front schicken zu können. Man könnte auch bestimmen: wer die geringsten Überlebenschancen hat, braucht am meisten Hilfe. Kaum zu ertragen, dass derartige Entscheidungen überhaupt getroffen werden müssen, nur weil aus Effizienzgründen zu wenig Ressourcen für den Eventualfall einer Pandemie vorgehalten und zudem zu lange die Gefahr unterschätzt wurde. 

In einem ZDF-Spezial reagiert Altmaier auf Klagen wegen Mängeln und Regelungslücken des Rettungsschirms indem er feststellt: es gibt auch gute Beispiele. Wie beruhigend.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass bestimmte Lücken gewollt sind. Einmalzahlungen für Selbständige im Event-Marketing helfen über drei Monate, kompensieren aber nicht Umsatzeinbuße des ganzen Jahres. Für Unternehmen zwischen 50 und 250 Beschäftigten gibt es kein spezielles Förderinstrument. Ein Spiel auf Zeit: entweder in wenigen Monaten läuft das wirtschaftliche und soziale Leben wieder an, oder die Selbständigen und Kleinunternehmer müssen umdisponieren. Branchen mit Bedarf wird es genug geben: in der Altenpflege, in der Logistik, in der Landwirtschaft etc. Man wird personelle "Verschiebemasse"  benötigen, die rasch einsetzbar ist: Künstler werden Paketzusteller bei Amazon, und Kleinunternehmer packen in der Pflege zu. Weil man noch nicht weiß ob es so weit kommt, sagt noch niemand: ja, es gibt Wichtigeres als ihren Lebenstraum, den Erhalt Ihres Frisiersalons oder ihr KMU. Bin gespannt wen man in die Bütt schickt wenn es so weit ist. Ob Herr Heil sich heute schon bei Plasberg traut? (I wo...)

Trostlos und deprimierend wären die Außenaufnahmen des Pflegeheims in Wolfsburg auch ohne die 12 Toten. Schmutzige Fassaden, Fenster ohne Gesichter, dahinter niemand der noch aufstehen und sich der Außenwelt zeigen kann. Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg. Italien und Spanien dienten als abschreckendes Beispiel, wir wollen nicht, dass es so weit kommt. Es ist aber schon so weit gekommen, und das hat wenig mit der Arithmetik der Fallzahlen und Toten zu tun, sondern mit dem gesellschaftlichen Stellenwert der Schutzlosen und der Menschen, die sich um sie kümmern, Pflegeeinrichtungen als Todesfalle. Corona rückt drastisch Missstände in den Fokus, die auch vor Corona schon zum Himmel stanken. Das Hauptargument für die gravierenden Eingriffe in Grundrechte ist der Schutz der `Risikogruppen`. Schützt man sie so, hätten sie vielleicht bessere Überlebenschancen, wenn man sie nicht schützt. 

Sapperlot. Traun fürwahr. Hubertus Heil traut sich aus der Deckung. Erläutert anhand des Themas Kurzarbeit das Prinzip: wer nur 60% seines normalen Einkommens über Kurzarbeitergeld bezieht, darf durch Nebentätigkeit in Bereichen, in denen dringender Bedarf an Arbeitskraft besteht, dazu verdienen bis zu 100% seines ursprünglichen Einkommens. Das oder ergänzende Grundsicherung. Es bedarf keines ausgeprägten Abstraktionsvermögens um zu realisieren, dass z.B. Eventtechniker in Ermangelung von Großveranstaltungen absehbar nicht mehr benötigt werden und sich in anderen Branchen mit Personalbedarf umsehen sollen. Etliche Gastronomiebetriebe werden nicht mehr existieren. Platzende Träume sind nicht zwingend existenzbedrohend, aber sehr unbequem, deprimierend und bedrohlich. Viele TaxifahrerInnen haben einen biografischen Paradigmenwechsel hinter sich, der Heimatverlust und Flucht bedeutete, Trennung von der Familie und manchmal noch Schlimmeres. Es ereignet sich ein Realitätsschock, den viele andere Menschen bereits hinter sich haben oder der für sie kein Schock war: es können Umstände eintreten, deren Auswirkungen auf individuelle Schicksale sich nicht kontrollieren lassen. Kein staatlicher Schutz garantiert bei einer Naturkatastrophe ungeschoren davon zu kommen oder garantiert, nicht an Krebs zu erkranken. Katastrophen scheren sich nicht um Gerechtigkeit. Keiner Gesellschaft der Welt wird es gelingen, sämtliche Unwuchten auszubalancieren, die eine Pandemie produziert. Aber alle Gesellschaften wären dazu in der Lage, besser vorbereitet zu sein. 

Hubertus Heil bei Hart aber Fair allein unter Frauen. Die seine Arbeit alle loben. Raffiniert.

 

12.

Ich bin mit einer Augeninfektion aufgewacht. Verschwommene Sicht auf die Umgebung. Die Welt und ihre mediale Repräsentation lässt sich nicht unterscheiden. Bekomme es mit der Angst zu tun so als nähme man mir das Einzige fest woran ich mich klammere.

Ich kann nicht mehr hinsehen. Dem Presseclub kann man auch mit geschlossenen Augen folgen. Ein wenig einschläfernd, so als lausche man um Mitternacht einem Hörbuch. Das Kleeblatt der Gäste um den Stängel des Moderators hat Mühe die Sendezeit zu füllen: da sich substanziell am Sachstand nichts ändert, außer den absoluten Zahlen, und da man eigentlich nur wie bei einem Hochwasser bang auf Pegelstände starrt fehlt dem Auflisten von Problemen und möglichen Konsequenzen die Spannung der Kontroverse. Ein paar Einsprengsel hätten dieses Potenzial, z.B. die Prognose man werde nach Bewältigung der Krise über Lastenausgleich zu reden haben. Wer bezahlt die Zeche? Und wenn Europa eine Grippe bekommt, sobald die USA einen Schnupfen hat, was bekommt Europa wenn die USA Covid-19 hat?

Eine Wissenschaftsjournalistin unterbreitet einen Vorschlag der erschütternd nahe liegt. Wenn es um ein kontrolliertes Lockern der Maßnahmen geht  ist es nicht sinnvoll, Regelungen für Gesamtdeutschland zu treffen, sondern man sollte Hotspots der Corona-Epidemie identifizieren und Regelungen gemäß den lokalen Gegebenheiten treffen. Damit schlägt sie einen Fliegenschwarm mit einer Klappe. Sie erklärt damit das Schließen von Landesgrenzen für unsinnig, weil diese Grenzen nichts mit den unterschiedlichen Begebenheiten von Regionen zu tun haben und erteilt dem Ruf nach einheitlichen nationalen Regelungen eine Absage. Subsidiäres Handeln wäre die taktische Erfordernis, eine europaweite Strategie der Lokalisierung von Hot Spots und von Bewegungsprofilen, die eine Prognose der geographischen Verlagerung der Geschehnisse entlang einer Zeitachse ermöglichen wäre erforderlich, um vor Ort die angemessene Taktik zu bestimmen. 

Da einheitliche europaweite Strategien nicht zu erkennen sind, die EU-Kommission bei den nationalen Grenzschließungen nicht intervenierte und die unveränderte Arroganz der nord- und osteuropäischen Länder gegenüber den am stärksten betroffenen südeuropäischen Ländern auch eine einvernehmliche Regelung über die Verteilung der Schuldenlasten behindert, wird in der Runde dieser Vorschlag aus lauter Realitätssinn nicht weiter kommentiert.

Zuschauerfragen. Warum macht man es nicht wie in Italien und Spanien, wo auch die meisten Arbeitsstätten als mögliche Hotspots geschlossen werden. Die komplett unpassende Antwort: man habe eher und häufiger getestet als in Italien. Aha. Übergangen wird auch die Frage, ob bestimmte Bevölkerungsgruppen unter Zwang isoliert werden könnten. Dabei wird die Angelegenheit da so richtig brisant. Was mit den `Riskanten` geschieht, wenn sie sich der Schutzhaft widersetzen wäre ein Eichmaß für die zukünftige Prägung der Obrigkeit. Krebskranke die abgeführt werden in ihre eigene Wohnung, Senioren, die in ihren Wohnungen eingeschlossen werden, weil sie ihrer Pflicht zum Selbstschutz nicht genügten, Immunsupprimierte, denen wegen Verstoßes gegen das Risikopersonenschutzgesetz der Prozess gemacht wird, weil sie den ökonomischen Heilungsprozess gefährden - alles keine unvorstellbaren Szenarien (es lohnt sich ein Blick in die Türkei, vielleicht können die Ordnungshüter da etwas lernen...). Da die Fragestellung berechtigt ist geht man - vielen Dank für ihre Sorgen - zum nächsten Anrufer über. Das ist kein abstinenter Presseclub, sondern eine Folge von "Black Mirror".   

Man lässt mit Verweis auf die knappe Sendezeit die Anrufer nicht ausreden. "Herr Doktor, ich..." "Der Nächste bitte!" Das Sendeformat entlarvt sich in dieser Weise als Forum des Desinteresses an den Ideen und Fragen des Publikums. Der Frageteil ist ein lästiges Relikt aus Werner Höfers Internationalem Frühschoppen, dem Blauen Bock für politisch interessierte Säufer. Wird beibehalten aus Nostalgie und als Zugeständnis an das Alter der Risiko...äh...Zielgruppe 60+.

Man darf gespannt sein wer mit der Forderung um die Ecke kommt, die Zahlen des Robert-Koch-Instituts um die Wachstumsraten bei Privatinsolvenzen, Firmeninsolvenzen und Suiziden zu korrelieren. Ich tippe auf die IHK Mittleres Ruhrgebiet.   

Nach Wochen des meteorologischen Ausnahmezustands endlich grauer Himmel, aus dem Flocken fallen. Der Schnee sieht aus wie Ascheflocken in einem Film über nukleare Winter.

Terra-Express setzt den zurückgeholten Deutschen mit einem Beitrag ein Denkmal. Untermalt von heroischer Musik erzählt man die dramatischen Geschichten der Urlaubsspätheimkehrer, als handele es sich um Überlebende einer Geiselnahme oder einer Schlacht. Ich bebe vor Ehrfurcht. Oder ist es ein anderes Gefühl? Dass immer noch Nationalität vor Humanität geht lässt sich am Aufwand dieser Rückholaktion im Kontrast zur Weigerung einige Flüchtlingskinder aufzunehmen ersehen. Beschämend.

In Sao Paulo verhängt das organisierte Verbrechen Ausgangssperren, da der Präsident die Auswirkungen von COVID-19 immer noch herunterspielt. Ein Land, in dem kriminelle Organisationen die Bevölkerung besser schützt als deren gewählte, Hände schüttelnde Regierung - da spielt doch bestimmt Religion eine Rolle. So ist es: besonders die Evangelikaner, die den Wahlkampf Bolsonaros unterstützten, laufen Sturm gegen die Ausgangssperren. Schließlich soll das Leben in Gottes Hand liegen, nicht etwa in den Händen von Ärzten, Virologen oder sogar in den Händen der Bevölkerung in Form von fließendem Wasser, Seife, Medikamenten.

In Indien erzeugt die Ausgangssperre Massenfluchtbewegungen - selbstverständlich der Ärmsten. In Singapur dagegen kein einziger Corona-Toter. Seit SARS bereitete man sich auf ein Ereignis wie Corona vor, während Europa, USA und viele Andere anscheinend Viren als eine interne asiatische und afrikanische Angelegenheit betrachteten und statt Krisenprävention zu betreiben lieber ihr Gesundheitssystem bis zur Magersucht verschlankten. 

Ich öffne die Balkontür. Lichtermeer der Fenster Daheimgebliebener. Hochgebirgsstille, unterbrochen von Polizeisirenen und den Sirenen von Krankenwagen. 

Heute Journal: vor den Pflegeheimen in Deutschland und Italien EU-normierte Särge, austauschbare Bilder in Spanien, Italien, Deutschland. Jens Spahn im Interview bröckelt wie eine Sandburg, der Moderator könnte nachhaken, vernichtend wenn er möchte, aber das hilft niemandem und er lässt es. Weder der Gesundheitsminister, noch Herr Kleber haben ihre ratlosen Gesichtszüge unter Kontrolle. Die Vertreter der Wirtschaft nehmen den Begriff Euthanasie nicht in den Mund, aber die Isolation der `Risikogruppen`, deren Lebensumstände der sozialen Kontrolle entzogen sind - einsames Sterben in von allen guten Geistern verlassenen Pflegeheimen - wird zumindest billigend in Kauf genommen. 

Kommen die Särge eigentlich aus dem 3D-Drucker?

Selbstdarsteller Steingart bei Frau Illner: keiner war auf das Ding vorbereitet. Jetzt sind wir vorbereitet. Auf was? Definitionsgemäß kann man ja nur auf etwas vorbereitet sein was einem bevorsteht. COVID-19 kann das nicht sein, schließlich sind wir mitten drin. COVID-20? Felbermayer erstaunlich offen auf Frau Illners Nachfrage - woher hat Deutschland das Geld? Das sind Schulden, die die Bürger bezahlen. Binsenweisheit. Das Schöne daran, dass das Volk der Souverän ist, ist dass es letztlich wirtschaftlich zur Verantwortung gezogen wird durch diejenigen, an die es seine Entscheidungsgewalt delegiert.  

Niedlich, dass ein Unternehmer die Frage stellt, was eigentlich gegen Eurobonds spricht. Da er keine Antwort erhält traue ich mich vor: die Vergemeinschaftung der Belastungen schadet dem Rating der starken Volkswirtschaften. Die strikte Ablehnung der Corona-Bonds und die Mentalität der Hamsterkäufer haben den selben Ursprung: Egoismus. 

Sarah Wagenknecht bleibt in diesem Ensemble unangenehm unauffällig. Ich finde, dass sie die FDP deutlich markanter in Szene setzen könnte. Seit mehreren Wochen beantwortet Olaf Scholz die Frage nicht, warum Unternehmen zwischen 15 und 150 Beschäftigten keine Zuschüsse erhalten, sondern mit Hilfe von Krediten (die erst einmal genehmigt werden müssen) ihren Abgrund an Umsatzverlust überbrücken sollen. Das ist merkwürdig, war die SPD doch von jeher die Partei des Mittelstandes. 

Titel, Thesen, Temperamente. Ist Kunst systemrelevant? Wenn man sie verbietet bestimmt, dann ist sie Antithese. Überlassen wir die Kunst dem Virus.

 

11.

Mein Mitgefühl allen Menschen, denen Boris Johnson und der britische Gesundheitsminister die Hand gedrückt hat. Ich hoffe, ihnen steht im Krankheitsfall ein Beatmungsgerät zur Verfügung. Ich wünsche Boris Johnson eine gute Genesung - ich hoffe nicht, dass ein Freund mit seiner Verschwörungstheorie richtig liegt, er habe die Ansteckung inszeniert oder auch mutwillig in Kauf zu nehmen um sich anschließend als lebenden Beweis dafür zu inszenieren, dass alles nicht so schlimm sei.

Lese auf Spiegel-Online den aktuellen Spiegel-Leitartikel - bis er im Nebel des Gratisangebotes verschwindet. Unvollendete Apokalypse. Auch wenn ich darum weiß, dass Redakteure und Journalisten nicht von Luft und Clicks alleine leben können, fühlt es sich in Stayhome-Zeiten so an, als wolle die Zeitungsbranche von der Situation profitieren.

Dax und die Börse in den USA legten gestern zu. Billionenpakete, bestimmte Branchen deren Marktwert sich verzehnfacht - das mögen Gründe dafür sein. Aber möglicher Weise gilt das Gesetz der Großen Zahl und resultiert in emotionaler Intelligenz des Kapitalismus. Um einen weiteren Werteverfall zu vermeiden sollen die Kurse Optimismus verbreiten. 

Es geht deutlich kleinkarierter und dümmer. Ganzseitige Werbungen in den Tageszeitungen haben grade Konjunktur. Sie alle beginnen mit dem Dank für die Helden des Alltags, das Engagement der eigenen Beschäftigten und gehen dann zur Tagesordnung der Werbung um Kunden oder ihr Klientel über.  Es versteht sich von selbst, dass auch Gewerkschaften, Regierungen und Arbeitgeberverbände ihre Appelle verbreiten - dabei schießt www.netzn.de, das Portal für IHK-Mitgliedsunternehmen der IHK Mittleres Ruhrgebiet den Seuchenvogel ab. Schon die Kopfzeile "Stimme der Wirtschaft Covid 19" ist mindestens seltsam. Der unverhohlene Aufruf, gefälligst am besten gestern den Shutdown zu beenden: Erwartungsgemäß. Dass die Anordnungen der Regierung "Regeln" in Anführungsstrichen genannt werden, was mehr oder minder deutlich zur Missachtung aufruft - geschenkt. Aber die Formulierung: "Wir brauchen eine `Verbots`- Politik mit Augenmaß. Sonst haben wir irgendwann das Virus besiegt - aber niemand kann mehr eine Flasche Sekt öffnen." toppt alles. Ich jauchze fast vor Entzücken darüber, mit welcher Offenheit hier gesagt wird worum es geht und worin die schlimmste Befürchtung besteht.  

Man könnte meinen: Klimawandel = Wanderklima. Hartmut und ich wandern unter einem erneut bizarr wolkenlosen Himmel, dessen makelloses Blau uns verhöhnt, durchs Ruhrtal, über bewaldete Hügel, durch Idefix Alpträume, Wasteland des Kahlschlags und vom Wind entwurzelter Schlagbäume, die als Grenzpfähle unsere Wege durchkreuzen, vorbei an windgeschützten Idyllen inmitten der Wälder, Gehöfte mit Teichen und freilaufenden Ziegen, an geschlossenen Gasthöfen vorbei, die Fleisch von Zicklein, Forellen und Aal anbieten (ausgenommen und geräuchert), telefonisch zu bestellen und vor Ort abzuholen. Pittoreske Abgeschiedenheiten, Corona scheint weit weg, zw 

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